Journal Dienstag, 9. Juli 2019 – Reha-Schlingen gegen LWS – 1:0

Mittwoch, 10. Juli 2019 um 7:12

Dieser Tag begann mit einem Reha-Termin noch vor Frühstückszeit: 7.30 Uhr Schlingentisch. Eine Physiotherapeutin wickelte etwas Breites um meine Körpermitte (also wo andere Leute Taille haben), um meine Knie (Hüfte-Bein 90 Grad, Knie 90 Grad) und um meine Füße, das Gewickel wurde mit vielen Seilen an einem Gitter über mir befestigt und hochgezogen. Ziel war eine Entlastung von Hüfte und Lendenwirbelsäule. Ich merkte schon nach Sekunden: Das tat gar nicht gut. Ich sagte natürlich nichts, vielleicht kam das Gute noch. Doch während ich mit geschlossenen Augen entspannen sollte (was als so allgemeine Anweisung eh nie geht), spürte ich, wie sich die Muskeln direkt neben der Lendenwirbelsäule verkrampften und immer stärker schmerzten. Nach diesen 15 Minuten und Auswickeln war meine neuralgische LWS-Stelle so erbost, dass mir nach vielen Wochen mal wieder beim Gehen das rechte Bein wegsackte. Und den ganzen Tag über schüttelte diese Stelle immer wieder wütend und schmerzhaft die Faust. Das machen wir nicht nochmal.

Hingegen gleich im Anschluss um 8 Uhr Qi Gong: Ja bitte. Obwohl in der großen Gruppe viel Gekicher und Zwischenrufe ablenkten, konnte ich mich auf die Anweisungen des Vorturners und auf mein Nachmachen konzentrieren. Die Bewegungen sind alles andere als trivial, ich kann mir vorstellen, dass ich mir hier hole, was andere bei Yoga bekommen.

Am Ende war der Speisesaal sogar noch offen, ich kam also doch zu einer Tasse Tee und einem Glas Hafermilch.

Nächster Termin Zwischenvisite: Jetzt lernte ich auch die Stationsärztin kennen, die aus dem Urlaub zurück war. Meine Blutwerte sind topp, ebenso ist es das EKG, und kein Bluthochdruck weit und breit (Letzteres ist mir früher oder später aber sicher, liegt in der Familie). Wir juckelten meinen Therapieplan ein wenig zurecht, dann war’s das schon wieder.

Es folgte die dritte Stunde Rückenschule: Diesmal ging’s ums Hinlegen und Aufstehen, das übten wir. Ich bekam auch Tipps zur idealen Bettlage: Nach aktuellem Forschungsstand ist die Wirbelsäulen-freundlichste Art des Schlafens auf dem Rücken mit minimaler Kopfunterstützung. Herr Physio erklärte: Wenn sich das unentspannt anfühle, seien wahrscheinlich bestimmte Muskelpartien verkürzt, vor allem die hintere Oberschenkelmuskulatur.

Mittagessen, anschließend holte ich in der Cafeteria meinen Morgenkaffee nach.

Erste Bekanntschaft mit Wirbelsäulengymnastik. Sie bedeutete: Auf der Matte drei klassische Übungen für die Bauchmuskeln, zwei für die LWS-Muskeln, Dehnen, das alles in knapp 30 Minuten – schon gut, aber halt wenig.

Besonders spannend dann aber die „Tanztherapie“. Ich hatte auf sowas gehofft, sie war dann aber ein wenig lockerer Volkstanz angelehnt an Line Dancing, am Ende sogar paarweise mit Anfassen und Partnerwechsel. Gerade als mein Puls fast auf Sporthöhe kam, war’s rum.

Das macht mich schon ein wenig unruhig, dass ich zwischen all den Anwendungen keinen Sport unterbringe. Zwar gibt es Pausen zwischen den Terminen, doch die sind zu kurz für Sport oder ligen gleich nach dem Essen. Abschalten kann ich in diesen Pausen aber auch nicht, weil ich ständig auf die Uhr schaue. Gleichzeitig bedeuten die Pause jedesmal Aufraffen zum nächsten Termin von Null.

Abschluss des Reha-Tags: Ein Vortrag über Schmerz und Schmerzbewältigung, gehalten von einem hauseigenen Diplompsychologen. Gut aufgebaut und lehrreich; er modifizierte den bereits gehörten Hinweis auf hilfreiche innere Einstellung mit konkreten Ansätzen (u.a. Programm aufstellen für schlechte Phasen chronischer Schmerzen, Erinnerungen an bereits erlebte Linderungen wachhalten). Auch hier die Info, dass nur akute Schmerzen geheilt werden können, nach Chronifizierung (so heißt das) ist das Ziel Linderung.

Draußen noch düsterer und noch kühler. Ich hatte Kleidung für Temperaturen zwischen 15 und 35 Grad gepackt, doch weil Juli halt eher fürs obere Ende. Mal sehen, wie lange ich mit den paar langen Sachen auskomme.

Nach dem Abendessen machte ich mich auf einen längeren Spaziergang durch angrenzende Parks und Wälder, den ich genoss.

§

Großer Artikel gestern in der Süddeutschen, tief recherchiert, über die Verhältnisse in den ethnologischen Museen Deutschlands:
„Verseucht, zerfressen, überflutet“.

Oft heißt es, die Museen in den Herkunftsländern seien nicht in der Lage, Raubkunst aus der Kolonialzeit sachgemäß aufzubewahren. Dabei befinden sich die Bestände deutscher Museen oft in katastrophalem Zustand.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Dienstag, 9. Juli 2019 – Reha-Schlingen gegen LWS – 1:0“

  1. Spontiv meint:

    Wenn mich nicht alles täuscht gab es die Möglichkeit Abends den Kraftraum zu nutzen. Vielleicht verschafft das ein wenig Sport.

    In irgendeiner Etage gab es auch Waschmaschinen und Trockner- falls die Winterwäsche knapp wird. Ich bin anno Toback für gedachte drei Wochen da hingefahren und 6 Wochen wurden es. ohne die Waschmaschine wäre ich untergegangen.

  2. Christine meint:

    Früher konnte ich auch nie auf dem Rücken einschlafen. Aber meine Tochter schlief am besten auf meinem Bauch ein, weshalb ich mir diese Schlafposition angewöhnt habe. Allerdings geht da im Winter nicht, weil meine Füße dann kalt werden: Dann kann ich nur in Embryonalhaltung mit angezogenen Füßen schlafen.
    Ich merke aber auch, dass das Schlafen auf dem Rücken selbigem gut tut.

  3. Croco meint:

    Du Arme! Das klingt nach Folterbank.
    Irgendwann fragte ich die beste alle Physiotherapeutinnen, welche Bewandtnis es denn mit diesen Schnüren und Bändern habe, die über meinem Kopf baumelten.
    „Vergiss es, das hilft alles nichts. Das ist ein Schlingentisch. Den mussten wir haben, um die Zulassung zu bekommen. Wir haben ihn nie gebraucht.“
    Qi Gong war für mich in der Reha die Erleuchtung. Yoga konnte ich verhindern mit der Begründung, dass ich da immer einschlafe.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Den Kraftraum nutze ich alle zwei Tage, Spontiv, mehr soll man ja nicht. Die Waschmaschinen werde ich auf jeden Fall brauchen, wenn auch nicht so früh, wie ich dachte: Ich verschwitze ja kaum Sportklamotten. (Sechs Wochen! Meine Güte!)

  5. Sabine Hagenauer meint:

    Jörg Häntzschels Berichterstattung über das Restitutions-Thema im allgemeinen und das Humboldt-Forum im besonderen ist ganz großes Feuilleton-Kino, das ich mit großem Interesse verfolge. Zu den Objekten, die da in den Depots vergammeln, eine schöne Anekdote der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy (übrigens verehrungswürdig in der Art von Mary Beard, leider ohne Blog), die sie bei einem Vortrag im Literaturhaus letztes Jahr erzählt hat:

    Als auf dem Wiener Kongress über die Restauration des napoleonisch durcheinandergebrachten Europas diskutiert wurde, war Raubkunst einer der Punkte, der ganz oben auf der Tagesordnung stand. Zwar hatte man in München versucht, die wichtigsten Objekte der kurfürstlichen Sammlung per Isarfloß zu retten (echt! aber diesen Teil weiß ich woanders her), aber einige Kostbarkeiten wie Altdorfers Alexanderschlacht hatte sich Napoleon dann doch unter den Nagel gerissen und, wie apokryph erzählt wird, in sein Badezimmer gehängt. Die Bayern forderten nun ihre Kunst zurück. Die Franzosen aber wollten sie keinesfalls hergeben, und ihr bestes Argument war: in München sind die Schlösser so klamm und heruntergekommen, da ist den Leuten dort kaum zuzutrauen, dass sie Kunstwerke von so hohem Rang angemessen aufbewahren können. Man solle sie doch lieber in Paris lassen, wo sie mit Fachkenntnis und Verantwortungsbewusstsein verwahrt würden.

    Tja. Plus ça change…

  6. Simone meint:

    Reha – Aufenthalte scheinen mir größtenteils (sicherlich immer in Abhängigkeit von Einrichtung und dem dortigen Personal, der Ausstattung etc.) eine feine Sache zu sein. Einigen Menschen aus meinem Umfeld konnte damit bei ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern (Schlaganfall, Hirn-OP, Depression) geholfen werden und ich wünsche Ihnen, dass das auch für Sie funktioniert (trotz einiger „Startschwierigkeiten“). Ich glaube, jeder Patient tritt seine Reha mit unterschiedlichen Zielen und Erwartungen an. Allen gerecht zu werden, ist sicher auch nicht immer leicht für die jeweilige Einrichtung.

    Qi Gong fand ich übrigens – auch ohne Reha – ganz wunderbar. Könnte ich auch mal wieder machen.

  7. Gaga Nielsen meint:

    Habe gestern meinen Physiotherapeuten gefragt, ob es in seiner Praxis einen Schlingentisch gibt (er ist noch nicht so lange dort tätig, war bis vor kurzem in einer anderen Praxis). Clark ist ein sehr höflicher und diplomatischer junger Mann und antwortete: „Keine Ahnung… interessiert mich aber ehrlich gesagt auch nicht sonderlich.“ Ich: „warum nicht? Ist das eine veraltete Methode?“ Er: „Kann man so sagen.“ Ich: „also alter Scheiß?“ Er: „ich wollte es jetzt nicht aussprechen, aber: ja – alter Scheiß.“

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