Mad Hot Ballroom ist da

Montag, 24. Oktober 2005 um 13:34

Blackpool goes Brooklyn.

An sich schon eine originelle Idee, elfjährigen Schülern aus den armen Gegenden New Yorks Turniertanzunterricht anzubieten. Und eine brilliante Idee, einen Dokumentarfilm daraus zu machen. In grobkörniger Super-8-Anmutung zeigt Regisseurin und Produzentin Marylin Agrelo Mad Hot Ballroom, eine Dokumentation über den Weg dieser Schüler zum großen Tanzturnier, in dem die staatlichen Schulen New Yorks gegeneinander antreten, mit Merengue, Rumba, Tango, Foxtrott und Swing.

Im April hatte ich zum ersten Mal davon gehört (und geschrieben), jetzt kommt er in die deutschen Kinos.

Es gibt keinen Off-Sprecher, statt dessen kommen Hintergrundinformationen als Zwischentitel. Die meiste Zeit sprechen die elfjährigen Schüler aller möglichen ethnischen und kulturellen Abstammungen, mal auf Englisch, mal auf Spanisch. Sie erzählen über sich, ihre Träume, ihre Werte, lassen sich über Mitschüler aus – oder erklären mal kurz die Welt (hoher Dingsda-Faktor). Zu Wort kommen natürlich auch Tanzlehrer, Schuldirektorinnen, Lehrerinnen, mit allerdings viel berechenbareren Aussagen. (Vielleicht kommt mir das auch nur so vor, weil ich so viele Lehrer gut kenne. Ein Außenstehender ist möglicherweise überrascht, wie viel Herzblut und Engagement diese Leute in das Projekt stecken.)

Zwischen den einzelnen Kapiteln immer wieder atmosphärische Bilder aus dem New Yorker Alltag, seinen Leuten, Häusern, Himmeln.

Ganz besonders hinreißend ist alles, was das Tanzturnier von Veranstaltungen wie einer Miniplayback-Show unterscheidet: Das sind alles Kinder – keine Wunderkinder, keine kleinen Erwachsenen. Hin und wieder sieht man echte Begabungen, aber auch die haben gerade erst mit dem Tanzen angefangen – und das merkt man. Wundervoll auch, wie sich die Schüler für die Wettbewerbe fein machen: Selbst Stylingkatastrophen wirken in erster Linie rührend. Wie im Paartanz üblich, werden die kleinen Tänzer konsequent mit „Ladies and Gentlemen“ angesprochen; es ist wundervoll zu beobachten, wie sie das im Lauf des Films verinnerlichen und dann auch ausstrahlen.

Personal issue: Dass dicke Männer gute Tänzer sein können, habe ich selbst ja schon in jungen Jahren erfahren. In Mad Hot Ballroom tauchen zwei ausgesprochen mopsige Buben auf, die dasselbe belegen.

Gerade ich bin sehr versucht zu behaupten, dass Tanzen bessere Menschen macht. Doch da waren diese zwei Dutzend etwa elfjährigen Tanzschulmädchen gestern bei der Preview im Kino, in drei Gruppen: Hübsch zum Gotterbarmen, Schleifchen im Haar, Rüschchen am Röckchen oder am Jeanssaum, kichernd, tuschelnd – die personifizierte Kehrseite des Turniertanzes, ergänzt durch einen Tanzlehrer im dunkelglänzenden engen Hemd, der vor Beginn der Matinee Werbung für Münchner Tanzschulen in ein Mikrophon säuselte.
Doch da diese Kehrseite im Film nicht auftaucht: Hingehen, anschauen.

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Mad Hot Ballroom ist da“

  1. Stolle meint:

    Bei diesem Film handelt es sich wohl die amerikanische Variante von
    „Rhythm is it“:

    http://www.rhythmisit.com/de/php/index_flash.php?

    Auch sehr sehenswert, wegen der Kinder und wegen des wunderbaren
    Sir Simon Rattle.

    Oder war der hier schon gelobt worden?

  2. die Kaltmamsell meint:

    Habe die Inhaltsangabe von Rhythm is it gelesen, deshalb: Nein, Mad Hot Ballroom ist etwas ganz anderes.


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