Journal Mittwoch, 18. August 2021 – Taverna und Schullektüre

Donnerstag, 19. August 2021 um 6:50

Beim Weckerklingeln war Dämmerung nur erahnbar. Blumen gegossen, Wäsche aufgehängt. Ich muss inzwischen eingestehen: So lässig ich bei der Anordnung von Zeug in der Geschirrspülmaschine bin (macht doch, was ihr wollt), so klare Vorstellungen habe ich, wie ich nasse Wäsche aufgehängt haben möchte (mag daran liegen, dass ich das 20 Jahre länger mache). Herr Kaltmamsell kennt meine generellen Vorgaben, also möglichst bügelfreundliche und schnelltrocknende Aufhängung – macht es mir aber nie ganz recht.

Ein grauer, sehr kühler Morgen, zumindest kam ich trocken in die Arbeit.

Mittagessen Birchermuesli, zur Abwechslung mal mit Kefir statt Joghurt – das mache ich nicht nochmal, das Vergorene des Kefir schmeckte, als hätte das eingeweichte Muesli seit einer Woche in der Sonne gestanden. Außerdem war es wohl zu viel und zu Kohlenhydrat-lastig, ich fiel in Nudelkoma und konnte mich nach der Mittagspause nur schwer wachhalten.

Vorzeitiger Feierabend, weil der einzige Pediküretermin, den ich vor dem Urlaub und ungefähr nach der Arbeit bekam, 16.15 Uhr war. Herzlicher Termin, schöne Füße – und Frau Kosmetik bot mir einen Lack exakt in der Farbe meiner Sandalen an.

Obst- und Gemüseeinkäufe im Vollcorner, daheim ein wenig Yoga.

Zum Abendessen war ich verabredet, ich traf mich mit einer Freundin in der Taverna Melina. Es war mild genug geworden, dass wir in Jacke/Mantel draußen saßen, wir aßen Fischteller (Freundin) und Imam-Aubergine mit Bratkartoffeln. Im Gespräch viel Information-Nachholen und gute Nachrichten.

Herr Rau sammelt Erinnerungen an Schullektüren (bislang fast nur westdeutsche, umso interessanter ist die ostdeutsche Liste von Kittykoma) – und ich kann nur schwer mitspielen. Die Jahresberichte meiner Gymnasialzeit 1977-1986 führten die Schullektüren zwar auf, doch diese Hefte habe ich schon vor vielen Jahren weggeworfen. Und ohne Nachschlagen verschwimmen in meiner Erinnerung Schullektüren mit den Büchern, die ich zu dieser Zeit selbst las (aus der Pfarrbücherei oder der Schulbibliothek, ich schrieb ja jeden Buchtitel mit, den die Deutschlehrer auch nur erwähnten) sowie mit Theateraufführungen (meine Mutter nahm mich etwa ab dem Alter von elf Jahren zu meiner großen Begeisterung in ihre Abo-Vorstellungen am Ingolstädter Stadttheater mit, außerdem gab es Schultheater, in dem ich selbst mitspielte oder das ich sah). Weiterer Verschwimmfaktor: Ich hatte nach Schuljahresstart Mitte September bis spätestens November das jeweilige Lesebuch durch (unter der Bank bei langweiligem Unterricht, unter Umgehung der Gedichte, zu denen die ich leider noch nie Zugang hatte). Meine Schulnoten – nur zur Einordnung – waren übrigens nie sehr gut, ich lag lediglich immer leicht über dem Durchschnitt.

Als Erinnerungsstütze ging ich die anderthalb Meter Reclams in unserem Buchregal durch (gleich mal wieder zwei Dutzend rausgeworfen) und stellte fest: Die meisten Klassiker mit meinem Ex-Libris sind auf die Jahre nach meiner Schulzeit datiert. Ich las Schillers Maria Stuart oder Goldonis Diener zweier Herren wirklich aus Interesse, oft angeregt durch den Spielplan des Ingolstädter Stadttheaters. Außerdem fand ich dieses.

Weihnachtsgeschenk einer Mitabiturientin: Shakespeares Komödie der Irrungen.

Aus mir konnte nur eine Queen of Uncool werden, wenn mich schon mit 17, 18, 19 Shakespeare wirklich begeisterte. Es ist bis heute nicht geklärt, was in meiner Gymnasialzeit schiefgegangen ist, die ja offensichtlich eigentlich dazu da ist, Schüler*innen die Lektüre vor allem von Klassikern auf Lebenszeit zu vergällen.

Ein paar lebendige Erinnerungen an Schullektüre habe ich aber:

Franz Kafka, Die Verwandlung (Las uns in der 6. Klasse Referendar Willi Plankl Stück für Stück am Ende der Unterrichtsstunden vor – bis heute eines der eindrücklichsten Literaturerlebnisse überhaupt.)

Walter Kempowski, Tadellöser & Wolff (Zitate aus dem Roman wurden umgehend in die Alltagssprache der Klasse aufgenommen; Deutschlehrer Robert Köhler war zwar ein schwieriger Mensch, hatte aber immer Interessantes zu sagen.)

Friedrich Schiller, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua (Umso weniger verständlich, dass Herr Köhler uns dieses elend langweilige Stück vorsetzte.)

Homer, Odyssee (Die Bilder, die da gezeichnet werden! Außerdem fand ich es ausgesprochen cool, die ersten 20 Zeilen auswendig zu können.)

Platon, u.a. Symposion (Wie so Vieles in meinem Leistungskurs Altgriechisch prägten die platonischen Dialoge meine Argumentations- und Anaylseweise bis heute.)

Thukydides, Der peloponnesische Krieg (Weil ich in der zugehörigen Klausur den einzigen Einser – 13 Punkte – meiner gesamten Altgriechisch-Zeit schrieb. Purer Zufall.)

William Shakespeare, Macbeth (In meiner Erinnerung von der LK-Englisch-Lehrerin eingeführt mit: „Ach, finde ich ja auch doof, aber das müssen wir halt machen.“ Der siebenköpfige Leistungskurs sah das ganz anders und versuchte unter anderem tagelang, selbst Shakespeare-Englisch zu sprechen.)

J.D. Salinger, Catcher in the rye (Englisch war noch viele Jahre für mich sehr anstrengend zu lesen, vor allem erinnere ich mich an unseren eigeninitiativen Versuch, eine bessere als die Böll’sche Übersetzung zu erstellen. Wodurch wir lernten, wie scheißschwer literarische Übersetzungen sind.)

Autorinnen? Welche Autorinnen? Im Griechisch-LK war sicher das eine oder andere Gedicht von Sappho dabei, und meine LK-Hausarbeit schrieb ich über das damals eben erschienene Kassandra von Christa Wolf – aber auf eigenen Vorschlag. Ich gleiche den Frauenmangel meiner Schulzeit ein wenig dadurch aus, dass ich auf die Frage des Deutschlehrers an meiner Seite, ob mir zu einer Gattung oder einer Epoche Autorinnen einfallen, immer Vorschläge parat habe.

Was es in meiner Schulzeit sicher nur in den Fremdsprachen gab: Gemeinsames Lesen im Unterricht. Deutsch-Lektüren wurden daheim gelesen, alles andere hätte mich sehr wahrscheinlich irre gemacht.

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Hin und wieder lohnt es sich, sich über unser Krankenversicherungssystem zu freuen, weil es global gesehen alles andere als selbstverständlich ist . Jajaja, es hat Verbesserungspotenzial, und nicht zu knapp, aber hier zum Vergleich eine Twitter-Geschichte aus Chile.

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Immer wieder interessant: Juristische Perspektiven. Dr. Miriam Vollmer untersucht:
„Baurecht und Schottergärten“.

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Die Macht der Sprache, oder: Was keinen Namen hat, existiert nicht. Zum Beispiel war mir nicht klar, wie besonders das deutsche Wort „Feierabend“ ist, es gibt keine englische Entsprechung. Die BBC machte sich vergangenes Jahr Gedanken über die Auswirkungen:
„How ‚Feierabend‘ helps Germans disconnect from the workday“.

Feierabend isn’t just a German word for ‘work-life balance’. While it’s related, ‘work-life balance’ is a term that can often end up just as nebulous in meaning as the problem it’s trying to correct. Instead, the German approach seems to acknowledge that there will always be tension between the work self and the private self. Rather than attempting to reconcile the two, the disconnection that comes with Feierabend establishes boundaries between them.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 18. August 2021 – Taverna und Schullektüre“

  1. Frau Bruellen meint:

    Ooooooh, das erste Mal, dass jemand anders die „Komödie der Irrungen“ erwähnt! Das war unser Theatergruppenstück in der elften, meine Freundin und ich waren die Diener-Zwillinge. Die MaskenbildnerInnen haben so ganze Arbeit geleistet, dass die Grosselternfraktion uns auf der Bühne nicht unterscheiden konnte und naja, dann macht das Stück überhaupt keinen Sinn :-)

  2. Canzonett meint:

    „Andra moi ennepe, Mousa, …“ Mussten wir auch lernen, und ich liebte den Klang dieser Verse und hab sie immer noch im Kopf (ebenso das ganz parallele „Arma virumque cano …“). Kurioserweise ähnliche Kafka-Erfahrung: Wir sollten in der 6. im Kunstunterricht mit Fineliner den transformierten Gregor Samsa zeichnen (sprich: das Viech möglichst vielfältig mit Schraffuren und Mustern bestücken), während unsere Lehrerin uns den gesamten Text vorlas: mit sanfter, warmer Stimme, die dem schroffen Geschehen noch einmal zusätzliche Abstrusität verlieh.

  3. Sabine meint:

    Shakespeare mit 17 mögen soll uncool sein? Mir hat nach dem Abitur mal der coolste und verpeilteste Surferdude des Kurses gestanden, dass er trotz ursprünglichen Augenrollens bei der Ankündigung der Lektüre inzwischen restlos überzeugt von dem Manne sei. Man kann Shakespeare kaputtmachen, das ist aber echt schwer, wie man ja an der unwilligen Lehrerin sieht.

    Das mit der Lyrik tut mir aber leid. Ich war immer das peinliche Kind, das dank lyrikbesessener Familie alle Gedichte verschlungen und nicht wenige auswendig gelernt hat. Ist es vielleicht nochmal einen Versuch wert? Dieses begleitete Lesen von „The Art of Losing isn‘t hard to master“ führt meisterlich vor, wie man Gedichte durch Besprechen eben nicht plattwalzt.

    Dr Miriam Vollmers lustvolle Streitbarkeit auf Twitter ist mir ein Faszinosum. Da hat mal jemand den richtigen Beruf gewählt.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Wie großartig, Frau Bruellen! Ob’s da wohl Fotos gibt?

    Mir hat Skandieren Spaß gemacht, ich mochte den Rhythmus des Hexameters, Canzonett. Doch ich erinnere mich auch an die Qualen des Klassenkameraden, der dafür das absolute Nicht-Gehör hatte, von Lehrer Graßl oft als „amusisches Binsenschwein“ gescholten (in zwei Daktylen gesprochen).

    Ich lasse mir hin und wieder vom Lyrik-Liebhaber an meiner Seite Gedichte vorlesen und dann interpretierend nacherzählen, Sabine. Meine Störung ist so tief, dass ich nicht sehe, was da steht, mir ganze Wörter entgehen.

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