Journal Montag, 23. Januar 2023 – Zehn Jahre #Aufschrei

Dienstag, 24. Januar 2023 um 6:32

Eine Stunde zu früh aufgewacht, doch ich schlief nochmal ein.

Alleiniger Morgen (Herr Kaltmamsell fort auf Familienbesuch), ich reaktivierte meine kleine Alu-Cafetera (und hatte am Vortag mit Fern-Hilfe von Herrn Kaltmamsell die Adapter-Platte für den Induktionsherd suchen müssen, die seit Kauf einer Induktions-tauglichen Cafetera unnötig geworden war).

Fußmarsch in die Arbeit in frostiger Lusft und unter bedecktem Himmel. Auf der Theresienwiese ein großer Krähenschwarm, der mal flog, sich dann wieder im Schnee niederließ, dann wieder aufflog und über die mächtigen Peitschenlampen verteilte, alles unter vergnügt klingendem Knarzen, Rasseln und Krähen.

Mittags ein Cappuccino-Ausflug zum Notting Hill, draußen wurde mir durchs stramme Gehen wärmer, als mich im Sitzen im Büro Unterzieh-Shirt, Pulli, Woll-Stola, Schneestiefel halten konnten.

Mittagessen am Schreibtisch: Avocado, Pumpernickel, Orangen.

An diesem düsteren Tag wurde es früh dunkel.

Daheim eine Runde Yoga. Das Abendessen stand auf dem Balkon: Herr Kaltmamsell hatte schon am Freitag aus Ernteanteil-Schwarzkohl und -Kartoffeln mit weißen Bohnen und Wurst einen Eintopf gekocht.

Schmeckte hervorragend und wärmte. Nachtisch Orangencreme und Schokolade.

Als Abendprogramm sah ich mir eine arte-Doku über die wundervolle Musikerin Annie Lennox an. (Dass sie fast 70 ist, konnte ich kaum glauben – und ließ mich sehr alt fühlen.)

§

Zehn Jahre ist es her, dass ich morgens den Laptop zu einem #aufschrei öffnete: Menschen, vor allem Frauen berichteten auf Twitter unter diesem Hashtag in 140 Zeichen von sexuellen Belästigungen im privaten und beruflichen Alltag, von sexuellen Misshandlungen, von alltäglichem Sexismus. Eine Aktion, die in der Nacht zum 25. Januar 2013 angestoßen worden war von den Twitterinnen @vonhorst und @marthadear. Was ich damals darüber bloggte, treibt mich bis heute um:
“#Aufschrei – Es geht nicht um mich”.

Es ist viel passiert seither in Sachen Aufmerksamkeit für sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt, selbst das reflexartige Gemaule “aber das kann man ja heute nicht mehr sagen, weil gleich wieder jemand ‘sexuelle Belästigung’ schreit” sehe ich als Symptom dieser Sensibilisierung an. Und hoffe auf mediale Aufmerksamkeit für diesen Jahrestag, auf Resümees und Reflexion.

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Eine halbe Stunde über “The Untold Story of Disco” und seine US-amerikanischen Wurzeln bei “homosexuals, blacks and latins”. (Ich hatte mal wieder keine Ahnung.)

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https://youtu.be/q_c2dCO5WLo

Dass es eine (schwulenfeindliche, rassistische) Anti-Disco-Bewegung gab, war mir ebenfalls völlig neu.

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Als Ausländerin bei der Ausländerbehörde Essen, ein alltäglicher Erfahrungsbericht. Nachtrag: Auch die Drunterkommentare lohnen ein Lesen.

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Eine vor der Landtagswahl in Bayern leider nützliche Warnung auf Donnerhall, der ich mich anschließe:

Ich möchte mich an dieser Stelle einfach schon mal für das kommende Dreivierteljahr entschuldigen. Für Söder und Aiwanger (oh Gott, Aiwanger), für Dobrindt und Scheuer, die schlimme Frau Ludwig (die Abgeordnete für meinen Wahlkreis, ehemals Drogenbeauftragte, die gern, nachdem sie rauchbare Drogen verurteilt hat, beim Brauereiverband auf ein Glas vorbeisah. ) und alles was diese Baggage so sagen und behaupten wird. Sie machen sich ja keine Vorstellung wie schlimm das hier wird.

Wobei ich noch ein Glück habe: Der Abgeordnete für meinen Wahlkreis München Mitte ist der Grüne Ludwig Hartmann, dem wir 2018 mit 44 Prozent das Direktmandat “mit dem landesweit besten Erststimmenergebnis seiner Partei” erwählten. Aber Koalitionspartner der Regierung und Wirtschaftsminister ist halt “Die-Veganer-tun-uns-vielleicht-Insekten-ins-Essen”-Aiwanger.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Montag, 23. Januar 2023 – Zehn Jahre #Aufschrei“

  1. lihabiboun meint:

    Danke für den Hinweis auf die Annie Lennox Doku – sie ist einfach großartig. Und MIR hat ihre Ästhetik schon immer gefallen …. ich hab es nicht so mit blonden Locken.

  2. Karin meint:

    Ja, die Landtagswahl. Das kann eigentlich wirklich nur schlimm oder schlimmer werden. Ich füge der Aufzählung von Donnerhall noch Piazolo (der unfähigste Kultusminister ever und nein, natürlich haben wir in Bayern keinen Lehrermangel, niemals nicht) hinzu.

  3. Christin meint:

    Oh! Genau diese Doku haben wir am Wochenende mit großer Begeisterung gesehen. Was für eine wunderbare Frau, heute vielleicht mehr denn je (als Role model mit ultrakurzen Haaren).

  4. Gaga Nielsen meint:

    Die Lennox-Doku habe ich mit Interesse gestartet und nach zwanzig Minuten beendet, weil ich leider überhaupt nicht fasziniert von ihr bin. Ich habe es mehrmals versucht, seit den Achtziger Jahren Interesse aufzubringen, da sie von manchen kultisch verehrt wurde und wird. Mir gefällt nur der eine Hit “Sweet Dreams”, der ist toll, den Look fand ich auch für eine Kurzhaarfrisur ganz nett, da sie immer extrem durchgestylt und stark geschminkt war. Aber sonst habe ich keinerlei emotionalen Bezug zu ihr. Ich fand das alles sehr gleichförmig, was sie musikalisch und letztlich auch äußerlich anbietet. Aber der Mainstream meiner Generation findet sie offenbar toll und beeindruckend.

  5. Croco meint:

    Bayern produziert schon immer Knaller als Politiker.
    Was haben wir uns an Franz Josef Strauss abgearbeitet und seiner Polemik. Er war Held und wurde gewählt und gewählt und gewählt.
    Ist das vielleicht so, dass viele Bayern sowas brauchen? Man möchte doch wirklich selbst nicht so sein, oder?
    Vor Ort stelle ich mir das wirklich schrecklich vor.

  6. Karin meint:

    @croco: früher hieß es: It’s nice to be a Preiß but it’s higher to be a Bayer … aber zum Glück bin ich auch nur eingewandert.

  7. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Annie Lennox, ja haben wir auch gesehen. Ich war damals so froh endlich eine Frau zu sehen mit so kurzen Haaren, die mir mit meiner Kurzhaarfusselbirne ein Vorbild war. Und ich finde sie bis heute toll, inzwischen nicht nur wegen der Frisur und der Musik …
    Hier in Berlin wird am 12.02. gewählt, es steppt der Bär und das ist nicht positiv gemeint, ich weiß also genau wovon Sie reden.

  8. Croco meint:

    @Karin Ich bin ja selbst in der süddeutschen Arroganz aufgewachsen.
    „Deutscher durch Geburt, Schwabe durch die Gnade Gottes.“
    Ich finde es immer noch fürchterlich. Außer manchmal ;).

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