Journal Mittwoch, 23. Oktober 2019 – Alleinkochen, Kleidungsabschied

Donnerstag, 24. Oktober 2019 um 6:58

Wieder viermal aufgewacht, diesmal aber immer nur ganz kurz.

Beim Busfahren in die Arbeit hörte ich weiter Podcast über Boatpeople – vielleicht sind O-Töne über erlebte Flucht und Piratengewalt nicht das Beste für den frühen Morgen, ich kam gleich mal mit nassen Wangen im Büro an.

Der Tag startete wieder neblig, jetzt aber auch kühl. Am Mittag lichtete sich der Nebel, ich bekam nochmal Sonne ins Büro.

Mittags packte ich meinen Bulgursalat aus:

Ich hatte am Vorabend Bulgur mit heißer (löslicher) Gemüsebrühe quellen lassen, in der ich ein wenig Harissa aufgelöst hatte, morgens eine gelbe Paprika, eine große Tomate, Kresse reingeschnippelt, mit einer Hand voll Walnusskernen vermischt. Das Ergebnis war ausgesprochen köstlich, ich wunderte mich mal wieder über das regelmäßig gehörte „Für mich allein lohnt es sich ja nicht zu kochen“. Aber vielleicht hat Essensgenuss für mich einfach einen deutlich überdurchschnittlichen Stellenwert.

Drei Wochen Weihnachtsurlaub eingereicht.

Ein Lieblingsoberteil hatte seine Abschiedsvorstellung. Es war eines von zwei Shirts aus Seidenjersey, die ich vor genau 14 Jahren mit meiner ersten Bestellung beim damals neu entdeckten Wrap London erstanden hatte, und das ich viel und sehr gern getragen hatte. Doch mittlerweile waren die Löcher neben den Nähten zu viele, die Saumkanten hatte sich schon vor Monaten aufgelöst. Um nicht später damit zu hadern, dass ich das Kleidungsstück wegwarf, halte ich zur Erinnerung den Grund fest:

Nach Feierabend war ich im Westend verabredet, endlich sah ich mal das La Kaz von innen. Ich kannte das Lokal vom Vorbeigehen und als Kartoffelkombinat-Verteilerpunkt, jetzt stellte es sich als fröhlicher und gut besuchter Nachbarschaftstreff heraus. Ich aß einen sehr guten Salat mit gebratenem Kürbis und Apfel, hatte sogar Lust aus Alkohol (es wurde ein Moscow Mule) und unterhielt mich über Bahn im internationalen Vergleich (bekam dabei die italienische für weite Strecken empfohlen), Universitätssysteme, Farben, Elterngesundheit.

Nach Hause ging ich zu Fuß, das funktionierte zwar weiterhin nur hinkend, aber ohne große Erschöpfung.

§

Gibt es eigentlich schon eine Kolumne namens „Till Raether hat recht“? Sollte es. Beweisstück A:
„Kernseife, rette mich“.

Bei der Klimakrise gibt es im Grunde zwei Meinungen. Die eine ist, die Menschen sollten sehr viel weniger Dinge und Ressourcen benutzen und zwar schleunigst, besser 1970 als heute. Die andere ist, dass das leichter gesagt als getan und auch ziemliche Schwarzmalerei ist, denn man könnte das Klima ja auch mit »Technologien« retten, insbesondere mit »neuen Technologien«: CO2-Abbau-Fabriken, Flugtaxis, irgendeiner Idee, die einem Milliardär schon morgen Vormittag womöglich durch den Kopf schießt. Wer weiß es denn! Leute, seid doch bitte mal ein bisschen optimistisch.

Ich gehöre zum Team 1970, deshalb verhalte ich mich exakt wie Raether (allerdings waren meine Großmütter ganz, ganz anders):

Im Küchenbereich liebe ich die unpraktischen dreieckigen braunen Papiertüten mit Fünfziger-Jahre-Aufdruck, die die Supermarktkette an den Obst-und-Gemüse-Stand gehängt hat, damit es aussieht, als würden sie einen Fuck auf die Umwelt geben. Natürlich weiß ich, dass diese Tüten keine nennenswert bessere Umweltbilanz haben als die aus Plastik, aber es macht mir Freude, darin zu Hause wie meine Oma Küchenabfälle zu sammeln und damit anschließend in einem Wettlauf gegen die Durchsuppung zum Biomüll zu rennen. Und an meine Großmutter erinnert mich auch das Käsepapier, das sie einem im Supermarkt empfehlen, weil es den Comté viel besser frisch hält als die topmoderne Plastikfolie. Vor allem, wenn ich es zur Zweit- und Drittverwertung auf dem Küchentisch glattstreiche und sorgfältig falte, fühle ich mich wie meine Großmutter 1979. Und ich vermeide Energieverschwendung und Plastikmüll.

§

Ein sehr ausführlicher und lesenwerter Überblick über die Rolle und Geschichte von Tatöwierungen bei uns von Valentin Groebner im Merkur:
„Der tätowierte Mensch“.

via @malomalo

Bei mir überwiegt die Ratlosigkeit gegenüber diesem Phänomen in unserer Kultur. Nur: Es geht mich halt nichts an, wie andere ihren Körper schmücken. Ich registriere interessiert, dass komplett-tätowierte Arme auch bei noch so spärlicher Kleidung angezogen aussehen, erschrecke hin und wieder, weil besonders kleinteilige und gleichzeitg großflächige Tätowierungen auf den ersten Seitenblick wie schlimmer Ausschlag wirken, lasse mich beim Warten an der Ampel von Gesichtern auf der Wade des Vorderradlers anstarren. Das hat alles nichts mit mir zu tun, ich kann meinen Körper genauso untätowiert lassen wie anderen ihn halt tätowieren.

Die Tätowierten, geht mir im Freibad der friedlichen Schweizer Kleinstadt auf, sind so gesehen Gefangene – gezeichnete Gefangene ihres eigenen Bedürfnisses nach Selbstdarstellung und Niemals-Vergessen, lebenslang. »Glück« hatte eine junge Frau mit Hornbrille und markantem asymmetrischem Haarschnitt in blaugrünen Buchstaben auf ihren Nacken tätowieren lassen. Die Aufforderung »be unique« habe ich auch schon gesehen, zweimal.

Na ja – ich würde in die deutsche Alltagstätowierung eher nicht zu viel hineinlesen. Für manche haben die eigenen Tatoos tiefe Bedeutung, für andere sind sie schlichte Deko – wie bei jedem anderen Schmuck halt auch. Am ehesten neige ich zu diesen beide Schlüsseln aus dem Artikel:
Diedrich Diederichsen: „Selbsthistorisierung.“
Paul-Henri Campbell: „Im Prinzip ist Autonomie der Sinn und Zweck von Tätowierungen.“
Am Ende kommt auch Valentin Groebner zu dem Ergebnis:

Am unverstelltesten und unmittelbarsten geben die Tätowierungen Auskunft vermutlich nicht über die Überzeugungen oder Obsessionen derjenigen, die sie auf sich anbringen lassen. Sondern über die Wünsche derer, die sie interpretieren.

Für mich als Rezipientin werden vermutlich immer die Assoziationen Unterschicht-Gefängnis-Gewalt mitschwingen – doch ich weiß, dass sie aus der Zeit und der Umgebung meiner Kindheit herrühren und lediglich Zuschreibungen sind.

§

Sie wissen vermutlich mittlerweile, wie gerne ich die Entlarvung von Gender-Rollen durch Umkehrung mag. Zum Beispiel (Link führt zu Facebook):
BBC: Lazy Susan – Women behave like men in bars.

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 23. Oktober 2019 – Alleinkochen, Kleidungsabschied“

  1. Madame Graphisme meint:

    Meine Tätowierungen haben mir schon auf Veranstaltungen mit mir fremden Menschen zu Unterhaltungen verholfen. Da sie sehr special interest sind, immer mit den Richtigen.
    Wer die stilisierte Himmelsscheibe von Nebra, die minoische Labyrinthspirale, den Hallstadt-Steinbock und die Bireme erkannt und sich darüber gefreut hat, ist eben genau „my kind of people“.
    Sozusagen Konversationssieb.
    Ähnlich bei meinem SO, der Motive eines bekannten italienischen Renaissance-Rüstungsschmieds an den passenden Stellen trägt.
    Für uns beide ist die primäre Zielgruppe unserer Ink allerdings: Wir selbst.
    Deshalb wurde auch lange an den Motiven gezeichnet und die Tätowierer dafür sehr sorgfältig ausgewählt.

  2. Iris meint:

    Vielen Dank für die Erwähnung von Wrap London, Tops aus Seidenjersey, Leinenjersey, schöne Farben und anscheinend lange Haltbarkeit – da werde ich gleich mal probeshoppen. Ich nähe ja 99 % meiner Garderobe selbst, aber Seidenjersey zB ist gar nicht so einfach zu kriegen als Meterware in schönen Farben.

  3. lihabiboun meint:

    Hach verehrte Frau Kaltmamsell, was für ein interessanter Post mal wieder. Sehr anregende Bemerkungen über Tätowierungen, der Bulgursalat könnte von mir sein und danke für den Hinweis aufs La Kaz, sieht gut aus. Wird ausprobiert. Im übrigen falte auch ich Käsepapier zur Wiederverwendung … aber ich bin ja auch mindestens wenn nicht noch mehr älter als Sie …. :-)

  4. Croco meint:

    Danke für den Tätowierungartikel.
    Ob es auch eine Art Rebellion ist, sich ein Muster zu verpassen?
    Was ich in meinem Umfeld feststelle ist, dass Jugendliche kaum mehr Tätowierungen haben, dafür aber Kollegen das Hemd ein Stück auflassen, damit man die Keltentribals sieht.
    Jedenfalls muss man bei MRT- Untersuchungen jetzt angeben, ob man tätowiert ist. Auf Nachfrage hat man mir erklärt, dass die Farbstoffe Eisen enthalten können und Verbrennungen verursachen. Problematisch seien auch die Lymphknoten, dort sammelten sich die Farbstoffe aus der Haut an. Gruselig.

  5. Nina meint:

    Fun Fact: Das Logo vom La Kaz stammt aus der Feder derselben Illustratorin wie das Design des Kartoffelkombinats.

  6. Neeva meint:

    Die Einschätzung wie aufwändig es ist zu kochen, hängt stark von der Routine ab. Ich unterstelle jetzt mal ausgehend von meiner eigenen Küche: Sie hatten Bulgur, lösliche Gemüsebrühe, Harissa, einen Wasserkocher und ein geeignetes Gefäß vorrätig und haben höchstens das Gemüse und die Kresse frisch gekauft. Bei den Walnüssen weiß ich, dass Sie sie fertig geknackt liegen hatten. :-) Dann sind es ein paar Minuten Arbeit.
    Jemand, der (gar) nicht kocht, hat das alles vielleicht nicht oder weiß zumindest nicht, wie sich das alles zusammenfügen lässt. Braucht dann ein Rezept, muss Mengen abmessen, weil sie nicht weiß dass grob anderthalbmal soviel kochendes Wasser wie Bulgur schon passt, kann einen zu körnigen oder zu wässrigen Bulgur nicht mit Öl, Gewürzen oder Käse ausgleichen und ist die ganze Zeit in einem low level Panikzustand, dass das ja eh nichts wird und ein Haufen Zeit verschwendet und ein Haufen Schmutz gemacht wurde.

    Ich glaube, es ist diese Gesamt-Einschüchterung, die Leute vom Kochen abhält. Und ich denke, dass geübte Alltagsköche sehr unterschätzen wieviel Planung, Wissen und Ausrüstung sie sich angeeignet haben. Ist ja „nur“ Hausarbeit.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Ach wie charmant, Nina!

    Das ist wahr, Neeva, allein schon eine Vorstellung davon zu haben, was beim Blick in die Vorräte wie zusammenpasst, basiert auf Übung – im Kochen, aber auch im jederzeit neugierigen Essen; man muss sich auch oft genug völlig verhauen haben, um daraus zu lernen.

  8. Christine meint:

    Beim Kochen für mich allein habe ich viel mehr das Problem, die Produkte auch zu verbrauchen. Sonst wirft man ständig halbe Zwiebeln weg…. Einige Mahlzeiten kann man miteinander kombinieren (Heute Sakzkartoffeln – morgen aus den Resten Bratkartoffeln), aber viele Gerichte fallen weg, wenn man nur für einen kocht und ein bißchen Abwechslung haben will.

    Deshalb nutze ich zum Beispiel viel TK-Gemüse, weil ich es beliebig portionieren kann und es sich länger als drei Tage hält.

    ~

    Seit gut 10 Jahren trage ich selbst ein sehr großes Tattoo auf dem Rücken, auf das ich auch schon mehrfach positiv angesprochen worden bin – ein guter Eisbrecher. Mit der Idee bin ich vorher sehr lange schwanger gegangen.
    Bei mancham Wholesleeve denke ich, dass der Träger das Geld besser in etwas anderes investiert hätte…. aber jeder hat das Recht, nach seiner eigenen Facon unglücklich zu werden. Andere Leute investieren viel Geld in Frisuren oder Hüftgold.

  9. Berit meint:

    Ich hab statt ein guter Eisbrecher, ein großer Eisbecher gelesen und dachte mir Ach das ist ja auch mal was nettes :-D

  10. Stedtenhopp meint:

    Möchte nachdrücklich und mehrfach unterstreichen, was Neeva über das (ungeübte) Kochen sagt. That’s so me. Und auch hier, aus den von Christine genannten Gründen, viel Tiefkühlgemüse – eine extrem segensreiche Erfindung, bloß leider mit der Kehrseite, dass sie meinen Zustand mangelnder Übung und handwerklicher Kenntnisse („was zum Kuckuck mach ich denn jetzt mit dieser Pflanze? Wie weit muss ich das Grünzeug abschneiden? Wie lange muss [GemüseXY] garen?“) bis in alle Ewigkeit festschreiben wird.

  11. Stedtenhopp meint:

    Und: Ganz große Liebe für das Lazy-Susan- Video!!

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