Tag 26 – Ein Buch, aus dem du deinen Kindern vorlesen würdest

Mittwoch, 27. Oktober 2010 um 6:22

Es gibt keine meine Kinder – womit diesen vor der Existenz bewahrten Menschen ein mindestens so großer Gefallen getan ist wie mir selbst (es sollte einen Nichtmutter-Tag geben). Variiere ich also und mache daraus: Welches Buch hat dich am meisten beeindruckt, aus dem dir als Kind vorgelesen wurde.

Franz Kafka, Die Verwandlung.

In der 6. Klasse, 1978, war ich elf Jahre alt – und definitiv noch ein Kind. In Deutsch unterrichtete uns der Referendar Willi Plankl. Er las uns am Ende jeder Deutschstunde ein Stückchen aus einer Geschichte vor, die anders was als alles, was ich bis dahin gehört und gelesen hatte. Völlig nüchtern wurde dort geschildert, dass jemand zu – ja was? – wohl einem riesigen Käfer geworden war. Ich gruselte mich ziemlich, habe aber nicht nur deshalb aufs Lebendigste vor Augen, wie sehr sich dieses Wesen quälte, die Ausweglosigkeit seiner Situation, mit der es irgendwie fertig werden musste.

Als ich den Namen des Autors erfuhr, wollte ich mehr von ihm lesen. Ich tat, was ich bis dahin bei Entdeckung eines interessanten Autors immer getan hatte: Ich ging in die Pfarrbücherei und lieh mir alles von ihm aus, was ich dort fand. Der Prozeß und Das Schloß waren dann die vermutlich ersten Bücher meines Lebens, die ich nicht zu Ende las: Ich verstand überhaupt nichts und merkte, dass ich noch viel zu jung dafür war.

Dass auch die Kafka-Geschichte, die uns der Deutschlehrer vorgelesen hatte, keine Kindergeschichte, sondern ein Klassiker der Weltliteratur war, habe ich erst viel später erfahren.

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die Kaltmamsell

6 Kommentare zu “Tag 26 – Ein Buch, aus dem du deinen Kindern vorlesen würdest”

  1. Sebastian meint:

    Ich finde, da muss man die Fragestellung gar nicht ändern: „Die Verwandlung” als empfohlenes Vorlesebuch für die eigenen Kinder erklärte von selbst, was im 1. Absatz erklärt wird. Gefällt mir.

    (Wo stand noch mal, dass „Die Verwandlung” die vielleicht einzige Autobiografie ist, die Weltliteratur sein darf?)

  2. generator meint:

    Zum Thema „Zu frühe Bücher“ hätte ich auch noch einen Vorschlag: mit 12 war ich lange krank und fraß oder las mich entsprechend durch die Dorfbücherei. Irgendwann bat ich meinen Bruder, mir irgendwas mitzubringen, was Dickes, das länger als zwei Tage reicht. Er kam wieder mit Dostojekwskis „Idiot“ (dem russischen „Vom Winde verweht“?). Ihm gefiel wohl der knackige Titel. Naja, und was da war, wurde eben auch gelesen. Aber irgendwie hab ich den Plot auch nur noch als — Junge trifft Mädchen und am Ende sind alle tot — in Errinnerung. Die Feinheiten hab ich nicht verstanden. Und trotzdem gesund geworden.

  3. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Auch hier eine Verfechterin des Nichtmutter-Tages, aber Bücher für Kinder gibt es hier trotzdem, nämlich meine.
    Und vorlesen würde ich E.Kästner und J.Verne – diese Bücher habe ich geliebt!

  4. walküre meint:

    @Sebastian

    Ich meine, mich erinnern zu können, dass sich Alice Miller dahingehend geäußert hat, wiewohl ich natürlich nicht weiß, ob sie der einzige Mensch mit dieser Ansicht ist.

  5. Petra_s meint:

    Zu dieser Gelegenheit möchte ich einen Tipp weitergeben, von einer Dame vom Fach (nicht ich).

    „Der Prozeß“ soll derzeit in den Münchner Kammerspielen ganz außergewöhnlich inszeniert sein (Bühnenbild und so).
    Ich raffe mich ja doch nicht auf, aber Sie vielleicht.
    Oh, sehe gerade, dass in den veröffentlichten Terminen keine Vorstellung dabei ist, nur eine Einführung. Dann wird es doch wohl weitergehen.

  6. beh meint:

    Und wie es der Zufall so will gab es vorvergangenen Sonntag bei der Sendung mit der Maus „Gregors seltsame Verwandlung“. Eine Kindergeschichte als freie Improvisation ueber die Verwandlung. Leider nicht so spontan online zu finden.

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