Archiv für Juni 2006

Nein! Mist! Verdammt!

Freitag, 30. Juni 2006

Robert Gernhardt ist tot.

Der einzige lebende deutsche Dichter, mit dessen Lyrik ich von Herzen etwas anfangen konnte, ist kein lebender mehr. Jetzt bin ich aber sauer.

Unattraktiv

Freitag, 30. Juni 2006

Endlich haben ich einen durchschlagenden Vorteil des Umstands gefunden, dass ich mich nie zur Gruppe attraktiver Frauen gezählt habe: Unsereiner sorgt sich nicht, wie es mal sein wird, wenn wir altern und nicht mehr attraktiv sind. Wenn die Männer, die wir lieben und begehren, statt uns jüngere, attraktivere Frauen anschauen. Denn wenn die Herren diesen Blick hätten, hätten sie uns eh noch nie angeschaut.

Tabacco

Donnerstag, 29. Juni 2006

Tabacco_1.jpg

Die Cocktailwelle der 90er nahm mich seinerzeit voll mit. Nur dann halt doch wieder auf meine naturspießige Art: Ich interessierte mich in erster Linie für die Klassiker unter den Cocktails, viel weniger für die schirmchenkompatiblen. Ich hatte Raymond Chandler im Hinterkopf und Perry Mason, Dorothy Parker, Schwarzweißfilme, die 30er und 40er. Und damit Martini-Cocktails, Manhattans, Side Cars, White Ladys, Gimlets, Pink Ladys, Champagner-Cocktails, Whisky Sours, schlichte Margaritas und Daiquiris, Highballs…
Schon während der Cocktail-Renaissance der 90er waren gerade diese Cocktails allerdings auf Getränkekarten rar. Umso mehr freue ich mich bis heute über Lokale, die die Kultur meiner Cocktailwelt pflegen. Besonders liebe ich in München das Tabacco.

Es liegt im Stadtzentrum, dem Bayerischen Hof gegenüber, und sieht mit seiner dunklen Holztäfelung und den Sitzecken genau so aus, wie ich mir einen geselligen Treffpunkt im Manhatten der 40er vorstelle. Die Drinks sind erstklassig, es gibt Schälchen mit Oliven und Pretzels dazu, gegen Hunger stehen auf einer handbeschriebenen Tafel ein paar schlichte Speisen. Das Publikum besteht fast ausschließlich aus Erwachsenen, viele davon in Businesskleidung. Im Sommer bei schönem Wetter ist es kein Problem, einen Tisch zu bekommen, sonst empfiehlt sich telefonische Reservierung. Spießer’s paradise!

Erst letzthin hatte ich dort ein Rendezvous – dafür eignet sich das Lokal ganz hervorragend, ebenso für Freundinnenabende: Side Car, Prince of Wales, Gimlet waren perfekt (Side Car vielleicht ein winziges Bisschen zu brandylastig).

Gimlet

Rückkehr unmöglich

Mittwoch, 28. Juni 2006

So viele Erinnerungen an Orte sind untrennbar mit einer bestimmten Zeit verbunden.

Eben, als mein Blick beim Nachdenken aus dem Bürofenster und auf eine Backsteinwand in gleißendem Sonnelicht schweifte, packte mich ein Erinnerungssturm und trug mich in einen Kindheitssommer in Madrid zurück. Mitten nach Moratalaz (hier ein zu meiner Erinnerung passendes Foto), in eine dieser geschwürartigen Trabantenstädte am hügeligen Stadtrand. Dorthin, wo Reihen um Reihen von Wohnblock-Kolossen standen, alle aus Backstein, kaum voneinander zu unterscheiden. Dazwischen festgetretene hellgelbe Erde, staubtrocken, mal halbwegs eben, dann wieder in der Hügelform des Bau-Aushubs. Spielgerätförmige Stahlstangen mit abgeblättertem Lack. Jederzeit funktionsfähig dafür die Trinkwasserbrunnen an jeder Ecke (die ich bis heute in deutschen Städten vermisse). Hier spielte ich früh morgens und im letzten Tageslicht, also die brüllende Sommerhitze meidend, mit Kusinen, Kusins und Nachbarskindern, die nach der Siesta monströse, mit Chorizo belegte Baguettestücke als merienda bei sich trugen, die sie von ihren Müttern aufzuessen geheißen wurden, von denselben Müttern, die dann schimpften, wenn ihre Kinder beim Abendessen um 23 Uhr keinen Hunger mehr hatten. Ich hätte diese zusätzliche Mahlzeit sehr begrüßt, aber meine kalorienzählende Mutter dachte gar nicht daran, sich in diesem Punkt den Sitten des Landes anzupassen. Nur wenn meine Yaya mich hütete, bekam ich ein bocadillo zur merienda, im besten Fall mit Schokolade belegt (erst später fand ich eine Erklärung, warum das bettelarme Franco-Spanien ausgerechnet Schokolade im Überfluss hatte: Verbindungen zu Cuba). Allerdings machte auch ich mich unbeliebt, da ich gerne mal das trockene Weißbrot liegen ließ und nur das dicke Stück Schokoladentafel futterte.

Für den abendlichen Familienspaziergang, vor allem natürlich am Sonntag, wurden wir Kinder mords aufgebrezelt, Lackschühchen und Rüschen für Buben wie Mädchen, glänzend gekämmtes offenes Haar, Schleifchen. Das ließ auch ich mit mir machen, denn im Gegensatz zu meinen Altersgenossen vor Ort ging dieser lächerliche Aufzug bei mir nicht mit der Auflage einher, bloß nicht darin zu spielen und den Sonntagsstaat schmutzig zu machen (meine Mutter war vor der befreienden Kraft des Sich-Schmutzig-Machen-Dürfens überzeugt). An ein Detail allerdings konnte ich mich nie recht gewöhnen: die spitzengehäkelten Unterhosen. Sie wurden den Mädchen über die eigentlichen Schlüpfer angezogen und waren mangels Elastizität sehr unbequem. Als Kniestrümpfe gab es das Gehäkel auch, ebenfalls mangels Elastizität ohne jede Chance, ungerutscht an den Unschenkeln zu halten.

Auf einer dieser staubigen Lehmflächen stand eine Wellblechhütte, die Vorderseite mit einer Klappe zur Theke zu verwandeln. Das war die nächste churreria, in der Teigstangen in Fett knusprig gebacken wurden: dünne churros oder dicke porras*. Sonntags nahm mich mein Vater dorthin mit, und dann kauften wir einen riesigen Packen von beidem, in viele Lagen Zeitungspapier geschlagen. Daheim hatte die Yaya dann schon dickflüssige heiße Schokolade zubereitet (aus dem Packerl natürlich), in die wir die churros und porras stippten. Ein paar Mal schickte mich der Papa auch allein churros holen, und einmal verlief ich mich auf dem Rückweg ganz fürchterlich, weil doch diese Wohnblocks alle gleich aussahen.

Durch die großen Glastüren des Wohnblocks kam man erst mal in eine vor poliertem Stein glänzende Empfangshalle, in der es im Gegensatz zur sengenden Augusthitze schön kühl war. Auf dem Weg in eine der Wohnungen, oder auch nur zum Aufzug, musste man an einer Portiersloge vorbei. Darin saß ein portero oder eine portera, Hausmeister, Aufpasser, Klatsch- und Tratschzentrale des Hauses. Dieser Mensch wusste alles über jeden im Haus, konnte verlässlich über Ab- oder Anwesenheit der zu besuchenden Person Auskunft geben – und hätte niemals jemand Bösen durchgelassen. Das waren begehrte Posten, so als portero oder portera, die gerne ausrangierten Franco-Bürgerkriegsgefolgsleuten zugeschoben wurden.

Schon in den 80ern begrünte die sozialistische Stadtregierung die Flächen zwischen den Blöcken (und schaffte die porteras ab) – dass die Sozialisten das waren, betonte meine politisch krachrote Tante aus Galicien bei jeder Gelegenheit: „Das haben die Sozialisten gemacht.“ „Und hier haben die Sozialisten einen Brunnen hingebaut.“ „Weißt du noch, wie schlimm das hier früher ausgesehen hat? Haben alles die Sozialisten verschönt.“ Aus den Portierslogen wurden normale Wohnungen gemacht, das Personal ersetzten Gegensprechanlagen.

Dorthin gibt es keinen kein Weg zurück, die Gegend ist nicht stehen geblieben, sondern weitergegangen in der Zeit. Es sieht alles anders aus, es riecht alles anders. Vermutlich liegt darin die Erklärung, warum es mich kaum nach Spanien zieht: Das, woran ich am liebsten denke, was ich gern mal wieder sähe, existiert nicht mehr. Das heutige Spanien interessiert mich nicht mehr als das heutige Italien, dafür erheblich weniger als das heutige England.
Und so bin ich sehr dankbar, wenn meine Erinnerung mir hin und wieder einen umfassenden inneren Besuch zurück ermöglicht.

*(Nicht vom Fototitel irritieren lassen, das sind keine churros, sondern porras.)

Magic Eight

Dienstag, 27. Juni 2006

(Das ist die Geschichte, die ich am Sonntag bei Chicks with balls vorgelesen habe)

Als ich müde die Wohnungstür aufsperre, höre ich bereits vielfältiges Gelächter in ungewohnter Stimmlage: Mein Mitbewohner, Lehrer an einem bayerischen Gymnasium, hat seine 11. Klasse zum Abendessen eingeladen. Und so kichert, prustet und keckert es aus dem Wohnzimmer in pubertären Tonhöhen, teils noch kindlich überdreht, teils gerade mal jenseits des Stimmbruchs.

Ich stelle meine Arbeitstasche im Flur ab. In der Agentur ist mal es wieder weit nach neun geworden. Wie schaffe ich es bloß immer wieder, von allen 20 Kollegen und Kolleginnen nicht nur die zu sein, die den Laden morgens aufsperrt, sondern auch noch die, die ihn abends als letzte verriegelt?

Der Mitbewohner hat mich gehört. Er schließt mich in die Arme, fragt, ob alles einigermaßen in Ordnung ist, berichtet, dass von den verschiedenen Fleisch- und Gemüsecurrys, die er für seine Schüler gekocht hat, noch genug für mich übrig ist.

Im Wohnzimmer hat er die Currys und einen Topf Basmatireis als Buffet aufgebaut; ich bediene mich und setze mich essend zwischen die Schülerinnen und Schüler. Es sind freundliche und wohlerzogene junge Leute: Ihr Gymnasium liegt einige Kilometer von München weg, dort, wo die Menschen noch nicht großstädtisch verdorben sind. Sie haben zusammengelegt und Gastgeschenke mitgebracht: Blümchen für mich, eine Flasche Wein für den Mitbewohner. Jetzt necken sie einander, necken ihren Lehrer, versuchen ihn dazu zu bringen, ihrer schlechten Meinung über manche seiner Kolleginnen und Kollegen zuzustimmen.

Natürlich schauen sie sich gründlich in unserem Wohnzimmer um: So leben also echte Lehrer! „Haben Sie die Bücher alle gelesen?“ fragen sie staunend angesichts der Bücherregale, die jeden Quadratzentimeter Wand bedecken. Drei Mädchen entdecken auf dem Fensterbrett eine überdimensionale schwarze Billardkugel mit einer aufgedruckten Acht. Sie drehen und wenden sie, bemerken bei näherer Betrachtung das Fensterchen an der Unterseite der Kugel, in dem Würfelseiten mit englischen Wörtern zu sehen sind. Bevor sie fragen können, was es damit auf sich hat, schlüpft der Mitbewohner in seine Lehrerrolle und erklärt der ganzen Klasse: Dass es sich bei diesem Spielzeug um ein Orakel handelt, dass die Kugel ein amerikanischer Magic 8 Ball ist, dass man dem Ball ja/nein-Fragen stellt, ihn schüttelt, und dass dann in dem Fensterchen auf der Unterseite die Antwort auftaucht: Neben „Yes“ und „No“ kann das „Maybe“ sein, „Don’t rely on it“ oder „Ask again later“.

Das finden vor allem die Mädchen in unserem Wohnzimmer extrem spannend. Ich wiederum spitze die Ohren, weil ich es spannend finde, welche Fragen 16-/17-Jährige wohl an solch ein Orakel richten. Die erste fasst sich ein Herz:
„Werde ich mehr als zwei Kinder bekommen?“, fragt sie. Die nächste: „Werde ich meinen Freund Peter heiraten?“ Die Antworten werden jeweils mit viel Gekicher und launigen Kommentaren bedacht. Noch eine Schülerin fasst nach dem Magic 8 Ball: „Muss ich nach dem Abitur aus Hintermünchendorf wegziehen?“ Ich bekomme gerade noch mit, wie eine Vierte fragt: „Werde ich mit 20 verheiratet sein?“, als mich der Mitbewohner bittet, ihm beim Abräumen des Geschirrs zu helfen.

Kurz vor elf verabschieden sich die jungen Leute. Sie geben artig dem Mitbewohner und mir die Hand. Und alle, alle bedanken sich bei mir für das leckere Essen.

Rites de passages

Sonntag, 25. Juni 2006

Mit Freunden gute Praktikanten austauschen, nicht mehr gute Praktikumsstellen.

(Einen Moment lang überlegt, ob das auf Nothing gehört. Nur dass ich diesen Umstand wirklich echt ehrlich scheißcool finde.)

Aus der Fußball-WG…

Sonntag, 25. Juni 2006

…gibt es dieses zu berichten.

Während ich nachmittags beweisen durfte, wie wenig man von mir als Freundin hat (ich hab sehr g’lacht…).

  • Goldener Blogger 2017
    Tagebuch-Bloggerin des Jahres

  • Ich lese gerade:


    J.L. Carr, How Steeple Sinderby Wanderers Won the FA Cup

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