Archive for 2025

Journal Mittwoch, 13. August 2025 – Letzte Lerche

Donnerstag, 14. August 2025

Saufrüher Wecker für den letzten Lerchenlauf der Saison: Nächste Woche, in der es bei wolkenlosem Wetter noch hell genug sein könnte, geht nicht wegen Besuch und Urlaubsvorbereitungen, und nach der Woche Wien-Urlaub ist es ganz sicher zu dunkel.

Gestern bekam ich noch reichlich geboten in milder und nur wenig morgenkühler Luft. Das Laufen fiel mir leicht, meine Gedanken flossen.

Erst nach fast der Hälfte meiner Runde schaffte es die Sonne über die Baumwipfel.

Der Abgasgestank von Verbrennungsmotoren stört mich im Stadtverkehr immer mehr; gestern kam ich auf den letzten hundert Metern um die Lindwurmstraße mit Luftanhalten kaum mehr hinterher. Ich als Atmerin bin sehr für ein Aussperren von Verbrennungsmotoren aus der Innenstadt. Pauschal alle. Wenn Parkgebühren Ländersache sind – könnte die CSU ihre erprobte Verbotskompetenz nicht auch hier ausleben?

Daheim zackige Säuberung und Pflege, Ersteinsatz heuer dieses Sommerkleids.

Für den Weg ins Büro nutzte ich wieder U-Bahn-Beschleunigung ab Theresienwiese.

Mein Hüftgürtel samt LWS nahmen mir die Laufrunde am Morgen allerdings ein bisschen übel und schmerzten den Rest des Tages (höhenverstellbarer Schreibtisch FTW).

Mittagscappuccino im Westend, jetzt war mir die Hitze in der Sonne bereits deutlich unangenehm.

Später gab es zu Mittag Kimchi (aus Ernteanteil-Chinakohl, von Herrn Kaltmamsell zubereitet), Bananen, eine Hand voll Nüsse, Mirabellen.

Emsiger Nachmittag, Beweis: Es war bereits kurz vor vier, als ich Gelegenheit zur Lektüre von Maximilian Buddenbohms morgend/tlichen1 Blogpost hatte.

Den Heimweg ging ich langsam, es war heiß. Durch die Gemächlichkeit kam ich ohne Überhitzung an, konnte recht direkt eine Rund Pilates antreten.

Als Vorspeise buk Herr Kaltmamsell den reichlichen Salbei aus Ernteanteil in Teig aus, dann gab es auf Bestellung eines meiner Lieblingsgerichte: Glasnudelsalat nach Jamie Oliver mit Soja-Hack und Garnelen (und viel Limettensaft).

Wieder brauchte ich einige Disziplin, um micht nicht zu überfressen.

Nachtisch Schokolade.

Im Bett las ich mit Vergnügen Nettle an Bone von T. Kingfisher aus, eine runde Sache.

§

In den Medien häufen sich Artikel, wie sich vor allem Städte in Deutschland auf die steigenden Temperaturen des Klimawandels einstellen sollten – doch es passiert wenig. Frankreich hat bereits nach dem Hitzesommer 2003 damit begonnen, Sophie Fichtner schreibt in der taz:
“Liberté, Egalité, Hitzevorsorgé”.

§

Eine ausführliche Recherche von Marcin Wichary über die Schriftart, die Sie und ich vermutlich am allerhäufigsten anschauen – ohne uns dessen bewusst zu sein: die Buchstaben auf Tastaturen. Sie heißt (wenn man ihr überhaupt einen Namen gibt) Gorton.
“The hardest working font in Manhattan”.

via @daszeiserl

Sehr ausführlich und über viele Jahre ging er unter anderem der Frage nach: Wie kommt es zu den ganz besonderen Eigenschaften (wenn man sie einmal erkannt hat) dieser Zeichen?

At one point someone explained to me Gorton must have been a routing font, meant to be carved out by a milling machine rather than painted on top or impressed with an inked press.

Und es stellt sich heraus, dass sie sehr alt sind.

  1. Die Schreibung werde ich mir nie merken können, ich nehme ab jetzt beides. []

Journal Dienstag, 12. August 2025 – #12von12 mit Sommer

Mittwoch, 13. August 2025

Am 12. des Monats gibt es das Spiel, den Tag mit 12 Fotos zu erzählen. Gesammelt werden die Geschichten von “Draußen nur Kännchen” hier.

Der Morgen war so frisch, dass ich für meinen Balkonkaffee in eine Strickjacke schlüpfte.

1 von 12 – Balkonkaffee.

Beim Finalisieren des Blogposts schreckte ich hoch von einem lauten, langen Vogelschrei, ähnlich einer Möwe. Doch im Blick hatte ich einen Falken, der gerade aufs Dach des Nebengebäudes flog. Kann ein Falke fast wie eine Möwe schreien?

2 von 12 – Sommerkleidung.

Irgendwann in den vorherigen 24 Stunden hatte mich eine Mücke erwischt und herzhaft in den Rücken gestochen. Der Riemen meines Handybands lief genau drüber.

Auf dem Weg in die Arbeit sorgte die wolkenlose Sonne dafür, dass mir die kalten Zehen in den Sandalen nichts ausmachten.

3 von 12 – Sommerliche Nussbaumstraße, leergefegt wie immer in den mittleren beiden Augustwochen.

4 von 12 – Wackeres Blümelein im Gehweg der Lessingstraße.

5 von 12 – Idiotensymptom an der Pettenkoferstraße.

Am Schreibtisch gereiztes Wegarbeiten unter Augenrollen: Die Welt weigerte sich schon wieder, so zu sein, wie ich sie (zu unser aller Bestem!!!) gerne gehabt hätte. Ibu gegen Ärger-Kopfweh noch vor zehn.

Mittagscappuccino im Westend – erstmal ausgebremst: Mein angesteuertes Ziel machte Sommerpause. Ich ging ein paar Schritte weiter zu einem Dean & David.

6 von 12 – Vollautomat (die verräterischen zwei dunklen Punkte im Milchschaum) statt Siebträger, schmeckte dann auch nach Automatenkaffee.

Jetzt waren die Temperaturen in der Sonne wirklich hochsommerlich, im Schatten mit dem gestrigen Wind aber weiterhin auf der angenehmen Seite.

Zu Mittag gab es später Banane, Hüttekäse, Mirabellen (sehr gut – und ich schaffte, vor Ende des halben Kilos aufzuhören).

7 von 12 – Zweites Treppentraining des Tages. Wer genau hinsieht, erkennt die Bauarbeiten am S-Bahnhof Heimeranplatz, die natürlich zu Umstellungen beim Umsteigen führen. Eigentlich sehr gut ausgeschildert, doch jeden Tag sammle ich wieder Verirrte ein und drehe sie in die richtige Richtung.

Am Nachmittag war ich für die Arbeit viel unterwegs durch die verschiedenen Temperaturzonen des Bürohauses; am angenehmsten kühl war es im Atrium, zu dem die Tür meines Büros aufgeht -> ich ließ sie offen.

Nach Feierabend marschierte ich über nur einen kurzen Einkaufsstopp heim (Feigen, Auberginencreme, Dahlien). Ich brachte die Dahlien ins Wasser, packte Tischdecke und Geschirr ein. Herr Kaltmamsell hatte bereits das Abendessen im Rucksack, zusammen radelten wir durch die Isarauen zum Flaucher-Biergarten.

8 von 12 – Das Essen in diesem Biergarten hatte mich bei den Versuchen vergangenes Jahr traurig gemacht, das hatte wir also mitgebracht. Dazu holte ich zwei Radlerhalbe und eine Riesenbreze.

Für Nicht-Bayer*innen: Das ist der Kern der hiesigen Biergartenkultur, historisch bedingt, dass man die Speisen mitbringen darf – urspünglich sogar musste. Hier ein wenig Hintergrund.

9 von 12 – Es gab Tomaten, Obatzten und Liptauer (hatte ich mal gegeneinander verkosten wollen – zu meiner Überraschung schmeckte mir der Liptauer sogar besser), die Auberginencreme, die sich als so kräuterlastig herausstellte, dass die Aubergine verschwand (aber super!).

10 von 12 – So sah das auf dem Teller aus: Gutes Abendessen in wundervollem Abendlicht.

11 von 12 – Zum Abschied vergoldete die Abendsonne die Baumwipfel. Den Flaucher-Biergarten mag ich unter anderem deshalb gern, weil man ihn nicht mit dem Auto erreicht, nur zu Fuß (U-Bahnhof Thalkirchen 10 Minuten entfernt) oder mit dem Radl.

Daheim gab es zum Nachtisch noch Eiscreme.

12 von 12 – Die schönen Dahlien freuten mich sehr – ich sollte sie nicht die letzten sein lassen.

§

Michael McIntyre’s Midnight Gameshow.

via @klugscheisser

WEHE! die Ferienwohnung in Brighton hat kein echtes, lineares Boomer-Fernsehen mehr! Das einzige, was mich über den Brexit minimal hinwegtröstet, ist britisches Fernsehen.

Journal Montag, 11. August 2025 – Mehr Sommerfrische

Dienstag, 12. August 2025

Etwas zerstückelte Nacht, und ich stand auf mit ausgesprochenem Widerwillen, in die Arbeit zu gehen. Zumindest hatte mir das mehrmalige Aufwachen in der Nacht die Chance verschafft, durch gründliches Fenster- und Türenöffnen kühle Nachtluft durch die Wohnung wehen zu lassen; beim Aufstehen war es draußen kälter als erwartet.

Morgenkaffee dennoch auf dem Balkon (so lang es geht!), diesmal zur Abwechslung auf dem Küchenbalkon.

Erfrischender Marsch ins Büro, dort gesteigerte Emsigkeit, weil halt Arbeitsleben und meine Jobbeschreibung. (Tiefe Verbindung zu Frau Brüllens Arbeitsschilderungen, als man sich pressierig mit der Suche nach Hintergrundinformationen an mich wandte, und ich diese zwar nicht auswendig wusste, aber auf der Basis meiner Erinnerung und sorgfältiger Ablage mit zwei Handgriffen nachschlagen und liefern konnte. Inklusive zweier Dokumente zum Hintergrund des Hintergrunds, den ich damals halt wissen wollte und ohne Auftrag recherchiert sowie abgelegt hatte.)

Schneller Mittagscappuccino bei Nachbars, dafür später noch auf eine Einkaufsrunde. Die Temperatur immer noch angenehm, zumal ein kühler Wind wehte. Dennoch stimmungsgebeutelt.

Zu Mittag gab es eine Banane, eine Kiwi, außerdem Mango mit Sojajoghurt.

Am Nachmittag noch einige Querschüsse aufgefangen, immer wieder hob ich den Blick in den wundervollen Sonnentag. Heimweg über Einkäufe im Vollcorner, keine Spur der angekündigten “Hitzewelle” (die ohnehin schon am Donnerstag enden soll, also eher Hitzeplätschern), es war sonnig und warm mit schönem Wind – perfektes Sommerwetter für meinen Geschmack.

Zu Hause traf ich Herrn Kaltmamsell lesend auf dem Balkon an, er stand ihm gut. Parallel kümmerte er sich ums Nachtmahl. Nach meiner Einheit Pilates (diesmal im Zentrum Mobilisierung, tat sehr gut) servierte er den Kopf Stangensellerie aus Ernteanteil als Congee, also herzhaften Reisbrei.

Dazu traditionell verschiedene Toppings: Frittierte Zwiebeln, gebratener Knoblauch, eingelegte Pilze, geröstete Mandelblätter mit Thymian, eingelegter Sellerie – letzterer mein Favorit, weil sehr überraschend aromatisch. Nachtisch Schokolade. Dazu Abstimmung mit Herrn Kaltmamsell, wie wir die kostbaren Sommersonnentage noch auskosten. (Heute: Biergarten.)

Wie schon am Sonntagabend wurde der Abend schnell kühl, ich konnte beruhigt Fenster und Balkontüren öffnen.

Mehr Lektüre von Nettle and Bones, gut gemachte Unterhaltungsliteratur ist einfach ein Genuss. Ich lese mit großem Vergnügen in einer Zauberwelt herum und freue mich an dem größten Zauber: dass schlichte Buchstaben Welten hervorbringen können.

§

Spanien überrascht mich immer wieder. Jetzt zum Beispiel mit dem Umstand, dass in keinem Land die Bereitschaft zur Organspende so hoch ist. Patrick Illinger ist dem für die Süddeutsche nachgegangen (€):
“Warum Spanier so viele Organe spenden”.

Bei dieser Gelegenheit: Wenn Sie eigentlich organspendewillig sind, aber keinen Organspendeausweis bei sich tragen, geben Sie sich doch einen Ruck. Hier können Sie einen Organspendeausweise online ausfüllen oder bestellen (nimmt wirklich nicht viel Raum im Geldbeutel ein), und hier ist der Link zum Organspende-Register, mit dem Sie das absichern können.

Journal Sonntag, 10. August 2025 – Laufen und Schwimmen an einem Sonnensonntag

Montag, 11. August 2025

Wieder reichlich und guter Schlaf, wieder Balkonkaffee an einem frischen Sommermorgen.

Gestern auch Balkontee.

Zu meinem geplanten Isarlauf brach ich nur wenig früher als im Durchschnitt auf, ich radelte zum Friedensengel. Unterwegs sah ich (möglicherweise zum ersten Mal) einen richtigen, wunderschönen Sonnenschirm in alltäglicher Verwendung: Weiße Häkelspitze beschattete eine Frau beim Spazierengehen.

Jetzt war es durchaus schon wärmer, als ich es ideal gern gehabt hätte, aber ich mied die Sonne und wurde immer wieder durch leichten Wind gekühlt. Die gut 100 Minuten lief ich leicht und freute mich durch und durch an den Sommerfarben.

Sagen Sie: Diese Westen/Rucksäcke, die ich seit ein paar wenigen Jahren an Jogger*innen sehe – ist das die aktuelle Lösung für Wassertransport beim Laufen? Heute sah ich zum ersten Mal jemanden damit, die an einem Schlauch saugte, der oben vorne aus ihrer Weste kam.

Ich mag diese schmalen, gut gedämpften Wege direkt am Isarufer sehr, allerdings gestern beeinträchtigt vom Bewusstsein, dass dieser ein Zeckensommer ist und die Viecher genau hier lauern. (Nix mitgenommen.)

Zu Hause duschte ich nur kurz, packte dann meinen Sportrucksack mit Freibad-Dingen: Ich hatte mit Herrn Kaltmamsell einen Besuch des Einzelbads1 vereinbart. Wir radelten auf der schattigen West-Seite der Isar dorthin, breiteten unsere Handtücher auf dem Platz aus, den ich vor Jahren als “unseren” beschlossen habe. (Erstaunlich, wie wenig flexibel ich darin bin: Auch im Dante- oder Schyrenbad käme ich nie auf die Idee, mich an einem anderen als dem anfangs als ideal bestimmten niederzulassen. Ich führe das auf meine Baggersee-Kindheit zurück, in der es selbstverständlich nur die eine Stelle am Ufer gab, an der die Familie ihre Badetage verbrachte, legendäre Geschichten erzählend, wo man einst an völlig anderer Stelle mit welcher Freundin lag.)

Zweimal ließ ich mich den eisigen Isarkanal heruntertreiben (mit ein wenig Gegenschwimmen), zwischen sehr viel anderem Badevolk (voller als einem heißen, sonnigen Augustsonntag wird ein Münchner Freibad wohl nicht), trocknete und döste dazwischen in der Sonne. Frühstück um halb zwei: Gurke, Hüttenkäse, Schrumpelpfirsiche, Renekloden.

Nach zwei Stunden waren wir durch mit Freibad – die Zeiten, in denen mir ein Hitze-Tag im Freibad oder am See erstrebenswerter schien als einer in der kühlen Wohnung oder auf dem bequemen Balkon, sind wohl rum. Aber solche Ausflüge mag ich, und der Kanal im Einzelbad ist einfach unvergleichlich.

Daheim reinigte ich mich jetzt gründlich. Die Pilates-Einheit diesmal ungestört, sie tat gut.

Die beiden Kohlrabis aus Ernteanteil verarbeitete Herr Kaltmamsell zu einem köstlichen Pastagericht mit Pesto (Basilikum aus Ernteanteil der Vorwoche). Nachtisch Vanillepudding mit Zwetschgenröster, Schokolade.

Eine weitere Folge Mad Men, früh ins Bett zum Lesen: Nettle and Bones macht sich sehr gut, diese Prinzessin-in-magischer-Welt-schwimmt-sich-frei-Geschichte ist so erzählt, dass sie sogar mich Fantasy-Allergikerin anspricht – man kann halt in jedem Genre gut und schlecht schreiben (eine Besprechung auf Goodreads hat mich draufgebracht, glaube ich).

§

“Vom Verschwinden des 10. August”.

Vor 50 Jahren jagten mehrere hundert Menschen algerische Vertragsarbeiter durch Erfurt – doch aus dem öffentlichen Bewusstsein ist das wie ausradiert. Was erzählen die Männer, die sich damals wehrten?

Was? Wie? Natürlich hatte auch ich nie davon gehört.

§

Was macht eine türkische Rhythmusmaschine aus den 70ern in ihrer Freizeit? (Nein, die kann keinen Lambada.)

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/58H5_tTRs4Y?si=vdFu7MQEW9g2lJ56

via @giardino

Was mir erst gestern bewusst wurde: Wie lang und laut die Glocken der evangelischen Kirche St. Matthäus an einem Sonntag zwischen 7:30 und 8:30 läuten, zusammen sicher mehr als 20 Minuten. Ich saß nämlich auf dem Balkon, als ich dieses spannende YouTube-Stück ansah – und musste jeweils so lange unterbrechen, den um über die Glocken irgendwas zu verstehen, hätte ich brutal laut stellen müssen.

  1. Naturbad Maria Einsiedel – seit hier in den Kommentaren jemand erzählte, dass die Kinder daraus “Einzelbad” machten, haben wir das übernommen. []

Journal Samstag, 9. August 2025 – Jenny Erpenbeck, Heimsuchung

Sonntag, 10. August 2025

BEVOR MIR NOCH MEHR ALS DIE BISHERIGEN FÜNF ERST-KOMMENTATOR*INNEN DEN TIPP GEBEN, DASS MAN KI-ERGEBNISSE BEI GOOGLE MIT “-AI” AUSSCHALTEN KANN: DAS HATTE ICH BEREITS VOR WOCHEN HIER IM BLOG EMPFOHLEN. VERSUCHEN SIE BITTE HINZUNEHMEN, DASS ICH EINFACH DAS PHÄNOMEN KI-BLINDNESS BESCHRIEB. SIE SCHAFFEN DAS.
(*macht Fettung rückgängig*)

§

Jenny Erpenbeck, Heimsuchung von 2008.

Ein Stück Land im Osten Deutschlands und sein Schicksal im 20. Jahrhundert, inklusive Vorgeschichte, inklusive beteiligten Menschen, inklusive seiner Bearbeitung und Bebauung, vor allem mit einem markanten Haus – so die geniale Grundidee für diesen Roman. Und dann der geniale Titel, der die großen Themen vorgibt: Heimsuchung sowohl aus Gesuchten-, als auch aus Heimsuchenden-Perspektive, dazu das grundmenschliche Suchen eines Heims.

Erzählt wird chronologisch in Kapiteln um je eine Protagonistin, einen Protagonisten. Die historischen Ereignisse im Osten Deutschlands des 20. Jahrhunderts stehen mal angedeutet im Hintergrund, mal weit vorne. Wir erfahren die Geschichte der einstigen Besitzerin dieses Grundstücks am See, dann die des Architekten, der es mit einem sehr besonderen Haus bebaut, ganz nach den kreativen Wünschen seiner deutlich jüngeren Frau. Diese Frau steht im Mittelpunkt eines Kapitels, das die Einladungen und Feste dieses Paars in den 1930ern schildert, ich war sofort drin. Auch das Haus samt seinem sich wandelnden Garten und Ufer wird im Fortlauf der Erzählung immer deutlicher und lebendiger.

Immer wieder war ich sehr angerührt, am meisten von dem Kapitel “Die Besucherin”, das die Gedanken einer alten Frau wiedergibt, Flüchtling, die sich unter anderem ums Fremdsein drehen.

Nur eine Figur kehrt als Kapitelzentrum immer wieder: Der Gärtner, der dadurch immer mehr eine mythologische Figur wird. Als ich mich schon fragte, ob er wohl nie alterte, brach er sich ein Bein und wurde fast schlagartig ein alter Mann.

Die Sprache ist vordergründig einfach. Viele Kapitel enthalten Wortschleifen, sich wiederholende Formulierungen – doch die haben in jedem Kapitel eine andere Funktion: mal imitieren sie Rituale und Gewohnheiten, mal spiegeln sie realistsch Gedankenschleifen, mal lesen sie sich formelhaft und Litanei-artig wie alte Epen.

Immer wieder wechseln die Kapitel fein ihre Erzählmittel, immer aber in Begleitung einer starken impliziten Erzählstimme bei personaler Perspektive. Nur den Gärtner lernen wir nie von innen kennen, konsequenterweise verschwindet er auch irgendwann einfach.

Ich fände interessant, den Interpretationsansatz durchzuspielen, ob wir Deutschen nicht vielleicht gesamt seit der zivilisatorischen Komplettkatastrophe des Dritten Reichs auf der Suche nach einem Heim sind – geografisch (Reisenation Nr. 1), in unserer Zusammensetzung mit vielen Migrant*innen aus unterschiedlichsten Beweggründen, in unserer Selbstdefinition. (Gut möglich, dass das Ergbenis ist: Nee, funktioniert nicht.)

Heimsuchung ist seit 2024 Pflichtlektüre in der gymnasialen Oberstufe (in allen Bundesländern, die am länderübergreifenden Abitur teilnehmen). Ich halte den Roman für ausgesprochen geeignet dafür – doch da in Deutschland unverhandelbar gesetzt ist, dass man jedes literarische Werk hasst, das man in der Schule lesen musste, bedaure ich das auch.

§

Neun Stunden guter Nachtschlaf, ein wertvolles Geschenk. Draußen der angekündigte Sommermorgen, noch recht frisch. Die nassen Wochen davor waren so kalt, dass ich mich jetzt energisch ermahnen musste, die aufziehende Hitze mit Rollladen und geschlossenen Fenstern auszusperren, noch löste sie in erster Line wohliges Schnurren aus.

Balkonkaffee! Mit wiedererwachender Hakenlilie und Miniermotten-zerfressenen Kastanien.

Als ich nach Bloggen mit Milchkaffee, Wasserfiltertausch, Kanne Schwarztee, Aufhängen frisch gewaschene Bettwäsche, Morgentoilette spezial fertig war für meine Schwimmrunde im Dantebad, entschied ich mich für Öffis statt Rad: Mittlerweile fürchte ich mich richtig vor den losplärrenden Martinshörnern im Stadtverkehr (zur Sicherheit: Das Problem bin ich, irgendeine Verdrahtung ist in meinem Gehör verrutscht, so heftig reagiert sonst fast niemand darauf; ich kenne nur eine Person, die Ähnliches beschreibt – und das interessanterweise auf Wechseljahre zurückführt), die mich bis ins Mark erschrecken, vom Rad fegen, ruckartig Ohren zuhalten und aufschreien lassen.

Ausgang U-Bahnhof Westfriedhof.

Sehr angenehmes Schwimmen, alle vertrugen sich auf der Bahn, ich fühlte mich stark und zog 3.300 Meter schmerzfrei durch.

Nach Abbrausen, Bikiniwechsel, neu Sonnencremen legte ich mich auf die jetzt wieder saftig grüne Liegewiese. Allerdings ohne Musik auf den Ohren: Meine Kopfhörer zeigten wieder den Trick Spontanentladung-nach-Aufladen-über Nacht. Machte nichts. Zum einen wollte ich eh nicht zu lange in der Sonne bleiben, zum anderen lauschte ich dösend in leisem Wind den Gesprächen um mich herum. Und erfuhr: dass weiter in Torremolinos Urlaub gemacht wird / dass unter manchen jungen Frauen die Tiefe der Bräune noch als Qualitätskriterium eines Urlaubs gilt wie in den 1980ern / dass hispano-hablante Müncher*innen vom Dantebad “en pleno invierno”, also mitten im Winter schwärmen.

Heimfahrt über Semmelkauf, das Thermometer der Marien-Apotheke am Sendlinger Torplatz zeigte im Schatten deutlich über 30 Grad an.

Kurz vor drei gab es als Frühstück eine Dinkelseele mit Butter und Tomate, eine Körnersemmel mit Butter und Hagebuttenmark, Schrumpelpfirsiche (Trocknen statt Nachreifen, es bleibt Glücksspiel).

Herr Kaltmamsell kam seiner erbetenen Pflicht nach, mich an zwei Dinge zu erinnern: Tischreservierung in der Wiener Meierei Ende August (check), ETA für Wanderurlaub in England. Mein erster ETA-Versuch (Electronic Travel Authorisation, nicht etwa Euskadi Ta Askatasuna) war am Scan meines Ausweises gescheitert, diesmal nahm ich wie angewiesen (LESEN!) meinen Reisepass. Fisselig war hier das Einlesen des Chips im Reisepass, nach sechs Versuchen schaffte ich gemeinsam mit Herrn Kaltmamsell auch das. Antrag durchgestanden (Bayern-ID härtet ab), die ETA bekam ich innerhalb von Sekunden per Mail. Und brauche jetzt nichts weiter als meinen Reisepass, alles andere ist laut dieser Mail hinterlegt. In der auch stand “To help us improve the ETA application process, tell us what you thought at: $URL”
“Bloody idiots! You Brexit morons!”, wäre ehrlich, aber unhöflich gewesen und hätte vermutlich nicht als konstruktives Feedback gegolten.

Nachmittag in der angenehm kühlen Wohnung (ab jetzt ist das Hitze-Aussperren wieder organisch – allerdings klemmt seit gestern der Rolladen von Herrn Kaltmamsells Zimmer nach Westen; ich befürchte ein schlimmes Hitze-Einfallstor) mit Zeitunglesen. Besonder gut gefielen mir das Buch zwei über eine Reisegruppe, die in Berlin ihre Bundestagsabgeordnete besucht (“‘Huhu, wie is et?'” – €) und auf der Medienseite das Interview mit ARD-Vorsitzendem Florian Hager über ein Thema, das auch mich seit einigen Jahren umtreibt: Wie die Öffentlich-rechtlichen Medien ihrem Auftrag in einer sich existenziell verändernden Medienwelt nachkommen können (auf der re:publica schon lange eine Dauerbrenner) – “‘Was wir sehen, ist das Ende der Massenmedien'” (€).

Als Zwischenspiel vor dem nächsten 30-Tage-Programm Yoga begann ich wieder eine Pilates-Woche – die gestrige Folge leider beeinträchtigt durch Kreislauf-Turbulenzen inklusive Schweißausbruch.

Besoners köstliches Nachtmahl: Herr Kaltmamsell seriverte die Ernteanteil-Zucchini auf Ricotta mit Haselnüssen. Dazu tranken wir Gin Tonics. Nachtisch Schokolade.

Im Bett die nächste Lektüre: T. Kingfisher, Nettle and Bone – was komplett Anderes, eine nicht-realistische Geschichte in einer magischen Welt.

Journal Freitag, 8. August 2025 – Sommerlicher Wochenabschluss

Samstag, 9. August 2025

Unruhige Nacht – wie vorhergesehen. Die Stunde vor Weckerklingeln war nur noch Dösen drin, ich stand völlig benommen auf. Anders als gewohnt legte sich diese Benommenheit nicht, selbst auf meinem Marsch in die Arbeit durch Sonne und herrlich frische Sommermorgendüfte torkelte ich fast, richtig verkatert inklusive brennenden Augen (kein Tropfen Alkohol seit Sonntag). Die Luft war aber eindeutig auf der gekippte Seite des Sommers und enthielt Alterungsnoten.

Zum Glück schaffte ich am Schreibtisch genug Zusammenreißen für die letzten anspruchsvollen Lektorat-Jobs, aber dann war die Luft raus: Alles Weitere kostete mich enorm Mühe und Zeit.

Auf einen Mittagscappuccino ins Westend, der herrliche Sonnenschein kündigte bereits Hitze an.

St. Rupprecht hinter Baustelle.

Später gab es zu Mittag Nüsse, Flachpfirsiche, Mango mit Sojajoghurt.

Nachmittags ging es mir langsam ein wenig besser, die Benommenheit nahm ab. Zu meiner Erleichterung erwies sich, dass ich am Vorabend im Biergarten doch nicht von Mücken gefressen worden war (das kann ich meist erst 12 bis 24 Stunden nach Stich beurteilen).

Pünktlicher Feierabend, denn ich war mit Herrn Kaltmamsell verabredet: Wir setzten endlich unser Vorhaben um, gemeinsam das Frischeparadies im Schlachthof gründlich zu erkunden, gestern mit dem Ziel, Abendessen einzukaufen.

Auf dem Weg dorthin (jetzt war es heiß) wurde ich aufgehalten: Eine Radlerin sprach mich an, die sofort richtig einschätzte, dass ich sie nicht würde einordnen können – ich sah zwar, dass ich sie kannte, doch dass wir vor 25 Jahren als Kolleginnen in einer PR-Agentur zusammengearbeitet hatten, musste sie mir sagen. Kurzer Abgleich, was seither geschah, es erwies sich, dass wir seit Jahren nur 200 Meter Luftlinie voneinander entfernt arbeiten.

Im (stark gekühlten) Frischeparadies besichtigte ich mit Herrn Kaltmamsell ausführlich den Inhalte von Regalen, Theken, Kühlschränken (eingemerkt unter anderem die große Auswahl Sobrasada und abgepacktes Fleisch inlusive Wachteln, Fasan, Stubenküken, außerdem gibt es auch hier galicischen Käse Tetilla). Wir waren ausgesprochen diszipliniert und nahmen neben einem Einkaufslisteneintrag tatsächlich nur Abendessen mit: ein mächtiges Côte de Boeuf.

Jenny Erpenbeck, Heimsuchung ausgelesen – mindestens eine Stunde früher als erwartet, denn die letzten 18 Prozent des E-Books stellten sich mal wieder als Vorschau auf einen anderen Roman heraus. Der (also wirklich kurze) Roman hatte mir sehr gut gefallen, ich muss noch eine Weile darüber nachdenken.

Aperitif auf dem Balkon (hurra!), erst zum zweiten Mal in diesem Sommer Aperol Spritz. Gesprächsthema dabei, auf das ich mich sehr gefreut hatte: Erpenbecks Heimsuchung, das Herr Kaltmamsell vor einer kleinen Weile beruflich gelesen und bedacht hatte; wir verglichen unsere Beobachtungen. Nur selten überschneiden sich unsere Lektüren, weil halt sehr unterschiedlicher Lesegeschmack, umso mehr freute mich diese Gelegenheit.

Der Herr kümmerte sich ums Fleisch, ich hatte den Ernteanteil-Salat mit einem Zitronensaft-Knoblauch-Dressing angemacht. Dazu Brot vom Frischemarkt.

(Vor dem Teilen des Fleisches.) Sehr gutes und festliches Abendessen.

Als Nachtisch hatte ich um Vanillepudding gebeten, um das letzte Glas Zwetschgenröster 2024 dazu aufbrauchen zu können – es hat ja bereits die Ernte 2025 begonnen.

Abendunterhaltung eine weitere Folge Mad Men.

Am Vorabend hatte mir auf dem Heimweg ein riesiger aufgehender Mond entgegengeleuchtet, ich freute mich bereits auf seine Beleuchtung meines Schlafzimmers in der wolkenlosen Nacht.

§

Schlaglicht im Guardian auf einen Ausschnitt der Welt, über den ich mir bislang keine großen Gedanken gemacht habe: Das Leben alter Frauen in Westafrika.
“‘Well, no, you don’t have to have children’: what African women over the age of 60 have learned about life”.

§

Unbeachtete Heldinnen, Teil ganz viel: Edythe Eyde gab 1947 als 25-jährige Sekretärin bei RKO Radio Pictures in Los Angeles heimlich Vice Versa heraus, eines der ersten Lesben-Magazine.
“Meet the 1940s secretary who used office time to produce the first lesbian magazine”.

§

“Da Sta” ist nicht der einzige.
“Warsteiner forscht zu Obelisk mit NS- und Zwangsarbeiter-Geschichte”.

Journal Donnerstag, 7. August 2025 – Sonnenschein macht alles besser

Freitag, 8. August 2025

Zu früh aufgewacht, aber den Tag über nicht darunter gelitten.

Das Wetter richtete sich nach der Vorhersage, zu meiner Freude konnte ich mein neues Kleid tragen (sehr schlecht fotografierbar, weil dunkelstes Blau). Auf dem Marsch in die Arbeit bekam ich blauen Himmel und Sonnenschein – sowie kalte Zehen in den Sandalen, auch die 12 Grad Morgentemperatur entsprachen der Vorhersage.

Im Büro legte ich noch zackiger los als erwartet, Menschen hatten nachts gearbeitet und mir Jobs geschickt. Dann geplante Arbeit, weiter im lehrreichen Lektoratsprojekt: Atomfallen-Quantencomputer! Gattergüten! Optische Pinzetten! Großapertur-Pockelszellen! Ich kapierte NICHTS, war aber von ALLEM begeistert! Gleichzeit musste ich allerdings Querschüsse auffangen, war deshalb sehr erleichtert, dass mir mehr Luft im Korrektoratsprojekt angekündigt wurde als zunächst bemessen.

Also setzte ich fröhlich mein Mittagspausenprojekt um: Espressobohnenkaufen plus Cappuccinotrinken im Caffe Fausto. U-Bahn zum Candidplatz, Spaziergang nach Süden.

Guter Cappuccino, der Auer Mühlbach rauschte dazu.

Zurück im Büro ackerte ich erst den nächsten Brocken weg, bevor ich zu meinem Mittagessen griff: Renekloden und Mirabellen, Muesli mit Joghurt. (Und keine Gurke, weil ich die schon wieder daheim vergessen hatte.)

Nach Jahrzehnte-lang geübter Banner Blindness entwickle ich jetzt KI-Blindness: Bei schneller Google-Suche sehe ich den ersten Absatz gar nicht.
(Wohl lediglich eine Erweiterung der “Gesponsert”-Blindness. Bald klicke ich automatisch auf die zweite Seite Suchergebnisse.)1

Der ausgesprochen produktive Arbeitstag machte mich froh, doch an seinem Ende fühlt ich mich auch ganz schön durch. Dass ich seit Weihnachten lediglich zweimal eine Woche Urlaub hatte, von denen nur eine als Erholungsurlaub durchgeht (die zweite war re:publica), mag dann doch Auswirkungen haben. Für Wien Ende August habe ich bislang eine lange Liste Ideen und Wünsche, aber noch kein Programm – vielleicht kriege ich das mit Jeden-Tag-nur-eine-Sache (Erholungsrat von Herrn Kaltmamsell) doch mal hin? Im Moment bin ich allerdings wieder an dem Punkt, an dem ich mich weder auf Wochenenden noch auf Urlaube wirklich freue: Danach muss ich ja doch zurück in die Arbeit.

Partyprogramm der Woche (Lerchenlauf und gestriger Mittagsausflug zählen auch dazu): Gestern traf ich mich nach Feierabend mit einer früheren Mitschülerin (loser Kontakt seit ein paar Jahren) im Biergarten, und zwar in dem am Bavariapark.

Guter Schweizer Wurstsalat, dazu alkoholfreie Radler.

Wir kamen länger und tiefer ins Gespräch, als ich vorhergesehen hatte (eine ganz eigene Art Verbindung, da wir viel gemeinsame Basis hatten, aber dazu ein paar Jahrzehnte völlig unterschiedliche Lebenswege), während durch die Kastanienblätter die Abendsonne immer dunkler gold wurde – und ich nach einer Weile merkte, dass ich nicht nur Abendbrot aß, sondern auch war (der viele Regen und jetzt plötzlich Sonne und Wärme auf die Pfützen): Ich werde heute wahrscheinlich wieder zur Großpackung Mückenstichgel greifen müssen.

Nach Hause spazierte ich ein Stück zusammen mit meiner Verabredung, wir wohnen nahe beieinander. Daheim traf ich auf einen noch wachen Herrn Kaltmamsell, bereitete noch schnell meine Brotzeit für den Freitag vor. Und machte mich nach den vielen menschlichen Eindrücken des Abends auf eine unruhige Nacht gefasst.

  1. Mal sehen ob ich jetzt hier auch wie auf Mastodon Tipps für Suchmaschinen-Alternativen bekomme – von Menschen, die sich offensichtlich keine Arbeitsumgebung vorstellen können, in der sowas nicht frei wählbar ist, schon gar nicht auf die Schnelle. Weil das alles mit Linux nicht passiert wäre und man selbst schuld ist, wenn man eine andere Textformatierungssoftware benutzt als LaTeX. []