Archiv für Mai 2026

Journal Mittwoch, 6. Mai 2026 – Morgens Lerche, abends Uigure

Donnerstag, 7. Mai 2026

Extrafrüher Wecker, das eigentlich noch frühere Aufwachen energisch weggedrückt.
Mich beim Aufstehen an die Schmerzattacke mitten in der Nacht erinnert – war ich auf der falschen Seite gelegen?

Beim Hellwerden sah ich auf den Straßen, dass es nachts geregnet haben musste. Es war auch kühler geworden, zum kurzärmligen Lauf-Shirt schlüpfte ich in eine Weste – das erwies sich als genau richtig.

Diesmal lief ich auf der westlichen Isarseite nach Süden, also in den Auen, der bedeckte Himmel machte eh keine große Hoffnung auf weite Blicke. Freude an der Bewegung stellte sich schnell ein mit dem Glücksgedanken: I’m really doing this! Der Boden war noch vom Regen feucht, die Pfade zwischen den Bäumen federten herrlich.

Ich passierte mehrere so abgezäunte Bereiche, vermutete Schutz gegen Biber.

Dominanter Blütenduft: Weißdorn und Bärlauch.

80 Minuten Lauflänge waren optimal – wenn ich öfter zum Laufen käme, könnte ich mich wahrscheinlich leichter darauf beschränken.

Zackige Körperpflege, dennoch beschleunigte ich meinen Arbeitsweg lieber durch U-Bahn für die zweite Hälfte: Ich wusste, dass jemand auf mich wartete.

Über den Terminservice der Kassenärztlichen Vereinigung erjagte ich einen frühren Neurologen-Termin (Umkreis auf 20 Kilometer eingestellt) – aber auch bis zu dem muss ich noch fünf Wochen durchhalten (statt acht). (Las dann gestern von jemandem im Großraum München, die – wahrscheinlich mit der gleichen Methode – den ersten Termin Kinderpychiatrie in 15 Monaten bekam. Das ist deutlich schlimmer auf vielen Ebenen.)

Turbulenter Arbeitsvormittag, dennoch marschierte ich auf einen nahegelegenen Mittagscappuccino, bei all dem abgelenkt von Schmerzen (wenigstens deutlich unter Toben).

Auch dieses Jahr bereitet mir dieser Anblick in der Anglerstraße große Freude.

Zu Mittag gab es ein drittes Mal in Folge Apfel (ein letzter köstlicher aus Ernteanteil) sowie Skyr mit Joghurt und Leinsamenschrot, immer noch nicht langweilig und genau richtig bei eigentlich keinem Appetit.

Nachmittags verdüsterte sich der Himmel massiv: Hoffnung auf echten Regen, auch wenn mir das persönlich überhaupt nicht in die Pläne passte. Kurz nach vier hörte ich Donner, dann endlich Regenprasseln.

Auf einer Bewusstseinsebne das ständige Beobachten von möglichen Kausalitäten des Schmerzverhaltens, vor allem bei beglückendem Nachlassen: War es das Senken des Kopfes mit Nackendehnen? War es das Massieren des Knochens über der Schläfe? Bislang nichts davon reproduzierbar.

Ich hatte Glück, der Regen hörte wenige Minuten vor meinem Verlassen des Hauses auf. Heimweg über Einkauf von Süßigkeiten (Aldi) und Milchprodukten (Vollcorner). Die stellte ich daheim nur ab, dann ging ich wie verabredet mit Herrn Kaltmamsell zu dem uigurischen Lokal, das wir im Vorbeigehen in der Implerstraße gesehen hatten.

Vorspeisen Gurkensalat und scharfer Bohnenpudding, als Hauptspeisen hausgemachte Nudeln einmal klein mit Rind, einmal lang mit Huhn.

Schmeckte alles ok, ein wenig lieblos, vor allem kein Vergleich zum seinerzeitigen Taklamakan am Hauptbahnhof, bei dem wir uigurisches Essen kennengelernt hatten und begeistert waren. Gibt es leider schon lang nicht mehr, auch dessen Nachfolger ist kein Vergleich.

Zurück daheim Brotzeitvorbereitung und noch ein wenig Schokolade.

Die Telekom, bei der ich immer noch meinen Handy-Vertrag habe und der ich mühsam jede Art von Kontaktaufnahme untersagt habe, kündigt einfach mal an:

Künftig möchten wir Sie per E‑Mail und SMS über Empfehlungen zu vertragsähnlichen Produkten und Diensten der Telekom Deutschland GmbH informieren.
Wenn Sie künftig keine Empfehlungen per E‑Mail und SMS mehr erhalten möchten, können Sie bei jeder Ansprache widersprechen. Klicken Sie hierzu auf „Widerspruch“ und melden Sie sich im Kundencenter an.

Und was passiert, wenn ich mich mühsam einlogge und “Widerspruch” anklicke?

Ein Fehler ist aufgetreten.
Ihre Änderungen konnten nicht gespeichert werden.

Mehrfach. Ihr Saukerle. Einmal probiere ich es noch, dann geht Beschwerde an das Bayerisches Landesamt für Datenschutzaufsicht (ist Ländersache), ich hab den Hals echt voll.

Neue Lektüre Joachim Meyerhoff, Alle Toten fliegen hoch: Amerika, auf diesen Posten meines Wunschzettels hatte ich gerade am meisten Lust. Beim Zu-Bett-Gehen eine Schmerzattacke zur Abwechslung im rechten unteren Kiefer.

Journal Dienstag, 5. Mai 2026 – #WMDEDGT mit aufregendem Kuchentransport

Mittwoch, 6. Mai 2026

Frau Brüllen sammelt wieder am 5. des Monats Tagebuchblogposts unter #WMDEDGT (“Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?”).

Eine gute Nacht, beim Weckerklingeln hatte die Morgenhelligkeit einen großen Sprung gemacht.

Nach Kaffeekochen erstmal den Bürokuchen geschnitten und transportabel gemacht – mit der Erkenntnis, dass ich mich völlig verschätzt hatte, wie viel Plattenplatz ein Bleck Kuchen einnahm, nämlich dreimal so viel (für nächstes Mal Transport auf Blech und Zerteilen vor Ort einkalkulieren). Zwar fiel mir eine Lösung ein, doch ich wurde gestresst und hektisch.

Die Lösung: Zum ersten Mal war der Zwischenboden der Torten-Box nützlich und ich bekam zwei Teller unter, die Servierplatte oben hielt, wenn ich die Box am unteren Rand griff.

Zusätzlicher Stressfaktor: Der Haupt-Weh-Zahn brüllte bei Kontakt mit jeder Flüssigkeit, auch dem Morgenmilchkaffee in Körpertemperatur, ich musste ein wenig auf den Esstisch trommeln und (eher innerlich) gegenbrüllen.

Wie geplant nahm ich für Kuchentransport einen Bus in die Arbeit: Der 62er braucht mit seinem ausgiebigen Mäandern zwar fast so lang dorthin wie ich zu Fuß in Luftlinie, fährt aber nahezu von Tür zu Tür und eignete sich für diesen Transport deutlich besser als Fußmarsch. Es ging alles gut; ob die Zittrigkeit bei Ankunft von Kaffee (morgens sonst ohne Folgen), Schmerz-Management, Aufregung oder schwerem Tragen kam, ließ sich nicht ergründen.

Die energiefressenden Schmerzen zwangen mich zur bewussten Einteilung meiner Arbeitskraft (und jeder Schluck Getränk wollte wohlüberlegt sein – wenn der erste keinen Schmerzalarm auslöste, trank ich lieber gleich auf Vorrat).

Kuchenservierung klappte, er wurde auch gegessen.
Dazu wirklich lustige Gespräche, darunter: Neben meinem Bewegungstracker hätte ich ja gerne einen Kulturtracker, der mich erinnert, wenn ich nicht genug Kunst bekomme. Gestern erweiterten wir das um einen Social Tracker, der zum Beispiel mitzählt, ob man sich auch beziehungserhaltend genug mit Partner/Partnerin austauscht (amerikanische Wissenschaftler haben wohl ein Minimum von 8 Minuten täglich ermittelt).

Wieder mehr Lust auf Mittagsmarsch als auf Mittagscappuccino, die über 20 Grad fühlten sich unangemessen warm an. Hoffnung auf dringend nötigen Regen wenigstens ab Abend.

Mittagessen Apfel sowie Skyr mit Joghurt und Leinsamenschrot.

Heftiger Arbeitsnachmittag, vor lauter Erledigtsein schier den Absprung nicht geschafft. Hatte aber als Motivation eine begrenzte Öffnungszeit im Nacken, das half.

Kurz vor Feierabend regnete es tatsächlich ein paar Tropfen, aber nicht ernsthaft. Ich spazierte zur Hausarztpraxis für eine neue Neurologie-Überweisung inklusive Vermittlunscode.

Das Frühlingsfest dauert dieses Jahr zum 60. Geburtstag drei Wochen statt sonst zwei.

Ich genoss das Gehen in Mailuft, holte kurz vor Wittelsbacherbrücke die Überweisung ab.

Über den Alten Südfriedhof nach Hause.

Ich kam gleichzeitig mit Herr Kaltmamsell an. Er kümmerte sich ums Nachtmahl, ich machte Pilates (wieder sehr erfreulich). Und dann gab es erstmal Karotten-Fritten mit Labne und arabischem Fladenbrot, dann Ingolstädter Bauernwürscht.

Und zum Nachtisch eröffneten wir die Erdbeersaison (mit flüssiger Sahne) – bis zu wirklich guten Erdbeeren werden wir allerdings noch die echte Saison abwarten müssen. Danach ein wenig Schokolade.

Im Bett Maggie O’Farrell, Hamnet ausgelesen, gut unterhalten.

§

Ich bin der Häme über die aktuelle Regierung müde (u.a. weil es mir mittlerweile schwer fällt, fundierte Kritik und glaubwürdige Einschätzungen zu finden) – aber dieser Merz-Cartoon von Heiko Sakurai trifft meiner Ansicht nach den Nagel etc.
(via @formschub)

Journal Montag, 4. Mai 2026 – Wandlungen

Dienstag, 5. Mai 2026

Ok geschlafen, kurz vor Wecker aufgewacht.

Beim Duschen bemerkte ich, dass mein unspektakulärer Sturz beim sonntäglichen Isarlauf doch kleinere Blessuren an der linken Schulter und noch kleiner am Unterarm verursacht hatte. Weiterhin wirklich vernachlässigenswert, aber an sowas muss ich immer beim Filmgucken denken, wenn die Figuren innerhalb der Handlung keinerlei Folgen von Actionszenen davontragen. Selbst ohne blutige Wunden müssten sie sich eigentlich anschließend eine Wochen nicht rühren können.

Es war immer noch zu warm, selbst die Strickjacke über meinem kurzärmligen Baumwollkleid hätte es auf dem Marsch in die Arbeit nicht gebraucht.

Im Büro besonders emsiger Vormittag mit Menschen. Zahn-Gesichtsschmerzen von Ibu 600 nur teilweise unterdrückt, das nahm mir einiges an Arbeits-Energie. Aber jedesmal DIESE Erleichterung, wenn ich mal ein paar Minuten schmerzfrei war!

Keine Lust auf Mittagscappuccino, umso mehr auf Runde um die Blöcke in warmer Luft. An der Gollierstraße kam mir eine wütende Telefoniererin entgegen:
“Du wirst heut Abend zahlen für was du gemacht hast. Ich nehme dir deine Seele weg!”
Falls jemand Nachilfe in Drohen braucht.

Vor dem Mittagessen schaute ich noch die Aufzeichnung einer Online-Schulung nach, die mir live zu langsam gewesen war, so ging’s in doppelter Geschwindigkeit. Die meiste Zeit ging für Zwischenfragen drauf, die sich daraus ergaben, dass eine fortgeschrittene Software-Version vorgeführt wurde, die niemand von den Geschulten hatte.
Der Rest waren Use Cases, die mir – obwohl explizit Zielgruppe – nie begegnen, zudem Tipps für Work-arounds, weil die Software “manchmal noch Schluckauf hat”. Ich schwöre, dass ich nicht übertreibe.
I’m too old for this shit.

Zu Mittag gab es Apfel (köstlich!) sowie Joghurt mit Skyr und Leinsamenschrot. Und eine Ibu 600.

Arbeitsnachmittag emsig mit Ausbrüchen in Turbulenzen. ABER! Mehrere Stunden lang schmerzfrei!

Der Himmel zog immer dunkler zu, doch ich kam trocken über einige Einkäufe nach Hause, die Luft weiterhin mild.

Daheim Pilates, eine weitere neue Folge von Gabi Fastner, wieder mit interessanten Übungen, tat gut.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell die Chili-Reste vom Vorabend überbacken mit Kartoffelbrei, eine Variante Cottage Pie.

Schmeckte sehr gut. Nachtisch Kirsch-Tapioka, als Vanillesauce hatte ich Vanille-Dickmilch mitgebracht. Direkt danach Schmerzattacke, aber jetzt konnte ich mich ja zum Veratmen hinlegen.

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Die Ära des Kommentierens in diesem Blog zu beenden, stellte sich handwerklich als aufwändiger heraus als erwartet: Neben den Grundeinstellungen musste ich viele Posts einzeln umstellen. Aber jetzt müsste es rum sein. Ein paar spezielle Sargnägel (Je Türenknall, desto wiederkomm) habe ich zur Sicherheit auch blacklisted.

Journal Sonntag, 3. Mai 2026 – Zu warmer Isarlauf

Montag, 4. Mai 2026

Gut und ausgeschlafen. Draußen ein weiterer Sonnentag, die vorhergesagte Bewölkung noch nicht zu sehen.

Gebloggt und Mastodon-Timeline hinterhergelesen, rumgetrödelt, in aller Gemütsruhe (und mit reichlich Sonnencreme) für eine Laufrunde fertiggemacht: Plan war, zum Friedensengel zu radeln, ohne Eile und einfach im Strom der vielen zu erwartenden Radeln.

Als ich vors Haus trat, kehrte ich sofort um: Die Jacke würde ich wirklich nicht brauchen, auch nicht fürs Radeln. Es war für Mai viel zu warm.

Lauf ab Friedensengel nach Norden die Isar entlang, es war in Trägershirt gerade mal nicht zu warm.

Lichtspiele unter der Leinthalerbrücke.

Auf Höhe des Teichs an der Emmeramsbrücke vielstimmiges, energisches Froschquaken.

Wieder sah ich keine Schwalben – leidet der hiesige Bestand immer noch unter den Folgen der Starkregen-Katastrophe vom Herbst 2024? Noch mehr fiel mir das Fehlen von Flausch auf: Die Enten waren alle nur in Erwachsenenform unterwegs. WHERE ARE SE BIBERL?

Der Boden sehr trocken, was in Kombination mit den vielen Radelnden zu einer fast stehenden Staubwolke über allen Wegen führte.

Zahn-Gesichtsschmerz auf- und abschwellend, manchmal pulsierend, manchmal sogar fast weg. Dominanter Blütenduft: Flieder. Auf dem letzten Abschnitt, Thomas-Mann-Allee, stolperte und fiel ich abrollend auf die linke Schulter: Nur wenig Schreck, keine Verletzung, aber heldinnenhaft dreckiger linker Arm.

Schönes Heimradeln, große Vorfreude auf Wassertrinken: Der eine oder andere Trinkwasserbrunnen im nördlichen Englischen Garten wäre schon sensationell großartig.

Herr Kaltmamsell verarbeitete auf meinen Wunsch den Ernteanteil-Spinat zu einem Vier-Herdplatten-Frühstück:

Kurz nach zwei servierte er edle Eggs florentine – mit der perfektesten Hollandaise, die ihm je gelang.

Müder Nachmittag, vor allem auf dem Balkon gelesen – mit nackten Füßen!

Aber auch die Kiste mit Winterschuhen gegen Sommerschuhe getauscht. Im Keller begegnete ich Nachbarschaft, die gerade Winterjacken verräumte. Und da hörte ich auf, mir selbst genug Platz in meinen Kleiderschränken einzureden: Wenn Herr Kaltmamsell die nächsten Hemden von der Reinigung in Folie heimbringt, nutze ich diese Folie zum Verräumen der dicken Winterjacke und des Wintermantels im Keller.

Kuchenbacken für Dienstag: Ich hatte mich in eine Büro-Liste zum Kuchenmitbringen eingetragen. Es wurde Kirschkuchen mit Rahmguss, ein Familienklassiker, den ich aber offensichtlich noch nicht in meinen Rezepten hinterlegt hatte.

Jetzt schon, hier ist das Rezept (Foto ergänze ich nach Anschneiden).

Auch das Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell, aus den getrockneten schwarzen Ernteanteil-Bohnen hatte er mit Linsen und Soja-Hack sein klassisches Chili gekocht – das ich aber zum ersten Mal bekam. Ausgesprochen köstlich, dazu Labne und eingelegte Japaleños. Nachtisch Marmorkuchen und Kirschspeise (Kirschsaft vom Kuchenbacken mit Sago).

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Eine Geschichte von Ausnahme-Resilienz. (Wie immer meine Bitte: Obacht! Diese Einzelfälle beweisen NICHT, dass alles möglich ist, wenn man nur will. Sondern beweisen ein unmenschliches und frauenfeindliches Unterdrückungssystem, in dem seltene Ausreißer zu Geschichten werden, die man einander lange erzählt.)
“Wie konnten Sie und Ihre Mutter die gläsernen Decken durchbrechen, Frau Goldmann?”

Wilhelmine Goldmann war die erste Vorständin in der Geschichte der ÖBB – und die Tochter einer Karrierefrau. Ein Gespräch über den langen Weg zur Gleichberechtigung.

Mir fiel besonders auf:

Die Bürgerkinder aus St. Pölten haben sich über ihre geflickten Kleider lustig gemacht. Aber meine Mutter hat sich sehr dagegen gewehrt und sich darüber beim Direktor beschwert. Der hat die Kinder daraufhin gerügt, sie mussten sich bei meiner Mutter entschuldigen. Das war für sie eine Genugtuung.

Solch eine “Rebellion” basiert auf einer ungewöhnlichen Voraussetzung: Die kleine Wilhelmine war offensichtlich überzeugt, dass sie nicht minderwertig war, hatte die althergebrachte gesellschaftliche Hierarchie nicht internalisiert. Sehr wahrscheinlich rebellieren die allermeisten in ihrer Situation unter anderem deshalb nicht, weil sie den unterdrückenden Kräften irgendwo Recht geben.

§

Robin Detje hat seine greise Mutter verloren und entwickelt aus seiner Trauer eine bedenkenswerte Idee: Stuhlkreise gegen Menschlichkeitsverlust.
“Tod, Platzregen, Patriarchat”.

Zum Beispiel wünsche ich mir so etwas wie „Humans Anonymous“. „Anonyme Menschen“. Ihr kennt die Anonymen Alkoholiker (AA), die in jeder zweiten Krimiserie vorkommen? Da steht dann immer dieser Stuhlkreis, und einer sagt: „Josh, möchtest du heute etwas sagen?“ Und dann sagt Josh: „Ich heiße Josh, ich bin Alkoholiker und bin schon drei Monate nüchtern“, und erzählt etwas aus seinem Leben. Und neben ihm sitzt ein alkoholkranker Detective und findet in Joshs Worten zufällig die Lösung für den Fall mit dem bestialischen Serienkiller.

Im Stuhlkreis meiner Anonymen Menschen (AM) würde Josh vielleicht sagen: „Ich bin ein Mensch und war schon drei Monate lang nicht mehr böse.“

(…)

Religionsgründung fände ich grundsätzlich auch immer noch toll, mit Religion als Regelsystem, das Menschen aus der Gewalttätigkeit in die Sanftmütigkeit geleitet. Aber ich habe noch nicht verstanden, wie man eine Religion davon abhält, ihr eigenes fieses, Jahrtausende der Menschheitsgeschichte verfinsterndes Gewaltsystem zu errichten. Deshalb bin ich da im Moment noch skeptisch. Ein dezentrales System kleiner unaufgeregter Stuhlkreise, die sich nicht miteinander vernetzen und immer so klein bleiben, dass niemand Macht über die anderen ausüben will, kommt mir sicherer vor.

Journal Samstag, 2. Mai 2026 – Sonniges Wandern am Tegernsee und überraschendes Theater-Erlebnis

Sonntag, 3. Mai 2026

Gute Nacht, unterm Strich, auch schön lang ausgeschlafen.

Draußen wieder der angekündigte strahlende Sonnenschein, das passte hervorragend zu den Wanderplänen mit Herrn Kaltmamsell (der entschied, dass das auch zwischen Abiturkorrigieren möglich sein muss). Und es ließ sich einrichten, dass wir trotz Ausschlafen den Zug um zehn erwischten – sehr rechtzeitig am Bahnhof, um Sitzplätze zu sichern. Dabei war der Zug diesmal gar nicht überfüllt, ich sah nur einen Steher.

Zur Auswahl hatte ich bekannte Strecken am Starnberger See (Wanderung linksrum über Berg), Tegernsee (Höhenweg ab Gmund) und Chiemsee (Obst- und Kulturwanderweg) angeboten, die Wahl fiel auf den Tegernsee.

Die Überraschung in Gmund: Es war sehr warm, nach einer Woche trügerischer Sonne entsprachen gestern die Temperaturen dem Anschein. Am Bahnhof packte ich also gleich mal meine Jacke weg, dass ich zu den kurzen Ärmeln auch kurze Hosen hätte tragen können (wie sehr viele andere Wander*innen, denen wir begegneten), hatte ich wirklich nicht erwartet.

Gefasst wiederum war ich auf den Hochbetrieb zwischen Gmund und dem Ort Tegernsee: Diese gute Stunde Strecke ist auch als Spaziergang und mit Kindern angenehm.

(Verschmierte Handy-Linse, bitte um Entschuldigung.)

Einkäufe im Käseautomaten über Gmund (ein Grund für die Wahl dieser Wanderung, ich hatte extra meine Bargeld-Bestände gecheckt), ich nahm von der Naturkäserei Tegernseer Land einen Weissacher mit (auch als Grillkäse geeignet) und einen Weichkäse mit grünem Pfeffer.

Am Kiosk des Bahnhofs Tegernsee gab es Mittagscappuccino, dann gingen wir den längeren und steileren Teil des Tegernseer Höhenwegs nach Rottach-Egern an.

Diesmal aber mit einer Variante, hier bogen wir nach links die Trappen hoch: Die Abzweigung nach Galaun war uns jedesmal aufgefallen, jetzt recherchierte Herr Kaltmamsell den GPS-Track und wir machten den Umweg hoch. Davor lagen Verhandlungen und Überlegungen, ob sich Herr Kaltmamsell wirklich, wirklich fit genug dafür fühlte und ob seine in letzter Zeit zickenden Knie darunter leiden würden. Ich schaffte es, mich diesmal an meinen Vorsatz zu halten, auf Steigungen immer Herrn Kaltmamsell vorgehen zu lassen, damit er das Tempo bestimmen konnte.

Das war eine wirklich schöne Zusatzstrecke mit bequemer Steigung zum Berggasthaus Riederstein am Galaun, an und um das gerade reichlich Mittag gemacht wurde. Wir zogen weiter.

Die Kapelle auf dem Riederstein ließen wir aber aus – unter anderem weil sie dicht von Menschen umzingelt war.

Blick auf Rottach-Egern.

Auf einem langen, steilen Weg stiegen wir ab, Ausschilderung brachte uns zurück zum Tegernseer Höhenweg.
Unterwegs kurz vor halb drei Brotzeit: Ich hatte rote Paprika dabei, einen Apfel (aus Ernteanteil von einem unserer Partnerbetriebe und wieder köstlich – warum schmecken die Lageräpfel vom Biosupermarkt nicht halb so gut?), ein Stück Marmorkuchen.

Das letzte Stück Höhenweg nach Rottach-Egern brachte uns trotz schattigem Wald nochmal ins Schwitzen: Es ging noch zweimal ordentlich rauf und runter.

Blühendes Rottach-Egern. Nicht im Bild: Viele Paragliding-Schirme um den Wallberg.

Ganz hinten der Riederstein, an dem wir vorbeigekommen waren.

Rottach-Egern-Selfie kurz vor dem Ort Tegernsee.

Nach fast fünfeinhalb Stunden kamen wir zurück zum Bahnhof. Mein Bewegungs-Tracker zeigte am Ende 17 Kilometer Wanderung an – das schien mir arg wenig, andererseits ging es halt schon sehr rauf und runter (über 100 Stockwerke). Mein Körper hatte sich durchgehend superfit gefühlt, das Treppentraining zahlt vielleicht doch sich aus.

Allerdings überfiel meine Zähne rechts zweimal Brutalschmerz in einer heftigen Welle, ohne irgendeinen erkennbaren Auslöser, zum Glück saß ich beide Male gerade (Mittagscappuccino, Heimfahrt). Es ist WIKRLICH schön, wenn der Schmerz nachlässt, außerdem interessant, wie viel Energie solch eine Schmerzwelle kostet, ich war anschließend richtig erschöpft. Sollte sich nicht schlagartig Besserung einstellen, werde ich nächste Woche dann doch die Kassenärztliche Vereinigung um Terminvermittlung zur Neurologie bitten müssen, auch wenn’s an meinem Stolz kratzt, der sich nicht vordrängeln möchte.

Wir waren so rechtzeitig am Zug nach München, dass wir uns einen Sitzplatz sogar aussuchen konnten; diesmal mussten auf der Fahrt viele stehen. Ich las die Wochenend-Süddeutsche aus, fühlte mich nach dem vielen Staub auf der ausgedörrten Wanderstrecke dreckig und klebrig, freute mich auf eine Dusche.

In München schickte ich den deutlich erschöpfteren Herrn Kaltmamsell direkt nach Hause, erledigte selbst noch letzte Einkäufe für jüngste Sonntagseinfälle. Daheim nahm ich die ersehnte Dusche, das war schön.

Die Zubereitung des Abendessens hatte ich an mich gerissen. Es gab aus Ernteanteil: Ringelbete (auch instagram-Bete genannt), mit Emmernudeln, Schnittknoblauch, zugekauften gerösteten Walnüssen, abgeschmeckt mit Frischkäse.

Dazu ein Glas abgefahrenen Weißwein von Marie Adler. Nachtisch Marmorkuchen.

Abendunterhaltung: Beim Rumklicken durch die Fernsehprogramme stolperten wir auf 3sat über die Inszenierung des Wiener Volkstheaters Fräulein Else nach Arthur Schnitzler, aufgezeichnet an den Münchner Kammerspielen. Co-Autorin und Hauptdarstellerin Julia Riedler spielt in diesem Ein-Personen-Stück vom ersten Moment an so fesselnd (kein Wunder für diese Rolle mit Preisen ausgezeichnet), dass sogar Theater-Skeptiker Herr Kaltmamsell gebannt hängen blieb. Der zudem Schnitzlers gleichnamige Novelle gut kennt.

Große Empfehlung: Allein schon der Kunstgriff, den wunderschönen Jugendstil-Vorhang der Kammerspiele als Spielzeit-gemäße Kulisse zu verwenden, außerdem erlebte ich einmal eine Publikumsbeteiligung (die ich sonst fürchte, ich habe für Zuschauen gezahlt, nicht fürs Mitspielen), die tatsächlich für die Aussage des Stücks unabdingbar war. Ein vorbildliches Beispiel, wie man einen 100 Jahre alten Text über die Gegenwart sprechen lassen kann.

Hier bei 3sat zum Hinterhersehen.

Journal Freitag, 1. Mai 2026 – Sonniger Maifeiertag mit Schwimmen und Frühlingsfest

Samstag, 2. Mai 2026

Sehr unruhige Nacht, am erholsamsten fühlten sich die letzten beiden Stunden mit echtem Ausschlafen an. Erst wenig vor acht zog ich den Rollladen hoch zu strahlendem Frühlingswetter.

Nach dem Bloggen setzte ich meine Backpläne um, es gab meinen klassischen Marmorkuchen.

Wegen spätem Aufstehen kam ich spät zu meiner Schwimmrunde los. Zumindest hatte sich bis dahin die morgens wieder sehr frische Luft erwärmt, beim Radeln zum Olympiabad musste ich nicht frieren.

Schwimmen sehr gut, ich legte 100 Bonusmeter auf meine 3.000. Aber: Die vormittägliche Ibu hielt nur drei Stunden, und der wiederanschwellende Zahnschmerz nahm den rechten Unterkiefer mit.

Heimradeln durch jetzt warme Innenstadt unter wolkenlos knallblauem Himmel. Frühstück kurz vor halb drei eine hervorragende Birne, viel Marmorkuchen – und eine vorzeitige weitere Ibu, als sich der Schmerz Richtung “tobend” entwickelte. Wenn das Tempo der Verschlimmerung so bleibt, halte ich keine zwei Monate bis zur möglichen neurologischen Hilfe durch.

Herr Kaltmamsell hatte bereits am Donnerstag von Mauerseglersichtung an der Isar berichtet (bevor ich dort Schwalben gesehen hatte!), gestern waren sie auch über der Innenstadt.

Weil mir schwindlig war vor lauter müde, ließ ich den Rollladen zum herrlichen Sonnenschein herunter und legte mich zu einer Siesta hin: Ich schlief tief, das hatte es wohl gebraucht. Allerdings wachte ich auch desorientiert auf, brauchte lang, bis ich wieder ganz da war.

Nachmittag mit Lesen, auch auf dem Balkon.

Die Bäume können bereits wieder Schatten spenden.

Die Entwinterung des Balkons (Bodenputzen) hatte ich mir für das lange Wochenende vorgenommen, doch der freundliche Herr Kaltmamsell fragte, ob er mir eine Freude mit dem Übernehmen dieser Tätigkeit machen könne. Das freute mich wirklich, doch weil er doch der mit Wochenendarbeit war (Abiturkorrigieren), hatte ich auch etwas schlechtes Gewissen.

Eine Runde Pilates: Ich habe weitere Folgen von Gabi Fastner zusammengestellt, die mich immer wieder positiv überraschen, wie vielen ungewohnte Übungen es darin gibt – und das nach Jahrzehnten Gymnastikerfahrung.

Abendessen gab es auf dem Frühlingsfest auf der Theresienwiese, ich stellte mir Langos vor, Bratwurst und Schokofrüchte. Und aß all das in dieser Reihenfolge.

Langos (beste neue Entwicklung der Volksfest-Kulinarik) mit Knoblauch und Käse.

Einmal Polnische, einmal frisch gebratene, knusprige Käsekrainer.

Gemischtes Obst in Schokolade.

Aber es war nur in der Sonne nicht frisch, dass ich keine Jacke dabeihatte, war leichtsinnig. Heimweg zum ersten Mauersegler-Schrillen des Jahres.

§

Stolpersteine in Spanien:
“‘Diese Würdigung ist ein Akt der Gerechtigkeit'”.

Tausende Spanier wurden von den Nazis in KZs deportiert. Auch für sie gibt es – wie in Deutschland – Stolpersteine zum Gedenken. Für ihre Nachkommen ist es eine besondere Würdigung.

Von spanischen KZ-Inhaftierten hatte auch ich erst vor wenigen Jahren erfahren, nämlich in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

§

Urbane Choreografie – was alles Tanz sein kann! (Plus Kameraperspektive und Bildausschnitt.)

Journal Donnerstag, 30. April 2026 – Was ich zum Hausarzt sagte / Vorgezogenes Wochenende

Freitag, 1. Mai 2026

“WAS?”

Na kommSe: Der neue Hausarzt hatte das Diagnosegespräch von Anfang an sehr launig geführt (Rheinlandverdacht), da gab es doch wohl nur eine mögliche Reaktion auf die Frage, ob meine Zahn-Gesichts-Schmerzen auch mein Gehör beeinträchtigen.

Arzt fiel drauf rein, setzte bereits zum Wiederholen der Frage an, lachte dann und meinte, normalerweise mache ja er den. (Aber er sah ein, dass man den nicht auslassen konnte.)
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ihn bereits beruhigt, dass ich keine Spontanheilung erwartete, und er wusste von den beiden ergebnislosen Untersuchungen meiner Zahnärztin. Ergebnis des gestriegen Termins: Erstmal Überweisung zur Neurologie, Herr Hausarzt legte nachvollziehbar dar, warum irgendwas mit Nerven seiner Ansicht nach die wahrscheinlichste Ursache sei. (Wenn nicht das, werde er mich zur HNO überweisen.)

Er gab zu, dass meine Symptomatik ungewöhnlich sei, nahm sie aber durchwegs ernst. Und er versicherte mir freundlich: “Das finden wir gemeinsam heraus.”

Auf dem frühmorgendlichen Fußweg zur Arztpraxis war es scheißkalt gewesen, ich glaubte die 3 Grad sofort, die meine Wetter-App anzeigte (“Gefühlt 0 Grad”).

Mal wieder Baustelle um die alten Klinikgebäude an der Ziemssenstraße, Baustellen sind wohl einfach ein festes Feature des Central Quartier, aber die Pappeln an der Lindwurmstraße sind schon ganz grün.

In die Arbeit brachte mich schnell ein Bus, so startete ich nichtmal eine Stunde später als sonst. Terminversuch bei dem einen Neurologen in München, der mich schon mehrfach untersucht hat (allerdings vor Jahren): Erster Termin im Juli, hahaha.
Das Lachen verging mir, als ich halt irgendeinen Neurologie-Termin in der Millionenstadt München suchte: Im Gegensatz zu anderen Fachmedizinrichtungen war hier tatsächlich auf Monate nichts zu kriegen, ich landete bei Ende Juni. Habts es alle mit die Nerven?

In der Arbeit war einiges los, mir fehlte Gelassenheit, weil anstrengend vorbereitete Dinge dann doch nicht klappten. Keine Lust auf Mittagscappuccino, ich schaute, dass ich wenigstens eine Runde um die Blöcke schaffte. Die war dann auch sehr schön, sonnig und aprilig kalt. Gleich mal in der Apotheke Ibu-Nachschub für die nächsten Wochen Zahn-Kopf-Schmerz besorgt, Herr Hausarzt hatte mir dazu gegen Magenschaden Pantoprazol verschrieben, holte ich auch gleich.

Zu Mittag gab es restlichen Linsensalat vom Vorabend und eine Banane, die mir bereits zu reif war.

Der Arbeitsnachmittag ging grad so rund weiter, blöderweise ließ auch noch die Ibu-Wirkung sehr schnell nach – dagegen hilt auch nicht, sich bei der Einnahme auf die linke Seite zu legen.

Nicht zu später Feierabend, über Lebensmitteleinkäufe fürs lange Wochenende und für Arbeitskuchenbacken in schönstem Sonnenschein nach Hause, die Luft aber weiterhin nur knapp zweistellige Grad warm. Daheim gab es frisch getrocknete und frisch gewaschene Wäsche zu versorgen, außerdem die Pflanzen, und ich hatte sehr große Lust auf den mit Herrn Kaltmamsell verabredeten Alkohol:

Maibowle – allerdings aus dem Waldmeisterbündel, das ich im Jahr zuvor aus den Resten des Kräutertöpfchens eingefroren hatte. Schmeckte sehr gut, entspannte umgehend. Dazu arabische Nüsschen von der Landwehrstraße.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch ein Lieblingsstück glückliches Rind vom Herrmannsdorfer im Römertopf geschmort:

Short Ribs, serviert mit Zitronenpolenta. Nachtisch Schokolade, früh ins Bett zum Lesen.

§

Comedian Pernille Haaland über verschiedene skandinavische Akzente im Englischen – sehr aufschlussreich, mir waren dieses deutlichen Unterschiede bislang nicht so klar gewesen.

via @_vanessagiese