Archiv für Dezember 2018

Journal Mittwoch, 26. Dezember 2018 – Familie Augsburg

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Zwischen halb acht und acht wurde es hell – zu einem wolkenlos blauen Himmel.

Gestern waren Herr Kaltmamsell und ich bei seinen Eltern zum Essen eingeladen, samt der Familien seiner beiden Brüder.

Die kurzen Wege zum Bahnhof und am Ankunftsort Haunstetten zur Wohnung der Schwiegers waren trotz Sonne unangenehm: Es war zapfig kalt. Das hatte allerdings die Zugfahrt recht schön gemacht: Frost und Raureif über Bäumen und Feldern.

Wir bekamen ein köstliches Mahl:

Avocado, Feldsalat, Tomaten, Champignons, Pinienkerne – Schwiegers servieren bei Festessen gerne erst mal ein Salätchen.

Familien-geschossener Rehrücken mit Kastanien, Blaukraut, Rosenkohl, Spätzle, Speckknödeln.

Nachtisch: Bratäpfel, die vor dem Garen in Portwein mariniert worden waren, gefüllt mit Marzipan, dazu schwarze Johannisbeeren und Florentiner.

Nach kurzer Pause: Tee und Kaffee an Plätzchen.

Dazu fröhliche Gespräche über Urlaubspläne, Schule (sowohl von Lehrenden- als auch von Schülerinnenseite), Wissenschaftlichkeit.

Abends setzte Herr Kaltmamsell mich daheim vor den Fernseher und zeigte mir die erste Folge Raumpatrouille Orion – als TV-entzogenes Kind hatte ich das noch nie gesehen. Sehr interessant, vor allem im Vergleich zu Raumschiff Enterprise, das ich ja recht gut kenne.

1000 Fragen 521-540

Mittwoch, 26. Dezember 2018

521. Welcher Dokumentarfilm hat dich beeindruckt?
Meet the Romans.

522. Machst du in der Regel das, was du willst?
Oh, das ganz große philosophische Fass, auf dessen Boden die Frage nach Existenz und Form von freiem Willen liegt. Ich ziehe mich zurück auf: Ich weiß es nicht.

523. Wie weit hast du deine Vergangenheit hinter dir gelassen?
Ganz verschieden – und das hat nichts mit der tatsächlichen zeitlichen Entfernung zu tun. Zum Teil spricht Herr Kaltmamsell von gar nicht so lang vergangenen gemeinsamen Erlebnissen, an die ich keinerlei Erinnerung habe, zum Teil sind mir Details von Erlebnissen gewärtig, die über 25 Jahre her sind. Und manchmal überfällt mich ein Schmerz aus der Kindheit.

524. Was solltest du eigentlich nicht mehr tun?
Nagelhaut fieseln.

525. Magst du klassische Musik?
Ja.

526. Wie aufgeräumt ist es in deinem Kopf?
Haben Sie Götter, Gräber und Gelehrte gelesen? Erinnern sich an das erste Foto, das Howard Carter durch die Tür vom Inneren des Grabs Tutenchamuns gemacht hat? So sehr nicht.

527. Welches Gedicht magst du sehr?
Federico García Lorca, „Canción del naranjo seco“.

528. Bist du ein guter Verlierer?
Sogar ein besonders guter.

529. Wer sollte dich spielen, wenn man dein Leben verfilmen würde?
Whoopi Goldberg. (Immer noch, auch wenn Joël immer darüber lacht.)

530. Wie viel Zeit brauchst du, um dich für einen festlichen Anlass zu stylen?
Eigentlich nicht viel mehr als für den Alltag – vielleicht ein, zwei Minuten mehr für zusätzlichen Lidschatten und ein weiteres Schmuckstück.

531. Wer hat für dich Vorbildfunktion?
Viele Frauen und Männer – in der einen Hinsicht, für die ich sie bewundere.

532. Würdest du etwas stehlen, wenn du nicht dafür bestraft würdest?
Nein: Ich nähme ja trotzdem jemandem etwas weg, was ihm/ihr und nicht mir gehört.

533. Hättest du gern eine andere Haarfarbe?
Nein.

534. Was ist der größte Unterschied zwischen dir und deinem Partner?
Er ist praktisch vorurteilsfrei, ich bestehe fast ausschließlich aus Vorurteilen.

535. Wo isst du zu Hause am liebsten?
Am Esstisch.

536. Wenn alles möglich wäre: Welches Tier hättet du gern als Haustier?
Einen Hund.

537. Auf welche Frage wusstest du in letzter Zeit keine Antwort?
Auf die Frage 522.

538. Was ist in deinen Augen die großartigste Erfindung?
Die Nutzung von Elektrizität.

539. Wenn du emigrieren müsstet: In welches Land würdest du auswandern?
Bis vor zweieinhalb Jahren hätte ich sofort und immer „England!“ gerufen. Durch das Brexit-Votum und die – vorher wie nachher – damit einhergehenden Veränderungen im Land bin ich Zweitheimat-los. Wenn ich dennoch müsste, nähme ich jetzt Irland.

540. Nach welchen Kriterien suchst du einen Film aus?
Geschichte, Darstellerinnen, von den Coen-Brüdern.

Quelle: Flow-Magazin.

Zu den Fragen 501-520.
Zu den Fragen 541-560.

Journal Dienstag, 25. Dezember 2018 – Familie Ingolstadt

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Wie es sich für Weihnachten gehört, bestand der Tag aus Essen und Familie: Ich reiste mit Herrn Kaltmamsell zu meinen Eltern. Das Wetter war kalt bis frostig, der Himmel zeigte nur hin und wieder eine Ahnung von Blau, in der Holledau sahen wir aus dem Zugfenster große Pfützen auf den Wiesen (erwähnenswert, weil seit neun Monaten unbekannt).

Wir schmausten zu viert:

Hühnersuppe mit Eierstich.

Pute mit Selleriepüree, Blaukraut und kleinen polnischen Kartoffelknödelchen.

Der Nachtisch war die im Hause Kaltmamsell traditionelle Packerl-Rotweincreme.

Mit übermenschlicher Anstrengung schafften wir es, uns nicht zu überfressen. Im Garten der Eltern große Vogelschau (unter anderem mächtige Saatkrähen), am Vogelhäuschen neben den aus der Münchner Innenstadt vertrauten Meisen, Amseln, Buchfinken, Rotkehlchen auch Distelfinken und Spatzen.

Journal Montag, 24. Dezember 2018 – Ich habe frei!

Dienstag, 25. Dezember 2018

Das war ein angenehmer Heilig Abend.

Wir hatten schon früh beschlossen, auch dieses Jahr zu zweit in aller Gemütlichkeit zu feiern, und das klappte.

Ausgeschlafen aufgewacht, mich sehr gefreut, dass neben mir genau dieser eine Mensch lag. Draußen prasselte der Regen. Nachdem ich zwei Waschmaschinen Bettwäsche und Handtücher versorgt hatte, machte ich mich also nicht für einen Lauf an der Isar fertig, sondern für eine Runde Strampeln auf dem Crosstrainer mit Kopfhörermusik. Das war genau richtig, ich genoss sowohl anderthalb Stunden Bewegung mit Schwitzen bei gekipptem Fenster als auch die Musik (der Shuffle-Modus erinnert mich immer wieder an Stücke, die ich vergessen hatte). Während dessen erledigte Herr Kaltmamsell die letzten Einkäufe.

Schon beim Frühstück um eins (Käsebrot, Granatapfel-Orangen-Joghurt mit Mohn, Plätzchen) war der Regen versiegt und kam den Tag über nur in vereinzelten Spritzern zurück. Ich schmökerte Internet – und hatte auch innerlich endlich frei.

Zwar hatte Herr Kaltmamsell Andeutungen gemacht, dass er den Dämmerungsspaziergang „Wir suchen das Christkind“ nicht vermissen würde, doch diese Sperenzchen fangen wir gar nicht erst an, weil: Untergang der abendländischen Zivilisation.

Ich hatte herausgefunden, dass ab 16 Uhr im Alten Südfriedhof wieder Blechbläser Weihnachtslieder spielen würden, dorthin gingen wir zuerst. Es waren noch mehr Menschen gekommen als vergangenes Jahr, die mittlerweile recht respektlos die Gräber vorm Kircherl St. Stephan zertrampelten und mit Kinderwagen zerfuhren. Die Musik war wieder sehr schön, aber vielleicht sollte man das Weihnachtsanblasen vors Lapidarium verlegen, an das sich ein größerer befestigter Platz anschließt.

Wir spazierten auf die Wittelsbacherbrücke.

Die Isar hatte plötzlich ordentlich Wasser – und das in der Hochwasser-Schlammfarbe, die mir im Glockenbachviertel bereits am Westermühlbach aufgefallen war.

In den Auen am Ufer gegenüber ließ sich direkt vor uns ein Vogel nieder, den Herr Kaltmamsell sofort mit „Das ist aber keine Krähe“ kommentierte. Wir näherten uns vorsichtig: Da war ein Sperber gelandet – der erste, den ich neben denen vor unserer Wohnung in München gesehen habe.

Das festliche Abendessen:

Eggnog, diesmal nach einem anderen Rezept (wohlschmeckend, doch die klassische Variante mit Bourbon und Rum ist mir dann doch lieber).

Buttergarnelen nach Ottolenghi.

Und dann hatte Herr Kaltmamsell über die Vortage eine Entenpastete vorbereitet, die nun feierlich aus der Form geholt und serviert wurde.

Dazu ein Tement Sauvigon Blanc, der sich blendend mit Garnelen und Pastete verstand.

Nachtisch: Plätzchen und spanischer Turrón – Letzteres ein Weihnachtsgeschenk meines Bruders.

§

Im Münchner Lokalteil der Süddeutschen fand ich gestern das liebevolle Portrait einer beeindruckende Frau: Die 83-jährige Luise Ertl hat sich aus einer Hungerkindheit in Niederbayern hochgearbeitet.
„Wie aus der Spagl Luise die bayerische Kantinenpräsidentin wurde“.

Früher waren für sie alle mit Krawatte noble Herren, jetzt sagt sie: „Die san zwar gscheida, aber arbeiten miassns aa.“

Oh ja: Ein Upstairs, downstairs in solcher Kulisse sähe ich gern.

§

Guter investigativer Journalismus taugt wirklich nicht immer zur Heldengeschichte:
„‚Diese kleine innere Stimme, die dir sagt, was du tun sollst'“.

Ronan Farrow hat den Weinstein-Skandal aufgedeckt. Der Preis dafür war hoch. Davon erzählt er in seiner Dankesrede zum Deutschen Reporterpreis.

Mir fiel gestern meine erste Bekanntschaft mit investigativem Journalismus ein: Das war während meines Volontariats, das ich ja gleich nach dem Abitur angetreten hatte. Ein Mitvolontär recherchierte damals, Mitte der 1980er, hartnäckig und aus guten Gründen sehr diskret über den eigenen Verleger; er hatte einen Hefter mit kopierten Quellen und einer Schreibmaschinen-getippten Zusammenfassung der Ergebnisse.

Als ich gestern diesen ehemaligen Mitvolontär Thomas Schuler nachschlug (den ich bereits als Schülerin von gemeinsamen Pfadfinder-Unternehmungen kannte, weswegen er für mich „der Schuler Tom“ ist), stellte ich fest, dass er zumindest Details aus den damaligen Recherchen in einem 19999 veröffentlichten Artikel verwertet hat:
„Der Pate vom ‚Donau Kurier'“.

Journal Sonntag, 23. Dezember 2018 – Adventspaziergang

Montag, 24. Dezember 2018

Dieses Jahr hatte ich es geschafft, meine Eltern und die Familie meines Bruders für unseren lange traditionellen Adventsspaziergang nach München zu locken. Mein Plan: Ein Spaziergang auf meiner Joggingstrecke Thalkirchen-Pullach, am Ende Einkehr in den Rabenwirt.

Vor ein paar Wochen hatte ich mich noch versichert, dass die Nifften, die in einem nicht gerade spazierfreudigen Alter sind, keine zu großen Widerstände gegen den Plan haben: Sie waren so freundlich, ihr Einverständnis auch auf direkte Nachfrage zu geben.

Morgens räumte ich Wohnung, kochte Chai sowie Gewürzsirup für Glühwein (wieder das mittlerweile Standardrezept von Stevan Paul, allerdings mit halb so viel Zucker und Honig) und deckte schon mal die Adventskaffeetafel für den Abschluss des Nachtmittags, stellte fest, dass wir nicht über die Ausstattung verfügen, eine Kaffeetafel für neun mit einheitlichem Geschirr zu bestücken (was in den über 20 Jahren unseres Zusammenlebens auch nie nötig war) – aber wir waren ja unter uns.

Zum Glück blieb der angekündigte Regen vorerst aus: Als wir in Thalkirchen aus der U-Bahn stiegen (die Familie hatte sich gefreut, dass wir ein Originalmodell von 1972 erwischt hatten), war es mild und grau. In gemischtem Geplauder spazierten wir anderthalb Stunden an der Isar bis zur Großhesseloher Brücke, stiegen dann auf zum Hochuferweg, gingen über Waldwirtschaft und an den größtenteils leer stehenden BND-Gebäuden vorbei hinein nach Pullach.

Im Rabenwirt wurden wir sehr herzlich empfangen und aßen ausgezeichnet. Der schöne, kleine Gastraum mit Fenstern hinaus aufs Isartal war belebt, aber nicht voll, wir saßen gemütlich. Weitere Attraktion: Der alte Berner Sennenhund, der quer über dem Gang zum Klo lag und sich streicheln ließ.

Richtig gutes Wiener Schnitzel.

Zurück nahmen wir die S-Bahn, für die Nifften Gelegenheit zu lustigen Gleichgewichtsspielen. Bei uns daheim: Glühwein, Chai, die Plätzchen, die ich über die vergangenen Wochen gebacken hatte, Stollen und den Kölner Mohnstollen, den meine Mutter mitgebracht hatte.

Mittlerweile regnete es heftig, Bruder und Schwägerin knickten ihre Pläne, das Tollwood zu besuchen.

Erste Male: Am Steuer des Wagens, mit dem die Familie nach München gekommen war, saß Neffe 1 mit frischem Führerschein.

§

Der Spiegel-Skandal beschäftigt weiter die Welt des Journalismus auf durchaus interessante Weise. Holger Starl analysiert in der Zeit:
„Ein Fall für die Lehrbücher“.

Die Relotius-Affäre ist nicht das Ende der Reportage. Aber die Kunstform der makellosen, überparfümierten Reportage, die den Leserinnen und Leser vorgaukelt, die ganze Welt im Schicksal einer Person erzählen zu können und mit der Figur des allwissend-autoritären Erzählers dabei ist, wenn es knallt und raucht und funkt – diese cineastische Kunstform muss spätestens jetzt am Ende sein.

Genau diesen Tonfall der Allwissenheit mochte ich im Journalismus noch nie: Wenn die Reporterin oder der Reporter sich anmaßten, in die Köpfe der Menschen zu sehen, über die sie berichten, konnte das nicht stimmen – und schon misstraute ich auch dem Rest der Geschichte. Das ging mir ganz persönlich als Leserin schon lang so mit dem Spiegel, noch während des Studiums wandte ich mich anderen Quellen zu. „Überparfümiert“ trifft es sehr gut. Ich sprang seinerzeit zum Beispiel sofort auf brandeins an: Diese Texte bewiesen, dass man auch Berichte fesselnd schreiben kann, dass in einer spannenden Geschichte die Fakten tragen – viel Text, wenig Bilder, brandeins arbeitete in der ersten Zeit sogar mit Fußnoten!

Guter investigativer Journalismus als unerlässliches Korrektiv einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft ist nicht unterscheidbar von geisteswissenschaftlicher Forschung: Transparenz in der Methodik, Belastbarkeit aller verwendeten Daten und Quellen, Beharrlichkeit in der Recherche auch gegen Widerstände. Dazu kommen präzise und nahbare Formulierung der Ergebnisse, klare Markierung von Interpretationen und Lücken – und Reflexion des eigenen Bias.

§

Zu Recht wird in der aktuellen Journalismus-Diskussion auf den Lokaljournalismus als vorbildliches Gegenstück verwiesen.

Im Landlebenblog berichtet eine Lokaljournalistin, warum sie trotz vielfältiger, als renommierter angesehener Möglichkeiten genau das macht:
„Lügenpresse, die zweite.“

Sie verlinkt den Artikel einer jungen Schweizer Kollegin:
„Eine Liebeserklärung“.

Passiert im Nachbardorf ein Vierfachmord, belagert die ganze Medienmeute Gemeindehaus und Stammtisch. Zwei Monate später sitzen wir alleine an der Gemeindeversammlung und ermöglichen Lokaldemokratie, selbst wenn die Schlagzeilen nicht mehr so gross sind. Dabei sind wir extrem nahe dran. Es kommt vor, dass ich nach der Urteils­verkündung in die Migros gehe und bei den Joghurts den Angeklagten wiedertreffe, vor der Kasse die Gerichtspräsidentin. Den Kommentar-Zweihänder bei jeder Gelegenheit auspacken? Ist nicht drin. Hell hath no fury like a… beleidigter Gemeindepräsident.

(Die Gummistiefel hat man nicht nur für Spatenstiche, sondern auch für Feuerwehreinsätze: Löschwasser ist nass und steht auch mal höher.)

In den vergangenen Tagen dachte auch ich immer wieder: Im Lokalen wäre das nie passiert. Dass Leserinnen und Leser fast alle glauben, ihre Lokalzeitung sei ein „Käseblatt“ (interessanterweise mit genau diesem Wort seit mindestens 35 Jahren), da stünden ja täglich Fehler drin – das liegt daran, dass sie sie dort bemerken. Und meist sind es ja eh Lässlichkeiten, die der Taktzahl einer Tageszeitung und mangelnder Fachkenntnis von Generalisten geschuldet sind. Meine Damen und Herren, setzen Sie sich hin: Die Fehleranteil ist im Mantelteil und in den großen Magazinen etwa genauso hoch – Sie merken es nur nicht. Und, ganz wichtig: Praktisch keiner davon ist Absicht, böse oder gute. Sondern der Fehlbarkeit von Menschen geschuldet. Weswegen der Spiegelskandal ja so ein Skandal ist.

§

Nachtrag: Ich bin Ihnen noch ein Weihnachtsfilmchen schuldig! Heute nehmen wir das der Cerebral Palsy (Zerebralparese) Foundation.

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https://youtu.be/LybFyLG96g4

(Ja, nee – ich kann mir beim besten Willen keine deutsche Version davon vorstellen.)

Journal Samstag, 22. Dezember 2018 – Schwimmkampf, Packen und Backen

Sonntag, 23. Dezember 2018

Ausgeschlafen, gebloggt. Es war Regen angekündigt, doch vorerst sah ich draußen nur viel Wind und grauen Himmel.

Ich freute mich auf eine Runde Schwimmen, die ich durch winzige Erkältungssymptome (spürbarer Hals, spürbare Luftröhre) nicht gefährdet sah, und radelte mit mildem Rückenwind zum Olympiabad.

Die große, berühmte Schwimmhalle ist noch bis März gesperrt, und im fensterlosen Trainingsbecken fand an den Sprungbrettern Vereinstrainig statt. Die Konsequenz: Nur zwei Schwimmbahnen für Zivilistinnen und Zivilisten. Zu meinem Unglück waren auf denen außer mir ausschließlich Spielzeugschwimmerinnen und -schwimmer unterwegs. Eine Gruppe von vieren machte sich auf meiner Bahn den Spaß, 50 Meter nebeneinander zu schwimmen – ich konnte nur unter der Bahnentrennung wegtauchen. Zu meinem Glück schaffte ich es, nicht gereizt zu sein und meine 3.000 Meter sogar um 300 Meter zu erweitern. Da ich wegen der Spielzeugschwimmer immer so weit außen schwamm wie möglich, machte ich mich auf blau gefleckte Hand und Unterarm am Folgetag gefasst (ständige Kollisionen mit der Bahnbegrenzung), doch diesmal hatte ich sogar gleich im Anschluss einen blauen Knöchel.

Zum wiederholten Mal fiel mir die zu geringe Höhe der Umkleidenwände im Olympiabad auf, denn wieder wurde eine der Nachbarkabinen von einem hoch gewachsenen Mann genutzt, der mit nur leichtem Heben des Blicks darüber hinweg sah. Ich hatte wie schon die vergangenen Male den Eindruck, dass das auch dem Herrn klar und unangenehm war, aus dem Augenwinkel bemerkte ich seine gebückte Haltung.

Auf dem Heimweg Einkaufsstopp im Basitsch an der Schleißheimer Straße: Erwartungsgemäß voll, aber die Atmosphäre war ruhig und friedlich, der Verkäufer an der Bäckereitheke lachte sogar über meine Scherze.

Frühstück kurz nach zwei, danach machte sich Herr Kaltmamsell zu seinen Nichten im Münchner Umland auf. Meine Nachmittagspläne lauteten: Plätzchenbacken, Bügeln, Geschenkeverpacken. Zu Letzterem wünschte sich Herr Kaltmamsell beim Verlassen der Wohnung: „Könntest du das machen, während ich weg bin? Du bist dabei immer so… unfriedlich.“ Also begann ich damit, und siehe da: Zwei Stunden ohne großes Gemetzel.

Vielleicht lag der Trick darin, dass ich diesmal mit den einfachsten Päckchen begann und so bei den komplizierteren bereits Routine hatte. (Sonst neige ich dazu, erst mal das Unangenehmste hinter mich zu bringen.)

Nochmal eine Runde Plätzchenbacken: Die Baci d’amore von Lamiacucina hatte ich seit Jahren eingemerkt. Das Rezept las sich kompliziert, ich kalkulierte komplettes Scheitern ein – aber eine Sorte gaaaaanz feine Plätzchen wollte ich auch auf dem Teller für die Familie haben. Und sei eine Sorte gescheiterte feine Plätzchen.

War dann gar nicht so schlimm, meine Ansprüche an Plätzchenästhetik habe ich über die Jahre eh fahren lassen. Von der Füllung blieb etwa ein Drittel übrig, vielleicht hätte der Teig dünner ausgerollt gehört – dann hätte wäre er mir aber ultimativ beim Falten weggebröselt.

Dazwischen das Nötigste gebügelt, draußen immer wieder Regenschauer. (Dass ich Herrn Kaltmamsell beim Abendessen – er machte aus den vielfältigen Gemüseresten im Kühlschrank Frittata – anstöhnte: „Ich will bitte dann mal frei haben“, lag aber eher an der Erschöpfung durch die Arbeitswoche davor.)

§

Schon am Samstag wurde bekannt: Das feministische Gemeinschaftsblog Kleinerdrei, gegründet von Anne Wizorek und unter anderem Juliane Leopold, sagt Kleinerbye und hört auf. Ich bin sehr froh, diese fünf Jahre miterlebt zu haben: Hier wurden mir die Augen über viele Aspekte von Queerness, des Lebens von Transmenschen, PoC, Hidjabis und vieler anderer marginalisierter Gruppen unserer Gesellschaft geöffnet. Danke, danke, danke. <3 <3 <3

§

Apropos lernen: Viel gelernt habe ich auch aus der Twittererzählung der US-Amerikanerin Candice Benbow. Sie beginnt damit, dass sie ihrem sehr lauten Nachbarn einen Brief schreibt und einen Kuchen backt.

§

Und schon wieder war Weihnachtliches! Miley Cyrus hat „Santa Baby“ ein bissl umgetextet.

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https://youtu.be/rPdXgCq_Rlg

(Boah, die Frau kann singen!)

Journal Freitag, 21. Dezember 2018 – Wie ich vor vielen Jahren mal einem Kolumnisten e-mailte

Samstag, 22. Dezember 2018

Windig wurde es gestern, hin und wieder regnete es, insgesamt noch milder.

Für den letzten Tag vor den Betriebsweihnachtsferien war es gestern dann doch recht emsig. Ich hatte mich darauf eingestellt, das Büro am mittleren Nachmittag zu verlassen, es wurde dann aber doch ein lediglich pünktlicher Feierabend. Vage hatte ich geplant, in die Stadt für ein paar Lebensmitteleinkäufe zu fahren, doch auf der Einkaufslisten-App Wunderlist, die ich mit Herrn Kaltmamsell teile, sah ich, dass er schon alles besorgt hatte.

Daheim kochte und kruschte ich noch ein wenig, bis es Zeit war, zu einer Weihnachtsfeier im Freundeskreis zu gehen. Mit Herrn Kaltmamsell spazierte ich durch stürmischen Wind nach Untergiesing, wo angenehme Gesellschaft und gutes Essen warteten. Leider war ich komplett erschöpft, fix und fertig, so dass ich das Fest schon früh verließ.

§

Juan Moreno war es, der die erfundenen Artikel im Spiegel aufdeckte, sein früherer Arbeitgeber Süddeutsche hat ihn dazu interviewt:
„‚Ich wusste, dass er lügt'“.

Lieblingsantwort.
(Und den mit der Spanish inquisition hat hoffentlich schon jemand gemacht?)

Während ich den Namen Claas Relotius am Mittwoch zum ersten Mal im Leben las, ist mir Juan Moreno ein Begriff, seit er die erste Samstagskolumne in der damals völlig neu gestalteten Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung schrieb: „Von mir aus“ hieß sie. Hin und wieder spielte seine spanische Gastarbeiterherkunft eine Rolle, unter anderem in einem brüllend komischen Text über die Bewerbung eines seiner Brüder an der Schauspielschule (you had to be there…). Er war Anfang des Jahrtausends der erste Journalist, dem ich mich traute eine E-Mail zu schreiben (Adresse erschlossen aus der Systematik im Impressum), er antwortete sogar, und das freundlich.

Seither freute ich mich immer, wenn ich seinen Namen in der Autorenzeile entdeckte, und war von dem Text darunter nie enttäuscht. (Na gut, die Sportgeschichten habe ich ausgelassen.)

In diesem Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2012 reist Moreno zum andalusischen Dorf seines Vaters, um herauszufinden, wie Spanien gerade tickt.
„Mein fremdes Land“.
(Offizieller Dank an den Spiegel, dass er diese Archiv-Geschichte kostenlos lesbar macht.)

Und wieder finde ich diesen Tonfall mit „Ich“ so viel glaubwürdiger als all die literarischen, atmosphärisch geraunten Reportagen, für die es gerne Preise gibt (der Text oben war allerdings zumindest nominiert für den Reporterpreis). Moreno gibt sich als filterndes, erlebendes Subjekt zu erkennen, er stellt sich nicht über das Thema und die Menschen, über die er berichtet. Für mich bedeutet diese Haltung großen Erkenntnisgewinn. Und Erheiterung, Moreno hat einen wunderbaren Humor.

§

Eine Kollegin machte mich gestern mit dem Genre Literal Video bekannt: Über die Musikvideos bekannter Songs wird die Beschreibung des Videos gesungen. Mittlerweile weiß ich, dass das Genre durch diese Version von „Total Eclipse of the Heart“ begründet wurde. Jahrezeitlich passend beschenke ich Sie heute allerdings mit dieser SRF 3-Interpretation von you know what:

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https://youtu.be/6vC_KqP7YgU


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