Archiv für Oktober 2025

Journal Freitag, 3. Oktober 2025 – Nochmal Undercliff Walk, jetzt aber mit Regen

Samstag, 4. Oktober 2025

Letzter Tag in Brighton – und der begann nach wohligem Ausschlafen mit einer unangenehmen Nachricht. Nachts hatten die Ferienwohnungsvermieter eine mahnende E-Mail geschickt: Nachbarn hätten sich bei ihnen beschwert über “shouting and banging noises” aus meiner Wohnung. Um die Absendezeit der Mail schlief ich bereits tief, zum ersten Mal mit Ohrstöpsel, weil mich mehrfach Hundebellen geweckt hatte. Ich beteuerte natürlich meine Unschuld, verwies auf meine Alleinbewohnerschaft und drückte mein Mitgefühl mit den Nachbarn aus, sorgte mich jetzt aber um meinen AirBnB-Ruf. Vielleicht waren die Bewohner über mir mit fast durchgehendem Kleinkinder- und Abenteuerspielplatzlärm (der mir nichts ausmacht) ja auch lediglich Feriengäste: Dann könnte ich die Beschwerde verstehen.

Zum Glück kam bald eine beschwichtigende Antwort von den Vermietern: Es habe sich offensichtlich um eine Verwechslung gehandelt, alles gut.

Was mir auch nichts ausmachte: Das war nun wirklich echt ehrlich ein regnerischer Morgen. Helles, trockenes Wetter gefällt mir zwar besser, doch mein geplanter zweiter Undercliff-Walk-Lauf würde durch Regentropfen erst vollständig – und die bisherigen zwei Wochen England ohne Regen hatten eher Unheimliches geabt.

Eher spät kam ich los – und war draußen überrascht über die milde Luft. Diesmal spazierte ich an einen Startpunkt näher am Undercliff Walk, also weiter östlich, um weiter auf dem Walk selbst joggen zu können. Das Laufen bereitete mir sehr große Freude: der salzige Wind, das Rauschen der Wellen. Wenn sich auch bald linke Wade und Oberschenkelrückseite meldeten: Ich war entschlossen, mir das Vergnügen nicht trüben zu lassen.

Bei dem gestrigen Wetter war deutlich weniger los auf dem Undercliff Walk, der Anteil grüßender und lächelnder Menschen dabei deutlich höher.

Endlich den vertrauten Spitzspatz gesichtet, den ich am Dienstag vermisst hatte (schau’s halt genau hin: Wenn ich gut Vögel fotografieren könnte, würd’ ich’s ja machen).

Die vertrauten Klos am Weg waren neu hergerichtet, aus dem hochformatigen Spiegel war ein querformatiger geworden.

Pläne fürs späte Frühstück/Mittagessen hatte ich bereits: große Lust auf Pizza. Vor zwei Jahren hatten wir in North Laines eine mehr als anständige bekommen, dorthin ging ich wieder. Ich habe ja selten richtig Lust auf Pizza, aber dann genieße ich sie sehr.

Pizza Norma mit Aubergine.

Auch hier muss der Service wie bei uns ständig Italienisch-Fragmente in die Konversation mit der Kundschaft einbauen, anders als in deutschen Pizzerien wird man allerdings gefragt, ob man Pommes dazu haben möchte, und die Leute bestellen “Dips” für ihren Pizzarand (hatte ich schon wieder vergessen).

Spaziergang in den Stadtteil Kemp Town, so weit raus wie noch nie. Und das lohnte sich auch diesmal (deswegen mache ich es ja auch in München gerne): Unter anderem entdeckte ich ein Cabaret-Theater.

Sussex Dairy, heute der Off License The Boozy Cow.

Haus of Cabaret (nächstes Mal bestimmt). Auch in dieser Gegend auffallend: Die große Zahl kleiner Cafés – so viel Kaffee-und-Kleingebäck-Bedarf kann doch kein Stadtviertel haben?

Zurück ging ich fast ab Marina obenrum die Marine Parade entlang: Ich wollte den Weg, den ich regelmäßig jogge, von oben sehen. Zum Wind kam jetzt ein wenig Regen, erst als winzige Tröpfchen in der Luft, dann als größere. Egal, es war weiterhin so mild, dass mir das nichts ausmachte.

Blick aufs Schwimmbad vom Donnerstag.

Einmal alles inklusive West Pier in der Ferne.

Nachmittag in der Ferienwohnung mit Lesen am Tisch im Bay Window, während es draußen immer wieder regnete. Gemütlich! Doch als die Abenddämmerung nicht mehr zu übersehen war, zürnte ich: NOAAAAAIN! Nicht aufhören, letzter Tag in Brighton! Eigentlich bin ich ja gewohnt, dass ich bereits ein, zwei Tage vor Rückreise mit dem Kopf zurück daheim bin, diesmal klammerte ich mich an jeden Anblick, jedes Lüftchen in der Ferne. Und so merkte ich: Fünf Tage Brighton reichen mir nicht, auch ohne Abstecher nach London und mit eigentlich keinem Programm.

Nach Yoga-Gymnastik zum Nachtmahl gründliches Aufräumessen: Letzte rote Paprika mit restlichem Hummus, am Vortag gekaufte Körnersemmel mit Butter, ein Becherchen Fertig-Trifle (erstaunlich gut, aber ich muss es dringend mal wieder selber machen – habe ja noch eine Woche Urlaub), Birne mit Joghurt-Rest. Nachtisch Schokolade, davon werde ich allerdings einige heimnehmen müssen. Ich bin ohnehin gespannt, wie sehr ich mit meiner Schätzung von freiem Kofferplatz durch ein Paar Wanderschuhe weniger und ein Paar Turnschuhe weniger daneben liege.

Schließlich fand ich an diesem letzten Abend in der Ferienwohnung heraus, wie sich die Heizung anschalten lässt: Der Knopf an der Wand mit 15 Zentimeter Durchmesser wird durch richtiges Rumdrücken (falsches hatte ich gleich bei Ankunft probiert) zu einem Display, dass man unter anderem von “off” auf “Auto” stellen kann. Und schon werden die Heizkörper warm. Ahem.

Im Bett Gaea Schoeters, Lisa Mensing (Übers.), Trophäe ausgelesen – verstörend, aber auf eine ungewöhnliche und gute Weise.

§

Am 2. Oktober war fünfter Jahrestag meines neuen Hüftgelenks. Auch diesmal fiel mir das sehr deutlich ein: Ich bin weiterhin so dankbar dafür, dass die moderne Medizin mir eine Rückkehr in ein (zumindest dort) schmerzfreies, aktives Leben ermöglichte, und dass ich in jeder Phase dafür so ein Glück mit bestmöglichem Verlauf hatte.

§

Im aktuellen SZ-Magazin schreibt Marvin Ku einleuchtend hierüber (€):

Seit 20 Jahren spaltet der Begriff »Migrationshintergrund« unsere Gesellschaft. Doch selbst seine Schöpferin ist sich nicht mehr sicher, was er bedeutet. Wann sind Menschen mit ausländischen Wurzeln deutsch genug?

Er erzählt am eigenen Beispiel:

Ich bin deutscher Staatsbürger und das Kind deutscher Staatsbürger. Ich wurde in Kassel geboren und wuchs in einer Kleinstadt auf, die bekannt ist für ihre Liebe zu Wurst. Auch ich esse gern Wurst. Ich bin in einen evangelischen Kindergarten und aufs Gymnasium gegangen. Ich habe an einer deutschen Universität studiert, schreibe für eine deutsche Zeitung, die in Deutschland als sogenanntes Leitmedium gilt, und ich schreibe das alles auf Deutsch, weil es meine Muttersprache ist. Die größte Migra­tion, die ich durchgemacht habe, war von Hessen nach Berlin-Friedrichshain. Aber das muss man alles nicht wissen, um mir einen Migrationshintergrund anzuheften.

(…)

Es gibt auch eine amtliche Definition des Statistischen Bundesamts: »Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.«

Mir sieht man ihn nicht an, meinem Namen schon.
Und mir fallen viele Beispiele von Deutschen ein, die aufgrund dieser Definition keinen Migrationshintergrund haben, aber in einer so komplett anderen Kultur und Sprache als der deutschen groß wurden, dass ihre deutsche Umwelt sie in Deutschland immer wieder lotsen muss.

Es passt nicht in die Story, dass die wirtschaftliche Lage dieser Eltern, und da sind sich Bildungsforscher einig, deutlich wichtiger ist als ein Migrationshintergrund, um Bildungserfolg zu analysieren. Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, ist am niedrigsten bei einem Kind, dessen Eltern weniger als 2600 Euro netto im Monat verdienen, beide kein Abi­tur und keinen Migrationshintergrund haben. Am höchsten, wenn beide Eltern Abitur haben, mehr als 5500 Euro ver­dienen und einen Migrationshintergrund haben. Entscheidend ist nicht der Migra­tions­hintergrund, sondern das Geld.

Das Cover-Foto gefiel mir besonders gut.

Journal Donnerstag, 2. Oktober 2025 – Abenteuer in den Brighton Sea Lanes

Freitag, 3. Oktober 2025

Wieder gut geschlafen – das ist für mich weiterhin so wenig selbstverständlich, dass ich es festhalte. Es tagte wieder hell und freundlich – also ging ich doch nochmal das mit dem Schwimmen in den Sea Lanes an. Ich war 2014 in Tel Aviv im Januar draußen Schwimmen (allerdings noch mit Natur-Neopren), da würde ich das doch wohl in Brighton im Oktober schaffen!

Vorher aber gemütliches Bloggen, Internetlesen über Milchkaffee, Wasser, Schwarztee – ich wollte der Lufttemperatur etwas Vorsprung zum Warmwerden geben.

Selbst wurde ich warm beim halbstündigen Marsch raus zum Schwimmbad (auf der Website Fotos). Die Formalitäten waren dann einfach: Ich fand den Eingang leicht, einer Neu-Schwimmerin vor mir wurde eh alles erklärt, ich musste nur noch 11,45 Pfund zahlen (exakt so viel hatte am Vortag die Kino-Karte gekostet). Für einen Spind hätte ich ein Vorhängeschloss gebraucht (habe ein übriges daheim, beim nächsten Brighton-Urlaub mitnehmen), die Angestellte riet mir, mein Zeug einfach beim Pool in einem der offenen Fächer abzulegen.

Umkleiden und Duschen waren nicht nach Gender getrennt, aber in Einzelkabinen.

Nachher-Fotos:

Die wenig beschwommenen Bahnen (je 1-2 Schwimmer*innen), hier im Uhrzeigersinn (in Deutschland andersrum), sortiert nach Slow, Medium und Fast (“maximum 1 minute per length”), ein großes Schild erklärte freundlich ein paar Benimmregeln (z.B.: nicht zu lange am Rand rumstehen). Ich nahm die mittelschnelle Bahn und wurde nur einmal überholt.

Und fragte mich sofort beim Gleiten ins Wasser, ob ich mehr als vier Bahnen durchstehen würde, weil SCHEISSKALT! 19,4 Grad waren auf einer Tafel angeschrieben gewesen, aber ich konnte mir nichts darunter vorstellen – auch wenn ich nachgeschlagen hatte, dass Münchner Sportschwimmbecken auf 27 Grad Wassertemperatur geheizt sind.

Ich biss mich dann zu meinem Erstaunen durch 1.500 Meter, zum Schluss sogar in Sonnenschein. Mein Körper war von Anfang an so kalt, dass ich es nicht mehr als Frieren bezeichnen würde, ich schwamm einfach flott, und bei 1.500 Metern wollte ich nicht mehr. Die heiße Dusche tat gut, wärmte mich aber nicht durch. Trocknen und Eincremen ganz mechanisch, immer noch völlig steifes Haaretrocknen (Föhne wurden gestellt).

Auf den Spaziergang zurück Richtung Brighton merkte ich, dass mein Körper völlig überfordert war: “Was war das bitte gerade?!” Mir schwindelte, die Jeans fühlte sich eine Nummer zu groß an, ich gähnte in einem fort, Fersen (?) und Fingerspitzen blieben fast eine Stunde lang taub, im Hirn Splitterbombengefühl.

Ich hätte auch ein anderes Schwimm-(Bade-)becken haben können (Brighton Beach House).

Darauf einen Mittagscappuccino mit sehr englischer Aussicht (Leute bei Mittagessen vor Pub).

Apropos Körper: Ich bin begeistert von dem Blasenpflaster, das ich auf die große und scheinbar blöd platzierte Blase vom Joggen am Dienstag geklebt hatte. Der Schmerz war sofort weg, beim Gehen spürte ich dort nichts, und beim Schwimmen hielt sie perfekt. Es lebe der Fortschritt!

Frühstück um zwei: Vollkornsemmel mit viel Butter, Mango mit Joghurt.

Den Nachmittag verbrachte ich auf dem Sofa, las Zeitung, holte mir hin und wieder frisches Wasser, ging hin und wieder aufs Klo und merkte: Mir geht’s gut! So soll das doch im Urlaub.

Abendessen hatte ich schon mittags im Restaurant beschlossen, und um mir selbst spätere Unentschlossenheiten zu ersparen, gleich mal einen Tisch reserviert. In diesem Lokal war ich mit Herrn Kaltmamsell immer wieder in seinen verschiedenen Inkarnationen gewesen, aß jedesmal sehr gut. Nachfrage ergab als Konstante die Besitzer (bei denen ich zum Beispiel den spanischen Gewürztraminer von Enate kennenlernte), also ging ich diesmal wieder hin, obwohl mich das derzeitige Konzept, “Authentic Spanish Food and Drink”, sonst eher abschreckt (weil: und dann servieren sie nicht mal Brot zu allem, was die Basis der Authentizität wäre).

Spaziergang dorthin in wunderbarer Luft; ich ließ mich an der Bar platzieren.

Ich startete mit dem signature dish, den ich von meinem vorherigen Besuch dort in bester Erinnerung hatte: Goat’s cheese curros, also Churros mit Ziegenfrischkäse im Teig, darüber Trüffelhonig und geriebener Manchego – hervorragend. Dazu ließ ich mir einen Spangroni rühren, der den Negroni mit spanischen Zutaten und Grapefruit variiert (gut!).

Links gegrillter Oktopus mit Fenchel, viel Kartoffel und Zitrusfrüchten – die nicht wirklich zum Rauch-Aroma des Tintenfischs passten. Rechts Rote und Gelbe Bete mit gerösteten Haselnüssen und Chorizo-Öl – eine Hammer-Kombi, das baue ich nach. Beide Teller schwammen in köstlichen Sößchen, doch das Brot zum Auftunken musste ich als Extra-“Tapa” bestellen (sag ich doch). Als Wein hatte ich ein Glas Mencía aus der mir unbekannten Weingegend Monterrei bestellt: Passte überhaupt nicht, ein Fehlgriff.

Als Nachtisch Schokoladen-Ganache auf einem Orangenkeks: Eine etwas eigenartige Zusammenstellung, die ich nicht mit Besteck essen konnte und statt dessen Finger nahm.

Auf dem Heimweg genoss ich nochmal die milde Nacht, laut Wetter-App bei 17 Grad.

In der Ferienwohnung schaltete ich endlich mal den Fernseher an, hüpfte durch ettliche Reality- und Quiz-Shows – und war sehr amüsiert, als dies auftauchte:

In England läuft IMMER irgendwo Sound of Music, sag ich doch.

§

Was ich auch schon lange behaupte: Körper macht Gefühle. Dieser Artikel in der Süddeutschen dreht sich vordergründig um das Wahrnehmen von körperlichen Signalen; am interessantesten finde ich aber die Belege dafür, dass es physische Vorgänge sind, die Gefühle auslösen – was ich nur halb scherzhaft als “Somatopsychik” bezeichne (€):
“Interozeption
Wie man in sich hineinhorcht …”

Die Bedeutung der inneren Signale [wurde] in den vergangenen Jahrhunderten kräftig ignoriert. „Das Gehirn wurde als Kommandozentrale wahrgenommen und der Körper nur als ausführendes Organ“, sagt Johannes Michalak, der an der Universität Witten/Herdecke unter anderem zur Interozeption forscht. Angestoßen hat das Konzept der französische Gelehrte René Descartes, als er vor rund 400 Jahren den Leib-Seele-Dualismus ausrief. Aber das Gehirn verarbeitet nur Informationen, es generiert sie nicht. Daran ist der Körper ganz wesentlich beteiligt.

Auf die Idee, dass der Körper sogar eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Emotionen spielt, kamen der US-Amerikaner William James und der Däne Carl Lange sogar schon vor rund 150 Jahren. Die nach ihnen benannte James-Lange-Theorie besagt, dass der Körper wichtige Anstöße für Gefühle liefert. Demnach schlägt das Herz nicht schneller, weil man Angst hat. Vielmehr hat man Angst, weil das Herz schnell schlägt. Das Gehirn nimmt wahr, dass im Körper etwas los ist, und zieht daraus seine Schlüsse.

Die Theorie wurde über die Jahre vielfach kritisiert und auch durch Experimente stark infrage gestellt. Doch mittlerweile zeigen Daten, dass es die Entstehung von Gefühlen aus dem Körper durchaus geben könnte, wie Philip Tovote erzählt, der am Universitätsklinikum Würzburg zu den neurobiologischen Mechanismen der Interozeption forscht. So bauten Forschende aus Stanford vor zwei Jahren spezielle Gene in die Herzzellen von Mäusen ein, die sich durch Rotlicht aktivieren ließen und den Herzschlag der Tiere beschleunigten. „Sobald die Herzen der Mäuse schneller schlugen, zeigten diese verstärktes Angstverhalten“, sagt Tovote.

So ordne ich zum Beispiel meine Ängste beim nächtlichen Wachliegen ein: Da passiert irgendwas mit Stoffwechsel und Herzschlag, das mein Gesamtsystem als “Angst” einordnet.

Journal Mittwoch, 1. Oktober 2025 – Strandpromenade Hove und The Roses

Donnerstag, 2. Oktober 2025

Ich wachte nach gutem Schlaf auf zu fettem Halsweh – das hatte ich nun wirklich nicht kommen sehen. Zwar wusste ich, dass solches Morgenhalsweh beim Aufwachen am stärksten ist und dann abklingt, aber es passte wirklich nicht zu Schwimmen in 19 Grad kaltem Wasser unter freiem Herbsthimmel. Während ich mich am Vorabend noch enthusiastisch auf das Schwimmabenteuer gefreut hatte, war ich jetzt nur ein bisschen enttäuscht. Nächstes Mal. (Tatsächlich verschwand das Halsweh im Lauf des Vormittags völlig.)

Beim Einschlafen hatte die neue Blase vorm linken Fußballen zudem gehörig geschmerzt, vielleicht probierte ich einfach mal diese Rekonvaleszenz aus, von der man im strukturierten Sporttreiben manchmal hört.

Also stellte ich um auf Gammeltag (darf man das denn auf Reisen, statt die raren Tage in der Ferne zu NUTZEN?!), überlegte Spaziergänge durch Brighton.

Auf der Tonspur wurde seit dem Vortag beim Bewohnen der Ferienwohnung einiges geboten: In der Wohnung über mir hatte es am Dienstag Besuch von vielen Menschen gegeben, darunter einigen kleinen Kindern, die Abenteuerspielplatzlärm machten. Mindestens eines davon blieb über Nacht, am gestrigen Morgen war viel Streitens und Weinens. Die große Baustelle am Eck ging wieder um acht in Betrieb, doch der markerschütternde Baulärm mit Bohren und sonstigem Kaputtmachen kam direkt aus dem Nebenhaus auf der anderen Seite, an dem ein Baugerüst hängt. Noch fühlte ich mich nicht sehr gestört.

Das Spazieren führte mich erst durch den Ortsteil Seven Dials: Wenn ich schon gezielt eine Unterkunft darin gewählt hatte, sollte ich mich auch mal umsehen. Das bereitete Vergnügen: Viele kleine Läden, die Greek Bakery, an die Einheimische sofort bei Seven Dials denken (eigentlich eine Bäckerei plus Feinkostgeschäft), Pubs, Cafés.

Jetzt ging ich hinunter zum Meer und am Strand entlang bis ans Ende des (hervorragend ausgebauten) Wegs in Hove. Gestern sollte laut Vorhersage jetzt aber wirklich der letzte regenfreie Tag sein, ich bekam tatsächlich ein paar Regenspritzer ab.

Aus dem hölzernen Meeting Place war ein steinernes geworden.

Neue Scheußlichkeiten an der Strandpromenade.

Doch insgesamt wurde sehr deutlich, dass dieser Abschnitt bei Hove sich herausgeputzt hatte: Viel neue Gastronomie, viele neue Sportanlagen.

Am Ende des Wegs fiel mir schon von weitem ein Schild auf, das für “The Cheese Man” warb, eigentlich bereits im Industriegebiet.

Ich schaute in den kleinen Laden – und stieß zu meiner großen Freude auf ein Angebot an heimischem Käse. Gleich mal für daheim eingekauft.

Das setzte ich zurück in Brighton fort: In dem Weinladen an der Western Road, an den ich mich erinnerte, fragte ich nach heimischen Weinen, durch deren Weinberge ich beim Wandern gekommen war. Genau die hatten sie zwar nicht im Sortiment (Sekt von Wiston eigentlich schon, lediglich im Moment nicht), aber ich ließ mir Neues vom englischen Weinbau erzählen: Weiter hauptsächlich Schaumweine nach Méthode Champenoise, mit den dafür angebauten Pinot-noir-Trauben auch ein wenig Rotwein (sehr leicht), als Weißweintraube dominant Bacchus. Markterfolg bei Schaumweinen durchaus, andere heimische Weine seien vor allem zu teuer für große Akzeptanz (kann ich mir gut mit den kleinen Anbaugebieten und viel manueller, teurer Arbeit erklären). Als der freundliche Herr mir auch zwei Pinot gris vorstellte, schlug ich zu: Grauburgunder mag ich ja sehr gerne, ich freue mich auf einen Test daheim.

Mittagscappuccino am Norfolk Square, dann Rückweg hoch in die Ferienwohnung.

Immer wieder entdecke ich neue Gässchen und Durchgänge.

Kurz vor zwei gab es in der Ferienwohnung Frühstück: Birne, rote Paprika, Butterbrote. Den Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und Schreiben am Fenster. Und ich suchte mir einen Kinofilm aus: Das Odeon wird nämlich hinterm Baugerüst doch noch betrieben. Am späten Nachmittag spazierte ich zu einer Vorführung von The Roses mit Benedict Cumberbatch und Olivia Colman, Remake von The War of the Roses von 1989 mit Michael Douglas und Kathleen Turner.

Auffallend im Werbeblock: Einige Aufrufe zu Spenden für Organisationen, die aus deutscher Sicht staatliche Aufgaben übernehmen, zum Beispiel die Fort- und Weiterbildung von arbeitslosen Jugendlichen – wirklich eine andere gesellschaftliche Haltung hier, historisch bedingt.

Im Kino wurde ich gut unterhalten, wenn ich auch in dieser Version weder nachvollziehen konnte, was das zentrale Paar zusammengebracht hatte, noch warum sie später so gemein zueinander waren. Das ganze funktioniert nur auf der Basis einer ganzen Reihe von Prämissen zu romantischen Gefühlen, die ich für überholt gehalten hatte. Außerdem glaubte ich die Chemie zwischen Benedict Cumberbatch und Olivia Colman nicht, im Grunde war das gesamte Ensemble disparat – zum einen hinkte meiner Ansicht nach das Drehbuch (die Kinder? ernsthaft?), zum anderen könnte das an schlechter Regie liegen. Ich fürchte, der Film funktioniert einfach nicht.

Was immer funktioniert: Brightons West Pier. Als ich durchs Baugerüst nach draußen trat, empfing mich Abendrot in allen 70er Rosa-lila-blau-Tönen.


Und ein ungemein dekorativer Mond.

Nach atemlosen Fotografieren hielt ich inne und sah mich um: Einige Leute saßen tatsächlich einfach da und guckten, allein oder in kleinen Gruppen. Ohne Fotos zu machen. Verrückt.

Eine Weile machte ich es ihnen nach, sog die wundervolle Meeresluft ein (die immer noch etwas Sommerliches hatte).

Langes inneres Hin und Her, ob ich Essen gehen sollte (mit Alkohol, auf den ich große Lust hatte) oder eingekaufte Lebensmittel aufbrauchen. Es siegte die Aussicht auf die Süßigkeitenvorräte in der Ferienwohnung. Also gab es dort Linsenrest, Käserest, Paprika-Hummus. Und dann Apple Pies sowie Schokolade.

§

Selbstverständlich sind nach Katastrophen Menschenleben das wichtigste. Doch auch Kulturgüter sollen überleben, dafür gibt es, lernte ich gestern, ehrenamtliche Kulturgutretter*innen. Ein Artikel in der Süddeutschen über das Training dafür (€):
“‘Wenn wir nichts machen, macht es keiner'”.

§

Deutschlehrer @herr_rau hatte eine Unterrichtsidee – und unser gutes, altes, rosenduftendes Internet spielte begeistert mit (ich glaube, das wird den Schüler*innen am schwierigsten zu erklären sein: dass es auch heute noch Bereiche der social media gibt, in denen nicht vermarktet wird, nicht Content-Produzierende auf der einen Seite, -Konsumierende auf der anderen – sondern Leute, die miteinander Spaß haben).

So ging es los (die Vorschläge hinter dem Link oben):

Lieblings-Breviloquia* September 2025

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Auch diesmal am letzten Tag des Monats vergessen und nachgeholt – wobei ich eh das Gefühl hatte, im September erst wegen Arbeitsdruck, dann wegen Reise viel verpasst zu haben.

Mastodon-Ausbeute:

Einer von Bluesky:

*siehe

Journal Dienstag, 30. September 2025 – Brighton mit Undercliff Walk und Food for friends

Mittwoch, 1. Oktober 2025

Wieder gut geschlafen, wieder zu einem herrlich sonnigen Tag aufgestanden.

Am Vortag hatte ich den Feierabend der 50 Meter entfernten Baustelle um fünf mitbekommen, jetzt lernte ich den Beginn des Betriebs: acht Uhr. Zum Glück, auch das lernte ich, bedeutete Betrieb keineswegs nur Wummerlärm; nach einigem Startwummern mit wackelnden Wänden blieb es ruhig.

Tagesplan 1: Laufrunde den Undercliff Walk entlang. Da ich diesmal recht weit weg von der Strandpromenade wohne, musste ich erstmal entscheiden, an welchen Punkt ich zum Starten spazierte.

In der Wohnung war mir so kalt gewesen, dass ich zum Laufen fast eine Jacke mitgenommen hätte. Doch draußen merkte ich in der Sonne sofort, dass kurze Ärmel richtig waren – unterwegs wünschte ich mir sogar kurze Hosen (Ende September in England!). Zudem halten hier die Bäume noch recht konsequent am Grün fest – wer hätte gedacht, dass ich ausgerechnet in England Herbst-Aufschub bekommen würde?

Übrigens werden hier (Brighton und davor auf dem South Downs Way) beim Joggen ähnlich viele Laufwesten getragen wie in München – ich hätte die Leute, die nach schlichter Morgenjoggingrunde aussahen, gerne gefragt, was sie darin um Himmels Willen alles transportierten (Wohnungs-/Autoschlüssel passt ja in kleine Hosentasche). Aber die Läufer*innen und Wandersleute der vergangenen neun Tage waren hier stoffliger als in München und auf Wanderungen in Bayern: Mein Gruß oder Lächeln wurde in der Hälfte aller Fälle nicht erwidert.

Das Royal Albion sieht schlimm aus: In dem 200 Jahre alten Gebäude hatte es kurz nach unserem jüngsten Brighton-Urlaub vor zwei Jahren gebrannt, noch ist offen, ob überhaupt etwas erhalten werden kann.

Fühlte sich ein bisschen wie Heimkommen an.

Kurz vor Rottingdean.

Das hier kannte ich noch nicht (kurz vor Marina) – ich erinnerte mich aber vage an Renovierungsarbeiten vor zwei Jahren. So ist das halt jedesmal: Mindestens eine Ecke ist kaputt, mindestens eine andere wird gerade hergerichtet, weitere sind schick und frisch erneuert.

Ich kam an der Schwimmmöglichkeit Sea Lanes vorbei (welch bezaubernder Name, der hier nicht nur Schwimmbahnen bezeichnet, sondern sich an The Lanes anlehnt, die winzigen ältesten Gässchen von Brighton), für die ich Badeanzug, Bademütze und Schwimmbrille dabei habe. Ab jetzt war ich SO aufgeregt, ob das am nächsten Tag klappen würde (Wetter, Überwindung wegen Fremdelns etc.). Auf der zugehörigen Website hatte ich schon einiges herausgefunden, unter anderem eine Wassertemperatur, die mit 19 Grad ein paar Grad unter der liegt, die mich nach spätestens 1.500 Metern zum Frieren bringt.

Was mich in Reflexionen brachte: FOMO (fear of missing out, also Angst, etwas zu verpassen) kenne ich ja nicht. Meine Motivation ist oft fear of regret, also Angst, dass ich mich später darüber ärgere, etwas nicht gemacht zu haben. Oder überhaupt die Befürchtung, mich rückblickend zu ärgern. Das führt zum Beispiel zu sorgfältiger Planung von fast allem, denn ich möchte mich nicht ärgern, weil ich etwas vergessen oder übersehen habe.

So frage ich mich auch nie, was ich eigentlich gerade will (woher soll ich das wissen?!). Statt dessen versuche ich mir vorzustellen, die Erinnerung woran, die Rückschau worüber mir Freude bereiten wird. Ich behaupte mal, dass ich damit vielleicht nicht die Mehrheit, aber sicher nicht allein bin.

Die Renovierung des Madeira Drive ist offensichtlich im Gang; bei den letzten beiden Brighton-Besuchen hatte ich die Kampagnen mitbekommen, dafür Spendengelder einzusammeln.

Die Bewegung, die Luft, das Licht, die Anblicke hatten mich richtig euphorisiert. Doch ich lief mit den alten Laufschuhen (ich hatte sie statt der neuen mitgenommen, um sie in der Ferne wegzuwerfen) – und schon hatte ich im letzten Drittel wieder die Fußschmerzen, die ich dank der neuen Schuhe mit Ultra-Hightech-Federung hinter mir gelassen hatte. Ich humpelte den Rest des Tages – und fand abends beim Ausziehen heraus, dass sich zwischen linkem Fußballen und Zehen direkt unter der Prinzessinnenzehe eine große Blase gebildet hatte, ganz sicher wieder ohne drückendes Hindernis, wieder einfach als Sonderpolster (erzählt mir nichts von “ungewohnter Druck” – Joggen und Gehen sollten meine Füße wirklich gewohnt sein und sich nicht so anstellen).

In der jetzt sonnenwarmen Wohnung trank ich viel Wasser, ging dann unter die Dusche. Um die Ecke gab’s einen Mittagscappuccino, der auch in diesem kleinen Speciality Café (mit Regalen voll para-medizinischen Heilmitteln) als Milchkaffee ausgeschenkt wurde (das Angebot, ihn durch “mushrooms” zu ergänzen, lehnte ich ab) (what?).

Tagesplan 2: Spätes Mittagessen im Brightoner Lieblingsrestaurant Food for Friends. Kurz vor zwei, so mein Kalkül, würde ich auch ohne Reservierung problemlos Tisch und Essen bekommen. Ich lag richtig und wurde am schönsten und sichtbarsten Tisch in der Spitze des Gebäudes platziert (mein Scherz, ob ich auch hübsch genug dafür sei, starb elendiglich).

Dann gab es wieder köstliches Essen, das wie immer zur Verwunderung führte, warum ich diese hervorragenden, liebevollen Teller, halt ohne Fleisch oder Fisch, nur hier bekomme. Sehen Sie sich einfach mal die Speisekarte an – das kann doch nicht so schwer sein?

Zur Vorspeise Crispy Tofu: “Tamari marinated tofu with a chilli and ginger sauce”. Ganz wundervoll, ich mag guten Tofu wirklich. (Weiß aber, wie grässlich schlechter ist.)

Hauptgericht gefüllt Champignons: “Oven-roasted Portobello mushroom filled with sautéed spinach, served with broccolini, fine beans, and a golden potato gratinate. Finished with a creamy garlic sauce, crispy capers and sun-dried tomato for a rich, savoury finish”. Hervorragend.

Spaziergang zurück übers Kino Odeon, ich wollte nach dem Programm sehen.

Oder auch nicht, das Gebäude wird einmal komplett durchrenoviert.

Also (nicht ungern) Nachmittag mit Lesen am Fenster und auf dem Sofa, eine Runde Yoga-Gymnastik.

Zum Nachtmahl gab es Apfel, restlichen Linsensalat, Brot mit Butter, eingeweichte Trockenpflaumen, sehr reichlich Schokolade/Süßigkeiten. Das war insgesamt zu viel.

§

Aufwändige und lesenswerte Recherche von Reiner Wandler für die taz über die diesjährigen Waldbrände in Nordspanien: Warum Viehhaltung Brände verhindern kann, welche Rolle die Landflucht in Spanien spielt – und zum Beispiel war mir neu, wie viel Land in Galicien Almende ist, also Gemeinschaftsbesitz.
“Aufgestanden aus der Asche”.

§

Ich werd’s ja nicht gucken, weil a) TV-Serie, b) Bezahlkanal, freue mich aber dennoch sehr über den Anblick von Emma Thompsons wunderschönem Faltengesicht. (Vielleicht, vielleicht, vielleicht kapiert die Filmindustrie, dass solche Gesichter spannender sind, als die Landschaft aus ewig glattgespritzten/-operierten? Wirklich junge Gesichter wachsen ja nach für die entsprechenden Rollen.)

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https://youtu.be/0unUwpCfRg0?si=Fy6Q825bJh7wGKlC

Emma Thompson scheint sich ohnehin gerade auf Action-Rollen zu stürzen: Was ich sicher auch nicht sehen werde, aber in diesem Fall, weil ich solche Filme nicht vertrage:

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https://youtu.be/klGRM4Qs-gk?si=PpWtzb3j50CRcxXB

§

Die britische Kultur stirbt aus.
Na gut: Die Esskultur.
Na guter: Die süßen puddings, was hier nicht etwa das Dr.-Oetker-Packerl ist, das mit Milch und Zucker aufgekocht wird, sondern etwas in Dampf und heißem Wasser Gegartes. Auch hier tut der Guardian seine Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen: Tim Dowling berichtet nicht nur, sondern kocht sie.
“Steam, stodge – and so much suet: I made 10 endangered British puddings. Are any actually worth saving?”

Falls Sie deutsche Vorurteile gegenüber britischer Küche bestätigt haben wollen: Bitteschön.