Archiv für Januar 2024

Lieblings-Microposts Januar 2024

Mittwoch, 31. Januar 2024

Ich entschuldige mich in aller Form, dass das diesmal so wenige sind, habe wohl nicht richtig aufgepasst.

Mastodon:

Bluesky (bei der Gelegenheit: Wenn Sie einen Invite Code möchten, ich habe genug, einfach eine Mail an die Adresse links schreiben):

Journal Dienstag, 30. Januar 2024 – Verschiedene Lektüren

Mittwoch, 31. Januar 2024

Eher unruhige Nacht, eine halbe Stunde vor Weckerklingeln beschloss ich, dass gut war.

Es traf sich, dass eh gerade eine Waschmaschine durchgelaufen war, ich nutzte die zusätzliche Zeit am Morgen für Häuslichkeiten. Draußen wurde es zu klarem Frost hell. Die ersten Vögel übten Frühlingsgesänge, noch ganz vereinzelt.

Ich freute mich, dass es auf meinem Weg in die Arbeit bereits deutlich tagte.

Mittagscappuccino bei Nachbars, im Anschluss Einkauf beruflich (dem Umstand geschuldet, dass es weiterhin kein Catering im Haus gibt), ich brauchte weder Mütze noch Handschuhe.

Mein Mittagessen bestand später aus viel Avocado (mit Salz, Zitronensaft, Aceto balsamico): Ich aß alle reifen weg und hoffe, dass die letzten aus dieser Kiste schnell nachreifen, denn die nächste Lieferung war bereits für gestern angekündigt.

Zur Verlängerung meines Heimwegs spazierte ich nach Feierabend in der Abenddämmerung in die Kaufingerstraße, ich wollte in einer Parfümeriekette eine bestimmte Lippencreme kaufen. Der Spaziergang tat sehr gut, doch die Lippencreme gibt es nur im Online-Shop der Parfümeriekette (seltsames Geschäftsmodell – aber schließlich ist der Claim eben nicht mehr “come in and find out”).

Daheim nochmal die Yoga-Gymnastik vom Vorabend, das Balancieren ging beim zweiten Mal viel besser. Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die zweite Hälfte Ernteanteil-Blaukraut zu Salat mit Feta verarbeitet, er servierte ihn mit (Ernteanteil-)Bratkartoffeln. Der Salat schmeckte großartig, die Kombination saftiges, rohes Blaukraut, Fenchel, Apfel, Orangen ist so ziemlich das Frischeste, was man aus dem Winter rausholen kann. Und die Bratkartoffeln mit viel ganzem Kümmel und in Gänsefett gebraten passten gut dazu.

Nachtisch Schokolade.

Neue Lektüre: Katharina Adler, Iglhaut – ich war über die Inhaltsangabe gestolpert, hatte nachgesehen, ob das E-Book in der Stadtbücherei zufällig gerade verfügbar war und reflexhaft auf “Ausleihen” geklickt. Liest sich eher belanglos, doch der Roman spielt in der Gegenwart bei mir ums Eck in München: Südfriedhof, Kapuzinerstraße, Isartalstraße. Das ist nett. Sprachlich eher überorchestriert, aber es sind dann auch Gemmen dabei wie” “Authentisch, das war ein Furnierwort. Von außen betrachtet vielsagend, billig aber im Kern.” Dann wiederum völlig unglaubwürdige Dialoge, so reden Menschen nur in Drehbüchern miteinander.

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Montagabend hatte ich Gabriele Conrath-Scholl (Hrsg.), August Sander, Meisterwerke ausgelesen und -geguckt. Der ausführliche Aufsatz der Herausgeberin zu Anfang, Leiterin der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, war für mich ausgesprochen erleuchtend: Zum einen lernte ich, wie zentral das Material und die Technik des konkreten Abzugs sind, der das eigentliche Fotokunstwerk darstellt, beide wurde ausführlich dargelegt. Zu August Sander wiederum erfuhr ich, dass seine so berühmten Menschenfotos, die ich immer als Festhalten eine Individuums zu einem bestimmten Zeitpunkt gesehen hatte, als Typensammlung gedacht waren. Sander sammelte Menschentypen, die Aufnahmen tragen Titel wie “Bauernfamilie”, “Arbeiterkinder”, “Konditormeister”, nicht etwa Namen. Mit wachsendem zeitlichen Abstand sind Sanders Typisierungen ohnehin hinfällig: Eine Bauernfamilie im Sonntagsstaat sieht nach hundert Jahren nicht anders aus als eine bürgerliche Familie, die sonntags zum Gruppenbild zusammengestellt wurde, halt irgendwie historisch. Außerdem lernte ich zu meiner Überraschung, dass viele von Sanders so dokumentarisch daherkommenden Fotos stark bearbeitet waren, am Beispiel eines Negativs zeigt Conrath-Scholl, dass Sander den gesamten Hintergrund weggekratzt hatte.

Bei meiner gestrigen Zeitungslektüre stieß ich dann darauf, dass August Sander mit seiner Perspektive lediglich Kind seiner Zeit war: Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt gerade eine Ausstellung “Sieh dir die Menschen an! Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit”, Till Briegleb schreibt dazu in der Süddeutschen:

Als lexikalische Grundlagenarbeit kann hier August Sanders berühmte Fotoserie über Berufs- und Gesellschaftsgruppen stehen, mit der er in den Zwanzigerjahren rund 600 exemplarische Porträts schuf, vom Bauern zum Komponist, vom Arzt zum Nationalsozialist. Körperbau und Gesicht wurden von Sander danach gewählt, ob sie beispielhaft wirkten.

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Auf meinem Mastodon sind die deutschlandweiten Gegen-rechts-Demos mit vielen, vielen Teilnehmenden ein großes Thema. Das sind sie auch in den klassischen Medien, aus denen ich mich hauptsächlich über das Weltgeschehen informiere. Deshalb überraschte mich, wie laut in eben diesem meinem Mastodon die Kritik an der Berichterstattung ist. Medienjournalist Stefan Niggemeier ordnet Berichterstattung und Kritik daran ein:
“Werden ‘Tagesschau’ und ‘Heute’ der Größe der Demos gegen Rechts gerecht?”

Die Öffentlich-Rechtlichen haben, nach meinem Eindruck, die Demonstrationen im normalen Rahmen ihrer Nachrichtenroutinen abgebildet. Aber vielleicht ist genau das für manche Kritiker das Problem: Für viele, die da demonstriert haben, sind diese Veranstaltungen nämlich keine Routine, sondern etwas Besonderes.

Stimmt auch wieder. Da wurde seit Jahren appelliert, der Kampf gegen Rechtsrutsch liege in den Händen aller, der Zivilgesellschaft. Jetzt steht genau die auf und zeigt sich.

Journal Montag, 29. Januar 2024 – Mehr zu Alasdair Gray

Dienstag, 30. Januar 2024

Munter nach gutem Schlaf aufgewacht, allerdings hatte das Einschlafen mit all dem Poor Things-Wirbel in meinem Kopf länger gedauert.

Ein weiterer klarer, frostiger Morgen, ich genoss die Weite des Himmels beim Kreuzen der Theresienwiese.

Wieder ein Vormittag mit Online-Besprechungen. Die Sonne schien herrlich, die Luft roch durchs hin und wieder geöffnete Bürofenster ebenso – ich setzte alles darauf, mittags zu einem Cappuccino raus zu kommen. Klappte dann auch.

Später gab es zu Mittag Apfel, Banane, Quark (in Einzelteilen, weil ich am Vorabend nicht dazu gekommen war, mir Bananenqaurk für die Brotzeit vorzubereiten).

Feierabend noch bei letzten Tageslicht, es geht aufwärts. Auf dem Heimweg füllte ich unsere Vorräte an Milchprodukten und Obst beim Vollcorner auf.

Daheim erledigte ich erstmal Bankgeschäfte, unter anderem kaufte ich die zweite Charge Rentenpunkte (Herr Kaltmamsell hatte letztes Jahr berechnet, welche Aufteilung steuerlich am günstigsten war): Jetzt könnte ich mich mit 63 aus dem Erwerbsleben verabschieden und bekäme dennoch volle Rente. Oder ich bleibe über 63 hinaus drin und bekomme eine höhere Rente.

Eine Runde Yoga-Gymnastik, dann Brotzeit für Dienstag vorbereitet.

Zum Abendessen gab es Reste: Blaukrautsuppe vom Samstag, die jetzt dann doch weichgegarten dicken Bohnen mit Tomate und Paprika – beides sehr gut. Zudem Schokolade.

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Auch Joël bloggt jetzt seit 20 Jahren und hat sich zu dieser Gelegenheit Fragen stellen lassen:
“20 Jahre Bloggen”.

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Eine kleine Doku über Alasdair Gray, den Künstler in Glasgow (Untertitel empfehlenswert, weil starker schottischer Akzent). An seinen Stadtansichten, die hier gezeigt werden, sieht man, wie die Optik der Verfilmung von Poor Things sich von seinem malerischen Werk beeinflussen ließ. Und ich möchte jetzt mal nach Glasgow reisen und Grays Murals und Deckengemälde besuchen.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=wbNXMBvj3ew&t=1s

Dem Nachruf auf ihn 2019 im Guardian entnehme ich, dass der exzentrische und schillernde Gray inzwischen als “father figure of the renaissance in Scottish literature and art” gilt:
“Alasdair Gray obituary”.

Journal Sonntag, 28. Januar 2024 – Poor Things verfilmt

Montag, 29. Januar 2024

Wieder wurde es zu einem wolkenlosem Himmel hell, auf den Autodächern weißer Frost.

Nach dem Bloggen verlängerte ich meinen Stadtbücherei-Ausweis um ein weiteres Jahr, die 20 Euro für 2023 hatte ich ja sehr schnell wiederreingelesen.

Ich trödelte sogar ein wenig, um meinen Isarlauf auf eine Startzeit zu schieben, zu der die Sonne etwas mehr wärmen würde. Kurz nach zehn nahm ich eine Tram zum Tivoli und lief isarabwärts. Ich genoss die Sonne, die gar nicht mal so milde Luft, die Schnee- und Matsch-freien Wege, fühlte mich aber nicht ganz fit, meine Beine liefen schon mal leichter.

Frühstück um zwei: Avocado mit Balsamico, Birne, Banane mit Sojajoghurt – zum Glück hatte ich auch Lust auf all diese Speisen, die weg mussten.

Den Nachmittag über las ich, erst die Wochenend-Süddeutsche, dann gefesselt den Aufsatz zum August-Sander-Bildband, aus dem ich eine Menge lernte.

Fußmarsch in der letzten Abenddämmerung zur 17:30-Uhr-Vorstellung von Poor Things im Cinema.

Ich war begeistert vom Film (außer dass auch dieser mit 2:20 Stunden zu lang war, darf heutzutage wohl nicht mehr anders – dabei fiel mir hier sofort eine Nebenhandlung ein, auf die man verzichten hätte können): Die gelungenste Literaturverfilmung, die ich je gesehen habe.

Drehbuch, Besetzung, Kamera, Ausstattung, Regie, Maske, Kostüme, Musik (atonal!), Emma Stone, Mark Ruffalo – überschüttet den Film mit Oscars! Wie der Film von Leuten rezipiert wird, die den Roman nicht kennen, kann ich mir natürlich nicht vorstellen.

Sehr wahrscheinlich profitierte die Verfilmung davon, dass sie erst jetzt passierte, nicht kurz nach dem Erscheinen des Romans vor 30 Jahren. Der Film löst sich in vielerlei Hinsicht von der Vorlage (die u.a. sehr von ihrer Buchigkeit lebt, siehe Rahmenhandlung, Erzählung durch Briefe, Illustrationen), setzt den eigentlichen Inhalt und die Abgefahrenheit aber mit filmischen Mitteln hervorragend um. Es kommen mehr Frauen vor als im Roman (yay!), die Art der gezeigten Nacktheit, von Sex, seiner klaren, nüchternen Benennung inkusive Geschlechtsteilen wirkt genauso schockierend wie in der Viktorianik der Vorlage. Das längste Kapitel im Buch, das auch so heißt und sich ziemlich zieht, ist sogar ganz anders umgesetzt und dadurch deutlich verbessert.

Emma Stone (auch Co-Produzentin) spielt umwerfend, rein handwerklich bewunderte ich, dass sie auch aus dem 50. Orgasmus nochmal etwas Neues rausholte. Mark Ruffalo habe ich in noch keiner Rolle so schillernd gesehen (und ich sah ihn als Hulk!), als Überraschung taucht auch noch Hanna Schygulla auf.

Eine abgefeimte Rolle spielt die Musik von Jerskin Fendrix: Sie ist fast durchgehend atonal und seltsam, und sie tut nicht, was man von Filmmusik gewohnt ist – mehr wissen als die Zuschauer. Entsprechend brutal fühlen sich manche Schnitte an (der Herr neben mir im Kino zuckte immer wieder sichtlich zusammen, und wenn der Schnitt unvermittelt auf OP-Schnitte in Körper ging, verschwand er sympathischerweise völlig in seinem Sitz), dadurch wurde mir erst bewusst, wie fürsorglich vorbereitend Musik im Film sonst wirken kann.

Selbst der Abspann steckte voller origineller gestalterischer Ideen, Liebe zum Detail Hilfsausdruck.

Interessanterweise scheinen sich auch hier die englischsprachigen Rezensionen mehr mit der politischen Aussage des Films zu befassen (feministisch oder nicht?) als mit Kunst und Machart, eine Entwicklung in der Film- und Literaturrezeption, die an mir immer weiter vorbei geht.

Nach Hause nahm ich die U-Bahn. Herr Kaltmamsell hatte das späte Nachtmahl vorbereitet: Dicke Bohnen aus dem Römertopf mit roter Paprika, Zwiebeln, Tomate, Kartoffeln. Nur dass die Bohnen nach zweieinhalb Stunden noch nicht gar waren, wir brachen nach ein paar Gabeln voll ab und stellten den Topf zurück in den Ofen. Zum Sattwerden gab es Haferflocken und Süßigkeiten.

§

Ein Verdutz-Moment bei der Zeitungslektüre vergangene Woche. Im Interview sagt der Leiter des Münchner Mobilitäts-Referats, Georg Dunkel, und das ist auch die Überschrift des Artikels (€):
“‘Es gibt zwar mehr Autos, aber sie werden seltener benutzt'”.

Will heißen: Ja, die Zulassungszahlen für private Pkw stiegen auch in der Grünenwähler*innen-Hochburg München. Aber die kontinuierliche Zählung und Analyse der Verkehrsteilnehmenden zeigt, dass ihre Zahl im Verkehr sinkt. Bumm.

Seither denke ich an diesem Phänomen herum. Die plausibelste Erklärung, die mir einfällt: Viele Menschen kaufen sich Autos gar nicht in erster Linie zum Fahren, sondern zum Besitzen. Ich weiß ja, dass Menschen große Freude aus Besitz von Dingen ziehen können, erst kürzlich lernte ich, dass manche von ihnen teure Armbanduhren kaufen, ohne sie jemals tragen zu wollen (also: wirklich nie): Sie bewahren sie auf und schauen sie manchmal an, freuen sich daran, sie zu besitzen. Vielleicht ist das mit Autos ähnlich? Dafür müsste man es allerdings nicht zulassen. Wahrscheinlich, so spekuliere ich, kommt das angenehme Gefühl dazu, jederzeit damit losfahren zu können. Was man im konkreten Fall dann doch nicht tut, weil Radeln/Öffis halt praktischer sind. Damit kann ich gut leben, vor allem wenn diese fast reinen Besitz-Autos nicht auf öffentlichen Flächen stehen.

Journal Samstag, 27. Januar 2024 – Alasdair Gray, Poor Things

Sonntag, 28. Januar 2024

Alasdair Gray, Poor Tings

Ich habe eine ganz persönliche Geschichte zu diesem ganz konkreten Buch. Als ich von einem neuen Film namens Poor Things erfuhr, dauerte es eine Weile, bis ich ihn der Romanvorlage von 1992 von Alasdair Gray zuordnete und damit einem meiner liebsten Papierbücher in unseren Regalen.

Der schottische Autor Bernard MacLaverty (u.a. Cal und Lamb) war 1993 zu Gast an der Uni Augsburg, wir Hiwis am Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft kümmerten uns um seine Lesungen, waren Teil der geselligen Runden im Anschluss. Dabei erzählte er von seiner Freundschaft mit dem schottischen Schriftsteller Alasdair Gray, zeigte und empfahl dessen Roman Poor Things, unter anderem weil er von Gray selbst illustriert war und MacLaverty für das Titelbild Modell gesessen hatte.

Ich bestellte diese Hardcover-Ausgabe im örtlichen Buchhandel (also beim Pustet) – und wartete viele, viele Wochen darauf. Vor Internet-Zeiten waren Lieferungen aus dem Ausland umständlich, in diesem Fall handelte es sich auch noch um einen Direktimport, doch ich wollte unbedingt genau diese Ausgabe. Sie kostete mich laut Bleistifteintrag auf dem hinteren Innenblatt satte 56 Mark – zur Einordnung: das war damals ein Fünftel meiner Monatsmiete.

Doch das war es wert. Zwar sieht man auch in der Taschenbuchausgabe Grays Illustrationen und die vielen Bilder aus dem 19.-Jahrhundert-Klassiker Gray’s Anatomy (nachdem das Werk hier und in John Irvings Cider House Rules eine zentrale Rolle spielt, kaufte ich mir kurz darauf bei einem England-Aufenthalt ein günstiges Faksimile von einem Sonderangebotsstapel – in dem ich bis heute nachschlage, was mir da eigentlich gerade weh tut). Doch nur ein Hardcover hat ein Hard Cover unter dem Schutztumschlag, und das ist hier besonders schön.

Als ich das Buch jetzt aus dem Regal zog, fiel mir ein Zeitungsausschnitt darüber entgegen, in dem es “With filming about to start” heißt. Hat dann offensichtlich ein wenig länger gedauert.

Ich hatte kaum Erinnerungen an die Lektüre vor 30 Jahren und war jetzt positiv überrascht. Poor Things ist ein technisch sehr eigenwillig und opulent erzählter Roman. Wir haben Umberto Ecos “Natürlich eine alte Handschrift”: Laut der “Introduction” von Alasdair Gray besteht der Hauptteil der Geschichte in zufällig gefundenen Unterlagen, die eine Behörde in Glasgow als Abfall an die Straße stellte, nämlich “Episoes from the Early Life of a Scottish Public Health Officer by Archibald McCandless M.D.”

Erzählt wird darin aus der Perspektive von Archibald McCandless die Geschichte seines Freundes, des Arzts Godwin Daxter, der mit dem Wiederbeleben von Leichen experimentiert, darunter die einer jungen, hochschwangeren Frau, Bella Baxter: Er setzt ihr das Gehirn ihrer ungeborenen Tochter ein, sie lernt in atemberaubenden Tempo. Ein großes Stück der Handlung erfahren wir durch den Brief von Duncan Wedderburn, mit dem Bella durchbrennt und der sich von ihr in den Wahnsinn getrieben sieht. Fast dasselbe Stück Handlung bekommen wir dann nochmal von Bella erzählt, ebenfalls in Briefform, was sich ganz anders liest.

Nach diesem gefundenen Buch aus Selbstverlag enthält der Roman den Brief der Hauptfigur Bella: “A letter about the book to a grand- or great-grandchild by ‘Victoria’ McCandless M.D.” Sie nimmt praktisch alles an der eigentlichen Geschichte auseinander, erzählt die realen Hintergründe aus ihrer Sicht – eine weitere fiktive Version.

Und dann tritt nochmal der Autor der Introduction auf, Alasdair Gray, mit elaborierten Fußnoten, die angebliche historische Quellen als Belege für Details des zufällig gefundenen Manuskripts anführen, inklusive Kartenmaterial, erfundene Kipling- und Dickens-Zitate, aber auch Ausschnitten aus Victoria McCandless späteren Werken.

Die intellektuelle und gesellschaftliche Unbefangenheit Bellas in der Romanhandlung erinnerte mich an Diana Price (für Sie Wonderwoman) in der Verfilmung von 2017: Während Diana ohne die weibliche Prägung in Westeuropa Ende 18. / Anfang 19. Jahrhundert aufgewachsen war, wuchs Bella ja gar nicht auf. Und wenn sie Lust dazu hat, schreibt sie ihre Briefe halt seitenweise “wie Shakespeare”, also im Blankvers.

Das passt alles sehr gut zu dem, was ich über die aktuelle Verfilmung gelesen habe: Ein Rausch an erzählerischen Mitteln. Und heute Nachtmittag sehe ich mir die Umsetzung an.

§

Als mich um sieben die Kirchenglocken endgültig weckten, sah ich bereits einen hellen Schein am wolkenlosen Himmel: Die Tage werden wirklich länger.

Die Efeutute im Wohnzimmer hat einen Nebenjob als Vorhanghalter übernommen.

Deutlich vor zehn war ich durch mit Bloggen, Milchkaffee, Wasser, Schwarztee aus frischgefiltertem Wasser und radelte durch die kühle Sonne zum Olympiabad.

Nicht nur war meine Bahn gemäßigt beschwommen: Zum ersten Mal seit ich mich erinnere waren das alles reine Schwimmer*innen, niemand benutzte Geräte/Hilfsmittel/Spielzeug. Ich konnte also meine 3.000 Meter selbstvergessen durchziehen, kein Risiko von blauen Flecken (am Montag davor hatte ich mir vor lauter Rechtsschwimmen sogar Kratzer an rechter Schulter und Nasenseite am Bahnentrennplastik geholt). Und das auch noch mit Sonnenglitzer.

Zurückradeln auf direktestem Weg, wenn auch von zu 70 Prozent roten Ampeln gebremst. Zu Hause kümmerte ich mich umgehend um die Bagels, einige tunkte ich diesmal in Sesam.

Frühstück um zwei drei Bagels: Frischkäse/Tomate/Kresse, Guacamole, Frischkäse/Orangenmarmelade. Ganz frisch schmeckte das Gebäck eher nach Semmel als nach gummigem Bagel.

Nachmittag im sonnendurchfluteten Wohnzimmer mit Romanauslesen und darüber Schreiben, kurzer Siesta. Später wiederholte ich die Yoga-Gymnastik vom Vorabend, allerdings ohne das Rumliegen am Anfang und korrigiert: Ich hatte mich nicht verhört, Adriene sagt den Ausfallschritt mit Übergang zum Krieger zweimal fürs linke Bein an.

Zum Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell die Hälfte des Ernteanteil-Blaukrauts auf meinen Wunsch zu einer Rotkohl-Apfel-Suppe (zufällig hatten wir noch gehackte Selleriestangen in der Gefriere).

Schmeckte ganz ausgezeichnet. Davor gab’s restlichen Prinzen-Prosecco mit Nüsschen, danach Schokolade.

Im Bett begann ich neue Lektüre, den Bildband Gabriele Conrath-Scholl (Hrsg.), August Sander, Meisterwerke – auch mit Halslicht keine bequeme Bettlektüre.

§

Auch in Wien wurde am Freitag gegen Rechtsextremismus demonstriert, verlesen wurde unter anderem ein Text von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek:
“Elfriede Jelinek: Ich höre ein Ungeheuer atmen”.

Sie haben Unterstützer mit Geld, und sie sammeln noch mehr, wie man im Brandenburger Landhotel am See sehen konnte, doch ihre Stimmen holen sie sich von denen, die sie entrechten und verarmen lassen wollen.

Journal Freitag, 26. Januar 2024 – Ereignisarmer Wochenabschluss

Samstag, 27. Januar 2024

Bei diesem Weckerklingeln konnte ich mich endlich über “Freitag!” freuen, die Woche hatte sich arg gezogen.

Im E-Mail-Postfach die Bestätigung der Ferienwohnungsbuchung für Berlin zur re:publica mit ein paar Tagen Berlin drumrum (wieder Charlottenburg): Große Erleichterung, ich bin einfach so viel entspannter an einem Urlaubsmorgen, der mit Rumschlumpfen an Milchkaffee beginnen kann, in einer Unterkunft, die mich unabhängig von Hotel-Rhythmus lässt, mir die Verarbeitung von Lebensmittel-Einkäufen ermöglicht, in der ich wohnen kann, nicht nur übernachten. Dann zahle ich halt in Berlin mehr dafür als für ein Hotelzimmer.

Im Büro brühte ich mir einen interessanten Tee vom Kräuter-Paradies auf, den ich erstmals ausprobierte.

Nach der zweiten Tasse stand fest: Mag ich. (Ich wähle ja eher nach Ausschlussprinzip: Ohne irgendwas Lakritziges, also kein Süßholz, keine Brombeerblätter; Minze in Mischungen nur gering).

Draußen verdüsterte sich das Wetter, hin und wieder regnete es. Nach viel hochkonzentrierter Datenbankarbeit also Mittagscappuccino nur bei Nachbars.

Mittagessen war wieder eingeweichtes Muesli mit Sojajoghurt, eine Orange.

Jetzt regnete es immer stärker, meine Datenbankarbeiten wurden von Prasseln gegen Fenster begleitet.

Pünktlicher Feierabend. Durch den jetzt nur wenig Regen kam ich gut mit hochgeschlagener Kapuze. Unterwegs Einkäufe beim Vollcorner, vor allem Körperpflegeprodukte.

Herr Kaltmamsell hatte darauf hingewiesen, wie lange es schon keine Bagels mehr gegeben hatte. Daheim machte ich mich also an die Umsetzung dieses Rezepts.

Während des ersten Hefe-Aufweckens hakte ich einen weiteren Schritt Richtung zweite Charge Rentenpunkte ab, dieser verlief einfacher und schneller als gedacht. Teigkneten. Die nächste Folge Yoga-Gymnastik startete mit einer so langen Phase besinnlichen Rumliegens (über 5 Minuten), dass ich zu frösteln begann.

Offizieller Start des Wochenendes, seit Tagen hatte ich mich auf ein Glas Bubbly zum Anstoßen gefreut und öffnete glitzernden Prinzen-Prosecco:

Wunderbar aromatisch, passte gut zu den dazu gereichten libanesischen Nüsschen, aber nur ein Glas, Rest verplöppelt in den Kühlschrank, denn zum Essen sollte es burgenländischen Rotwein geben.

Herr Kaltmamsell servierte Freitagsfleisch (Entrecôte) mit Guacamole (Crowdfarming-Avocados) und Ofen-Pastinaken (Ernteanteil), köstlich. Dazu Paul Achs Blaufränkisch Heideboden, der für meinen Geschmack eine zu spitze saure Note hatte. Zum Nachtisch reichlich Schokolade.

Im Fernsehen ließen wir einen der neuere Star-Wars-Kinofilme (ich habe schon lang keinen Überblick mehr über die verschiedenen Generationen) laufen. Ich freute mich zwar, Carrie Fisher nochmal zu sehen, kann aber weiterhin mit dieser Art Heldenwelt wenig anfangen (im Gegensatz zur philosophisch geprägten Science Fiction von Start Trek), Menschen sind verschieden.

§

Marina Weisband im Radio-Interview beim SWR, Thema ist erstarkender Rechtsextremismus und der Protest dagegen:
“Marina Weisband: ‘Ich muss mich aufs Kämpfen einstellen'”.

Ich empfehle ihre klugen Worte, zum Beispiel zu falsch verstandenem Neutralitätsbemühen öffentlich-rechtlicher Medien:

Die Wahrheit aber ist: Unsere Verfassung ist antifaschistisch, und Antfaschismus ist eine Haltung, diese Haltung ist nicht neutral.

Oder:

Ganz ehrlich: AfD-Wähler sind mir egal. Es gibt in Deutschland 20 bis 25 Prozent latente Antisemiten; das ist bekannt, das ist schon lange so. Meine Aufgabe ist nicht, sie davon zu überzeugen, dass ich kein schlimmer Mensch bin. Meine Aufgabe ist, sie von der Regierungsbank fern zu halten.

Ab Minute 17:11 prognosiziert Marina Weisband, was ein Verbotsverfahren gegen die AfD ihrer Meinung nach auslösen wird – wie der Moderator (Markus Brock?) abschließend kommentiert, das überzeugendste Plädoyer dafür, das ich je gehört habe.

Journal Donnerstag, 25. Januar 2024 – Riesiger Deko-Mond überm Zirkuszelt

Freitag, 26. Januar 2024

Nach einer unruhigen Nacht wachte ich zu herrlicher Ruhe auf: Der Sturm hatte sich gelegt. Es waren wieder deutliche Plusgrade angekündigt, ich trug wenigstens unter der dicken Winterjacke nur Dünnes.

Vollmond über der Theresienwiese – und direkt über dem Zelt des Cirque du soleil. In Echt noch viel riesiger, ich bekam den ersten BOAH!-Moment des Tages.

Bei einem Telefonversuch vor Arbeitsstart kam ich innerhalb weniger Minuten bei der Deutschen Rentenversicherung durch und stellte meine Detail-Frage zur Rentenminderung: Ich wollte mich lediglich versichern, dass die Höhe des Restbetrags zum Ausgleich einer Rentenminderung bei vorzeitigem Ruhestand (also die Kosten der Rentenpunkte), der mir vor einem Jahr schriftlich genannt worden war, auch jetzt noch galt, denn das Schreiben hatte keine Frist für die Begleichung genannt. Die Bestätigung bekam ich mit angenehm amüsiertem Tonfall in Berliner Zungenschlag. Die Stimme kam mir vom letzten Telefonat vor über einem Jahr bekannt vor: Da ich ja vor Warteschleife bereits meine Versicherungsnummer durchgegeben hatte, ist das vielleicht meine Sachbearbeiterin? Das würde mir gefallen, ich könnte das einfach beschließen.

Sehr emsiger Vormittag, doch ich hatte genau eine halbe Stunde Lücke für Mittagscappucino bei den Coffee Bro’s.

Wo schonmal Frühling getestet wurde. Der Marsch hin und zurück tat besonders gut.

Zurück im Büro ging’s hochgetaktet weiter – ich bin nix mehr gewohnt. Erst sehr spät kam ich zu meinem Mittagessen: Apfel, eingeweichtes Muesli mit Sojajoghurt, Orange.

Dann ging’s grad so getaktet weiter, um vier hing ich erledigt in den Seilen – eben nix mehr gewohnt. Das kann ja lustig werden, wenn ich im Mai zu den Rollen zurückkehre, für die ich eigentlich eingestellt wurde.

Diesmal holte ich meine Feierabendpläne vom Mittwoch nach und ging in angenehmer, trockener Luft los über die Theresienwiese (riesiger Vollmond hinter Wolkenschleier) zum Kräuter-Paradies in der Blumenstraße, füllte meine Büro-Tee-Vorräte auf. Auf dem Heimweg in einem Edeka auch die Schokoladen-Vorräte.

Zu Hause turnte ich nochmal die Yoga-Gymnastik für Bauch vom Vortag.

Herr Kaltmamsell hatte aus dem eben geholten Ernteanteil (derzeit ohne Salat weil halt Winter) das Nachtmahl zubereitet: Kartoffelgratin mit Lauchgemüse.

Ausgesprochen köstlich: Der Lauch nach Jamie Oliver mit Wermuth, Zitronenschale, Thymian, viel Butter, der Kartoffelgratin klassisch. Nachtisch Schokolade.

§

Das Magazin Falstaff stellte Katha Seisers neuestes Kochbuch vor:
“Mei liabste Speis: Katharina Seisers ‘Österreich Express'”.

Jetzt hab’ ich’s mir dann doch beim Verlag bestellt, auch wenn ich eigentlich keine Papier-Kochbücher mehr kaufen wollte (besitze mehr als genug mit Klebezettelchen in den noch nachzukochenden Rezepten). Aber ich will Kathas Geschichten darin lesen.


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