Es hat sich herausgestellt, dass ich diesen Urlaub keineswegs nur mit Herrn Kaltmamsell verbringe: Entzückenderweise begleiten mich Online-Kontakte – von denen ich in Wien unerwartet viele habe. Auf unserem Spaziergang am Sonntag sprach mich eine Blogleserin an, die hier wohnt, was mich sehr freute. Dann schrieb ein Freund, den ich vor 20 Jahren übers Bloggen kennenlernte, dass seine mittlerweile verstorbene Mutter um die Ecke unserer Ferienwohnung wohnte, und erzählte Erinnerungen an Cafés und Läden. Wenn ich auf instagram oder Mastodon Fotos von unseren Erlebnissen in Wien poste, melden sich einheimische Kontakte mit Grüßen, Zusatzinfos und Tipps. Und gestern schrieb mir ein Kontakt aus einer lange zurückliegenden Vergangenheit, als ich noch den Traum von einem ganz anderen Lebensweg verfolgte, und die ebenfalls mein Blog liest. Das alles zusätzlich zu meinen Wien-Menschen, die ich während der Urlaubsplanung bereits für ein Treffen angeschrieben hatte (eines kommt am heutigen Donnerstagabend zustande). Ich fühle mich umgeben von Internet-Flausch, verbringe so einen Urlaub in angenehmer Gesellschaft.
Sehen Sie das bitte als anekdotischen Beleg: Tiktok und Influencer sind nicht das einzige Internet, einige Dutzend Online-Kontakte können das Leben viel mehr bereichern als Hundertausende Follower. (Auch wenn man damit nie Reichtümer anhäufen wird.)
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Gestern erwachte ich nach sehr gutem Nachtschlaf, der auch noch lang dauerte – echter Urlaubsgenuss. Zentrale Programmpunkte des Tages: Wien Museum, Abendessen in der Meierei am Stadtpark.

Ein weiterer Sommertag, ich nutzte nochmal Sommerkleidung.
Vor das Programm legten wir Kulturerkundung: Wie sieht das Angebot des Discounters Hofer aus, also der lokalen Version des deutschen Aldi? Wir besichtigten die Filiale ums Eck, auch wenn uns bewusst war, dass wir für einen gründlichen Vergleich das Aldi-Sortiment viel zu wenig kennen. Stellte sich dennoch als interessant heraus, es kostete ein wenig Disziplin, (fast) nur Proviant einzukaufen.
Als Zusatzprogrammpunkt erwies sich auch der Fußweg zum Wien Museum über die Mariahilferstraße: So viel zu sehen!

Zum Beispiel der Blick Richtung Westbahnhof.

Zum Beispiel in der Rosinagasse ein Monsterchen, wie ich es aus München kenne: Wien-Besuch des Künstlers / der Künstlerin – oder sprüht in München gar ein*e Wiener*in? Ergänzung von Herrn Kaltmamsell: Vielleicht war auch das Auto in München und holte sich dort das Monsterchen.

Die Mariahilferstraße westlich des Rings wurde offensichtlich gerade komplett umgebaut und damit auf Öffis, Radl- und Fußgängerverkehr ausgerichtet – Dutzende ermordete Parkplätze!


Östlich des Rings ist sie wohl schon seit einer Weile fast Fußgängerzone, ich erinnere mich aber noch gut an meinen letzten Besuch, als hier Autoverkehr dominierte.
Herr Kaltmamsell blieb an einem der vielen Imbiss-Läden hängen: Er hatte im Angebot eines koreanisch markierten Corn Dogs entdeckt, die er schon lange aus der Literatur kannte – Gelegenheit eines Tests!


Als Füllung wählte er Käse. Abschließendes Urteil: “Nicht schlecht. Nicht sehr interessant.”

Wehmütige Gedanken an die verstorbene Bloggerin Kelef, mit der wir uns bei unserem letzten Wien-Besuch im Café Ritter getroffen hatten.

Fotografieren in Wien wie Buddenbohm in Hamburg.

Wiener Morbidität in ungeahnter Form.


Sensationelles Sortiment an Bürsten und altmodischer Kosmetik.

Wiener Megaprotz: Karlskirche.

Unser Ziel: Das Wien Museum, also das Wiener Stadtmuseum. Oben sieht man die Terrasse, auf die wir als Erstes stiegen.

Mittagscappuccino mit Aussicht.
Dann nahmen wir uns systematisch die drei Geschoße des Stadtmuseums vor, in chronologischer Reihenfolge.

Diese Projektion fasste die Entwicklung Wiens von erdgeschichtlichen Anfängen bis heute so hervorragend zusammen, dass ich das Gefühl eines Überblicks bekam.

Sehr gute Aufbereitung anhand von Kapiteln und Beispielen, immer wieder gelb markiert Bezüge zur Gegenwart, oft archäologische Hintergründe. Besonders gut gefiel mir das typisch zeitgenössische Hinterfragen bisheriger Narrative und Aufbereitungen, am deutlichsten dargestellt mit den Vitrinen voller angeblicher Beute aus der zweiten Türkenbelagerung 1683: Praktisch nichts davon kann auf die Zeit datiert werden, es diente anderen Zwecken als wissenschaftlichen.
Außerdem auffallend: 1. Wiens Geschichte ist natürlich eng mit der Österreichs verbunden / 2. die Revolution von 1848 spielt hier eine deutlich größere Rolle als z.B. in Frankfurt oder München. Mich machte die wirklich gute Gesamtpräsentation und Aufbereitung sehr gespannt darauf, wie das Münchner Stadtmuseum sich nach Umbau und Neueinrichtung (frühestens 2031) zeigen wird.
Leider war meine Aufmerksamkeit nach zwei der drei Ebenen erschöpft und reichte nur bis 1900, außerdem musste ich etwas essen. Durch den 3. Stock mit Infos und Exponaten nach 1900 marschierten wir lediglich mit kurzen Blicken links und rechts, selbst im beeindruckend ausgestatteten Museumsshop sah ich nur nach Postkarten.
Frühstück nach halb vier auf einer sonnig-warmen Bank im Resselpark: Brot, Zwetschgen.
Eine U-Bahn brachte uns in die Ferienwohnung, dort Lesen und Ausruhen, bis wir uns fürs Abendessen fein machten: Seit Jahren lese ich von der Meierei im Steirereck des Stadtparks, jetzt konnte ich sie endlich ausprobieren.

In dem wunderbaren Sommerabend waren viele Leute im Park unterwegs. Links neben dem Wiental-Kanal das Gebäude, in dem wir mit Blick auf den Park zu Abend aßen.
Wir nahmen einmal alles (also das 6-Gang-Menü) mit Weinbegleitung, entschieden uns bei der “oder”-Auswahl für dasselbe, um uns darüber austauschen zu können.

Start war eine Scheibe Ochsenherz-Tomate mit Buchweizen, Schaffrischkäse und Basilikum-Öl – großartig, blieb bis zum Schluss (neben der Käse-Auswahl) mein Lieblingsgang. Dazu ein überraschender (weil bitterer) Grüner Veltliner “Projekt Granit” von Weingut Esterhazy aus dem Burgenland.

Die Lachsforelle mit Marille, Salzzitrone und Pak Choy setzte sich nicht recht gegen den Essig der Sauce durch, passte aber besonders gut zu meinem Wein-Favoriten des Abends: Gelber Muskateller vom Nikolaihof aus der Wachau.

Der Süßwasserfisch wurde mit einer sehr kräftigen Consommé aufgegossen, ich genoss Kraft und Fisch. Interessant dazu der Rotgipfler “Mandelhöh” von Alphart am Mühlbach aus Traiskirchen.

Hauptgericht war wundervoll zart gebratenes Reh mit Navetten, Nektarinen, Mangold und Olivenkraut – ein schön stimmiger Teller. Im Glas ein 2015 Rioja “Viña Cubillo” Crianza, Lopez de Heredia – mei, ein Rioja halt. Irgendwann bitte ich (mit Ansage weit vorher natürlich) mal beim Fine Dining um eine Weinbegleitung rein aus Rotweinen: Meist bekomme ich in Menüs nur einmal einen, dabei würde ich gerne mehr kennenlernen.

Knaller 2: der Käsegang – wenn man schon mal in einer Meierei ist. Hervorragenderweise hatte man uns nicht je einen Teller mit vier Sorten zusammengestellt, sondern zusammen einen mit acht – mit Beschilderung! Wir kosteten zusammen mit ebenso spannenden Broten, dazu gab es Portwein.

Der Abschluss: Zwetschgenfleck mit Erdmandelpraliné-Eis und frischen Zwetschgen – der Fleck mit sensationell fluffig-warmem Hefeteig. Dazu ein aufregender Sekt: Reserve Rosé Brut von Zuschmann-Schöfmann aus Martinsdorf.
Ein schöner Abend mit wundervollem Blick.

Eine U-Bahn schaukelte uns sehr satt und zum Glück nicht unangenehm betrunken zurück in den 15. Bezirk. 
die Kaltmamsell