Erste Male: Auer Dult

Sonntag, 25. April 2010 um 10:27

Ja ja, ich weiß: Es ist in höchstem Maße peinlich, dass ich gestern zum ersten Mal im Leben auf der Auer Dult war. Vor allem wenn man folgende Faktoren bedenkt:
Auer Dult ist dreimal im Jahr.
– Dulten, die ich aus Ingolstadt und Augsburg kenne, sind in ihrer überholten Bräsigkeit genau meine Sorte Veranstaltung.
– Ich übersehe keine Dult, denn die Straßenbahnlinie 27, die zur Auer Dult fährt, hält auch am Sendlinger Tor, meinem Haupteinsteigepunkt, und hat während der zwei Dultwochen das Fahrtziel „Auer Dult“ eigens angeschrieben.
– Ich wohne seit über elf Jahren in München.
– Während der ich sogar zweimal auf dem verhassten Oktoberfest war.

Mein Besuch in wundervollster Frühlingssonne (eine Sonnenbrille wäre wirklich eine gute Idee gewesen) hat mir dann auch bewiesen, dass ich ziemlich was verpasst hatte. Anstoß für die Fahrt war ein echtes Kaufbedürfnis gewesen. Das hier ist meine liebste Arbeitsschüssel:

Billigstes Emaille aus chinesischer Produktion, vor vielen, vielen Jahren auf der Augsburger Jakoberdult gekauft. Sie werden zugeben, dass sie ihre besten Jahre hinter sich hat. Und genau für diese Schüssel suchte ich Ersatz.

Die Auer Dult ist atemberaubend. Es gibt zum Beispiel eine ganze lange Gasse nur mit den Marktschreierständen für die neuesten aller neuen Gurkenhobel, Putzwundermittel, Mikroreiben, Weltfrieden-garantierenden Pfannen etc., wie ich sie aus Fußgängerzonen kenne.

An verschiedenen Ecken Korbverkäufer mit riesigen Ständen. An einem davon besorgte ich mir ein zweites Gärkörbchen fürs Brotbacken – um halb so viel Geld, wie ich beim Kustermann dafür hatte zahlen müssen.

Geschirrstände, viele Geschirrstände. Hier entdeckte ich zu meiner Überraschung Teile eines lang vergangenen Walküre-Services. Ich hatte mir vor über zehn Jahren zwei anständig große Milchkaffee-Tassen davon gekauft, aus denen der Mitbewohner und ich wochenends unseren Morgenkaffee trinken. Doch immer, wenn wir Übernachtungsgäste befrühstücken, bedauere ich, dass ich nicht mehr davon habe. Jetzt haben wir vier.

Das allerdultigste an einer Dult sind für mich die Stände mit Altfrauenpullovern und Kittelschürzen (wenn von mir geschrieben, stellen Sie sich das Wort bitte unbedingt immer in der Aussprache meiner verstorbenen polnischen Oma vor: „Kittlschirz“).

Theoretisch frage ich mich, wer hier bloß einkaufen mag. Praktisch sah ich im Kittelschürzenstand eine junge und keineswegs biedere Frau beim Anprobieren (Ausstattung für ein Theaterstück?).

Auch zur Dult gehören Spezialitätenstände, die Geräuchtertes, Senf, Süßigkeiten, Essige oder Marmeladen anbieten. Zeitgemäßerweise auch in der Schwurbel-Esoversion (ich erwäge duchaus die Möglichkeit eines Scherzes – doch der Stand, zu dem das Schild gehört, verkaufte unter anderem Demeter-Produkte).

Speziell die Auer Dult ist bekannt für ihre unzähligen Tandler- und Antiquitätenstände, die gleich zwei der sehr langen Gassen ausmachen. Die interessierten mich nun wieder weniger, ich blieb höchstens mal an dem einen oder anderen Bücherstand hängen (sehr gute Auswahl auch an englischsprachigen Büchern aus zweiter Hand).

Hier ein Rahmfladen, dort eine Rote Bratwurst – zu Essen gibt es genug. Für daheim nahm ich ein Tütchen Türkischen Honig und eine Scheibe Schichtnougat mit. Emaille-Schüsseln (in dicker, österreichischer Qualität) hatte ich zwar an einigen der vielen Haushaltsgerätestände gesehen, doch die angebotenen Modelle waren mir zu tief oder zu blumig oder zu eckig.

Zwei Wochen dauert sie noch, die Dult. Vielleicht schaffe ich es ja nochmal hin.

die Kaltmamsell

24 Kommentare zu „Erste Male: Auer Dult“

  1. isabo meint:

    Ähm, Entschuldigung, aber was ist denn nun eine Dult? Klingt wie das, was bei uns Markt heißt und jede Woche stattfindet. Dann aber nur für einen Tag. Plus ein bisschen Flohmarkt.

  2. Lorelei meint:

    Ich glaube, es war im vergangenen Frühling, als ich — fragen Sie mich nicht, wo — las, die Kittlschirz werde neuerdings im Prenzlberg und anderen Möchtegernhipsterwohngebieten als Kleid getragen. Ironisches Statement und so.

  3. barbara meint:

    Und Sie sind ohne „Blitzschärfer“ nachhause gekommen???
    Das ist eines der wichtigsten tools in meiner Küche, auch Profis wie Metzger und Köche benutzen es für ihre Messer.
    Eine Quintessenz.

  4. Ms K meint:

    Also ich hab vor Jahren (6?) in einem New Yorker Geschaeft 2 Sommerkleider gekauft. Je laenger ich sie hatte, desto mehr erinnerten sie mich an die „Kittelschuerzen“ meiner Oma, bloss war der Stoff nicht so strapazierfaehig.
    Wenn ich in der Schule, in der ich arbeite, die Putzfrauen sehe, die diese Kittelschuerzen zum arbeiten tragen, denk ich mir oft, dass da gar nicht so viel unterschied ist.
    Ich wuerde so etwas – wenn das Muster stimmt – durchaus auch als Kleid tragen.

    @Lorelei: Hipsters tragen das, genau! Denn auch in NY waren die Kleider aus einem Hipstergeschaeft.
    An dieser Stelle ein Frage: was genau ist ein Hipster? (ich meine die Frage ernst, denn ich will wissen, ob ich dazugehoere, ohne es zu wissen) So ungefaehr weiss ich es ja selbst, aber eben nur so ungefaehr…

  5. adelhaid meint:

    dult ist ähnlich wie markt nur dass man kein gemüse und so bekommt, sondern es ist eine ansammlung von ramsch und porzellan und ein bisschen wie mark (aber eher so Dom – Markt (also ohne R)) und.. naja.. entweder findet man das toll, oder man findet furchtbar. an der linie 27 hab ich auch gewohnt und bin immer an der dult vorbei gefahren, was bedeutet hat, dass man erst danach was zum sitzen gefunden hat und einem vorher gute 20 rollatoren über die zehen geschoben wurden.
    aber zum schweinsbratensemmelessen war ich dann doch fast immer da.

  6. croco meint:

    Hier auf dem Land gibt es solche Märkte zu besonderen kirchlichen Feiertagen.
    Sie heißen dann wie der Heilige, der dafür zuständig ist.
    Katharinenmarkt zum Beispiel.
    Und hier trägt man auch die Kittelschütze zum Putzen aund Aufräumen.
    Nix altmodisch.
    Obwohl es manchmal ähnliche Exemplare bei Hennes und Mauritz gibt.
    Ein weißer Kragen und ein Ledergürtel, fertig ist die Laube ;-)

  7. Dielila meint:

    Ach jetzt haben Sie mir richtig Lust gemacht dort auch mal wieder vorbei zuschauen! Vielleicht staube ich auch wieder ein paar sandtiere von meinem Nachbarn ab…wie früher… (und wie frueher werde ich wieder nix damit anfangen koennen…)

  8. die Kaltmamsell meint:

    Dult findet erheblich seltener statt als Markt, frische Lebensmittel werden nicht angeboten, ansonsten besteht das Sortiment hauptsächlich aus einer Mischung zwischen Weihnachtsmarkt (Selbstgebasteltes) und italienischem Wochenmarkt, der ein Kaufhaus ersetzen kann.

    Auf Wochenmärkten kenne ich weder Putzmittel oder Kleidung noch Geschirr. Aber das mögen jetzt wieder die spezifischen zentralbayrischen Wochenmärkte gewesen sein, mit denen ich groß wurde. Auf denen dem Vernehmen nach heutzutage sogar Käse angeboten wird!

    Dult scheint außerdem fest mit Kirchen verbunden zu sein.
    Hier eine Erklärung auf Video mit Kindern (speziell für isabo).

    Die Auer Dult ist zudem ganz besonders groß; hier ein Luftbild.

  9. die Kaltmamsell meint:

    Blitzschärfer! Ich sehe schon, barbara, ich muss nochmal hin.

  10. ilse meint:

    Vielleicht war’s ja meine Schwester, die sich eine neue Kittlschirz gekauft hat! Ich war heute übrigens auch dort (zum 2. Mal) – loved it.

  11. lihabiboun meint:

    Ich habe sehnlichst auf die Dilt gewartet um die notwendige Anschaffung eines ordentlichen Putzlumpens zu tätigen – den kriegt man nämlich sonst in München fast nirgendwo mehr. Und natürlich muß man alte Bücher anschauen und altes Emaille und und und …

  12. rheinleuchten meint:

    Meine Großtante erwarb ihre Altdamenpullover (und ich glaube auch die Nachthemden) ausschließlich auf der Auer Dult. Immer in Bonbonfarben (lila, gelb, grün) und 100 % Polyester. Zu was anderem hat sie sich nicht überreden lassen. Und ich muss gestehen dass unsere Trachtensocken alle von der Dult kommen …. billiger gehts nirgends!

  13. dickakroell meint:

    Waren Sie auch beim billigen Jakob (wenn es ihn überhaupt noch gibt, er müßte mittlerweile schon langsam auf die 80 zugehen)? Der billige Jakob auf der Münchener Dult ist ein Franke – und zum Schießen.
    Meine Großmutter väterlicherseits hat mich schon als Kind immer zu ihm mitgenommen, sie hat Zeit ihres Lebens ihren Bedarf an Strumpfbändern und irgendeinem Einreib-Mittel, auf das sie geschworen hat, bei ihm gedeckt.
    Wenn der billige Jakob in Fahrt kommt, ist sein Stand von Menschentrauben umlagert. Er reißt einen Witz nach dem anderen, oft mit Einbeziehung seiner Zuhörer, und je mehr seine Witze unter die Gürtellinie zielen, desto mehr johlt sein Publikum.

  14. die Kaltmamsell meint:

    Gesehen haben wir den billigen Jakob, dickaroell, aber er war gerade am leisen Plaudern mit einem Bekannten, entsprechend stand auch niemand an seinem Stand. Ich glaube ihn auf der Jakoberdult in Augsburg in Aktion erlebt zu haben, tatsächlich unvergleichlich.

  15. walküre meint:

    Was die Emailschüssel angeht:
    Vielleicht werden Sie hier fündig ?

    Ansonsten würde ich Ihnen empfehlen, durchaus diesbezüglich auch den Flohmarkt aufzusuchen, denn erst unlängst habe ich hier in Wien auf einem Flohmarkt einen Stand mit einer Unmenge Emailgeschirr jedweden Gebrauchszustandes (mit ordentlich Patina bis ganz neu !) gesehen.

  16. barbara meint:

    Heute war ich mit meinem Blitzschärfer auf der Dult. Der griabige Verkäufer hat das kleine Schleifteilchen einfach umgedreht und gut is. Wenn Sie nochmal hingehen: lassen Sie sich nicht das Vergnügen entgehen, erst den ganzen Vortrag zu hören, bevor Sie kaufen!
    Die Kittelschürzen haben mir keine Ruhe gelassen und ich habe den Stand besucht (und auch eine anprobiert, leider gab es keine kleinen Grössen mehr, die übringens ab 40 beginnen und im 60er Bereich enden…) und fand, daß die im Grunde nichts anderes sind als die wrap dresses der Diane von Fuerstenberg. Die Muster lassen einen fast genauso schwindelig werden.
    Richtig kombiniert (und gekürzt) sieht es auch etwas der „Wunderkind“-Kollektion von Joop ähnlich.
    Ich mag diesen Trümmerfrauenlook und hätte die nette Maid noch eine Grösse 40 gehabt, ich hätte eins gekauft. Wirklich.

  17. croco meint:

    Kittelschützenträgerin bei Doppelblog

    http://doppelblog.wordpress.com/2010/04/15/grose-kehrwoche/#respond

  18. adelhaid meint:

    noch ein nachtrag zum maakt vs dult: wenn man in die niederlande fährt, dann ist teil des marktes..also, wochenmarktes, auch immer der kleidungsverkauf. und dort findet man an einem stand dann kittelschürzen und am nächsten dann hanfhoodies.
    auch war ich kürzlich in bochum, und bin dort über den markt hinterm bahnhof gelaufen und meine mich an kleidungsstände zu erinnern..ich kann mich aber täuschen (es könnte sich auch um einen markt in amsterdam halten, der hinter einem ähnlichen gebäude stattfand…)

    vorsicht jedoch jederzeit mit den rahmflecken: heijeijei, kann man sich da die alveolar ridge verbrennen!

  19. die Kaltmamsell meint:

    Ui, barbara, und die Kittelschürze hätten Sie dann als Sommerkleid getragen?

    Die Emaille-Adresse, walküre, ist genau richtig, danke!

    Der Mitbewohner, adelhaid, hatte wohl einen Rahmflecken erwischt, der nicht ganz direkt aus dem Ofen kam. Er biss und kaute schmerzfrei.

  20. Der Mitbewohner meint:

    Der Mitbewohner war aber auch unauffällig vorsichtig beim Essen, da er um die Gefährdung der alveolar ridge aus vielen Erfahrungen weiß.

  21. Buchfink meint:

    Dieses Jahr muss ein riesengroßes Holzbrett zum Auswellen der Teige her, außerdem finde ich da manchmal ein weiteres Bändchen der Insel-Bücherei, das ich in meiner Sammlung noch nicht habe.

  22. loreley meint:

    Bei den Kittelschürzen kam mir das hier in den Sinn:

    http://www.daskleineblaue.de/?page_id=124

  23. Orangerie meint:

    Liebe Dame,

    am 8. Mai werden in unserem Münchner Manufaktum zwei Vorführungen mit Schüsseln und Formen der Firma Riess sein: 15 Uhr und 18 Uhr.

    Das Werbebildchen im Manufaktummonatsbrief zeigt eine Schüssel, die an die von Ihnen gesuchte erinnert.

    Es grüßt Orangerie

  24. oachkatz meint:

    Ich seh schon, als ausgemachte liebhaberin der Jakoberdult muss ich es doch mal nach München schaffen. Das klingt nach Plätzchenformensammlung erweitern und endlich doch den richtigen Spätzlehobel finden.


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