Archiv für September 2026

Lieblings-Breviloquia* September 2026

Mittwoch, 30. September 2026

Am meisten habe ich mich auch im September auf Mastodon herumgetrieben:

Und von Bluesky:

*siehe

Journal Dienstag, 29. September 2026 – Das große Sich-anstellen

Mittwoch, 30. September 2026

Der jährliche Angsttermin (im Grunde halte ich lediglich eine Unterrichtsstunde) kostete mich dann doch Nachtschlaf mit Angstwellen; kein gutes Zureden half (1. ist ECHT NICHT SCHLIMM, 2. ist doch bald vorbei, 3. ist wirklich gut vorbereitet), drecks Stoffwechsel. Mir war sogar eine Lösung fürs Zeit-Management eingefallen: Bislang hatte ich immer meinen kleinen Reisewecker vor mich gestellt, doch der ist ja mittlerweile kaputt; jetzt fand ich eine Möglichkeit, die Uhrzeit auf meinem Handy-Sperrbildschirm anzuzeigen (mit der App OLEDX).

Der Angsttermin begann um 9 Uhr; vorher sah ich mir im Büro dabei zu, wie das Angst-Adrenalin mich ablenkte und dumm machte (reines Aufregungs-Adrenalin macht ja eher alert), schon nach Klick auf ein Programm wusste ich nicht mehr, was ich dort wollte – das ganze nahm Migräne-artige Züge an.

Der Termin verlief dann ok, natürlich. Da mir aber so überhaupt nicht einfällt, wie ich die innere Folter in den Tagen davor bekämpfe, nehme ich mir für nächstes Jahr vor abzusagen. Meinen Zusage-Reflex habe ich bislang vor allem durch Entkarrierisierung und Rückzug von Menschen bekämpft (behalten habe ich das schlechte Gewissen), in den letzten Jahren meiner Berufstätigkeit sollte ich lernen, mich auch vor dem Rest zu schützen.

Nach etwas Beruhigung (durch Rumrennen) Mittagscappuccino aus der Cafeteria, damit ich mittags raus in die Sonne und um die Blöcke kam: Für die Jahrezeit war es schon wieder viel zu warm und sommerlich – dennoch genoss ich es sehr. Unterwegs machte ich Halt in einem Supermarkt HIT, der mich bei einem ersten Besuch mit seinem riesigen Sortiment beeindruckt hatte. Und tatsächlich fand ich dort den schwer zu bekommenden Zuckersirup von unserer Einkaufsliste (die Whiskey-Sour-Saison naht).

Zu Mittag gab es Apfel, Feigen, Skyjolei.

Nachmittags reichlich Reise-Orga und Querschüsse, ich freute mich sehr auf den sonnigen Heimweg.

Der war dann auch herrlich, tiefe Atemzüge, trotz Bogengehenmüssen ums Oktoberfest.

Zu Hause Häuslichkeiten, Gymnastik des Abends war die erste von fünf Folgen Gabi Fastner “Gesunder und schmerzfreier Rücken” – abgehalten hatte mich bislang tatsächlich, dass sie alle nur 15 Minuten lang sind (dafür die ganze Umzieherei und Matteausrollen?). Meine Beschwerden waren zwar in den vorhergehenden 48 Stunden nicht schlimmer geworden, und die Ursache Skoliose mit extra belasteten und verrutschten Bandscheiben würden eh nicht weggehen – aber verschlechtern würden die Übungen meinen Zustand ja wohl kaum.

Waren dann auch einmal mehr interessante Übungen, taten gut – und ich sah währenddessen in der früh einsetzenden Dämmerung eine Fledermaus vorm Wohnzimmerfenster vorbeiflattern.

Ernteanteil war aufgegessen, zum Nachtmahl hatte ich mir von Herrn Kaltmamsell ein Pastagericht ohne Knoblauch (Zahnarzttermin Mittwochmorgen) gewünscht, er hatte dafür auf meine Anregung auf dem Viktualienmarkt Steinpilze gekauft und sie zu einer Crème-fraîche-Sauce verarbeitet: ganz besonders gutes Abendessen. Nachtisch Schokolade.

Abendunterhaltung: Ich war einem Tipp zur arte-Doku Matrix Generation gefolgt. Erwies sich als ungemein dichte Analyse des Zusammenspiels von Film Matrix (1999) und gesellschaftlicher Entwicklung, von filmischen und weiteren medialen Vorbildern und Erkenntnisphilosophie, was heutige Technik damit zu tun hat. Manche Argumentationssprünge waren mir zu groß, doch wenn ich noch schaffte, daheim gezielt Filme zu gucken, hätte ich jetzt eine lange Liste (u.a. asiatische Science Fiction).

§

Juna macht sich lesenswerte Gedanken zu
“Das Leben in Diktaturen ist einfach”.

Ich bin dankbar, dass ich in dieser anstrengenden Welt namens Demokratie leben darf. Ich habe in meinem Leben nicht eine einzige Wahl verpasst und ich durfte immer in einem Land wählen, in dem „Demokratisch“ nicht nur ein Feigenblatt war. Ich weiß, wo in meiner Stadt die Grenze lief, ich weiß, wie grau und dunkel es war. Ich kann mich entsinnen an die stillen Gespräche der Erwachsenen, wenn wieder jemand „erwischt wurde“, an die langen Spaziergänge in den Wäldern, damit man sich ungehört unterhalten konnte.

§

Seit einiger Zeit wird in meinen Kreisen viel mit den Begriffen “neurodivergent” und “neurotypisch” diskutiert – ich habe das nie hinterfragt. Hätte ich vielleicht mal sollen, denn es handelt sich keineswegs um medizinische Kategorien. Mal wieder dargelegt von einem Krautreporter-Artikel, den ich Ihnen schenken kann:
“Kein Gehirn ist neurotypisch”.

Darüber, ob ich klinisch betrachtet wirklich aufs Spektrum gehöre, also ob ich tatsächlich neurodivergent bin, mache ich mir selten Gedanken.

Warum auch? Ich habe einen Master in Psychologie. Ich habe als Neuropsychologe geforscht. Ich habe eine Idee davon, wann Diagnosen helfen und wann nicht. Und davon, was es über mich aussagen würde, wenn ich irgendwo auf dem Spektrum wäre. Nämlich gar nichts.

(…)

„Neurodivers“, sagte Begriffserfinderin Singer, „beschreibt als Adjektiv nichts anderes als die ganze Welt.“ Aus ihrer Sicht kann es keine neurodiversen Gehirne oder Menschen geben. So ähnlich wie es keine biodiverse Tierart gibt, sondern nur biodiverse Ökosysteme.

(…)

Aus heutiger Sicht sind Menschen auf dem Autismus-Spektrum ein perfektes Beispiel für diese Vielfalt. Sie und ihre Gehirne sind untereinander ebenso verschieden wie Menschen ohne Autismus-Diagnose. Dass alle Menschen auf dem Spektrum bestimmte Merkmale haben, ist ein weitverbreiteter Irrglaube.

Stephen Shore ist Professor für Sonderpädagogik an der Adelphi-Universität in New York. Er beschrieb die Diversität von Menschen mit Autismus bis heute vielleicht am treffendsten: „Wenn du eine Person mit Autismus getroffen hast, hast du EINE Person mit Autismus getroffen.“

Journal Montag, 28. September 2026 – Seltsamer Septembersommer

Dienstag, 29. September 2026

Völlig zerhackte Nacht mit häufigem Aufwachen, ohne dass ich dafür Anlässe nennen könnte. Von draußen reichlich Oktoberfest-Gaudi-Lärm, auch noch um zwei Uhr: Die Baustelle statt Sperrung der Zufahrt zu den Kliniken ermöglicht den Oktoberfest-Radl-Rikschas jetzt die Durchfahrt vor unserem Haus, und sie fahren gerne mit lauter Musikbeschallung, möglichst weit weg von Oktoberfestmusik. Der Schlafmangel rächte sich über den Verlauf des Arbeitstags mit Müdigkeit.

Es wurde hell zu wolkenlosem Himmel über kalter Luft.

Schöner Weg in die Arbeit, ich schlug schon jetzt einen Bogen ums Oktoberfest.

Sonne von hinten, Mond von vorn – darin liegt ganz sicher eine tiefe Wahrheit.

Emsiger Arbeitsvormittag, darunter Vorbereitung des jährlichen Aufregungstermins (aber längst nicht mehr so Angst-belastet wie anfangs).

Das Wetter spielte Sommer, ich genoss meine sonnig wolkenlose Mittagsrunde um die Blöcke sehr, es war warm genug für Jackenlosigkeit.

Mittagessen: Apfel, außerdem Skyr mit Joghurt – und Citronat. Ich hatte die angebrochene Packung mit halb eingetrockneten Würfelchen aus der Kiste mit Backzutaten geangelt und das Citronat am Vorabend einerührt in der Hoffnung, dass es am nächsten Tag aufgeweicht sein würde. Nicht nur hatte das geklappt, die Gesamtmischung schmeckte auch ausgezeichnet fruchtig. Vielleicht ein wenig zu süß, bei geplantem Einsatz würde ich weniger Citronat nehmen.

Emsiger Nachmittag.

Der Heimweg war mit 26 Grad dann doch zu warm für September. Gründlicher Süßigkeiten-Einkauf, dann wieder im größeren Bogen um die Theresienwiese.

Nicht groß genug.

Daheim war die programmierte Waschmaschine noch nicht durch (Restzeitanzeige ungefähr so verlässlich wie bei Computer-Updates), ich erledigte schnell mal die ungeliebte Pediküre und bereitete das Yoga-Turnen vor, nach dem ich mich sehr sehnte (nochmal die Rücken-Folge vom Maddy Morrison).

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die erste Ernteanteil-Lieferung Grünkohl zu Kale Chips verarbeitet, den Ernteanteil-Stangensellerie zu einem meiner Lieblingssalate mit Zucchini, Zitronensaft, Kapern, Feta.

Nachtisch Schokolade – und als erste Weihnachtssüßigkeit Stollen-Konfekt, das ich besonders mag.

Aufmunterung: Auch in diesen Weihnachtsferien reise ich mit Herrn Kaltmamsell für ein paar Tage nach Berlin. Auch diesmal mit Kabarettistischem Jahresrückblick – besonders spannend durch die neuen Ensemble-Mitglieder Ami Warning, Kirsten Fuchs. Zudem möchte ich diesmal endlich Linie 1 im Grips-Theater sehen, Sound meiner Jugend. Gestern Abend guckte ich alle gespeicherten Unterkunft-Tipps in Berlin durch – und endlich war mal das Appartment in Kreuzberg frei, das ich schon lang im Auge hatte.

Früh ins Bett zum Lesen, Terry Pratchett erfindet die besten Drachen.

§

Der Bayerische Rundfunk löst seinen Fundus zum Teil auf und versteigert ihn – auf dieser Website. Ach wäre ich doch in einer Lebenssituation, die mir den Bedarf eines Abendschau-Sofas bescherte. Sehr attraktiv auch dieses “Rentner Starter-Kit”. (Särge gäb’s auch).

Beistelltische, Stühle gleich Konvolut-weise, Kommoden, Kinderhocker – wenn Sie jemanden kennen, der gerade Einrichtung braucht?

via Heiko Bielinski

Aber auch: Ruderboot, Deko-Gemüse, Krippenfiguren, leere Filmdosen (viele), Küchenutensilien, Heizlüfter, Kinderwagen, Flugzeugsitze, Maskenspiegel, Leitern (die auch mal “Staffelei” heißen <3), Schlagbohrer, Drucke von Gemälden, Schaufensterpuppen, ein Streitwagen, Zapfsäulen.

§

Sarah Bosetti hält eine Laudatio auf Angela Merkel – als Satirikerin und Staatsbürgerin.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/LIMvUn_EjCY?si=8PrO8Kkoex8FIVXR

Journal Sonntag, 27. September 2026 – Prachtseptemberwetter

Montag, 28. September 2026

Gut und neun Stunden lang geschlafen, möglicherweise nur einmal von Klogang unterbrochen (allein schon dass ich das nicht so genau weiß, belegt die Tiefe des Schlafs). Aufgestanden zu strahlendem Sonnenschein.

Waschmaschine mit Bettwäsche gefüllt, Geschirrspüler ausgeräumt, Wasserfilter gewechselt, erst dann gab es Morgenmilchkaffee. Fürs Bloggen brauchte ich über zwei Stunden, weil ich am Vorabend nur die Fotos des Tages runtergeladen hatte – und den Tag sehr gerne festhalten und bebildern wollte. Doch an Sport plante ich eh eine Laufrunde an der Isar, für die wünschte ich mir etwas wärmere Luft als die neun Grad am Morgen und gab der Sonne noch ein wenig Zeit zum Heizen. Das frisch gefilterte Wasser nutzte ich für eine daheim seltene Kanne Tee: Milky Oolong.

Dann aber U-Bahn zum Odeonsplatz (vom Radeln hielt mich die Aussicht auf reichlich LALÜ! zum Oktoberfest ab).

Wundertätiger Isarlauf, an dessen Ende ich weniger Schmerzen spürte als am Anfang. Ich hatte eine U-Bahn zum Odeonsplatz genommen. Beim Loslaufen im Hofgarten schoss mir gleich mal ein Florett vom Kreuz bis ins rechte Knie. Oh nein! Ich blieb stehen, mobilisierte die Wirbelsäule, schüttelte mich kräftig aus und lief vorsichtig weiter. Langsam legten sich die Schmerzen, mein Gemüt hellte sich auf und ich genoss das Licht, die Farben, die Bewegung. Nach gut anderthalb Stunden war nur ein Pieksen über der rechten Pobacke geblieben, als ich dran rumknetete, war auch das weg. So kam ich sehr fröhlich auf 110 Minuten (laut iphone-App 16,5 Kilometer).

Hofgarten. Das schöne Wetter hatte viele Fans.

Hartnäckige Natur (schwer zu fotografieren: Auf dem längst abgebrochenen Weidenbaum sprießen nicht nur Weidenzweige, sondern rechts auch indisches Springkraut).

Schon wieder ist meine Freude übers aktuelle Wetter eingetrübt von Klimakatastrophe: Der Isarpegel war weiter gesunken, alle Wege waren so trocken, dass nach Passieren selbst noch so langsamer Radeln minutenlang eine Staubwolke blieb. Und bei vielen Bäumen war auf den zweiten Blick klar, dass das nicht beginnende Herbstverfärbung war, sondern schon längere Trockenheitsverfärbung.

Zurück nahm ich Bus und U-Bahn, nachdem mir die Tram gerade davongefahren war. In der U-Bahn mir gegenüber ein blutjunges Pärchen kuschelnd, zur Musik aus geteiltem Kopfhörerpaar lautlose synchrone Tanzbewegungen. ❤️ ❤️ ❤️
Im Rischart im U-Bahnhof holte ich mir noch Frühstück.

Daheim knetete ich mich nach dem Schmerzschrecken vorsichtshalber mit der Faszienrolle durch, dann große Selbstreinigung.

Frühstück kurz nach zwei: Ernteanteiltomaten und ein ganzes Brot. Letzteres zumindest dem Geldwert nach: Die Riesenbreze vom Rischart (wir suchen doch nach den schönen Seiten des Oktoberfests) kostete 4,95 Euro.

Den Nachmittag über nahm ich wieder den trink- und badewilligen Vögelchen unseren Balkon weg. Internet- und Zeitunglesen. Zum ersten Mal im Jahr nahm ich fallende Kastanien von den beiden riesigen Bäumen vorm Balkon wahr, selbst dann allerdings wenige.

Es war mal wieder Bügeln nötig, dabei folgte ich einem Tipp zu einem SWR1-Interview mit der abgefahrenen Kunstexpertin und Anwältin Sasa Hanten:
“Die Kunst des Erbens”.
Sehr hörenswert auf vielerlei Ebenen, die Frau ist der Knaller. Unter anderem hörte ich zum ersten Mal jemanden darüber sprechen, wie großen Einfluss auf ihr Aufwachsen hatte, dass ihre Familie über Generationen eben keine Flucht und Zerstörung oder andere tiefe Traumen durchmachen musste.

Und ich beobachtete, wie weit nach links der Sonnenuntergang bereits gerutscht war.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell die Ernteanteil-Rote-Bete als köstliches Risotto. Nachtisch restlicher Apple Crumble, außerdem Schokolade.

§

Vanessa bemerkt:

Die vergangenen zwei Wochen waren fantastisch: Ich habe das Leben eines westdeutschen Mannes in den 80ern geführt. Als ich von meinen Geschäftsreisen nach Hause kam, hatte der Reiseleiter geputzt, gesaugt, eingekauft, meine Wäsche gewaschen und gebügelt. Essen stand bereit. Auf der Reise hat ein Assistent mir lästige Dinge abgenommen und Teile des Gepäcks getragen.

Wäre das nicht mal ein schönes LARP? Die westdeutschen 70er/80er, nur andersrum?

§

Dinah Riese schreibt als linke Jüdin in der taz:
“Antisemitismus in der Linkspartei
Wollen wir nicht besser sein?”

via @ronensteinke

Darf ich als linke Jüdin von einer politischen Linken nicht erwarten, dass ihr Kampf gegen Menschenfeindlichkeit auch für mich ist?

(…)

Wollen wir nicht besser sein? Ich kann mich nicht von ganzem Herzen über dieses Wahlergebnis freuen. Und doch hoffe ich, dass Grüne und SPD sich dem Druck nicht beugen. Dass die Linke sich zusammenreißt und klarmacht, dass für An­ti­se­mi­t*in­nen in ihren Reihen kein Platz ist. Und dass sie das auch durchsetzt. Dass Berlins nächste Regierende Bürgermeisterin Elif Eralp heißt. Ich hoffe es für diese Stadt, die nicht noch fünf Jahre unter einem CDU-Regierungschef verdient hat. Und ich hoffe es für mich und meine Familie, die wir in dieser Stadt nun mal leben.

§

Wenn Ballett-Rivalen einander in freier Wildbahn begegnen.

Journal Samstag, 26. September 2026 – Bayrischzeller Höhenweg mit Regionalbahn-Benimm und ein wenig Slapstick

Sonntag, 27. September 2026

Sehr unruhige Nacht: Alkohol, Draußenlärm, Kreuz- und Hüftschmerzen, Diesdas. Mal wieder fühlte sich die letzte Stunde des Ausschlafens am erholsamsten an.

Angekündigt war nochmal perfektes Wanderwetter mit Sonne, Windstille, milder Luft, das wollte ich nutzen. Nachdem mir vor einer Woche das etwas deutlichere Auf und Ab des Tegernseer Höhenwegs gefallen hatte, erinnerte ich mich an den Bayrischzeller Höhenweg, den ich vor Jahren zweimal mit Herrn Kaltmamsell gegangen war und dessen Profil ich ähnlich im Kopf hatte. Da
– ich mir das vorherige Bloggen ein wenig zu gemütlich gemacht hatte,
– die Fahrt nach Bayrischzell dann doch mit anderthalb Stunden etwas weiter war und
– sich herausstellte, dass diese Verbindung nur stündlich bedient wurde (ländlich Wohnende rollen Augen: das kennen sie von JEDER öffentlichen Verbindung),
– ich zudem bei zu erwartendem Wandervolk-Andrang frühzeitig für einen Sitzplatz am Zug sein wollte,
machte ich mich sehr zackig fertig dafür.

Wieder mit den festen Wanderstiefeln für einfacheres Steigen in unwegsamem Gelände – in meiner normalen Wanderbesockung (zwei Paar alte Baumwollsocken) statt dicken als solche verkauften Wandersocken fühlten sich meine Füße nicht eingesperrt an.

Der dreiteilige Zug nach Tegernsee, Lengries, Bayrischzell war bereits ziemlich voll – und die leeren Plätze wollte man mir nicht überlassen. Auf mein “Ist da noch frei?” hörte ich:

1. “Nein, der/die ist/sind grad auf dem Klo.” Nach dem dritten solchen wunderte ich mich über die ungeahnten Kapazitäten bayerischer Regionalbahn-Klos.

2. „Da kommen noch welche!“

Dieses Sitzplatzbelegen in Regionalbahnen finde ich hiermit eine Unsitte: Dass nur eine*r aus einer verabredeten Gruppe früh am Start-Bahnhof sein muss, der Rest trödelt herbei oder steigt an den späteren Halten zu? Ich lege mich fest: Das ist unfair. Anständig ist es, sich am Start-Gleis frühzeitig zu verabreden und gemeinsam nach Plätzen zu suchen. Oder man sitzt halt nicht als Gruppe zusammen, sondern gruppiert sich erst am Ziel.

Diesmal lohnte sich mein Stehenbleiben: Von vier „reservierten“ Sitzen zweier Vierer-Buchten wurde nur einer (!) bis Abfahrt tatsächlich besetzt – und zwar von einer „ach ich hatte ganz hinten Plätze für uns belegt“.

Der Zug wurde sogar noch sehr voll mit wenigen verbleibenden Stehplätzen, unter den Fahrgästen viele mit Fahrrad oder Hunden, Geräuschkulisse reichhaltig. Ich hatte eine interessante Fahrt, unter anderem durch die Gespräche einiger sehr alter Frauen neben mir.

Kurz vor Ankunft am Endbahnhof Bayrischzell war der Zug leer genug geworden, dass ich bequem zum Klo kam (und diese Zugklo-Variante dokumentierte – Regionalbahnen haben meist Rollstuhl-taugliche Klos als Allgemein-Klos).

In Bayrischzell packte ich gleichmal meine Jacke weg, es war mild genug für kurze Ärmel. Slapstick-Einlage, als ich mich neben einem Bruckerl über den Legerwaldgraben herunterbeugte, um meine Wanderstiefel neu zu binden (fühlten sich zu locker an): Die Wasserflasche rutschte aus der Rucksack-Halterung und purzelte ins Bachbett. Seufzen, erstmal band ich meine Stiefel zu Ende. Blick auf die Gesamtsituation ergab, dass ich von der gegenüberliegenden Seite des schmalen Grabens gut ans Bacherl kam, auf Steinen übers eh sehr niedrige Wasser an meine Flasche. Andere Wanderer hatten mein Malheur gesehen und boten ihre Stöcke als Hilfsmittel ab, doch die brauchte ich gar nicht.

Jetzt aber endlich WANDERN. Es wurde ein angenehme Runde mit den erinnerten schönen schmalen Aufstiegen über Steine und Wurzeln hauptsächlich im Wald, über bequeme Abstiege auf breiten Wirtschaftswegen (so mag ich es, unwegsame Abstiege nicht so sehr), über weite Blicke. Auch andere waren hier unterwegs, allgemeines “Servus!”, auch wenn ich die sonstigen Unterhaltungen in ganz anderen Sprachen hörte, freundliches Aneinander-Vorbeilassen.

Sie haben eine Unterführung zum Kreuzen der vielbefahrenen Bundesstraße zum Wanderanfang gebaut: Herzlichen Dank für die zusätzliche Sicherheit – außerdem hätte die hiesige Jugend ja sonst gar keine Möglichkeit für Streetart, die ihnen nicht ein Donnerwetter der gesamten Nachbarschaft einbrockt.

So ging’s schonmal los, die Ausblicks-Malerizität des Tages war gesetzt.

Als “einfach”, wie in fast allen Wegbeschreibungen, würde ich die Strecke nun nicht bezeichnen: An dieser Stelle hangelte man sich mit einem Seil in der rechten Wand entlang – ich kenne einige geübte Wandersleut, die hier wegen Höhenangst gescheitert wären. Vielleicht gilt das Bewertungssystem aber Bergwanderungen, bei denen alles ohne Klettern “einfach” ist?

Dazwischen eine besonders hübsche Raupe als Filmchen bei instagram.

Von den passierten Almen war eine sogar noch in Betrieb:

Die Niederhofer-Alm war gut platziert für eine Pause und Brotzeit: Danach gab es auf dem Weg über anderthalb Stunden keine Gelegenheit mehr. Als für mich um halb zwei Pausenzeit war, nahm ich in Ermangelung eines Bankerls mit einem bequemen Stein in der Sonne Vorlieb.

Brotzeitstein rechts. Es gab Apfel, Feigen, eine dicke Scheibe französisches Landbrot.

Kurz darauf war der Weg energisch gesperrt, das sperrende Plakat warnte vor Forstarbeiten. Da ich nichts davon hörte und ja Wochenende war, nahm ich es nicht akut ernst und ging trotzdem weiter – ich hätte auch keine Umgehungsstrecke gewusst. Stellte sich heraus: Oh doch, da wurde mit riesigem, schweren Gerät forstgearbeitet, mehr als Wanderweg-breit. Verdutzt sah ich auf meinem Handy nach Ausweichmöglichkeiten (GPS ging, sonst mehrere Stunden kein Mobilfunkempfang), da hupte mich der Mann in der Führerkabine des Riesen-Geräts kurz an. Ich trat heran, grüßte, wurde nach meinem Ziel gefragt: “Bloß der Höhenweg…” Und bekam ein freundliches: “Na geh durch.” Dankeschön – mir ist völlig klar, dass bei solchen Waldarbeiten keine großen Kommunikationskampagnen einberechnet werden, die uns paar Wochenend-Ausflügler*innen berücksichtigen.

Erst nach einer halben Stunde Weg endete die Sperrung – noch energischer als die Gegenseite.

Jetzt ging es konsequent bergab, die letzte gute Stunde im engen Tal nach Bayrischzell.

Schon ein schöner Weg, aber halt auch eine gute Stunde parallel zur lauten Straße.

Insgesamt eine nette Wanderung, ganz hervorragend ausgeschildert – aber ich nahm mir vor, mich in der Gegend Schliersee-Bayrischzell nach Alternativen umzusehen.

Auf diesem letzten Stück hatte ich Lust, das Tempo nochmal anzuziehen, auch um mich im kühlen Tal warm zu gehen (Körper spielte gestern hervorragend mit) – was zufällig dazu führte, dass ich nach knapp fünf Stunden Wanderung genau beim Einfahren des Zugs zurück am Bahnhof eintraf: Ich hatte extra nicht auf den Fahrplan geschaut, sondern mich gezwungen, die Abfahrt halt zu nehmen, wie sie kam, aber mein Wandertempo NICHT davon ablenken zu lassen – dann hätte ich halt bis zu einer Stunde warten müssen.

Pflanzenlernen mit der App Flora Incognita:

Gewöhnlicher Fransenenzian

Deutscher Kranzenzian

Locker besetzte Rückfahrt.

Schliersee.

Ich war sehr müde, nickerte auch ein bisschen ein. Ausstieg wieder am Harras, U-Bahn zum Sendlinger Tor mit Oktoberfest-Cosplayer-Begleitung.

Daheim machte ich mich nach Auspacken an die Zubereitung des Nachtischs: Apple Crumble aus Elstar-Äpfeln vom Markt. Die Backzeit nutzte ich für eine Einheit Yoga: Die Rücken-Folge von Maddy Morrison.

Als Nachtmahl erfüllte mir Herr Kaltmamsell wieder einen Wunsch:

Chinesische Auberginen süß-sauer – köstlich. Nachtisch reichlich Apple Crumble mit flüssiger Sahne.

Journal Freitag, 25. September 2026 – Einerseits herrliches Wetter, andererseits Oktoberfest

Samstag, 26. September 2026

Trotz sehr frühem Start bis Weckerklingeln geschlafen. Freude bei Aussicht auf Freitagabend, bis dahin Zähnezusammenbeißen.

Sonniger, einstellig kalter Morgen. Freude über Outfit-Idee des Tages (außer Socken und Schuhen alles alter bis sehr alter Bestand).

Goldene Morgensonne verschönte meinen Arbeitsweg.

Überraschung am Bavariaring:

Schlange am Okoberfesteingang um 07:30 Uhr, aufgemacht wird um 10 Uhr. Ich begann mich bereits vor meinem Heimweg zu fürchten und beschloss, nächsten Freitag von daheim zu arbeiten.

Selbst einer Radlerin wurde die Durchfahrt den Bavariaring entlang vorm Eingang verweigert. Als sie protesierte, sie arbeite doch aber am Bavariaring, ließ man sie durch, aber mit dem Hinweis: “Auf eigene Gefahr!”
(Darf ich mich daran erheitern, dass die Security-Leute um die Theresienwiese zu 95 Prozent aus PoC bestehen, und zwar muslimisch und nordafrikanisch gelesenen – die bei Polizeikontrollen fast immer als erste rausgezogen werden?)

Der Arbeitstag gestaltete sich machbar, anstrengend war eher die menschliche Seite.

Mittagscappuccino aus der Cafeteria, weil mir Sonnenschein von wolkenlosem Himmel vor allem große Sehnsucht nach einem möglichst ausgedehnten Marsch um die Blöcke machte. Der war dann auch herrlich.

Mittagessen Birnen, Feigen, Hüttenkäse.

Auch am Nachmittag hatte ich noch zu tun, kam aber pünktlich raus.

Einkäufe beim Vollcorner, ab dann wurde der Heimweg nur fast so unangenehm wie befürchtet: Ich achtete natürlich vor allem auf die Leute, die VOM Oktoberfest kamen und außer Selbstkontrolle waren. Einer benötigte die gesamte Gehwegbreite an der Schwanthalerstraße fürs Vorwärtskommen, ich rannte schnell vorbei.

Fürs Abendessen war ich zuständig: Ich erledigte die Kutteln auf römische Art von unserer Kochliste, damit ich mir auch mal wieder spontan etwas anderes wünschen durfte (Herrn Kaltmamsells Augenbrauen sich bei diesen Wünschen nicht mehr sehr weit nach oben bewegten).

Während der letzten Gar-Phase gab’s zum Aperitiv und Wochenendfeiern Negroni mit arabischen Nüsschen.

Die Kutteln wurden leider gar nicht so, wie ich sie mir vorgestellt und in Erinnerung hatte, die Sauce eher gemüsig als sämig, ich hatte ein schlechtes Rezept erwischt.

Schmeckte ok, war halt nicht das, was ich angepeilt hatte. Dazu ein sizilianischer Gallo, dem wohl die Lagerung in unserem Kammerl über den heißen Sommer nicht gut getan hatte: Er schmeckte stark oxidiert und nach Sherry. Mei, hatte trotzdem entspannende Wirkung.

Nachtisch Schokolade, früh ins Bett, das der Vollmond beschien.

§

Wieder jemand nutzt die Bahn mal außerhalb Deutschlands und erkennt dabei die positiven Seiten der Deutschen Bahn:
“Mit Bahn und Bus in Finnland unterwegs”.
(Jajaja, Verlässlichkeit wäre dennoch sehr, sehr schön.)

§

Dafür mag ich Krautreporter und zahle für mein Abo: Dass sich die Redaktion immer wieder blind weitergereichte Medien-Aussagen genauer ansieht und mit verfügbaren aktuellen Daten abgleicht. In diesem Fall die oft erhobene Behauptung: KI verringert die Anzahl von Arbeitsplätzen und vergrößert Arbeitslosigkeit. Für Sie als Geschenk:
“KI klaut dir erst mal nicht den Job”.
(Was sich aber durchaus belegen lässt: KI verändert die Arbeitswelt und vergrößtert gesellschaftliche Ungleichheit.)

§

In der gestrigen Süddeutschen eine großartige Folge “Reden wir über Geld” (jede Antwort Gold): Juristin und Kunst-Bewerterin Sasa Hanten (€).
“‘Eine Kunstsammlung ist keine gute Anlageidee'”.

Es geht los mit:

SZ: Sasa Hanten, reden wir über Geld. In Frankfurt steht das berühmte Euro-Zeichen vor der ehemaligen EZB-Zentrale. Sie haben die Skulptur mal Ihre „Jugendsünde“ genannt. Waren Sie jung und brauchten das Geld?

Sasa Hanten: Ich sage ja immer: Ich war jung und hatte das Geld. Ne, der Künstler der Skulptur, Ottmar Hörl, hatte das Angebot, zur Bargeldeinführung des Euro eine Skulptur zu machen. Ich war jung, in einer Kanzlei angestellt und mein Chef meinte: „Ich habe keine Ahnung von Kunst, ich muss mich da auf dich verlassen.“ Also habe ich Hörl vertreten.

Und was war die Sünde?

Meine Jugendsünde war, dass ich mir dabei eine kleine Unverschämtheit geleistet habe. Die bezog sich auf die Zeit, die das Ding da stehen sollte, 90 Tage. Für Künstler hört es sich nach sehr viel Geld an, wenn sie für ein öffentliches Projekt einen Auftrag erhalten. Aber viele verstehen den Unterschied zwischen brutto und netto nicht. Wenn man die Euro-Skulptur richtig kalkuliert hat, inklusive Handwerker, Auf- und Abbau, war alles sehr aufwendig. Ich habe mir gedacht: Den Abbau sparen wir uns. Und dann habe ich eben gespielt.

Gespielt?

Ja, spielen ist für mich etwas Positives. Ich habe in den Vertrag eine Klausel geschrieben, dass die Stadt nach den 90 Tagen Eigentümerin wird. Die meisten Leute lesen keine Verträge durch und vor allem Männer gehen oft davon aus, dass alles zu ihrem Vorteil ausgeht. Nach 90 Tagen hat jemand von der Stadt angerufen, wir sollen die Skulptur abbauen lassen. Da habe ich gesagt: „Die gehört uns doch gar nicht.“ Das gab mehrere Runden der Empörung, ich hatte Herzklopfen bis zum Hals. Aber ich habe es durchgesetzt.

Journal Donnerstag, 24. September 2026 – Der Oktoberfestdruck steigt

Freitag, 25. September 2026

Zu überraschend milden Temperaturen, aber bedecktem Himmel aufgestanden. (Und mit überraschenden LWS-Schmerzen, Ibu gleich zum Frühstück.)

In der Arbeit Arbeit, mein inneres Maulen legte sich bei einer Recherche und Nahezu-kreativ-Aufgabe, die ich mir auf gestern gelegt hatte.

Mittags raus auf einen Cappuccino, in ein paar Regentropfen kaufte ich auf dem Rückweg auf dem Markt Äpfel. Zwei davon gab es später als Mittagessen (SO! gut) dann noch SkyJoLei.

Nachmittags arbeitete ich weiter an der guten Aufgabe.

Heimweg mit größerem Bogen ums Oktoberfest, diesmal auch mit Bögen um einige entgegenkommende Betrunkene, deren Torkeln ihren Weg unberechenbar machte. Das nahende Wochenende zeigte sich in deutlich mehr Menschen, auch auf den Wegen zwischen Öffentlichen Verkehrsmitteln Richtung Theresienwiese.

Oktoberfest-Verkleidung unterliegt natürlich genauso Trends wie jede andere Bekleidung, dieses Jahr habe ich mangels Flucht nach Langem mal wieder die Gelegenheit, sie zu verfolgen. Während in den Vorjahren mal Hütchen die Damen-Köpfe überm Dirndl zierten, mal Kunstblumenkränze (das war verstörend: Almabtrieb-Assoziationen), trägt die modische Oktoberfest-Cosplayerin heuer zum Dirndl (tendeziell Samt und Spitze) recht konsequent Stiefeletten. Halbschuh-Trend zum Dirndl: Slingback-Pumps.

In der Landwehrstraße Einkäufe für den Freitagabend beim Süpermarket Verdi und im Laden mit arabischen Nüsschen.

Daheim verabschiedete ich noch Herrn Kaltmamsell, der abends einen Berufstermin hatte. Dann turnte ich Yoga, mit nur einem Schmerzensschrei (nach linkem Seitstütz im T bei Rückkehr in Plank). Zum Nachtmahl verarbeitete ich den Ernteanteil-Radicchio mit frischen Feigen, Tegernseer Camembert (mit quarkigem Kern, wunderbar) und gerösteten Walnüssen.

Sehr, sehr gut. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, vor lauter Müdigkeit aber gleich Lichtaus ohne Lesen.

§

Frau BIG PHARMA Brüllen nahm sich die Zeit zu erklärbärn, und zwar ihren Job, der zwischen Wirkstoffentwicklung und Verkäuflichkeit an sowie Wirkung bei Patient*innen liegt. Darin unter anderem: In wie viel Vorleistung ein Pharma-Unternehmen geht, ohne bereits zu 100 Prozent zu wissen, ob die Wirksamkeit überhaupt wasserdicht bestätigt wird.

Was nachträglich nochmal erklärt, warum man die Corona-Impstoffe nicht so einfach mal in den armen Ländern produzieren lassen konnte, die sie dringend benötigten.
(Außerdem assoziiere ich, seit ich mich beruflich mit Massenfertigung in der Industrie beschäftige, so manche großartige Entwicklung bis zum Prototypen oder Möbel-Entwürfe, bei denen ich erstmal denke: “Super! Und JETZT bringt das mal in Serie.”)

§

Bislang ging ich davon aus, dass “Protein” in der Lebensmittel-Industrie halt das “KI” in der Technik ist: Wenn man’s aufs Produkt draufschreiben kann, verkauft sich’s besser. Doch bei näherer Betrachtung sind die Marketing-Mechanismen dahinter doch ganz interessant: Wie kam es eigentlich zu diesem Hype?

Wie alles in der Ernährungsforschung mit ihren vielfältigen methodischen Fallstricken ist es halt kompliziert:
“Der Protein-Irrtum: Forscher warnen vor Folgen für den Stoffwechsel”.

Auch diese Überschrift führt übrigens in die Irre und ist dem überdurchschnittlich gründlichen Artikel (er verlinkt sogar die Originalstudie !!111!) nicht angemessen. Damit Sie den wichtigen letzten Absatz nicht übersehen, zitiere ich ihn hier:

Zudem handelt es sich bei der Arbeit um eine Übersichtsarbeit, also um die Zusammenschau vorhandener Studien und nicht um neue Experimente. Wie sich eine dauerhaft eiweißarme Ernährung auf die menschliche Lebenserwartung auswirkt, ist schlicht nicht untersucht. Und so kommt Dudley Lamming nur zu einer zurückhaltenden Handlungsempfehlung: “Wir müssen Proteinempfehlungen wahrscheinlich nicht nur nach dem Alter personalisieren, sondern auch danach, wie körperlich aktiv Menschen sind.”

Hervorhebung von mir.

Dabei habe ich selbst eine Zeit lang auf Eiweiß-reiche Ernährung geachtet: In den 1990er trieb ich sehr viel Sport, fast täglich mehrere Stunden in einem Fitnessstudio Aerobics und Krafttraining (Gymnastik). Irgendwann hatte ich Schmerzen am Ende der Trainigseinheit oder kurz danach, sie fühlten sich an wie Muskelkater – doch das konnte zeitlich nicht hinhauen (Muskelkater eher 12 bis 24 Stunden nach Belastung), außerdem war ich doch super trainiert. Als ich die Chef-Trainerin darauf ansprach, die mich ja täglich turnen sah, fragte sie, wie viel Eiweiß ich denn zu mir nähme. Nein, bei so viel Sport reiche Alltags-Eiweiß nicht, meine Schmerzen rührten sehr wahrscheinlich von Eiweißmangel. Also holte ich mir hin und wieder an der Fitnessstudio-Theke einen Eiweiß-Drink und nahm an die Uni zur Brotzeit Quark und Hüttenkäse mit. Das funktionierte.

§

Ausführlicher Satire-Thread über die Auswirkungen der Berliner Wahlergebnisse (leider nur für eingeloggte Bluesky-Accounts sichtbar).