Archiv für Oktober 2021

Journal Donnerstag, 14. Oktober 2021 – Strampeln mit Aussicht

Freitag, 15. Oktober 2021

Durchgeschlafen (hatte ich seit zwei Jahren nicht mehr), allerdings nur bis fünf.
Nur dass ich nach dem Aufstehen meine Bettsocken ein paar Meter vom Bett entfernt auf dem Boden sah. Hm, die hatte ich beim Einschlafen definitv benötigt – zwar wird mir fast immer im Lauf der Nacht zu warm darin, doch wann bitte hatte ich sie nicht nur abgestreift, sondern auch so offensichtlich weit geschleudert?

Es war weiterhin kalt, ich drehte selbst für Morgenkaffee und Fertigbloggen die Heizung auf.

Strammen Schritts in die Arbeit, um nicht zu frieren.

Mittagessen: ein Kanten Brot, Granatapfelkerne mit Hüttenkäse. Nachmittags eine Online-Veranstaltung zum aktuellen Stand Bildrechte, trotz regelmäßiger Befassung mit dem Thema fürs Blog einiges gelernt (auch aus den Fragen der anderen Teilnehmenden).

Wieder hatte ich meinen Rucksack mit Sportzeug dabei, diesmal kam er zum Einsatz: Ich marschierte nach Feierabend zum Verein. Durch Nachfragen an der Infotheke erfuhr ich, dass ich am Vorabend eh nicht in die Hot-Iron-Stunde gekommen wäre: Man muss sich Pandemie-bedingt weiterhin über ein Online-Portal anmelden. Gestern nutzte ich einen der Crosstrainer, aber das andere Modell: Es gibt eines mit an Bändern aufgehängten Pedalen, auf dem ich bisher gestrampelt hatte, mit dessen sehr langsamen Bewegungsmöglichkeiten ich aber nicht wirklich zurecht komme; gestern stand ich auf einem eher gewohnten Modell mit kleinerem Ellipsenradius.

In der Turnhalle unter mir gab’s Spannendes zu sehen: Links wurde Tischtennis gespielt (nicht allzu interessant), aber rechts trainierten Turnerinnen in der Altersspanne von kleines Kind bis junge Frau. Ich verfolgte eine Stunde mit langem Aufbauen (Übungsbarren, aufgeblasene Riesenmatte, Schwebebalken, viele Turnmatten), Aufwärmen bis Vordehnen.

Auf den Ohren hatte ich Musik, regelte Schritthöhe und Widerstand am Crosstrainer immer wieder so, dass ich im Rhythmus strampeln konnte.

Zu Hause schnelles Duschen und Cremen, damit ich vor der Tagesschau noch das Joghurtdressing für den Ernteanteilsalat plus Eiern zubereiten konnte. Nach Salat gab es ein wenig Käse, Eis und Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen.

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Von regelmäßigen Nutzerinnen der italienischen Fernzüge höre ich ja schon seit Jahren Märchenhaftes (zuletzt: Health & Safety Kit). Und jetzt:
„How Italy’s high-speed trains helped kill Alitalia“.

Vor allem aber: Was machen wir jetzt mit unseren nationalen Stereotypen? Der SBB in der Schweiz sahen wir ja noch den um Längen besseren Service und die Pünktlichkeit nach – ABER ITALIEN?!

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Johnny Häusler verlinkte auf Twitter einen alten Blogtext, seine Erinnerung an ein Punk-Konzert von etwa 1980. Sehr lustig.
„Konzert-Reviews. Jahrzehnte später.“
UND! Drunter ein Kommentar (Nr. 13) vom besprochenen Künstler.

(Leseempfehlung vor allem für das mitlesende Brüderchen, der in seiner eigenen Jugend ca. zehn Jahre später in einer ganz, ganz bösen Speed-Lärm-Band – wie hieß die Musikrichtung nochmal offiziell? – names Mörtel Schlagzeug spielte. Ich erinnere mich an ein Konzert, zu der die ganz, ganz böse Brüllband samt Equipment von den Mercedesen und Audis der Eltern gefahren wurde, in dem die Eltern sich das Konzert von der am weitesten von der Bühne entfernten Wand aus anhörten, denselben gerührt liebevollen Blick in den Augen, den ich später vom selben Brüderchen bei den Musikschul-Konzerten seiner eigenen Kindern kenne.)

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Von „impresionante“ zu „que pena“ in Sekunden – wer kennt’s nicht? (Blick des Königs sagt eindeutig: „¡una!¡vez!¡con!¡profis!“)

Journal Mittwoch, 13. Oktober 2021 – Wiedergefundene Pflaumen

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Geweckt worden aus einem Traum, in dem eine riesige Muräne bei einem Tauchgang eine Rolle gespielt hatte.

Draußen war es regnerisch kalt, doch die Wolken verzogen sich pünktlich zu meinem Aufbruch ins Büro.

Mittags huschte ich raus in den nächstgelegenen Supermarkt; ich hatte zum Abendbrot (Herr Kaltmamsell war beruflich aushäusig) gefrorenen Rahmspinat für eine Suppe mit verlorenen Eiern besorgen wollen, doch die Tiefkühltruhe gähnte nahezu leer (sind das diese Lieferkettenprobleme, von denen ich so viel lese?). Also eine Dose Linseneintopf gekauft.

Mittagessen war Dickmilch, eine Scheibe Roggenbrot, Granatapfelkerne.

Morgens hatte ich voller Elan den Rucksack mit Sportzeug für eine Rückkehr nach zweieinhalb Jahren zu Hot Iron im Verein gepackt, doch nachdem ich schon am Vormittag wacklig gewesen war, wurde mir über den Nachmittag immer schwindliger. Das nahm mir jede Sportlust: Ich ließ die Pläne fahren und ging nach Feierabend direkt nach Hause.

Weiterhin ganz schön kalt, es ging auch ein unangenehmer Wind.

Daheim reichte die Stabilität für 45 Minuten Yoga. Bei denen ich feststellte, dass ich auch ein Jahr nach Hüft-OP nicht auf der operierten Seite liegen kann, weil das zu sehr schmerzt – zumindest nicht auf der dünnen Yogamatte und nicht mit Belastung.

Ich sah mich noch mal bei Crowdfarming um (weiterer Pluspunkt: Dort kaufe ich auch Obst und Gemüse, das den Schönheitskriterien von Supermärkten nicht entspricht und im konventionellen Vertrieb weggeworfen würde.). Die gestrige Entdeckung: Es werden Pruneaux d’Agen angeboten! Diese Köstlichkeit, halbgetrocknete und superaromatische Trockenpflaumen, hatte ich vor Jahren als Reisemitbringsel entdeckt, der Anbieter versendet leider schon lang nicht mehr ins Ausland (zuletzt hatte ich welche bei Manufactum gefunden). Gestern adoptierte ich einen Pflaumenbaum.

Dazu kam ein Orangenbaum von einer Plantage mit verschiedenen Sorten, die nicht nur unterschiedlich schmecken, sondern auch nacheinander von November bis Januar reif werden: Neben der Kiste, die im Adoptionspreis enthalten ist, bekomme ich diese über die Zeit zum Kauf angeboten.

Als Abendbrot machte ich die Dosenlinsen heiß, erinnerte mich sogar rechtzeitig daran, dass wir ja von den Vormietern eine eingebaute Mikrowelle übernommen haben (schon vergangenen Samstag hatte ich darin für die Schwarzwälder Kirschtorte Kuvertüre und Butter geschmolzen). Nachtisch war ein Apple-Crumble-Eis, das Herr Kaltmamsell gekauf hatte, und Schokolade.

Zur Abendunterhaltung ein YouTube-Video, das ich seit vielen Wochen als Tab offen hatte:

Morgan Donner, deren Thema sonst das Nähen historischer Kleidung ist, führt 500 Jahre Frisurenmode vor – an sich selbst.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/Wao0_uB4Zw4

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Im Feuilleton der Süddeutschen gute und reflektierte Gedanken von Nele Pollatschek zur Bewertung des Werks von Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah (€):
„Ist der gut?“

Egal wie gerne Leser und Kritiker es vergessen: Geschmack ist Sozialisierung, ist Gewohnheit, ist das Ergebnis von Übereinkünften innerhalb einer Rezipientengemeinde. Wenn sogar Essen, welches immerhin physiologische Grundbedürfnisse stillen muss, keinen universellen Bewertungskriterien unterliegt, wie soll man dann Literatur bewerten? Wie sollte jemand, der in den europäischen Literaturtraditionen sozialisiert wurde, die Qualität eines tansanischen Autors beurteilen?

Skepsis gegenüber dem diesjährigen Literaturnobelpreisgewinner Abdulrazak Gurnah ist auch Skepsis gegenüber den eigenen Kriterien, ein Verweis auf die Begrenztheit der eigenen Position, nicht aufgrund einer rassistischen Charakterschwäche, sondern weil auch die Einsicht in die Beschränktheit der eigenen Kriterien einen nicht über diese Beschränktheit hinausträgt.

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Wie eine Bibliothek damit umgeht, dass die Frage nach Büchern zu bestimmten Themen viel Überwindung kostet: „Tough topics“. (Die Tafel steht hoffentlich auch noch in einem diskreten Teil der Bibliothek.)

Journal Dienstag, 12. Oktober 2021 – Herbst- und Winterkleidung

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Gut geschlafen, aber morgens kämpfte meine Verdauung immer noch mit den mehreren Dezilitern Chiliöl vom Vorabendessen – bis in den Vormittag hinein.

Draußen herbstlicher Nebel, noch eher feucht als eisig.

Neben dem warmen Janker holte ich auch meine Kopfbedeckung mit der schönsten spanischen Bezeichnung heraus: mi boina, so richtig mit Hutband, vor vielen Jahren in einem Augsburger Hutladen gekauft, Ecke Karolinenstraße/Ludwigstraße, den es schon lang nicht mehr gibt.

Erst gestern fand ich heraus, dass das ursprünglich ein Wuppertaler Hersteller war und der Markenname Codeba die Abkürzung für „Companie deutscher Baskenmützenhersteller“ ist, nach eigenen Angaben einst der „größte Militärmützenhersteller Deutschlands“.

Der Tag blieb grau bis dunkelgrau, im Büro brauchte ich immer wieder Licht.

Mittags gab es Apfel, Butterbrot aus Selbstgebackenem (Vorrat der Gefriere) und Granatapfelkerne.

Nach Feierabend spazierte ich in die Fußgängerzone, denn ich wünschte mir ein Büro-taugliches Strickkleid für diesen Winter. Die Sichtung des Angebots ergab: Man trägt heuer Stricksack, das gefällt mir nicht. Als ich schon aufgegeben hatte, sah ich im Erdgeschoss vom Konen doch noch ein Modell mit ein wenig Form. Es passte (die Fachverkäuferinnen dort kann man immer noch vertrauensvoll um Rat bei der Wahl der Größe fragen, die für die Abteilung zuständige Dame konnte mir die Kriterien nennen, die ihr sagten, dass ich die richtige trug), und jetzt habe ich ein hellgraues Strickkleid.

Auf dem Heimweg regnete es nonchalant herbstlich. Zu Hause Granatäpfel entkernt für Mittwochbrotzeit, während Herr Kaltmamsell Abendbrot kochte. Zum Nachtmahl servierte er Pakchoi aus Ernteanteil mit zugekauften Champignons und gebratenem Seidentofu – hoppla, versehentlich vegan. Und besonders wohlschmeckend. Dann Schokolade.

Früh ins Bett, um weiter Effingers zu lesen.

Journal Montag, 11. Oktober 2021 – Deutsche Küchen-Historie

Dienstag, 12. Oktober 2021

Zu einem kalten, klaren Morgen aufgewacht, beim Fensterschließen nach Schlafzimmerlüften sah ich wieder das Sternbild Orion mit vielen Details am südlichen Himmel.

Erst beim Gang in die Arbeit merkte ich, wie kalt es war: Raureif auf der Theresienwiesen, in Ledermantel und Lederhandschuhen fror ich. Ich werde also bald die Balkonpflanzen reinholen müssen und selbst auf Wintermantel plus Mütze und Wollhandschuhe umsteigen.

Mittags ein Apfel, eine restliche Scheibe gebratener Sellerie von Samstagabend, direktimportierte spanische Granatapfelkerne (köstlich!) und Grapefruit.

Auf dem Heimweg nach Feierabend ein paar Lebensmitteleinkäufe im Edeka, an der Kasse kurzer Befindensaustausch mit einer besonders zauberhaften Angestellten.

Zum Glück war es nicht mehr so saukalt, ich genoss das Überqueren der Theresienwiese.

Daheim eine halbe Stunde Rundum-Yoga.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Blumenkohl aus Ernteanteil in Chilibutter – viel, viel Chilibutter, mein Magen gurgelte danach überfordert. Ich konterte mit Schokolade.

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„Wolfram Siebeck & das deutsche Küchenwunder“
ist eine multimediale Online-Ausstellung von Sächsischer Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden und der TU Dresden – und wirklich spannend.

via Anke Gröner

Einem Filmchen von 1985 im Kapitel Köchinnen entnahm ich zum Beispiel: Für die Steinpilzfüllung ihrer Ravioli aus Kartoffelteig verwendete Sterneköchin Margarethe Bacher neben Salz – Glutamat. Neben weiterer Berichterstattung aus der Zeit stehen auch heutige Statements damaliger Protagonisten zur Verfügung, unter anderem wird die Entstehung berühmter (in Fachkreisen berühmter) Gerichte erzählt.

Die Online-Show zeichnet die Geschichte der Edel-Küche in Deutschland nach: Wie sie im 19. Jahrhundert internationales Niveau hatte, wodurch alles vergessen wurde, woher die Einflüsse nach dem Zweiten Weltkrieg kamen. Als in den 1970ern neuer Ehrgeiz in hochklassige Restaurantküchen einkehrte, war eines der größten Probleme die Beschaffung der Zutaten – mit origineller Lösung.

Neu waren mir Ursachen und Auswirkungen des Servierens auf Tellern, wie wir es heute kennen: Zuvor hatten entsprechend ausgebildete Kellner am Tisch tranchiert, flambiert, vorgelegt (wie ich es noch in hiesigen italienischen Restaurants kenne, zum Beispiel beim Servieren ganzer Fische, die mir ganz gezeigt werden, dann neben dem Tisch filetiert – oder bei der Vor-Ort-Zubereitung von Zabaione). Interessant auch der Einfluss von Technik: In den 1950ern gab es auch in der Spitzenküche nur Eiscreme von Lagnese – weil niemand Eis selbst herstellen konnte. Die Phase der vielfarbigen Pürees in den 1980ern hatte ich schon wieder vergessen. (Und fühlte mich mal wieder alt, weil ich so viele der beschriebenen Trends selbst miterlebt habe: Ich hatte ja schon früh so gerne sehr gut gegessen, dass ich immer wieder darauf gespart hatte und bereits als Studentin die besten Lokale in Augsburg getestet, damals die Ecke-Stuben und das heute Zwei-Sterne-Restaurant August. Heute habe ich die Freude an allzu komplizierten Gerichten verloren und bevorzuge die hervorragende Küche mit besten Zutaten, aber ohne Sterne-Ambition.)

Wie der Titel schon sagt, geht es auch viel um Leben und Rolle von Wolfram Siebeck – dessen Bedeutung ihm wirklich nicht in die Wiege gelegt wurde. Dass sie ohne seine Frau Barbara nicht möglich gewesen wäre und was ihr Beitrag war, wird zum Glück zumindest erwähnt.

Journal Sonntag, 10. Oktober 2021 – Muttergeburtstag in Familienrunde

Montag, 11. Oktober 2021

Eigentlich gut geschlafen, doch körperlich so zerschlagen aufgewacht, als hätte ich statt auf einer handgenähten Luxusmatratze auf dem Boden gelegen. Und extrem gestresst, ich hatte nämlich zuletzt geträumt, dass ich gleich von einem Freund für eine lange geplante Urlaubsreise abgeholt würde und mir in letzter Sekunde einfiel, dass ich dafür Reisepass und Handy mitnehmen sollte, die ich dann aber nicht fand, weil jeder Ort, an dem ich in der Wohnung suchte, ein chaotischer Krusch-Haufen war.

Draußen ein strahlender Herbsttag, wenn auch sehr kalt (laut Herrn Kaltmamsell, der eine Laufrunde absolvierte). Mein Morgensport war eine Runde Bauchtraining bei Fitnessblender – die mich ungeheuer anstrengte: Mir war schwindlig, ich brauchte einige Extrapausen.

Vormittags spazierten wir zum Bahnhof: Meine Mutter hatte zum Feiern ihres Geburtstags vergangene Woche eingeladen. Die Schwarzwäler Kirschtorte transportierte Herr Kaltmamsell, das sollte die Wahrscheinlichkeit eines Verkackens auf den letzten Metern vermindern.

Vorm Zugfenster wolkenlose Sonne über der Holledau, traumhaftes Wanderwetter.

Das Haus meiner Eltern war voller noch mehr Familie als erwartet: Neben den lieben Schwiegers war auch die gesamte Bruderfamilie da, wie wunderschön. Es wurde mit Sekt angestoßen, einander angeguckt: Neffe 2 hatte die Locken abschneiden lassen und sich passend zur neuen Frisur „in FDP-Look“ gekleidet, die jugendliche Nichte war offensichtlich nochmal gewachsen (ich erlaubte mir zum allerersten Mal im Leben der Nifften die Tanten-Bemerkung „Du bist aber groß geworden!“), Schwägerin trug eine sensationell schöne Bluse.

Gegessen wurde in einem italienischen Restaurant, ich hatte venezianische Leber mit Tagliatelle. Anschließendes KaffeeundKuchen im Haus meiner Eltern.

Die Torte schmeckte ganz hervorragend, meine Mutter hatte außerdem reichlich Strauben gebacken.

Ich ließ mir von Neffe 1 die ersten Erlebnisse in politischer Gremienarbeit erzählen, auch sonst hörte ich Spannendes aus der Familie. Als wir uns am späten Nachmittag zum Zug nach Hause verabschiedeten, konnte ich mich schon auf den nächsten Besuch in zwei Wochen freuen.

Daheim Vorbereitung der Arbeitswoche, Räumen für den Putzmann. Ich hatte fürs Abendessen schon wieder Hunger, es gab Käse.

Journal Samstag, 9. Oktober 2021 – Schwimmfrieren und Tortenpanik

Sonntag, 10. Oktober 2021

Eher unruhige Nacht, aber ohne Pause.

Lang geschlafen, zum Morgenkaffee erst mal ordentlich die Heizung aufgedreht, weil es so kalt war. Bettwäsche gewaschen. Nach dem Bloggen buk ich die Böden für Schwarzwälder Kirschtorte – nach dem feineren von beiden Rezepten aus meinem handgeschriebenen Kochbuch (Mandeln im Mürbteig, Wiener Boden statt Biskuit, von Anette). Wenn alles klappt, wird es dieses ersetzen.

Ganz erstaunlich, wie sehr ich mich mittlerweile vor dem Tortenbacken fürchte: Bei jedem Schritt rechnete ich mit Scheitern (Knetteig zu weich oder zu trocken und nicht ausrollbar / löst sich nach Backen nicht von Unterlage / Eiertrennen geht daneben / Rührteig geht nicht auf / lässt sich nicht in der Mitte halbieren / irgendwas fällt mir runter und geht kaputt). Deshalb begann ich rechtzeitig, um bei Totalverkacken Zutaten für einen Neustart einkaufen zu können. Auch beim Tortenbacken ist mein früheres unbeschwertes und zuversichtliches Ich verschwunden. (Sonore Erzählerinnenstimme aus dem Off, vielleicht die von Emma Thompson: „Es ging nichts daneben.“)

Mittags wurde wie angekündigt die bestellte Kiste Granatäpfel aus Spanien geliefert – in exakt den fünf Minuten, in denen ich in den Fahrradkeller gegangen war, um die Reifen aufzupumpen. ABER ES WAR JA NOCH HERR KALTMAMSELL DAHEIM, FANARRRRRHAHAHA! Sehen ungewohnt aus, ist auch eine ungewohnte Sorte (Acco).

Das ist etwa ein Drittel Kisteninhalt.

Ich radelte ins Olympiabad für eine Schwimmrunde. Bei sich lichtendem Hochnebel war es so kalt, dass ich dafür Mütze und Handschuhe brauchte.

Jetzt sind auch die Fenster der Olympiahalle fertigrenoviert, ich schwamm in Sonnenlicht. Allerdings nicht ganz so lange wie geplant, weil ich wieder fror – auch als ich einen Zahn zulegte. Dabei hatte ich mich anfangs noch gefreut, weil das Wasser warm war: Das mag ich zwar nicht besonders, doch nachdem ich im Schyrenbad bei den letzten Malen Schwimmen immer gefroren hatte, glaubte ich mich jetzt davor geschützt. Irrtum. (Was soll denn das?)

Die restliche Baustelle links habe ich weggeschnitten, und ja: Das Becken war die meiste Zeit so herrlich leer.

Auf dem Heimweg hielt ich für Einkäufe beim Basitsch und beim Bäcker. Daheim um drei Frühstück: Eiersalat von Herrn Kaltmamsell (darin das Grün des Gesamtselleries aus Ernteanteil), Semmel mit Butter und Marmelade, Granatapfelkerne – letztere hart erkämpft, denn diese Sorte hat eine dicke Außenwand, aber dünne Innenwände und eher kleine Kerne, ich musste ganz schön fieseln. Der Geschmack der Kerne war dann ausgezeichnet, sie sind recht süß. (Aus den nächsten paar versuche ich aber Saft zu pressen.) Zwei Lebkuchen.

Ich sah mich etwas gründlicher auf der Crowdfarming-Website um, fand besonders diesen Artikel interessant, der einige meiner Sorgen beruhigte:
„Die Umweltauswirkungen des Transports beim Direktverkauf von Lebensmitteln“.
Also adoptierte ich gleich mal einen Mandelbaum in der Nähe von Granada und freue mich jetzt auf zwei Kilo Mandeln Anfang Dezember, eine Mischung der Sorten Guara und Marta. Im Grunde ist diese „Adoption“ eine verspieltere Variante der Solidarischen Landwirtschaft, in der die Endabnehmerin sich bereits an den Kosten den Anbaus beteiligt. Nur halt nicht konsequent, denn sollte mein Baum eingehen, bekomme ich trotzdem Mandeln – in Solidarischer Landwirtschaft trüge ich auch dieses Risiko mit.

Immer noch ängstlich stellte ich die Schwarzwälder Kirschtorte fertig.

Jetzt kann noch der Transport am Sonntag schiefgehen.

Zum Nachtmahl verwandelte Herr Kaltmamsell die Sellerieknolle aus Ernteanteil in knusprige Sellerieschnitzel, ich hatte Eichblattsalat besorgt und machte ihn mit der letzten grünen Paprika aus Ernteanteil und Joghurtdressing an. Dazu ein Glas Bad Mergentheimer Acolon – gut, aber mit ein wenig unzusammenhängenden Geschmäckern. Nachtisch Schokolade.

§

UK hat nicht nur einen Premierminister, über den man lachen kann (aus Verzweiflung), sondern immer noch wirklich gute Komikerinnen. Zum Beispiel Rosie Jones.
https://twitter.com/Channel4/status/1446474295824236547

Journal Freitag, 8. Oktober 2021 – Italienischer Abend mit Fisch

Samstag, 9. Oktober 2021

Wieder guter und tiefer Schlaf, der Wecker störte erheblich. Unter anderem weil ich im Traum gerade mit vier anderen Frauen auf einer ISS-ähnlichen Raumstation war, ich bemerkt hatte, dass in der Station lediglich deutlich verminderte Schwerkraft, aber nicht Schwerelosigkeit herrschte, ich gerade die anderen darauf hinwies und fragte, ob eine das erklären könne. Die Erklärung hätte mich wirklich interessiert!

Das Draußen herbstlich düster, ich trug erstmals ein Winterkleid (von dem ich bereits wieder vergessen hatte, wie sackartig und unförmig es war – im Grunde ein Fehlkauf) und dicke Strumpfhosen.

Mittagessen eine grüne Ernteanteil-Paprika (himmlisch aromatisch) mit einem Frischkäse-Restl, außerdem Quark und Joghurt satt.

Einem Assoziationsblitzen nachgegangen und doch mal nachgeguckt, warum beim Stichwort Pegasus (Späh-Trojaner) mein Hirn immer mit dem spanischen „Pegaso“ dazwischenfunkt: Das war während meiner Kindheitsurlaube bei spanischer Familie noch eine heimische Lkw-Marke. (Warum ich das französische Michelin immer auf Spanisch denke, weiß ich hingegen: Mein spanischer Vater nannte Speckrollen am Bauch nach dem Firmen-Maskottchen immer „michelines“.)

Nach Feierabend Einkäufe beim Vollcorner. Weil gerade ein wenig die Sonne herauskam, schlug ich einen Extra-Bogen über die Theresienwiese.

Sie blüht immer noch, ich nahm mir ein kleines Sträußerl mit heim.

Zum Abendessen hatte ich Herrn Kaltmamsell und mir einen Tisch im italienischen Lokal an der Hackerbrücke Il Castagno reserviert. Sie erinnern sich vielleicht: In dem Gebäude arbeitete ich zwei Jahre lang, mein Bürofenster ging auf den zugehörigen Biergarten.

Wir folgten der Empfehlung des Kellners und aßen Zitronenpasta mit Meeresfrüchten als ersten Gang, teilten uns einen Wolfsbarsch als Hauptspeise (für Herrn Kaltmamsell mit Gemüse als Beilage, für mich mit Salat).

Hausgemachter Nachtisch (da lohnt es sich immer nachzufragen: die Desserts beim Italiener sind meist zugekauft) war ein riesiges Stück Tiramisu für mich – Herr Kaltmamsell half mir dabei – und eine Bayerisch Creme für ihn. Dazu ein Glas im Fass gereifter Grappa Caffo (Il Castagno ist eigentlich ein kalabresisches Restaurant) – der aus einer riesigen Flasche mit eigenem Hahn ausgeschenkt wurde. Ich nahm mir vor, mal mit Freunden zu einem komplett kalabresischen Essen herzukommen, das ist laut Wirt bei Vorbestellung möglich.

Schöner Spaziergang nach Hause durch herbstliche, aber klare Luft.

§

Cory Doctorow listet auf, welch perversen Kräft „der Markt“ und der auch hierzulande gerne verherrlichte Entrepreneur-Geist entwickeln können.
„DoS a federal agency, then charge for access“.


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