Archiv für Dezember 2018

Twitterlieblinge Dezember 2018

Montag, 31. Dezember 2018

Nachtrag: Mehr Lieblingstweetlisten hat wieder Anne Schüßler gesammelt.

Jahresrückblick 2018

Montag, 31. Dezember 2018

Die am häufigsten geherzten Fotos auf instagram:

Zugenommen oder abgenommen?
Wahrscheinlich wieder ein wenig zugenommen. Seit der Größe 38 vor zwölf Jahren werde ich ganz langsam, aber kontinuierlich mehr.

Haare länger oder kürzer?
Länger, weil jetzt Cary Grant.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Weniger kurzsichtig, ich brauche immer dringender neue Brillengläser.

Mehr bewegt oder weniger?
Weniger – so oft, wie ich in letzter Minute dann doch keine Lust auf geplanten Sport hatte…

Mehr Kohle oder weniger.
Wegen erfolgreicher Tarifverhandlungen ein wenig mehr.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Etwa gleich viel.

Der hirnrissigste Plan?
„Ach, dann mach‘ ich doch den Abstecher zum Rothaarsteig“ am ersten Tag der Westerwaldwanderung – allerdings war der nicht mal richtig hirnrissig, sondern einfach fehleingeschätzt.

Die gefährlichste Unternehmung?
Mein Leben in der sichersten Stadt Deutschlands und meine verschwundene Abenteuerlust verhindern wirklich gefährlichen Unternehmungen.

Die teuerste Anschaffung?
Die höchsten Einzelausgaben gingen in Urlaube, Dinge habe ich mir keine teuren angeschafft.

Das leckerste Essen?
Wie immer von der Situation abhängig. Am meisten genossen habe ich das eine oder andere Freitagabendfleisch aus der Pfanne, das Herr Kaltmamsell servierte, so manchen meiner Ernteanteilsalate, und die Currys des Herrn Kaltmamsell hauen mich ebenfalls regelmäßig um.

Das beeindruckenste Buch?
M.R. Carey, The girl with all the gifts – unter anderem weil ich nicht erwartet hatte, dass ein Zombieroman so gut gemacht sein könnte.

Das enttäuschendste Buch?
Michael Chabon, Summerland – selbst Meister Chabon kann mir Baseball als Romanthema nicht verkaufen.

Der ergreifendste Film?
Ich war gegen meine Vorsätze sehr wenig im Kino, sieben magere Mal. Am nahesten ging mir Call me by your name.

Die beste Musik?
Der Soundtrack von Call me by your name – aber beim Beantworten der Musikfrage fühle ich mich immer wie eine Betrügerin, weil die genannte Musik wahrscheinlich die einzige ist, die ich überhaupt neu gehört habe.

Das beste Theater?
Schon wieder diente mein Abo bei den Kammerspielen lediglich der Kulturförderung.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Büro.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Draußen.

Vorherrschendes Gefühl 2018?
Erträglich.

2018 zum ersten Mal getan?
Einen Preis für mein Blog entgegengenommen, Irland bereist, ein großes Fest beschlossen, ein Gefängnis von innen gesehen.

2018 nach langer Zeit wieder getan?
Einem Sportverein beigetreten, an einer Demo teilgenommen, an einer Familienhochzeit teilgenommen, Postkarten geschrieben, gehäkelt.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Schmerzen, den fortschreitenden poltischen Rechtsruck Europas, Schmerzen.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Geht wählen!

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Klappe halten.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Freundliche Zugewandtheit.

2018 war mit 1 Wort…?
Mal was Neues.

Vorsätze für 2019?
Let’s face the music and dance.

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https://youtu.be/rVoIirmCWPs

Journal Sonntag, 30. Dezember 2018 – Spaziergang nach Sendling

Montag, 31. Dezember 2018

Lang und mit Genuss geschlafen, zu Regengeräuschen aufgewacht. Es blieb ein dunkler, nasser Tag.

Gestern genehmigte ich mir wieder eine Runde Sport: 35 Minuten Crosstrainer, 35 Minuten tiefes Bauchtraining. Die Gymnastik war ordentlich anstrengend, ich konnte richtig schwitzen.

Frühstück, Lesen, Häkeln. Ein wenig raus wollte ich trotz des düsteren Himmels. Als ich gegen halb vier die Wohnung verließ, machte der Regen gerade Pause. Sonst spaziere ich immer entweder Richtung Marienplatz oder Richtung Isar, diesmal hatte ich mir als Ziel den Harras ausgesucht, ging also die Lindwurmstraße stadtauswärts rauf nach Sendling.

Wieder entdeckte ich, dass selbst in meiner nächsten Umgebung ein paar Schritte abseits meiner gewohnten Wege genügen, um mich völlig Neues entdecken zu lassen: Sendling hat diese leicht schäbige Vorstadtausstrahlung, die ich bislang nie live in München erlebt hatte (um sagen zu können, warum sie sich ganz deutlich von der Atmosphäre in Giesing unterscheidet, müsste ich erst nochmal in mich gehen).

Zurück in der Ludwigsvorstadt.

Sehr vertraut fühlte sich allerdings die seltsame Stimmung der Jahreszeit an. Dieses innere Schweben zwischen Weihnachten und Silvester kenne ich seit Jungmädchenzeiten, in denen ich mich an diesen Tagen mit Freundinnen und Freunden traf, daheim mit Strickzeug auf dem Schoß, in den letzten ein, zwei Jahren vor dem Abitur auch schon in Cafés oder Teeläden. Und auch wenn ich gerne ein bisschen Sonne und längere Tage gesehen hätte und verreist wäre, mag ich es dieses Jahr, ins echte Nichtstun zu fallen – und unter anderem auf die Idee mit dem Häkeln zu kommen. Andere Leute, habe ich mir sagen lassen, fangen in diesen Tagen an Puzzles zu legen.

Daheim schrieb ich den Post über meine Bücher 2018 fertig und las im Faksimile von Henri Cartier-Bressons The decisive moment (Weihnachtsgeschenk), bis Herr Kaltmamsell Apfelstrudel nach Rezept seiner Mutter servierte.

Bücher 2018

Sonntag, 30. Dezember 2018

Ich werde mich wohl damit abfinden müssen, dass ich immer weniger Bücher lese. Sehr wahrscheinlich ist diese Lesezeit von Internetlesen übernommen worden: Ich lese mehr Artikel, auch lange Artikel in Online-Medien, meist auf Twitterverweise hin. Außerdem schaffe ich es nicht mehr, meine Tageszeitung ungelesen zu lassen: Während des Studiums stapelte sich die Süddeutsche auch mal ein paar Tage ungelesen, wenn ich gerade in einem fesselnden Buch steckte – das habe ich verlernt.

* markiert meine Empfehlungen
() In Klammern gesetzt habe ich aktives Abraten.
Unmarkiert sind Bücher, die mir genug zum freiwilligen Auslesen gefielen.

1 – Leo Perutz, Der Meister des Jüngsten Tages

2 – Stephen Fry, Mythos

3 – Zoë Beck, Die Lieferantin*
Ein richtig gut gemachter Krimi („Thriller“ wie auf dem Buchtitel hätte ich den Roman nicht genannt), Handlung und Sprache sauber gearbeitet. Die Geschichte (kein who done it, wir wissen immer, wer was gemacht hat – vielleicht deshalb die Einordnung als Thriller?) handelt in einer nahen Zukunft in London, es geht um Drogengeschäfte und -politik, um Nationalismus, organisierte Kriminalität und wunderbar viel Technik. Angenehmerweise stören keine Liebesgeschichten. Die Charaktere sind genau genug gezeichnet, dass ich sie glaubte und mich hineindenken konnte.

4 – Deborah Feldman, Unorthodox
Sehr gemischte Gefühle dem Buch gegenüber. Ich habe durch diese Autobiografie zwar viel über die Ideologie und Ursprünge der Hassidim gelernt, auch über die konkreten und oft haarsträubenden Details der konkreten beschriebenen Spielart. Und ich erkannte das Muster, das sie mit allen radikalreligiösen Sekten und Esoteriken verbindet: Je absurder der Glauben, je weiter weg von Ratio und sonstigem gesellschaftlichem Konsens, desto inniger und richtiger fühlt er sich für die Mitglieder der Gemeinschaft an.
Doch, und jetzt kommt das große Aber: Ich fühlte mich beim Lesen unwohl. Feldman schreibt ja nicht nur intime Details über sich selbst, sondern entblößt bis ins Intimste andere Menschen von Verwandten bis Ehepartner – echte Menschen, die sich nicht wehren konnten. Das ist in meinen Augen unanständig und gemein. Ihre eigene Befreiung ist durchaus interessant und sei ihr unbenommen; schließlich zeigt sich Deborah Feldman überzeugt, dass sie von Kindesbeinen an nicht wirklich dazu passte. Doch dass sie die Privatspähre so vieler anderer Menschen für ihre Geschichte ausschlachtet, kann ich nicht gut heißen.

5 – Sue Townsend, The Secret Diary of Adrian Mole aged 13 3/4

6 – Elena Ferrante, Ann Goldstein (transl.), My brilliant friend

7 – Granta 142, Animalia

8 – Christiane Frohmann, Präraffaelitische Girls erklären das Internet

9 – Barbara Yelin, Irmina*
Die graphic novel um Irmina spielt im Europa der 30er und zeigt die politische und gesellschaftskritische Bewusstwerdung einer jungen, aufgeweckten Frau aus Deutschland während eines langen Aufenthalts in England – und wie dieselbe Frau nach ihrer Rückkehr einknickt und sich einreiht in die Mitläufer des Dritten Reichs. Bedrückend und nachvollziehbar.

10 – M.R. Carey, The girl with all the gifts*
Hier besprochen.

11 – Didier Eribon, Tobias Haberkorn (Übers.), Rückkehr nach Reims*
Hier besprochen.

12 – Stanisław Lem, Caesar Rymarowicz (Übers.), Sterntagebücher

13 – Lena Gorelik, Meine weißen Nächte

14 – John Irving, The Cider House Rules*
Der Roman hat sich sehr gut gehalten, beim wiederholten Wiederlesen war ich wieder gefesselt von der Geschichte und den Personen, lachte und weinte mit ihnen, bewunderte die implizite pro choice-Argumentation und die handwerklich meisterhafte Erzähltechnik. (Als ich vor vielen Jahren während eines Englandurlaubs vor einem Buchladen auf einen Stapel Gray’s Anatomy-Faksimiles stieß, kaufte ich selbstverständlich sofort ein Exemplar.)

15 – Michael Chabon, The Yiddish Policemen’s Union*
Ebenfalls wiedergelesen, dieses für unsere Leserunde, und ich musste mein Urteil von 2010 nicht revidieren.

16 – Granta 143, After the fact*
Eine besonders gelungene Ausgabe des einen Literaturmagazins, das ich im Abo bekomme: Geschichten und Reportagen über eben Vergangenes, darunter über sozialen Wohnungsbau in England und über Palmyra – allein diese beiden Texte und Bilder lohnten die ganze Ausgabe.

17 – Oskar Maria Graf, Das Leben meiner Mutter*
Ein unglaubliches Zeitzeugnis hat Graf mit diesem autobiografischen Roman hingelegt – und es passte perfekt in dieses Jahr, in dem hundert Jahre Räterepublik gefeiert wurden. Diese politische Zeitgeschichte bildet aber nur das letzte Drittel des dicken Buchs, davor geht es um eine ländliche Kindheit in den letzten Jahrzehnten der bayerischen Monarchie, um Herrschaftsverhältnisse, katholischen Alltag, um Wissbegier ohne Chance.

(18 – Pierre Michon, Anne Weber (Übers.), Leben der kleinen Toten)
Über dieses weit gerühmte Buch ärgerte ich mich sehr: Da interessierte sich jemand keineswegs für das Leben kleiner Leute, sondern nur für sich selbst, seine romantische Herkunft, seine tsetsetse wilde und verkommene Drogenjugend – und brauchte ein paar Leute als interessante Staffage dafür, notfalls halb erfunden. Die Sprache vor lauter konstruierter Vergleiche und unter Schmerzenslauten an den Haaren herbeigezogenen Bildern nahezu undurchdringlich – kein Torbogen, kein Baum ist vor Michons Metapherorhoe sicher. (Beispielsatz: „Welches alte Familiendrama lebt weiter in der Kehle der Hähne?“) Wenn das die Krone französischsprachiger Erzählkunst ist, kann sie mir gestohlen bleiben.

19 – The Stinging Fly, Issue 38/Volume Two, Summer 2018

20 – Robert Galbraith, The Cuckoo’s Calling*
Ich hatte Lust gehabt auf leicht verdauliches, aber gut gemachtes Lesefutter und mich an die Empfehlung dieser Krimiserie von J.K. Rowling unter Pseudonym erinnert: Volltreffer. Eine wunderbare Mischung aus bekannten private eye-Topoi und Abweichung davon. Die Stadt London spielt eine große Rolle, der ermittelnde Cormoran Strike ist ein Kriegsveteran mit ausreichend gebrochener Persönlichkeit, um spannend zu bleiben, und dann haben wir seine Assistentin Robin, die von Anfang an deutlich interessanter ist als die Stehlampen-Ersatzfiguren, die ich an dieser Stelle von Film und Roman gewohnt bin.

21 – Chimamanda Ngozi Adichie, Americanah*
Eine intellektuelle Nigerianerin in USA, die sich dort zum ersten Mal wie eine Schwarze fühlt, steht im Mittelpunkt dieses Romans. Ich lernte viel über Nigeria samt seiner jüngeren Geschichte und ließ mir von der Erzählerin meine eigenen Vorurteile und Unkenntnisse unter die Nase reiben. Gleichzeitig fand ich die Geschichte ganz hervorragend erzählt: Nicht chronologisch und doch zeitlich voranschreitend, immer wieder dazwischengeschoben provokante Blogposts der Erzählerin zu Rassismus.

22 – Heinrich Böll, Irisches Tagebuch

23 – Neil Gaiman, American Gods*
Allein schon die Prämisse mochte ich: All die Einwanderer in die USA haben mit ihrer Folklore auch die mythischen Figuren ihrer Herkunftskulturen mitgebracht – und die haben sich in den Staaten ebenso verändert wie alle anderen Einwanderer. Es machte gar nichts, dass ich nicht alle handelnden Figuren einem Mythos zuordnen konnte: Die Geschichte überraschte mich immer wieder und hielt mich bei der Stange.

24 – Granta 144, Generic love story

25 – Richard Matheson, I am Legend

26 – Michael Chabon, Summerland
Das letzte Fünftel ließ ich ungelesen: Der Kinder-/Jugendroman war wirklich nicht schlecht gemacht, aber die thematische Mischung aus Baseball und dem kleinen Hobbit ging komplett an mir vorbei.

27 – Michael Ondaatje, Warlight*
Hier besprochen.

28 – Alan Bradley, The Sweetness at the Bottom of the Pie

29 – Robert Galbraith, The Silkworm

30 – J.G. Farrell, Troubles*
Der Roman spielt im Irland kurz nach dem Ersten Weltkrieg, vordergründig geht es um ein riesiges, altes und von Engländern geführtes Hotel in der Nähe von Dublin, das Majestic, das langsam aber energisch verfällt. Im Mittelpunkt steht vordergründig der britische Major Brendan Archer, nach dem Krieg und Aufenthalt im Sanatorium frisch aus dem Militär entlassen. Hintergrund aber sind die vielen kleinen und mittelgroßen gewalttätigen Auseinandersetzungen der britischen Kolonialmacht mit den einheimischen Iren, die sich erst aus historischer Entfernung als Unabhängigkeitskrieg herausstellen.
Ich war sehr angetan von der dichten und detailreichen Handlung, in der sich das steigende Chaos im und am Hotel mit dem Verfall des britischen Empire verwebt, von den grotesken Einzelheiten, mit denen sich die Hotelbewohner abfinden und von der Erzählstimme, die indirekt die überhebliche Haltung der Briten und nur wenig Hellsicht spiegelt – unter anderem haben zwar alle britischen Bewohnerinnen und Besucher des Hotels Namen, aber aus dem zahlreichen einheimischen Personal des Komplexes nur zwei Personen.
Der Roman (der erste aus Farells „Empire Trilogy“) ist ein großartiges Stück Commonwealth Literature aus unerwarteter Richtung,

31 – Elizabeth Strout, My name is Lucy Barton*
Ein kleines, seltsames Buch, das mir nahe ging. In Episoden wird das Leben der Titelfigur Lucy Barton beschrieben. Ausgangspunkt ist ein langer Krankenhausaufenthalt, auf den die Ich-Erzählerin immer wieder zurück kommt. Doch die Episoden reichen zum einen bis in ihre bitterarme früheste Kindheit zurück, zum anderen in eine weite Zukunft. Es bleibt bis zum Schluss unklar, wo gerade „Jetzt“ ist, die Erzählstimme scheint sich beim Erzählen ebenso zu suchen wie wir sie beim Lesen.

32 – Granta 145, Ghosts

33 – Birte Alber, Carsten Cording, Eichhörnchen entdecken!*
Genau dieses Buch hatte mir bislang gefehlt, um mir viele Fragen zu beantworten, die während der vergangenen Jahre meines Lebens Haus an Baum mit zahlreichen Eichhörnchen entstanden waren. Und es enthält ganz viele niedliche Eichhörnchenfotos!

34 – A.L. Kennedy, Serious Sweet
Für meinen Geschmack wollte der Roman zu viel. Ein Symptom: Er muss mit drei Schrifttypen arbeiten, um die Leserin mit der extrem verflochtenen Struktur nicht komplett zu überfordern.

35 – Meta Bene, Es gibt mehr Sterne als Idioten.*
Ich kannte die Cartoons von Meta Bene von seinem Twitter-Account, dieses schöne Buch gibt ihnen die angemessene Wertigkeit.

Journal Samstag, 29. Dezember 2018 – Ferientag mit Philosophie

Sonntag, 30. Dezember 2018

Schlecht geschlafen, um sechs Uhr aufgewacht. Nach dem vielen guten Schlaf in den Nächten davor machte mir das nichts aus. Da gestern zudem keinerlei Sport geplant war, wurde der Vormittag wunderbar lang. Bis mittags hatte ich schon
– gebloggt
– mich geduscht und angezogen
– die letzten 150 Seiten von A.L. Kennedys Serious Sweet gelesen
– ein ordentliches Stück gehäkelt
– in der Innenstadt vielfältig eingekauft (u.a. ein Kleid, das ich am Freitag beim Vorbeigehen gesehen hatte und von dem ich mich überzeugen konnte, dass es mir wirklich nützen würde)
– gefrühstückt
– die Wochenend-SZ gelesen

Zum Kaffee war ich im Bader Café verabredet und erfuhr zum einen wenig Erbauliches über das universitäre Wissenschaftswesen, zum anderen schloss sich ein Kreis zum Bernheimer-Teil des Ausstellungsbesuchs am Vortag.

Daheim zog ich mir wieder die Handarbeit auf den Schoß und hörte dabei Das philosophische Radio auf WDR 5, „Wie denken Sie über das Denken?“, Studiogast war Philosoph Markus Gabriel.
via @malomalo

Um die Künstliche Intelligenz tobt eine Debatte, die mitunter fast apokalyptische Züge trägt. Wie gefährlich ist die Entwicklung tatsächlich?

Ich war verblüfft, dass Gabriel tatsächlich von den Wörtern „Künstliche Intelligenz“ ausgeht und für die Einschätzung der Folgen von KI zunächst nach einer Definition von menschlicher Intelligenz sucht – zumal das eine typische Torheit von naturwissenschaftlichen Laien ist: metaphorische Fachbegriffe buchstäblich zu nehmen und daraus scheinbar fachliche Schlüsse zu ziehen. Der Begriff Künstliche Intelligenz ist die denkbar wenigst nützliche Bezeichnung für das Fachgebiet, die Forscherinnen und Forscher, die damit arbeiten, verwenden ihn zwar als etablierte Bezeichnung, sprechen aber, wenn’s ans Eingemachte geht, eher von „kognitiven Systemen“. (Zudem fiel mir auf, dass alle von Gabriel zitierten philosophischen Stimmen die von Männern waren – gibt es keine Philosophinnen, die sich zu kognitiven Systemen oder menschlicher Intelligenz äußern?) Interessanter fand ich den zweiten Teil der Sendung, in der es um die Abgrenzung des Menschen von anderen Lebewesen ging und um die Einordnung der Suche nach dem Sinn seines Lebens.

Nachtmahl (wieder von Herrn Kaltmamsell bereitet): Kartoffel-Lauch-Gratin (Gemüse aus Ernteanteil, Sahne, Creme fraiche und Mozzarella mussten weg), dazu Blaukraut-Rohkostsalat mit Äpfeln, Orangen, Haselnüssen, Feta. Als Aperitiv hatte ich uns einen Brandy Manhattan aus dem neuen aufgelegten Schumann’s Bar (Weihnachtsgeschenk) gemacht: Deutlich fruchtiger als der klassische Manhattan Perfect, gut!

Ins Bett nahm ich Meta Bene, Es gibt mehr Sterne als Idioten., mit und freute mich daran.

Journal Freitag, 28. Dezember 2018 – Isarsonne, Provenienzdunkelheit

Samstag, 29. Dezember 2018

Immer noch Ferien, sie waren mir sehr bewusst und ich genoss sie ebenso wie das Ausschlafen.

Frostiger Morgen, strahlende Sonne. Ich hatte genug Ruhe, nach dem Bloggen und vor dem Sport die Süddeutsche vom Tag zu lesen (nicht das Magazin, das mit dem Titel „Das Jahr 2018 als Quiz in 86 Fragen“ ohnehin wenig attraktiv aussah).

Sport hieß gestern: Isarlauf von daheim weg nach Thalkirchen. Ich nahm die seltenere Route auf der Westseite der Isar. Leichtes Laufen in guter und nicht zu eisiger Luft, erst das letzte Drittel strengte an.

Leider sah ich, dass die Isar wieder so niedrig steht wie vor Weihnachten: Der Regenguss vergangenes Wochenende war lange nicht genug.

An der Brudermühlbrücke Malerei, die ich noch nicht kannte:

Zum Frühstück Obst und das am Vortag gebackene Brot – schmeckte nicht so gut, wie ich es in Erinnerung hatte. Ziemlich brutale Bandscheibenschmerzen (beim Laufen selbst nichts davon), ich griff zu Ibu.

Nachmittags besuchte ich mit Herrn Kaltmamsell die kleine Sonderausstellung „‚Ehem. jüdischer Besitz‘ – Erwerbungen des Münchner Stadtmuseums im Nationalsozialismus“, die mir meine Mutter empfohlen hatte. Am eigenen Beispiel und mit ganz konkreten Fällen zeichnet darin das Stadtmuseum nicht nur nach, wie die Ausgrenzung und Verfolgung von Juden in München im Dritten Reich durchorganisiert war, sondern wie Museumsleitungen sie für ihre Belange ausnutzten (in den – wieder nicht endkorrigierten – Erläuterungstexten tauchte auffallend häufig das Wort „skrupellos“ auf). Das blieb mir am intensivsten hängen: Wie sehr die Verwaltungen im Dritten Reich sich anstrengten, die Diktatur auf eine legale Basis zu stellen. Rassengesetze, Enteignungen, Arisierung hatten eine ausgeklügelte und konsistente Bürokratie hinter sich: Erfassung des Besitzes von Juden, Aufforderung zur Übergabe, Festhalten von Einzelposten und Wert, der Verwaltungsaufwand war von den enteigneten Juden zu bezahlen, Überweisung des Werts auf Sonderkonten, von denen die Besitzer nichts abheben konnte.

Abends begann ich eine Häkelarbeit (Geschenk für eine möglicherweise mitlesende, Details deshalb später), nach mindestens zehn Jahren Pause. Ich fand es hochspannend, was meine Finger alles noch wussten – mein Hirn kam erst langsam hinterher und holte hervor, warum sie machten, was sie machten.

Zum Nachtmahl hatte ich Salat und rote Paprika besorgt, ich brauchte dringend etwas Frisches. Dazu Käse und Brot, zum Nachtisch Weihnachtssüßigkeiten.

§

Peter Unfried schreibt in der taz:
„Abschied von einem liberalen Traum
California Albdreaming“.

Ein Versuch der Erforschung, wie ausgerechnet ehrgeizige Weltverbesserer, Macherinnen und Ideenhaber die Spaltung der Gesellschaft verstärkt haben. Schmerzliche Einsichten, keine Lösungen.

via @kittykoma

Journal Donnerstag, 27. Dezember 2018 – Neustart Brotbacken

Freitag, 28. Dezember 2018

Dieses Ausschlafen ist ein feine Sache – ich genieße es sehr, zumal ich trotz der einen oder anderen nächtlichen Schmerzunterbrechung gut schlafe.

Gestern buk ich nach vielen Monaten Pause mal wieder Brot, und zwar Roggenschrotbrot. Ich hatte eine Woche davor frischen Sauerteig gezogen (klappte problemlos, mein Sauerteig duftet nach Schwarzgeräuchertem), vorgestern hatte ich das Quellstück angesetzt, gestern knetete ich vormittags den Teig und ließ ihn gären, während ich im Olympiabad Schwimmen war. Stückgare und Ausbacken nach Rückkehr.

Eines der Brote fror ich gleich nach dem Auskühlen ein. Und schon wächst mir eine Liste an Broten, die ich als nächste backen will

Mein Schwimmbedürfnis führte mich erst mal in den überfrosteten Olympiapark (die Stadtmitte war sonnig und klar, allerdings auch sehr kalt).

Ich hatte vorher den Belegungsplan des Olympiabads studiert: Donnerstag wird trainiert. Umso schöner war die Überraschung, dass alle fünf Schwimmbahnen zur Verfügung standen, ich entspannt und ungestört durchziehen konnte. Anfangs war mein Vergnügen noch durch die derzeit durchgehenden Kreuz-, Hüft- und Beinschmerzen gestört, doch die wurden mit der Zeit deutlich besser.

Auf dem Heimweg besorgte ich noch frisches Obst beim Basitsch. Während der Brotteig sein Ding machte, frühstückte ich Entenpastetenreste von Heilig Abend sowie Granatapfel-Mandarinen-Joghurt und eine große Tasse Darjeeling.

Nachdem das Brot fertig gebacken war, verließ ich das Haus nochmal in die Winterkälte: Münzen abgeben in meiner frisch renovierten Sparda-Filiale, Plausch mit den beiden Schalterdamen über ihren Eindruck von der neuen Arbeitsstätte.

Daheim gemütliches Buchlesen (A.L. Kennedys Serious Sweet hatte ziemlich Anlaufschwierigkeiten, aber jetzt bin ich drin), abends servierte Herr Kaltmamsell den Butternut-Kürbis aus Ernteanteil als Curry.

§

Ein kluger Text über die Gefahren des seit 20 Jahren in der professionellen Kommunikation so beliebten storytelling:
„Über die sogenannte Wiedergabe der sogenannten Welt oder Einige Gründe gegen Geschichten“.

via Buddenbohm & Söhne

Dass die Story längst zu einer Konsumkategorie geworden ist, ist seit einigen Jahren an jedem Bushäuschen und in jeder Werbepause zu sehen und zu hören: Lotterie-Unternehmen und Krankenkassen brüsten sich auf Plakaten damit, ganz besondere Geschichten zu ermöglichen: Erst diejenige, die eine schwere Krankheit überwunden hat, kann und darf erzählen. Und nur derjenige, der im Lotto gewonnen hat, ist auserkoren, seine Geschichte zu teilen. Gesunde oder Arme kommen in dieser Betrachtung nicht vor. Sie zählen nicht, weil sie vermeintlich nichts zu erzählen haben.

Wenn diese Unterscheidung zwischen erzählenswerten und -unwerten Erfahrungen auf die Praxis des eigenen Lebens übertragen wird, setzt eine Selbstdisziplinierung ein. Die Wertigkeit eines Augenblicks misst sich dann an dessen Erzählbarkeit, die wiederum durch zwei Kriterien bestimmt wird: Erfolg und Effizienz.

Die Gefahr für die PR-Welt: Wenn die Entscheidung für eine Geschichte gefallen ist, in der Inhalte gekleidet werden, fällt sie automatisch gegen eine ganze Menge Fakten, die nicht dazu passen. Ein narrative bias ist entstanden.

§

Wenn ich Sie mit dieser Twitterkonversation mal kurz für den jüngeren deutschen Roman an sich verderben dürfte?

§

Die Süddeutsche hat Bundestagsprotokolle ausgewertet, wie sich die Anwesenheit der AfD im deutschen Parlament auf die dortige Debattenkultur auswirkt.
„Das gespaltene Parlament“.

via @vilsrip


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