Protagonistin gefunden, Geschichte gesucht

Dienstag, 20. November 2007 um 10:49

Die junge, seltsame Frau im Balzac am Oranienburger Tor. Obwohl mich ihr Anblick bewegt hatte, war sie mir sofort wieder entfallen – bis sie mir ein paar Tage später in der Friedrichstraße entgegen kam. Ich sah meinen Verdacht bestätigt, dass sie ein wunderschönes Gesicht hat; davor hatte ich es nur im Profil und von schräg hinten gesehen. Ein flächiges helles Gesicht, das zu ihrem weizen- und honigblond melierten, hochgesteckten Haar passte, möglicherweise mit Sommersprossen, sicher aber mit kleinen, schrägen Augen über runden Wangen, kleiner Nase, feinen Babylippen – ein eskimoischer Gesamteindruck.

Im Coffeeshop sitzend hatte ich aus dem Augenwinkel wahrgenommen, wie sie lange und unverwandt mitten im Raum stand und auf die Tafel hinter der Theke blickte. Helle Jeans an den schmalen Hüften, eine hellgraue, lange und gegürtete Strickjacke um den schlanken Oberkörper, graue Kuriertasche über der Schulter. Zu wenig warm angezogen eigentlich für diesen fahlen Wintertag mit verirrten Schneeflocken; ich ging davon aus, dass sie ganz in der Nähe arbeitete und sich einen Snack holen wollte.

Erst als sie nach einer weiteren Weile an die Theke trat und ihre Bestellung aufgab, blickte ich wieder über den Rand meines Buches auf. Und bemerkte, dass ihre Turnschuhe so durchgelaufen waren, dass seitlich die nackten Zehen herausguckten und die Füße zum Teil auf blankem Boden standen. Unauffällig betrachtete ich die Gestalt genauer. Zusammen mit den zerfetzten, einst weißen Turnschuhen wirkten die Jeans nicht mehr modisch ausgefranst, sondern tatsächlich abgetragen. Und ihr langes, regungsloses Stehen im Raum entpuppte sich als Nutzen eines beheizten Aufenthaltsraums.

Sie bezahlte, indem sie dem jungen Thekenmann einen zerknüllten Geldschein hinwarf; die Wechselscheine faltete sie vor dem Einstecken sorgfältig. In den Bagel, den sie dafür bekam, biss sie sofort mit Gier. Das zugehörige Heißgetränk nahm sie stehend in der Nähe des Ausgangs zu sich, aus dem sie anschließend wieder lange und bewegungslos starrte, die Arme über der schmalen Brust verschränkt. Nur die nackten Zehen tippten hin und wieder aus den Schuhen.

Als ich nach einem besonders langen Kapitel meines Buches aufblickte, war sie verschwunden.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Protagonistin gefunden, Geschichte gesucht“

  1. walküre meint:

    Jetzt überlege ich mindestens für den Rest des Tages nebenher und zwischendurch, was zuvor geschah …

  2. saunabiber meint:

    gelöscht von kaltmamsell: keine gültige E-Mail-Adresse, kein Kommentar.

  3. Anke meint:

    .

  4. Tim meint:

    Von solchen Protagonisten kann man in Berlin mehr als genug entdecken. Würde für Massenszenen reichen.

  5. nicola meint:

    …solche verkrachten existenzen gibt´s ja leider nicht nur in berlin. haben mir gefallen deine beobachtungen! – macht nachdenklich…. ja, was war vorher und was kommt später??

  6. creezy meint:

    ja, so sind sie die Stadtschönen. Und nicht die Reichen.

  7. Bert meint:

    Entschuldigung, ich bin derschlong von Adjektiven.

  8. stefanolix meint:

    Dieser Blogbeitrag enthält genau die Adjektive, die er braucht. Es gibt zweifellos Texte, in denen man Adjektive sehr sparsam verwenden sollte. Aber der Artikel über diese junge Frau im Cafe lebt doch gerade davon.

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