Archiv für Juni 2019

Lieblingstweets Juni 2019

Sonntag, 30. Juni 2019

Journal Samstag, 29. Juni 2019 – Der erste 18. Familiengeburtstag der nächsten Generation

Sonntag, 30. Juni 2019

Unruhige Nacht, unter anderem wegen mehrerer dringender Tamponwechseln und eines Hochschreckens um vier durch heftiges Hämmern an eine Nachbarhaustüre (?) gefolgt von AUFMACHEN! POLIZEI!

Reha-Koffer 1 fertig gepackt (mich gezwungen, auch etwas Nichthochsommer-Kleidung dazu zu legen – auch wenn ich es mir derzeit nicht vorstellen kann, ist ein Kälteeinbruch oder auch nur Ende der Hitze möglich), Adressschilder dafür gebastelt und befestigt. Zwischen 8 und 18 Uhr sollte er abgeholt werden, ich hatte also nicht für die nachmittägliche Familiengeburtstagsfeier von Neffe 1 zusagen können.

Dazwischen Balkonkaffee mit Bloggen. Endlich fühlte ich mich wieder gesund genug für eine Runde Kraftttraining und stellte fest, dass meine Schwäche bei den vorherigen beiden Versuchen sehr wahrscheinlich dem Atemwegsinfekt geschuldet war: Ich hielt alle Übungen gut durch und fühlte mich stark. Schwitzte allerdings auch ganz schön.

Noch vor eins klingelte es: Der Koffertransport. Das war sehr großartig, denn so blieb Zeit für die Geburtstagsfeier. Ich füllte noch eine Waschmaschine (letzte dunkle Wäsche vor der Reha), holte Frühstückssemmeln, und nach dem Frühstück nahmen wir einen wohlklimatisierten Regionalzug durch Sommerlandschaft nach Ingolstadt.

Bei Bruderfamilie gab es KaffeeundKuchen, Neffe 1 war am Vortag 18 geworden und hatte sein Abiturzeugnis entgegen genommen.

Die Abizeitung hatte er layoutet, ich ließ mir anhand der Einträge erzählen.

Zurück in München war es immer noch sehr warm, aber erträglich. Ich kochte Kartoffeln, hängte Wäsche auf, bevor wir Abendessen im Freien suchten. Da das angesteuerte griechische Lokal bis elf Uhr nachts ausgebucht war, spazierten wir weiter zum Paulaner Bräuhaus.

Ich bin weiterhin unentspannt, weil bis zur Reha-Abfahrt Dienstagmorgen noch so viel ansteht.

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Auf der Zugfahrt Wochenend-SZ gelesen. Heribert Prantl brachte mir den Paragraph 18 des Grundgesetzes nahe:

Wer die Freiheit der Meinungsäußerung, insbesondere die Pressefreiheit (Artikel 5 Abs. 1), die Lehrfreiheit (Artikel 5 Abs. 3), die Versammlungsfreiheit (Artikel 8), die Vereinigungsfreiheit (Artikel 9), das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Artikel 10), das Eigentum (Artikel 14) oder das Asylrecht (Artikel 16a) zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mißbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Die Verwirkung und ihr Ausmaß werden durch das Bundesverfassungsgericht ausgesprochen.

„Die Ultima Ratio der wehrhaften Demokratie“.

Prantl erläutert gut nachvollziehbar, warum die Väter und Mütter der bundesdeutschen Verfassung diesen Selbstschutzmechanismus einbauten – und warum er noch nie angewendet wurde.

§

Ich möchte daran erinnern, dass ich eine große Freundin des Bahnfahrens und der Deutschen Bahn bin. Wenn auch ich zugestehen muss, dass sich das Bahnfahren in Deutschland immer weiter verschlechtert, ist das tendenziell nicht Vorurteilen geschuldet.

Karl-Markus Gauß beschreibt die marode Infrastruktur:
„Deutschland, Du armes Land der Reichen“.

Nach und nach begriff ich, dass die meisten Reisenden das, was sie an Unbill erlebten, nicht für den skandalösen Einzelfall hielten, sondern für etwas, mit dem man als Zugreisender in der Ära des digitalen Fortschritts eben zu rechnen habe. Sie schienen keine Erinnerung mehr daran zu besitzen, dass diese Form der Fortbewegung einmal auch etwas anderes bedeutet hatte. Zum Beispiel, dass man seine Uhr sprichwörtlich nach der Eisenbahn stellen konnte!

Letzteres ging bei der Wiedervereinigung verloren – woran aber wirklich nicht die Wiedervereinigung schuld ist, sondern der Prozess des Zusammenschließens zweier Deutschen Bahnen (in einer Zeit, als die Bahn schick für einen Börsengang gemacht werden sollte).

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Ein schönes Fotoprojekt:
„Warum gelten Merkmale, die 90 Prozent aller Frauen aufweisen, als ,Schönheitsfehler‘?“

§

Wie schön! Nach Langem mal wieder ein Blogpost von Christiane Link:
„Woran man Verbündete behinderter Menschen erkennt (und wie man eine/r wird)“.

Journal Freitag, 28. Juni 2019 – Rückreise von Utrecht in die Hitze und Hektik

Samstag, 29. Juni 2019

Noch vor dem Wecker aufgewacht, Wasser getrunken, geduscht, gepackt, vorbereiteten Blogpost nochmal geprüft und veröffentlicht.

Ich hatte mich für die in München angekündigte Hitze gekleidet (kurze Hose, kurze Ärmel), in Utrecht war mir damit kalt, ich zerrte ein zusätzliches T-Shirt aus dem Koffer. Am Bahnhof Kaffee bei Starbucks, weil das hier der einzige Kaffeeladen war, der wenigstens fürs Trinken im Lokal keine Pappbecher verwendete. Brotzeit geholt bei Pret A Manger (Zimtschnecke und ein ein belegtes Vollkornbaguette, dass sich als besonders köstlich herausstellte: Avocado, angeschmorte Tomaten, geröstete Pinienkerne, etwas Tapenade, ein wenig Ruccola, Babyspinat, frischer Basilikum).

Der ICE nach Frankfurt fuhr mit nur einem statt zwei Zugeteilen ein, Menschen und Gepäck pressten sich in alle Gänge. Doch diesmal war die Stimmung entspannt (ich war sofort bereit, das auf den hohen Anteil Niederländer und Niederländerinnen zurückzuführen), man half mir und meinem Koffer zum reservierten Platz – und beglückwünschte mich freundlich zu meiner Reservierung.

Der Zug fuhr Stop-and-go, die durchsagende Schaffnerin betonte ein ums andere Mal, das sei plangemäß und liege an den Baustellen auf der Strecke. Ich hatte keine Gelegenheit sie zu fragen, woher dann die wachsende Verspätung kam, die schon bald ein Erreichen meines Anschlusszugs in Frankfurt unmöglich machte.

Statt mit 25 Minuten Umsteigezeit erreichten wir Frankfurt zehn Minuten nach Abfahrt meines Anschlusszugs, der den Bahnhof laut DB-App pünktlich verlassen hatte. Da ich jetzt fast eine Stunde bis zur nächsten Verbindung Zeit hatte, sah ich erst mal am geplanten Abfahrtgleis vorbei – und jetzt profitierte ich vom Unglück anderer: Der Anschlusszug stand noch am Gleis. Weil auch er nur halb so lang war wie geplant und auch er dadurch völlig überfüllt, versuchte der Zugchef Passagiere bis zum nächsten Halt Aschaffenburg zum Wechsel in alternative Züge dorthin zu überreden. Mein Glück: Der Wagon mit meiner Reservierung war da, ich kam an einen Platz.

Als wir endlich fuhren, wünschte ein hörbar erschöpfter Zugchef: „So weit es geht, wünsche ich eine angenehme Reise. Ich kann Ihren Unmut zu 100 Prozent verstehen.“ Und er appellierte, den Unmut nicht am Team auszulassen, sie seien ebenfalls Opfer und nicht Verursacher der Umstände. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie sehr die Unbillen, über die wir Reisende maulen, bei den Bahnbeschäftigten ankommen, die als Personal jeden Tag ICE fahren – als wüsste ich an keinem Arbeitstag, ob mein Büro überhaupt steht, in welchen Zustand es sein wird, wie lange ich im Einsatz sein werde. Und das mit der Aussicht, es nur mit verärgerten und übel gelaunten Kunden zu tun zu haben. Doch auch gestern war die Schaffnerin, die unsere Tickets kontrollierte, sichtlich verschwitzt und angestrengt, freundlich und geduldig, lächelte sogar. Meine Bewunderung.

Tausch von drei Wochen PMS-Brustschmerzen gegen Uteruskrämpfe. Plus Springflutmenstruation – in Kombination mit schwankendem ICE kann das dazu führen, dass jemand ein eh nicht mehr besonders appetitliches Zugklo mit angefeuchteten Papiertüchern von Blutspritzern befreien muss. (Too much information? Stellen Sie sich mal vor, wie viel ungewollte Information der Mensch in der Kloschlange nach mir bekommen hätte, hätte ich nicht mit zusammengebissenen Zähnen geputzt.)

Ich las für unsere Leserunde Jakob Arjouni, Kismet, fühlte mich 20 Jahre in die Vergangenheit transportiert.

Endlich Heimatanblick.

In München war es heiß, doch Herr Kaltmamsell hatte durch Verdunkelung und geschicktes Lüften für angenehme Wohnungstemperatur gesorgt.

Für Ausruhen war keine Zeit: Am nächsten Tag zwischen 8 und 18 Uhr würde mein Gepäck für die Reha abgeholt, ich musste also alles zusammenstellen, was ich bereits abschicken konnte (und vorher in den Unterlagen nachlesen, was ich mitbringen sollte). Das war vor allem Sportausstattung, aber auch der erste Schwung Kleidung. Den Rest bringe ich selbst nächsten Dienstag mit.

Abends kam Herr Kaltmamsell von der Abiturfeier seiner Schule zurück und kochte uns Abendessen (Orecchiette mit Tomaten-Gemüse-Sugo, von mir kam der Salat mit Orangensaft-Tahini-Knoblauch-Dressing).

Wir erzählten einander ein wenig von unseren vergangenen Tagen. (Das hätte besser geklappt, wenn wir auswärts Essen gegangen wären, doch wir waren beide zu erschöpft, um das Haus nochmal verlassen zu wollen.)

§

Die taz hat sich mit der legendären Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen unterhalten:
„’Ich war die einzige Frau’“.

Fragwürdige Überschrift, hochinteressantes Gespräch. Unter anderem unterstreicht Friedrichsen, was für mich zu den wichtigsten Erkenntnissen meiner wenigen Schöffinneneinsätze gehört, selbst wenn es nur um kleine Amtsgerichtsfälle ging:1

Vor Gericht spielt sich ein Theaterstück ab, dessen Ausgang niemand kennt. Eingebettet in ein Zeremoniell, werden eine Vorgeschichte, die Tat als Höhepunkt und die Geschichte danach erzählt und dann ist da ja auch noch der Prozess selbst, der ein äußerst dynamisches Geschehen ist. Vor Gericht entfaltet sich ein Entwicklungsroman mit realen Personen, der Einblick in Milieus bietet, zu denen man normalerweise keinen Zugang hat, von der Deutschen Bank bis zum obdachlosen Junkie.

Warum lesen Sie nicht einfach einen spannenden Krimi?

Was mich immer fasziniert hat: Das Recht ist ein scheinbar starres Gebilde aus Paragrafen, Regeln und geregelten Ausnahmen. Und dann erleben Sie die Geschichten der Angeklagten, Zeugen und Opfer und denken: Dafür kann es doch gar keinen Paragrafen geben. Aber das Recht ist in der Lage, das alles so zu sezieren und zu analysieren, dass am Ende meist ein Urteil ergeht, das gar nicht so verkehrt ist.

Geht es vor Gericht um Gerechtigkeit?

Jeder versteht darunter etwas anderes. Wenn es um das Urteil geht, sollte man besser von Verhältnismäßigkeit oder Angemessenheit sprechen.

  1. In Torbergs Tante Jolesch kommt der Begriff „Bassenaprozess“ vor, an den ich oft denken musste. []

Journal Donnerstag, 27. Juni 2019 – Verschiedene Seiten von Utrecht

Freitag, 28. Juni 2019

Das mit den Wettervorhersagen müssen wir hier aber erst noch üben: Die angekündigten 26 Grad für Mittwoch wurden niemals erreicht, dafür war der gestrige als dauerbewölkt und höchstens 21 Grad frisch angekündigte Donnerstag von morgens an sonnig und wurde immer wärmer bis heiß.

Resultat: Am Mittwoch fröstelte ich im Sommerkleidchen, gestern waren die langen Ärmel zu warm, außerdem verbrannte mich die Sonne ein wenig (ausgerechnet der welke Ausschnitt).

Früh ausgeschlafen aufgewacht. Bloggen dauerte ein Weilchen wegen all der Bilder.
Verabredung auf Morgenkaffee, existenzielle Gesprächsthemen. Ach, ich wünschte, manche hätten es einfacher.

Diesmal hatte ich früher Frühstückshunger: Schon um halb zwölf holte ich mir bei Stach ein Stück Carrot Cake und einen Haferkeks mit Cranberrys, nach ein paar Mitbringseleinkäufen aß ich beides im Hotelzimmer – eher enttäuscht, weil die Gebäcke abgestanden schmeckten (und noch ein paar Stunden aufstießen).

Mein Plan war, das Rietveld Schröderhuis zu besichtigen, das mir die Gastgeber als Klapphaus mit vielen Überraschungen beschrieben hatten. Man kann nur mit einer Führung hinein, die Karten dafür holt man sich im Centraal Museum.

Wieder genoss ich den Spaziergang entlang der Oudegracht.

Im Centraal Museum allerdings die Enttäuschung: Die gestrigen Führungen waren bereits alle ausgebucht. Man bot mir eine für Freitag an, aber da bin ich ja schon wieder weg.

Ich beschloss, trotzdem zum Haus zu wandern, damit ich es wenigstens von außen sehen konnte.

So sind weite Teile des Utrechter Altstadtrings angelegt: Zwei Spuren für Fahrräder, ein Auto breit Autostraße.

Das Rietveld Schröderhuis von 1924, gebaut im Geist von De Stijl (von Rietveld kennt man diesen Stuhl):

Die Klappfunktionen und anderes kann man sich schön auf der Website zum Haus zeigen lassen.

Auf dem Rückweg sah ich noch mehr interessante Architektur:

Kurze Pause am Stadtwall, ich las mein Granta aus. Ich hatte die Jubiläumszusammenstellung aus Geschichten von 40 Jahren interessiert und angeregt gelesen, vermisste aber den einen oder anderen Favoriten. Eine Geschichte, an die ich bis heute immer wieder denke, ist „Alive, Alive-Oh!“ von Diana Athill aus Granta 85 aus dem Jahr 2010. Netterweise steht sie online zur Verfügung, beim Wiederlesen bemerkte ich, wie viel ich ganz anders im Gedächtnis hatte. (Vielleicht denke ich nur so oft an die Geschichte, weil ich das Lied dazu sofort im Ohr habe.)

Spaziergang entlang der Nieuwegracht (schmaler, fast keine Läden oder Cafés, aber auch hier werden die Kellergewölbe genutzt).

An einer Stelle wurde die Nieuwegracht gerade renoviert: Hier sah man die Struktur des Untergrunds.

Der Stadtgraben wurde rege bepaddelt.

Zurück ging ich wieder an der Oudegracht. Mittlerweile hatte ich Hunger, im Supermarkt holte ich mir Joghurt, Nektarinen, Salznüsse und machte im Zimmer Brotzeit.

Im Lauf des Tages hatte ich festgestellt, dass ich nachts für ein paar Mücken ein Festmahl war – dabei hatte ich sogar Autan dabei gehabt, allerdings nicht angewendet.

Den ganzen Tag hatte ich schon Visionen von Salat gehabt, genauer: von griechischem Salat. Zum Abendessen ging ich dann auch zum nächstgelegenen.

Der Wirt kümmerte sich rührend darum, mir einen schönen Platz zu verschaffen. Die studentische Bedienung war nicht so ganz fit und hatte meine Bestellung „with pita bread“ wohl nicht verstanden. War trotzdem ok. Wahrscheinlich Zufall: Die Lokale, in denen ich während meiner drei Tage hier aß, boten keine Salate an (selbst die fleischlastigste bayerische Boaz führt inzwischen mindestens „Salat mit Putenbruststreifen“ auf der Speisenkarte). Allerdings stelle ich immer wieder fest, dass es mir auf Reisen schwer fällt, meinen Gemüsebedarf zu decken, wenn ich keine Ferienwohnung mit Küche habe.

Zum Nachtisch noch ein Steckerleis aus dem Supermarkt (an der automatischen Kasse musste mir ein junger Mann helfen, die Maestrokarte richtig einzustecken, ich fühlte mich hundertausend Jahre alt).

Domtoren auch mal in Postkartenformat und von außen.

Grachthund.

§

„Mordfall Lübcke: Diese Menschen machen die Arbeit, die der Verfassungsschutz nicht macht“.

Sie heißen „Exif“, „Recherche Nord“, „der rechte rand“ oder „NSU-Watch“. Zusammen bilden diese Plattformen so etwas wie das Gedächtnis der Antifa. Und dieses Gedächtnis ist ziemlich gut: Mittlerweile haben sie so viel Wissen über die rechtsextreme Szene in Deutschland gesammelt, dass sogar der Verfassungsschutz bei ihnen abschreibt. Und das, obwohl praktisch alle, die diese Informationen zusammentragen, das auf freiwilliger Basis tun.

§

Mit dem Theodor-Wolff-Preis des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) ausgezeichnet, in der Kategorie „Reportage lokal“:
Maris Hubschmid, „Die Trinker vom Kreuzberger Herrenwohnheim“.

Weil Alkoholismus nunmal eine Krankheit ist. Manchmal unheilbar.
Der Haken: Alkohol wird in unserer Gesellschaft mit Genuss, Geselligkeit und Freizeit verbunden. Ich kann gut nachvollziehen, wenn Menschen auf ein Projekt wie das beschriebene mit Bitterkeit reagieren – weil es sich für sie wie bezahltes Feiern anfühlt.

§

„Meet the young tailor who dresses like a Regency gentleman, every day“.

Ich habe den Herrn gleich mal auf instagram gesucht; hier beantwortet er ein paar häufige Fragen („No, I’m not hot in this“).

Journal Mittwoch, 26. Juni 2019 – Oratie in Utrecht

Donnerstag, 27. Juni 2019

1A Urlaubstag, jederzeit wieder. Vor allem weil die Hitze weg war und den ganzen Tag nicht wiederkam.

Das komplette Öffnen der Fenster und schweren Vorhänge, um die Nachtkühle hereinzulassen, hatte den Preis frühen Tageslichts im Zimmer gehabt. Dennoch schlief ich fast bis acht, unruhig und mit Kopfschmerzen.

Duschen im Bad, das ich mir mit dem Nebenzimmer teilte (von dem ich aber nichts mitbekam).

Nach dem Bloggen machte ich mich auf den Weg zu einem empfohlenen Morgenkaffee.

Der Gang zum Obergeschoß mit den Zimmern.

Da ich mir gestern eh Utrechtgucken vorgenommen hatte, machte ich Umwege zum Café, anschließend spazierte ich den Stadtgraben drei Viertel um die Stadt, wechselte immer wieder die Seite – je nach dem, wo gerade keine Bauarbeiten waren oder überhaupt ein Gehweg. Mir fielen die verschiedenen Stile der Brüstungen auf den Brücken auf.

Ich kam auch an einem der Utrechter Wassertürme vorbei.

An der Mündung der Oudegracht bog ich ab:

Jetzt am Mittag hatte ich Frühstückshunger.

Klo im Kellergewölbe der Oudegracht.

Der Utrechter Bahnhhof und ich hatten noch eine Rechnung offen, also spazierte ich nochmal dorthin.

Durch den Hinweis von Kommentatorin „Andere Franziska“ fand ich im Obergeschoß die Stelle mit den Schaukeln – allerdings abgeräumt.

Auf dem Rückweg zum Zimmer entschloss ich mich spontan, eines der Wahrzeichen Utrechts zu besichtigen: Den Domtoren (Domturm). Das Ticket für die Besteigung mit Führung verkaufte mir in der Tourist Information ein Surferboy, die Führung selbst machte eine freundliche junge Frau.

Ich sah ein Glockenspiel:

Teil 1, die manuelle Bespielung.

Teil 2, die Glocken des Glockenspiels und die Spieluhrrolle zum automatischen Betrieb.

Mächtige Glocken:

Die Glocken von 1505 sind an den Apfelbutzen-förmigen Schwengeln erkennbar,

die aus den 1980ern haben Lutscher-förmige.

Und dann guckte ich runter:

Hier sieht man rechts den Bahnhof.

Und hier unten die Universität.

Genau dorthin in die Aula ging ich nach einem kurzen Frischmachen und Umziehen: Zur Antrittsvorlesung „‚Bridging the Gap‘, or: How to become a Modernist“1 von Prof. Dr. Eva-Maria Troelenberg. Beeindruckende Talare, lustige Hüte (was man beides als Professorin, wie ich erfuhr, gegen Geld auf Lebenszeit ausleiht), hochspannende Vorlesung (und anrührende Einleitung, in der Eva ihren akademischen Weg bis zu diesem Moment skizzierte).

Gratulation, Häppchen (Bitterballen!) und Getränke im angeschlossenen Kreuzgang des Doms.

Es war mittlerweile sonnig geworden, aber lediglich angenehm mild – keine Spur von Hitze.

Abends trafen sich einige von Evas Gästen noch in einem Restaurant an der Oudegracht, angenehmstes Plaudern mit Evas Familie.

Neben den hier omnipräsenten Dohlen (die auf Englisch hooded crows heißen und die ich deshalb vielleicht künftig Kapuzenkrähen nenne) hatte mich morgens durchs Zimmerfenster ein Rotkehlchen angesungen, ich sah und hörte viele Mauersegler, auf den Gewässern gab es Nilgänse und Enten, in der Luft darüber schweigende Seemöven.

  1. Hier stand als Verschreiber ursprünglich ‚Bridging the Gag‘ – was ich wegen BRUAHAHA! fast stehengelassen hätte, dann überwog aber doch der Respekt vor dem Vortrag. Danke an Birgit für den Hinweis! []

Journal Dienstag, 25. Juni 2019 – Reise nach Utrecht

Mittwoch, 26. Juni 2019

Gut sieben Stunden Bahnfahrt sind dann doch eine ganze Menge, ich war sehr froh, als ich endlich am riesigen Bahnhof in Utrecht ankam.

Hopfencheck in der Holledau.

Begleitung waren nur mindere DB-Unbillen, also ausgefallene ICE-Teile, die dann doch nicht ausgefallen waren, beide Speisewagen funktionsunfähig (ich hatte eine belegte Semmel vom Bäcker und Cherry Pie von Herrn Kaltmamsell dabei, außerdem zweimal 0,7 Liter Wasser in eigenen Flaschen), ebenso das WLAN, Anschlusszug in Frankfurt mit 20 Minuten Verspätung (ich nutzte sie für ein wenig Herumlaufen und kaufte mir noch eine Cola) und zwei wegen ausgefallener Klimaanlage gesperrten Waggons, versagende Klimaanlage dann auch in dem Waggon, in dem ich saß, auch in diesem Zug kein WLAN. Aber hey: Alle gebuchten Züge fuhren, ich hatte reservierte sowie existierende Sitzplätze, kam mit wenig Verspätung an und musste nicht selbst fahren. Eine Autofahrt hätte mich deutlich mehr gestresst.

Schon in München war es vormittags heiß gewesen, Utrecht empfing mich mit Saharawind. Google Maps leitete mich zum B&B (auch auf diese Kulturtechnik bin ich fortan stolz, denn sie scheint nicht selbstverständlich zu sein: In München hatte mich auf meinem Weg zum Bahnhof kurz vor der Wohnung eine Frau nach dem Weg zur Prielmeyerstraße gefragt. Ich war in meiner Hektik ratlos, die Frau hielt mir ihr Smartphone hin, dessen Display den Weg dorthin anzeigte und 17 Minuten Fußweg zur Adresse berechnet hatte. Sonst helfe ich wirklich gern mit meiner Ortskenntnis und Orientierung, doch ich musste zum Zug und konnte die Frau mit Entschuldigung nur darauf hinweisen, dass die Adresse sicher nicht hier in der Nähe war.), ich kam mit fließendem Schweiß an.

Utrecht charmierte gleich mal auf dem Weg zur Unterkunft.

Oudegracht in die eine Richtung.

Oudegracht in die andere Richtung.

Universität.

Es waren sehr viele Radlerinnen und Radler unterwegs, in Bahnhofsnähe kam ich an einer gigantischen Fahrradparkanlage vorbei, die Straßen und Wege waren ganz deutlich am Radverkehr orientiert – super. Winziger Haken: Als Fußgängerin wusste ich oft nicht wohin mit mir, zu Fuß wird hier eher nicht gegangen. Dummerweise kannte Google Maps die aktuellen großflächigen Baustellen nicht, deren Umleitungen ganz auf den Fahrradverkehr ausgerichtet waren – ich ging einige Mal auf der Straße, weil ich zu Fuß keine Alternative sah.

Mein B&B-Zimmer lag in einem alten Haus über einem Restaurant und war ein Backofen: Man hatte zwar einen Ventilator hinein- und angestellt, aber das Fenster offensichtlich den ganzen Tag weit offen gelassen. Ich setzte mich erst mal vor den Ventilator.

So schwitze ich sonst nur beim Sport – weswegen ich mich vor Sport ja immer abschminke.

Bei der Ankunft hatte ich im Bahnhof keine Schaukeln zum Handyaufladen gesehen. Nach einer Runde Ausruhen und Lesen spazierte ich nochmal dorthin und sah mich ein wenig genauer um (holte mir außerdem eine Tüte Pommes mit Majo zum Abendbrot). Keine Schaukeln. Ich werde fragen müssen.

Abends wurde in der Oudegracht auch geschwommen.

Verabredung mit dem Anlass meiner Reise. Wir saßen wunderschön und in leichter Brise im Hof von De Rechtbank.

Nachts hatte es draußen angenehm abgekühlt, aber mein Zimmer war weiterhin ein Backofen. Ich ließ zum Schlafen den Ventilator erst mal an und hoffte, dass er den Transport kühler Luft durchs Fenster beschleunigen würde.

§

Irgendwo las ich letzthin ein Listicle: 101 Dinge aus dem Internet, die einem den Glauben an die Menschen zurückgeben. Ich hätte hier das 102.
„24. Juni 2019 – was vom Tage übrig bleibt …“

Journal Montag, 24. Juni 2019 – Gerichtssaal statt Freibad

Dienstag, 25. Juni 2019

Den gestrigen Urlaubstag hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Es war ein heißer Tag angekündigt (nachdem ich am Vortag im elterlichen Garten schlagartige Hitze erlebt hatte, zweifelte ich trotz kühlem Morgen – zu kühl für Balkonkaffee – nicht daran), ich wollte im Schyrenbad eine Schwimmrunde absolvieren, mich ein Stündchen sonnen und Musik hören, dann in einem Café am Beginn der Rosenheimer Straße, das beim Vorbeiradeln interessant ausgesehen hatte, frühstücken.

Früh aufgestanden war ich, um Herrn Kaltmamsell vor seinem ersten Arbeitstag nach Ferien guten Milchkaffee zu servieren und mir von ihm den Rücken sonnencremen zu lassen. Bis dahin lief alles nach Plan, auch gemütliches Bloggen, Duschen, Schwimmzeug anziehen und packen hatte ich schon getan, war bereit zum Aufbruch – als das Telefon in meiner Hosentasche vibrierte: Anruf des Amtsgerichts, ihnen war ein Schöffe ausgefallen, ob ich als Hilfsschöffin einspringen könne.

Konnte ich wegen Urlaubs problemlos. Da ich in der Nähe wohne, konnte ich sogar mein Eintreffen in 30 bis 40 Minuten zusagen. Ich zog mich flugs um, schminkte mich, legte Ohrringe an, die ungewaschenen Haare würden wir halt alle aushalten müssen, und radelte an den Stiglmaierplatz zum Amtsgericht. Am Eingang hatte die Anruferin meine Ladung hinterlegt, so kam ich nach Vorzeigen meines Peronalausweises (angestrengter Blick zweier Polizeibeamten, die nicht auf meinen Standardwitz „echt fälschungssicherer Name, was?“ reagierten) ins Gebäude und zum Gerichtssaal. Seit dem Anruf waren tatsächlich nicht mal 30 Minuten vergangen.

Beim Kennenlernen des Falls wähnte ich mich endgültig im Königlich Bayerischen Amtsgericht, an das ich auch vorher hin und wieder hatte denken müssen:1 Er hatte sich auf dem Oktoberfest zwischen zwei Kellnern und einem Gast zugetragen. Diesmal lernte ich unter anderem, dass das Oktoberfest auch in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft und in der Verhandlung „Wiesn“ heißt (die Anklageschrift konnte ich diesmal mitnehmen und archivieren, auch sie erinnerte mich in ihrer völlig alltagsfremden Verquastheit an das Königlich Bayerische Amtsgericht).

Die Verhandlung wurde aus Gründen für 45 Minuten unterbrochen, in denen ich mich mit dem anderen Schöffen in der Kantine ein wenig über unsere bisherigen Erfahrungen austauschte – sehr interessant.

Noch vor ein Uhr waren wir fertig, ich überlegte, wo ich jetzt was essen wollte. Es war tatsächlich sehr heiß geworden, zum Schwimmen war es mir zu spät. Ich begann Hunger zu spüren, nach Hause wollte ich nicht, weil dort noch der Putzmann werkelte. Meine Wahl fiel auf den Liebling Café Puck, innen war es angenehm kühl. Die Kellnerin begrüßte mich wiedererkennend, ich hatte mehr Lust auf Salat denn auf Frühstück.

Zeitung gelesen, Wasser getrunken, den schönen Café-Raum genossen.

Mein Rad stelle ich anschließend in Wohnungsnähe ab, ging für Besorgungen in die Fußgängerzone. Einen Städteführer Utrecht für die Reise ab Dienstag bekam ich auf die Schnelle nicht, hätte ich besser planen müssen. Aber beim Blättern in verschiedenen Niederlande-Reiseführer las ich, glaube ich, schon mal das Wichtigste.
Abends sah ich auf Twitter, dass die sehenswürdigste Sehenswürdigkeit ohnehin nicht in den Reiseführern steht. (Ich werde selbstverständlich fürs Techniktagebuch berichten.)

Daheim erneute Sorge um meinen Rechner: Morgens hatte ich ihn ausgeschaltet vorgefunden, obwohl ich ihn am Vorabend sicher nicht ausgeschaltet hatte. Zudem musste ich den An-Knopf mehrfach lange drücken, bis der Rechner hochfuhr. Jetzt zeigte er mir beim Aufklappen einen schwarzen Bildschirm mit der Meldung in vielen Sprachen, der Rechner müsse wegen „eines Problems“ neugestartet werden. Das wurde er, bevor ich diese Meldung irgendwie sichern konnte, und sei es durch abfotografieren – sie hatte so gar nicht nach Apple ausgesehen. Ein Back-up mit Time Machine hatte ich gerade erst gemacht, dennoch ist mir ausgesprochen unwohl.

Ich begann das Packen für Utrecht (angekündigt ist Hochsommerhitze), unter anderem auf Verdacht Tampons: Ich bin in Tag 47 meines Zyklus‘, hege aber diesmal keine Hoffnung auf Menopause, weil ich seit zwei Wochen wieder höchst unangenehme prämenstruelle Brustschmerzen habe (oder könnte sowas nach Menopause plötzlich Dauereinrichtung bleiben?!).

Herr Kaltmamsell hatte den Nachmittag auf eigenen Wunsch in der Küche verbracht und dort erst eine Blumenkohllasagne zubereitet:

Gerösteter Blumenkohlhack.

Blumenkohllasagne.

Außerdem stundenlang Kirschen aus dem Elterngarten entkernt und zwei Cherry Pies gebacken. Davon gab es ein Stück zum Nachtisch.

Wir konnten Fenster und Türen schon um neun wieder öffnen; da die Hitze noch nicht alle Mauern und Häuser getränkt hatte, sanken die Temperaturen am Abend merklich.

  1. Jaha, ich weiß: Diese Assoziation macht mich älter als es meine grauen Haare je könnten. []

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