Journal Sonntag, 31. März 2019 – Müder, schöner Sonntag und Beifang aus dem Internet

Montag, 1. April 2019 um 5:59

War der März immer schon so lang?

Endlich die ersehnte Sommerzeit: In den vergangenen Wochen hatte sich der frühe Tagesanfang für März seltsam angefühlt. Falls Sie jemanden suchen, der die Zeitumstellungen Ende März und Ende Oktober von ganzem Herzen begrüßt: Ich tue das. Für mich fühlt es sich genau richtig an, wie sich das Tageslicht während der Winterzeit und während der Sommerzeit verteilt. Das mag selbstverständlich ein erlerntes Kulturgefühl sein, aber meiner Überzeugung nach besteht der Mensch hauptsächlich aus erlernter Kultur.

Blöderweise wachte ich trotzdem (nach gutem Schlaf) früh und müde auf. Gemütliches Kaffeetrinken und Bloggen.

Ich nahm mir die Zeit, Kunstgeschichte als Brotbelag gründlich anzusehen. In ihrem Vorwort spricht Herausgeberin Marie Sophie Hingst durchaus auch die Vorbehalte gegen ihre Aktion an, doch spätestens diese Aufbereitung als Kunstband, also ihr Kuratieren belegt, dass hier eine intensive Befassung mit den Vorbildern aus der Kunstgeschichte stattgefunden hat: Für den Druck ausgewählt wurden die Exemplare, die mit ihrer Hommage reflektierte neue Kunstwerke geschaffen haben. Zum Beispiel ist Expressionismus expressionistisch umgesetzt:

Diese Brotbelegung transportiert sogar den Gesichtsausdruck der Portraitierten.

Realistische Details wurden dinglich umgesetzt.

Nachahmung der Materializität des Vorbilds – und sei es durch das Licht beim Fotografieren.

Dafür Scherze mit ikonischen Bildern.

Die Brote werden als Kunstwerke so ernst wie ihre Vorbilder genommen, indem zum Beispiel die verwendeten Materialien aufgezählt sind.

Außerdem habe ich aus engerem Kreis erfahren, dass manche Menschen mit solcher Brotkunst groß geworden sind – und sich ungemein darüber freuen, dass sie in Buchform ernst genommen wird.

So benommen, wie ich mich mangels Schlaf fühlte, passten meine Schwimmpläne allerbest: Im Wasser ist Schwindel nicht schlimm. Ich radelte durch Sonne und Frühlingsluft ins Olympiabad. Schwimmen lief wunderbar, selbst mein letzthin wieder verspannter Nacken zickte nicht. Ich legte ein paar Runden drauf.

Auf dem Rückweg radelte ich nochmal am Josephsplatz vorbei, um die dortige Blüte zu fotografieren.

Die Kirschbäume an der Agnesstraße waren wie erwartet noch nicht erblüht. Bleibt genug Zeit, sich diese Lektion auf Japanisch über Hanami-Etikette einzubläuen:

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https://youtu.be/YWuRUBKMnDM

Zuhause Frühstück: Käsebrot, Marmorkuchen.

Die Mokkabohnen im Kuchen waren nett, aber nichts Dringendes.
Angenehmerweise hatte ich dann genug Bettschwere für eine Stunde Siesta.

Zeitunglesen bei offenem Balkon, bis Herr Kaltmamsell von seiner Reise heim kam. Zum Abendbrot kochte ich aus Ernteanteil eine Rote-Beete-Suppe mit zugekauften Kichererbsen.

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Weil wir schon bei Kunstgeschichte waren: Auf Twitter erklärt @Iron_Spike in einem Faden, warum flämische Stillleben cool sind.

via @giardino

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Eine ganz neue Facette der Frage „Was hat sich der Autor dabei gedacht?“, die eine Literaturwissenschaftlerin verlässlich zum Augenrollen bringt: Sebastian Herrmann hat einst als Schüler für ein Referat bei Patrick Süskind angerufen.
„Patrick Süskind“.

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Die Mischung bleibt irr: Einerseits ist UK weiterhin der Hauptgrund, an westlicher Zivilisation, an parlamentarischer Demokratie, wenn nicht gleich an der Menschheit zu verzweifeln. Andererseits kommentieren typische Vertreter dieser britischen Kultur genau diesen Irrsinn auf eine sprachliche Weise, die nie ihre Anziehungskraft vergessen lässt, zum Beispiel Marina Hyde im Guardian. Sie macht sich Gedanken über die derzeitigen Führungsraufereien der Torys und geht die Kandidaten für die Nachfolge Theresa Mays durch:
„The Tory leadership contest: your handy idiots guide“.

Let’s proceed to Dominic Raab – the man with the slightly frightened child in his eyes. As I type this, Dominic is now voting for the deal he resigned to oppose, having negotiated that deal in the first place. He spent most of the week reckoning we should go back to the EU over the backstop, I mean … Dominic? DOMINIC? It’s now not so much that that ship has sailed, more that it has sailed, hit an iceberg, sunk, and formed the basis for a myriad books and dramas, culminating in the biggest-grossing movie of all time. WHICH BIT OF THIS JOURNEY DID YOU MISS? You were Brexit secretary. You were literally on deck with Michel Barnier while the band was playing.

Statt reaction gif.

§

Ah, hier habe ich es noch gar nicht ausgeschrieben: Meiner Meinung nach ist #Fridaysforfuture großartig, diese Leute tun meinem Weltbild gerade sehr gut. Ich stimme Christian Stöcker zu:
„Die Kinder sind längst noch nicht wütend genug“.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Journal Sonntag, 31. März 2019 – Müder, schöner Sonntag und Beifang aus dem Internet“

  1. Joe meint:

    Sommerzeit. Bald vorbei. Dann wird es im Sommer um 4:30 Uhr hell, und ein Arbeitnehmer, der erst um 19:00 Uhr aus dem Büro kommt, darf sich meist noch über die Sommer-Abenddämmerung freuen. Meine Thorie. Alles nur eine Verschwörung des öffentlich-rechtlichen TVs. Dass man auch im Sommer brav um 20:00 Uhr zur Tagesschau vor der Glotze hängt und nicht draussen rumdödelt.

  2. FrauZimt meint:

    Ah, noch jemand vom Team Zeitumstellung. Was ist das nur für eine Abmaßung, mir meine langen hellen Sommerabende wegnehmen zu wollen? In den letzten zwei, drei Wochen hatte ich morgens auf dem Weg zur Arbeit regelmäßig so ein diffuses zu-spät-dran-Gefühl, weil die Sonne für die frühe Uhrzeit schon so hoch stand, das ist jetzt erstmal vorbei. Und ganz ehrlich, es mag überheblich klingen, aber ich kann einfach nicht nachvollziehen, was all die Leute mit dieser einen Stunde Umstellung zweimal im Jahr angeblich für riesige Probleme haben wollen. Zeitverschiebungen bei Reisen hingegen scheinen kein Problem zu sein…

  3. Sonni meint:

    … tatsächlich klingt das, liebe Frau Zimt, ein wenig … ich mag es jetzt nicht überheblich nennen, aber irgendwie ignorant … in den Ohren derjenigen, die während der Zeitumstellung arbeiten müssen. Oft arbeiten diese Berufsgruppen in Schichten. Die Nachtdienstler hatten gestern Glück, die Frühdienstler dagegen brutal Pech. Wenn man dann noch bedenkt, dass es gerade in den Berufen mit Wochenend-Schichtdiensten sehr bittere Konsequenzen haben kann, wenn Fehler passieren, kann man sich doch vielleicht zusammenreimen, warum eine rein freizeitorientierte Argumentation bei uns auf wenig Verständnis trifft.
    Wobei ich euch die Freizeit total gönne, aber bitte auch mal an die denken, die über die Wochenenden den Laden am Laufen halten :-)

  4. Eine Leserin meint:

    Liebe Frau Zimt, überheblich, ignorant, das sind starke Wertungen – ich schlage ,uninformiert’ vor. Negative Auswirkungen der Zeitumstellung auf einige Chronotypen sind bestens belegt. Der einen Vergnügen, der anderen Leid, unabhängig davon ob Sie sich letzteres vorstellen können.

    Für Eulen wie mich ist ein Arbeitsbeginn vor 9 Uhr schon schwierig, berufsbedingt manchmal auch vor 7 Uhr, oft aber auch an Abenden Sitzungen mit Vortanzen… mir machen Zeitumstellungen auf Reisen übrigens sehr zu schaffen. Dagegen ist mir nicht klar, was am Abend weggenommen werden würde? Licht, wofür?

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