Journal Mittwoch, 10. Juli 2019 – Reha-Erlebnis Nordic Walking

Donnerstag, 11. Juli 2019 um 7:05

Voller Vormittag, früher Schluss.
Das Wetter hatte aufgehellt, immer wieder kam die Sonner heraus. Dennoch waren die Temperaturen deutlich mehr Richtung Mai als Juli.

Morgens hetzte ich mich ein wenig, um vor dem ersten Reha-Termin „Gruppe Wirbelsäulengymnastik“ noch eine Runde Crosstrainer unterzubringen. Die Gymnastik war diesmal wirklich nützlich: Herr Physio wies mich auf einen grundsätzlichen Haltungsfehler bei einer Übung hin, den ich wohl schon lange mache. Bei Übungen auf dem Bauch, die den oberen Rücken trainieren sollen, hebe ich den Oberkörper zu stark an und trainiere dadurch den mittleren Rücken. Solche Sachen kann natürlich niemand bemerken, wenn ich allein vor dem Fernseher turne.

Nach einer Pause ging ich programmgemäß in den Maschinenraum und absolvierte meine Runde. Mein Reha-Anlass war immer noch schwer beleidigt vom gestrigen Schlingentischeinsatz und so knickte mir regelmäßig beim Aufstehen und Gehen das rechte Bein weg.

Schneller Morgenkaffee in der Cafeteria, bevor die zweite Einheit „Rückengerechtes Arbeiten/PC“ drankam. Am meisten genoss ich auch diesmal die Fröhlichkeit, die die Ergotherapeutin in der kleinen Truppe erzeugte, es wurden viele Anekdoten aus der Praxis zusammengeworfen. Praxisübung war gestern das Heben von Lasten. Im Grunde wurde das Bewegungsmuster trainiert, auf das ich im Hot Iron fürs Kreuzheben gedrillt wurde und das ich im Schlaf beherrsche.

Zum Mittagessen kam ich kurz vor Schluss, der Termin hatte in der eigentlichen Essenszeit gelegen.

Nachmittags der Beweis meiner grundsätzlichen Offenheit für alle möglichen Bewegungsformen, trotz bisheriger Resentiments: Ich hatte mich für eine Einführung Nordic Walking eintragen lassen. Obwohl ich innerlich Nase rümpfe, wenn mir diese Steckerlgeher (aka Bewaffnetes Schlurfen) beim Joggen entgegenkommen. Erst erzählte die Vorturnerin Grundsätzliches, dann bekamen wir Steckerl je nach Körpergröße. Und nun gab es draußen ein paar einführende Übungen in den Bewegungsablauf, immer ein Detail mehr. Als alles aufgebaut war und die Vorturnerin mir noch einen persönlichen Zusatztipp gegeben hatte, war ich ziemlich überrascht: Nicht nur kam ich bei sachgemäßer Ausführung auf ein angenehm hohes Tempo, das Ganze wich deutlicher von Wandern oder schnellem Gehen ab, als ich geahnt hatte. Und – es machte Spaß. Ich freue mich schon auf den nächsten Termin.

Zusatznutzen: Wir gingen in eine Richtung von der Klinik weg, die ich noch nicht kannte und die bezaubernd aussah. Ich beschloss gleich mal einen Spaziergang dorthin nach dem Abendessen.

Highlight dieses Abendessens war ein Meeresfrüchtesalat, der fein abgeschmeckt war (nur kamen die Tomaten darin wie immer hier aus dem Kühlschrank und hatten jeden Geschmack verloren).

Ab zum geplanten Spaziergang. Diese Reha-Klinik liegt wirklich ganz besonders schön.

Als ich in mittlerer Ferne ein violett blühendes Feld sah, wollte ich wissen, was da wuchs (Lavendel unwahrscheinlich, vielleicht Leinen?) – und ging querfeldein hin.

Das war auch kein Leinen – aber was dann?

Ich entdeckte einen Falken und sah lange Schwalben (Rauch- und Mehl-) über einer gemähten Wiese zu.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 9. Juli 2019 – Reha-Schlingen gegen LWS – 1:0

Mittwoch, 10. Juli 2019 um 7:12

Dieser Tag begann mit einem Reha-Termin noch vor Frühstückszeit: 7.30 Uhr Schlingentisch. Eine Physiotherapeutin wickelte etwas Breites um meine Körpermitte (also wo andere Leute Taille haben), um meine Knie (Hüfte-Bein 90 Grad, Knie 90 Grad) und um meine Füße, das Gewickel wurde mit vielen Seilen an einem Gitter über mir befestigt und hochgezogen. Ziel war eine Entlastung von Hüfte und Lendenwirbelsäule. Ich merkte schon nach Sekunden: Das tat gar nicht gut. Ich sagte natürlich nichts, vielleicht kam das Gute noch. Doch während ich mit geschlossenen Augen entspannen sollte (was als so allgemeine Anweisung eh nie geht), spürte ich, wie sich die Muskeln direkt neben der Lendenwirbelsäule verkrampften und immer stärker schmerzten. Nach diesen 15 Minuten und Auswickeln war meine neuralgische LWS-Stelle so erbost, dass mir nach vielen Wochen mal wieder beim Gehen das rechte Bein wegsackte. Und den ganzen Tag über schüttelte diese Stelle immer wieder wütend und schmerzhaft die Faust. Das machen wir nicht nochmal.

Hingegen gleich im Anschluss um 8 Uhr Qi Gong: Ja bitte. Obwohl in der großen Gruppe viel Gekicher und Zwischenrufe ablenkten, konnte ich mich auf die Anweisungen des Vorturners und auf mein Nachmachen konzentrieren. Die Bewegungen sind alles andere als trivial, ich kann mir vorstellen, dass ich mir hier hole, was andere bei Yoga bekommen.

Am Ende war der Speisesaal sogar noch offen, ich kam also doch zu einer Tasse Tee und einem Glas Hafermilch.

Nächster Termin Zwischenvisite: Jetzt lernte ich auch die Stationsärztin kennen, die aus dem Urlaub zurück war. Meine Blutwerte sind topp, ebenso ist es das EKG, und kein Bluthochdruck weit und breit (Letzteres ist mir früher oder später aber sicher, liegt in der Familie). Wir juckelten meinen Therapieplan ein wenig zurecht, dann war’s das schon wieder.

Es folgte die dritte Stunde Rückenschule: Diesmal ging’s ums Hinlegen und Aufstehen, das übten wir. Ich bekam auch Tipps zur idealen Bettlage: Nach aktuellem Forschungsstand ist die Wirbelsäulen-freundlichste Art des Schlafens auf dem Rücken mit minimaler Kopfunterstützung. Herr Physio erklärte: Wenn sich das unentspannt anfühle, seien wahrscheinlich bestimmte Muskelpartien verkürzt, vor allem die hintere Oberschenkelmuskulatur.

Mittagessen, anschließend holte ich in der Cafeteria meinen Morgenkaffee nach.

Erste Bekanntschaft mit Wirbelsäulengymnastik. Sie bedeutete: Auf der Matte drei klassische Übungen für die Bauchmuskeln, zwei für die LWS-Muskeln, Dehnen, das alles in knapp 30 Minuten – schon gut, aber halt wenig.

Besonders spannend dann aber die „Tanztherapie“. Ich hatte auf sowas gehofft, sie war dann aber ein wenig lockerer Volkstanz angelehnt an Line Dancing, am Ende sogar paarweise mit Anfassen und Partnerwechsel. Gerade als mein Puls fast auf Sporthöhe kam, war’s rum.

Das macht mich schon ein wenig unruhig, dass ich zwischen all den Anwendungen keinen Sport unterbringe. Zwar gibt es Pausen zwischen den Terminen, doch die sind zu kurz für Sport oder ligen gleich nach dem Essen. Abschalten kann ich in diesen Pausen aber auch nicht, weil ich ständig auf die Uhr schaue. Gleichzeitig bedeuten die Pause jedesmal Aufraffen zum nächsten Termin von Null.

Abschluss des Reha-Tags: Ein Vortrag über Schmerz und Schmerzbewältigung, gehalten von einem hauseigenen Diplompsychologen. Gut aufgebaut und lehrreich; er modifizierte den bereits gehörten Hinweis auf hilfreiche innere Einstellung mit konkreten Ansätzen (u.a. Programm aufstellen für schlechte Phasen chronischer Schmerzen, Erinnerungen an bereits erlebte Linderungen wachhalten). Auch hier die Info, dass nur akute Schmerzen geheilt werden können, nach Chronifizierung (so heißt das) ist das Ziel Linderung.

Draußen noch düsterer und noch kühler. Ich hatte Kleidung für Temperaturen zwischen 15 und 35 Grad gepackt, doch weil Juli halt eher fürs obere Ende. Mal sehen, wie lange ich mit den paar langen Sachen auskomme.

Nach dem Abendessen machte ich mich auf einen längeren Spaziergang durch angrenzende Parks und Wälder, den ich genoss.

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Großer Artikel gestern in der Süddeutschen, tief recherchiert, über die Verhältnisse in den ethnologischen Museen Deutschlands:
„Verseucht, zerfressen, überflutet“.

Oft heißt es, die Museen in den Herkunftsländern seien nicht in der Lage, Raubkunst aus der Kolonialzeit sachgemäß aufzubewahren. Dabei befinden sich die Bestände deutscher Museen oft in katastrophalem Zustand.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 8. Juli 2019 – Feueralarm in der Reha

Dienstag, 9. Juli 2019 um 7:01

Gut geschlafen, der Wecker musste mich wirklich wecken. Draußen war es düster und kühl.

Diesmal wieder nur kurz Tee und ein Gläschen Hafermilch zum Frühstück, ich wollte vor dem ersten Termin noch auf den Crosstrainer (lieber wäre mir dafür der Dienstag gewesen und ein Ruhetag gestern, doch am Dienstag habe ich bereits um 7.30 und um 8 Uhr Termine – bei einer Konditionsraumöffnung um 7.30 Uhr bleibt dann keine Zeit für Crosstrainer).

Gestern begann der Reha-Reigen mit Rotlicht, danach gab’s Massagestuhl. Diesmal habe ich ihn fürs Techniktagebuch aufgeschrieben.

Ebenfalls am Vormittag: Wassergymnastik. Diesmal bekamen wir jeder und jede je ein überdimensionales Wattestäbchen (das der Trainer „Langhantel“ nannte), damit wurde eine halbe Stunde geturnt, abschließend auch zu zweit mit Anfassen. Ich hoffe, meine Bandscheiben haben die wiederholte Erklärung des Trainers mitbekommen, diese und jene Übung sei ganz besonders gut für sie.

Schnelles Duschen, hastige Körperpflege, damit ich vor dem Mittagessen noch einen Milchkaffee bekam.

Zum Nachtisch draußen Süddeutsche auf dem Smartphone gelesen, auf dem Zimmer ein wenig Internet, bis Zeit für die zweite Unterrichtseinheit in der Rückenschule war. Launige und hilfreiche Ausführungen über Sitzen und Stehen, Ausprobieren von Wackelkissen und Sitzkeilen.

Abschluss des Reha-Tages war wieder ein Vortrag, diesmal zu Arthrose. Auch das betrifft mich (noch?) nicht, fand es aber durchaus interessant.

Am Ende des zu langen Vortrags, das Publikum war bereits seit 20 Minuten sehr unruhig, ertönte Feueralarm. Eine Durchsage unterstrich, dass wirklich alle das Gebäude verlassen sollten, dann taten wir das halt auch. Auf dem Sammelplatz im Freien fror ich als eine der wenigen in kurzen Ärmeln ziemlich. Aber es hätte schlimmer kommen können: Andere Patienten und Patientinnen waren aus dem Schwimmbad evakuiert worden und standen mit nassen Haaren im Bademantel auf der Wiese. Die örtliche Feuerweht kam mit angemessenem Lalü. Nach 30 Minuten gab es Entwarnung, es war nichts passiert. Beim anschließenden Abendessen auffallend viele Leute mit heißem Tee.

Ich lernte am praktischen Fall, dass es genau richtig sein kann, trotz abgelehnter Hilfe einfach bei einem möglicherweise hilfebedürftigen Menschen zu bleiben. Nur so, dass er merkt, dass man in der Nähe ist. Das hatte ich vor ein paar Monaten schon mal gemacht und sah schon da, dass das genau richtig gewesen war. (Mich schmerzt bis heute der Vorfall vor Jahren auf einer Wanderung, als ich an einem bösen Radunfall im Wald vorbeikam, eine Radlerin war gestürzt. Ihr Begleiter hatte Hilfe abgelehnt, es sei schon jemand verständigt. Damals war ich weitergegangen, die beiden waren ja Erwachsene, ich hatte ja gefragt. Schon kurz darauf hatte ich das sehr bereut, weil vermutlich auch der Begleiter unter Schock stand und Beistand gebraucht hätte. Ich wünsche bis heute, ich wäre einfach dageblieben, bis die angekündigte Hilfe eintraf.)

Telefonat mit Herrn Kaltmamsell, der mich nächstes Wochenende besuchen kommt. Dann spazierte ich doch nochmal zum Supermarkt am Bahnhof, ich wünschte mir etwas Süßes, Schokoladiges zum Löffeln aus der Kühltheke. Und Obst.

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„Pride Week im Tierpark Hellabrunn“.

Homosexualität ist im Tierreich ganz normal. Das zeigen abendliche Sonderführungen im Münchner Zoo anlässlich des Christopher Street Days.

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Physiker Florian Aigner über den Unterschied zwischen Lösungen nach System Blutspende und Lösungen nach System WG-Küche.
„Sind Klimaproteste scheinheilig?“

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 7. Juli 2019 – Wanderung Silla-Weg mit Storch-Freizeit

Montag, 8. Juli 2019 um 7:23

Ein paar Tropfen Regen nachts und morgens immer wieder, aber der schaffte es nicht mal durch dichte Bäume auf den Boden. Dabei sieht es hier aus, als sei Regen dringend nötig.

Wolken und Abkühlung machten den gestrigen Sonntag zum idealen Wandertag. Ich war nach gutem Schlaf früh aufgewacht und hatte Hunger. Ich! Morgens! Also gab es zum Frühstück Müsli, Quark und eine Honigsemmel. Ich testete, wie sich das mit Kraftttraining vertrug und absolvierte meine angeordnete Geräterunde im Maschinenraum. Ging gut!

Es hätte wohl auch die eine oder andere organisierte Gruppenwanderung von der Klinik aus gegeben, aber: Menschen, noch dazu unbekannte. Fremdorganisation war auch gar nicht nötig: An einem Info-Aufsteller im Aufenthaltsraum hatte ich die Broschüre „Wanderwelt Bad Steben“ entdeckt, mit 25 Wanderungen zwischen 2,7 und 22,5 Kilometern, die alle in Bad Steben starteten und dort auch endeten. Ich wählte nach Länge aus: 12,7 Kilometer schienen mir für einen Reha-Sonntag genau richtig, ich ging also die Rundwanderung Silla-Weg.

Eingesteckt hatte ich nur eine Flasche Wasser und Notfallnüsschen, ich wollte gleich im Anschluss an die Tour in einem Café einkehren und legendären Windbeutel essen.

Die Runde ergänzte ich um zwei Verirrens-Kilometern: Ich hatte unbemerkt die Gegenrichtung der Beschreibung eingeschlagen, an einer Sternkreuzung leitete mich dieser Umstand fehl – was ich herausfand, als ich dann doch zu lange keine Markierung mehr gesehen hatte und bis zur letzten gesehenen zurückging.

Die Wanderung war ganz wundervoll: Abwechslungsreich, mit Ausblicken und enorm vielen verschiedenen Blumen am Wegesrand, vor der Kühle schützte mich meine Superduper-Wanderjacke.

Mir begegneten auf der gesamten Strecke nur zwei weitere Wanderer, doch das beste war: Keine Radler! Keine E-Biker, keine Mountainbiker, keine Radwanderer, obwohl sich die Wege dafür geeignet hätten. So schön.

Retro-Typografie hat man hier sehr.

Langenbach

Überall im Wald Roter Fingerhut.

Carlsgrün, auf der Gegenseite des Fußballplatzes sogar eine kleine Tribüne.

Tiersichtungen: Ein Reiher, der über mich hinweg flog. Ein großer Greifvogel, der zehn Meter vor mir vom Boden startete. Ein Fuchs, der auf einer Wiese irgendwas gefunden hatte.

Am Ende ein Thermik-kreisender Vogel recht weit oben, hin und wieder schlug er mit den Flügeln. Ich blieb verdutzt stehen, weil sein Hals für einen Greifvogel viel zu lang war. Ein älterer Herr, der mir entgegenkam, sah dem Vogel ebenfalls intensiv zu. Ich traute mich zu fragen: „Was ist das wohl?“ „A Storch! Dem g’fällt des!“ (Wobei „Storch“, wenn es ein Franke sagt, klingt, also würde es eigentlich „Storg“ geschrieben, wegen arch/arg, gnihihi.) Weiß ich jetzt also auch, was Störche so in ihrer Freizeit machen – denn für sie hat ein so hoher Flug überhaupt keinen Nutzen, sie sehen aus dieser Entfernung keine leckeren Frösche.

Es ging auf drei Uhr zu, jetzt hatte ich wirklich Hunger. Ich setzte mich in den Außenbereich des Kurhauscafés – und kaum saß ich, setzte aus dem Pavillon Live-Musik ein: Hammondorgel, verstärkte Geige, Trompete spielten von „Que sera“ über „Blue Moon“ bis Walzer alles, was mich Vico Torriani um die Ecke vermuten ließ. Dazu wurde sowas serviert:

Eigentlich müsste jedes Wochenende eine Karavane von Prenzlauer Berg und aus dem Glockenbachviertel hierher pilgern.
Zum Glück war das Personal sehr 2019 – sehr eben eröffneten Szenekneipe und so gar nicht Weißes Rössl – sonst hätte ich Angst gehabt, in einer Zeitreiseblase gelandet zu sein.

Deutlich später als geplant kam ich zurück auf mein Zimmer und duschte mich, dann war’s schon nicht mehr weit zum Abendessen.

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Die Expertinnen der Syracuse University Libraries zeigen:
„How to Rescue a Wet, Damaged Book: A Handy Visual Primer“.

via @giardino

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 6. Juli 2019 – Freibad in Naila

Sonntag, 7. Juli 2019 um 7:43

So richtig energiegeladen fühlte ich mich nicht nach einer unruhigen Nacht, aber dieser Samstag war ideal für die Schwimmrunde in Naila, die der Arzt empfohlen hatte: Es war Hochsommerwetter mit Bombensonne angekündigt, außerdem war ich nach Langem so gut wie erkältungsfrei (bissl Schleimhusten, bissl Rotz), an allen weiteren Wochenendtagen bis Ende Reha war potenziell Besuch angekündigt, und ich wollte dem Arzt reporten können.
Außerdem fiel mir sonst nichts ein, worauf ich Lust hatte.

Das ganze wurde ein perfekter Schwimmtag, unter anderem weil er bewölkt begann: Ich hatte mich nämlich bereits gesorgt, weil ich mir ohne Sonnencreme auf dem Rücken (erzählen Sie mir nicht, dafür hätte aktive Kontaktaufnahme zu anderen Rehabilitanden genützt) einen garantierten Sonnenbrand einfangen würde. Nach meinem Frühstückstee spazierte ich zum Bahnhof und nahm den 8.39-Uhr-Zug nach Naila. Die gut zehn Kilometer Fahrt dauerten mit Halt an jedem Gehöft1 zwölf Minuten. Google Maps lotste mich durch das unspektakuläre Naila (wieder auffallend viele Metzgereien, aber einige auch dauerhaft geschlossen, ebenso wie manch anderes Geschäft) den Kilometer zum Freibad.

Die Fachfrau sieht sofort: Abgetrennte Schwimmbahn im 50-Meter-Becken! Ich sperrte mein Zeug in ein Schließfach (nur bei Wetterbesserung würde ich mich auf die Wiese legen) duschte und ließ mich ins Schwimmbecken. Es war herrlich: 1500 Meter mit nur einem (paddelfreien und zügigen) weiteren Schwimmer auf der Bahn, dann 1800 Meter allein, ich fühlte mich kräftig und fit.

Wie bestellt verflogen auf meinen letzten 1000 Metern die Wolken. Ich cremte mich also ein soweit ich kam, wechselte in einen trockenen Bikini und legte mich auf die (wie überall in der Gegend völlig vertrocknete) Wiese in den Halbschatten.

Außer mir war eine größere Gruppe im Freibad, zudem ein halbes Dutzend versprengte Einzelmenschen. Im Lauf der nächsten zweieinhalb Stunden kamen ein paar Familien dazu, aber wirklich nicht viele – ich nehme an, auch hier ist wie in München der Samstagvormittag anderen Beschäftigungen vorbehalten, zudem könnte der bewölkte Morgen einen Freibadtag unattraktiv gemacht haben.

Gegen Mittag öffnete der geräumige Kiosk, ich holte meinen Morgencappuccino nach. Als Brotzeit hatte ich zwei Nektarinen eingesteckt.

Kurz nach zwei nahm ich einen Zug zurück nach Bad Steben (der Schaffner von der Hinfahrt lachte mich gleich an: „Jetzt ist der noch immer da!“ unterstellte er mir als Gedanken). Jetzt hatte ich Hunger. Den ganzen Vormittag hatte ich überlegt, worauf ich meisten Lust haben würde; zur innere Wahl standen legendäre Windbeutel in dem einen oder anderen Café, herzhaftes Mittagessen im Wirtshaus oder aus dem Supermarkt Buttermilch, Obst, Breze. Ich entschied mich für Letzteres, zur Breze gesellte sich eine Quarktasche, das Obst waren Flachpfirsiche.

Im Kurpark machte ich Brotzeit und sah mich nochmal ein wenig um.

Dieser Kurort ist ja – wie vermutlich jeder zumindest in Deutschland – durch und durch ernst gemeint, unverhipstert und so wenig ironisch gebrochen wie eine Florian-Silbereisen-Show. Wie kommt also diese Retro-Karte hierher, die mich über die Schulter nach dem Beiwagen-Motorrad von Indiana Jones Ausschau halten ließ? Kleiner Scherz einer Grafikerin?

Schon um halb fünf zog der Himmel zu, für den Sonntag war ein Wetterumschwung angekündigt – ich hatte also wirklich den perfekten Zeitraum für meinen Schwimmausflug erwischt. Allerdings ergab der Hautfarbencheck vorm Duschen, dass mich am Rücken dann doch ein wenig die Sonne verbrannt hatte.

Zum Abendessen servierte die Klinik unter anderem Rollmops – und wieder sehr gute Rohkostsalate.

Den Rest des Samstags verbrachte ich mit Zeitunglesen auf Smartphone im schattigen Garten, Tagesschau, Internetlesen.

Eine wirklich schöne Aussicht aus meinem Zimmerfenster, ich bilde mir ein, das Getreide reifen zu sehen.

Was ich hier sehr wenig mache: Mich schminken. Vor Sport eh nicht, und eigentlich ist hier im Grunde immer vor Sport. Nach Sport am späten Nachmittag lohnt sich nicht mehr, muss ich ja bloß vor dem Schlafen wieder abschminken.

§

Im Freibad hörte ich die Filmmusik von The English Patient, später recherchierte ich ein wenig zum historischen Hintergrund des Romans und zu seiner Rezeption.

Beim Lesen hatten mich die Filmbilder begleitet – was ich bedauerte, so schön ich den Film auch fand. Aber Hana ist im Roman so viel jünger, so viel mehr junges Mädchen als Juliette Binoche es damals war (es hätte die zehn Jahre jüngere Binoche aus The unbearable lightness of being gebraucht).

Über den Menschen hinter der titelgebenden Figur, der sehr wahrscheinlich schwul war (was eine sehr andere, aber wahrscheinlich noch interessantere Filmgeschichte gegeben hätte):
„Wüstenforscher Almásy
Nazi-Spion, Liebhaber, Teufelskerl“.

Seinerzeit im Independent:
„The villa of the peace: The English patient – Michael Ondaatje“.

Like coral, Ondaatje’s narrative is built up slowly into towers and branches and hidden chambers, fashioning a delicate grisaille of memory and passion. The form isn’t stridently avant-garde but rather radically experimental in the way that Bonnard, the chronicler of bourgeois bliss, is experimental – skewing dimension, masking figures, proceeding from icon to icon. Typically, Ondaatje ends a chapter not with an event but with a memory, an odour, a picture.

Ebenfalls aus der Erscheinungszeit in der Irish Times:
„The English Patient review: Love and loss in the desert fires“.

Ondaatje is a poet with a mythic imagination and this novel unfolds in prose of such breathtaking lyric and muscular beauty that the reading of it becomes almost a physical experience.

Der Guardian hat den Roman 2011 wiedergelesen:
„Booker club: The English Patient“.

Much has been said about the richness of Ondaatje’s writing, the sensuousness of his physical descriptions and his poet’s gift for using well-timed silences and ellipses to speak volumes. All that’s true. But the thing that impressed me most as I read the book this time around is its hard centre. It may come wrapped in musky perfume, but Ondaatje’s prose could go a few rounds with Hemingway and probably knock out Kipling, too.

  1. Merken Sie, wie ich der sprichwörtlichen Milchkanne ausgewichen bin? []
die Kaltmamsell

Journal Freitag, 5. Juli 2019 – Reha-Behandlungen und The English Patient

Samstag, 6. Juli 2019 um 6:45

Das Weckerklingeln nach neun Stunden Schlaf riss mich aus Träumen. Ich hätte gerne noch weitergeschlafen, hing dann auch beim Bloggen schlapp über meiner Tastatur – wo ich doch sonst morgens munter bin.

Tagesstart wieder „Freies Konditionstraining“, also nach einer Tasse Tee im Speisesaal als Anwesenheitssignal (damit sich niemand Sorgen macht, mir könnte nachts etwas passiert sein – so wurde die Bitte um Frühstücksteilnahme begründet): Crosstrainerstrampeln.

Ich verblöde. Meinen Sie, ich könnte mir auch nur drei Reha-Termine hintereinander merken? Aber nein, jeden schlage ich fünf bis zehn Mal nach. Dass der Umschlag meines Therapieplans schon jetzt ziemlich durchgenudelt aussieht, liegt vor allem daran, dass ich ihn bei bislang 15 Terminen sicher schon hundert Mal in der Hand hatte und nachschlagen musste.

Nächster Programmpunkt „Brain light“ (Sie erinnern sich: Massage durch Sessel).

Entschuldigung, ich habe ständig diese Szene im Kopf.

Die Musik aus dem Kopfhörer stellte ich auf leisest, die Brille blieb dunkel (möglicherweise Teil des gewählten Programms, möglicherweise kaputt, mir war’s recht). Die Massage bestand aus vielen Knubbeln, die aus dem Sessel kamen, der Sessel veränderte den Winkel, der Druck entstand mit der Schwerkraft des eigenen Körpers und war angenehm. Ich bemerkte die asymetrischen Verspannungen meiner Rückenmuskulatur, am verspanntesten (also mit schmerzhaftester Reaktion auf den Knubbel) eine durchaus unerwartete Stelle. In der nächsten Runde lasse ich Kopfhörer und Brille einfach weg, auch wenn dann mein brain kein light bekommt.

Noch mehr Entspannung wenig später bei „Rotlicht“: Mit bloßem Oberkörper wurde ich bäuchlings auf einer Liege platziert, wärmendes Licht auf die Lendenwirbelsäule.

Zum Mittagessen nahm ich den Mittwochabend gekauften Hüttenkäse mit: Milchprodukte wie Quark und Joghurt gibt’s nur zum Frühstück, das ich ja auslasse.

Gestern ein kurzes Reha-Programm, nachmittags hatte ich nur noch einen Workshop „Rückengerechtes Arbeiten/PC“: Grundsätzliches, Anekdoten und Geschichten, aber wir konnten auch verschiedene ergonomische Bürostühle durchtesten. Einen solchen hat mir mein Arbeitgeber ja bereits gestellt, jetzt habe ich ein paar Ideen zu seinem sinnvollen Einsatz.

Allgemein: Schön anzusehen sind die Bewegungsmuster anderer Patientinnen und Patienten, an denen ich meine wiedererkenne, zum Beispiel die besonders vorsichtigen ersten Schritte nach dem Aufstehen von einem Stuhl (könnte ja sein, dass es in die LWS sticht oder dass ein Bein gerade nicht mag).

Nachdem es vormittags wolkig und frisch gewesen war, schien schon mittags wieder die Sonne von blauem Himmel. Nach Siesta (Kopfweh fast ganz weg) spazierte ich nochmal ins Örtchen.

Jetzt müsste ich aber wirklich durch sein.

Vögel bislang: Mauersegler, Amseln, Singdrosseln, Elstern, Eichelhäher, Grasmücke (letztere drei habe ich bislang nur gehört, nicht gesehen), aber auch mindestens ein unvertrautes Vogelgesinge. Ich war ja bisher nicht viel draußen.

§

Ich las Michael Ondaatjes The English Patient aus und habe einen Neuzugang auf meiner Lieblingsbuchliste. Ondaatjes Erzählkunst (ich kannte davor The Cat’s Table und Warlight) ist sehr beeindruckend, im English Patient webt er damit eine einzigartige Geschichte, mit vier einzigartigen Menschen, die 1945 in einer zerbombten toskanischen Villa, zuletzt aus Frauenkloster genutzt, zusammenkommen. Es sind viele sehr bilderstarke Szenen, die Ondaatje mit wenigen Details und überraschenden Metaphern zum Leben erweckt. Es geht um nicht weniger als Liebe, wie sie Menschen erfasst, wie verschieden sie sich anfühlt, wie sie den Kern einer Persönlichkeit verändert oder auch nicht. Hana, die gebrochene, zwanzigjährige Krankenschwester aus Toronto, die gerade sie selbst wird. Der verbrannte Engländer, dessen gegenwärtiges Innenleben wir nie zu sehen bekommen, der nur aus Vergangenheit, historischer und kunsthistorischer Bildung besteht. Der Dieb Caravaggio, der Hana in Toronto hat aufwachsen sehen, jetzt ebenfalls gebrochen ist, aber anders als sie. Und Kip, der anglophile Sikh, eine isolierte Menscheneinheit, schwankend zwischen Vertrauen und Abgrenzung.

Ich mochte auch sehr die deutliche Erzählerstimme, die allerdings (nach meiner Zählung) nur an zwei Stellen explizit wird, einmal in einem die Leserschaft umarmenden „we“ und dann im vorletzten Absatz des Romans, als sie Kips und Hanas Leben Jahrzehnte später skizziert: „She is a woman I don’t know well enough to hold in my wing, if writers have wings, to harbour for the rest of my life.“

§

Die jetzt-Kolumne von David Würtemberger, die ich seit Beginn sehr interessiert, bewegt und oft traurig lese:

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten.

Die neueste Folge:
„Auch wer sich nicht für homophob hält, ist es oft“.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 4. Juli 2019 – Individualisierung der Reha

Freitag, 5. Juli 2019 um 7:05

Das waren gestern zusammengerechnet gut zwei Stunden Sport netto – akteptabel.

„Konditionstraining“ stand als erster Programmpunkt in meinem Therapieplan für gestern, und zwar „Freies Training“. Meine Idee, einfach ein wenig früher aufzustehen und vor dem Frühstück eine Runde zu strampeln, dadurch vielleicht Appetit für ein Schälchen Quark mit Obst zu erzeugen, scheiterte an der Öffnungszeit der Trainingsräume um 7.30 Uhr (Frühstück 7.30-8.15 Uhr).

Na gut, also erst eine Tasse Tee um halb acht, dann zum Konditionstraining auf den Crosstrainer. Ich sah durch die gegenüberliegenden Fenster der Küchenmannschaft zu, die Herren trugen tatsächlich die hohen Kochmützen, die ich immer für reine Fotorequisite gehalten hatte. Ich schwitzte angemessen.

Für den Vortrag „Rückenerkrankungen“ legte ich mein Handtuch über die Stuhllehne, um den Sportschweiß bei mir zu behalten. Tatsächlich ging es um Rückenschmerzen, die Infos waren also nicht wirklich für mich relevant: Rückenschmerzen habe ich ja praktisch nicht. Und dass über 90 Prozent aller Rückenbeschwerden unspezifisch sind und keine Erkrankungs- oder Unfallursache haben, wusste ich vorher. Interessant fand ich die wiederholte Aussssage des referierenden Arzts, Schmerzempfinden sei durch positive Gedanken zu lindern, und seine Empfehlung, schöne Gedanken zu haben und an der inneren Einstellung zu arbeiten. (Nächster Schritt wäre der Tipp gewesen, sich morgens im Spiegel zuzulächeln, doch so weit kam es nicht.) Das passte schön zur Behandlung von Stress als negativem Einfluss auf chronische Schmerzen: Den zu vermindern ist nämlich, ließ ich mir erklären, nicht Sache des Arbeitgebers, sondern der Arbeitnehmenden.

Wie schon beim medizinischen Vortrag am Mittwoch wurde eine einzige ganz konkrete Stressursache benannt: Handy/Smartphone. Weil das jeder habe und ständig draufschauen müsse (hier bei beiden vortragenden Herren lächerlichmachende Pantomime vorstellen).

Danach blieb mir noch ein wenig Zeit, meine Wasserflasche nachzufüllen, dann ging ich das am Vortag erarbeitete Maschinenprogramm an. Kraftttraining mag ich ja, doch am Vergnügen hinderte mich böses Kopfweh. Nach dieser Runde war auch die Cafeteria offen, ich holte meinen Morgencappuccino nach.

Duschen, Zivilkleidung: Mittagessen. Ich genoss die herzhafte, mit Soja und Mais gefüllte Paprikaschote auf Reis, am Salatbuffet gab es gehobelten Fenchel, den ich sehr schätze. Nachtisch Aprikose und Brombeerjoghurt. Gutes Essen!

Wegen Kopfweh legte ich mich zu einer Siesta hin, statt draußen in der Sonne zu lesen.

Erster Nachmittagstermin: Facharztvisite. Wir kamen überein, mir das „therapeutische Rückenschwimmen“ künftig zu ersparen, ich bekam sogar einen Tipp für ein richtiges Schwimmbad: Das Freibad am Ort sei doch viel zu klein für eine Schwimmerin, im benachbarten Naila gebe es ein Freibad mit 50-Meter-Becken, ich solle doch dort am Samstag Schwimmen gehen – und am besten einen gemütlichen Tag dort verbringen. Individueller Therapieplan or what?

Rückenschule, Unterrichtseinheit 1 von 6, die sich über die nächsten Wochen verteilen: Ein Physiotherapeut erklärte Wirbelsäulentheorie – sehr interessant. Unter anderem erfuhr ich, woraus ein Schleudertrauma eigentlich besteht.

Zum Abschluss des Rehatages zog ich mich nochmal fürs Hallenbädchen um: „Gruppe Bewegungsbad“ war Wassergymnastik und zwar eine überraschend anspruchsvolle halbe Stunde, in der gegen den Wasserwiderstand trainiert wurde. Das darf gerne im Therapieplan bleiben.

Mit meiner fünfköpfigen Tischgesellschaft im Speisesaal bin ich sehr zufrieden: Niemand redet. Man wünscht einander freundlich lächelnd guten Morgen, sagt Hallo, „Guten Appetit“, verabschiedet sich „Bis später“, ansonsten herrscht meist entspanntes Schweigen. Schön.

Ich spazierte nochmal durch Kurpark und Ort zum Supermarkt am Bahnhof, holte Obst. Die Erbeeren gab es gleich zurück auf dem Zimmer.

„Alte Wehrkirche“ St. Walburga.

Weiterhin Kopfweh und große Müdigkeit bis zum Gähnen, ich ging sehr früh Schlafen.

§

Ich lerne gerade wieder viel über Europa: Die Nominierung von von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin wird viel und kontrovers kommentiert, die fundiertesten Kommentare davon sind für mich Unterricht (z.B. dieser von Stefan Ulrich in der gestrigen Süddeutschen), in dem ich mal wieder das Ausmaß meiner Ahnungslosigkeit sehe. Weswegen ich selbst mich mit einer Beurteilung aber schon sowas von zurückhalte.

die Kaltmamsell

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