Journal Samstag, 30. August 2025 – Zurück zu Routine-Samstag

Sonntag, 31. August 2025 um 7:18

Gut geschlafen, nur einmal von einem Rumbrüller vorm Schlafzimmerfenster rausgerissen worden.

Nach Bloggen mit Milchkaffee und Ingwertee wirbelte ich noch eine Weile haushaltlich, bevor ich zu meinem Tagessport loskam: Schwimmen im Dantebad. Das Wetter war als durchwachsen angekündigt, es sollte auch regnen – ich ließ das Fahrrad lieber stehen und nahm die U-Bahn.

Semmelkauf beim Stiglmaierplatz diesmal auf dem Hinweg noch vor elf, um mir etwas größere Auswahl als nach eins auf dem Rückweg zu sichern.

Die Sammelumkleide im Dantebad war schonmal vielversprechend wenig genutzt. Schwimmen ähnlich wenig gestört unter wechselndem Himmel, ich bekam also auch immer wieder Sonne auf meinen 3.300 Metern.

Schon am Freitag hatte sich abgezeichnet, dass Feldhamster und Eichhörnchen auf dem Wiener Zentralfriedhof nicht die einzigen Viecher waren, mit denen ich zu tun hatte: Auf meiner Haut blühten Mückenstiche, und nicht zu knapp. Gestern zeigten sie sich in ihrer ganzer Juckigkeit an Armen, Beinen, Hals.

Frühstück um halb drei: Semmeln, Zwetschgenkuchen, Trauben.

Wenigstens die Münchenteile der Süddeutschen der Woche las ich nach: Diese Infos finden mich im Gegensatz zu Deutschland- und Weltpolitik nicht so einfach auf anderen Kanälen.

Mehr Häuslichkeiten: Ich bügelte alle, was sich bügeln ließ, und sei es noch sehr feucht vom Wäscheständer (um das Kleidungsstück dann nur wenig weniger feucht zurückzuhängen).

Mehr Lesen, jetzt aber Roman und mit oft sonniger Aussicht.

Parallel bat ich auf Mastodon um Hilfe bei Recherche um das einzige Foto, das wir vom biologischen Vater meiner Mutter haben. Ich bekam tatsächlich Informationen, denen ich nachgehen kann. (Nach einer Weile, in der ich mich wieder beruhigt habe.)

Die Reportage im SZ-Magazin über Zwangsarbeiterinnenkinder hatte mir klargemacht: Dadurch dass meine polnische Oma sich weigerte, einen Antrag auf Entschädigung zu stellen (“Leck mi am Oasch, will i nix zu tun haben” als meine Mutter sie seinerzeit darauf ansprach), wurde sie nicht offiziell erfasst. Das erschwert jede Recherche nochmal.

Schöne Runde Yoga, eine anstrengende Folge.

Zum Nachtmahl bekam ich Linsen (!): Herr Kaltmamsell baute die im Meiselmarkt erworbenen geselchten Schweineripperl ein, das machte sich sehr gut. Nachtisch Zwetschgenkuchen und Schokolade.

Wir sahen die letzte Folge Mad Men der ersten Staffel an, mit wirklich überraschendem Knaller am Ende (wenn auch rückblickend genügend Hinweise dagewesen waren).

Im Bett las ich endlich (in Wien war ich kaum zum Lesen gekommen) Ottessa Moshfegh, Eileen von 2015 aus. Na ja, ein erzähltechnisch interessanter Versuch, mit der Schilderung eines zentralen Ereignisses durch geballtes Foreshadowing die Jahrzehnte Leben danach zu berichten, mit der Perspektive der alten Frau auf ihr Leben als 24-Jährige. Doch in meinen Augen las sich das arg angestrengt (da nach über einem Drittel das zentrale Ereignis noch nicht mal ansatzweise eingetreten war, kalkulierte ich sogar ein, dass außer Foreshadowing gar nichts passieren würde), die Details, vor allem die äußeren, wiederholten sich irgendwann.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 29. August 2025 – Unwillige Heimkehr nach München

Samstag, 30. August 2025 um 8:21

Schon am Vorabend spürte ich heftigen Abschiedsschmerz, ich wollte wirklich nicht weg aus Wien. Zum einen wegen heftiger Wienverliebtheit. Zum anderen war es SO großartig gewesen, sechs Tage voller Input zu bekommen: Anblicke, Wetter, Wind, Menschen, Gespräche, Informationen, Zusammenhänge – Verarbeitungsfutter für viele Wochen. Das mit der Erholung und Entspannung durch einfaches Blödschaun muss ich woanders lernen, meine Aufmerksamkeit springt einfach immer auf Spannendes an.

Gestern war der Wecker auf früh gestellt, unser Zug fuhr um halb neun vom Wiener Hauptbahnhof ab. Wir verließen die Ferienwohnung rechtzeitig für einen gemütlichen Morgenkaffee im Bahnhof, rollkofferten zur U-Bahn in überraschend warmer Luft: Schon vor acht brauchte es keine Jacke.

Pünktliche Abfahrt, ich machte mich an den Blogpost über vorgestern (in meist stabilem WLAN). Vor uns saß eine Vierergruppe junger Spanierinnen, die viel Spaß miteinander hatten – ich hätte mich mehr mitgefreut, wenn sich die beiden mit Rückenlehnen zu mir beim Lachen nicht immer in ihre Sessel geworfen hätten.

Vorm Fenster verabschiedete sich bald der Sommer.

Auf der Fahrt sahen wir aber auch Sonne und blauen Himmel. Außerdem große Vogel-Show: Auf einer Wiese vier Störche, auf einer anderen mindestens ein halbes Dutzend Silberreiher, in der Luft Falken, Bussarde, Milane.

Beim Ausstieg in München war es wärmer als erwartet, und wir kamen trocken heim.

Kurze Einkaufsrunde in München und noch ein Punkt auf der Liste #Wienliebe: In der Wiener Innensstadt gibt’s schon auch Ladenleerstand. Aber dort leben nicht in 80 Prozent der Türbuchten dieser Läden Obdachlose – die Stadt scheint sich besser um sie zu kümmern.

Frühstück um halb drei: Körnersemmeln mit Butter/Tomate, Butter/Hagebuttenmarmelade, außerdem Pfirsichrettungsessen. Mit der jüngsten Crowdfarming-Bestellung einer Kiste Flachpfirsiche hatten wir nämlich Pech: Erst wurde der Liefertermin um vier Wochen in unseren Urlaub verschoben, zum Glück war meine Mutter da. Doch dann stellten sich die Früchte bei Ankunft als hart, unreif und angeschimmelt heraus. Ich bat meine Mutter um Lagerung im Kühlschrank, mal sehen, wie viel davon wir essen können.

Gleich danach eine Backrunde. Wenn ich Croco schon dazu terrorisiert hatte, das beschwärmte Zwetschgenkuchen-Rezept ihrer Mutter zu bloggen, musste ich es natürlich umgehend ausprobieren:
Zwetschgenkuchen mit Marzipan nach dem Rezept von Mama Croco.

Ich hatte weniger Zwetschgen benötigt (mit ca. 1,2 Kilo war die Form voll), der Kuchen duftete köstlich.

Lesen auf dem Balkon, dessen Bepflanzung meine Mutter verschönert hatten. Dann endlich wieder Yoga, ich startete das 30-Tage-Programm “Move” von Adriene.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Shakshuka mit Knoblauch von der spanischen Familie. Dazu öffneten wir die Flasche abenteuerlichen Uhudler aus Wien:

Schmeckt uns beiden! Ein trockener Wein, und die spezielle Note, vor der man uns gewarnt hatte, ist durchaus zugänglich. Da hatten wir schon schwerer vermittelbares im Glas. Als Erdbeer würde ich den Geschmack allerdings nicht beschreiben. Jetzt würden wir gerne weitere Uhudlers probieren, um Typisches von Speziellem unterscheiden zu können. Inzwischen weiß ich auch aus Kommentaren im Internet, dass es sowohl Uhudler Wermut gibt (die verlinkte Website erzählt die besondere Geschichte der Rebsorte) als auch Uhudler Frizzante.

Nachtisch Zwetschgenkuchen (der beim Abkühlen viel Wasser gezogen hatte und instabil geworden war, lag wahrscheinlich an den sehr reifen Früchten), schmeckte gut. Dann Schokolade aus Wien.

Abendunterhaltung zwei Folgen Mad Men.

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Bald wird die liberale Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße nach aufwändiger Restaurierung wiedereröffnet. In der taz beschreibt Dominik Baur ausführlich den Weg dorthin und die eng mit München verbundene Geschichte des Bauwerks sowie der Menschen hinter der Restaurierung:
“Licht im Hinterhof”.

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Zum Zeitunglesen kam ich in dieser Urlaubswoche gar nicht. Doch der Mastodon-Kanal des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit wies auf einen Artikel im gestrigen SZ-Magazin hin, der mich sehr interessierte (€):
“Das dunkle Erbe der Zwangsarbeiter”.

Millionen Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg zur Zwangsarbeit aus ganz Europa nach Deutschland verschleppt. Ihre Geschichten waren lange vergessen, dabei hat sich ihr Schicksal tief eingegraben: ins Land und in das Leben der nächsten Generation. Eine Spurensuche.

(Ich behielt beim Lesen halbwegs die Contenance. Den Boden unter den Füßen zog mir dann allerdings der Titel des Projekts “Trotzdem da” weg: Meine Mutter ist als Kind einer Zwangsarbeiterin aus der verbotenen Beziehung zu einem Zwangsarbeiter nur deshalb trotzdem da, weil der Überlieferung nach eine Einheimische sie als ihr Kind ausgab; es gibt ein Foto, von dem meine Mutter vermutet, dass es diese “Pflegemutter” zeigt.)

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 28. August 2025 – Wien 7 mit restlichem Wien Museum, WürstelWurstelprater, Zentralfriedhof

Freitag, 29. August 2025 um 10:41

Ein wenig unruhiger Schlaf, der Alkohol. Wir standen auf zu einem echten Hochsommertag, der nicht nur sonnig war, sondern auch bis zum frühen Nachmittag mit über 30 Grad richtig heiß werden sollte – zwar wirklich nicht meine liebste Temperatur, aber da ich wusste, dass es in München zur gleichen Zeit 19 Grad hatte und regnete, wir am Freitag sehr wahrscheinlich ins Herbsteln heimfahren würden, sog ich alles Sommerliche an diesem Tag auf, als Vorrat bis nächstes Jahr.

Vielstündiges Bloggen (die VG-Wort-Ausschüttung bringt mich nicht mal in Sichtweite von Mindestlohn), dann starteten wir den eigentlichen Urlaubstag. Plan war ein Fertiggucken des Wien Museums: aus Ordentlichkeitsgefühl, aus Interesse an der Geschichte Wiens von 1900 bis heute – und weil der Eintritt nichts kostet.

Wieder spazierten wir zu Fuß hin und erlebten unterwegs Wien-Dinge.

Rustensteg über die Gleise zum Westbahnhof.

Herr Kaltmamsell führte zum Frühstück einen kleinen Punschkrapferltest durch, allerdings nur mit zwei Exemplaren (Josef Schrott, Aida).

Unseren Weg legten wir diesmal über den Naschmarkt, um wenigstens durchgegangen zu sein: Tatsächlich ohne samstäglichen Bauernmarkt so wenig attraktiv wie inzwischen bekannt.

Der empfohlene Urbanek sah aber wirklich einladend aus – nehmen wir uns beim nächsten Wien-Urlaub vor.

Das Wien Museum starteten wir auch diesmal mit Ausblick von der Terrasse und Mittagscappuccino, dann gab’s viel Spannendes zu Wien im 20. und 21. Jahrhundert.

Auch dieser Teil der Dauerausstellung gefiel mir sehr gut: Stadtgeschichte wurde in Verbindung mit Nationalgeschichte und Weltgeschichte gesetzt, hervorragende Quellen illustrierten Entscheidungen, Auswirkungen, Verlauf. Methodisch besonders interessant fand ich den Raum zur Gegenwart: Hier gab es Bildschirme, auf denen Wiener Fachleute Entwicklungen wie EU-Osterweiterung, Einwanderung, Klimawandel in Wien erklärten, außerdem standen auf Schienen an der Wand herausnehmbare Täfelchen mit Fotos, deren Rückseiten Schlaglichter auf Themen wie Wohnsituation oder sich verändernen Arbeitsmarkt warfen: Hier kamen Wienerinnen und Wiener zu Wort.

Es ging auf halb drei zu, wir setzten uns wieder in den Park für mein Frühstück: Joghurt und Zwetschgen. Selbst im Schatten war es jetzt heiß, der deutliche Wind brachte mit seiner Wärme kaum Kühlung.

Abends waren wir verabredet, aber bis dahin hatten wir noch Zeit, mal im Prater vorbeizuschauen: Wir versprachen uns nicht viel davon, wollten ihn aber mal gesehen haben. Und um möglichst viel Wien mitzunehmen, gingen wir zu Fuß hin.

Badeschiff auf dem Donaukanal.

Der WürstelpraterWurstelprater war durchaus besucht, er klimperte und dudelte, in der Soundkulisse immer wieder die Juchzer von Menschen in Fahrgeschäften.

Herr Kaltmamsell lud mich auf eine Riesenradfahrt ein.

Unsere Verabredung mit zwei vertrauten Wienern war am Zentralfriedhof, dorthin brachten uns die angenehm verlässlichen Wiener Öffis (Regionalbahn, U-Bahn, Bim). Große Wiedersehensfreude, es war viel Herzens und Küssens. Die beiden zeigten uns einen Abschnitt des jüdischen Friedhofs (Grüße an die Torbergs), ich konnte einem der beiden, Experte für zeitgenössische Stadtplanung Wiens, manche Frage stellen, die in den Tagen zuvor aufgekommen war.

Besuch auch bei diesem Bau der Familie Ephrussi. Wir spazierten zum Bereich mit den Ehrengräbern.

Dieses von Hedy Lamarr gefiel mir (hinter mir die Peinlichkeit des Grabes von Udo Jürgens).

Die eigentliche Attraktion war allerdings das aufziehende Friedhofsfest (Open-Air-Konzert Nachklang), das bereits aufgebaut war und dessen Sound-Probe von einer beeindruckend großen Bühne weite Teile des Friedhofs mit Austro-Pop aus verschiedenen Epochen beschallte.

Mir fiel ein, dass auf dem lang nicht mehr betriebenen Alten Südfriedhof in München selbst Picknicks aus Gründen der Pietät untersagt sind, Wien hat dafür offensichtlich eine völlig andere Definition.

Eine weitere Überraschung: Hamster, und nicht nur einer (genauer: Feldhamster), unglaublich niedlich.

Zweiter Teil der Verabredung: Die Wiener hatten einen Tisch im Gasthaus Stern reserviert, dorthin brachte uns die Bim.

Im Innenhof eines alten Wohnhauses saßen wir in sehr warmer Luft und aßen ausgezeichnet.

Diese Vorspeise hatte als “Alpencalamari fritti” auf der Karte gestanden, und sie meinten diese Servierform von Kalbskutteln genau so.

Als Hauptspeise bekam ich zu meinem Gemischten Satz (diesmal einer vom Weingut Kroiss und eher leichter) Kärntner Kasnudeln, wunderbar. (Vorsatz aber für den nächsten Besuch dort: Wild, der Wirt erlegt es selbst.) Als Nachtisch bestellte ich eine Cremeschnitte – hatte mir eigentlich etwas anderes vorgestellt:

Doch dieser saftige Blätterteig mit Sahne und etwas Vanillecreme gefiel mir sehr gut.

Das eigentliche Unterhaltungsprogramm aber die Gespräche mit den beiden Herren. Wir konnten sie auch nach dem Essen fortsetzen, in der U3 zurück in die Innenstadt saßen wir fast die gesamte Strecke zusammen.

Als Letztes vor dem Zu-Bett-Gehen erreichte mich die Nachricht vom Tod einer Mitabiturientin: Mit ihr hatte ich alle 13 Jahre meines Schullebens verbracht, sie kam aus demselben Stadtviertel Ingolstadts. Auch wenn wir nie eng befreundet waren, kannte ich ihre Eltern, deren Wohnung mit Porzellanfigürchen, deren Fragilität mit durchbrochenen Ballettröckchen mich sehr faszinierte, ihren Wellensittich. Auch wenn ihr Tod nach vieljähriger, brutaler Krebserkrankung absehbar war, machte mich die Nachricht traurig.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 27. August 2025 – Wien 6 mit Mariahilfer, Wien Museum und Meierei

Donnerstag, 28. August 2025 um 9:58

Es hat sich herausgestellt, dass ich diesen Urlaub keineswegs nur mit Herrn Kaltmamsell verbringe: Entzückenderweise begleiten mich Online-Kontakte – von denen ich in Wien unerwartet viele habe. Auf unserem Spaziergang am Sonntag sprach mich eine Blogleserin an, die hier wohnt, was mich sehr freute. Dann schrieb ein Freund, den ich vor 20 Jahren übers Bloggen kennenlernte, dass seine mittlerweile verstorbene Mutter um die Ecke unserer Ferienwohnung wohnte, und erzählte Erinnerungen an Cafés und Läden. Wenn ich auf instagram oder Mastodon Fotos von unseren Erlebnissen in Wien poste, melden sich einheimische Kontakte mit Grüßen, Zusatzinfos und Tipps. Und gestern schrieb mir ein Kontakt aus einer lange zurückliegenden Vergangenheit, als ich noch den Traum von einem ganz anderen Lebensweg verfolgte, und die ebenfalls mein Blog liest. Das alles zusätzlich zu meinen Wien-Menschen, die ich während der Urlaubsplanung bereits für ein Treffen angeschrieben hatte (eines kommt am heutigen Donnerstagabend zustande). Ich fühle mich umgeben von Internet-Flausch, verbringe so einen Urlaub in angenehmer Gesellschaft.

Sehen Sie das bitte als anekdotischen Beleg: Tiktok und Influencer sind nicht das einzige Internet, einige Dutzend Online-Kontakte können das Leben viel mehr bereichern als Hundertausende Follower. (Auch wenn man damit nie Reichtümer anhäufen wird.)

§

Gestern erwachte ich nach sehr gutem Nachtschlaf, der auch noch lang dauerte – echter Urlaubsgenuss. Zentrale Programmpunkte des Tages: Wien Museum, Abendessen in der Meierei am Stadtpark.

Ein weiterer Sommertag, ich nutzte nochmal Sommerkleidung.

Vor das Programm legten wir Kulturerkundung: Wie sieht das Angebot des Discounters Hofer aus, also der lokalen Version des deutschen Aldi? Wir besichtigten die Filiale ums Eck, auch wenn uns bewusst war, dass wir für einen gründlichen Vergleich das Aldi-Sortiment viel zu wenig kennen. Stellte sich dennoch als interessant heraus, es kostete ein wenig Disziplin, (fast) nur Proviant einzukaufen.

Als Zusatzprogrammpunkt erwies sich auch der Fußweg zum Wien Museum über die Mariahilferstraße: So viel zu sehen!

Zum Beispiel der Blick Richtung Westbahnhof.

Zum Beispiel in der Rosinagasse ein Monsterchen, wie ich es aus München kenne: Wien-Besuch des Künstlers / der Künstlerin – oder sprüht in München gar ein*e Wiener*in? Ergänzung von Herrn Kaltmamsell: Vielleicht war auch das Auto in München und holte sich dort das Monsterchen.

Die Mariahilferstraße westlich des Rings wurde offensichtlich gerade komplett umgebaut und damit auf Öffis, Radl- und Fußgängerverkehr ausgerichtet – Dutzende ermordete Parkplätze!

Östlich des Rings ist sie wohl schon seit einer Weile fast Fußgängerzone, ich erinnere mich aber noch gut an meinen letzten Besuch, als hier Autoverkehr dominierte.

Herr Kaltmamsell blieb an einem der vielen Imbiss-Läden hängen: Er hatte im Angebot eines koreanisch markierten Corn Dogs entdeckt, die er schon lange aus der Literatur kannte – Gelegenheit eines Tests!

Als Füllung wählte er Käse. Abschließendes Urteil: “Nicht schlecht. Nicht sehr interessant.”

Wehmütige Gedanken an die verstorbene Bloggerin Kelef, mit der wir uns bei unserem letzten Wien-Besuch im Café Ritter getroffen hatten.

Fotografieren in Wien wie Buddenbohm in Hamburg.

Wiener Morbidität in ungeahnter Form.

Sensationelles Sortiment an Bürsten und altmodischer Kosmetik.

Wiener Megaprotz: Karlskirche.

Unser Ziel: Das Wien Museum, also das Wiener Stadtmuseum. Oben sieht man die Terrasse, auf die wir als Erstes stiegen.

Mittagscappuccino mit Aussicht.

Dann nahmen wir uns systematisch die drei Geschoße des Stadtmuseums vor, in chronologischer Reihenfolge.

Diese Projektion fasste die Entwicklung Wiens von erdgeschichtlichen Anfängen bis heute so hervorragend zusammen, dass ich das Gefühl eines Überblicks bekam.

Sehr gute Aufbereitung anhand von Kapiteln und Beispielen, immer wieder gelb markiert Bezüge zur Gegenwart, oft archäologische Hintergründe. Besonders gut gefiel mir das typisch zeitgenössische Hinterfragen bisheriger Narrative und Aufbereitungen, am deutlichsten dargestellt mit den Vitrinen voller angeblicher Beute aus der zweiten Türkenbelagerung 1683: Praktisch nichts davon kann auf die Zeit datiert werden, es diente anderen Zwecken als wissenschaftlichen.

Außerdem auffallend: 1. Wiens Geschichte ist natürlich eng mit der Österreichs verbunden / 2. die Revolution von 1848 spielt hier eine deutlich größere Rolle als z.B. in Frankfurt oder München. Mich machte die wirklich gute Gesamtpräsentation und Aufbereitung sehr gespannt darauf, wie das Münchner Stadtmuseum sich nach Umbau und Neueinrichtung (frühestens 2031) zeigen wird.

Leider war meine Aufmerksamkeit nach zwei der drei Ebenen erschöpft und reichte nur bis 1900, außerdem musste ich etwas essen. Durch den 3. Stock mit Infos und Exponaten nach 1900 marschierten wir lediglich mit kurzen Blicken links und rechts, selbst im beeindruckend ausgestatteten Museumsshop sah ich nur nach Postkarten.

Frühstück nach halb vier auf einer sonnig-warmen Bank im Resselpark: Brot, Zwetschgen.

Eine U-Bahn brachte uns in die Ferienwohnung, dort Lesen und Ausruhen, bis wir uns fürs Abendessen fein machten: Seit Jahren lese ich von der Meierei im Steirereck des Stadtparks, jetzt konnte ich sie endlich ausprobieren.

In dem wunderbaren Sommerabend waren viele Leute im Park unterwegs. Links neben dem Wiental-Kanal das Gebäude, in dem wir mit Blick auf den Park zu Abend aßen.

Wir nahmen einmal alles (also das 6-Gang-Menü) mit Weinbegleitung, entschieden uns bei der “oder”-Auswahl für dasselbe, um uns darüber austauschen zu können.

Start war eine Scheibe Ochsenherz-Tomate mit Buchweizen, Schaffrischkäse und Basilikum-Öl – großartig, blieb bis zum Schluss (neben der Käse-Auswahl) mein Lieblingsgang. Dazu ein überraschender (weil bitterer) Grüner Veltliner “Projekt Granit” von Weingut Esterhazy aus dem Burgenland.

Die Lachsforelle mit Marille, Salzzitrone und Pak Choy setzte sich nicht recht gegen den Essig der Sauce durch, passte aber besonders gut zu meinem Wein-Favoriten des Abends: Gelber Muskateller vom Nikolaihof aus der Wachau.

Der Süßwasserfisch wurde mit einer sehr kräftigen Consommé aufgegossen, ich genoss Kraft und Fisch. Interessant dazu der Rotgipfler “Mandelhöh” von Alphart am Mühlbach aus Traiskirchen.

Hauptgericht war wundervoll zart gebratenes Reh mit Navetten, Nektarinen, Mangold und Olivenkraut – ein schön stimmiger Teller. Im Glas ein 2015 Rioja “Viña Cubillo” Crianza, Lopez de Heredia – mei, ein Rioja halt. Irgendwann bitte ich (mit Ansage weit vorher natürlich) mal beim Fine Dining um eine Weinbegleitung rein aus Rotweinen: Meist bekomme ich in Menüs nur einmal einen, dabei würde ich gerne mehr kennenlernen.

Knaller 2: der Käsegang – wenn man schon mal in einer Meierei ist. Hervorragenderweise hatte man uns nicht je einen Teller mit vier Sorten zusammengestellt, sondern zusammen einen mit acht – mit Beschilderung! Wir kosteten zusammen mit ebenso spannenden Broten, dazu gab es Portwein.

Der Abschluss: Zwetschgenfleck mit Erdmandelpraliné-Eis und frischen Zwetschgen – der Fleck mit sensationell fluffig-warmem Hefeteig. Dazu ein aufregender Sekt: Reserve Rosé Brut von Zuschmann-Schöfmann aus Martinsdorf.

Ein schöner Abend mit wundervollem Blick.

Eine U-Bahn schaukelte uns sehr satt und zum Glück nicht unangenehm betrunken zurück in den 15. Bezirk.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 26. August 2025 – Wien 5 mit Meiselmarkt, Jüdischem Museum und chinesisch-spanischem Essen

Mittwoch, 27. August 2025 um 9:25

Nacht mit Loch: Nach einem Aufwachen um drei schlief ich lang nicht mehr ein.

Ausführliches Bloggen (wie halt immer im Urlaub), während Herr Kaltmamsell die Aufgabe hatte, den Hauptpunkt des Tagesprogramms zu entscheiden (ich hatte ihm einfach alles zugeworfen, was ich noch an Ideen auf meiner Wien-Liste hatte). Fest stand, dass wir als erstes den Meiselmarkt erkunden würden, den wir am Sonntag beim Spazieren entdeckt hatten und der uns mittlerweile unabhängig davon empfohlen worden war. Fest stand auch die Verabredung zum Abendessen. Die Entscheidung: Wir würden uns an diesem Tag mit dem Jüdischen Museum befassen.

In wieder wundervollem und mildem Sonnenwetter spazierten wir aber erstmal zum unweit gelegenen Meiselmarkt.

Das hatten wir am Sonntag von außen gesehen, der Anblick hatte mich sofort an altmodische Madrider Mercados denken lassen.

Das sahen wir nach Betreten der Markthalle.

Der Vergleich mit Mercados hielt, auch wenn es fast nur Fleisch und fast keinen Fisch in den Auslagen gab (Wien ist ja mit 380 Kilometern nur 20 Kiloemter weiter vom Meer entfernt als Madrid). Sehr viele, sehr unterschiedliche Obste und Gemüsen, viele, viele fast ausschließlich einwanderisch geprägte Metzgereistände (viele Innereien, kroatische Stände mit G’sellchtem und ganzen gebratenen Spanferkeln), spannende Gewürze, Hülsenfrüchte, ein paar Bäckereien, ein Blumenstand, dazu Marktkneipen – und nur wenige Stände waren wegen Sommerurlaubs geschlossen. Wir sahen uns ausführlich um, kauften Kleinigkeiten ein.

Einkäufe in der Ferienwohnung verstaut, ein wenig Brotzeit eingepackt, dann nahmen wir eine U-Bahn ins Zentrum.

Das Jüdische Museum in der Dorotheergasse hatten Herr Kaltmamsell und ich bei unserem ersten Wien-Urlaub vor ca. 20 Jahren besichtigt, doch seither wurde die Dauerausstellung völlig neu konzipiert, und dazugekommen ist ein weiterer Museumsteil am Judenplatz: Hier, wo ab dem 13. Jahrhundert ein jüdisches Viertel gewachsen war, hatte man unter dem Gebäude Judenplatz 8 die Reste einer Synagoge entdeckt und ausgegraben. Außerdem hatte ich gelesen, dass das Jüdische Museum die Netsuke von Edmund de Waal zeigte, die im Zentrum seines familienbiografischen Romans The Hare with the Amber Eyes stehen – deshalb wollte ich über den Palais Ephrussi hingehen, in dem seine Familie die Netsuke einst aufbewahrte.

Palais Ephrussi am Universitätsring (warum die Adresse nicht mehr wie in meiner Erinnerung Dr.-Karl-Lueger-Ring heißt, wurde im Jüdischen Museum im Kapiel Wiener Antisemitismus erklärt). Im Starbucks im Palais bekam ich meinen Mittagscappuccino (genauer: Milch mit leichtem Espresso-Aroma, ich hatte wieder vergessen, dass ich bei Starbucks immer einen Extra-Shot bestellen muss).

Spaziergang durch die touristische Innenstadt zum Jüdischen Museum, hier die Schlange vorm berühmten Café Central (dafür brauchte es ziemlich sicher keine Tiktok-Kampagne).

Die Ausstellungen im Jüdischen Museum gefielen mir sehr gut. Das Haupthaus in der Dorotheergasse konzentriert sich auf das jüdische Wien: Ein Teil schildert die jüdische Geschichte der Stadt nach 1945, thematisiert endlich auch die Jahrzehnte, in denen das nicht-jüdische Wien und Österreich jede Mitschuld an der systematischen Verfolgung und Ermordung ihrer jüdischen Mitbürger*innen im Dritten Reich von sich gewiesen hatten.

In diesem Teil konnte ich Edmud de Waals Netsuke bewundern.

Der andere Teil informiert über das jüdische Wien in den Jahrhunderten davor – sehr nahbar aufbereitet in Kapiteln mit Überblickstexten, dann anhand von ausgewählten Details (Gegenstände, Quellen, Biografien) illustriert. Es gab auch einen Online-Multimedia-Guide (plus stabilem WLAN) zu vielen Exponaten mit Fotos, Audio-Texten, Filmen, doch meist genügten mir die Informationen in der Ausstellung selbst. An passenden Stellen thematisiert: Die Rolle der jüdischen Wiener*innen, die nicht in Geschichtsbüchern auftauchen, zum Beispiel bei der Finanzierung der bedeutensten Bauwerke Wiens durch die Jahrhunderte (mehr oder meist weniger freiwillig).

Im obersten Stockwerk des Hauses besichtigten wir verschiedene Sammlungen, unter anderem eine mit historischen antisemitischen Gegenständen.

Jetzt musste ich aber wirklich etwas essen. Wir spazierten zum nahegelegenen Burggarten und setzten uns gut nach drei zwischen andere Brotzeiterinnen auf eine sonnige Bank; Herr Kaltmamsell hatte sich unterwegs an einem Würstlstand eine gebratene Burenwurst in der Semmel geholt, ich hatte Brot und Weintrauben dabei.

Auf dem Judenplatz steht ein Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoah, dahinter sieht man die schmale Fassade des Jüdschen Museums.

Wir blieben gleichmal in der Ausstellung im Erdgeschoß hängen: “Sag mir, wo die Blumen sind…” 80 Jahre nach dem Krieg – Fotografien von Roger Cremers, sehr beeindruckend auf vielen Ebenen (inhaltlich, fotografisch, handwerklich).

Die Hauptausstellung im Haus: “Unser Mittelalter! Die erste jüdische Gemeinde in Wien”, inklusive der Ausgrabung im Keller sehr gut aufbereitet.

Ein drehbarer Bildschirm zeigt, wie das Innere der ausgegrabenen Synagoge wahrscheinlich ausgesehen hat.

Erstmal genug Eindrücke für einen Tag, wir nahmen eine U-Bahn zurück zu unserer Ferienwohnung. Ein Stündchen ausruhen, dann spazierten wir im goldenen Abendlicht zu unserer Abendverabredung mit einer Wienerin aus dem Internet: Auf meinen Wunsch nach asiatisch orientiertem Essen hatte sie die Chinabar vorschlagen – chinesisches Essen mit spanischem Einschlag, das klang attraktiv abgefahren.

Wir saßen draußen vor dem Lokal sehr gemütlich, teilten uns erstmal als Vorspeisen (von unten): Spanische Morcilla (Blutwurst) mit Pilzmischung, Kuttelsalat, Tofu mit Sardellen und Sesamöl (der Knaller des Abends, seither überlegt Herr Kaltmamsell einen Nachbau).

Und ein Grüntee – „Glücksei“ in Hackfleisch-Mantel auf Gemüse. Die beiden Hauptspeisen teilten wir uns auch: Thunfisch Tataki im Sesammantel auf Hausnudeln, Kalbszunge mit Pfefferoni. Dazu trank ich eine hausgemachte Limonade Himbeer-Lichee: knall-lila, sehr wenig süß, sehr gut.

Vor allem aber erzählten wir einander, was wir nicht in die respektiven Blogs oder auf Mastodon schreiben, ich konnte Details erfragen, freue mich jetzt auf die nächsten Berichte aus China. Und wir bekamen spannenden Hintergrund aus Wien und dem 15. Bezirk.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 25. August 2025 – Wien 4 mit Stadthallenbad, Kunsthistorischem Museum und Loos

Dienstag, 26. August 2025 um 9:13

Ich hatte mir wegen Vormittagsplan sogar einen Wecker gestellt, wachte munter davor auf.

Der Plan: Schwimmen im Stadthallenbad (das eigentlich Stadthallenhallenbad heißen müsste, aber als Wienerin hätte ich auch ein -hallen- rausgekürzt).

Nach Milchkaffee, Bloggen, Selbstreinigung packte ich Minimalschwimmzeug, um halb zehn machte ich mich auf den kurzen Fußmarsch.

Wetter: wolkenlos sonnig und noch ziemlich frisch.

Da ich weiß, wie komplex die Prozesse bis ins Wasser eines Hallenschwimmbeckens sein können, trat ich an die Kassendame gleich mit einem “Guten Morgen! Ich bin zum ersten Mal hier und möchte nichts falsch machen.” heran. Sie erklärte mir dann auch geduldig, dass der Eintritt 8,50 Euro kostete (das wusste ich bereits und war leicht schockiert – im Münchner Dantebad zahlt man heuer 6,50 Euro), dass es Sammelumkleiden und einen mittelkomplizierten Prozess mit Plastikkarte plus Messingmünze für Eintritt, Spind, Verlassen des Bads gab.

Ich kam zurecht, fand auch eine der wenigen Kabinen zum Umziehen, per Ausschilderung zu Duschen und einige Treppen hoch in die Schwimmhalle, die ich bereits von Fotos recht gut kannte. Die Bahnen waren fast leer, ich genoss das Glück eines Arbeitsmontagvormittags im August. Schwimmen ging gut, allerdings sah ich bereits beim Gleiten ins Wasser vorher, was später eintrat: Ab ca. 1.500 Metern fröstelte mich, das Wasser war die wenigen Grad zu kühl für mein persönliches Optimum. So schwamm ich irgendwann mit so hoher Gänsehaut, dass sie mich vermutlich abbremste – aber bei ACHT EURO FÜNFZIG wollte ich bitte meine gesamten 3.000 Meter haben.

Auch den Ausgangsprozess absolvierte ich mit Bravour, draußen war es jetzt warm genug für Jackenlosigkeit. Größere Schleife auf dem Heimweg über eine empfohlene Bäckerei: Brot für abends.

Sehen Sie all die armen ermordeten Parkplätze am Reithofferpark an der Märzstraße?!

Meine Wien-Verliebtheit hält an, ich sehe alles in diesem goldenen Augustsonnenlicht durch die rosarote Urlaubsbrille. Und freue mich auch über das Design dieser Bäckereitüte ohne Hipster-Ausreißer.

Nächster Programmpunkt: Supermarkteinkauf. In der Nähe unserer Ferienwohnung war die Auswahl groß, wir entschieden uns für den heimischen Billa und sahen uns dort gründlich um.

Die Weinregale fast ausschließlich mit österreichischen Produkten gefüllt, Herr Kaltmamsell freute sich über den Uhudler – er hatte kürzlich zu der Traubensorte dahinter recherchiert, war auf diesen sehr speziellen Wein gestoßen und wollte ihn gern probieren. Außerdem kauften wir fürs Nachtmahl ein.

Einkäufe verräumt, jetzt gingen wir kurz nach eins frühstücken. Am Café Lorenz hatten wir eine Tafel entdeckt, die Saure Wurst anbot und Bauernpresswurst mit Kernöl: Genau diese Speisen wollten wir probieren.

Herr Kaltmamsell überzeugte sich, dass Saure Wurst nicht dasselbe ist wie Bayerischer Wurstsalat, ich dass Bauernpresswurst nicht identisch ist mit bayerischem Presssack (sie enthielt viel mehr Fleisch) und dass Kernöl hervorragend dazu passt. Ein Genuss auch die frischen Handsemmerln.

Nachmittagsprogramm: Kunsthistorisches Museum, das wir noch nie besucht hatten; wir spazierten durch den herrlichen Tag dorthin (immer noch lieber in der wärmenden Sonne). Unterwegs in einer schicken Rösterei an der Westbahnstraße Espresso/Cappuccino.

Das Kunsthistorische Museum begannen wir mit der Ägyptisch-orientalischen Sammlung, ich war durchaus positiv überrascht, auch von der Antikensammlung.

Im Obergeschoß nahmen wir uns Großteile der Gemäldegalerie vor. Was mich hier begeisterte: Die Lösung der Beschriftung. Ein Geländer hält Besuchende von den Bildern in Sicherheitsabstand und platziert darauf die (in meinen Augen meist sehr interessanten) Informationen zu den Gemälden. (Zornige Gedanken an die Alte Pinakothek in München, in der die Schilder neben den Gemälden so klein beschriftet sind, dass alte Leute wie ich den Bildern bis Sicherheitsalarm-Gebimmel nahekommen müssen, um sie lesen zu können.)

Verhandlungen über die weitere Gestaltung des späten Nachmittags führten uns zu der empfohlenen legendären Loos American Bar – deutlich winziger als erwartet, sehr atmosphärisch, mit wunderbaren Cocktails.

Burggarten im Augustlicht.

Loos von außen.

Loos von innen: Wir bestellten beide Klassiker, ich den Side Car links, Herr Kaltmamsell den Bronx rechts. Plaudernd und herumschauend fühlten wir uns so wohl, dass wir danach noch zwei Prince of Wales zubereiten ließen – auch im Kupferbecher statt Silber schmeckte er sehr gut. Und machte uns dann doch recht betrunken. Für den Heimweg bemühten wir also die U3, auch darin gab es viel zu sehen für meine verliebten Augen.

Das Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell zu: Wiener Tofu mit Paprika, Pilzen, Schalotten, außerdem Wiener Kimchi, ich reichte Tomaten-Raritäten und Roggen-Dinkel-Brot an.

Alles sehr gut. Nachtisch: Restliche Tofu-Speisen, Mannerschnitten.

Abendunterhaltung eine Folge Mad Men: Herr Kaltmamsell hatte mühsam einen Weg gefunden, von seinem Handy auf den Fernsehbildschirm der Ferienwohnung zu übertragen. Lineares Fernsehen hatte er allerdings dort nicht bekommen.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 24. August 2025 – Wien 3 mit Grätzl-Spaziergang und Heurigen-Wanderung

Montag, 25. August 2025 um 8:10

Gut und noch länger geschlafen.

Gute Aussichten!

Während ich bloggte (was wieder länger dauerte als gedacht mit all den Fotos – und dabei habe ich sogar aus Erschöpfung vor einiger Zeit aufgegeben, für jedes Foto auch noch einen Alt-Text zu erfinden, schlechtes Gewissen hin oder her), hatte Herr Kaltmamsell die Aufgabe, fürs Tagesprogramm Heuriger eine Anfahrt plus Wanderung zu recherchieren. Das Ergebnis seiner Recherche ließ uns Zeit für Erkunden unserer Wohngegend im 15. Bezirk und für Mittagscappuccino.

Kardinal-Rauscher-Platz, strahlend sonnig, aber deutlich jackenkühl.

Überrraschend, wie vielen Trinkwasserbrunnen wir in Wien begegnen, da stellt sich eine Großstadt auf höhere Temperaturen ein. Das Modell oben kenne ich aus Berlin, sonst gibt es in Wien größere Metalltürme mit viel Text darauf.

Typo-Liebe, manchmal auch in Rätselform (es soll M77 heißen, das Restaurant am Eck gibt es aber nicht mehr).

Diese Kleingartenanlage des Vereins Zukunft auf der Schmelz ist so weitläufig, dass die Wege fürs Spazieren und für Sport genutzt werden (oben einer der schmalsten Wege, hinten sieht man die Graf-Radetzky-Kaserne). Für uns Deutsche überraschend: Wo in uns vertrauten Kleingartenanlagen Hütten stehen, waren das hier überwiegend große, meist schicke und bis zu zweigeschoßige Wohnhäuser mit allem Drum und Dran, manche von englischem Rasen umgeben statt von Gemüsebeeten – die Satzungen der hiesigen Kleingartenvereine müssen sich deutlich von denen unterscheiden, die wir gewohnt sind.

Mittagscappuccino im (nachvollziehbarerweise) empfohlenen Café Kriemhild.

(Schwarzer Schlabberrock, dunkle Biker Boots, hochgeschlossene Reißverschluss-Sportjacke aus dunkelgrau glänzendem dickeren Material, unterm Bund lugte ein Tuch um die Hüften gebunden hervor, dessen Muster auch Schwarz und Jackengrau enthielt, die Haare zottelig kurz, darin Metall-Klupperl, wie sie beim Haareschneiden verwendet werden – das Styling der jungen Frau gefiel mir so gut, dass ich es ihr sagen musste.)

Zurück in der Wohnung aß ich zum Frühstück ein ordentliches Stück Picknick Pie, das Herr Kaltmamsell in München aus Ernteanteilgemüse zubereitet hatte. Dann begannen wir den Öffi-Triathlon, der uns nach Grinzing zur Weinberg-Wanderung brachte: Bim, U-Bahn, Bus. Der Bus war dicht besetzt mit als Bayer*innen verkleidetem Volk, und wir mussten vor der eigentlichen Endhaltestelle der Linie raus: Akkrat an diesem Wochenende fand der Neustifter Kirtag statt, der das letzte Stück der Buslinie belegte. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, dass Wiener*innen Oktoberfestbesucher*innen cosplayen – als was fühlten die sich wohl angezogen?

Das schmale Landsträßchen war nicht nur für uns Fußgänger*innen die Umgehung des Volksfestgebiets (und wir waren bei weitem nicht die einzigen Sonntagsspaziergänger*innen), sondern auch für die Autos: Einige Male mussten wir in die Weinberge steigen, um auszuweichen.

Harmlos scheinende Mariensäule.

Mit echtem katholischen Grusel beschriftet.

Dagegen wirkte die Reblaus-Figur niedlich.

Der Wanderweg, den Herr Kaltmamsell gefunden hatte, war wunderschön. Er bot sonnige Nahblicke in die Weinberge und weite Aussichten auf Wien, zwei Stunden mit viel Abwechslung. Die erste Stunde für mich leider getrübt von absurden Kreislauf-Purzelbäumen, die mich vor Schwindel einmal sogar eine Bank benötigen ließen (nicht lang, denn sie stand riechbar neben einer Sickergrube).

Die Wanderung führte uns auch an der umgebauten Sisi-Kapelle Am Himmel vorbei, hier die Geschichte.

Ich hatte mir den kleinen Heurigen Zawodsky empfehlen lassen, schön klein und grün eingewachsen.

Die Weinkarte:

Er schmeckte mir sehr gut: blumig, vielfältig, kräftig, mit Nachhall. Nachfrage ergab: ein Gemischter Satz.

Dieser Heurige ist bekannt für Gegrilltes, wir aßen je eine Scheibe Schweinernes mit Salat, ich ließ mir zusätzlich einen Maiskolben grillen.

Und wir genossen die Aussicht mit Abendsonne.

Reschpekt, Sievering: Eine Barock-Kirche mit Show-Treppen. Und als hätte das nicht gereicht, heißt sie auch noch Wallfahrtskirche Mariä Schmerzen Kaasgraben – Humor konnte man der katholischen Kirche noch nie absprechen.

Für den Heimweg gingen wir das erste Drittel des Öffi-Triathlons zu Fuß, dann brachten uns Regional- und U-Bahn zu unserer Straße.

Erstmal gingen wir aber auf ein Eis als Nachtisch 1 zur Gelateria di Jimmy (kosmopoliter wird’s wahrscheinlich nicht), spazierten dann mit dem (wirklich guten) Eis in der Hand durch die Abenddämmerung.

Vor dem Schlafengehen gab es als Nachtisch 2 einen Teil der Tofu-Desserts, die wir am Samstag in der Tofu-Manufaktur entdeckt hatten:

Von rechts: Säuerlicher, schaumiger und nur leicht süßer Tofu / Cheesecake / Schoko-Tofu, ziemlich fest. Alles ganz ausgezeichnet und überraschend.

Stärkstes Glücksgefühl: Es war Sonntagabend, und ich musste am nächsten Tag NICHT in die Arbeit!

In der Wochenend-SZ hatte ich den Selbstversuch von Sebastian Strauß gelesen, der wie die jungen Leute heutzutage seinen Amsterdam-Urlaub anhand von Tiktok-Empfehlungen organisierte (€):
“Wie die Generation Tiktok Urlaub macht”.

Ergebnis nicht überraschend, ich kenne die ohne Tiktok-Empfehlung nicht erklärbaren Schlangen vor random Lokalen und Geschäften ja aus der Münchner Innenstadt. Und bin sehr sicher, dass es auch anders planende junge Leute gibt.

Selbst folge ich sehr gerne persönlichen Empfehlungen, meist von Menschen, die ich kenne (manche habe ich diesmal mitgeschrieben, als jemand anders kürzlich auf Mastodon um Wien-Tipps bat, unter anderem den Heurigen Zawodsky). Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht: An den Bremen-Urlaub entlang den Empfehlungen einer Freundin, die dort studiert hatte, denke ich bis heute sehr gern, das englische Bath mit der Tipp-Liste einer Kollegin, die dort das Auslandsjahr ihres Studiums verbracht hatte, brachte mich an viele sehens- und erinnernswerte Stellen, auf die ich sonst nie gekommen wäre (von denen die meisten tatsächlich in keinem Reiseführer auftauchten). Aber: Meine FOMO ist stark unterentwickelt. Alles (wovon eigentlich?) schaffe ich eh nicht, Superlativen misstraue ich (“schönstes”, “bestes” – nach welchen Kriterien?), bevorzuge Eigen- und Besonderheiten, die auch Menschen schätzen, die an meinem Urlaubsort leben.

die Kaltmamsell