Archiv für September 2020

Journal Dienstag, 29. September 2020 – Arbeit von daheim und Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers

Mittwoch, 30. September 2020

Mittelschlimme Nacht, ich hielt mich am Countdown T -4 fest.

Da Sport gar nicht mehr geht und der Arbeitsweg im Aufklappen des Dienst-Laptops bestand, war der Morgen gemütlich.

Arbeiten von Daheim. Da Herr Kaltmamsell in der Schule war, konnte ich bis zum Nachmittag seinen Schreibtisch und -stuhl als Arbeitsplatz nutzen und musste nicht unbequem am Esstisch sitzen. Aber auch hier fror ich klassisch trotz Heizung, dickem Pulli, zwei Paar Socken.

Mittags Käse und selbst gebackenes Brot. Um trotz Quarantäne frische Luft zu bekommen, brachte ich Gelbsack- und Flaschen zur Wertstoffinsel, die 200 Meter im Freien (kühl, immer wieder Regen) mussten genügen.

Zwei Telefon-Meetings übern Tag, während einem beobachtete ich ein rotes Eichhörnchen in der Kastanie – Home Office deluxe. Nachmittagssnack eine Mango.

Telefonat mit Brüderchen, wir brachten einander ein wenig auf neuesten Stand.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Risotto mit Ernteanteil-Weißkraut, aufgegossen mit der Brühe vom Corned-Beef-Kochen.

Im Bett las ich Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers aus. Das Buch ist die Familiengeschichte der Autorin in der Schweiz (Solothurn, Zürich), erzählt wie ein Roman. Schwager macht das technisch sehr geschickt: Sie gibt die Stimmen ihren Familienangehörigen, vor allem dem Großvater Hans (der Metzger aus dem Titel), aber auch zwei Schwestern ihrer Großmutter und zwei von ihren Töchtern (eine davon Schwagers Mutter). Die Großmutter selbst, „das Hildi“, lebt schon lang nicht mehr; warum Schwager im Nachwort schreibt, sie sei „verlöscht“, wird im Lauf der Erzählung klar.

Ganz behutsam entwickelt sich in diesem Stimmen ein Frauenleben vor der Zeit um den Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er in der Schweiz. Sehr mündlich notiert und mit vielen Helvetismen erzählen die unterschiedlichen Perspektiven nur scheinbar immer wieder widersprüchliche Geschichten, tatsächlich aber indirekt über sich selbst mindestens so viel wie über Hildi. Eine realistische Vorführung, wie viele Wirklichkeiten es innerhalb einer Familie gibt und wie es dazu kommt.

Es geht um eine harte Zeit, in der Frauen so wenig zu melden hatten, dass ihnen nur Ausweichen blieb, ob vor grabschenden Männerhänden oder männlicher Entscheidungswillkür, in der sie flohen in „Sanftheit“ und andere als „typisch weiblich“ geltende Verhaltensweisen. Und in der nur wenige die Kraft hatten, sich über Konventionen hinweg zu setzen. Besonders berührte mich der Gegensatz zwischen der Fügsamkeit Hildis, die ihr Mann und ihre Töchter wieder und wieder betonen, Hans aber auch, dass sie ihm die Bestimmer- und Beschützerrolle ja zugewiesen habe, und den kleinen Fluchten, die ihre Töchter beschreiben, zum Beispiel das Ansparen von Geld für heimliche Genüsse in der Konditorei. Was in diesem Leben bereits für das Gefühl von Auflehnung reichte.

Journal Montag, 28. September 2020 – Apokalyptische Corona-Teststelle

Dienstag, 29. September 2020

Nacht in der Schmerz- und Wachhölle. Zusätzlicher Störfaktor: Das Sirren einer Stechmücke am Ohr.

Letztes Radeln in die Arbeit. Es war bedeckt und kalt, ich trug Ledermantel und Handschuhe.

Arbeit in der Arbeit, weitere Abschiede, alle waren ungemein freundlich und zugewandt. Mittags ein Sandwich aus selbst gebackenem Brot und selbst gemachten Corned Beef, Krautsalat aus Ernteanteil. Nachmittags ein Apfel aus eigenem Apfelgarten.

Ich räumte den Schreibtisch für meine mehrmonatige Abwesenheit aus, damit ihn andere nutzen können. Angebrochene Packungen leergegessen (nur zwei Stück Schokolade, drei Minzbonbons: ich hatte in der Woche davor zielgerichtet gesnackt), drei Schubladen sortiert und von allem befreit, was jemand anderes als eklig empfinden könnte (z.B. Kamm).

Fast pünktlich Feierabend, weil ich einen Termin für Corona-Test hatte; die Klinik verlangt ein negatives Testergebnis, das nicht älter als fünf Tage sein darf.

Dafür radelte ich zur Corona-Teststelle mit der Adresse Sonnenstraße 27. Ich wohne ja gleich ums Eck und war schon gespannt, wohin mich diese eigentlich vertraute Adresse bringen würde.

Ich bog also in einen der Gänge in der Nachkriegs-Häuserfassade der Sonnenstraßen-Ostseite und stellte mich in die (ordnungsgemäß beabstandete) Schlange, die in einer Tür am hintersten Eck des Gangs endete.

Beim Näherkommen wurde mir immer klarer, dass wir in einen Club (vor 40 Jahren „Disco“) geführt wurden, den Plakaten entnahm ich, dass ich in der jüngsten Reinkarnation der legendären Milchbar stand!

Die riesige Bar mit weißer Plastikfolie abgedeckt, eine Menschenschlange mit Mundschutz, die von auf den Boden geklebten Wegweisern und VIP-Kordel-Absperrung drumrumgeführt wurde, in den Ecken des doch recht angeranzt schwarzen Raumes Berge mit medizinischem Verbrauchsmaterial, billige Partyzelte simulierten Kabinen, in denen junge Angestellte in Schutzkleidung Personalien aufnahmen und Abstriche machten. Seuchentest in Party-Location – das war für mich der bislang bizarrste und apokalyptischste Anblick der Corona-Pandemie, weit vor der leeren Innenstadt zu Zeiten der Ausgangseinschränkungen, vor Olympiabad-Duschkabinen und Kinosälen mit Absperrbändern.

Meine Kontaktdaten waren durch die Online-Terminvergabe bereits im System, ich musste dazu nur noch meine Krankenkassenkarte einlesen lassen. Die Dame, die den Abstrich machte, gab mir eine Quittung mit einem Code, mit dem ich ab dem Abend des Folgetags das Ergebnis online abrufen kann.

Nach dem Test ging ich direkt nach Hause und begab mich dort in Quarantäne bis zum Einrücken ins Krankenhaus. Das ist zwar nicht explizit verlangt, doch sonst wäre das Testergebnis ja bei Ankunft bereits irrelevant – und ich verziehe mir nie, wenn ich Corona in eine Klinik einschleppte. Das bedeutete allerdings auch, dass Herr Kaltmamsell und ich Abstand halten mussten: Der Mann ist Lehrer und als solcher mit täglich zwangsläufig potenziell infektiösem Menschenkontakt ein ziemliches Risiko. Wie oft wir einander umarmen und herzen, fiel mir erst jetzt auf, wo mich Herr Kaltmamsell mehrfach mit ausgestrecktem Arm fernhalten musste, weil ich ihn gedankenverloren in den Arm nehmen wollte.

Er servierte zum Nachtmahl Glasnudelsalat mit Hackfleisch und Shrimps, dazu gebratenen Pakchoi aus Ernteanteil – sehr erfreulich.

Ich füllte die Fragebögen der Klinik aus (1 x Narkose, 1 x OP), dazu musste ich nach vielen Jahren auch auf eine Waage. So weiß ich jetzt (ungefähr, sehr alte Waage), wie viel ich wiege – und finde es gar nicht schlimm, ich hatte mit deutlich mehr gerechnet. Jetzt vergesse ich es hoffentlich schnell wieder.

Journal Sonntag, 27. September 2020 – Kino! The Personal History of David Copperfield

Montag, 28. September 2020

Deutlich besser und zudem lang geschlafen, little blessings. Bei einem der mehrfachen Aufwachen gefröstelt, gedacht: Jetzt wäre ein klimakterischer Hitzeschub parktisch. Und da war er auch schon. Weitergeschlafen. Beim Rollladen-Hochziehen blickte ich zu meiner Überraschung in blauen Himmel und Sonne, zapfig kalt war es allerdings immer noch.

Ausführlich gebloggt, dazu erst Milchkaffee, dann eine große Tasse Tee.

Das mit dem Sport lasse ich jetzt einfach, Körper says no. (Bloß ein bisschen Trizeps.)

Maniküre und Pediküre – der Termin bei meiner Fußpflegerin hatte nicht geklappt. Ich freue mich sehr, dass sie immer gefragter wird, doch nun reichten bereits drei Wochen Vorlauf nicht mehr für einen Abendtermin.

Zum Frühstück gab es selbstgebackenes Brot mit Butter (gekochter Schinken hätte perfekt zu Textur und Geschmack gepasst, aber es war halt keiner im Haus), ein Stück Käse, Brownie-Kekse. Unterhaltung dazu SZ-Magazin und die Rede des Neffen auf der lokalen FFF-Demo.

Ich schob mir einen Lesesessel vor die Balkontür und las Roman. Herr Kaltmamsell musste mal wieder Gschwerl aus dem Hinterhof vertreiben. (Aber wacker: Die hatten selbst am Regensamstag in – allerdings weniger – Gruppen den Nußbaumpark mit Saufen und lautstarkem Streit belegt.)

Am späteren Nachmittag erstes Kinogehen seit den Schließungen im März. Die Neuverfilmung von The Personal History of David Copperfield war angelaufen, die ich sehr gerne sehen wollte; im Arena-Kino um zwei Ecken lief der Film OmU. Mir war klar, dass einfach hinzugehen wohl derzeit keine gute Idee ist. Online konnte ich ein Ticket kaufen, zwei Plätze auf allen Seiten wurden dadurch blockiert. Der ohnehin kleine Vorführraum (der zweite wird gerade renoviert) war dadurch mit fünf Personen ausgebucht. So fühlte ich mich mit Maske sicher, allerdings waren Straßen und Wege im Glockenbachviertel trotz Kälte in der Sonne so voller Menschen, dass ich für Abstand wieder viel zwischen Autos lief.

Der Film unterhielt mich gut. Mir gefiel die wild diverse Besetzung: SWINTON ist in komischen Rollen eh zum Niederkniehen, und Dev Patel macht sich in der Titelrolle durch und durch glaubwürdig. Sehr schön fand ich auch die weiteren vielen nicht-realistischen Erzählmittel: Rückblicke, die auf eine Zimmerwand projiziert wurden, Zeichnungen, die zum Leben erwachten, Handlung, die sich durch Erzähltwerden veränderte.

Zurück daheim stand nochmal eine Runde Bügeln an (auf die OP-bedingte Bügelpause freue ich mich schon). Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell selbst gemachtes Corned Beef, ein Teil gekocht, ein Teil im Ofen gegart. Dazu gekochte Karotten und Kartoffeln.

§

Ich gehöre ja zu den vielen Fans von Michael Spicer und seiner Idee „The Room Next Door“. Im Guardian analysiert Sirin Kale, warum diese Art von Humor und Comedy derzeit die angemessene ist und warum Social Media dabei eine so große Rolle spielen.
„How comedian Michael Spicer hangs politicians out to dry“.

His mother couldn’t understand why his career never seemed to take off.

“She’d say to me,” Spicer chuckles, “‘but there’s so much rubbish on TV. How can there not be room for you?’”

(…)

In this age of howlers so big you can see them from outer space – the gulf of guff, the ocean of lies – the role of the comedian is to remind us that the times we are living in are not normal, no matter how desensitised we have become to the cringing failures and mendacious distortions of our elected leaders.

(…)

There was a period at the beginning of Trump’s presidency when media outlets tried to interpret what he was saying, and parse it into some sort of coherent narrative. Those days are past. Now, many media outlets report Trump unfiltered because there is no discernible message, in any traditional sense. Trump is uncontrolled id with a whipped-cream hubris frosting – how to satirise someone so contemptuous of legal, social, and moral norms?

(…)

Into this logic void has stepped a wave of comedians, who don’t write jokes about the news, so much as literally report it.

Journal Samstag, 26. September 2020 – Der verstörende Salzriese

Sonntag, 27. September 2020

Eine besonders üble Nacht, obwohl ich sie bereits herankommen gefühlt hatte und zum ersten Mal diese Woche zum Ibu gegriffen. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie schmerzfreier Schlaf ging, hatte ich ja noch in der ersten Jahreshälfte dank Cortison gehabt (in der Monaten vor der OP ist Cortison verrbotten).

Aber es war ja Samstag, ich konnte zwei Stunden dranhängen und schlief bis halb acht. Draußen war es regnerisch, windig und kalt, ich genoss den modernen Luxus, einfach nur Heizkörper aufzudrehen.

Vormittags Brotbacken, einen meiner Standards: Glänzendes, großes Bauernbrot nach Plötzblog, diesmal schrieb ich meine Version auf.

Parallel wusch ich zwei Maschinen Wäsche und strampelte auf dem Crosstrainer – allerdings vorsichtig, mein Hüftgelenk gibt wohl kurz vor endgültigem Ende ganz auf.

Während der Stückgare des Teiglings machte ich mich auf eine kleine Einkaufsrunde ins Sauwetter. Am Stephansplatz kam ich an einer neu platzierten, verstörenden Bronze-Skulptur vorbei:

„Giant of Salt“ der Spanier Joan Coderch und Javier Malavia.

In der Galerie Benjamin Eck Projects ums Eck fand ich im Schaufenster eine Anknüpfung, auf deren Website Infos. Die kleinen Skulpturen wirken auf mich vor allem gefällig und dekorativ, doch der Salzriese auf dem Stephansplatz ging mir nach.

Zum Frühstück gab’s Croissant mit Orangenmarmelade, dann Wassermelone, dann Mango mit Joghurt.

Perfekt war das Brot nicht geworden: Es riss unten auf statt oben, hätte vielleicht etwas längere Stückgare gebraucht und mehr Dampf.

Mit der Resthitze vom Brot buk ich Browniekekse nach ZuckerZimtundLiebe.

Einige der Angaben brachten mich zum Schmunzeln und erinnerten mich an das Gesetz meiner Großmuttergeneration, den Teig unbedingt nur in einer Richtung zu rühren, weil sonst der Kuchen zusammenfalle: „die Schale mit der Schokolade und Butter dürfen das Wasser nicht berühren“ (mit Wasserberühung nennt man das Wasserbad und es ist die klassische Methode, Schokolade zu schmelzen), „genau 5 Minuten lang mit dem Teigmischeraufsatz oder Handrührerquirlen mixen“ (ich bin sehr sicher, dass die Geschwindigkeit des Mixens eine Rolle spielt und die Zeit davon abhängt).

Die Kekse waren sehr gehaltvoll und riesig, schmeckten mir auch sehr gut. Das nächste Mal versuche ich es mit der halben Größe und doppelten Anzahl.

Internet und Zeitung gelesen.

Bücher für Klinik und Reha auf mein Kindle gekauft, fünf sollten für den Anfang reichen. Kurzer Heulen- und Zähneknirschen-Anfall, weil ich wirklich sehr, sehr viel lieber kein arthrotisch kaputtes Hüftgelenk hätte und mich von meinem Körper mal wieder verraten fühle.

Fürs Abendessen sorgte ich: Der Lievito Madre im Kühlschrank hatte mich immer wieder auffordernd angesehen, also nutzte ich ihn für Pizzateig, den ich am Vorabend gestartet hatte.

Doch der Teig wollte im Ofen nicht recht aufgehen und blieb klitschig. Sehr viele Chancen werde ich dem Lievito Madre nicht mehr geben.

§

Es macht mich sehr traurig, dass es immer noch eine besondere Geschichte ist, wenn eine geniale Frau ihren Mann überflügeln darf und er sie leidenschaftlich unterstützt:
„May Every Woman Find Her Marty Ginsburg“.

“All too often women are marrying their glass ceilings.”

Ja, auch ich kenne Beispiele aus dem Freundinnenkreis – außerhalb dieser Gruppe ähnlich-gesinnter Menschen wird es allerdings schlagartig dünn. Ich bin gespannt, ob ich in meiner mittlerweile 30-jährigen Berufstätigkeit noch erleben werde, dass eine einzige direkte Kollegin nach Niederkunft in Vollzeit an ihren Arbeitsplatz zuückkehrt (oder auch nur stufenweise darauf hin arbeitet).

§

Ich habe auf dem abgebrochenen Weg zum Doktortitel ja Bekanntschaft mit so manchem schrägen Stipendiumskonstrukt gemacht, aber das von Frau Brüllen schießt alles davon ab:
„So war das mit dem Wurststipendium“.

Journal Freitag, 25. September 2020 – Jahreszeitenwechsel

Samstag, 26. September 2020

Wieder früher Wecker, diesmal für Gymnastik mit ausführlichen Physio-Übungen.

Patientenverfügung individualisiert, lektoriert (der beste Beweis, dass ich sie wirklich durchgelesen habe und ernst meine), ausgedruckt, unterschrieben.

Es regnete, doch ich wollte die unangenehm vollen öffentlichen Verkehrsmittel meiden und nahm trotzdem das Rad. Freundlicherweise fiel mein Arbeitsweg in eine Regenpause, ich wurde lediglich angetröpfelt.

Emsige Arbeit, viel Handwerkliches digital und analog. Mittags Ernteanteil-Tomaten und Bergkäse, eine halbe Riesenpapaya.

Herzliche Abschiede von Kolleginnen, die ich gestern zum letzten Mal vor OP-Abwesenheit sah. (Nachtrag zur Klarstellung: Andere Kolleginnen werde ich nächste Woche noch sehen, dann folgt Telearbeit aus Quarantänegründen.)

Ich machte früh (= fast pünktlich) Feierabend. Dass es jetzt regnete, musste mir einfach egal sein, ich hatte ja eine Regenjacke dabei. Wie geplant hielt ich unterwegs beim Vollcorner für schnelle Einkäufe (vor allem Nüsse, Trockenobst, Schokolade für Klinik/Reha), daheim war ich aber nur mittelnass. Und konnte mich gleich umziehen.

Herr Kaltmamsell reichte Manhattans zum Einläuten des Wochenendes an.

Es war richtig kalt geworden.

Also Wollsocken und Start der Heizperiode (Ende September ist das ok).

Zum Nachtmahl hatte ich mir in Vorausschau auf Temperaturabfall Gulasch gewünscht; Herr Kaltmamsell hatte eines aus Wildschwein zubereitet (vermutlich das Fleisch mit dem allergeringsten schlechten Gewissen bei mir) und servierte es mit Böhmischen Knödeln sowie selbst gemachter Moosbeermarmelade, einem Kollegengeschenk.

Schmeckte hervorragend würzig, und Böhmische Knödel sind ja das absolute Soßensaugwunder.

Zum Nachtisch etwas ganz Besonderes:

Wassermelone aus Eigenanbau des Kartoffelkombinats. Sie schmeckte wunderbar süß.

Die VG-Wort-Ausschüttung wurde angekündigt, mit einer Auflistung aller Blog-Posts, für die es Geld gab: Dieses Jahr waren das 40 Euro pro Post, der auf die Mindestbesuchszahl gekommen war, in Summe wieder einige Tausend Euro. Ich werde sie in mehr Genossenschaftsanteile am Kartoffelkombinat stecken.

§

Über eine englische Pionierin der Fotografie, mit Bildern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts:
„Lady Clementina Hawarden – an introduction“.

Hawarden was absorbed in motherhood, having ten children – two boys and eight girls – and yet she found time to be a prolific photographer. (…) Her work records the domestic life of an upper-class mid-Victorian woman. While male photographers at that time often set off to explore faraway places, Hawarden had to work close to home. But by creating exquisite images of her adolescent daughters, she staked out new perimeters for art photography.

Journal Donnerstag, 24. September 2020 – Gewachst worden

Freitag, 25. September 2020

Viel Nachtschlaf, unterbrochen von einer GANZ neuen Sorte Schmerzen: Es gab in der Innenseite des Hüftgelenks eine Stelle, die sich erstmals deutlich bemerkbar machte.

Früher Wecker für eine Runde Crosstrainer, die sehr angenehm war.

Trockenes Radeln in die Arbeit, wieder setzte ein Regenguss kurz nach meinem Eintreffen ein.

Gute Familiennachrichten aus dem Krankenhaus, alles in Ordnung.

Mittags ein Laugenzöpferl, dann Papaya und Maracuja mit Joghurt.

Nachmittags vor allem manuelle Arbeit, ich schwitzte.

Nach der Arbeit radelte ich zu einer kosmetischen Behandlung in die Maxvorstadt: Da ich mich nach der OP eine Weile nicht beugen können werde, kann ich dann auch meine Beine nicht rasieren – ich sorgte mit einer Haarentfernung durch Wachs vor.

Kennengelernt hatte ich diese Methode vor vielen Jahren in Spanien: Ich hatte dort mit Anfang 20 einen Übersetzungsjob, und die spanischen Kolleginnen gingen zum depilar. Sie nahmen mich mit, und ich fand das praktisch: Mir wurde warmes Wachs dick aufgestrichen und mit einem Ruck abgezogen. Mindestens zwei Wochen musste ich mir dann keine Gedanken um sichtbare Haare auf meinen Beinen machen. Als Studentin ließ ich mir vor allem im Winter die Beine enthaaren, wenn mich die dann nachwachsenden, weichen Haare nicht störten. In den vergangenen Jahren hatte ich das vergessen.

Gestern machten sich zwei Angestellte gleichzeitig über meine Beine her, so dauerte der Vorgang nur eine gute Viertelstunde. Ich hatte allerdings auch vergessen, dass das ziemlich weh tut. Mit bitzelnden Beinen heimgeradelt.

Zum Nachtmahl gab es die typisch donnerstägliche (Ernteanteil) Schüssel Salat mit Tomaten (Dressing: Olivenöl-Zitronensaft-Knoblauch-Vinaigrette) und viel Schokolade.

Auf die Nachricht, dass dort bald die Olivenernte anstehte, bestellte ich wieder Olivenöl aus Solidarischer Landwirtschaft auf Lesbos vor.

Früh ins Bett, Susanna Schwager, Die Frau des Metzgers angefangen – gleich mal auch sprachlich in die Schweiz mitgenommen worden.

§

Die Fugly-Damen machen mein Internet weiterhin zu einem besseren Ort. Unter anderem durch Kommentare über Star-Outfits wie diesen:

This is absurd and I hate it and I’ve NEVER been happier to hate something so inherently unimportant as someone’s outfit!!!

Journal Mittwoch, 23. September 2020 – Familiensorgen

Donnerstag, 24. September 2020

Nacht mit zwei Stunden Schlafpause, nach einer Stunde Wälzen schaltete ich das Licht an und las Roman.

Beim Weckerklingeln rauschte draußen laut der Regen. Doch nach Morgenkaffee und einer Runde Kräftigung (erweitert um die Übungen der Anfasserin) kam eine Regenpause, die ich fürs Radeln in die Arbeit nutzte.

Es regnete den Tag über immer wieder in Duschern, im Lauf des Nachmittags wurde es trocken, ich sah sogar ein wenig blauen Himmel. Es blieb mild.

In der Arbeit brachte ich mir bei, wie das mit den Textmarken und Querverweisen in Word-Dokumenten geht. Mein Übergabedokument soll doch so praktisch wie möglich sein.

Mittags gab es Linsen vom Vorabend kalt (EISEN!), nachmittags Hüttenkäse mit Maracuja.

Nach der Arbeit machte ich noch ein paar Besorgungen für Klinik/Reha. Daheim gab’s zur Entspannung Manhattans.

Sorge um meine gestern operierte Mutter. Ich telefonierte mit meinem Vater, der abends noch keine Nachricht von ihr hatte und sehr beunruhigt klang. Es war dann meine Schwägerin, die im Krankenhaus anrief und sich versichern ließ, dass alles in Ordnung war. Diesen Teil des Erwachsenseins muss ich mir erst noch antrainieren.

Herr Kaltmamsell servierte seiner Auberginen-liebenden Ehefrau zum Nachtmahl Parmigiana, die sehr gut schmeckte. Nachtisch ein wenig Vanilleeis mit Eierlikör, Schokolade.

Im Bett Irène Némirovsky, Die Familie Hardelot ausgelesen. Mir war während der Lektüre klar geworden, dass ich noch nie etwas aus der Welt um den ersten Weltkrieg in Frankreich gelesen hatte (der Roman erzählt die Geschichte einer bürgerlichen Familie 1912 bis 1945) und fühlte mich auf dieser Ebene bereichert. Manchmal war mir das Ganze arg gefühlig, doch dazwischen erreichten mich immer wieder bissige Beobachtungen Némirovskys, die den Kontrast zwischen grundsätzlicher Beharrung im gewohnten Alltag und dem kompletten Umsturz durch die Katastrophe von Erstem und Zweitem Weltkrieg beschrieben.

§

Carola Rackete erklärt in einem Twitter-Faden, dass sie keine „Stimme der Migranten“ ist und wie Medienberichterstattung es trotzdem geschafft hat, sie als solche darzustellen.

It’s frustrating to work with media if they pretend they would want to report wider issues but then they continue constructing a media figure they themselves invented last year. This media figure has nothing to see with me as a real living person.


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