Archiv für Oktober 2025

Journal Freitag, 10. Oktober 2025 – Über letzten Urlaubstag frei verfügt (“If you like Piña Colada”)

Samstag, 11. Oktober 2025

Normales Freitagaufwachen: Bei Weckerklingeln Freude aufs Ausschlafen am Wochenende, ich werde mich am Montag zumindest darin nicht groß umstellen müssen. (Beim Gedanken an Montag aber schon seit Tagen leichte Übelkeit, weil er gleich mal einen anstrengenden und mit Nervosität verbundenen Termin bereit hält, den ich Sonntagnachmittag gründlich vorbereiten muss – diese sehr schlechte Planung war mir erst in der Woche vor Urlaub aufgefallen.)

Beim Aufstehen sah ich definitiv Sterne am Himmel, doch es tagte zu geschlossener Wolkendecke, die sich als Hochnebel herausstellte.

Den gestrigen letzten Urlaubstag nutzte ich zu einer weiteren Schwimmrunde im Olympiabad.

Dort wenig Aussicht, aber die Bahnen waren wie erhofft wenig beschwommen.

Danach U-Bahn-Fahrt (Deutschlandticket ist super) ans andere Ende der Stadt:

Im Fausto in der Kraemer’schen Kunstmühle gab es Mittagscappuccino, und ich ließ mir ein Kilo Bohnen der Sorte Barista für die Cafetera mahlen (diese Mischung enthält auch kräftigenden Robusta).

Templerorden im Herbst (wieder eine lange Schlange vor der Lebensmittelausgabe).

Mein nächstes Ziel war der Ostbahnhof. Die MVG-App schlug mir eine recht kurze Busfahrt dorthin vor – erst dadurch merkte ich, dass das ja gar nicht so weit war. Vom Bus aus war mein Blick ab Tegernseer Landstraße ein wenig desorientiert, bis mir klar wurde, dass ich durch das Neubaugebiet an der Welfenstraße fuhr.

Unterm Ostbahnhof nutzte ich den Fotoautomaten für mein Projekt:

Deppenmotiv diesmal in anderer Pose.

Wenn ich schon mal da war, kaufte ich im nahe gelegenen Mitte Meer Spanisches ein, unter anderem für Herrn Kaltmamsell Fischbrühwürfel.

Um zwei gab es daheim zum Frühstück ein dickes Käsebrot aus Selbstgebackenem sowie eine Banane, ich las die gestrige Zeitung aus.

Dann doch kein Museum. Ich hatte die Pinakothek der Moderne angepeilt, dort die Ausstellung “100 Jahre, 100 Objekte”, doch als ich fertiggefrühstück hatte, war es schon halb drei, ich hatte das Gefühl, mich für einen Ausstellungsbesuch bis zum Museumsschließen um sechs hetzen zu müssen. Statt dessen eine kleine Siesta, weil mir die Augen zufielen. Den Nachmittag vertrödelte ich mit Lesen, abgeschlossen durch eine Folge Yoga.

Reichhaltiges Abendessen: Erst gab es Piña Coladas.1 Back to the roots, damit unter anderem hat vor über 30 Jahren unsere Cocktailerei begonnen. Vor Monaten fiel er uns wieder ein, schwierig war die Beschaffung der gesüßten Cream of Coconut: Sie war in Läden nicht mehr zu finden, überall gab es nur richtige Kokosmilch oder Kokosfett. Herr Kaltmamsell bestellte schließlich im Internet. Ananassaft und weißer Rum hingegen waren einfach zu bekommen. Doch seither warteten wir auf eine passende Gelegenheit, dieser Cocktail ist schließlich eine ganze Mahlzeit.

Das Schirmchen dazu (und eventuell einen Schnitz Ananas) müssen Sie sich vorstellen. Ja, sehr sättigend, sehr süß.

Der Ernteanteil hatte Süßkartoffeln gebracht, die bislang schmackhafteste Zubereitung war Mac and Cheese, also kochte Herr Kaltmamsell dieses.

Ganz, ganz großartig, allein deshalb freue ich mich immer, wenn der Ernteanteil Süßkartoffeln ankündigt. Nachtisch Schokolade.

§

Markus Beckedahl (dessen Newsletter Digitalpolitik ich empfehle, hier abonnierbar) erläuterte in einer Keynote Ende September:
“Jenseits von Big Tech: Digitale Souveränität als Schlüssel für Nachhaltigkeit und Demokratie”.

Ein wirklich zentrales Thema unserer Gegenwart und vor allem Zukunft:

Wenn Anbieter zugleich Infrastruktur sind, Marktplatz, Schiedsrichter und Gesetzesberater – dann ist die Demokratie nicht mehr Schiedsrichterin.
Dann ist sie Zuschauerin.

Die Frage ist: Wollen wir unsere digitale Zukunft abhängig machen von Akteuren, deren politischen Kurs wir nicht teilen – und die wir nicht wählen können? Wenn die Antwort Nein lautet – dann braucht es eine andere Architektur.

Markus erläutert die verschiedenen Aspekte – echt ehrlich nicht sehr technisch.

  1. Schnell fiel mir ein, warum ich den Song “If you like Piña Colada” so präsent hatte, der offiziell “Escape” heißt und der eigentlich ziemlich traurig ist: Auf dem Crosstrainer gehörte er zu meinen Lieblingen, weil sein Tempo und Rhythmus perfekt zum Aufwärmen waren, und ich hatte ihn zur Hand, weil er zum Soundtrack von Guardians of the Galaxy gehört, den ich besitze. []

Journal Donnerstag, 9. Oktober 2025 – Feinstregen-Gammel- und Haushaltstag

Freitag, 10. Oktober 2025

Nachdem ich am Mittwoch noch kaum fassen konnte, wie viel Urlaub vor mir lag (erst Mittwoch!), schlug dieses Gefühl beim gestrigen Weckerklingeln übergangslos in “Oh nein, schon Donnerstag!” um.

Pläne: kein Sport (na ja, ein bisschen Yoga), Brotbacken, Ernteanteil holen, Bügeln, irgendwann dazwischen vielleicht Museumsbesuch. Und wenn ich das Brotbacken richtig berechnet hatte, ein Mittagscappuccino bei Einkaufsründchen.

Fürs Brotbacken hatte ich am Vortag bereits die nötigen Schritte getan: Es sollte Schwäbisches Kartoffelbrot geben, und weil das nun wirklich zu meinen Standard-Rezepten gehört, hielt ich es in meinem Rezepte-Blog fest.

Erst durch meine Verwunderung übers späte Hellwerden bemerkte ich den düster bedeckten Himmel – die Wahl des Mittwochs als Wandertag stellte sich als genau richtig heraus.

Ich genoss es sehr, eigentlich nichts zu tun zu haben, im Vorbeigehen hier mal an einer Zimmerpflanze rumzupusseln, dort etwas wegzuräumen, woanders etwas umzurücken.

Während das Brot im Ofen war, turnte ich Yoga und betrieb späte Morgentoilette. Nachdem ich es rausholte, ging auch ich raus auf Besorgungs- und Besichtigungsrunde – Weg nicht nach kürzester Strecke, sondern nach Neugier geplant.

Draußen dann Regen, aber mit so feinen Tröpfchen, dass Herr Kaltmamsell und ich ihn zu “Gischt” erklären würden – und so feinen, dass der Regenradar sie nicht als Regengebiet erkannt hatte und bis auf Weiteres Regenfreiheit prognostierte. Mit meinem Kapuzenmantel war ich genau richtig gekleidet.

Für den Mittagscappuccino sah ich mir den zweiten Münchner Ableger des Berliner The Barn an. Ich erinnere mich gut, wie mich vor fast 15 Jahren eine Espresso-Connoisseurin in Berlin zum ersten Laden lotste (Auguststraße?), weit vor dem Boom der Speciality Coffee Cafés war er ein Geheimtipp. Daraus ist mittlerweile ein weltumspannendes Imperium geworden, vergangenes Jahr staunte ich über die Filiale in Palma de Mallorca.

Guter Cappuccino, das Wasser dazu in Pseudo-Milchflasche definitiv überkandidelt.

Mein Spaziergang führte mich durchs Glockenbachviertel, quer über den Alten Südfriedhof, über Goetheplatz und Mozartstraße zur Theresienwiese.

Nature is healing.

Weiteres Naturschauspiel an der Theresienwiese: Auch in München geht der Trend zum Mikrohund, und ich beobachtete, wie sich einem solchen, der gerade unangeleint Gassi geführt wurde, aus einem Krähen-Quartett eine Krähe näherte – in einer Geschwindigkeit, die überaus interessiert wirkte und auch einen Angriff einkalkulierte. Die Besitzerin schritt hektisch ein.
Wenn ein Tier, und das fiel mir in diesem Moment auf, nicht mal so groß ist wie eine gewöhnliche Münchner Ratte, birgt sein Aufenthalt im Freien also durchaus Risiken.

Lebensmitteleinkäufe im Vollcorner.

Bügeln, Kapitel 1 (ich erleichterte mir die Überwindung durch Aufteilen): Es wird wieder kalt, ich umbügle wieder immer mehr und größere Löcher in Herrn Kaltmamsells Unter-Shirts – aber noch überwiegt die Textilfläche die Auslassungen.

Frühstück um halb zwei: Apfel, Birne, einige Scheiben frisches Kartoffelbrot mit Käse/Butter.

Die Ernteanteil-Abholung übernahm ich, wenn ich schon Zeit hatte: Erster Grünkohl!

Bügeln, Kapitel 2 und Ende, ich nützte es zum Musikhören.

Weitere Tüchtigkeit: Aus dem Keller holte ich die Kiste mit Winterschuhen, tauschte diese gegen Sommerschuhe. Meine Kleidung hat immer noch gesamt Platz im Schrank – allerdings wird es darin spürbar enger. Ich nähere mich einem erneuten Kleidungskauf-Moratorium; vor über zehn Jahren verschaffte mir ein solches über mehrere Jahre endlich Luft im Schrank bis zur Erreichung des Ziels, Winter- oder Sommerkleidung nicht in der anderen Jahrezeit im Keller lagern zu müssen. Das möchte ich gerne beibehalten.

Zum Nachtmahl verarbeitete ich den Ernteanteil-Salat: Den Radicchio Castelfranco (hellgrün statt dunkellila, dafür lila gesprenkelt) gab es mit Balsamico-Dressing und Birne. Außerdem Käse aus England und vom Tegernsee mit frischem Kartoffelbrot. Nachtisch Schokolade.

Gemeinsame Abendunterhaltung eine Folge Mad Men, im Bett noch Lektüre von Tonio Schachinger, Nicht wie ihr – das mir sehr gut gefällt: Das Leben eines österreichischen Fußballprofis und Nationalspielers aus seiner eigenen Perspektive, viel schönes Wienerisch, viele Aspekte seines “Migrationshintergrunds”, darunter Gedanken über ein bekanntes Phänomen.

Journal Mittwoch, 8. Oktober 2025 – Am Tegernsee kann man auch wandern

Donnerstag, 9. Oktober 2025

Wandertag also. Nach guter Nacht stand ich zu vielversprechendem Himmel auf.

Es wurde richtig sonnig, entgegen der Vorhersage einer geschlossenen Wolkendecke. Und schon wusste ich nicht recht, was ich für meine Wanderung entlang dem Tegernseer Höhenweg anziehen sollte, vorhergesagte Höchsttemperatur 16 Grad. Ich entschied mich für ein langärmliges Sport-Shirt und meine Superduper-Wanderjacke, vorsichtshalber band ich mir noch ein Nickitücherl um den Hals.

Zum Bahnhof brach ich recht früh auf: Herr Kaltmamsell hatte uns fürs Abendessen einen Tisch reserviert, ich wollte mit genügend Sicherheitsabstand zurück daheim sein. (Deutschlandticket ist super.)

Wandertag war es überraschenderweise auch für echte Schulklassen (Herr Kaltmamsell klagt hin und wieder, dass er das mit seinen Klassen schon seit vielen Jahren nicht mehr machen kann): Die Bahn war berstend voll, unter anderem mit mehreren Schulklassen, als weitere Überraschung auch mit weiteren Wandergruppen (durchaus nicht nur im Rentenalter – haben die alle Urlaub?).

Auch in meinem Zielort Gmund schien die Sonne von nahezu wolkenlos blauem Himmel – damit hatte ich anhand der Wettervorhersage wirklich nicht rechnen können. Ich vermisste eine Sonnebrille, öffnete schon bald meine Jacke, auf dem zweiten Teil des Höhenwegs band ich sie mir um den Bauch.

Erstmal steuerte ich den Käse-Automaten an, den wir bei der jünsten Wanderung hier entdeckt hatten, ich wollte Nachschub besorgen.

Der Automat wurde gerade nachgefüllt, ich kam ins Gespräch mit der Nachfüllerin – und erfuhr viel spannenden Hintergrund. Hiermit sei empfohlen: Käse von der Naturkäserei Tegernseer Land aus dem Automaten in Gmund am Anfang des Tegernseer Höhenwegs (solange der Automat noch was hergibt, denn dann haben diese Sorten saisonale Pause – wie jeder handwerklich erstellte Käse), bringen Sie Bargeld mit. Neben dem Weissacher vom letzten Mal (schmeckte besonders gut zu Tomate, die Nachfüllerin empfahl auch Pfannenbraten) ließ ich mir einen Blauberger mit Edelschimmel aus dem Automaten. Diese Käserei, so fand ich daheim heraus, ist eine Genossenschaft – wir mögen Genossenschaften.

Es blieb sonnig, ich wanderte fröhlich – und konnte mein Wetterglück auch diesmal schier nicht fassen.

Nach einer guten Stunde war ich am Ende des nördlichen Tegernseer Höhenwegs in Tegernsee.

Mittagscappuccino am Bahnhof.

Brotzeit machte ich um halb zwei auf einem Bankerl am See am Rand von Rottach-Egern: Ernteanteil-Äpfelchen (super!) und eine Nussschnecke.

Nach knapp viereinhalb Stunden und etwa 16,5 Kilometern war ich wieder am Tegernseer Bahnhof. Erst kurz davor sah ich nach Rückfahrten, ging eh alle halbe Stunde ein Zug. Außer. Außer es fällt einer aus, wie in diesem Fall. Nun, ich hatte genug zu lesen dabei, das Wetter war weiterhin stabil, las ich also bis zur Rückfahrt 50 Minuten auf einer Bank am Bahngleis.

Der reservierte Abenbrottisch stand im Lokal Prygoshin im nördlichen Bahnhofsviertel: Auch wenn der Name es nicht vermuten lässt, hatte Herr Kaltmamsell auf der dortigen Speisekarte Arepas entdeckt, südamerikanische gefüllte Maisfladen. Die hatte er schonmal selbst zubereitet, wollte sie aber professionell gemacht probieren.

Wir tranken beide MargaritasCaipirinhas (sehr gut! und ich hatte mitten unter der Woche Lust auf Alkohol gehabt, wahrscheinlich ein Urlaubs-Symptom), die Arepa von Herrn Kaltmamsell und meine Cachapa (eine andere Art von Maisfladen, eher Pfannkuchen-groß) schmeckten gut und sättigten.

Und ich saß mit Blick aufs legendäre Café Kosmos.

Zurück daheim gab’s zum Nachtisch Trifle und Schokolade.

Ich sah nach, warum ein Lokal mit venezolanischen Spezialitäten solch einen russisch klingenden Namen trug – und stieß auf ein SZ-Interview von 2023 mit dem Wirt Michael Frimpong und die kuriose Geschichte dazu (€):
“Wenn die Bar wie der russische Söldner-Chef heißt”.

Weil hinter Bezahlschranke, hier die Kurzfassung: Namensgeber ist der “belgisch-russische Chemie-Nobelpreisträger, Schriftsteller und Philosoph Ilya Prigogine, gesprochen wie Prigoschin”, weil Frimpong dessen Buch “Order Out of Chaos” so gut gefiel. Der schon vorher Pech mit Namensideen für sein Restaurant hatte:

Wir hatten das Lokal 2017 übernommen, und weil im Freundeskreis einige zu dem Zeitpunkt Onkel geworden waren, hatte ich die Idee, den Namen “Onkelz” zu nehmen.

Die Folgen können Sie sich denken.

§

Morgens nutzte ich eine Gelegenheit, Goggles “KI”-Funktion zu verwenden: Ich wollte herausfinden, worum es sich eigentlich bei dieser Skulptur am Isarwerkkanal in Thalkirchen handelte.

Und so befragte ich Google Lens (das mir bei Produktsuchen, also Schuhen, Kleidung, anhand von Fotos schon nützlich war). Das Ergebnis:

Sie wurde 1987 aufgestellt und zeigt Sisyphos, wie er einen Felsblock den Berg hinaufdrückt.

unweit der Brudermühlbrücke

und

Die Figur besteht aus Bronze und der Fels aus Stein.

waren offensichtlich falsch, den angeblichen Künstler “Peter H. Mette” fand ich nirgends, also ging ich den Quellen nach.

Google hatte sich nach eigenen Angaben auf der Website Stadtgeschichte München bedient. Und hier stand mit Links und Foto, dass es sich um die Skulptur “Die gebändigte Kraft” von Peter Winter-Heidingsfeld handelte, übergeben 1920. Nur falls Sie dazu neigen, bei Google-Suchen die “KI”-Zusammenfassungen, die seit einiger Zeit ganz oben erscheinen, ernst zu nehmen.

Ich zitiere aus dem Interview mit Informatikprofessorin Katharina Zweig, das die Süddeutsche am Montag veröffentlichte (€):

Sprachmodelle wurden mit vielen Texten darauf trainiert, das nächste Wort vorherzusagen, das in einem bestimmten Kontext wahrscheinlich ist. Sie sind nicht so konstruiert worden, dass sie irgendetwas wissen. Wenn sie vorher sehr viele Sätze gelesen haben, die alle korrekt sind, kann die Maschine eine Variante von diesem Satz erschaffen, die inhaltlich korrekt ist. Genauso gut kann der Satz völlig in die Hose gehen.

Beim Abendessen überlegte ich mit Herrn Kaltmamsell, warum Google nicht die Fakten in seiner Quelle genannt hatte. Wir konnten nur raten: Weil sie sich nicht gut lasen? Kein so schöner Text waren wie zusammengesetzte Fragmente viel vagerer und weniger passender Quellen?

Will heißen: Werkzeuge wie ChatGPT sind verlässlich, wenn es um Sprachliches geht (deswegen eine wunderbare Hilfe bei Formulierungen und Zusammenfassungen) – die darin enthaltenen Fakten müssen immer überprüft werden. (Sonst siehe “Deloitte muss Australien Geld zurückgeben, weil Bericht voller KI-Halluzinationen war”.)

Journal Dienstag, 7. Oktober 2025 – Grauer Himmel und bunte Auen an der Isar

Mittwoch, 8. Oktober 2025

Gut geschlafen, doch die Aufwachzahl pro Nacht pendelt sich in den letzten Wochen bei drei ein (jahrzehntelang war das einmal pro Nacht zum Pieseln – ich trinke halt wirklich viel).

Der Tag startete dunkelgrau düster, doch es waren mehr Regenpausen als Regenfälle angesagt: Ich plante einen Isarlauf.

Davor aber buk ich seit Jahrzehnten mal wieder Biskuit: Ich wollte Trifle machen, hatte am Montag auf die Schnelle keinen fertigen Obstkuchenboden gefunden (ist auch wirklich nicht die Saison dafür) und berechnet, dass Selbermachen weniger Aufwand bedeutete als weitere Suche. Zudem konnte ich ihn so passend dünn backen.

Zum Laufen hatte ich mir die Strecke Thalkirchen nach Süden ausgesucht, eine U-Bahn brachte mich hin. Schönes Laufen auf leichten Füßen (die angenehm federnden Schuhen schätzte ich nach den beiden Läufen mit dem Vorläufermodell umso mehr), die Isarauen bunteten überraschend energisch gegen das Grau des Himmels an. Es waren sehr wenige Menschen unterwegs, mit fast allen tauschte ich Gruß oder Lächeln.

Das Freibad Maria Einsiedel auf dem Weg in den Winterschlaf.

Isarwerkkanal

Pullach

Hinterbrühler See

Erst während der letzten 15 Minuten signalisierte mein Körper (LWS-Muskeln, Hüftbeuger) mit schmerzhafter Anspannung, dass jetzt aber mal genug war.

Zurück daheim kümmerte ich mich erstmal ums Trifle (hier mein Standardrezept, diesmal hatte ich Erdbeer-Jelly aus England und verwendete dazu Erdbeer-Kompott): Biskuitböden ausstechen (ich bildete mir Einzelportionen ein), Kompott verteilen, Jelly drübergießen.

Biskuit ist die Teigart, die ich am wenigsten gern esse – ich war etwas ratlos, was ich mit diesem Rest machen sollte. Schließlich schnitt ich ihn in Streifen zum Trocknen: für Tiramisu?

Nach dem Duschen kochte ich gleich weiter: Ich wünschte mir zum Frühstück kurz nach eins Porridge. Hineingeschnippelt die letzten getrockneten Wanderfeigen, dazu Joghurt und Hagebuttenmarmelade – immer wieder erstaunlich, wie sehr in dieser Form ein Tässchen Haferflocken sättigen kann.

Einkaufsrunde in mehrere Drogerien; jetzt war der Tag so hell geworden, dass ich einmal sogar kurz meinen Schatten sah. Aus den 9 Grad am Montagnachmittag (Thermometer am Juwelier Fridrich in der Sendlinger Straße) waren 15 Grad geworden (Marien-Apotheke).

Gammel-Nachmittag mit Mieteabwohnen, Zeitunglesen und Internetlesen, unterbrochen von Handgriffen am Trifle. Ich war nicht sicher gewesen, ob ein ganzer Tag reichen würde (Wackelpudding und Pudding müssen ja nacheinander fest werden), aber es klappte: Abends würde es Trifle geben.

Eine Runde Yoga, ein paar Häuslichkeiten, Vorbereitung des Mittwochs: Ich plante einen Wandertag.

Zum Nachtmahl kümmerte sich Herr Kaltmamsell um Ernteanteil-Wirsing und -Kartoffeln: Ich hatte um ein Curry gebeten, er servierte ein ganz hervorragendes von der saucenfreien Sorte, gewürzt mit Koriander und Kreuzkümmel unter Beteiligung frischer Chilis, angerösteter Zwiebeln und Knoblauchs.

Und mir war das Trifle gelungen, die Idee mit dem Erdbeerkompott hatte ich aus dem Fertig-Trifle aus der Kühltheke von Waitrose.

Ein wenig Schokolade passte noch hinterher, Abendunterhaltung eine Folge Mad Men.

Journal Montag, 6. Oktober 2025 – Beginn einer neuen Wanderschuh-Ära

Dienstag, 7. Oktober 2025

Vor Wecker aufgewacht, Wecker trotz Urlaub, weil ich Herrn Kaltmamsell vor der Arbeit Milchkaffee servieren wollte.

Das Wetter war wie angekündigt weiterhin greislich. Also hatte ich für diesen Urlaubstag Schwimmen geplant, Basisziel war nämlich wegen Putzmann-Einsatz Abwesenheit aus der Wohnung. Von England aus hatte ich noch auf einen Wandertag gehofft (jetzt wo ich so schön drin bin), doch die Wettervorhersage machte das schon seit einer Weile sehr unwahrscheinlich. Diese dritte Urlaubswoche ist ohnehin angenehm unverplant: außer irgendwann Wandern, irgendwann Joggen, Brotbacken, Museumsbesuch (offen sind unter anderem Ägyptisches Museum, Pinakothek der Moderne, Sudetendeutsches Museum), Trifle-Machen hat das Planungszentrum meines Hirns nichts produziert.

Früher als an einem freien Tag ideal machte ich mich aufbruchfertig: Herr Kaltmamsell hatte von der Möglichkeit gesprochen, dass der vertraute Herr Putz früher als sonst auftauchen könnte. Den Aufbruch selbst zögerte ich dann raus mit Räumen (u.a. Sauerteig-Auffrischen für potenzielles Brotbacken), bis sicher war, dass er doch nicht früher kam. Außerden nutzte ich die Zeit für nicht-private, nicht-berufliche Korrespondenz (u.a. Umsetzung des Kammerspiel-Abos auf digital – ein verheerender Prozess, Lehrbuchbeispiel für So Nicht).

Ende des Draußenschwimmens, ich nahm eine U-Bahn ins Olympiabad.

Angenehmes Zurückkommen, gutes Schwimmen, ich genoss auf meinen 3.000 Metern das warme Wasser ganz besonders (fand es sogar ein Grädlein zu warm?).

Zum späten Frühstück wollte ich ein Café ausprobieren, das seit Jahren auf meiner Liste steht: das Café Rosi an der Ludwigsbrücke. Ich ließ mich von Tram und S-Bahn in die Nähe fahren und spazierte unterm Regenschirm hin. Es stellte sich als rustikaler heraus, als ich erwartet hatte, aber durchaus einladend:

Ich bestellte das Rührei-Crossaint, das nicht nur mit Rührei gefüllt war, sondern auch mit Käse überbacken: Gut und angenehm sättigend. Dazu las ich die Süddeutsche des Tages.

Nächster Programmpunkt: Neue Wanderschuhe, nach der Beerdigung meiner 30 Jahre alten in England ein sensibles und emotionales Projekt. Doch ich wurde aufs Schönste aufgefangen.

Dass der Globetrotter-Laden am Isartor im Untergeschoss eine riesige Auswahl an Wanderschuhen anbietet, wusste ich bereits; ich hoffte, dass ich dort auch das aktuelle Nachfolgemodell (Trekker LL) der verendeten von Lowa anprobieren können würde. Es war wenig los, doch weil hier wirklich eingehend beraten wurde, wartete ich – entspannt und gerne, weil ich ebenso eingehende Beratung erwartete. Die bekam ich dann auch: Herr Wanderschuh hörte sich meine Wünsche und meinen Abschiedsschmerz an und bat mich dann kurz zu warten, er schaue mal, was er da habe (die Vorgabe Leder kommentierte er ausführlich: ja, viel haltbarer, braucht aber Pflege, und die Leute wollen einfach lieber Goretex).

Er verschwand einige Minuten im Lager: Stellte sich heraus, dass all die Wände mit Dutzenden Metern Regalen voller Schuhe keineswegs das gesamte Angebot zeigen. Und so probierte ich nacheinander drei Paar, die er mir brachte und die verschiedene Aspekte meiner Wünsche abdeckten, lief mit ihnen ausführlich herum (während Herr Wanderschuh weitersuchte oder einen anderen Kunden beriet), unter anderem auf dem nachgebauten Wander- und Bergoberflächen-Parcour im weitläufigen Kellergeschoß (des Hauses, in dem einst Rieger-Pelze angesiedelt war, deren Radiowerbung ich bis heute im Ohr habe).

Bis ich sicher war: Das sind sie, in denen kann ich mich daheim fühlen. Das war ein sehr, sehr schönes Offline-Einkaufserlebnis.

Ich darf die Stiefel sogar zwei Wochen testtragen (nur drinnen natürlich), und sollte sich dann doch ergeben, dass sie irgendwo drücken, darf ich sie zurückbringen. Am Abend lief ich damit in der Wohnung herum, alles tutti. Am ersten Arbeitstag nächste Woche werde ich sie noch im Büro tragen, und Herumlaufen ist ja Teil meines Jobs – aber es würde mich sehr wundern, wenn ich dabei Druckstellen entdeckte.

Vom Hersteller Hanwag hatte ich noch nie gehört – vielleicht ein gutes Zeichen, dass sie ihr Geld in die Produkte statt ins Marketing stecken? Er bietet auch Neubesohlung an, das war mir wichtig. (Nachdem ich von dieser zwölfmaligen las, fühlte ich mich sofort wie eine Verschwenderin, weil meine alten mir nicht mal eine zweite wert waren.)
Leder-Wanderschuhe sind fast ein Familienmitglied, und ich setze darauf, dass das die letzten meines Lebens sind.

Nach dieser Aufregung (beim Zahlen konnte ich schier nicht den Anweisungen der Angestellten folgen) ging ich im leichten Regen heim, zog aber nach Abladen und Ausräumen nochmal los im wechselnd leichten Regen auf Lebensmittelkäufe.

Kurze Yoga-Einheit für Rumpf-Kraft, dann unterstützte ich Herrn Kaltmamsell bei der Nachtmahlzubereitung: Er hatte am Vortag Rinderbrühe gekocht, zu denen machte ich Griesnockerl – die wir beide lieben, für die es allerdings nie eine Gelegenheit gibt, und wenn, vergessen wir sie. Nicht gestern!

Wenn ich sie häufiger machte, bekäme ich wahrscheinlich irgendwann auch das Formen hin. Schmeckten aber hervorragend. Außerdem gab es das feine Rindfleisch mit Meerrettichsauce und (Ernteanteil-)Kartoffeln. Nachtisch Schokolade.

Journal Sonntag, 5. Oktober 2025 – Zurück im münchner Daheim

Montag, 6. Oktober 2025

Gut drei Stunden Schlaf bekam ich hin nach dem Heimkommen um sieben. Danach war ich für den Rest des Tages etwas benommen und schlecht konzentriert, litt aber nicht.

Das Wetter war kalt und greislich – gut für uns Oktoberfestopfer (letzter Tag). Doch auch ich habe mittlerweile ein Oktoberfestritual: Ich holte im U-Bahnhof Sendlinger Tor beim Rischart Riesenbreze zum Frühstück (die ist eigentlich Biergartenbesuchen vorbehalten). Eine halbe, weil mit Herrn Kaltmamsell geteilt, schmeckte nach Apfel und Körnersemmel besonders gut mit der salzigen englischen Butter, deren Rest ich mitgebracht hatte.

Danach war ich sehr müde, traute mich aber nicht Siesta zu machen, weil ich meinen Schlafrhythmus nicht völlig aus der Kurve kegeln wollte.

Internetlesen, Gepäck verräumen, während draußen Wind wehte und Regen prasselte, die Heizung war längst aufgedreht.

Im Briefkasten hatte die Bitte um Teilnahme an einer Umfrage zum benachbarten Nußbaumpark gelegen, Absender AKIM – das Allparteiliche Konfliktmanagement in München. Über den aufgedruckten QR-Code folgte ich ihr, allein schon um die Mühe würdigen, die am stärksten von den Missständen Betroffenen einzubeziehen. Aber ich weiß doch auch nicht, wie man sie lösen kann.

Vielleicht, ging mir letzthin auf, mache ich ja doch echtes Yoga, nämlich als ich mal wieder einen Selbsterfahrungstext einer Yoga-Fan las, die nach Jahren begriff, dass es dabei gar nicht um perfekte Posen und um Leistungssteigerung geht. Ähm, eben. Sich durch Bewegungsabläufe führen lassen, Anleitung zur Atmung dabei bekommen, immer wieder angestupst werden, dabei den eigenen Körper wahrzunehmen: All das bedeutet Yoga für mich. Und ich bin fast jedesmal eine andere am Ende der Einheit als ich zu Beginn war (was allerdings bei mir auf jede Sport-Einheit zutrifft). Darf ich das Angebot höherer Bewusstseinsebenen einfach dankend ablehnen und bei Freude an Bewegung bleiben? Die ja sehr wohl meinen Alltag beeinflusst durch aufmerksamere Körperhaltung und einige Techniken, bestimmte Verspannungen selbst am Schreibtisch zu bearbeiten.

Gestern freute ich mich besonders auf eine Runde Yoga: Endlich wieder auf einer richtigen Yoga-Matte mit Griffigkeit, der Reise-Ersatz hatte deutlich mehr Anstrengung beim Halten von Ausfallschritten und Co. erfordert.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den Hokaido-Kürbis aus Ernteanteil als Schnitze aus dem Ofen, ich richtete den mitgebrachten englischen Käse an:

Von oben im Uhrzeigersinn: Cotswolds Blue (bereits halbiert), Blacksticks Blue aus Lancashire, Cornish Yarg (in Brennesseln), Gorwydd Caerphilly.

Dazu ein netter französischer Rosé, der sich vor allem mit dem (überreifen, aber gar nicht scharfen) Cotswolds Blue verstand. Mein Liebling war aber der Caerphilly – den ich diesmal im Supermarkt gar nicht gesehen hatte, wo ich doch bislang glaubte, dass er ein Standard in UK ist. Nachtisch reichlich Schokolade.

Draußen leuchteten in der regnerischen, kalten Nacht nochmal die Lichter des Oktoberfests, ich hörte und roch es auch – stellte mir auch dieses Jahr vor, wie ich um 22:30 Uhr zur letzten Schließung der Festzelte mit Wunderkerze auf dem Balkon stand, freudeberauscht “NUUUUUL!” und “AUSIIIIIS!” brüllte. Was ich vielleicht irgendwann doch machen werde.

Abentunterhaltung der Beginn der dritten Staffel Mad Men, im Bett neue Lektüre: Tonio Schachinger, Nicht wie ihr, nahm mich mit nach Wien, und ich freute mich, wie viel ich nach dem Urlaub dort mit den Ortsangaben anfangen konnte.

Lichtaus zur üblichen Zeit, war auch nach der fast durchgemachten Nacht kein Problem.

Journal Samstag, 4. Oktober 2025 – Rückreise nach München, zu lange

Sonntag, 5. Oktober 2025

Reisetag, Brighton verabschiedete mich sonnig.

Letzter Ferienwohnungsblick.

Ich hatte viel Zeit, ein wenig Bammel allerdings vor der langen Nacht (planmäßig Abreise London 15:03 Uhr, planmäßige Ankunft München 06:03 Uhr). Dann wieder wurde am Freitag und gestern der Münchner Flughafen jeweils wegen Drohnensichtungen gesperrt (Sind “Drohnen am Flughafen” jetzt die “Personen im Gleis” der Flugzeugreisenden?), eine Flugzeug-Rückreise hätte sehr wahrscheinlich mindestens so lang gedauert. (“NEUNZEHN Stunden Zugfahrt?! Da hättst ja gleich fliegen können, hahaha.”)

Erst beim Ticketkauf am Bahnhof Brighton wurde mir klar, dass es eine Zugverbindung direkt zum Bahnhof London St. Pancras International gab, an dem der Eurostar abfährt (und ankommnt) – das macht München-Brighton per Zug ja noch attraktiver. Zurück ging es statt über Paris über Brüssel: Diese Verbindung war laut beratender Bahn-Ticketverkäuferin im Mai verspätungssicherer, Umsteigen zwischen Brüssel und München in Köln (oder Siegburg/Bonn, wie es jetzt, fünf Monate nach Buchung angezeigt wurde).

Ein wundervoller Tag, ich sah auf der Fahrt nach London begeistert in den Frühherbst vorm Fenster.

Am Bahnhof St. Pancras wollte man mich noch nicht in den Eurostar-Wartebereich lassen. Ich hatte eh ordentlich Frühstückshunger, also schloss ich meinen Englandurlaub kulinarisch mit Full English Breakfast ab.

Nicht richtig sichtbar: Black pudding (super!) unter dem Rösti, Bratwurst und Bacon, insgesamt eine sehr zufriedenstellende Mahlzeit (nur die Kartoffelwürfel ließ ich liegen), die bis in die Nacht sättigte.

Ankunft in Brüssel mit einer halben Stunde Verspätung, das verkürzte meine zweieinhalb Stunden Wartezeit auf den Anschlusszug. Erster Zeitvertreib im Brüsseler Bahnhof: Klo-Suche, in Brüssel kann man Baustellen. Dann aber Erfolg an einem Bezahlklo, auch meine Wasserflaschen konnte ich auffüllen. Brüssel würde ich mir gerne mal ansehen, aber jetzt las ich einfach auf einer Bank im Bahnhof (die aktuelle Wochenend-Süddeutsche feierte 80 Jahre Süddeutsche mit vielen spannenden Rückblicken und Hintergrundgeschichten).

Abfahrt des sehr schicken ICE international verspätet, auch diesmal sah ich vor allem meine Wartezeit auf den Anschluss in Köln (oder Siegburg/Bonn?) verkürzt. Mehrfach bat der Zugchef in seinen Ansagen nachndrücklich darum, das eigene Gepäck niemals aus den Augen zu lassen – und verunsicherte mich damit, die ihren großem Koffer wie immer in die ersten Kofferablage beim Reinkommen geschoben hatte, die ich aber von meinem Platz aus nicht sehen konnte.

Abendessen gegen neun: Äpfel, Birne, Nüsse, Trockenpflaumen.

Der Zugchef hatte dann den Schlüsseltipp für Reisende nach München: Umstieg wie zur Zeit meiner Buchung in Köln ging eh nicht, weil der Anschlusszug dort nicht mehr hält – er empfahl Weiterfahrt bis nach Flughafen Frankfurt. Das war mir auch insofern recht, als ich mir von diesem Bahnhof Drinnenmöglichkeiten für über eine Stunde Warten erhoffte, auf die ich bei Umstieg in Siegburg/Bonn nicht wettete.

Eben freute ich mich noch, wie wach ich um diese eigentlich für mich längst Schlafenszeit war (Schlaf plante ich erst im letzten Abschnitt meiner Reise), da merkte ich bereits, wie schwer ich mich auf meine Lektüre konzentrieren konnte.

Das Warten am Bahnhof Frankfurt Flughafen erforderte dann Ausdauer und fast zwei Stunden – der nächste Zug kam deutlich verspätet.

Ich vertrieb mir die Zeit im unangenehm Kühlen mit einem Interview: “They Talk Tech” sprachen mit Katharina Borchert über “USA – was ist da los?” – ich genoss die liebe vertraute Stimme. Außerdem stromerte ich mit meinem Riesenkoffer durch die Gänge, damit mir wärmer wurde (Gastro um diese mitternächtliche Zeit längst geschlossen).

Warm wurde mir dann kurz vor Besteigen des Anschlusszuges: Gleisänderung drei Minuten vor Einfahrt, es war viel lustigen Rennens. So war ich auch wieder richtig wach und guckte endlich die lang eingemerkte Doku auf arte:
“Brainwashed: Sexismus im Kino”.

Wie einseitig, unrealistisch und schädlich die Darstellung von Frauen und ihren Körpern in Kinofilmen ist (u.a. Frauen als Objekt statt als Subjekt, ihre Körper immer über male gaze) war mir schon länger bewusst (was mir mittlerweile einige Lieblingsfilme vergällt hat), doch hier wird auch die Perspektive aus der Filmindustrie selbst, zuforderst aus Hollywood dargelegt. Zudem formulieren Forscherinnen und Filmschaffende explizit aus, welche Auswirkungen das auf scheinbar unbeteiligte gesellschaftliche Bereiche hat. Zudem merkte ich, dass selbst mit dem Bewusstsein dafür auch ich immer noch übersehe, wie gesetzt dieses visuelle Erzählen bis heute ist – ich hatte es in einigen der gezeigten Beispile nicht bemerkt, obwohl es doch offensichtlich war.

Dann war ich wirklich sehr müde. Schlafen konnte ich dennoch nur kurz, irgendwo um Stuttgart waren Erkan und Stefan (in heutiger Inkarnation) zugestiegen und hatten eine Riesengaudi.

Die letzten beiden Stunden sind bei langen Reisen immer die längsten. Und wenn dann noch der Zug anderthalb Stunden vor fahrplangemäßem Ankommen eine unerklärte halbe Stunde Stop and Go auf freier Strecke einlegt, wabert Verzweiflung am Horizont.

In München wartete der allerbeste Herr Kaltmamsell am Bahnsteig und nahm mir den Koffer fürs letzte Stück ab – hochwillkommene Unterstützung. Daheim um sieben nur schnell mitgebrachten Käse in den Kühlschrank gestellt, kurze Abendtoilette, ein Becher Milch mit Honig (hatte ich mir in den Stunden davor genau so vorgestellt), bei heruntergelassenem Rollladen ins Bett.

§

Dass das Maß des Jakobsweg-Tourismus inzwischen alle Vorstellungen sprengt, hatte ich durchaus mitbekommen; was die Reportage in der Süddeutschen schildert, ist allerdings komplett gruslig (€):
“Jakobsweg in Spanien
Wir sind dann mal zu viele”.

In den 1980er-Jahren erkannte der Ministerpräsident Galiciens, Manuel Fraga, der zuvor Tourismusminister unter Diktator Franco gewesen war, das ökonomische Potenzial des Camino. Um den Olympischen Spielen in Barcelona und der Weltausstellung in Sevilla (beide 1992) etwas entgegensetzen, entstand die Initiative „Xacobeo 93“. Der Camino Francés, die aus Frankreich kommende Hauptroute, wurde mit Kilometerangaben und Schildern versehen. Kirchen und Klöster wurden renoviert, Herbergen gebaut. 1993, ein heiliges Jahr in der Jakob-Logik, weil der Namenstag des Apostels auf einen Sonntag fällt, brachte den Durchbruch. Angestachelt von der Kampagne machten sich fast 100 000 Pilger auf den Weg.

In Deutschland machte das 2006 veröffentlichte, drei Millionen Mal verkaufte Buch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling den Weg beliebt. Jeder zwanzigste Pilger kommt laut einer Statistik des Pilgerbüros heute aus Deutschland.

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Weniger als 1500 Menschen sind in Portomarín gemeldet, aber es gibt 2500 Gästebetten, sagt die Frau, die in der Kirche Pilgerpässe abstempelt. „Gestern war es Wahnsinn“, sagt sie, alle Unterkünfte seien ausgebucht gewesen, man musste Notbetten in einer Mehrzweckhalle aufbauen. Und als das nicht mehr reichte, wurden Pilger mit Bussen in die umgebenden Dörfer gefahren, wo sie übernachteten und am nächsten Morgen wieder nach Portomarín gebracht wurden, damit sie ihren Camino fortsetzen können.

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Die Exzesse mancher Besucher dokumentiert ein Instagram-Account. @compostelaresiste, zu Deutsch „Compostela leistet Widerstand“, postet verwackelte Videos von Gruppen, die um vier Uhr morgens grölend durch die Stadt ziehen, zeigt Filzmarker-Schmierereien am Obradorio-Platz, an dem man sich laut Stadtverordnung nicht mal an die Säulen lehnen darf, Pilger, die mitten im Stadtpark ihr Zelt aufschlagen oder Leinen für ihre Wäsche aufspannen. Ein Besucher badet mit Hund im Barock-Brunnen am Praterías-Platz neben der Kathedrale. Und einer benutzt Relief-Figuren in der Fassade der Kathedrale als Kletterwand.