Journal Sonntag, 12. Januar 2020 – Nach den 70ern

Montag, 13. Januar 2020 um 6:23

Mittelgute Nacht (vor dem Schlafen Ibu), nach sieben blieb ich mit Willenskraft noch liegen und suchte immer neue Positionen, in denen die Schmerzen erträglich waren. Erst kurz vor zehn standen Herr Kaltmamsell und ich auf – um zu entdecken, dass unser Übernachtungsbesuch nicht nur deutlich früher aufgestanden war (ich stehe immer vor dem Besuch auf, das ist ein physikalisches Gesetz!), sondern bereits alles Geschirr vom Vorabend gespült und die Küche aufgeräumt hatte. Meine leicht verkaterte (aber keine Migräne!) und verschlafene Benommenheit vertiefte sich zu handfester Verwirrung. Und dann ging der Besuch auch noch Semmelnholen!

Ausgedehntes Frühstück (für mich nur Milchkaffee wie immer so kurz nach dem Aufstehen) mit viel Informationsaustausch und schönem Beisammensein.

Nachdem der Besuch uns verlassen hatte, bloggte ich über noch einer Tasse Milchkaffee, räumte den Vorabend auf. Gestern reichte der Zustand für eine Runde Crosstrainer. Ich hörte dabei eine ältere Folge von Rice and Shine:
„Gaysian“.

Vorhang auf für Nguyen Thi Hong Anh und Dang Chan Vinh! Die beiden sind Vietdeutsche und leben offen lesbisch bzw. schwul. In der Folge sprechen sie über ihr Coming Out, schwierige Kommunikation mit der Familie und unterschiedliche Erfahrungen in Deutschland und Vietnam.

Wieder war ich sehr angetan von den Einblicken – die beiden thematisieren ihr Coming out in ihren Familien (immer schmerzliche Geschichten) bis hin zum Problem, keine passenden Wörter auf Vietnamesisch für das zu kennen, was sie da eröffneten. (Die Website listet dann auch ein Glossar auf.)

Bei dieser Gelegenheit sah ich, dass Minh Thu Tran und Vanessa Vu ihre Podcast-Folge über die Cap Anamur, die mich letztes Jahr so mitgenommen hat, nochmal komplett auf Vietnamesisch produziert haben – um sie „auch für Betroffene und unsere Elterngeneration zugänglich zu machen“. Wow.
„Thuyền nhân Cap Anamur“.

Bei meinem Frühstück war es dann schon fast vier.

Wäsche gewaschen, Internet und Zeitung gelesen, abends gab es feudale Reste: Endiviensalat, Toast mit Crème fraîche und Forellenkaviar, gekochtes Rindfleisch mit Apfelmeerrettich, eingekochte Birne mit Schokoladensauce.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 11. Januar 2020 – Kochvergnügen wie in den 70ern

Sonntag, 12. Januar 2020 um 13:12

Aufgewacht mit benommendem Kopfweh, das migränoide Züge hatte, für die geplante Runde Crosstrainer ging es mir zu schlecht. Ich ließ alles sehr langsam angehen.

Wohnung aufgeräumt – mittlerweile habe ich mich dreingefunden, dass ich das unsystematisch assoziativ mache und nicht Zimmer für Zimmer: Wenn ich abschließend alle Zimmer checke, ist ja dann doch alles nötige geräumt. Mit Herrn Kaltmamsell Wohnung geputzt: Nach vier Wochen ohne Putzmänner war sie wirklich ungemütlich geworden, und eine ungemütliche Wohnung wollten wir unseren abendlichen Gästen nicht antun. Diesmal also im Gegensatz zur reinen Schmutzbegrenzung vor Weihnachten so richtig: Staubwischen überall, Möbelpolitur wo angebracht (habe ich erst von unseren Putzmännern gelernt), Bad, Klo, Küche putzen, Staubsaugen. Na gut, um Bodenwischen haben wir uns auch diesmal gedrückt.

Dabei wurde ich dankbarer als eh schon sehr für die Arbeit der beiden Putzherren. Allerdings kam ich ihnen auch auf ihre Abkürzungen (u.a. die obersten beiden Bücherregale – aber wahrscheinlich reicht es tatsächlich, wenn dort nur alle paar Jahre gewischt wird).

Duschen und Anziehen für eine Einkaufsrunde. Im Samsonite-Laden holte ich dabei die neuen Rollen für meinen größten Koffer ab. Bestellt hatte ich nur Ersatz für die eine kaputte, doch als die Angestellte merkte, dass die Kofferseite nicht notiert worden war, kaufte ich kurzerhand alle viere, die geliefert worden waren: Nach zehn Jahren kann man dem sonst rundum neuwertigen Koffer ja einen Satz neuer Rollen gönnen (wenn eine 12,50 Euro kostet, das Koffermodell aber derzeit 470 Euro). Die beiden ausgesprochen zuvorkommenden Verkäuferinnen beteuerten zwar, die Rollen samt Gehäuse seien ganz einfach auszuwechseln („Wenn’s sogar ICH schaffe, haha…“ – ich schluckte mal wieder eine feministische Intervention runter.), doch ich könne auch je-der-zeit mit dem Koffer kommen, dann werde das im Laden für mich erledigt.

Pft, wie schwer konnte das sein? War es dann auch nicht – weil ich ein Set Torx-Schlüssel besitze, mit dem mein Vater vor einigen Jahren den ohnehin super bestückten Werkzeugkasten ergänzt hatte, den ich von ihm zum Auszug von daheim bekam (danke Papa!). Anstrengen musste ich mich dennoch, denn der Winkel zum Ansetzen des Schlüssels für vier mal vier Schrauben in den Ecken des Koffers war sehr ungemütlich. Wie eine der beiden Verkäuferinnen geraten hatte, hob ich die drei nicht-kaputten Rollen auf: „Wenn Sie mal schnell eine auswechseln müssen.“

Den weiteren Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und Vorbereitungen des Abends. Nämlich: Herr Kaltmamsell besitzt ein Kochbuch Kochvergnügen wie noch nie von Gräfe und Unzer aus den 70ern (von seinen Eltern übernommen), in dem die Kategorien zum Beispiel heißen „Für schicke Abendessen“, „Braten mit Tradition“, „Spaß beim Flambieren“ und das Rezepte für so wunderbare Gerichte enthält wie „Zungenschärfer“, „Knabberkeulchen“, „Grillmasters gefüllte Kissen“, „Rumpsteak Mirabeau“, „Auberginensalat ‚antique'“, „Westfälisches Blindhuhn“, „Bromberger Hirschfilet“, „Schnippelkuchenpfanne“, „Hillibilly-Heidelbeertoast“.

Nachdem ich mich eines Abends mit Herrn Kaltmamsell darüber beömmelt hatte, kam ich auf die Idee, zu einem 70er-Abendessen mit solchen Gerichten einzuladen. Und das war gestern.
Zuvor natürlich Ananasbowle – mein Bowleset ist aus der Aussteuer einer Freundin übernommen, die wir auch eingeladen hatten.

Herr Kaltmamsell stellte das Menü zusammen und bastelte Menükarten:

Ich sorgte für Getränke: Ananasbowle, als Weißwein fränkischen Bocksbeutel Silvaner Juliusspital, als Rotwein einen Chianti la spinosa Riserva – in meiner Familie war zwar der klassische Weißwein in den 70ern Kellergeister, der Standard-Rotwein Edler von Mornag, doch keines von beidem wollte ich den Gästen und uns antun. Und sowohl Bocksbeutel als auch Chianti hatten es auch in den 70ern auf die Münchner Tische geschafft. Auch die Grießnockerl und der Nachtisch waren von mir.

Es wurde ein vergnügter Abend: Wir bekamen Blumen, Bier und Liköre mitgebracht, die Bowle ging schnell weg, und nichts an dem Menü schmeckte grässlich (Herr Kaltmamsell betonte, ich hätte ihn erst kurz vor abschließender Menüentscheidung informiert, dass Wohlgeschmack ein Entscheidungskriterium sein müsse). Die größte positive Überraschung war für mich die Romanoff-Torte: Hackfleisch, Speck und Blätterteig können, richtig zubereitet, eine sehr gute Kombination sein.

Fotos habe ich dann doch viel zu wenige gemacht, weil ich mit Bewirten und Spaßhaben beschäftigt war.

Die meisten der Vorspeisenhäppchen beim Warten auf ihren Einsatz.

Romanoff-Torte mit Endivien- und Gurkensalat.

Es wurde spät, ich ging ins Bett mit der Vorfreude auf den Morgen, da zwei Gäste über Nacht blieben.

§

Autorin und Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka schreibt ausführlich über die Rolle ihrer dunklen Hautfarbe für ihr Deutschsein (und nimmt unter anderem die Aussage von Weißen auseinander, sie sähen ja keine Hautfarben, das sei für sie keine Wahrnehmungskategorie).
„Identitäten (6/7)
Farbe bekennen“.

via @buschheuer

Es ist wahnsinnig frustrierend, die eigene Lebensrealität immer als exotischen, komplexen Sonderfall gespiegelt zu bekommen.

(…)

Die Schublade „Schwarz“ ist selbstgeschaffen. Sie beschreibt keine Hautfarbe, sondern ist eine politische Selbstbezeichnung. „Schwarz“ beschreibt nicht ausschließlich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten „ethnischen Gruppe“, sondern eint vor allem Menschen, die die Erfahrung teilen, auf eine bestimmte Art und Weise gesellschaftlich wahrgenommen zu werden.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 10. Januar 2020 – Leseexemplarfreuden

Samstag, 11. Januar 2020 um 7:49

Win some, lose some: Höllenschmerzen hatten mich vom Einschlafen abgehalten, dank 600 mg Ibu bekam ich wenigstens zwischen zwei und sechs Uhr ein paar Stunden durchgehenden Schlaf.

Ich war früh in der Arbeit, weil es viel zu tun gab. Und so ackerte ich durch, kaum gestört von Querschlägern, mit neuer Klarheit im aktuellen Albtraum-Projekt, die zumindest ein diesmal geordnetes Neuaufsetzen ermöglicht.

Mittags Bircher-Muesli mit Joghurt, nachmittags Apfel und Nüsse.

Beim Heimradeln in sehr milder Luft Abstecher zum Vollcorner, um unter anderem noch mehr Wein für die Samstagabendeinladung zu besorgen.

Daheim erst mal Häuslichkeiten, außerdem erste Schritte zum Nachtisch für Samstag. Große Freude über ein Leseexemplar von Bov Bjergs neuem Roman.

Herr Kaltmamsell sorgte für Nachtmahl, ich für den Gin Tonic zum Aperitiv.

(Wein wurde der Rest einer Flasche Sauvignon Blanc Reichsrat von Buhl.)

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Wibke Ladwig berät Buchhandlungen und Bibliotheken bei Online-Kommunikationsprojekten. Vor Weihnachten arbeitete sie in einem Buchladen mit. Ihr Blogpost erzählt viel darüber, wie weit vorne der Buchhandel inzwischen wirklich ist:
„Abenteuer Buchhandel: Wie ich meinen alten Beruf nochmal anprobierte“.

§

Jacinta Nandi beschreibt als Zugezogene nach Berlin, wie sich alle Welt außer Deutschen verabredet – und im Gegensatz dazu Deutsche.
„Germans, find a better excuse to be flaky!“

AND I THINK THAT’S BEAUTIFUL!
(Allerdings verstehe ich immer besser, warum meine englischen Freundinnen während meines Studienjahrs in Wales regelmäßig warnen mussten: „Stop being so German!“)

via @annalist

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 9. Januar 2020 – Ich gehe Hüfte und Toni Morrison, Beloved

Freitag, 10. Januar 2020 um 7:01

„Sie gehen Hüfte!“ rief mir Dr. Orth 2 hinterher, als ich den Untersuchungsraum verließ, in dem endlich mal systematisch und gründlich abgewogen/untersucht wurde, ob meine Beschwerden nun von LWS oder Hüfte verursacht werden. Auch er hatte angesichts der Röntgenaufnahme eine Hüftarthrose erst mal als Ursache ausgeschlossen und hatte sich auf Ischias konzentriert (mit dem Hinweis, dass auch eine Kombination von Bandscheibe/Nerv und Hüftgelenk in Betracht kam). Dr. Orth 2 fragte dann viel (u.a. nein, kein Kribbeln, nein keine Taubheit, ja, Wegsacken des Beins seit Jahren – zum ersten Mal ein Arzt, der mit diesem Phänomen vertraut ist). Und er ultraschallte die Hüfte, inklusive gesunder Seite zum Vergleich – siehe da, endlich etwas Neues: eine laut ihm deutliche Entzündung in der schmerzenden Hüfte. Also ordnete Herr Doktor (gibt es überhaupt Orthopädinnen?) ein MRT der Hüfte an. Sportliche Bewegung darf ich aber weiterhin: „Alles, was nicht schmerzt.“

Es hob meine knapp vor Resignation stehende Stimmung deutlich, dass sich eine Ursache abzeichnet. Und dass die abschließende Beobachtung des Arzts endlich bestätigt, wovon ich seit einigen Monaten und vor Jahren ursprünglich überzeugt bin und war: Es ist die Hüfte.

Arbeit in der Arbeit, gestern musste ich gegen Sonne die Jalousien zuziehen. Das und die milde Luft beim frühnachmittäglichen Hofgang informierten mich: Das Wetter war schön. Mittags Orange und Birne mit Käse, nachmittags eine Hand voll Nüsse sowie ein paar getrockenete Aprikosen.

Früher Feierabend für Reha-Sport. Die Gruppengymnastik arbeitete mit Flexibar und ein paar anschließenden Bein-Übungen, meine Runde durch die Geräte dauerte etwas länger, weil ich auf einige warten musste (auch im Reha-Zentrum Vorsatzsportlerinnen?) und die Karten-Technik zickte.

Weiterer Termin des Tages: Ich radelte zum Treffen unserer Leserunde, wir hatten Toni Morrison, Beloved gelesen. Zu Gemüselasagne gab es in Untergiesing Gespräch darüber, auch wenn nur die Hälfte der Runde den Roman ganz gelesen hatte.

Ich hatte Beloved als anstrengend empfunden und war nur langsam voran gekommen, hatte ihn aber von der ersten Seite an als die Mühe wert gesehen. Der Roman dreht sich um Sethe, die nach dem amerikanischen Bürgerkrieg hochschwanger aus der Sklaverei flieht. Die Nicht-Linearität der Geschichte gleicht strukturell einem Traum, wozu auch die zahlreichen nicht-realistischen Elemente passen – sehr nah am magic realism der Veröffentlichungszeit 1991. Doch wo ich den südamerikanischen magic realism seinerzeit bald über hatte, weil er zu Beliebigkeit führte, ist dieses Element hier ein passendes Werkzeug: Erzählt werden die zahllosen und unendlichen Grauen der Sklaverei von der Verschleppung über das Gehaltenwerden wie Vieh bis zu alltäglicher Folter und Unterdrückung – das Ausmaß und die Dominanz im Leben so erdrückend, dass ein Ertragen und auch Erzählen nur durch Ausweichmanöver des Bewusstseins möglich sind. In dieser Welt gibt es Geister und magische Geschehnisse, für die Leserin ist die Abgrenzung zum Realen fast unmöglich; doch wo die Entmenschlichung und Brutalität von Sklaverei möglich sind, gelten ja vielleich auch andere Naturgesetze nicht.

Die vielen Details, die sich zum Bild dieser Zeit zusammensetzen, machten mir klar, wie zerstörerisch für Individuen und die Gesellschaft es war, ihnen durch diese konkrete Form der Versklavung Wurzeln, Geschichte, Tradition, Familie, Verbindungen unmöglich zu machen. Dass dies die US-amerikanische Gesellschaft bis heute in fast alle Bereiche hinein prägt und die Stellung der PoC dort von allen anderen Gegenden der Welt unterscheidet. Das Trauma der Sklaverei ist in den USA so tief, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie sich eine Gesellschaft je davon erholen soll.

Weltliteratur in Form und Inhalt, deshalb Leseempfehlung mit der Versicherung, dass sich die Mühe wirklich lohnt.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 8. Januar 2020 – Arbeitsbeginn

Donnerstag, 9. Januar 2020 um 6:31

Überraschend gut geschlafen.

Der Arbeitsweg auf frostigen Straßen fühlte sich an wie ein letzter Gang. Doch der Tag war dann gar nicht so schlimm wie befürchtet, er war einfach nur.

Mittags Radicchio, nachmittags Hüttenkäse.

Die Luft war mild, ich konnte in Kleid und Strumpfhose unterm Mantel radeln, aber der bedeckte Himmel förderte nicht gerade gute Laune. Die gute Nachricht: Ich ging runder als seit Wochen – ich kann mir das nur mit dem anstehenden Orthopädentermin erklären.

Den Heimweg legte ich über den Hertie am Hauptbahnhof, um Wein für die Samstagseinladung einzukaufen.

Zu Hause traf ich auf einen ebenfalls gerade erst angekommenen Herrn Kaltmamsell – der sich ohne Umweg über sein Zimmer ans Abendessenkochen gemacht hatte, damit ich schnell etwas bekomme.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 7. Januar 2020 – Ferienausklang mit freiem Tag

Mittwoch, 8. Januar 2020 um 6:25

Manchmal muss ich mich dann doch selber loben: Den Tag nach Heimkehr auch noch frei zu nehmen, war eine ausgezeichnete Idee.

Dennoch unruhig geschlafen und früh aufgewacht, mei. Herrn Kaltmamsell und mir Morgenkaffee gekocht, er konnte sich als Lehrer ja leider nicht frei nehmen. Bloggen, Wäschewaschen, Haushaltsdinge, das Aufsteigen von innerer Hektik wegen einer Essenseinladung am Samstag bei uns durch Planen bekämpft. Draußen regnete es, zum Schwimmen ins Olympiabad wollte ich also lieber nicht mit dem Fahrrad.

Die U-Bahn-Fahrt lohnte sich: Ich musste meine Schwimmbahn mit höchstens einem anderen teilen und genoss meine 2.200 Meter sehr. (Am Ende ein paar Züge Brustschwimmen versucht, rechte Hüfte sagt natürlich weiterhin energisch Nein.)

Auf dem Rückweg erledigte ich erste Einkäufe, daheim räumte ich den Rucksack aus und ging für Lebensmitteleinkäufe nochmal in den leichten Regen. Auch Semmeln nahm ich mit, beim Frühstück war es schon drei Uhr. Zeitunglesen, ein wenig Bügeln.

Als Nachtmahl bereitete ich Spätzle aus der Gefriere mit Linseneintopf aus der Dose.

§

„EU hat hohen Handelsüberschuss mit sich selbst – ein Grund ist offenbar Umsatzsteuerbetrug im großen Stil“.

via @flueke

§

Schabernack auf Twitter:
„Städte, die sich wie Geräusche aus Comics anhören“.

via @dieliebenessy

die Kaltmamsell

Journal Montag, 6. Januar 2020 – Venedig 6, Ca‘ d’Oro, Befana-Rudern und Rückreise

Dienstag, 7. Januar 2020 um 9:00

Unser Zug zurück ging erst um halb zwei, das verschaffte uns mit etwas früherem Aufstehen einen weiteren Vormittag in Venedig – und nochmal ließ Venedig sich nicht lumpen.

Aus der immer noch nicht geringer werdenden Zahl attraktiver Museen hatte sich der Palazzo Ca‘ d’Oro in meine Aufmerksamkeit geschoben, unter anderem weil wir mit dem Vaporetto auf dem Canal Grande mehrfach daran vorbeigefahren waren.

Auch gestern wollten wir mit dem Vaporetto hinfahren (gleich beim Palazzo gibt es eine nach ihm benannte Haltestelle), doch es fuhr uns vor der Nase davon. Da wir aufs nächste hätten warten müssen und die Fahrt ohnehin lang gedauert hätte, gingen wir zu Fuß – und genossen nochmal herrliche Anblicke, gestern bei trübem Wetter.

Der damals verfallende Palazzo Ca‘ d’Oro war Ende des 19. Jahrhunderts von Baron Giorgio Franchetti gekauft worden und Stück für Stück restauriert mit dem Ziel, eben jenes Museum daraus zu machen. Wir sahen auf zwei Geschoßen unter anderem wundervolle europäische Kunst aus dem 15. und 16. Jahrhundert (hier eine Liste), auffallend gelungen präsentiert, und wie von Franchetti beabsichtigt war auch das Gebäude selbst sehr sehenswert.

Beim Blick von dort auf den Canal Grande fiel mir wie schon in den Tagen zuvor auf, dass immer wieder Stehruderer auf den Kanälen unterwegs sind, scheinbar ganz normale Menschen einzeln, zu zweit, aber auch in größeren Gruppen in unscheinbaren Booten. Laut einem Zeit-Artikel von 2018 gibt es in Venedig eine Rückbesinnung auf diese spezielle Rudertechnik (die schmalen Kanäle bieten nicht genug Platz für waagrechte Ruder). Vermutlich hätte ich das unter den Sportmöglichkeiten der Lagunenstadt aufführen müssen – es gibt sogar Kurse.

Auf der Rückfahrt per Vaporetto zum Hotel musste unser Schifferl am Rialto-Markt eine ganze Weile warten, weil an der Brücke irgendwas los war. Erst nachträgliche Recherche verriet mir: Wir hätten die Regata delle Befane sehen können. Am Dreikönigstag kommt ja in Italien die Hexe Befana und bringt Geschenke; das feiert der historische Ruderclub Cannotieri Bucintoro mit einer Regata auf dem Canal Grande – in Kostümen. Als wir mit unseren Koffern auf das Vaporetto zum Bahnhof warteten, sahen wir den einen und die andere davon kostümiert an uns vorbei heimrudern.

Zuvor hatten wir am Palazzo Ca‘ d’Oro noch Zeit für einen Cappuccino gehabt und dazu in der Pasticceria Pitteri Torta Veneziana al Pistacchio gegessen: Köstlich, auch die anderen Gebäcke in der Auslage sahen sehr individuell und hausgemacht aus.

Am Bahnhof hatten wir noch reichlich Zeit. Herr Kaltmamsell bekam endlich seine Pizzaschnitte auf die Hand, ich schloss mich an, und wir holten Brotzeit. Die Rückfahrt pünktlich und ereignislos, das Wetter in München ähnelte dem in Venedig bei der Abfahrt.

Blick von der Rialtobrücke ins Trübe.

Palazzo Ca‘ d’Oro.

Ruderer vorm Palazzo.

Mehr Ruderer nach der Regatta.

Feministische Paddelunterstützung (auf dem Boot steht „Pink Lioness in Venice“).

§

Ayọ̀bámi Adébáyọ̀, Stay with me ausgelesen. Puh, ein vielgerühmter Roman, doch mein Problem damit ist ein spezielles: Romane, deren Handlung von Kinderwollen und -haben als Wichtigstem im Leben dominiert wird, gehen an mir vorbei. Ich weiß sehr wohl, dass die Menschen mit nur wenigen Ausnahmen ganz dringen Kinder haben wollen – bloß gehöre ich halt nicht nur zu diesen Ausnahmen, sondern wollte im Gegenteil immer schon ganz dringend und aktiv keine Kinder haben. Da draußen in Leben und Gesellschaft ist mir die Abweichung meiner Einstellung sehr bewusst und ich ermögliche anderen das Kinderhaben selbstverständlich, versuche für eine Gesellschaft zu sorgen, in der dieser Wunsch möglichst einfach umgesetzt werden kann. Und Freundinnen und Freunde, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt, bedaure ich wirklich von Herzen, wie mich jeder ihrer unerfüllten Herzenswünsche wirklich schmerzt.

Doch ein paar hundert Seiten Roman, in denen absolut jeder und jede Kinderkriegen als das absolut Allerwichtigste im Leben annimmt, in denen sich alles darum dreht, bereiten mir vor allem Anstrengung. Die Kinderkrieg-Motivation des jungen nigerianischen Paares in Stay with me ist so bestimmend, dass der Hintergrund der Romanhandlung, nämlich die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Nigeria im ausgehenden 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts, aufgesetzt wirkt. Auch die unchronologische Erzählstruktur und kapitelweise wechselnde Erzählperspektive aus Sicht der Ehefrau Yejide und des Ehemanns Akin kamen mir bemüht vor. (Mag vielleicht mal wieder jemand eine so richtig auktoriale Erzählstimme versuchen? Also außer Wolf Haas? Wäre inzwischen innovativ.)

Eine interessante ganz andere Sicht auf den Roman gibt die Rezension von Diana Evans im Guardian: „Stay With Me by Ayòbámi Adébáyò review – a big-hearted Nigerian debut“.

die Kaltmamsell

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