Journal Freitag/Samstag, 18./19. Mai 2018 – München-Dublin

Sonntag, 20. Mai 2018 um 9:03

Eine schwierige Nacht auf Freitag. Ich konnte zwar immer wieder schlafen, doch trotz Ibu war nur Rückenlage halbwegs schmerzfrei. Wahrscheinlich werde ich mich daran gewöhnen müssen.

Der Tag wurde sonnig und mild.

Nach der Arbeit Urlaubsvorbereitungen (Kleidung überlegen und packen) und Wohnung bereitmachen fürs Gehütetwerden.

§

Samstagmorgen klingelte der Wecker um fünf, denn unser Flug nach Dublin ging recht früh. In der S-Bahn zum Flughafen war ich ein wenig überfordert von der ausgesprochen kommunikativen und unaufhörlich interagierenden Familie nebenan: Das waren zu viele Sinneseindrücke um die Uhrzeit, ausnahmsweise verstopfte ich meine Ohren mit irgendeiner Musik (die mir eigentlich auch schon zu viel war) zum Anblick von malerischem Morgendunst über grünen Feldern.

Morgenkaffee nach Gepäckaufgabe am Flughafen, ereignisloser, knackvoller Flug.

Dublin empfing uns mit Sonne und milden Temperaturen. Da unser Hotelzimmer noch nicht bezugsbereit war, gaben wir nur unsere Koffer ab und spazierten los.

Im Hotel war die detaillierte Beschreibung unserer Wanderetappen hinerlegt – die allgemeine hatten wir vor Wochen nach Hause geschickt bekommen. Die Unterlagen sahen wir über einem Pint durch; erste kulinarische Entdeckung: Red Ale (das Dunkle links). Nachdem ich eine Weile aus den Wanderbeschreibungen vorgelesen hatte, erklärte mich Herr Kaltmamsell zur Reiseleitung (er war derjenige gewesen, der uns bereits vom Flughafen zum Hotel gebracht hatte).

Während meine Twitter-Timeline die Hochzeit im englischen Königshaus guckte und kommentierte, liefen auf den Bildschirmen im Pub Rugby und Hunderennen.

Wir spazierten kurzärmlig und mit Jacke überm Arm zum Park Stephen’s Green und setzten uns eine Weile in die Menschenmassen auf eine Bank. (Elstern, Krähen, Amseln, Schwalben, dazu Möwengeschrei.)
Dann bekam ich doch mal den ersten Hunger des Tages, es war schließlich schon fast drei Uhr Ortszeit. Doch wir beschlossen, erst abends essen zu gehen, und holten uns in einem Supermarkt ein Sandwich.

Auf den Straßen unübersehbar (auch in Fassaden-großen Plakaten) das örtliche Hauptdiskussionsthema: Das Referendum zum Abtreibungsgesetz.1

Typo-Liebe, vor allem in die ineinander verschlungenen Buchstaben von „Dublin“.

Hotelzimmer war ok, roch allerdings recht durchdringend nach Sickergrube. Bis zum Abend hingen wir bei offenem Fenster lesend herum.

Nachtmahl gab’s dann in einer einladenden Brasserie in der Straße des Hotels, das uns ohne Reservierung noch einen Bartisch anbieten konnte: Bloom.2 Wir aßen sehr gut, und ich freute mich über das Glas blumig-mineralischen Pouilly Fumé.

„Roaringwater Bay Irish Mussels“ in einer Weißwein-Chorizo-Sahne für mich, „Shredded Duck“ für Herrn Kaltmamsell.

„Rare Breed Irish Pork Chop“ für mich (mit Kartoffel, Orangen-Karotten-Pü und Himbeertupfern) (allerdings hätten sie mir durchaus den konkreten Namen dieser seltenen Rasse zumuten können), „Free Range Irish Chicken“ für Herrn Kaltmamsell (mit Lemongras Parpadelle, Salsa Verde, Avocado). Zum Nachtisch Apple Crumble mit Eis für mich, Crème brûlée für ihn.

§

Dramatisch zugespitzte Formulierungen und inhaltliche Präzision vertragen sich nur selten.

Ausgerechnet ein Architekt, nämlich Rem Koolhaas, liefert mir die Argumentationshilfe für mein wachsendes Misstrauen gegenüber inspirational quotes und sonstigen populistischen Vereinfachungen. Und zwar in einem Interview im SZ-Magazin (€), das ihn mir durch und durch sympathisch macht, unter anderem weil er Interviewer Sven Michaelsen mehrfach und nachvollziehbar auflaufen lässt.

(Ebenfalls misstrauisch bin ich allerdings gegenüber dem ausgezeichneten Deutsch von Koolhaas – vor allem weil Sven Michaelsen es nicht thematisiert. Wurde das Interview vielleicht auf Englisch geführt und von Michaelsen übersetzt? Oder spricht Michaelsen gar Niederländisch und hat für den Abdruck ins Deutsche übersetzt?)

  1. Ein Teilaspekt, Semiotik für Fortgeschrittene: „Die Debatte hat auch das irische Fernsehen RTÉ in einen Konflikt gestürzt. Wie soll Abtreibung in den Nachrichten für Gehörlose dargestellt werden? Wenn es nach den Abtreibungsgegnern ginge, würde das Wort als Messerstich in den Bauch gezeigt, während andere für den Buchstaben „A“ plädieren. In der US-amerikanischen Gebärdensprache wird symbolisiert, wie ein Kind kurz im Arm gewiegt wird, dann wird es entfernt und fallengelassen.“ []
  2. Oh mein Gott, in Irland hat die Gastronomie anscheinend das Memo nicht bekommen, dass man Speisekarten NUR und AUSSCHLIESSLICH als PDF auf die Website stellen darf! []
die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Freitag/Samstag, 18./19. Mai 2018 – München-Dublin“

  1. Ulla meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. Myriade meint:

    Und bislang gab es das Wort „Abtreibung“ in der europäischen(?) Gebärdensprache nicht? Schaurige Version, die amerikanische.
    Viele Eindrücke im wunderschönen Irland wünsche ich

  3. Croco meint:

    Die Gebäre für Abtreibung sieht gruselig aus. In der Schweiz gibt es wohl eine andere.
    https://signsuisse.sgb-fss.ch/de/lexikon/g/abtreibung/

  4. Frau Miest meint:

    Die Gebärde in DGS ist ähnlich der schweizerischen, eine Art zusammen- und vom Körper wegziehen vor dem Bauch bzw. Unterleib.

  5. Hande meint:

    So wie ich es kenne, bedeutet rare breed nicht unbedingt seltene rasse (oder uberhaupt eine rasse) sondern tiere die nicht industriell / in kleinen gruppen / auf kleinen farms aufgezogen wurden. Also breed nicht als rasse sondern aufzucht.

  6. die Kaltmamsell meint:

    Ah – das passt dann auch zum „free range“ des Hähnchens. Vielen Dank, Hande!

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