Archiv für August 2015

Journal Dienstag, 18. August 2015 – Das Elend vor der Haustür

Mittwoch, 19. August 2015

Und plötzlich ist es vor der eigenen Haustür, das Elend.

Morgens 10 vor 7 trage ich mein Fahrrad hinunter, Sportzeug im Rucksack auf dem Rücken – ich bin auf dem Weg zum Krafttraining vor der Arbeit. Schon auf den ersten Stufen im Treppenhaus riecht es ungut, nach ungewaschenem Mensch. Als ich am Fuß der Treppe aufblicke, sehe ich die Ursache: Auf der überdachten Fläche vor der Haustür hat eine Gruppe Männer auf Pappkartons übernachtet. Sie setzen sich gerade auf und schauen sich verschlafen um, einer steht und versucht in seine zerrissenen Stoffturnschuhe zu schlüpfen. Vor ihnen stehen zwei junge Polizisten in der altmodischem bayerischen Uniform.

Die verschlafenen, zerstrubbelten Männer sehen so aus wie die Männer aus Osteuropa, die jeden Tag in Grüppchen an den Straßenecken des Bahnhofsviertels ums Eck stehen, in der Hoffnung auf einen Tagesjob irgendwo, meist schwarz auf dem Bau. Wie die Männer, die ich tagsüber im nebengelegenen Park sehe, in Gruppen auf dem Gras sitzend, manchmal singt einer von ihnen ein orientalisch klingendes Lied. Und jetzt sitzen sie vor meiner Tür, haben nicht mal einen Schlafsack, ich sehe auch kein sonstiges Gepäck.

Ich öffne die Haustür, wünsche einen guten Morgen, schiebe mein Fahrrad vorsichtig raus. Einer der Polizisten herrscht in die Gruppe, sie sollen mir Platz machen. Ich mache eine beschwichtigende Handbewegung: Nur nicht hudeln. Einer der Männer flucht halblaut auf Italienisch vor sich hin, der Polizist warnt ihn vor Beschimpfungen – so viel Italienisch verstehe er schon. Ich trage mein Fahrrad ganz hinaus und radle davon.

Das Ganze hat nicht mal eine Minute gedauert. Ratlos und verstört bin ich immer noch.

Journal Samstag, 15. August 2015 – Geländegängigkeit

Sonntag, 16. August 2015

Ein Regentag war angekündigt, doch morgens blieb es trocken, und der Himmel riss immer weiter auf bis zu einer englisch vielfältigen Farbmischung. Die Abkühlung hatte sich gehalten, so kam ich zu einem wundervollen Sommerlauf an der Isar bei Thalkirchen. Zur Abwechslung nahm ich hinter der Brücke Maria Einsiedel die östliche Isarseite, die ich sonst unter anderem wegen des hohen Mountainbikeaufkommens meide.

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Obwohl ich fast zwei Stunden lief, kam ich laut App nur auf 15,5 km. Das lag hauptsächlich daran, dass ich am Pullacher Ende des Weg weiterhin versuchte, so nah am Wasser zu laufen wie möglich und auf Wege geriet, die im Gebüsch oder in abschüssigem Ufer endeten; ich legte einige Kletterabschnitte ein.

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Auf dem Rückweg begab ich mich sehenden Auges in die Schlacht mit den Mountainbikern und -bikerinnen: Ich nahm einen besonders interessanten Weg, den ich gut kenne und der als Geländeradelstrecke gilt; er ist aber auch gar zu schön.

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Zum Glück kamen mir alle Radelnden entgegen, niemand von hinten. Und vor allem an schwierigen Stellen mit umgestürzten Bäumen oder Schlammlöchern war ich ohne sperriges Rad klar im Vorteil: Während die Biker noch ratlos nach einem Weg um die Stelle grübelten, war ich bereits wie eine Geiß um sie herumgesprungen.

Ich will endlich einen ungemein nützlichen Produkttipp weitergeben. Leider habe ich bereits vergessen, von welcher Kommentatorin hier ich ihn vor ein paar Jahren bekommen habe – herzlichen Dank! Es geht um den perfekten BH zum Joggen, wenn es ziemlich viel Masse festzuhalten gilt. Der Moving Comfort Juno ist das Beste, was ich je zum Laufen getragen habe. Ich verlinke hier den Hersteller, der BH wird von vielen Online-Shops angeboten, seltsame Farben gibt es deutlich billiger. (Meine beiden sind knalltürkis und oma-bordeaux, warum?)1

§

Brotteig für Fladenbrote zur sonntäglichen Grilleinladung zubereitet, auf dem Balkon gelesen, dabei eine Wespe beobachtet, die eine Rosine auf dem Sims (für die Amseln ausgelegt) systematisch aushöhlte. Gebügelt, Duolingo gespielt, mir von Herrn Kaltmamsell eine bodenlose Zucchinitarte servieren lassen (statt mit frischem Thymian mit frischem Estragon – hervorragend), zum Nachtisch auf ein Eis spaziert (in bereits unsommerlicher Kühle).

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(Foto: Herr Kaltmamsell)

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Sehr interessant und sehr lustig:
„Web Design: The First 100 Years“.

Aufbereitetes Skript eines Vortrages, der Web Design erklärt am Beispiel der Entwicklung von Passagierflugzeugen in den vergangenen 50 Jahren. Der Titel sollte eigentlich lauten: „The Victory of Good Enough“.

via Techniktagebuch-Chat vor ca. 3 Wochen – so lange hatte ich den Tab offen, bis ich die Geschichte endlich las. Er wird mir fehlen, der Tab.

  1. Und wegen des Modellnamens wollen wir uns mal nicht so haben, sondern beschließen, dass uns jede antike Göttin recht ist, ok? []

Journal Dienstag, 11. August 2015 – Sind denn nicht alle im Urlaub?

Mittwoch, 12. August 2015

Nach unruhiger Nacht (der Neumond wahrscheinlich) (SPASS!) zum Langhanteltraining geradelt, geschwitzt wie ein munteres Brünnlein. Auf dem Weg dorthin und danach in die Arbeit überraschte mich der sehr starke Berufsverkehr: Sind denn nicht alle im Urlaub? Wer sind denn das für Menschen, die die Kreuzungen verstopfen? Auch das Sportstudio war überraschend bevölkert, doch das führte ich darauf zurück, dass nur die frühen Morgenstunden Sport bei angenehmen Temperaturen ermöglichen.

In der Arbeit war ich auf einen Kaffee mit einem Blogleser und Kollegen verabredet: Eine sehr schöne Begegnung, und über meinen Arbeitgeber habe ich auch gleich noch etwas gelernt.

Ein weiterer Hochsommertag, doch die Hitze war mit gut 30 Grad nicht allzu schlimm.

Daheim empfing mich Herr Kaltmamsell mit einem weiteren köstlichen Abendessen: Er hatte aus Ernteanteil-Kartoffeln Kopitka gemacht, die ich mit Butter und Käse aß.

Abschluss des Abends über Radler im nächstgelegenen Biergarten mit einem Freund, den ich dann doch immer nur einmal im Jahr treffe und einfach nicht kapiere, warum das nicht öfter klappt (wir wohnen 300 Meter Luftlinie voneinander entfernt).

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Ich schreibe nichts über mein Grauen angesichts hasserfüllter und vorurteilsbeladener Ablehnung von Flüchtlingen nach Deutschland, weil ich ohnehin zu den Bekehrten sprechen würde. Außerdem bin ich in einem Maß fassungslos, dass ich keine rechten Worte finde.

Wen die furchtbaren Erlebnisse der zeitgenössischen Flüchtlinge nicht anrühren, der sollte es vielleicht mal mit den Details aus deutscher Vergangenheit versuchen.
„Eine wahre Geschichte von Krieg, Flucht, dem Leben danach und was das mit dem Heute zu tun hat“.

Ersetze Kälte und Schnee durch Wüste und Boote übers Mittelmeer.
Wie kann man annehmen, dass diese Menschen das aus Abenteuerlust auf sich nehmen oder um die Europäer abzuzocken?
Wir stecken durch diese unfreiwillige Migration am Anfang einer massiven gesellschaftlichen Veränderung, die Frage des Ob hat sich längst erledigt, es geht nur noch ums Wie. Es liegt an uns, ob die Zukunft unserer (zu diesem „wir“ lesen Sie bitte hier bei Novemberregen weiter) Gesellschaft die Neuankömmlinge umarmt und einschließt, oder ob sie einen großen Graben aufmacht.

Journal Wochenende, 8./9. August 2015 – Gluthitze

Montag, 10. August 2015

Auch am Samstag gab’s den Morgenkaffee auf dem Balkon, doch eigentlich war es dort schon um 9 Uhr zu warm.

Herrn Kaltmamsell mit vorgehaltener Waffe gezwungen, einen Urlaub für sich zu buchen. Schon in den knapp fünf Wochen Sommerferien 2014 (Lehrer mit Nebenämtern arbeiten durchaus in der ersten und der letzten Ferienwoche, und dazwischen) war er nur daheim gewesen, dabei hätte ich zum einen die Wohnung durchaus auch gerne mal für mich, zum anderen wünsche ich mir, dass er hinausgeht, Abenteuer erlebt und mir dann davon erzählt. Er hatte für diese Sommerferien eine Reise angekündigt, doch bislang war sie nicht konkret geworden. Also drohte ich, dass ich bis Sonntagabend so lange quengeln würde, bis er etwas gebucht hatte – und warf ihm ein paar Tipps hin, was ihm gefallen könnte.

Ich radelte zum Schwimmen zum Schyrenbad, stellte dort fest, dass statt der sonst zwei nur eine Schwimmbahn abgeteilt war. In dieser wuselte es entsprechend vor Schwimmern und Schwimmerinnen, was viel Abstimmung beim Bahnenziehen erforderte. Doch schon nach meinen ersten tausend Metern waren wir nur noch zu fünft – diese professionellen Schwimmbadler wissen halt doch, was sie tun. Guter Schwumm, keinerlei Krampf in Sichtweite, gleich mal 200 Meter mehr geschwommen. (Selbstverständlich nicht am Ende, sondern dazwischen, also zweimal die Runde 17, weil’s mir da gerade einfiel, dass ich einfach ein bisschen mehr schwimmen könnte, und zweimal die Runde 28. Oh ja, das ist was ganz was Anderes, als zum Schluss zwei Runden anzuhängen.)

In der Sonne getrocknet und Musik gehört. Reste vom Abendessen gefrühstückt, dazu ein Dutzend Aprikosen, obwohl sie sich als mehlig herausstellten. In Gluthitze heimgeradelt, unterwegs noch im Supermarkt eingekehrt, Obst und Getränke gekauft. (Und Erdnuss-M&Ms, auf die ich am Vorabend so große Lust gehabt hatte.)

Zwetschgenkuchen mit Nussteig gebacken.

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Gazpacho zubereitet und kaltgestellt, den gab es zum Nachtmahl.

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Zu Beginn der Nacht regnete es und kühlte wunderbar ab, ich schlief bei offenen Fenstern ein.

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Beim sonntäglichen Morgenkaffee auf dem Balkon genoss ich die letzten Spuren der Regenkühle. Eigentlich war Wandern mit Herrn Kaltmamsell geplant gewesen, selbst als noch für Sonntag Regen angekündigt war – aber die jetzt voraussichtlichen 34 Grad hielten uns dann doch ab. Die richtige Entscheidung: Selbst meinen Isarlauf hätte ich lieber früh morgens angetreten. Aber ich wollte halt endlich den Text zu Auerhaus fertigschreiben.

Nach einer Woche steht fest: Die Mauersegler haben sich pünktlich zum 1. August verabschiedet. Am Samstag vor einer Woche hatte ich sie morgens noch schrill pfeifen gehört, seither weder gehört noch gesehen (anders als die Schwalben, die sind noch da).

Beim Laufen hatte ich zum Glück Wasser dabei. Zwar ging eine angenehme Brise, doch es war dann doch überraschend heiß. Allerdings kämpfte ich mit dem Gürtel und seinen vier Wasserfläschchen: Der Gummi ist völlig ausgeleiert, so dass ich nicht nur die Klettverschlüsse schon lang nicht mehr verwenden kann und statt dessen brutal knote. Doch auch die einzelnen Flaschenhalterungen aus Gummiband sind ausgeleiert, eine der vier kleinen Fläschchen fiel immer wieder heraus. Haben Sie gute Erfahrungen mit einem Trinkgürtelsystem gemacht, das Sie empfehlen können? In der Hand möchte ich nichts tragen, da ist schon der Fotoapparat.

Der Lauf selbst ging gut, immer wieder wunderbare Sommerlandschaftsanblicke.

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Nach Duschen und kurzem Frühstück zum Kino geradelt (unter anderem weil mir eingefallen war, dass das Münchner Cinema mit seiner Klimaanlage mich schon vor mancher sommerlichen Gluthitze gerettet hat): Minions.
Nett, ich habe mich gut amüsiert. Allerdings wirkte der Film, als wäre das Drehbuch unterwegs dreimal umgeschrieben worden. Charaktereigenschaften tauchten überraschend auf, der Film wird immer wieder ein ganz anderer. Aber für alle Makel wurde ich gleich am Anfang entschädigt.

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https://youtu.be/dNuoJh2cKIo

Zurück zuhause kochte ich spanischen Milchreis; kann man bei der Hitze gut als Snack herumstehen haben.

Mit Duolingo weiter Italienisch gelernt. Langsam beginnt sich der Wunsch nach einem Sprachurlaub in Italien zu formen, vielleicht sogar gleich nach meiner Probezeit im Januar. Haben Sie Tipps für organisierte Sprachreisen Italien? Oder eine Empfehlung für einen Sprachenschule/Sprachkurse vor Ort?

Zum eigentlichen Nachtmahl ging ich mit Herrn Kaltmamsell in den Schnitzelgarten (weil ja eigentlich eine Wanderung mit Einkehren geplant gewesen war, hatten wir nichts Substanzielles im Haus).

150809_24_Schnitzelgarten

§

Sehr gut beobachtet und ein interessanter Aspekt von Geschlechterstereotypen:
„Breathless: Why Can’t Straight Men Talk About Sex?“

Admittedly, I often find myself believing the double standard: Female sexuality is complicated, whereas men are Neanderthals who could have sex with a hole in the ground. But then you come across a sensitive guy, with complex desires, and you remember that navigating the labyrinth of sexuality is a hellish nightmare—for women and men both. Solidarity! For instance, last summer I was seeing this really sweet 24-year-old guy, and the first few times we got into bed he had trouble getting hard. It was sort of awkward because I could tell there was something he wanted from me that he couldn’t bring himself to articulate. It took multiple dates and extensive interrogation on my part for him to finally say that he wanted to be tied up and hit repeatedly in the face. I was like, “Dude, it would be my pleasure! I wish you’d felt comfortable enough to tell me earlier!”

When I talked to Hartley about this, she told me, “The other side of slut-shaming is man-shaming. We think, ‘Men only want one thing, they’ll fuck anything.’ Women think all we have to do is show up and he’ll get hard, so when he can’t, we say ‘What’s wrong with you?!’ rather than saying, ‘Hey sweetie, are you uncomfortable? Is it too hot? Are you worried about the test tomorrow?’ In reality, many men prefer or require intimate connection with their partner. We forget that the penis is a very reliable emotional barometer.”

(…)

Part of our cultural baggage is that women are supposed to be innocent while men are supposed to know everything about sex, but where are they supposed to get this knowledge from if no one’s talking about it openly? We have to stop gendering the emotional experience and start teaching boys that “real men” talk about their feelings too.

Bov Bjerg, Auerhaus

Sonntag, 9. August 2015

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Den Namen Bov Bjerg hielt ich ja jahrelang für ein Pseudonym. Zum einen hatte ich sein Blog und dann den Herrn selbst zu einer Zeit kennengelernt, als bürgerliche Namen im selbst geschriebenen Web eine rare Ausnahme waren, zum anderen ging ich ohne zu überlegen davon aus, dass niemand so in Echt heißen kann. Selbst dass er diesen Namen auch für seine kabarettistischen Auftritte verwendete, störte diese Annahme nicht. Ehrlich gestanden: Erst als er mir seinen aktuellen Roman Auerhaus als Leseexemplar zuschicken ließ (vielen Dank!), erwog ich die Möglichkeit, dass der Name Bov Bjerg auch in seinem Personalausweis steht und recherchierte. Aber das macht natürlich keinen Unterschied.

§

Ich las das Buch sehr gerne. Mir gefiel die vordergründige Leichtigkeit der Sprache, ich wollte mehr über die Personen wissen, die mir die Geschichte sehr nahe brachte: In den Achtzigerjahren ziehen auf einem schwäbischen Dorf ein paar junge Leute im (damaligen) Abituralter in ein leer stehendes Haus zusammen. Einer von ihnen, Frieder, hat versucht, sich das Leben zu nehmen, seine Ärzte und Therapeuten empfehlen, dass er nicht zurück zu seinen Eltern zieht. Und so wohnen sie da zusammen, der frisch aus der Psychiatrie entlassene mit drei Klassenkameraden und -kameradinnen, später laufen ihnen zwei weitere junge Leute zu. Erzählt wird das von Höppner, dem besten Freund von Frieder, der als Mitbewohner auf ihn aufpassen soll.

Ich assoziierte bald Wolfgang Herrndorfs Bilder einer großen Liebe, auf das mit „Ich bin verrückt, aber nicht blöd!“ explizit referenziert wird (der Herrndorf-Roman beginnt „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“). Vor allem aber warf mich der Roman in Erinnerungen an meine eigenen Achtziger (die Rezensionen, die ich bislang über Auerhaus gelesen habe, weisen darauf hin, dass das vielen Lesern und Leserinnen so ging). Zwar ist mir ein damaliges schwäbisches Dorf fast so fremd wie ein finnisches, doch auch in der oberbayerischen Provinzstadt meiner Achtziger wohnten Freunde ein bisschen so. Statt Auerhaus1 hieß es „as Häusl“ („Haisl“ gesprochen), in dem „da Woidla“ mit seiner Freundin wohnte, die auch meine Freundin war. Das Haus stand in einem Vorort von Ingolstadt, war ein typischer Aussiedlerbau aus der Nachkriegszeit, gehörte dem Vater einer Schulkameradin und hatte schon eine Weile leer gestanden. Wir trafen uns darin hin und wieder vor dem abendlichen Ausgehen, verbrachten Sonntage darin. Auch wenn die Bewohner ein paar Jahre älter als die des Auerhauses waren, habe ich die Atmosphäre und die Rolle des Hauses im Freundeskreis ähnlich in Erinnerung.

Ich selbst war ganz auf der Seite der Spießer, ich brauchte nicht mal den im Roman angeführten Kokon dafür. Aber ich bilde mir ein, dass ich sehr neugierig auf die Alternativen der anderen war: Ich besuchte sie, ließ mir erzählen. Das fand ich alles höchst interessant, es war halt einfach nichts für mich. Ich fürchte, darin habe ich mich bis heute nicht verändert: Ich möchte bitte gerne in meinem Fortress of Spießigkeit leben und freue mich ungeheuer, dass mutigere und weniger konventionelle Leute mir von ihrem Leben erzählen, mich per Blog daran teilhaben lassen, mich einladen, mich sogar besuchen. Manchmal setze ich mich sogar aktiv dafür ein, dass sie ihr Nicht-Mainstream-Leben so leben dürfen/können.

Womit ich allerdings von Kindesbeinen an ein Problem hatte: Klauen und Dealen, johlend anderer Leut‘ Sachen zerstören. Das fühlte sich für mich ungerecht an.

Doch das, was in Auerhaus als Horrorwelt des Wiederholens von Erwachsenenmustern beschrieben wird, war für mich in diesem Alter aufregend und anders. Ich kam aus einer Arbeiterumgebung, ein Wiederholen von Mustern wäre in meinem Fall ein Job in der Fabrik gewesen. Wäre ich nicht in der Produktion gelandet, sondern im Büro, hätte man das schon als „es geschafft haben“ angesehen. Die Welt, in die ich über den Besuch eines humanistischen Gymnasiums kam – damals in der Provinz gleichbedeutend mit Eliteschule -, war für mich spannend, inspirierend und erstrebenswert. Die meisten meiner Mitschülerinnen wohnten in Eigenheimen – das war in meinen Kinder- und Jugendlichenaugen keineswegs spießig, sondern bedeutete unter anderem:
– Beim Gehen gedankenlos laut sein zu dürfen, weil es keine Leute in der Wohnung darunter gab, die bei allem, was sie als Lärm definierten, sofort protestierten.
– Laut Musik hören, weil es keine Leute in der Wohnung darunter… siehe oben.
– Auch zur Mittagszeit Querflöte üben zu können, weil es keine… siehe oben.
– Zwei Klos, also morgens nie Gerangel.
– Eine Geschirrspülmaschine, der ultimative Luxus.
– Ein eigener Garten zum Spielen und Herumsitzen.
Heute empfände ich ein Eigenheimleben als Gefängnis (ich! andere anders!), damals erschien es mir als Paradies.

Für mich stand fest, dass ich im Leben etwas reißen würde – müßig zu überlegen, ob ich selbst darauf gekommen war oder mir das von klein auf die Umgebung suggerierte. Was genau oder auch nur ungefähr, wusste ich nicht. Denn eigentlich hatte ich keine eigenen Ideen. Kein Wunder, dass ich als konstante Enttäuschung für mich selbst endete.

Ganz besonders mochte ich den Schluss von Auerhaus: Es ist immer schwierig, eine lange Geschichte befriedigend zu beenden, Bov Bjerg hat das geschafft.

§

Es freut mich sehr, wie viel Anklang Auerhaus findet, es wird in allen wichtigen Medien besprochen, durchwegs positiv.

Mehr über das Buch erfährt man zum Beispiel in Peter Praschls Besprechung für die Welt:
„Zeig mir die Achtzigerjahre in zärtlich“.

Es gibt sogar eine Neueinspielung des namengebenden Lieds:
„Our House (The Auerhaus Version) performed by Andreas Spechtl & Robert Stadlober“.

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https://youtu.be/3FIaarp3sHM

§

Mein Frieder hieß Britta.

  1. Der Sprachwissenschaftler an meiner Seite meckert allerdings, es sei unwahrscheinlich, dass der Bauer die Band Madness beim Singen des Lieds so verstand: Die Briten hätten schließlich „Ah-haus“ gesungen, nicht „Auer-„. []

Journal Montag, 3. August 2015 – Lesestoff

Dienstag, 4. August 2015

Der Sommer ist zurückgekehrt, mit erträglichen Temperaturen.

§

Ich kann immer noch keinen essentiellen Unterschied zwischen Hass online und offline sehen – außer dass die niedrige Schwelle für öffentlichen Äußerung im Internet den Hass sichtbarer und dadurch verletzender macht. Der Hass war schon immer da, bemerkten Kelly aka MissesVlog und Marie Meimberg im Gespräch mit Sascha Lobo – und ich dachte sofort an die Familienrunde meiner Kindheit abends beim Fernsehen: Welche Gehässigkeiten da über Schauspielerinnen oder Moderatoren fielen! Pures Gift, weißglühender, spuckesprühender Hass. Oder das Lästern, das so manche sogar kokett zu ihrem Hobby erklären: Sie säßen total gerne mit einer Freundin im Straßencafé lästerten. Was sind diese Gemeinheiten anderes als Hass? Es ist nur ein kleiner Schritt, solche Angriffe in das Kommentarfeld eines YouTube-Videos zu schreiben oder als Reply auf einen Tweet. Früher fand das hinter den Wohnzimmergardinen statt, und die Beschimpften bekamen gnädig nichts davon mit. Aber die Aggression war schon immer da, und sie war damals wie heute bezeichnender für die Lästerer und Hater als für das Ziel der Angriffe.

§

Eine weitere bestqualifizierte Arbeitssuchende findet Löcher in der Klage von Unternehmen, sie fänden keine geeigneten Bewerberinnen:
„Arbeitslos und trotzdem sexy“.

§

Die weibliche Hauptfigur des aktuellen Mad Max-Films bekommt viel Aufmerksamkeit. Alex arbeitet hier schön heraus, wie sehr sie mit den bisherigen Stereotypen von Action-Frauen bricht:
„Furiosa vs. tropes for women in action“.

via @jensscholz

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Apropos. Wer der feministischen Diskussionen überdrüssig ist, muss leider nur die Kommentare ihrer Feinde lesen, um dranzubleiben zu wollen. Diesmal: Wind von vorne, weil Hollywoodfilme ein bisschen mehr Frauen sichtbar machen – zum Beispiel mit der weiblichen Besetzung des Ghostbusters-Remakes.
„The real reason some men still can’t handle the all-female ‚Ghostbusters'“.

However, that ratio still feels like over-representation to some men—because in a way it is, based on their ingrained notions of how and how often a woman should be represented. Setting aside how ridiculous that notion might seem, we need to take a long, hard look at how our culture creates the perception that a group where only a third of the members are women appears to some people to contain “too many chicks.”

§

Architekturjournalist und Wahlwiener Maik Nowotny hat sich in Berlin den Rohbau des Stadtschlosses angesehen. Die beste Zusammenfassung seines Eindruck ist dieser Bildtext:

Astana oder Abu Dhabi? Nein, was hier aussieht wie der neobarocke Traum eines Despoten ist das Ergebnis von 25 Jahre Debatten und demokratischer Entscheidung: die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses mit dem Humboldtforum, im Juni 2015.

„Berliner Stadtschloss: Eine Masse für die Mitte“.

Wobei ich ja durchaus verstreute Hässlichkeit im Städtebau schätze: Sie hält die Wahrnehmung frisch und wach.

Journal Freitag/Samstag/Sonntag, 31. Juli bis 2. August 2015 – Sommerabende

Montag, 3. August 2015

Den ganzen Freitag freute ich mich auf die Abendverabredung mit Herrn Kaltmamsell: Wir feierten den Ferienanfang in der Acetaia. Wie erhofft konnten wir draußen sitzen und die Abenddüfte genießen. Wir aßen sehr gut (beim selbst gebackenen Brot müsste die Küche allerdings mit dem Salz aufpassen), ließen uns mit Wein begleiten. Darunter war die Entdeckung Elegia Primitivo di Manduria aus Apulien.

Das Heimradeln war vom Vollmond beleuchtet und ein wunderschöner Abschluss der Woche.

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Am Samstag schlief ich aus und erwachte zu einem grauer Tag. Am Vortag hatte ich Duolingo auf spanisch fertig gespielt, es gab keine neuen Inhalte mehr. Ich begann den Italienischkurs dort, vielleicht lerne ich dadurch ja zumindest Grundlagen.

Zum Schwimmen war es mir eigentlich zu ungemütlich, Laufen hatte ich bereits für Sonntag geplant. Also stieg ich nach fünf Wochen Pause mal wieder auf den Crosstrainer und strampelte bei offenem Fenster.

Einkaufsrunde über Buchladen, Haushaltswarengeschäft und Bäckerei. Daheim Frühstück und eine Bügelschicht. Lange Siesta.

Herr Kaltmamsell bereitete das Nachtmahl, das zu 96 Prozent aus Ernteanteil bestand – nur die Eier im Zucchinigröstl nicht. Ganz hervorragend war der orientalische Krautsalat mit Karotten, geröstetem Kreuzkümmel, Zitronensaft, Olivenöl, frischer Minze.

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Treffen mit Freundin zu Cocktails: Die Angepeilte Goldene Bar war nicht nur noch geschlossen, sondern hatte auch ein Schild „Kein Zutritt“ vor der Tür – ein Angestellter erklärte uns auf Nachfragen, dass erst um 20 Uhr geöffnet werde (anders als auf der Website angegeben) und alle Plätze bereits reserviert seien. Sehr irritierend, machte mir nicht wirklich Lust auf einen weiteren Versuch.

Statt dessen zum Auroom geradelt. Auch dort auf allen Tischen „Reserviert“-Schildchen, doch an der Theke wurden wir gewohnt herzlich umsorgt und bedient. Die erste Runde sehen Sie hier. Es gab noch zwei weitere.

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Sonntag hatte ich mir den Wecker gestellt, um vor der Fahrt zu Schwiegerelterns noch Laufen zu können.
Es war überraschenderweise regnerisch, aber das war mir egal. Ich kam dennoch zu einem schönen Lauf, eine Schirmmütze hielt die Tropfen von meiner Brille fern. Viele wilde Sommerblumen und viele Schwalben gesehen.

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Schon während der Zugfahrt nach Augsburg wurde das Wetter minütlich besser, es endete als Sommertag. Bei Schwiegers gab es gefüllte Kalbsbrust und Familie. Meine Mutter erzählte Erlebnisse, die mein Vater (Jakobsweg) und ich (Klassenfahrt nach Griechenland) ohne sie hatten und schmückte sie mit Selbsterfundenem aus. Ich widersprach nicht.

Ich aß den ersten Zwetschgendatschi der Saison.

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