Journal Dienstag, 8. Feburar 2022 – Wer ich auch nicht bin

Mittwoch, 9. Februar 2022 um 6:21

Fast jeden Arbeitsmorgen gehe ich am Café Colombo vorbei. Schon von Weitem freue ich mich an dem warmen Licht darin, ahne die Köstlichkeiten, die sich in der Glasvitrine türmen, verfolge die routinierten Bewegungen des Personals, wie es Siebträger in die Espressomaschine klinkt, Milch aufschäumt, Tassen über die Theke reicht.

Ich wäre gerne jemand, die sich da drinnen oben oder im Sommer davor niederlässt, Cappuccino trinkt, Zeitung liest, hin und wieder auf ihr Handy guckt, krümelnd eines der besonders blättrigen Croissants oder Pains au chocolat frühstückt, die handgeschrieben auf den Schiefertafeln vorm Café locken. Aber auch die bin ich, wie so viele andere, die ich gerne wäre, nicht. Selbst wenn ich frei hätte, würde ich einen freien Morgen lieber für Sport nutzen wollen. Und selbst wenn mir der einmal weniger wichtig wäre, hätte ich morgens bis vormittags keinen Appetit für Frühstück.

(Auf dem Heimweg extra einen Umweg machen, weil ich auch noch das Schild zeigen möchte, ist mein Anke-Gröner-muss-nachdrehen für Arme.)

Es war eine Nacht von der grottigen Sorte gewesen, ich beendete sie noch vor Weckerklingeln. Und stellte fest, dass ich mir auch noch die linke Schulter verlegen hatte.

In der Arbeit zum Glück alles geordnet, wenig Leiden.

Zu Mittag gab es weitere Avocados, einfach mit Salz und Himbeer-Balsamico.

Außerdem Birne und Apfel.

Recht produktiver Nachmittag, sogar Aufgaben mit Überwindung geschafft.

Baustelle im Abendlicht.

Nach Feierabend Lebensmittel-Einkäufe beim Vollcorner. Zu Hause eine Einheit Yoga, diese mal nicht so anstrengend. Mit Herrn Kaltmamsell und einem Schächtelchen Mandel-Orangen-Keksen schaute ich bei den neuen Nachbarn vorbei, den sympathischen Nachmietern unserer alten Wohnung: Sie waren dort vor zwei Wochen eingezogen und hatten bereits Kontakt aufgenommen. (Unsere Küche übernahmen sie aber nicht – was mich nicht überraschte: Wer sich diese Miete leisten kann, will sicher keine gebrauchte Küche.)

Zum Abendessen hatte Herr Kaltmamsell eine kleine Portion Erbseneintopf gekocht, mit ein wenig gepökeltem Schweinefleisch – schön winterlich warm. Nachtisch Süßigkeiten.

Früh ins Bett, weil ich nach der schlechten Vornacht früh müde war.

§

Wir Feministinnen weisen ja gerne darauf hin, das Patriarchat möge froh sein, wenn Frauen nur Gerechtigkeit wollen und nicht Rache. Die Financial Times ist dem Skandal um den damaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt auf den Grund gegangen und der Rolle des Springer-Verlags, als sich immer mehr Frauen mit Belästigungs- und Machtmissbrauch-Vorwürfen gegen ihn meldeten.
“Women spoke up, men cried conspiracy: inside Axel Springer’s #MeToo moment”.

The FT spoke to more than 30 people as part of its investigation, including dozens of in-depth interviews with former Bild employees and contractors, some of whom had sexual relationships with Reichelt and some who acted as whistleblowers.

§

Kate Long schaut sich einen Twitter-Thread lang Kinderkleidung bei Primark an, vor allem die für Mädchen. Erzählt mir nicht, dass eure Töchter “sowas halt lieber mögen”.

die Kaltmamsell

16 Kommentare zu „Journal Dienstag, 8. Feburar 2022 – Wer ich auch nicht bin“

  1. giardino meint:

    Hach, ich übernehme das mit dem Café gerne, und zwar exakt wie beschrieben. An jedem Morgen.

  2. Alexandra meint:

    Die Kinderklamotten … entsetzlich!!

  3. Pippilotta meint:

    Das Café sieht wirklich einladend aus, könnte auch irgendwo in Frankreich oder Italien sein.
    Was spräche dagegen, an einem freien Vormittag erst ein bisschen Sport zu machen, und sich anschließend mit einem Cappuccino und einer Zeitung vor dem Café niederzulassen? Vielleicht kommt dann irgendwann sogar der Appetit auf eines der blättrigen Croissants.

  4. Beate meint:

    Das Licht auf der Baustelle … ist das Gebäude wirklich so goldgelb?

  5. die Kaltmamsell meint:

    Die Farbe heißt “Abendsonne auf Beton” und sah exakt so aus.

  6. Neeva meint:

    So ruhiges Cafésitzen verbinde ich ja mit den Nachmittagen meines Studiums und mit den Nachmittagen von freien Tagen.
    Interessanterweise ist es das Einzige, das mir nach zwei Jahren noch immer fehlt. Stadtbummel und anschließend Café. (Ja, ich bin eine Kulturbanausin.)

  7. Sebastian meint:

    Danke für diesen Einblick ins NichtInsCafeGehenAuchWennNochSoSchön, was mir fremd ist und weswegen ich das gerne gelesen habe.

    Auch gerne: Wie in Italien auf dem Weg zur Arbeit kurz auf einen Schluck im Stehen reinspritzen und weiter geht’s.

  8. Karin meint:

    „Abendsonne auf Beton“, das könnte in der Tat die Trendfarbe des nächsten Sommers werden. Das Foto ist jedenfalls toll!

    Zum Café: ich wäre gern jemand, der ein solches betreibt – aber das bin ich leider auch nicht.

    Die Primark Klamotten sind durch die Bank grässlich, warum muss auf Kinderkleidung überhaupt was drauf stehen, und dann noch in einer Fremdsprache? (Um nicht falsch verstanden zu werden, auch auf deutsch möchte ich keine dieser Botschaften auf einem Kind lesen müssen).

  9. Maria B. meint:

    Ich wäre manchmal lieber diejenige, die mit Genuss Sport treibt, anstatt Cappuccino und Gebäck zu vertilgen…also auch hier eine, die nicht ist, wie sie gerne wäre.

  10. Sybille meint:

    Oh. Ich bin so jemand, die sich einmal in der Woche zwischen Morgenlauf und Büroarbeit auf dem bunten Sofa im winzigen, entzückenden Café niederlässt, krümelnd eines der noch warmen Gipfeli mit oder ohne Schoggifüllung geniesst, dazu hausgemachtes Birchermüesli und Zopf und Konfi und einen Kakao mit Espresso drin, die nur ab und zu aufs Handy schaut, sich dafür über das warme Licht freut und die leise Musik und das Klappern der Tassen und Löffel, über die Rituale der wenigen anderen Stammgäste, die so früh am Morgen hier auftauchen.

    Und (deshalb erzähle ich das) ich bin auch deshalb so jemand, weil mir die vielen Berichte hier im Blog vom Schwimmen und dem anschliessenden Café-Frühstück so sehr gefallen haben. Irgendwann vor nicht ganz zwei Jahren passte es dann einfach und es ist inzwischen mein “Happy Place” geworden.

  11. Die M. meint:

    Kinderkleidung ohne Aufdruck gibt es selten in den gängigen Geschäften, auch abseits von Primark und Co. eher weniger, und sie ist oft auch teurer. Auch Farben abseits von rosa und blau — eher Mangelware.
    Vollkommen absurd, aber man muss nach beidem wirklich suchen und es wollen. Dazu braucht man eher mehr Zeit und eher ein bisschen mehr Geld.

  12. Pippilotta meint:

    Man kann sich natürlich zurecht fragen, warum überhaupt solche Sprüche auf Kleidung gedruckt werden. Und dass im Jahr 2022 immer noch Mädchen bevorzugt brav und Jungen mutig sein sollen, ist tatsächlich gruselig.
    Aber mal etwas provokant gefragt: Was hindert eigentlich Eltern daran, die im verlinkten Twitter-Thread gezeigte “Jungenkleidung” mit den Mutmachsprüchen (“change the game”, “adventure waits” etc.) auch für ihre Töchter zu kaufen? Oder auch umgekehrt die “be kind”-Shirts für ihre Söhne?
    Bei kleineren Kindern sollte die Passform doch wohl noch ähnlich sein. Auch das wäre ja eine Möglichkeit, diese geschlechtsspezifischen Zuordnungen von Verhaltensattributen aufzubrechen.

  13. Mona meint:

    Genau so mache ich es für meinen kleinen Sohn – eben weil ich etwas gegen die einseitigen Botschaften habe und ich abgesehen davon das durchgehende blau, grau, schwarz und oliv auch ziemlich trostlos finde.
    Noch ist er allerdings zu klein, um eigene Vorstellungen zu äußern …

  14. Susann meint:

    Easy. Die meisten kinder ziehen es nicht an. Hier werden eifrig kleider durchgetauscht und ab und landen jungsoberteile bei uns. Meine Tochter zieht sie nicht an, weil für jungs. Umgekehrt kenne ich das von den jungsmüttern – mödchenoberteile werden dort verweigert.

  15. Nadine meint:

    Ja, das geht bis zu einem gewissen Alter. Hier hat der Sohn mit zwei sich ein Kleid gewünscht und bekommen. Das ist altergerechtes Interesse. Jetzt mit 6 ist er schon so krass sozialisiert worden mit diesem Gendermarketing und den Zuschreibungen, da muss es Ninjago sein.
    Seit dem ca. 4te Geburtstag kann ich nichts mehr ohne Zustimmung kaufen, bzw. es ist dann einfach rausgeschmissenes Geld.

  16. Cora meint:

    Irgendwie doch schade, dass Sie sich das Caféhaussitzen in dem täglich bewunderten Etablissement nicht ab und an gönnen. Der Sport läuft doch nicht gleich weg. Ein bisschen Muße ohne wirklichen „Sinn“, sich treiben lassen, tut der Seele gut. Gerade in unserer durchgetakteten Welt. Just my two Cents …

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