Journal Donnerstag, 7. Juni 2018 – Eingesperrt von Sturzregen

Freitag, 8. Juni 2018 um 6:40

Es waren falsche Meisenknödel gekauft worden, die nackten ohne Netz, die für Halterungen gedacht sind. Das entdeckte ich, als ich morgens einen neuen Meisenknödel ans Balkoneck hängen wollte (es ist wieder die Zeit des Jungmeisenfiepens). Große Aufregung, die Balkonvögel (Kohl- und Blaumeisen, Buchfinken, Amseln, Rotkehlchen, Kleiber, Buntspecht, Tauben) mussten sich erst mal mit Resten Streufutter begnügen.

Im Sonnenmorgen in die Arbeit, auf der Theresienwiese Duft von frisch beregneter Kamille und Lindenblüten. Über dem Westend Mauserseglerschrillen.

Ein weiterer heftiger Arbeitstag, der nur nicht länger wurde, weil ich vor einer Abendverabredung noch einkaufen wollte. Auf dem Weg zum Laden wurde der Himmel schwarz, Donner grollte. Doch erst als ich im Drogeriemarkt zwischen Glasreiniger und Parkettpflege stand, ging draußen ein Wolkenbruch nieder – Glück gehabt.

Dieser Wolkenbruch hielt mich allerdings erst mal im Drogeriemarkt fest: Nach 15 Minuten war seine Heftigkeit zumindest so weit abgeklungen, dass ich unterm Schirm nach Hause eilen konnte, im Slalom um knöcheltiefe Pfützen und große abgebrochene Äste.

Zuhause Abendessen: Salat aus frisch geholtem Ernteanteil, ein halbes Glas Kichererbsen eingestreut.

Als ich zu meiner Verabredung nach Sendling radelte, hatte der Regen fast aufgehört, ich rollte über eine dampfig-nasse Theresienwiese durch herrliche Luft.

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Das Feuilleton der Süddeutschen machte gestern mit einem großen Artikel zu gendergerechter Sprache auf, linguistisch fundiert (und online kostenlos lesbar!):
„Tief in der Sprache lebt die alte Geschlechterordnung fort“.

Unter anderem befasst sich der Aufsatz mit dem bis heute auch in akademischen Kreisen angeführten Argument, das grammatikalische habe mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun. Denn man kann seit vielen Jahren nachweisen: Doch, hat es.

Dass etwas mit der „Genus ist nicht Sexus“-These nicht stimmen kann, sieht man schon daran, dass das Genus in bestimmten Fällen das einzige Mittel ist, das natürliche Geschlecht zu bezeichnen. Substantivierte Adjektive werden allein durch das Genus auf Männer oder Frauen bezogen: die Kranke gegenüber der Kranke. Viel wichtiger ist aber, dass in der Linguistik längst der Nachweis erbracht wurde, dass das Genus direkte Auswirkungen auf die Vorstellung von Sexus hat, und zwar konkret auf die Wahrnehmung. Grundlegend dafür ist die Erkenntnis, dass Personenbezeichnungen wie Terrorist, Spion, Physiker, Lehrer, Erzieher, Florist oder Kosmetiker ein sogenanntes soziales Geschlecht aufweisen, das unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Es leitet sich aus dem realen Geschlechteranteil ab und aus Stereotypen, die man der jeweiligen Personengruppe zuschreibt. Bei diesen Beispielen nimmt der männliche Anteil vom Terroristen bis zum Kosmetiker in diesem Sinne beispielsweise ab.

Der Artikel schildert auch, wie man das herausgefunden hat.
Zitatgeeignetste catch phrase:

Das generische Maskulinum macht Frauen besser unsichtbar als jede Burka

§

Meisterstücke: Wie man ein Erlebnis mit verpassten Flügen und erweiterten Reisenunbillen beschreibt, ohne zu tiradieren.
„3. Juni 2018
Schlechte Flughafentechnik verzögert meine Rückkehr ins eigene Bett“.

Man (ich) möchte ihr den Bachmannpreis gleich nochmal geben.

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu “Journal Donnerstag, 7. Juni 2018 – Eingesperrt von Sturzregen”

  1. Elbwiese meint:

    Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, daß Helen Macdonald gerade mit einigen KollegInnen in München weilt, um über nature writing zu sprechen und zu lehren? Es gibt livestreams der Veranstaltung und sie liest heute Abend im Literaturhaus aus H wie Habicht. https://www.britishcouncil.de/en/uk-germany-2018/writing-nature

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ein Livestream! Vielen Dank für den Hinweis, Elbwiese, vom Termin hatte ich erfahren, jetzt kann ich sogar ein bisschen gucken.

  3. arboretum meint:

    Ich benutze lieber die Körbchen. Auf meinem Südbalkon ist es aber inzwischen zu heiß für Meisenknödel, das gibt sonst noch mehr Sauerei in der Regenrinne. Spatzen, Stare und Spechte hängen da auch dran, selbst Papageien erwischte ich schon dabei (mir graut vor dem Tag, an dem auch die Tauben diesen Trick erlernen, die lassen sich eh einiges einfallen, um ans Futter zu kommen).

  4. Roland meint:

    Meine Meisenknödel wurden (im letzten Winter) fast ausschließlich von Eichhörnchen verzehrt.
    Und die Sonnenblumenkerne von Mäusen.
    Die Vögel scheinen im Garten genug Schmackhafteres gefunden zu haben.
    Lieht sicher auch am Ort: Im Rhein-Main-Gebiet ist Schneebedeckung ein Ereignis von Stunden, nicht von Wochen.

  5. Elbwiese meint:

    Falls Sie es nicht selbst schon entdeckt haben: alle Vorträge und Lesungen des nature-writing-Seminars sind nachträglich online anschaubar: https://www.youtube.com/user/BritishCouncilGerman

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