Was virtuell ist

Sonntag, 22. Juli 2012 um 8:48

Gestern Morgen lachte ich beim Zeitunglesen laut auf: Die Literaturseite der SZ machte mit einem fünfspaltigen Artikel über Tex Rubinowitz und sein neues Buch Herumgurken auf; Alex Rühle hatte ihn verfasst.

Diese Kombination, Tex und Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, erschien mir grotesk, und so lachte ich. Keinesfalls weil ich Tex Rubinowitz‘ Werk nicht für Feuilleton-wert halte, Gott bewahre, der Mann macht Kunst! Sondern weil für mich Virtuelles und real life aufeinanderprallten.

Seither überlege ich, wie ich das meine.

Mein Internet, vor allem die selbst gemachten Inhalte, von Nichtteilnehmern meist social media genannt, besteht aus Menschen – ist also real. Denn diese Menschen sind nachvollziehbar, sind Teil der Information. Sie geben sich und ihren Hintergrund zu erkennen, viele davon habe ich persönlich getroffen. Felix Schwenzel referierte auf der re:publica 2012 unterhaltsam über die eigentliche Binse, dass das Internet aus Menschen besteht. In den Texten und Hinweisen dieser Menschen liest man die Menschen immer mit. Was übrigens nichts (weit verbreitete Fehlannahme) mit der Verwendung ihres bürgerlichen Namens zu tun hat.

Traditionelle Medien hingegen (Vorsicht: steile These) sind virtuell. Sie vermitteln mir die Realität durch einen Filter, der sich nicht zeigt und sich selten nachprüfbar macht. Ja, über den Artikeln stehen die Autorennamen. Und ja, als jahrzehntelange Leserin der SZ formt sich über die Zeit in meinem Kopf ein vages Profil dieser Redakteurin, dieses Redakteurs (steht auf Autos / hält Kinder für die besseren Menschen etc.). Aber die traditionelle journalistische Konvention besteht ja gerade darin, dass sich diese Menschen nicht zu erkennen geben – dass ihr Ziel zu sein hat, hinter dem Inhalt zu verschwinden, „objektiv“ zu berichten. Was nur knapp an der glatten Lüge vorbeischrammt, denn es gibt keine Information in den Medien, die nicht von Menschen ausgewählt, gewertet, gewichtet ist. Vom welchem Menschen aber und wie, das ist nicht Teil der Information, macht die Vermittlung virtuell.

Zurück zum aktuellen Beispiel. Tex Rubinowitz ist ein echter Mensch. Ich habe ihn im Web erlebt (er interagiert hier mit derselben Begeisterung wie Aug‘ in Aug‘) und bei persönlichen Begegnungen. Letztes Jahr in Klagenfurt erzählte er mir von seinem nächsten Buch, das sehr wahrscheinlich das eben als Herumgurken erschienene war – und Tex ist ein ganz wundervoller Erzähler. Allerdings erreichen seine Geschichten gerne mal einen Grad des Haarsträubens, der meine Skepsis hervorruft. Und so unterstellte ich ihm mir etwas vorzuflunkern, als er schilderte, dass die Finnen (Finnland, so hatte er eben gesagt, sei eines seiner absoluten Lieblingsländer) nicht nur großartige Musik machten (Tango), sondern im Sommer der finnische Lieblingssnack frische Erbsen seien: Jeder Flaneur in Helsinki habe eine Tüte mit Erbsenschoten in der Hand, sie würden auf der Straße verkauft, und knabbere Erbsen. Nee, jetzt ging er mir aber zu weit.
Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich bei ihm für diese Anschuldigung zu entschuldigen: Inzwischen weiß ich, dass das wirklich so ist.

Wenn nun dieser Mensch in Bild und Besprochenwerdung durch eine virtuelle Welt auf meinem samstäglichen Frühstückstisch landet, dann ist das komisch.

(Fast hätte ich geschafft mir den Seitenhieb zu verkneifen, dass der SZ-Artikel auch deswegen virtuell ist, weil er nicht online steht, und es deshalb sinnlos wäre, empfähle ich Ihnen die reale Lektüre.)

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu “Was virtuell ist”

  1. Mareike meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. lihabiboun meint:

    Gerne gelesen. Denkanstöße. Aber das beste ist „… empfähle ich Ihnen …. “ was für ein Konjunktiv. Made my evening!

  3. typ.o meint:

    Ha! Freitag Abend hier am Küchentisch, zwei Psychologinnen, ein Genetiker, alle netzfern, hatten wir beinahe das gleiche Thema. Das wären doch alles keine „wirklichen“ Kontakte, die man da im Netz habe.

    Meine Antwort: Seit es das Netz gibt, haben Menschen wirkliche Kontakte zu Menschen, die davor von RTLSAT1PRO7 beströmt wurden – von einer künstlichen Realität, die neben ihrer Virtualität vor allem interessengeleitet und homogenisiert ist.

    Ja, aber die könnten doch alle nur Stummelsätze schreiben!

    Meine Antwort: Seit es das Netz gibt, schreiben Menschen Texte, wenn auch noch so Kurze und Falsche, die davor nur von RTLSAT1PRO7 beströmt wurden, und niemals mit ihrem Kugelschreiber mehr angefangen haben, als ein Kreuzworträtsel auszufüllen.

    Überhaupt: Mich ärgert es, wenn gebildete Menschen diese kulturpessimistische Hetze nachplappern, die befeuert wird von alten Medien, die Angst haben um ihren Aufmerksamkeitsanteil, und von Politikern, die Angst haben und Angst erzeugen – als generelles Geschäftsmodell.

    „Internet: Total klasse“ ist halt weder eine coole Schlagzeile noch ein brauchbarer Wahlkampfclaim.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Mit „Internet: Total klasse“ ist es ja auch nicht getan, typ.o. Die möglicherweise vernünftigste Denkerin der westlichen Hemisphäre, Kathrin Passig, hat nicht nur „Standardsituationen der Technologiekritik“ gesammelt, die unter anderem Einiges am Kulturpessimismus erklärt:
    http://www.eurozine.com/articles/2009-12-01-passig-de.html
    Sie hat, weil sie ja vernünftig ist, auch „Standardsituationen der Technikbegeisterung“ gesammelt (leider nicht als Text, sondern als Vortrag, dennoch dringend zu empfehlen, zumal sie darin nochmal den ersten Artikel zusammenfasst) – ähnlich reflexhaft:
    http://www.spiegel.de/video/re-publica-2012-kathrin-passig-ueber-technologiebegeisterung-video-1194837.html

    Deshalb freuen wir uns alle wie bescheuert auf das Buch „Internet – Segen oder Fluch“, das Kathrin Passig soeben mit Sascha Lobo geschrieben hat und das im Herbst rauskommt:
    https://twitter.com/kathrinpassig/status/227085990127362048

  5. New Number 2 meint:

    Tex Rubinowitz! Der sass für die Sendung „Willkommen Österreich“ als „Herr Baumann“ über 2 Jahre im Schrank (ja, richtig gelesen: IM SCHRANK*) und hatte diverse subversive Gedanke, die er im Laufe der Sendung den Moderatoren (Ster- und Grissemann) mitteilte.

    Guter Mann, der Tex!

    *Naja, eigentlich für den ORF normal, wenn man bedenkt, dass in der Jugendsendung „Monte Video“ über 3 Jahre ein Mensch (Clemens Haipl) in einer Aschentonne im Studio sass und nichts als „Bäbääh!“ rufen durfte…. Felix Austria und wer’s nicht glaubt kann ja mal Lisa Neun fragen: Ich erzähl doch keinen Blödsinn!

  6. maz meint:

    Hach, ich habe Anfang dieses Jahres die großartige Idee gehabt, SZ nur noch als Ipad-App zu abonnieren. Spart Ressourcen und macht arme Zeitungverteiler arbeitslos -in meinem Großartikeitsmoment als Retter der Wälder hatte ich zuerst nicht an das Yang gedacht.
    Wie dem auch sei, also zu Beginn war es bequem und spaßig, schon am Vorabend die Zeitung zu lesen. Im Bett, ohne jemand dabei zu stören. Nun aber kann ich kotzen. Ich habe diese digitale Zeitung, nur nimmt sie mir jegliche Lebensqualität und viel Liebgewonnenes weg. Am Abend habe ich einiges schon weggelesen, so dass morgens und in der Mittagspause mir eine ungewohnte Leere bleibt. Außerdem, sobald das Tabletding einmal weggelegt, auch ohne alles, was ich wollte, durchgelesen zu haben, widerstrebt es mir, je wieder diesen Tag aufzunehmen, im Gegensatz zu der Papierausgabe. Dass es nicht in Frage kommt, das beschissene Ipad unterwegs mitzunehmen, gar in einem Cafe damit zu sitzen, das versteht sich wohl von selbst. Hat was mit dem Selbstbild zutun. Da der Mann von Welt mit der „Qualitätszeitung“, hier der Parvenü mit seinem allerneuesten Angeberspielzeug. Ich möchte gar nicht erst mit den haptischen und anderen sinnlichen Umstellungen anfangen.
    Irgendwie erinnert mich meine Situation entfernt an die ersten Empfänger des künstlichen Herzens. Ein Horroautomat -und man will nur noch dass der Spuk vorbei ist.
    Das alles hat dein Beitrag gerade evoziert (ja, da haben wir nun noch einen Aspekt: ich gehe -oder „wische“, wie es so schön heißt, während ich die SZ lese, ins Internet und stöbere in deinem Blog herum. Da ist der Vorteil der Schnelligkeit rasch von der Unkonzentriertheit aufgezehrt).

  7. typ.o meint:

    Danke für die Links!

  8. Sebastian meint:

    Ich glaube, der SZ-Artikel ist deswegen so gut (ein Stück für sich), weil Alex Rühle den Mann und Menschen nicht so kennt und sich so einfach nur kindlich wundert statt klagenfurtskeptisch zu zweifeln.

    Mir fällt bei Rubinowitz immer der Falter ein und seine lustigen Zeichnungen im Wochenendteil der SZ, ach ne, das ist ja wieder der Rattelschneck, ich bring die immer durcheinander. Das er auch im Netz qas macht, habe ich erst hier gelernt. Na ja, ich hol mir die Zeitung ja auch immer noch am Kiosk.

    Genug ge-icht, mit das Schönste am Text ist ja das Bild. So irreal, dass es doch nur gelogen sein kann, oder?

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