Archiv für Mai 2021

Journal Pfingsmontag, 24. Mai 2021 – Regenruhe

Dienstag, 25. Mai 2021

Nacht mit einer unruhigen Phase, aber mittlerweile zählt alles ohne echte Wach-Unterbrechung als gute Nacht.

Das Draußen grau und kühl, aber regenfrei. In der Wohnung brauchte ich den ganze Tag zur Jeans einen dicken Wollpulli über Shirt und zwei paar Socken an den Füßen.

Nach ausführlichem Bloggen und Morgenkaffee dachte ich über den Sport des Tages nach – doch ich hatte in den vorhergehenden Tagen so viel gejoggt, gewandert, kraftgehoben, dass ich gegen einigen inneren Widerstand zu dem Ergebnis kam, dass das Klügste gar kein Sport wäre (unter Vorbehalt von Yoga am späteren Nachmittag, das ist ja wohl kein Sport). Da saß ich aber dumm da: Was machte ich statt dessen?

Es wurde dann vormittags Räumen, Bügeln, Putzen (der alte Wäschetrockner wusste vermutlich gar nicht, wie ihm geschah, als er nach 23 Jahren Einsatz bei uns mal gesäubert wurde, außen und innen, so richtig mit Schwamm und Spüli).

Frühstücksemmeln holte ich beim Bäcker noch trocken, doch bald begann es wieder zu regnen.

Nach dem mittäglichen Frühstück wurde ich müde, legte eine Siesta ein, holte mir dafür eine zusätzliche Decke gegen’s Frieren.

Ich las eine Weile Buch, dann war mir doch nach frischer Luft. Es tröpfelte lediglich, in den vergangenen Wochen habe ich eine britische Einstellung zu Niederschlag entwickelte: Das ist doch kein Regen! Ich ließ den Schirm daheim.

Über Sonnenstraße und Promenadeplatz zur Briennerstraße, ich blieb immer wieder an Schaufenstern stehe. Hofgarten, Tal, Viktualienmarkt, Sendlinger Straße nach Hause. Außengastronomie rege genutzt, auch wenn die Thermometer 15 Grad anzeigten. Dieses Jahr komme ich gar nicht aus meiner Winterkleidung raus.

Kastanien-Nachwuchs am Hofgarten.

Daheim machte ich mir heißen Tee und fuhr den Arbeitsrechner hoch, um meine E-Mails nach Stinkbomben zu scannen. Keine gefunden, das wird am Dienstag ein geordneter Arbeitbeginn.

Nachtmahl war die Fortsetzung von Sonntagabend, nur der Hackbraten kalt und das Kartoffel-Kraut-Pü als Pflanzerl rausgebraten. Nachtisch Schokolade.

Wir ließen auf meine Bitte den neuen Bremen-Tatort mit neuer (interessanter) Besetzung laufen, ich guckte aber nicht allzu konzentriert: Es galt für den Arbeitstag zu räumen, Brotzeit vorzubereiten.

Urlaub zu Ende. War ein schöner Urlaub, der sich mangels Reise- oder Unternehmungsgelegenheiten ein wenig anfühlte wie Schulferien als Kind: Lesen, Zeit haben, rausgehen, mehr lesen, bisschen was erledigen, wozu sonst keine Zeit ist oder nur mit Hektik. Wenn ich mehr andere zum Spielen rausklingeln hätte können, wär’s noch besser gewesen, aber mei.

§

Die Bundesregierung möchte das Sozialgesetzbuch ändern und die Dauer von Psychotherapie nach groben Rastern festlegen. Christian beschreibt in seinem Blog, wie ein typischer Weg in die Psychotherapie aussieht, unter anderem am eigenen Beispiel, und warum diese Änderung eine deutliche Verschlechterung darstellen würde:
„23.5.2021 – #RasterPsychotherapie“.

Journal Pfingstsonntag, 23. Mai 2021 – Würmspaziergang Gauting nach Starnberg

Montag, 24. Mai 2021

Ausgeschlafen, zu Regen aufgewacht.

Meine persönliche Innenausstatterin, Mutter, hatte mir aktuelle Ausgaben der Zeitschrift Schöner Wohnen zur Inspiration mitgebracht, die sah ich durch (ewige Liebe für deren Podcast-Titel Sofa So Good, genau mein Humor). Das mit der Inspiration funktioniert manchmal tatsächlich: Die haben ihren Holzschemel ins Bad gestellt? Gute Idee, der steht hier eh etwas heimatlos rum, brauche ich mich nicht immer auf den kalten Badewannenrand setzen.

Die großen Einrichtungsideen, die hier präsentiert werden, scheitern aber fast durchgehend an meinen superspießigen Praxis-Einwänden. Beispiel freistehende Badewannen: Sehe ich seit vielen Jahren in den örtlichen Bädergeschäften, schauen sensationell toll aus. Und doch frage ich mich halt: Wo lege ich da meine Seife ab? (Nachfrage bei Twitter ergab: Hocker danebenstellen.) Und mein Badetuch? Wie dusche ich mich abschließend ab, ohne das Bad unter Wasser zu setzen? Oder die echte Wohnung in Stockholm, von einer Frau bewohnt, die von 350 qm Wohnfläche (Familienhaus) auf 49 qm (Single-Innenstadtwohnung) reduzierte: Die Kleidungsnische mit den sieben Kleidern und den fünf Blazern ist ja nett (gelernt: „begehbarer Kleiderschrank“ heißt es, wenn um die Kleiderstange kein Schrank ist), aber wo ist die restliche Kleidung? Die Unterwäsche, die Socken, die Pullis, die Sportkleidung, die Schlafanzüge? Wenn ich vor einem Fotoshooting 80 Prozent meines Zeugs aus der Wohnung entfernte und ins Treppenhaus stellte, könnte ich wahrscheinlich auch ästhetische Aufnahmen machen.

Spannend finde ich auch immer die Ausstattungsideen für Miniwohnungen – aber der Schreiner-Maßeinbau für das 29-qm-Apartment in Berlin Schöneberg kostet sicher so viel, dass das drei Jahre die Mietdifferenz zu einer 50-qm-Wohnung begleicht.

Allerdings höre ich mich bei diesem Thema an wie meine Mutter, die beim Anblick von Haute-Couture-Modeschauen kritisierte: „Das kann doch niemand tragen!“ Die Einrichtungsideen in Einrichtungszeitschriften sind wahrscheinlich ebenso wenig fürs echte Leben gedacht wie Haute Couture, sondern einfach Kunst.

Plan war gestern, mit Herrn Kaltmamsell den Rest der Würm-Wanderung Pasing-Starnberg zu spazieren, also zwölf Kilometer von Gauting nach Starnberg. Die Wetterradare sagten Regen-Ende für Mittag voraus, also planten wir entsprechend.

Zum Frühstück gab es den Rest Linsen vom Vorabend, außerdem Erdbeeren und Orange mit Schafjoghurt. Um halb zwölf regnete es noch heftig, unterbrochen von einem Hagelschauer. Doch um halb eins war Ruhe, und von der S-Bahn nach Gauting aus sahen wir bereits bayerisch blau-weißen Himmel. Ich mag es, wenn das Wetter sich so angenehm an die Vorhersage hält.

Erste Sensation beim Verlassen der Ortsgrenze Gauting: Auf einem entsprechenden Sportplatz trainierten Buben Baseball, an verschiedenen Stationen und so richtig wie im Fernsehen (Nachrecherche ergab: Das waren die Gauting Indians). (AbEr DIe dEUtScHe lEiTKuLtUr!) (Spass.)

Das Würmtal und vor allem die Würm selbst sind wirklich ungemein malerisch. Wir versuchten so oft wie möglich direkt am Bach zu gehen, egal wie matschig. Herr Kaltmamsell lotste uns aber auch den Schlossberg hinauf: Mühsam, denn Mountainbike-Reifen hatten den Pfad in einen einzigen Morast verwandelt.

Immer wieder kamen wir durch sonnige Abschnitte mit Wiesen und energischem Grillenzirpen, im letzten Drittel genossen wir herrliche Ausblicke. Weitere Attraktion: Die Villa Rustica bei Leutstetten, Fundamente eines römischen Gutshofs, der etwa im 2. Jahrhundert n.Chr. aufgegeben wurde. Schön auch der Abschnitt über Holzplankenwege durchs Leutstettener Moos. Am Himmel Mauersegler und Schwalben.

Viele, viele Radler*innen, der Weg ist aber auch als Radwanderweg markiert. Ein Wanderurlaub im Naturpark Bayerischer Wald wurde vor allem deshalb attraktiv, weil dort Radeln wohl nur auf eigens gekennzeichneten Wegen erlaubt ist. Wenn sich daran gehalten wird (lassen Sie mir vorerst meine Illusionen, die allen sonstigen Erfahrungen widersprechen), könnte dort gedankenversunkenes Wandern ohne ständiges Lauschen auf Fahrradgeräusche und Blicke über die Schulter möglich sein.

Die Starnberger Uferpromenade war gut besucht, inklusive der jetzt wieder geöffneten Außenbereiche von Cafés und Restaurants.

Crossover Hipster-Holdrio. Die Wirtschaft sah dann tatsächlich exakt so aus und hörte sich so an, wie das Design des Schildes verhieß: Biergarten ausgestattet mit Sperrmüll, Motown-Musikbeschallung, Speisen und Getränke aus Streetfood-Wagen. Alles in der Typografie und der Beschriftungstechnik angelegt.

Einbettl.

Zurück daheim begrüßten uns die Rosentagsrosen als Leuchtobjekt.

Ich füllte eine Waschmaschinenladung und gönnte mir eine Yoga-Folge mit viel angenehmem Dehnen (die neuartigen Rückenschmerzen der vergangenen Monate wollen aber einfach nicht weggehen, ich werde dann doch Physiotherapie bemühen müssen), Herr Kaltmamsell übernahm die Küche.

Es gab nochmal Maibowle, als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell englischen Hackbraten mit Kartoffel-Weißkraut-Stampf. Nachtisch reichlich Schokolade.

Journal Samstag, 22. Mai 2021 – Echter Isarlauf

Sonntag, 23. Mai 2021

Ich wachte mit einem Kater vom vielen Wein am Vorabend auf und freute mich, dass ich derzeit zum Kater-fähigen Teil der Bevölkerung gehöre und seit acht Monaten keine Miräne mehr hatte. Eine Ibu und zwei große Gläser Wasser heilten.

Nach dem Morgenkaffee Kuchenbacken (obwohl ich den täglichen Blogpost noch nicht veröffentlicht hatte!): Ich hatte bei Frau Brüllen über einen interessanten Eierlikörkuchen gelesen, den ich jetzt machte; da mit Öl statt Butter ließ er sich sehr schnell zusammenrühren.

Aus dem Nußbaumpark wummerte laute Wummermusik, die jeden Vogelgesang übertönte. Beim Vorbeigehen auf dem Weg zum wöchentlichen Corona-Schnelltest stellte sich der riesige Wummerwürfel als Teil einer sehr kleinen Kundgebung heraus (konnte die Plakate/Schilder nicht entziffern) mit mehr Polizei als Teilnehmenden. (Spätere Recherche ergab: Demo „Erhalt Münchner Grünflächen“ – ich nehme an, Wummermusik wirkt auf Pflanzen wachstumfördernd.)

Das mit dem Schnelltest klappte dann nicht, weil ich bereits in Laufkleidung dort war – und zu der gehört kein Geldbeutel, in dem der notwendige Personalausweis steckt. Ich kehrte also wieder um und holte den Test später daheim als Selbsttest nach; wir verfügen über einen Vorrat, und Herr Kaltmamsell hat mittlerweile aus der Schule Routine beim Anleiten.

Der graue Morgen war zu einem gemischtwolkigen und windigen Mittag mit langen Sonnenabschnitten geworden. Ich radelte zum Friedensengel (die Kombination aus frisch gewartet und Rückenwind wirkte wie ein Elektroantrieb, ich musste praktisch nicht treten), von dort joggte ich los. Nach weitgehend problemlosen 45 Minuten war ich am Föhringer Ring (trage unverändert den Titel der langsamsten Isarjoggerin), zurück ging ich gemütlich. In der Sonne war es warm, ohne Sonne brauchte man eine Jacke. Es war nicht mehr los, als ich auf dieser Strecke in Erinnerung hatte, ich genoss jeden Meter.

Das dauerte dann doch länger (ich war fast zweieinhalb Stunden unterwegs), Herr Kaltmamsell musste mit dem erbetenen Frühstück bis halb drei auf mich warten (für ihn allerdings eh Mittagessen): Der Ernteanteil hatte Spinat enthalten, ich wünschte mir Eggs Florentine, die er mit selbst gemachten englischen Muffins servierte.

Im sonnendurchfluteten Wohnzimmer las ich Internet und Wochenendzeitung, am späten Nachmittag gab’s den Eierlikörkuchen: Sehr gut, weil gleichzeitig fluffig und samtig und saftig, Geschmack ebenfalls 1a.

Häuslichkeiten: Einen Setzling eingepflanzt, weiter CDs aussortiert (1 – kann weg, 2 – Musik auf Festplatte ziehen und dann weg, 3 – Musik auf Festplatte, aber behalten – zum Beispiel Laurie Andersons Big Science, die ich seiterzeit in Manhattan gekauft habe und die deshalb ein Dollar-Preisschild trägt).

Zum späten Abendessen hatte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch einen schlichten Linseneintopf gekocht, über den ich mich sehr freute.

Neues Buch angefangen: Nicole Diekmann (die schon seit vielen Jahren Teil meines Internets ist), Die Shitstorm-Republik. Sie startet mit ihrem persönlichen Erlebnis: Nach einem etwas missglückten politischen Scherz auf Twitter fiel die dunkle Seite des Social Web Anfang 2019 über sie her. Und auch wenn sie zur Analyse der Mechanismen Expertinnen und Experten zu Wort kommen lässt, ist klar, dass solch ein Erlebnis Menschen wenn nicht zerstören, so doch nachhaltig beschädigen kann, vor allem aber zum Schweigen bringen kann. Bevor wieder das Fass aufgemacht wird, Kritik an menschenfeindlichen Äußerungen tue doch dasselbe („man kann ja gar nicht mehr sagen“): Es besteht ein fundamentaler Unterschied, ob Betroffene und Verbündete (allies – kennt jemand einen etablierten deutschen Begriff?) darauf aufmerksam machen, dass Äußerungen diskriminieren und ausgegrenzen, oder ob jemand persönlich beleidigt, mit Gewalt und Mord bedroht wird (Letzteres auch immer wieder in koordinierten Schwarm-Attacken, wie die zitierten Experten belegen können).

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Von wegen die EU ist nutzlos: Hochoffizielle Regulierungen von typischen Nationalgerichten enthalten detaillierte und geradezu liebevolle Rezepte, man kann also nach EU-Beschlüssen kochen. Hier zum Beispiel die Vorschrift für Pizza Napoletana.
via @sensiblestu

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Apropos Laurie Anderson: Hier ein 18-minütiges „Tiny Desk Home Concert“ von ihr, der Big Science-Mitproduzentin Roman Bara und dem Cellisten Rubin Kodheli (und im Text ein wenig technische Erklärung zum speziellen Sound).
„Laurie Anderson: Tiny Desk (Home) Concert“.

(Persönlich finde ich diese alten Musik-Frauen mit weißen Haaren ja deutlich cooler als die alten Musik-Männer in bunten engen Hosen, aber das ist wirklich Geschmackssache.)

Journal Freitag, 21. Mai 2021 – 28. Rosentag: Kalt und mit Menü daheim

Samstag, 22. Mai 2021

Herr Kaltmamsell musste wegen Abitur so früh aus dem Haus, dass er mich energisch davon abhielt, früh genug für einen gemeinsame Morgenkaffee aufzustehen.

Beim Morgenkaffee war wieder ein zusätzlicher Pulli notwendig gegen die Maienkälte.

Mein Yoga mit Adriene wurde diesmal nicht unterbrochen von Werbung (YouTube verkauft die Bezahl-Version immer nachdrücklicher und schaltet auch in Trainingsfilme Spots dazwischen), sondern von einem Anruf – einem hochwillkommenen: Mein Einbauschrank wird nächste Woche montiert. Ein weiterer Kontakt bei der beauftragten Schreinerei, und wieder entspann sich ein sehr persönliches Gespräch bis Abgleich Lebensgeschichten und Urlaubsplänen; das sind da aber auch nette Leute!

Das Wetter war weiter „unbeständig“ (was ja wohl kein echter Mensch sagt, sondern nur die Wettervorhersage). Doch als ich mich auf meinen ersten Erledigungsweg machte, wurde mir in Winterkleidung arg warm – anscheinend waren ein paar Grad Temperatur dazugekommen. Mein zweiter Gang führte mich zum Radlschrauber, der mich per SMS informiert hatte, dass er fertig war. Wie immer fuhr sich das Radl nach der Überholung so gut, dass ich am liebsten eine Extrarunde gedreht hätte, allerdings begann es wieder zu tröpfeln.

Meine dritte Runde führte mich in den Supermarkt, wo ich die Einkaufsliste fürs Pfingstwochenende leerte. Der riesige Goldregen in der Goethestraße macht sich gerade ans Blühen – ich hatte Goldregen völlig vergessen.

Frühstück: Kartoffelbrot mit Frischkäse und Orangenmarmelade, Erdbeeren mit einem Schafjoghurt, der direkt eine Schafstall-Note hatte (im türkischen Süpermarket gekauft).

Ich las Zeitung und Buch, bis Herr Kaltmamsell im Lauf den Nachmittags heimkam – dann begann Rosentag! (We’re gonna need a bigger vase. Diese ist zu hoch und zu schmal für optimalen Fall der vielen Blumen.)

Seine Geschichte.
Meine Geschichte.

Da die Restaurants noch geschlossen sind (in München stieg die 7-Tages-Inzidenz nach drei Wochen Rückgang wieder über 50), konnte ich Herrn Kaltmamsell nicht groß ausführen. Statt dessen hatte ich das Drei-Gang-Menü vom Broeding bestellt. Zum Abholen ging ich zu Fuß, da ich mich nicht ausreichend gelüftet fühlte. Trotz Blick-verengendem Regenschirm nahm ich die Gastronomie am Weg (ich ging die malerische Blutenburgstraße entlang) bereits aus interessierterer Perspektive wahr, sie könnte in ein paar Wochen wieder geöffnet sein.

Bepackt mit Speisen (in Weck-Gläsern) und Getränken nahm ich nach Hause die (schön leere) U-Bahn.

Zur Feier des Tages drehten wir im Wohnzimmer die Heizung auf, so brauchte ich beim Abendessen kein zweites Paar Socken.

Ja, die Fichte in der Butter war zu schmecken, und zwar gut!

Zu Brot und Vorspeise gabe es einen Domaine Jean-Claude Chatelain Pouilly-Fumé ‚Les Cailloux Silex‘, den ich als Geschenk kennengelernt hatte (Weingeschenke sind toll!).

Zum Hauptgang hatte ich einen Grassl Ried Neuberg mitgebracht, der mir ganz ausgezeichnet schmeckte und wunderbar zu den Speisen passte.

Kein Foto vom Dessert, da mir eines der beiden Schüsselchen beim Rausholen aus dem Ofen auf die Ofentür fiel und eine Sauerei auf Ofentür sowie Boden verursachte, die mich eine ganze Weile beschäftigte, woraufhin ich keinen Appetit mehr darauf hatte. Wie gut, dass mein Alkoholpegel zu diesem Zeitpunkt keinen Zorn aufkommen ließ. Herr Kaltmamsell war von seiner unversehrten Portion sehr angetan.

§

Gestern Nachtmittag las ich Granta 155 aus, The Best of Young Spanish Language Novelists. Wie eigentlich alle Granta-Ausgaben mit „Best of Young“, ob aus den USA, aus UK inkl. ehemaliger Kolonien oder die erste mit spanischsprachigen Autor*innen: Ganz besonders gut und interessant. In ihrer Einleitung beschreibt Herausgeberin Valerie Miles, was die 200 Einreichungen verband: Die Vielfalt an Sprache („many of these young writers seem to be turning a very sharp ear toward written language’s sonant quality“), die beweist, dass es das Spanische nicht gibt.

Miles erinnert sich zurück an die erste Ausgabe mit jungen amerikanischen Autoren 1996, zu der Tobias Wolff, eines der Jury-Mitglieder anmerkte:

The idea of choosing twenty writers to represent a generation . . . [is] a process [that] mainly exposes the biases of the judges.

Diese Reflexion, das Bewusstsein, dass ein Literaturpreis immer mehr über die Jury aussagt als über Autor*innen seiner Zeit, würde ich gerne deutlicher in der deutschen Literaturwelt hören. (Deswegen mag ich ja den Bachmannpreis so gern: Indem man der Jury bei der Bewertung und Diskussion zusehen kann, liegen die Maßstäbe und Vorbehalte offen.)

Valerie Miles legt offen, worauf die Jury dieser „Best-of“-Ausgabe aus war:

We wanted work of the imagination. Fiction. Consciousness captured on the page. Storytelling. No essay, no memoir, no reportage. No selfies with a bit of Photoshop to pass it off as fiction. Story that is peeled from the merely testimonial, from the very tiresome use and abuse of the first person. Originality. Attitude. Yeah, attitude. Writers writing like their lives depended on it. Writers writing about things I had no idea I was interested in. Writers channeling the worlds of the inarticulate, who have not spoken for themselves or whom we cannot hear. Things that are familiar made strange or re-enchanted. Writers like the ones who came before. The ones who didn’t know about Instagram. Writers who are not readers, but rereaders. Who you think may, at some point in the future, put sentences together that will cause your spine to tingle and the hair on the nape of your neck to stand on end. Who can do it now. Writers who dare, whose ambition may have gotten the best of them, but tried anyway. That’s a tough order for a young writer, but that was our bar, and we were willing to read with an eye to the future.

Das kommt mir sehr entgegen, auch ich wertschätze Erfundenes, gerne auch ganz weit weg von Realismus, mehr als die Verarbeitung von selbst Erlebtem, und das bitte strukturell und sprachlich gut gemacht.

Anscheinend ist die gesamte Ausgabe ohne Kosten online zu lesen.

Besonders bemerkenswert erscheinen mir diese Geschichten:
Martín Felipe Castagnet, Frances Riddle (Übers.), „Our Windowless Home“
Andrea Chapela, Kelsi Vanada (Übers.), „Borromean Rings“
Irene Reyes-Noguerol, Lucy Greaves (Übers.), „Lost Children“
Carlos Manuel Álvarez, Frank Wynne (Übers.), „Bitter Cherries“

Journal Donnerstag, 20. Mai 2021 – Fortschritte in der Frauen-Beachtung

Freitag, 21. Mai 2021

Beim Lesen eines Newsletters wurde mir mal wieder bewusst, dass es in der Inklusion von Frauen als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft tatsächlich Fortschritt gibt. Meiner Überzeugung nach haben #Aufschrei und #metoo als Beschleuniger gewirkt. Zunächst konnte ich mich darüber freuen, dass in geschriebenen Kolumnen von Männern, ob Print oder online, immer häufiger auch leicht sexistische Impulse gerahmt wurden von „früher hätte man gesagt“ oder „aber das darf man heute ja nicht mehr schreiben“ – weil das für mich der Beweis war: Sie merken es selber, zuvor hätten sie das unmarkiert geschrieben, weil es gesellschaftlich akzeptiert war.

Kurzer Einschub: Meinen größten feministischen Erfolg feierte ich ja bereits als Schülerin. Eine feministische Mutter und starkes Gerechtigkeitsbedürfnis hatten mich von klein auf für diskriminierende Geschlechterstereotypen sensiblisiert, und im Schulunterricht prangerte ich sie energisch an. Ein Biolehrer zum Beispiel, der eine Unterrichtseinheit zu Lebensmittelgiften einleitete mit „Das wird jetzt vor allem für die Mädchen als künftige Hausfrauen interessant“ (frühe 1980er) erntete garantiert meinen Protest. Ich mache mir keine Illusion, dass das von meinen Klassenkameradinnen und -kameraden aus anderen Gründe begrüßt wurde denn als willkommene Ablenkung vom Unterricht – ABER! Eines Tages, meiner Erinnerung nach in der Oberstufe, äußerte eine Lehrkraft mal wieder Sexistisches,1 und die halbe Klasse drehte sich umgehend zu mir um, feixend. Zwar ging es ihr auch weiterhin in erster Linie um eine Ablenkung vom Unterricht, doch über die Jahre hatten die Buben und Mädchen offensichtlich begriffen, was die Kriterien für Sexismus waren.

Zurück zum derzeitigen Fortschritt: Mittlerweile lese ich immer häufiger in Kolumnen etablierter Herren die explizite Einbeziehung von Frauen. Es scheint ihnen beim Schreiben aufzufallen, dass sie schon wieder nur an Männer gedacht haben und sie überlegen, ob es nicht auch Frauen-Beispiele gibt – wenig überraschend gibt es die. Oder es fällt ihnen auf, dass das beschriebene Gesellschaftsphänomen gar nicht für die gesamte Gesellschaft gilt, sondern in allererster Linie für den männlichen Teil davon. Aktuelles Beispiel im SZ-Abo-Brief von Kurt Kister:

Wer viele Konflikte ausgetragen hat, wird sich entweder, wie Joe Kaeser oder Joschka Fischer, für den tollsten Hecht im Fluss halten. (Hechtinnen dieser Art gibt es auch, wenn auch deutlich seltener, mir fallen spontan zwei Alicen ein.)

Bei vielen jüngeren Männern, scheint mir, ist der Umweg über aktive Reflexion schon nicht mehr nötig: Sie wissen um die männliche Prägung von Standards und schauen von Vornherein nach Frauen aus. Zum Beispiel James Rebanks, in dessen empfehlenswertem Sachbuch English Pastoral auffallend viele Expertinnen zitiert werden.

§

Morgens widerstand ich dem Bedürfnis die Heizung aufzudrehen, machte mir statt dessen nach dem Morgenkaffee eine große Tasse heißen Tee und schlüpfte in eine Wolljacke (über zwei Lagen Nicki-Hausanzug und zu dicken Wollsocken).

Sport bestand gestern aus 20 Minuten Rumhüpfen zu Musik und einem halben Stündchen Kraftübungen für Oberkörper und Rumpf (während draußen die nächsten Regenschauer runtergingen). Dann war mir wenigstens ein bisschen warm.

Was ich nach Aufstehen und Anziehen gleich wieder zunichte machte, indem ich ins kalte Draußen ging: Es regnete gerade nicht, ich brachte mein Rad zum Radlschrauber, der bis Mittwoch in Urlaub gewesen war. (Vorsichtiges Nachfragen nach Verfügbarkeit eines neuen Fahrrads, denn der Radl-Boom, den die Pandemie-Einschränkungen ausgelöst haben, hat bis jetzt den Markt leergefegt. „Langsam kummt wieda was nei.“ Pressiert ja nicht.) Ich spazierte zum Mehlkauf in den Hofbräuhausmühlenladen, auf dem Rückweg besorgte ich Erdbeeren am Standl vorm Kaufhof am Marienplatz. Temperatur mittags um zwölf in der Sendlinger Straße: 11 Grad.

Bis die Touristen zurückkommen, müssen wir Einheimischen die Touristenfotos halt selber machen.

Kurzes Abladen daheim, dann die nächste Runde Lebensmittel, vor allem Vorräte, beim Basitsch, wieder kam ich trocken davon.

Frühstück kurz nach eins: Eine dicke Scheibe selbst gebackenes Kartoffelbrot mit Kochkäs, eine Schüssel Orange, Apfel, Erdbeeren.

Die Lärmkulisse im Haus belegt, dass in der alten Wohnung immer noch kaputt gemacht wird, noch nicht aufgebaut (Blick durch zufällig offenstehende Wohnungstür ergab am Samstag: neu verlegte Kabel noch nicht verputzt, Heizkörper gibt es auch noch nicht wieder).

Ich verbrachte den Nachmittag mit Zeitunglesen, Internetlesen, Buchlesen, lackierte meine Fingernägel farbig. (Herr Kaltmamsell hätte Zeit für eine gemeinsame Unternehmung gehabt, doch ich hatte gestern keine Lust auf einen Museumsbesuch, der endlich wieder möglich ist, und fürs Draußen war das Wetter zu schlecht.)

Abendessen: Ich machte aus Ernteanteil Salat mit sehr jungen Mairübchen und ihrem frischen Grün, darin auch ein wenig Ricotta Salata, Herr Kaltmamsell hatte von den Schwiegers einen besonders guten Himbeeressig mitgebracht, der darin hervorragend schmeckte. Zum Nachtisch viele Erdbeeren.

§

Erinnern sich an den Ingenieur, der seinen Garten in einen Eichhörnchen-Hindernisparcour umbaute? Es gibt jetzt einen zweiten Teil – you ain’t seen nothing yet.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/DTvS9lvRxZ8

  1. Die Geschichte wäre besser, erinnerte ich mich noch an die konkrete Aussage – aber ich weiß sie nicht mehr. []

Journal Mittwoch, 19. Mai 2021 – Urlaubsentspannung

Donnerstag, 20. Mai 2021

Wieder etwas längerer Schlaf, Herr Kaltmamsell musste erst vormittags zum Präsenzunterrichten an die Schule. Draußen Regen.

Nach dem Aufstehen kochte ich erst mal Kartoffeln für Schwäbisches Kartoffelbrot, dessen Vorteige ich Dienstagabend angesetzt hatte.

Als ich das Brot aus dem Ofen zog, war ich fertig für meine Laufrunde (der Körper fühlte sich dafür fit genug an) und hatte vorher gebloggt, Morgenkaffee getrunken sowie eine große Tasse Tee (guter Orange Pekoe mit so kalfreiem Wasser wie möglich weil neuer Wasserfilter – ich stelle fest, dass ich für so guten Tee keinen Zucker haben möchte, doch je kalkiger das Wasser und je minderwertig der Tee, desto höher mein Bedürfnis nach Süße und Milch), Herrn Kaltmamsell verabschiedet, der gestern für eine Stunde an die Schule fahren musste.

Es war so kalt draußen, dass ich in Winterkleidung lief, also mit Jacke über einem langärmligen Oberteil. Ich nahm wieder die Strecke über Südfriedhof zur Wittelsbacherbrücke, Flaucher und zurück, davon joggte ich ca. 40 Minuten. Kaum andere Menschen, der Boden war nass, aber nicht morastig, offensichtlich wird die viele Feuchtigkeit gut aufgesogen.

Flaucher.

Aus dunklen Wolken drohte ständig neuer Regen, doch erst kurz vor meiner Rückkehr zur Wittelsbacherbrücke tröpfelte es ein wenig und ich zog meine Kapuze über die Schirmmütze.

Zum Frühstück gab es drei Scheiben noch warmen Kartoffelbrots mit restlichem Basilikumöl von der Vorwoche und Kochkäs.

Nochmal raus zur Bank und um meine geflickte Jacke abzuholen, diesmal erwischte mich ein kalter Regenschauer. Zu Hause war Betrieb wie im Büro: Telefonanrufe, Klingeln an der Tür – was jeweils ich abwickelte, denn Herr Kaltmamsell war mittlerweile daheim und am Fernunterrichten.

Ich genoss den Urlaubstag: Kein Druck durch Termine, jeden Tag sportliche Bewegung, keine nennenswerten Schmerzen oder sonstigen körperlichen Beschwerden, gutes Essen, viel Lesen (gestern das Granta 155, The Best of Young Spanish Language Novelists). Das Wetter könnte besser sein, aber ich hatte auch schon mal eine Woche Brighton-Urlaub, in der es durchregnete. War nicht das Schlimmste. Mir geht’s gut.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Spaghetti mit Kohlrabiblätter-Pesto, ich machte aus dem Kohlrabi mit Petersilie (beides Ernteanteil) und einer roten Spitzpaprika ein Salätchen dazu.

Ich begann die Recherche für den nächsten Urlaub: Wir wollen in den Sommerferien eine Woche im Bayerischen Wald wandern, idealerweise im Nationalpark Bayerischer Wald. Das Angebot ist vielfältig – und unübersichtlich. Diesmal bevorzugen wir eine feste Unterkunft und Wanderungen um die 20 Kilometer von dort aus in der Umgebung: Hat jemand Erfahrungen, gar eine Empfehlung? (Anreise muss ohne Auto möglich sein.)

§

Was macht ein Geigerzähler eigentlich in seiner Freizeit? Antwort im Techniktagebuch:
„Der Geigerzähler bekommt etwas zu zählen“.

Journal Dienstag, 18. Mai 2021 – Haarbefreiung

Mittwoch, 19. Mai 2021

Ausgeschlafen, denn Herr Kaltmamsell musste nicht die erste Stunde unterrichten, nicht mal zur Schule fahren.

Draußen war es weiterhin kalt und greislich, immer wieder regnete es. Das und ein dumpfes Zwicken in der Hüfte ließen mich die Pläne einer weiteren Laufrunde fahren lassen, ich war schon am Montag mehr als geplant auf den Beinen gewesen. Außerdem bin ich nämlich keineswegs zwanghaft und kann einen Tag durchaus nur gut 10.000 Schritte auf dem Tracker aushalten.

Ein wenig Kraftübungen, ein wenig Yoga.

Wäschewaschen, Zeitunglesen, bis ich als erwachsene Erledigung des Tages in einer Regenpause zur nächst gelegenen Änderungsschneiderei ging, um die aufgeplatzte Naht einer Kostümjacke reparieren zu lassen. (Am Montag hatte ich bereits Kontakt mit einer benachbarten Glaserei aufgenommen, um endlich die Glasplatte eines geerbten Tischs zu ersetzen, von der eine Ecke abgebrochen ist – vor vielen, vielen Jahren. Für Donnerstag ist Abgabe meines Fahrrads zur Generalüberholung geplant.)

Frühstück/Mittagessen war von Herrn Kaltmamsell angekündigt: Pfannkuchen aus der restlichen geheimnisvollen japanischen Gebirgs-Jams vom Okonomiyaki, gerieben. Das dauerte allerdings bis halb zwei, weil er erst noch online Fernunterrichten musste (eine Lösung der Informatik-Aufgabe als „sehr elegant!“ lobte, so viel bekam ich mit). Die Pfannküchlein waren dann so lala und nicht sehr viele, ich aß ein Schüsselchen Haferflocken mit Milch und einen Apfel, um satt zu werden.

Am Nachmittag verbrauchte ich mehr soziale Energie als in den vergangenen Wochen zusammen, nämlich durch lange Interaktion mit zwei nicht vertrauten Menschen: Erst mit der Kosmetikerin, die meine Füße endlich wieder schön pedikürte, und dann mit der Not-Friseurin. Zum Haareschneiden hatte ich zwar ein Foto mitgenommen, das mich mit gewohnt kurzen Haaren zeigte, ließ der Fachfrau aber erst mal die Möglichkeit, sich selbst etwas zu dem Sieben-Monats-Material auszudenken, manchen macht das ja Spaß. Diese Friseurin wuschelte und kämmte ausführlich von allen Seiten in meinen Haaren herum, freute sich „Mit Ihren Haaren kann man ja alles machen!“ (ich natürlich: „Also bitte einmal Dauerwelle.“) und schlug dann vor, vor allem untenrum zu kürzen.

Voilà: Popperschnitt.
(Foto: Herr Kaltmamsell, #boyfriendsofinstagram)

Ich war zufrieden, ganz kurz kann ich in zwei Monaten beim gewohnten Haarschneider immer noch haben.

Hin und zurück war ich sogar trocken geblieben, erst abends setzte erneut Regen ein. Und es wurde weiter kälter, gestern kamen die Temperaturen kaum über 10 Grad hinaus, so soll es auch erst mal bleiben.

Zum Abendessen wärmten wir uns das restliche Lamm vom Sonntag auf, jetzt ist es aber weg.

Zur Abendunterhaltung sahen wir in die ARD-Produktion All you need, ich hatte in der Süddeutschen ein Interview mit Hauptdarsteller Benito Bause gelesen und war neugierig geworden. Joah, zumindest in dieser ersten Folge kam mir der Aspekt „wir zeigen euch schwulen Lifestyle“ arg vordergründig und etwas belehrend vor. Aber vielleicht müssen wir erst durch solche Serien, bis schwules Leben unmarkierter Teil von Fernsehserien wird.

Früh ins Bett, Dervla McTiernan, The Scholar ausgelesen.


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