Journal Dienstag, 12. Februar 2019 – Gruppenturnen beeinträchtigt

Mittwoch, 13. Februar 2019 um 6:51

Seit Tagen schon kommt mir jedes Datum unheilvoll vor. War im Februar irgendwas Schlimmes?
(Und hatte ich das nicht erst kürzlich mit einem anderen Monat?)

Über Nacht hatte es wieder eine weiße Schicht auf alles geschneit, ich trug für den Weg in die Arbeit doch lieber wieder Stiefeliges mit Profilsohle.

Eine Angstsache, die meine nächtliche Unruhe sich fürs Sorgenkarussell ausgesucht hatte, löste sich durch Rückfrage auf. Neu war der Eingang einer umfangreiche Rücksendung von Dingen, deren Genesis ich Sherlock-Holmes-artig recherchieren musste. (Zum Glück heben auch andere Menschen jedejede E-Mail auf.)

Pünktlicher Feierabend, weil ich zum Gruppenturnen in den Verein ging. Der Turnsaal war wieder sehr voll, den Spaß nahm mir allerdings die Erkenntnis, dass die Hüft- und Beinschmerzen mir eine ganze weitere Reihe Übungen unmöglich machen. Hinter mir turnten Männer und Frauen, die mindestens 20 Jahre älter waren als ich – und die konnten die. Es muss wirklich was passieren, das schlägt mir jetzt doch aufs Gemüt.

Während ich mir daheim Suppe vom Vortag aufwärmte (Herr Kaltmamsell war aushäusig), klingelte das Stationärtelefon: Ein mir bekanntes Unfrageunternehmen bat mich zur Teilnahme an einer Umfrage. Sonst bekommt sowas der viel daheim arbeitende Herr Kaltmamsell ab, diesmal stellte ich mich zur Verfügung und beantwortete 20 Minuten lang Fragen zu politischen und gesellschaftlichen Prioritäten, Nachrichtenwahrnehmung, sexueller Orientierung – und Marken. Letzteres passte gar nicht zum Rest, hat aber womöglich das Ganze finanziert. Ich interessiere mich für solche Umfragen sehr und fand auch diesmal die Fragestellung und -formulierung bemerkenswert, unter anderem hätte ich dann doch gerne gewusst, was mit „Modernisierung des Gesundheitswesens“ gemeint war: Noch mehr Gewinnorientierung oder mehr Rücksicht auf die Menschen – Patienten und Personal? Das konnte ich die junge, etwas gehetzte Männerstimme natürlich nicht fragen, sie war ja nicht für die Formulierung verantwortlich.

Mit Genuss Suppe gegessen, Tagesschau auf dem Rechner hinterher geschaut, Internet gelesen, mich über erste Rückmeldungen zum großen Fest gefreut, früh und sehr müde ins Bett gegangen, If Beale Street could talk von James Baldwin angefangen.

Gestern viel übers Fahrradfahrenlernen nachgedacht. Wenn eine erwachsene Neu-Münchnerin Fahrradfahren lernen möchte, ist es nämlich keineswegs damit getan, dass sie sich lang und sicher auf dem Radl halten kann, rechts- und linksrum fahren, bremsen, absteigen, aufsteigen etc. Vor allem muss sie lernen, auf dem Radl durch Münchner Verkehr zu kommen und zu überleben, ohne vor Angst zu erstarren – das stelle ich mir als schwer zu vermittelnden Lerninhalt vor.

§

Ausführlicher Artikel im Atlantic:
„Scientists Are Totally Rethinking Animal Cognition“.

Autor Ross Andersen hängt seine Geschichte am indischem Jinismus auf, „an ancient religion whose highest commandment forbids violence not only against humans, but also against animals“, der auch den roten Faden des Artikels bildet – sehr schön gemacht. Und Nachdenken über Bewusstsein bei Tieren führt natürlich zu Nachdenken über die Untersuchbarkeit von Bewusstsein generell.

Even in a secular age, consciousness retains a mystical sheen. It is alternatively described as the last frontier of science, and as a kind of immaterial magic beyond science’s reckoning. David Chalmers, one of the world’s most respected philosophers on the subject, once told me that consciousness could be a fundamental feature of the universe, like space-time or energy.

(…)

These metaphysical accounts are in play because scientists have yet to furnish a satisfactory explanation of consciousness. We know the body’s sensory systems beam information about the external world into our brain, where it’s processed, sequentially, by increasingly sophisticated neural layers. But we don’t know how those signals are integrated into a smooth, continuous world picture, a flow of moments experienced by a roving locus of attention—a “witness,” as Hindu philosophers call it.

Ein berührender Gedanke:

Jains believe that humans are special because, in our natural state, we are nearest to this experience of enlightenment. Among Earth’s creatures, no other finds it so easy to see into the consciousness of a fellow being.

Mäkeln muss ich allerdings doch: Zu vielen Aussagen im Artikel hätte ich gerne die Forschungsquelle gehabt.

Deshalb hier zum Thema frisch aus der Forschung, nämlich der von Max Planck:
„Sind sich Fische ihrer selbst bewusst?
Putzerfische scheinen sich selbst im Spiegel zu erkennen“.

Was allerdings auch die Forschungsmethode reflektiert (so funktioniert Wissenschaft):

„Wir müssen (…) den Spiegeltest kritisch hinterfragen und überlegen, ob er weiterhin als Standard für den Selbst-Bewusstseins-Nachweis bei Tieren eingesetzt werden sollte“.

Selbst eines Morgens beobachtet: Eine Krähe, die eine Walnuss auf die mittel-verkehrsreiche Straße vor meinem Büro legte, am Rand wartete, bis sie von Autoreifen geknackt war und dann denn Inhalt aufpickte. (Ich mag das aber lediglich als beabsichtigte Kette von Ereignissen interpretiert haben, weil ich mehrfach von solch einer Krähentechnik gelesen hatte.)

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu “Journal Dienstag, 12. Februar 2019 – Gruppenturnen beeinträchtigt”

  1. Christine meint:

    Es stellt sich halt immer die Frage, ob es nun Erkenntnis ist, oder ein Cargo-Kult.

    Also ob die von Ihnen beschriebene Krähe das an einigen Straßen macht, oder nur exakt an dieser Stelle?

  2. Internetkollegin meint:

    Ich teile ja das eher laienhafte Vogelbeobachtungsinteresse mit Frau Kaltmamsell und steuere hier gerne noch Beobachtungen aus dem ländlichen Raum bei: Nüsse knacken durch Fallen lassen lässt sich hier bei Hähern, Spechten, Elstern und Raben beobachten.

    Der Ausdruck jedejede gefällt mir sehr gut. Erinnert mich an die südafrikanische Version von jetzt: nownow.

  3. Ulrike meint:

    Wenn es ein Trost ist: Ich kann kaum Treppensteigen wegen obskurer Schmerzen. Ich turne tapfer dagegen an, langsam, sehr langsam mache ich Fortschritte

  4. Karin meint:

    Ich gehöre zu denen, die das Fahrradfahren in München wieder aufgegeben haben, weil es mir schlicht und einfach zu stressig und nervenaufreibend war. Wie angenehm ist es demgegenüber doch, in der U-Bahn zu lesen…

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