Journal Montag, 9. November 2020 – Galeriebesuch unter der Brudermühlbrücke

Dienstag, 10. November 2020 um 6:43

Wecker auf früh, damit ich Herrn Kaltmamsell vor der Arbeit Milchkaffee servieren konnte.

Außerdem wollte ich ins Reha-Training, Externen stehen nur die Zeiten 7-10 Uhr und 15-20 Uhr offen. Ich war ein bisschen zu spät dran, um den Schulverkehr in der U-Bahn zu umgehen, das nächste Mal muss ich deutlicher vor halb acht los.

Schweißtreibendes Trainig, aus einer Unterhaltung mit einem der Trainer erfuhr ich, dass ich Bankstütz darf.

Daheim packte ich mein Sportzeug aus und zog weiter zu Freunden in der Nähe und mit viel Platz, die mir Obdach zur Putzmannvermeidung angeboten hatten.

Als ich das Haus verließ, öffnete gerade eine alte Dame die Haustür. Sie sah mich misstrauisch an:
„Wohnen Sie hier?“
„Ja, seit 20 Jahren im 1. Stock.“
„Und ich wohne mit meinem Mann seit 30 Jahren im 6. Stock.“
Also stellte ich mich vor, erklärte, dass ich normalerweise um diese Zeit nicht da sei und sagte: „Schön Sie kennenzulernen.“
DAS ist diese wundervolle Anonymität, für die ich in die Großstadt gezogen bin! Ich war mir durchaus bewusst, dass ich nicht alle 16 Parteien hier im Haus kenne. Aber sowas ergibt sich halt, oder? Würde wirklich jemand an einem Samstagnachmittag bei den noch unbekannten klingeln: „Entschuldigung, ich würde Sie gerne kennenlernen.“?
Wie die Dame heißt, weiß ich immer noch nicht, sie hat sich nicht vorgestellt.

Bei den Freunden bekam ich Cappuccino, Apfel-Wein-Torte mit Glitzer (großartig!) und Updates, außerdem Hundestreicheln.

Der Nebel hatte sich bereits länger verzogen, ich wollte den Rosengarten an der Isar sehen. Also nahm ich einen Bus zur Wittelsbacherbrücke.

Es war richtig was los. Und wie an jedem freien Tag, seit ich in München wohne, erstaunte mich, wie viele Menschen hier offensichtlich Tagesfreizeit haben.

Nach einer Runde Bankerlsitzen in der Sonne spazierte ich weiter – und war so gut und leicht unterwegs, dass ich Thalkirchen ansteuerte. Unter der Brudermühlbrücke gab es neue Street Art – ohne meine Laufrunden bekomme ich ja gar nicht mehr mit, was sich unter den Isarbrücken tut. Und wo ohnehin die Museen derzeit Corona-geschlossen sind, bieten sich diese Freiluftsmuseen besonders an (an der Wand gegenüber war gerade ein Spray-Künstler am Werk).

Ich machte sicherheitshalber auch mal Rast auf einem Baumstamm, ging dann flockig weiter. Erst auf der Thalkirchner Brücke fühlte ich mich schlagartig sehr erschöpft und ging sehr langsam zur U-Bahn. Am Sendlinger Tor holte ich mir beim Bäcker als spätes Mittagessen eine überbackene Käsesemmel, daheim gab es zusätzlich Muesli und Apfel.

Müde und erschöpft machte ich es mir auf dem Sofa mit Füßehoch und Tee bequem (halbwegs, das ist kein Sofa für Rumgammeln) und las Internet.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell die Reste des Sonntagsbratens samt Soße mit Penne. Ich ging sehr früh ins Bett.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Montag, 9. November 2020 – Galeriebesuch unter der Brudermühlbrücke“

  1. Sonni meint:

    Die vielen Menschen mit Tagesfreizeit wundern mich überhaupt nicht, kenne ich doch aus meinem Umfeld sehr viele Schichtarbeiter/ -dienstler, Teilzeitbeschäftigte, Kurzarbeiter, Freiberufler mit luxuriöser Zeiteinteilung, Hausfrauen (keine -männer), inzwischen auch Menschen in Kurzarbeit und solche, die aus den verschiedensten Gründen gar nicht mehr arbeiten.

  2. Daniela meint:

    Darf ich fragen, welche Funktion das Sofa vor der Hüfte übernahm? ich kenne Sofas nur für „Gammel und Gemütlich“, war das ein Anguck-Objekt? Ein Wäscheplatz? (dafür wirken Sie mir zu sortiert, als dass sich bei Ihnen Wäsche im Wohnzimmer sammelt…) Ein Konversations-Aufrecht-Sitz-Sofa? Nun haben Sie mir (mal wieder) Denkstoff dagelassen :)

  3. die Kaltmamsell meint:

    Es ist die aufwändig verzierte Chaiselonge, Daniela, die man auf manchen Wohnzimmerfotos vor einem der Bücherregale sieht. Ihre Sitzfläche ist hart gepolstert und schmal. In den vergangenen Monaten hatte sich Sportausstattung darauf versammelt, also zwei zusammengerollte Matten, Handtuch, auch die Krücken. Und ja: Auch die Bügelwäsche stapelt sich auf der niedrigeren der beiden Rückenlehnen, ich wüsste nicht, wo ich sie sonst stapeln sollte. Das Sofa hat keine wirklich Funktion; seit vielen Jahren sehnen wir uns nach einem echten Gammelsofa, kommen für Recherche und Erwerb aber einfach nicht in die Gänge, wollen außerdem nicht beschließen, was dann aus der Chaiselonge werden soll.

  4. Daniela meint:

    Die Chaiselonge hab ich vor Augen und mir auch schon gedacht, dass es sich um dieses Möbelstück handelt. Kann auch gut verstehen, dass die Anschaffung eines neuen Sofas ein Aufwand ist, den Sie scheuen. Aber danke für die Erläuterung!

  5. Dörte meint:

    Als wir in die vorletzte Wohnung gezogen sind, haben wir eine flat-warming party gemacht für die anderen Mieter im Haus. Wer wollte, konnte zu einer bestimmten Zeit kommen und uns kennenlernen. Manche waren auch einfach neugierig, wie die Wohnung aussieht, andere waren nur auf den Sekt aus und andere haben kleine Geschenke mitgebracht. Dabei wurden wir auch gleich darauf hingewiesen, wie was im Haus abläuft und wie Lärm bitte zu vermeiden ist. Ich fand das sehr nett und unkompliziert.

  6. Nina meint:

    Mir war ja meine Heimatstadt München nicht Großstadt genug und daher bin ich vor 20 Jahren nach Berlin gezogen. Auch ich liebe die Anonymität großer Städte. Und dennoch freue ich mich jeden Tag über unsere sehr nicht-anonyme, gute Hausgemeinschaft, in der ich alle 13 anderen Mietparteien, allesamt Langzeitmieter wie ich mittlerweile auch, gut kenne, man sich duzt und mit Vornamen anspricht. Mir graut es schon vor einem möglichen Umzug in den nächsten Jahren, aber die Wohnung ist nun mittlerweile mit Kind schon arg klein geworden.
    Danke für die Brückengalerie-Fotos!

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