Journal Montag, 11. Februar 2019 – Thomas Bernhard, Alte Meister

Dienstag, 12. Februar 2019 um 6:56

Abends im Bett las ich Thomas Bernhards Alte Meister aus. Über die Seiten hatte ich mich mit ihn ausgesöhnt, nämlich als immer klarer wurde, dass diese Suada aus zweiter und dritter Hand (der Ich, der sich als Atzbacher herausstellt, zitiert durchgehend die Hauptfigur Reger, bis auf das letzte Viertel, aus dem Gedächtnis, meist sogar indem er einen dritten, den Irrsigler zitiert, wie der Reger zitiert) genau das Dauergenörgel und -gezeter von Männern auf den Arm nimmt, die selbst nur aus zweiter und dritter Hand leben, aber zu allem eine Meinung haben, und zwar eine schlechte. (Eine weitere Verschachtelung lässt einen impliziten Erzähler mitspielen, das Ganze wird präsentiert als „schreibt Atzbacher“.) Wahrgenommen wird nur, um bestehende Urteile zu bestätigen. Die litaneiartigen Pauschalverurteilungen von allem und jedem enden oft in dem „Das ist die Wahrheit“, das man von eben den alten Krauderern kennt, die im Bushäusl vor sich hin schimpfen und an die mich das Buch bald erinnerte. Der Eindruck eines Geleiers wird vom Seitenspiegel verstärkt: Es gibt keinen einzigen Absatz, der Text fließt Seite für Seite, nur durch gelegentliche Kursivsetzungen aufgelockert. Gleichzeitig heischt der Roman (?) Erbarmen für die einsamen Gestalten (es agieren nur Männer), die nicht staunen, sich nicht einlassen können, denen jede Neugier fehlt, die alles schon wissen und dieses Wissen lieber ihrer Umgebung aufdrängen, selbst ihren liebsten Menschen, als sich selbst für Neues zu öffnen. Beim Schlusssatz lachte ich sogar lauf auf. Darf im Regal bleiben. (Das Buch hatte ich 1986 gekauft, es war eines von denen, über das Griechischlehrer Nusser im Leistungskurs gesprochen hatte und das deshalb auf meine Leseliste gekommen war; und so besitze ich eine Erstausgabe. Allerdings habe ich keinerlei Erinnerung ans Erstlesen.)

Nachts hatte ein Sturm so laut getost, dass ich bereits beim Schlafengehen die Ohren verpaxt hatte.

Nach den milden Temperaturen vom Sonntag war es auf dem Weg in die Arbeit schneeregnend supergreislich. Zumindest hatte der nächtliche Wind so weit abgeflaut, dass ich einen Schirm nutzen konnte.

Arbeit in der Arbeit. Aus Gründen bekomme ich derzeit sehr viele Telefonanrufe (Contenance kostet manchmal sehr viel Kraft), konzentriertes Werkeln an einer Sache ist völlig unmöglich. Das wird wohl noch ein paar Tage so bleiben.

Pünktlicher Feierabend, weil ich noch zur Post musste.

Daheim werkelte Herr Kaltmamsell bereits in der Küche, er bereitete Suppe mit Schwarzkohl und Kartoffeln aus Ernteanteil zu, angelehnt an dieses Rezept von Küchenlatein – das sich wiederum auf den Caldo Gallego bezieht, den ich aus Nordspanien kenne. Deshalb kochte er auch mit Chorizo statt Kabanossi. Schmeckte ganz ausgezeichnet.

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Montag, 11. Februar 2019 – Thomas Bernhard, Alte Meister

  1. iv meint:

    Bin ich froh, dass Du Dich mit dem Bernhard noch ausgesöhnt hast!

  2. Daniela Lange meint:

    Mich würde sehr interessieren, wie Ihre Leserunde verläuft – wer schlägt nach welchen Kriterien das kommende Buch vor, wie oft treffen Sie sich, usw.? Könnten Sie das noch (einmal?) ein wenig expliziter darstellen?
    Herzlichst,
    Daniela

  3. die Kaltmamsell meint:

    Es läuft weiterhin so, Daniela Lange:

    Wir sind sieben Menschen, die sich ca. einmal im Monat bei einer/einem daheim treffen. Über die Jahre hat sich als Verlauf etabliert:
    – Gastgeber bereiten etwas zu essen vor – von einer Lage Wurst/Käse/Brot über Familienlieblingsessen bis zu ausgefeilten Experimenten.
    – Alle kommen, man freut sich über das Wiedersehen, isst und trinkt.
    – Irgendwann erinnert jemand daran, dass man doch eigentlich über ein Buch sprechen wollte.
    – Dieses Gespräch dauert dann zwischen zehn Minuten und einer Stunde, hin und wieder hat jemand Hintergrundmaterial (zu Autor/Autorin, zu Historie) mitgebracht und erzählt es.
    – Wenn sich der Abend neigt, vereinbaren wir Tag und Ort des nächsten Treffens sowie die nächste Lektüre (wer will, schlägt vor – meist sind wir uns schnell einig).

  4. Corsa meint:

    Vor meinem inneren Auge eine Kaltmamsell, deren Kopf in einem Ikea-Schrank steckt… liegt vermutlich an den Einrichtungstätigkeiten hier im Hause.

  5. Sebastian meint:

    Hmmmm… schon beim Anlesen dachte ich an die portugiesische Caldo Verde (von der auch Küchenlatein spricht), die ich letzten Sommer wegen ihrer einfachen Eindeutigkeit schätzen gelernt habe (und wegen des Essigs, E Nr.3) und dann auch mal mit Schwarzkohl nachgekocht habe.

    Die Gemüsehändlerin meinte später, die(?) italienische Rappa wäre eigentlich richtiger gewesen – Kochen kann so verwirrend sein, wenn man es nach Worten und Grenzen macht.

    Was mir an den verschiedenen Versionen dort aufgefallen ist und gut gefallen hat, war die Trennung von Kohl und Kartoffel – das Grün kam in Streifen stets erst nach dem Pürieren dazu und wurde in der recht dünnen Kartoffelsuppe gargekocht. Fühlte sich im Mund fast wie Misosuppe an. Vielleicht mal ein Leserundevergleichsgericht?

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