Meine Probleme mit Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol

Mittwoch, 1. Juli 2020 um 20:32

Ein Buch zwischen den Genres, in dem die Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin im Dritten Reich im Rentenaltern den Wurzeln ihrer Mutter nachforscht. Das Thema ist eng verknüpft mit meiner eigenen Familiengeschichte (ich bin die Enkelin einer polnischen Zwangsarbeiterin), deshalb interessierte mich das Buch, außerdem geschrieben von einer Romanautorin. Aus demselben Grund fürchtete ich mich davor: Ich habe mehrfach erlebt, dass es mir emotional die Füße wegzieht, wenn mir die Geschichte meiner Großmutter nahe kommt.

Doch gleich das erste Viertel beruhigte mich: Die hochwohlgeborene Familie dieser Mutter, geboren im ukrainischen Mariupol, unterscheidet sich in praktisch allem von dem Hintergrund meiner polnischen Oma, ich war weit genug weg von persönlicher Betroffenheit.

Und so folgte ich der Erzählerinnenstimme interessiert bei ihrer Recherche, hätte gerne mehr über den Hobbyhistoriker Konstantin erfahren, der viele Tage und Nächte opfert, um der Erzählerin bei ihrer Suche zu helfen, verfolgte gespannt, wie dabei die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung und des Internets genutzt werden.

Doch dann begann ich mich doch bei der Lektüre immer unwohler zu fühlen. Zunächst war ich irritiert von den ständigen Charakterprojektionen auf Basis der Fotos: Physiognomie/Gesichtsaudruck auf diesem einen Bild wird immer 1:1 mit Persönlichkeit gleichgesetzt. Das las sich sehr nach 19.-Jahrhundert-Schmonzette – und hat natürlich die Kehrseite negativer Zuschreibungen, wenn jemand nicht ins Bild der edlen, vornehmen und entsprechend zartgliedrigen Familie passt, das Wodin sich konstruiert: Der vierschrötig aussehende Kusin stellt sich prompt als Gewalttäter heraus.

Im zweiten Teil erfindet Wodin dann aus den recherchierten Fragmenten, den schriftlichen Lebenserinnerungen ihrer Tante und bekannten historischen Hintergründen eine stringente Lebensgeschichte ihrer Mutter. Ihr ganzes Mitgefühl und zahllose Empathie-erzeugende Details gehören den enteigneten reichen und gebildeten Familienmitgliedern, die in den revolutionären Zeiten alles verloren, verfolgt wurden, hungerten. Selbstverständlich war auch mir all dieses Leid nachvollziehbar, doch ich hörte schon sehr laut das Schweigen über die Ursachen der revolutionären Umstürze im Russland und der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts. Die Geschichte der armen, armen reichen Leute in der russischen Revolution hingegen ist bereits so zum Topos geworden, den die Emigranten im Westen pflegten (sogar die Rolle der loyalen und treusorgenden Dienstbotin ist besetzt, und zwar mit dem Kindermädchen Tonja), dass mir zu einem perfekten Bild nur noch das Auftauchen der letzten Zarentochter Anastasia fehlte.

Oh ja, das war wirklich meilenweit entfernt von der Geschichte meiner polnischen Großmutter Kazimiera Zbydniewska, die als 17-jährige Schneiderei-Lehrling aus dem südpolnischen Klimontov zur Zwangsarbeit auf einem schwäbischen Bauernhof verschleppt wurde, eine stämmige Person mit dreckiger Lache, die gerade mal halbwegs lesen konnte. Und dennoch ebenso viel Anspruch auf Erbarmen hat wie eine gebildete, zarte Anwaltstochter. Wodins Buch aber vermittelt mir den unangenehmen Eindruck, dass das Leid von Menschen mit vermögender, gebildeter Herkunft besonders schwer wiegt, weil die’s doch wirklich nicht verdient haben.

Die detaillierte Beschreibung der Monate, die ihre Eltern als Zwangsarbeiter in Leipzig durchlitten, erweckt durchaus eine Zeit und Schicksale zu Leben, unterstrichen durch grausame und rassistische Zitate aus historischen Quellen. Tatsächlich erzählen sie mehr das Leid, dass die Tochter bei dem Gedanken daran empfindet.

Mit dem Schlussteil konnte ich wieder mehr anfangen, in dem Wodin ihre Kindheitserinnerungen zur Geschichte macht, die harten Jahre am Rand der Gesellschaft, in Armut, ohne Freunde, und den Weg ihrer Mutter in den Suizid (wobei nie das Wort Depression auftaucht, sondern sie immer nur das veraltete „Geistenkrankheit“ verwendet).

Sehr gut nachvollziehen kann ich ja Wodins Sehnsucht, ihre Wurzeln zu kennen: Mit elf die Mutter durch Suizid zu verlieren, muss entsetzlich gewesen sein. Aber ist es nicht etwas arg überkompensiert, schlussendlich die gesamte eigene Persönlichkeit als Resultat der Vorfahren zu konstruieren? Eigene Liebe zur Oper – es gab einen Onkel, der Opernsänger war. Liebe zur Sprache – eine andere Tante war Literaturwissenschaftlerin. Ein ganzes Leben mit dem Gefühl, eigentlich etwas Besseres zu sein – großbürgerliche Unternehmer-Großeltern.

Dass historische Romane etwas vermögen, was rein faktische Geschichtsschreibung nicht kann, hat die Großmeisterin Hilary Mantel klug dargelegt. Die fictionnon fiction-Mischung Sie kam aus Mariupol tut meiner Meinung nach genau das Gegenteil: Durch Emotionalisierung jede Reflexion verhindern.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 30. Juni 2020 – Daheimarbeit und Bankerl

Mittwoch, 1. Juli 2020 um 5:56

Damit der nächste Lieferversuch unserer Balkonbank nicht wieder an „Ach, DIENSTAG?!“ oder „Oh, DIESE WOCHE?!“ scheitert, und weil es derzeit ohnehin arg voll im Büro-Stockwerk wurde, hatte ich Arbeiten von daheim angemeldet – mit leicht schlechtem Gewissen, ob ich wirklich genug zu tun habe, was sich auch daheim, also nur mit Rechner und aus der Ferne, erledigen lässt. Eine völlig unbegründete Sorge.

Die Zeit fürs Radeln in die Arbeit hängte ich wieder an meine Crosstrainer-Einheit an, gestern strampelte ich fröhlich auf Hochtouren.

Die Bank wurde dann sogar fünf Minuten vor „zwischen 9 und 12 Uhr“ geliefert, sah noch hochwertiger als auf dem Foto, sehr nach erwachsener Parkbank, und duftete das Wohnzimmer voller gepflegter Holzgerüche.

Der Vormittag war ausgesprochen anstrengend, denn ich hatte mein Arbeitstelefon auf mein privates Handy umgeleitet, eine wenig komfortable Telefoniertart, und das war sehr geschäftig. Außerdem rief man mich parallel intern über MS Teams an. Und das Arbeiten am Bildschirm eines kleinen Laptops war auch ziemlich ungemütlich (vor allem beim Hantieren mit großflächigen Excel-Listen), ganz abgesehen vom Fehlen eines höhenverstellbaren Tischs – ich musste halt bei zu großen Schmerzen durch die Wohnung wandern.

Mittags bereitete ich mir den Kohlrabi aus Schwägeringarten zu (gedünstet mit Butter und Muskat), aß ihn mit einem Butterbrot (selbstgebacken aus Gefriere).

Beides sehr erfreulich.

Herr Kaltmamsell kam nachmittags heim, doch wir trauten uns nicht, die Bank sofort auf den Balkon zu stellen: Laut Herrn Kaltmamsells Erfahrung müsse man die sicher erst noch einlassen/wachsen/vorbehandeln. Lektüre der beigelegten Pflegeanweisung ergab aber: nein. Dort empfahl man Abstauben wegen möglicher Holzstaubreste, das war’s.

Emsiger Arbeitsnachmittag, ich schaffte alles, was ich mir vorgenommen hatte. Nach Feierabend trugen wir die Bank auf den Balkon, sie passte perfekt. Ich setzte mich drauf (sehr bequem, selbst ohne die Polster, die erst noch kommen) und stillte meinen Hunger mit dem restlichen Kirsch-Pie, bevor ich mich zum ersehnten Fußpflege-Termin aufmachte.

Der Spaziergang durch die sonnige Wärme war wundervoll, und dann bekam ich die Füße schön.

St. Paul in Sommerlicht.

Frisch geschönte Füße. (Metallic, meinte Frau Kosmetik, also Metallic hätten die jungen Frauen dieses Jahr überhaupt nicht.)

Daheim servierte Herr Kaltmamsell zum Nachtmahl gedämpften Brokkoli aus Ernteanteil mit Gurken-Kokos-Raita, sehr gut.

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Auf Twitter erzählt @cihansugur von seiner Mutter, die 30 Jahre Bandarbeiterin in der Fleischindustrie in NRW war. Bitte vergessen Sie mir nicht die vielen, vielen Menschen, die so oder ähnlich ihren Lebensunterhalt bestreiten, ohne die sehr viele Bereiche unseres Alltags nicht funktionieren würden und an denen alle Überlegungen zur Zukunft der Arbeitswelt meilenweit vorbeidenken.

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Und dann deckt @KarlreMarks einen Aspekt des Zeitreisens ab, der im Handbuch für Zeitreisende fehlt: Buchungs-Hickhack in der unzuverlässigen Reise-Industrie.

via @Hystr_cidae

die Kaltmamsell

Twitterliebe Juni 2020

Dienstag, 30. Juni 2020 um 18:16

Man merkt der Auswahl eventuell einen gewissen Hunger nach Aufmunterung an.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 28. Juni 2020 – Blicke vom Fußweg aus

Dienstag, 30. Juni 2020 um 6:42

Zu Regengeräuschen aufgewacht, doch diese paar Tropfen sollten mich auf dem Rad nicht stören.

Allerdings hatten sie sich bis nach Morgenkaffee mit Bloggen, nach Kraftübungen, nach Yoga (diesmal von der schweißtreibenden Sorte), nach Duschen und Anziehen kontinuierlich zu ernsthaftem Regen gesteigert – missgelaunt griff ich mir den Regenschirm und nahm die U-Bahn in die Arbeit. Als der Regen kurz vor Mittag aufhörte, war allerdings mein erster Gedanke: Halt, weiterregnen, das war noch lange nicht genug! Das Wetter kann es mir also ultimativ nicht mehr recht machen.

Der Vormittag bestand fast ausschließlich aus Querschüssen. Alles, was ich geplant hatte, schmuggelte ich bröckchenweise dazwischen. Nachmittags vielerlei Ärger (überrascht und enttäuscht) – aber auch der Genuss, mit Menschen zusammenzuarbeiten, mit denen alles läuft wie ein Tanz: kleine Signale geben, auffangen, alles fließt und benötigt nur geringe Energie (vielleicht nenne ich die künftig Niedervolt-Kolleginnen und -Dienstleister).

Zu Mittag gab es Nudeln mit Pulpo in Tomaten vom Vorabend und Kirschen aus Bruderfamilies Garten.

Der Arbeitstag wurde länger, und ich hatte überhaupt keine Lust auf U-Bahn, dafür umso mehr auf frische Luft. Ich ging also zu Fuß nach Hause, gemütlich getrippelhinkt dauerte das 50 statt der gesunden 35 Minuten von früher.

Sie wissen ja sicher schon gar nicht mehr, wie die Bavaria aussieht.

Am Kaiser-Ludwig-Platz wird seit einigen Wochen gebuddelt. Jetzt am Abend war die Baustelle verlassen, ich konnte in die Abgründe gucken, die ich mit dem Fahrrad immer umkurve.

Fernkälteleitungen. (Dieser Post war für mich Anlass, diesem Schlagwort nachzugehen, dem ich auf den Bautafeln begegnet war – hochinteressant.)

Daheim traute ich mich doch wieder Alkohol und machte uns Erdbeer-Gintonics. Während Herr Kaltmamsell zum Nachtmahl Reste aß, darunter Pulpo-Reste, hatte ich erst mal auf längere Zeit genug von Pulpo und bekam die Zucchini aus Schwägeringarten gebraten mit einem Omelette.

Zum Nachtisch gab es den Cherry Pie, den der Herr nachmittags zubereitet hatte, mit allen Kirschen, die er den zahlreichen Würmern aus ihren gierigen Pfötchen reißen konnte.

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Als die Weilheimer Apothekerin Iris Hundertmark vor zwei Jahren ankündigte, dass sie ab sofort keine Homöopathie-Mittel mehr anbieten würde (allerdings ist sie verpflichtet, sie auf Anfrage zu bestellen), machte das eine Welle. Die Süddeutsche hat nachgehalten, was aus ihr und ihrer Apotheke geworden ist: Zu meiner Bestürzung ist sie die einzige homöopathiefreie Apotheke Deutschlands geblieben. (Leider nur gegen Geld zu lesen.)
„Nein, hier gibt es keine Globuli“.

§

Auch die Süddeutsche hat das Handbuch für Zeitreisende gelesen, Jutta Person schreibt:
„Pack den Auerochsen ein“.

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instagram-Tipp: @womeninstreet stellt Fotografinnen vor, die bemerkenswerte street photography machen – sehr, sehr verschieden.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 28. Juni 2020 – Familiengeburtstag

Montag, 29. Juni 2020 um 6:08

Im Bett des Herrn Kaltmamsell aufgewacht, in das ich in den sehr frühen Morgenstunden umgezogen war, weil mein leichter Schlaf durch seine Geräusche gestört wurde. Er protestierte, weil er früher als ich wach geworden war und so nicht an seinen Rechner und seinen Morgenmantel rankam. (Eigentlich möchte er, dass ich ihn in diesen Fällen wecke und wegschicke, doch das hatte ich nicht übers Herz gebracht.)

Auf dem Balkon war es bereits so warm, dass ich gründliches Fensterschließen tagsüber beschloss.

Aufgenommen auf meine Bitte von Herrn Kaltmamsell, echter #boyfriendsofinstagram.

Ausführliche Gymnastik, ein Stündchen auf dem Crosstrainer. Gegen Unterzucker knabberte ich einen Haferkeks und einen Apfel. Kurz nach Mittag machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof: Ein Zug sollte uns zu einer Familiengeburtstagsfeier bringen.

Dem Hopfen geht’s gut.

Wir hatten den Tipp bekommen, am Bahnhof Ingolstadt Audi auszusteigen – dem Neuzugang unter den Ingolstädter Bahnhalten. In postypokalyptischer Umgebung zwischen Hightech-Fabrikzaun und Parkhaus-Rohbau (was man im Norden Ingolstadts richtig, richtig gut machen kann: parken) gab es eine Bushaltestelle, von der aus ein Bus uns zur Feier brachte. Einen solch perfekten Öffi-Zubringer hat es in Ingolstadt in den vergangenen 30 Jahren nicht gegeben, ich war verwirrt.

Auf der angenehm temperierten Terasse gab es Kaffee und vielerlei Kuchen. Es freute mich sehr, die befreundete Verwandtschaft mal wieder zu sehen. Außerdem bekamen wir einen Eimer voll Ernte, zum Teil selbst aus dem Baum geholt:

Kirschen, Gürkchen, Zucchini, den Kohlrabi hatte Herr Kaltmamsell im Rucksack.

Im München hat es zu regnen begonnen, wir gönnten uns eine Tram nach Hause. Daheim machte Herr Kaltmamsell aus Pulpo vom Vortag eine tomatige Soße und servierte sie mit Spaghetti. Zu sanftem Regenrauschen ging ich zu Bett.

§

Viel verlinkt in meinem Internet, gestern fand ich beim Morgenkaffee Zeit für die Lektüre: Für Geo waren Vivian Pasquet und Daniel Etter mehrere Wochen während der heftigsten Corona-Krise im Universitätsklinikum Bonn.
„Um Leben und Tod: Aus dem Inneren einer Corona-Klinik“.

Hört man als Laie nur sehr viel Piepen, Pumpen und Klopfen, können die Pflegekräfte mehr als 50 Alarmtöne unterscheiden: Knick im Kabel, Medikament leer, Lungenmaschine streikt; Irgendwas-ist-ab-Alarm, Sauerstoffsättigung zu niedrig, Blutdruck zu hoch; Dialyse gestartet, Luftblase im Schlauch, Blutkonservenkühlschrank zu warm. Herzstillstand-Alarm. Einmal, auf einer Weihnachtsfeier, machten sie bei Keksen und Glühwein ein „Alarmton-Quiz“.

(Oder warum ich von Anfang an zuckte, als es hieß, dann sollten halt Fabriken mal schnell auf die Produktion von Beamtmungsgeräten umstellen – als wenn es sich sowas Simples wie Kaffeemaschinen handelte.)

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 27. Juni 2020 – Vollbremsung

Sonntag, 28. Juni 2020 um 9:07

Nachts war es nur Kopfweh, nach dem Aufstehen stellte sich dann doch heraus: Migräne. Ich legte mich nochmal hin, nahm mein Triptan und schlief bis kurz vor zwölf – mit üblen Träumen, in denen ich durch Dummheit mich und andere in ausgesprochen unangenehme Situationen brachte und vor Selbsthass brannte.

Danach das übliche Programm: Benommenheit, beim Morgenkaffee auf dem Balkon leise Trauer über den verlorenen Tag (noch dazu ein echter, aber nicht heißer Sommertag), Reiz-Filter löchrig, daher Überflutungsgefühl und Assoziationen-Querschläger (der Herr, der vor dem Nebengebäude eine rauchte, war darin mit seiner Kappe, schlampigen Jacke und zerknitterten dunklen Stoffhose ein alter kastilischer Bauer, dem ich umgehend einen Stock in der Nicht-Zigaretten-Hand dazudichtete – um nur leicht verwundert festzustellen, dass es sich wahrscheinlich einfach um einen Studenten des benachbarten Forschungsinstituts handelte).

Einige Kohlmeisen trauten sich trotz meiner Anwesenheit an den Meisenknödel am Balkon. Aber Tischmanieren, also Tischmanieren hatten die nicht. (Herr Kaltmamsell will mir ja nicht glauben, dass die Stadttauben, die er konsequent vom Balkon vertreibt, in Wirklichkeit Aufräumfunktion für die Sauerei haben, die die Kohlmeisen und Buntspechte hinterlassen.)

Ich guckte diesen Fischadlern beim Fliegenlernen zu, während einen halben Meter vom Bildschirm entfernt Kohlmeisen Körner pickten, ihr Kopfgefieder aufstellten und glätteten – wäre eine leicht bizarre Situation gewesen, hätte nicht Donald Trump das Bizarrometer in den vergangenen Jahren so gründlich neu kalibriert, dass die Bizarrheit von Situationen wie dieser inzwischen unter der Messbarkeit liegt.

Nagelpflege mal 10 (Füße nur zum Teil, ich habe nächste Woche endlich mal wieder einen Termin zur Fußpflege), Duschen und Anziehen. Zum Rauskommen ging ich Semmelholen (und weil ich Appetit darauf hatte). Das Thermometer am Juwelier Fridrich in der Sendlinger Straße zeigte 25 Grad, doch es fühlte sich in schwüler Luft wärmer an.

Frühstück um vier Uhr war selbst für meine Verhältnisse extrem. Andererseits: Vier Stunden nach Aufstehen war sogar eher früh.

Bügeln der Wäsche von zwei Wochen. Das mache ich zwar nie gerne, aber gestern war mir schwindlig und ich fühlte mich krank, gleichzeitig wollte ich einige der ungebügelten Stücke gerne zur Verfügung haben, doch der Sonntag war verplant und ich wusste, dass ich mich am Montag ärgern würde, wenn der Bügelstapel dann immer noch da ist. Überwindungsüben.

Zeitunglesen auf dem Balkon, bis Herr Kaltmamsell zum Abendessen rief. Er hatte mit Tintenfisch experimentiert: Vormittags (während ich meine Migräne ausschlief) hatte er beim Verdi zwei große Pulpos gekauft, den einen wie gewohnt in viel kochendes Wasser gegeben, die Hitze abgedreht und ihn drei Stunden darin gegart, den anderen hatte er ohne Wasser im eigenen Saft gegart. (Meinen verspäteter Hinweis, dass nur ein Teilen desselben Exemplars ausgeschlossen hätte, dass das Ergebnis vom Rohstoff abhing, wischte er weg: So weit wäre er eh nicht gegangen.) Jetzt haben wir sehr viel garen Pulpo, den ersten Teil servierte er gebraten mit gebratenem Mangold aus Ernteanteil und Bulgur vom Vortag:

Dieser im eigenen Saft gegarte war sensationell zart, hätte vielleicht sogar eine kürzere Hitze vertragen. Für Nachtisch drehten wir noch eine Draußenrunde und spazierten zur nächstgelegenen Eisdiele.

Daheim stellte ich fest, dass das Netzkabel meines Laptops zerspleißt war, ließ diesmal die Provisorien bleiben sondern bestellte sofort ein neues.

§

Unter all den klugen Sachen, die Maximilian Buddenbohm geschrieben hat, ist diese die möglicherweise bislang klügste:
„Planlos? Okay.“

(Wobei das ebenso möglicherweise die Quintessenz des Buchs Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin sein könnte, aber das habe ich immer noch nicht gelesen. Dann hat Maximilian sie dennoch brillant formuliert.)

§

Ein Lob der Lokalpolitik von Lenz Jacobsen – aber auch die Analyse, warum sie so agieren kann:
„Es gibt ein politisches Leben jenseits der Hauptstädte“.

Spätestens hier droht die Begeisterung für die Gestaltungskraft der Bürgermeister in ein antipolitisches Vorurteil zu kippen: Hier die lokalen Macher und Problemlöser, da die fernen Politiker, die nur reden und nichts zustande bringen. Der Ruf der Bundespolitik ist längst auch in Deutschland so schlecht, dass viele Lokalpolitiker behaupten, genau das nicht zu sein: Politiker. Sie wollen um keinen Preis in einen Topf geworfen werden mit den Talking Heads aus Bundestag und Tagesschau, mit der oft verklausulierten Sprache und den schalen Minimalkompromissen.

Dabei ist dieser Unterschied im Ansehen eine direkte Folge der Arbeitsteilung. „Die Art von Stadtregierung, die Emanuel so rühmt, ist überhaupt nur deshalb möglich, weil sich heute vor allem die Nationalstaaten um die Staatsfinanzen und Kriegsführung tragen“, merkt David Runciman in der London Review of Books an. Diese Arbeitsteilung sei „ein moderner Luxus“ für die Städte, schreibt Runciman. Denn früher, bevor die Nationalstaaten sich gründeten, „waren die Städte wie Nationen, nur kleiner, instabiler und mit mehr Gewalt.“

§

Ein guter Journalist geht dahin, wo’s schwierig ist. Versucht Fragen zu beantworten, die unbeantwortbar scheinen. Zum Beispiel: Wer hat eigentlich das Bild entworfen, das auf allen Dönertüten prangt?
„Jäger des verflixten Dönerlogos“.

Auch beim Verein türkischer Dönerhersteller in Europa ATDID, den es wirklich gibt, auch wenn die Homepage aktuell vor allem aus Blindtext besteht, kann man mir nicht helfen.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 26. Juni 2020 – Von Rosen und Nelken bei „d‘ junga Leit“

Samstag, 27. Juni 2020 um 13:10

Weil ich morgens nur Minimalsport plante, hatte ich mir den Wecker auf eine halbe Stunde später als sonst gestellt. Doch nach unruhiger Nacht (u.a. wegen geselliger Nachbarn mit Balkongästen) wachte ich sogar früher als üblich auf.

Wir spielten Lieferlotterie: Nachdem wir für eine angekündigte Weinlieferung über DHL den ganzen Samstag davor für Besetzung unserer Wohnung gesorgt hatten und dann doch keine Lieferung kam, hatte ich das Weinpaket auf den gestrigen Freitag terminiert – obwohl Herr Kaltmamsell erst ab halb elf daheim sein würde. Wir erlosten den Hauptgewinn: Lieferung erst, als jemand da war.

Nachdenken über den Umstand, dass niemand in Rente/Pension/Ruhestand gehen kann, ohne dass alle, alle das als „wohlverdient“ bezeichnen. Möglicherweise das hartnäckigste epitheton ornantium der Gegenwart, möglicherweise gibt es demnächst einen Duden-Eintrag in einem Wort: Wohlverdienterruhestand. Befürchten Sprecher und Sprecherinnen, dass ohne dieses Attribut dem scheidenden Kollegen Drückebergertum unterstellt wird? Soll das eine Wort im Vorbeigehen Wertschätzung für das gesamte Arbeitsleben ausdrücken? „Viel zu früher Ruhestand“ geht aber auch nicht, ebenso wenig „mitten aus dem Arbeitsleben gerissen“. Hat schon mal jemand eine Alternative gehört oder gelesen?

Mittagessen waren Birnen mit Quark und Kefir, dazu eine Breze, eine weitere Breze als Nachtmittagssnack.

Auf dem Heimweg von der Arbeit kaufte ich Blumen. Ich wollte gerne Rosen, weil ich immer wieder an wundervollen Rosen in Vorgärten vorbeiradle. Im Ratsch mit der Blumerin lernte ich, dass „d’junga Leit“ sich derzeit nicht für Rosen interessieren, sondern möglichst wilde Zusammenstellungen möchten, wie auf Wiesen. Ich bot den Begriff „instagram-Strauß“ an. Wir kamen auf unpopuläre Blumen, zum Beispiel Nelken – und ich erfuhr, dass es davon inzwischen ganz wundervolle gibt. (Und dass junge Kundschaft durchaus offen für sie ist, solange man ihnen nicht verrät, dass es sich um Nelken handelt.)

Wochenendverschönerung.

Ich kam früh genug heim, dass vor dem Abendessen noch Zeit für einen Aperitif (Negroni) auf dem Balkon war und für Lesen.

Nachtmahl waren Spare Ribs vom Herrmannsdorfer (die schlachten selbst, auch das trägt sicher zu den hohen Preisen bei – aber ich ließ mir mal von einem der Mitarbeiter an der Fleischtheke des Ladens am Vikutalienmarkt erzählen, dass alle, die dieses Fleisch verkaufen, auch mal in der Schlachterei gearbeitet haben müssen), dazu Bulgur mit Gurke, Paprika, Salzzitrone (!).

Einen Teil der Rippchen garte Herr Kaltmamsell im Speiseföhn, den größeren wie gewohnt im Backofen – letztere gerieten deutlich besser. Dazu eine Glas Rosé aus dem frisch eingetroffenen Weinpaket: Mont Clou Cabernet Sauvignon-Syrah Rosado, sehr intensiv und kräftig. Eiscreme Pistazie und Gianduia zum Dessert.

§

Der Wert von Kunst ist ja nicht darüber definiert, dass sie jemand Bestimmtem gehört. Der Wert von einem Kunstwerk besteht doch in dem, was es an Gefühlen, Gedanken, Diskursivität in die Welt bringt.

Daniel Richter

Artikel über lebende Künstlerinnen und Künstler interessieren mich selten. Noch viel weniger will ich von ihnen Aussagen über das eigene Werk lesen, ihre Aussage soll bitte das Kunstwerk sein (dazu zähle ich auch Literatur).1 Deshalb überraschte mich, wie interessiert ich die ausführliche Geschichte im Süddeutschen Magazin las, in der Autor Peter Richter die Entstehung eines Gemäldes von Maler Daniel Richter mitverfolgt (€):
„Wie entsteht ein Kunstwerk?“

  1. Katia Kelms Ausführungen lese ich auch deshalb so gerne, weil sie Techniken erklärt und Mechanismen der Kunstwelt, nicht aber ihr eigenes Werk interpretiert. []
die Kaltmamsell

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