Journal Mittwoch, 13. Oktober 2021 – Wiedergefundene Pflaumen

Donnerstag, 14. Oktober 2021 um 6:43

Geweckt worden aus einem Traum, in dem eine riesige Muräne bei einem Tauchgang eine Rolle gespielt hatte.

Draußen war es regnerisch kalt, doch die Wolken verzogen sich pünktlich zu meinem Aufbruch ins Büro.

Mittags huschte ich raus in den nächstgelegenen Supermarkt; ich hatte zum Abendbrot (Herr Kaltmamsell war beruflich aushäusig) gefrorenen Rahmspinat für eine Suppe mit verlorenen Eiern besorgen wollen, doch die Tiefkühltruhe gähnte nahezu leer (sind das diese Lieferkettenprobleme, von denen ich so viel lese?). Also eine Dose Linseneintopf gekauft.

Mittagessen war Dickmilch, eine Scheibe Roggenbrot, Granatapfelkerne.

Morgens hatte ich voller Elan den Rucksack mit Sportzeug für eine Rückkehr nach zweieinhalb Jahren zu Hot Iron im Verein gepackt, doch nachdem ich schon am Vormittag wacklig gewesen war, wurde mir über den Nachmittag immer schwindliger. Das nahm mir jede Sportlust: Ich ließ die Pläne fahren und ging nach Feierabend direkt nach Hause.

Weiterhin ganz schön kalt, es ging auch ein unangenehmer Wind.

Daheim reichte die Stabilität für 45 Minuten Yoga. Bei denen ich feststellte, dass ich auch ein Jahr nach Hüft-OP nicht auf der operierten Seite liegen kann, weil das zu sehr schmerzt – zumindest nicht auf der dünnen Yogamatte und nicht mit Belastung.

Ich sah mich noch mal bei Crowdfarming um (weiterer Pluspunkt: Dort kaufe ich auch Obst und Gemüse, das den Schönheitskriterien von Supermärkten nicht entspricht und im konventionellen Vertrieb weggeworfen würde.). Die gestrige Entdeckung: Es werden Pruneaux d’Agen angeboten! Diese Köstlichkeit, halbgetrocknete und superaromatische Trockenpflaumen, hatte ich vor Jahren als Reisemitbringsel entdeckt, der Anbieter versendet leider schon lang nicht mehr ins Ausland (zuletzt hatte ich welche bei Manufactum gefunden). Gestern adoptierte ich einen Pflaumenbaum.

Dazu kam ein Orangenbaum von einer Plantage mit verschiedenen Sorten, die nicht nur unterschiedlich schmecken, sondern auch nacheinander von November bis Januar reif werden: Neben der Kiste, die im Adoptionspreis enthalten ist, bekomme ich diese über die Zeit zum Kauf angeboten.

Als Abendbrot machte ich die Dosenlinsen heiß, erinnerte mich sogar rechtzeitig daran, dass wir ja von den Vormietern eine eingebaute Mikrowelle übernommen haben (schon vergangenen Samstag hatte ich darin für die Schwarzwälder Kirschtorte Kuvertüre und Butter geschmolzen). Nachtisch war ein Apple-Crumble-Eis, das Herr Kaltmamsell gekauf hatte, und Schokolade.

Zur Abendunterhaltung ein YouTube-Video, das ich seit vielen Wochen als Tab offen hatte:

Morgan Donner, deren Thema sonst das Nähen historischer Kleidung ist, führt 500 Jahre Frisurenmode vor – an sich selbst.

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https://youtu.be/Wao0_uB4Zw4

§

Im Feuilleton der Süddeutschen gute und reflektierte Gedanken von Nele Pollatschek zur Bewertung des Werks von Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah (€):
„Ist der gut?“

Egal wie gerne Leser und Kritiker es vergessen: Geschmack ist Sozialisierung, ist Gewohnheit, ist das Ergebnis von Übereinkünften innerhalb einer Rezipientengemeinde. Wenn sogar Essen, welches immerhin physiologische Grundbedürfnisse stillen muss, keinen universellen Bewertungskriterien unterliegt, wie soll man dann Literatur bewerten? Wie sollte jemand, der in den europäischen Literaturtraditionen sozialisiert wurde, die Qualität eines tansanischen Autors beurteilen?

Skepsis gegenüber dem diesjährigen Literaturnobelpreisgewinner Abdulrazak Gurnah ist auch Skepsis gegenüber den eigenen Kriterien, ein Verweis auf die Begrenztheit der eigenen Position, nicht aufgrund einer rassistischen Charakterschwäche, sondern weil auch die Einsicht in die Beschränktheit der eigenen Kriterien einen nicht über diese Beschränktheit hinausträgt.

§

Wie eine Bibliothek damit umgeht, dass die Frage nach Büchern zu bestimmten Themen viel Überwindung kostet: „Tough topics“. (Die Tafel steht hoffentlich auch noch in einem diskreten Teil der Bibliothek.)

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 13. Oktober 2021 – Wiedergefundene Pflaumen“

  1. Sonni meint:

    Ich denke, dass Obst und Gemüse, das den Schönheitskriterien von Supermärkten nicht entspricht, nicht weggeworfen wird, sondern – zumindest in großen Betrieben – in die Verarbeitung (Dosen-/ Fertig- / TK- Ware bzw. Trockenobst) gegeben wird. In einem kleinen Betrieb mag sich das nicht lohnen, daher bekommt man als Kunde dort solche Sachen. So meine Annahme.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Wenn Ihnen die Basis „Annahme“ reicht, Sonni, nicht weiterlesen.

    Ein wenig Faktenrecherche ergibt:
    Laut einer aktuellen Studie des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung entstehen 12 Prozent der Lebensmittelabfälle in der „Primärproduktion“, also bevor sie auch nur den Verkauf oder die Verarbeitung errreichen.

    Das Bundesland Steiermarkt hat aufgelistet, was du Ursachen sind:

    – Lebensmittel die nicht der Norm entsprechen (z.B. falsche Größe) werden aussortiert,
    – Lebensmittel die ästhetische Standards nicht erfüllen (z.B. ugly fruits) werden aussortiert,
    – aus technischen Gründen wird die Ernte nicht voll eingefahren.

    In der industriellen Landwirtschaft sind Vertriebswege für Ausschuss vorgesehen, aber auch da wird der Großteil vernichtet. Und von unseren Kartoffelkombinat-Partnerbetrieben, alles Bio-Gärtnereien, haben wir über die Jahre gelernt, wie viele Kriterien auch die Abnahme von Bio-Gemüse und -obst verhindern (wir sind immer wieder spontan eingesprungen und haben zum Beispiel Kartoffeln mit dem völlig harmlosen Silberschorf aufgekauft).

  3. Nina meint:

    Danke für den Link zu dem SZ-Artikel über Gurnah. Ich habe vor 17 Jahren „Paradise“ von ihm gelesen, das ich richtig gut fand. Aber mich verbindet auch einiges mit Tansania, Zanzibar und der Region (Reisen, Forschungsaufenthalte, Freundschaften), daher lese ich vielleicht anders – als Ethnologin zumal. Ich freue mich jedenfalls, dass er nun diese Anerkennung durch den Nobelpreis bekommt und vielleicht mehr Menschen sein Werk entdecken. Und sich ein bisschen fortbilden über diese interessante, schöne und spannende Region und, ja, vorallem die unrühmlich historische Rolle Deutschlands in Ostafrika.

Beifall spenden: (Unterlassen Sie bitte Gesundheitstipps. Ich werde sonst sehr böse.)

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