Journal Freitag/Samstag, 24./25. November 2017 – Halsstarrigkeiten

Sonntag, 26. November 2017 um 7:30

Freitagmorgen heftiger Regen, Freitagnachmittag bis -abend lange Bahnfahrt zurück nach München.

Auf der Hinfahrt hatte vor mir ein altes Paar minutenlang darüber gestritten, wie es kam, dass sie von der ICE-Kellnerin Cappuccino bekommen hatte statt eines Kaffees. Sie hatte darauf beharrt, dass sie „Kaffee“ gesagt habe („ich mag ja gar keinen Cappuccino“), er beharrte darauf („ganz sicher“, „eindeutig“), sie habe „Cappuccino“ gesagt. Aufgefallen war mir die Absolutheit und Halsstarrigkeit beider Aussagen. Kann es sein, dass man mit dem Alter immer mehr ausschließt, man könnte sich irren? Oder ist das Folge der Angst, die eigene Erinnerung könnte tatsächlich unzuverlässig werden? Oder ist diese Halsstarrigkeit altersunabhängig und Charaktersache? Selbst bilde ich mir ja ein, immer vorsichtiger gegenüber meinen Erinnerungen zu werden. Außer bei solchen, bei denen ich mir ganz sicher bin, weil sie erst wenige Minuten alt sind. Oh wait…
(Als Zeugin des Kaffee-Cappuccino-Kaufs hatte ich übrigens eine dritte Variante gehört. Die ICE-Kellnerin hatte angeboten: „Großer Kaffee oder kleiner Cappuccino?“ Die Kundin hatte geordert: „Klein, ohne alles.“ Ein beiderseitiges Missverständnis also.)

Ich las auf der Rückfahrt Lion Feuchtwangers Die häßliche Herzogin aus, mochte es so mittel. Einerseits anregend dicht in Handlung und Hintergrund, andererseits stießen mir wie schon in Erfolg die Epiteton-artig wiederholten Beschreibungen der Figuren auf.

In München Freude über das Wiedersehen mit Herrn Kaltmamsell, ein entspannendes Glas Rotwein zu Rind aus der Pfanne. Der Wein rächte sich nachts mit Migräne.

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Samstagmorgen folgte ich meinem Impuls, das Thema „Wie bekomme ich mehr Frauen auf Veranstaltungspodien?“ zu recherchieren und zu verbloggen. Mir war bewusst, dass am Samstag niemand Blogs liest und das der schlechtest mögliche Zeitpunkt fürs Veröffentlichen war – doch was raus muss, muss raus. Weise ich halt nächste Woche nochmal über Twitter und Facebook darauf hin.

Ich machte mich auf zu einem Isarlauf ab Thalkirchen – obwohl sich der Himmel dunkelst bewölkte: Kopf und Herz brauchten dringend eine Laufrunde, um die vergangenen drei Lauf-losen Wochen zu verarbeiten. Tatsächlich begann es nach 30 Minuten zu regnen, erst sacht, dann immer heftiger. Ich genoss das gedankenverlorene Traben dennoch und wurde langsam nass – nur in der letzten Viertelstunde kalt und unangenehm. Ohne Stopp gelaufen (keine Fotos, keine Pokémon), mich munter und schnell gefühlt – dennoch war ich laut Bewegungsapp Moves so langsam wie fast nie.

Daheim nahm ich ein Vollbad, erledigte nach kurzem Frühstück (Honigbrote) Lebensmitteleinkäufe.

Das Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell – er hatte trotz dichter Wochenendarbeit mehr Lust zu kochen als ich. Es gab Kürbislasagne, die Herr Kaltmamsell leicht abgewandelt hatte: Chilli-Schärfe in die Kürbismasse, statt Schnittlauch (den ich nicht bekommen hatte) oben über den Sauerrahm Zatar – sehr gut.

Zum abendlichen Internetlesen lief im Fernsehen Don Camillo kehrt zurück – wohligste Erinnerungen an gemeinsames Lachen mit meinem Vater.

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„An artist is pasting images of paintings from museums on Indian street corners“.

via @MlleReadOn

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Blogs der Marke „Everybody has a voice“: Jawl erklärt fachkundig, wie es zur Übernahme der Blogbewegung durch Agenturen und Unternehmen kam.
„Wie sich die Blogszene kommerzialisierte und warum heute alle Blogs gleich sind.“

Allerdings finde ich nicht, dass alle Blogs gleich sind. Auch unter den Purse-Blogs gibt es Binnendifferenzierung – und sie werden ja offensichtlich von ganz vielen Menschen gemocht und gelesen. Zu denen ich halt nicht gehöre. Ich wiederhole: Im Internet ist Platz genug für uns alle.

Mir macht das Bloggen weiterhin Spaß (ja mei, andere Leute gucken als Hobby TV-Serien), ich bekomme Infos und menschlichen Austausch zurück – das ist mein return on invest. Dasnuf persifliert sehr schön und gewohnt überzeichnet, wie sich eine Purse-Bloggerin angegriffen fühlt, weil sie lieber PR-Geld als ROI haben möchte: Wenn man in etwas Geld hineinsteckt und andere auch etwas davon haben, möchte man doch schließlich auch Geld dafür zurück.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu “Journal Freitag/Samstag, 24./25. November 2017 – Halsstarrigkeiten”

  1. Christian meint:

    Nein, ich glaube auch nicht, das ALLE Blogs gleich sind. Nennen Sie es das „alle“ aus „Boah, heute sehen auch alle Blogs gleich aus“, nennen Sie es undifferenziert formuliert, schimpfen Sie es Provokation oder Clickbait. Ich meine nicht alle.
    Aber ich finde eh spannend, wie der Artikel abgeht und was alles in ihn reingedeutet wird. Ich fand ihn gar nicht so wichtig.
    Aber schön, dass wenigstens in Ihrer Anmoderation die Agenturen und Werber sowie das Wort „Übernahme“ vorkommen.
    Dass die nuf oder überhaupt irgendjemand der „alten“ Blogger nicht gemeint ist, erkläre ich ja dort in den Kommentaren schon ausführlichst.

  2. Christian meint:

    (Ach ja, und dass ich Geld verdienen nicht verwerflich finde, erwähne ich nur sicherheitshalber hier auch noch mal)

  3. Elfe meint:

    Gerade am Wochenende komme ich zum Bloglesen, da freue ich mich gerne über mehr Lesestoff.

  4. iv meint:

    Ad Frauen auf Podien: Ich denke da dran herum, seit ich den Eintrag gestern gelesen habe (und an dem Thema grundsätzlich eh). Ich hab’s nur noch nicht geschafft, etwas dazu zu formulieren, das einerseits mehr als ein Gemeinplatz ist, andererseits aber auch übers Anekdotische oder Fachspezifische hinausgeht. Insofern auf jeden Fall danke für die Anregung, das mal zu systematisieren!

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