Journal Mittwoch, 10. Oktober 2018 – Kulturelle Fitnessstudio-Mitgliedschaft

Donnerstag, 11. Oktober 2018 um 6:57

Wieder nichts zu erzählen, es muss schon als Highlight gelten, dass ich morgens früh aufstand für eine Rund Kraftttraining (und dabei mit der heimischen IT haderte, die weder Aufwärmmusik auf die großen Lautsprecher noch das Trainingsvideo auf den Fernseher übertragen wollte). Es war schon morgens so warm, dass ich bei offener Balkontür sportelte, über den Vormittag verzog sich auch der Herbstnebel und ließ die Sonne scheinen.

Auch dieses Jahr schaffte ich den Einstieg in mein Kammerspiel-Abo nicht: Ja länger der Arbeitstag wurde, und er wurde lang, desto mehr freute ich mich auf einen Abend daheim statt im Theater. Es sieht nach einer weiteren Runde meines Kultur-Pendants zur Fitnessstudio-Mitgliedschaft aus: Gebühren zahlen ohne hinzugehen. Nächstes Ziel: Wenigstens herumfragen, ob jemand statt mir hingehen will.

Im späten Abendlicht spazierte ich heim und genoss die Dämmerungsgerüche.

§

Der aktuelle Spiegel ist ein Themenheft: „#frauenland“.
Darin auch endlich:
„#MeToo beim SPIEGEL
Wir müssen über Augstein reden“.

Es schreibt Susanne Beyer, Mitglied der Chefredaktion. Die längjährige Wirtschaftsredakteurin Dinah Deckstein erzählt, wie sie seinerzeit Augstein vorgestellt wurde: Er hatte das letzte Wort über ihre Einstellung.

Augstein und der Leiter des Politikressorts hätten über ihren Kopf hinweggeredet. „Wollt ihr schon wieder eine Frau?“, habe Augstein den Ressortleiter gefragt. Er spielte auf eine Kollegin an, die bereits im Politikressort tätig war. „Ihr habt doch schon eine. Ihr wollt doch nicht, dass die eine der anderen die Augen auskratzt.“ Dinah Deckstein wurde aus dem Gespräch entlassen, so erzählt sie es, mit der Information, dass sie den Test bestanden hatte – obwohl sie kaum etwas gesagt hatte.

Solche Situationen kannte ich aus dem Berufsleben: Der Test bestand darin zu beweisen, dass man bereit ist sich demütigen zu lassen, ohne aufzumucken. In den Situationen selbst glaubte ich damals, es gehe um Konzentration aufs Wesentliche vs. Zimperlichkeit.

§

Wie zart manche Eltern-Kind-Beziehung wird, wenn sie sich ihrem Ende nähert. Gaga schreibt:
„2. Oktober 2018“.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 9. Oktober 2018 – Mild und ruhig

Mittwoch, 10. Oktober 2018 um 5:52

Nicht weiter erwähnenswerter Arbeitstag, morgendlicher Nebel, dann Hochnebel, erst spät kam die Sonne raus. Weiterhin sehr mild für die Jahreszeit.

Das Gute am Herbst: Lustige Strumpfhosen, für meine karierten bekam ich gestern viel Beifall.

St. Paul nach Langem mal wieder ohne Gerüste und kranfrei einsehbar.

Wieder eine Einkaufsrunde nach Feierabend. Da Herr Kaltmamsell abends beruflich aushäusig verbrachte, musste ich selbst für Sättigung sorgen – ich freute mich den ganzen Tag schon auf die Dose Erbseneintopf, die ich mir warm machte.

§

Dass die Aufhebung des Autofahrverbots für Frauen in Saudi-Arabien kein Sieg der Frauenrechtlerinnen war, wurde ja schon zu der Zeit angesprochen. Dass sie sogar eine Verstärkung der Unterdrückung von jeder Art von Dissidenz bedeutete, zeigt sich jetzt:
„Kingdom Crackdown
Saudi Women Who Fought for the Right to Drive Are Disappearing and Going Into Exile“.

via @nullzeit

§

Seit 1949 gab es 692 beamtete Staatssekretäre in Deutschland, fast alles Männer. Nur drei Prozent waren Frauen, das heißt: Weniger Frauen insgesamt als Männer, die Hans heißen und hießen.

„Die Hans-Bremse“.

Monatelang hat ZEIT ONLINE mit Frauen aus verschiedenen Ministerien und Bundesbehörden gesprochen. Sie haben unterschiedliche Hierarchieebenen erreicht. Es sind junge Referentinnen und altgediente Führungskräfte darunter, einige sind in höchste Ämter gelangt. Ihre Erfahrungsberichte verdichten sich zu einem Mosaik der Erniedrigungen.

Und doch: Ich kann gar nicht sagen, wie erhebend für mich dieser Eindruck sprunghaft gewachsenen Bewusstseins für die Benachteiligung von Frauen ist. In der Süddeutschen wird mittlerweile immer wieder bei fast jedem Thema durchgezählt, Filmkritikerin Susan Vahabzadeh habe ich über die vergangenen Jahre beobachtet, wie sie sich zur unerschrockenen Feministin schrieb, und immer öfter wird aus „aber kann man frauenfeindliches XY heute überhaupt nocht schreiben, ohne einen auf den Deckel zu bekommen?“ ein „früher hätte man ja peinlicherweise frauenfeindliches XY geschrieben“.

Selbst Kanzlerin Merkel weist jetzt immer wieder auf das Fehlen von Frauen hin, erst dieser Tage die Führung der Jungen Union und an der Universität Haifa: „Und wie viel Prozent der Professoren sind Frauen?“

Mal sehen, wie lange es dauert, bis Organisationen und Unternehmen drangehen, das wirklich zu verändern (wenn Sie Beratung brauchen: Mein Kontakt steht im Impressum) und sich nicht mehr nur auf das Drucken von Diversity-Broschüren konzentrieren.

§

Eine wirklich charmante Geschicht als Launeaufheller zum Abschluss:
„Daniel Radcliffe and the Art of the Fact-Check“.

Researching his role in “The Lifespan of a Fact,” the actor embeds in The New Yorker’s fact-checking department.

via @DonnerBella

Aus QI-Folgen, an denen er teilnahm, weiß ich, dass Herr Radcliffe ausgesprochen belesen und geistig wendig ist.

Vielleicht mögen Sie sich diese Weihnachtsfolge von 2010 mal ansehen? (Graham Norton ist auch mit dabei.) (Vorsicht: Very blokey.)

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/WpoF-0QGJng
die Kaltmamsell

1000 Fragen 301-320

Dienstag, 9. Oktober 2018 um 13:07

301. Worin bist du ein Naturtalent?
Abreißen von Klarsichtfolie.

302. Welche Person um dich herum hat sich in letzter Zeit zum Positiven verändert?
Mir fällt keine ein (zu wenig Auswahl?).

303. In welcher Situation warst du unfair?
In den vielen, in denen ich auf jemand (z.B. verbal) Unterlegenen blitzwütend war und ihn oder sie mit meiner Überlegenheit attackiert habe. (Seit ich den Mechanismus erkannt und mich geschämt habe, unterdrücke ich den Impuls aber meist erfolgreich.)

304. Fühlst du dich fit?
Ziemlich.

305. Sind deine finanziellen Angelegenheiten gut geregelt?
Ich interessiere mich dafür so wenig und kümmere mich so wenig darum, dass ich das nicht beurteilen kann. Also vermutlich nein.

306. Von welchem Buch warst du enttäuscht?
Richard Matheson, I am legend. Das lag aber vermutlich daran, dass Herr Kaltmamsell es mir nach meiner Begeisterung über The girl with all the gifts empfohlen hatte: Wenn dir das gefallen hat, wird dir dieses noch besser gefallen. Tatsächlich ist I am legend eher simpel gestrickt und wohl vor allem literaturgeschichtlich bemerkenswert, nämlich als erster Zombieroman (wobei die Bezeichnung nicht verwendet wird, Matheson schreibt über „vampires“.)

307. Welchen Grund hatte dein letzter Umzug?
Job in München.

308. Neigst du zum Schwarz-Weiß-Denken?
Leider ja. Ich tue mich sehr schwer mit Grauzonen, arbeite aber daran.

309. Was fühlst du, wenn du verliebt bist?
Positive Überwältigung und Hilflosigkeit. Die allergrößten Verliebtheiten hatten etwas von einem schweren Infekt.

310. Gehört es zum geselligen Beisammensein, viel zu essen und zu trinken?
Nicht wenn es sich um eine Chorprobe oder um Hot Iron-Krafttraining handelt.

311. Welche Dinge stehen noch auf deiner To-do-Liste?
Filmerin beauftragen, Winterkleidung aufbügeln, Wanderschuhe reinigen und fürs Einwintern fetten, Spinnweben an Zimmerdecken wegsaugen.

312. Hegst du oft Zweifel?
Ja.

313. Womit bist du unzufrieden?
Mit den Sportmöglichkeiten diese Woche.

314. Mit welchem Gefühl besteigst du ein Flugzeug?
Kommt ganz darauf an, in welcher Situation ich bin:
– Urlaubsanfang mit Herrn Kaltmamsell: vorfreudig.
– Flug verspätet, ich musste lange warten: genervt.
– Ich verspätet, ich musste mich hetzen: durcheinander.
– Urlaubsende mit Herrn Kaltmamsell: gelassen.
Etc.

315. Gilt für dich die Redensart „Eine Hand wäscht die andere“?
Nein. Ich erwarte nicht für eine Freundlichkeit, einen Gefallen eine Gegenleistung von der Empfängerin. Bislang habe ich immer so viel Freundlichkeit und Gefallen bekommen, dass sich alles mindestens ausgeglichen hat.

316. Bist du schon mal schikaniert worden?
In nur geringem Maß; ich denke an einen bestimmten Wirtschaftslehrer und einen Radio-Chef.

317. Wie spontan bist du?
Mit guter Planung: Sehr.

318. Unterstützt du bestimmte Menschen bedingungslos?
Nein.

319. In welcher Angelegenheit hast du Schuldgefühle?
Wieder ein: Hahahaha – in welcher nicht?

320. Wie viele Jahre schon dauert deine längste Freundschaft?
Über 30.

Zu den Fragen 281-300.
Zu den Fragen 321-340.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 8. Oktober 2018 – Herbstlich

Dienstag, 9. Oktober 2018 um 6:17

Geboren und aufgewachsen bin ich ja in einem Nebelloch (Ingolstadt), doch in der Münchner Innenstadt ist Nebel so rar, dass ich ihn gleich mal fotografierte.

Ich hatte gut geschlafen – ungewöhnlich für eine Nacht vor dem ersten Arbeitstag. Der war dann ziemlich heftig, aber ohne Katastrophen. Die sonntägliche Trainingsrunde hatte einen angenehm ziehenden Muskelkater in Bauch und Armen hinterlassen, gerade genug, dass ich mich trainiert fühlte.

Auf dem Heimweg eine Runde zur Post und ein paar Einkäufen.

Oktifest wird abgebaut.

Fürs Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell den Butternut-Kürbis aus dem Ernteanteil zu einem Ottolenghi-Gericht verarbeitet.

Köstlich – Tahini geht immer.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 7. Oktober 2018 – Chill-Versuch

Montag, 8. Oktober 2018 um 6:27

Ich musste mich Schritt für Schritt dazu bringen, doch unterm Strich bekam ich dann doch einen gechillten Sonntag zustande.

Ausschlafen war schon mal prima. Geplant hatte ich eine Schwimmrunde im Olympiabad. Aber als ich nach dem Packen des Schwimmzeugs auf dem Balkon die Temperatur checkte und in den grauen Himmel guckte, hatte ich überhaupt keine Lust auf Radeln in den Olympiapark. Schwimmpläne gestrichen, erster Schritt Richtung Chillen.

Meinen Sportdrang lebte ich in Form eines Stündchens Krafttrainings aus, Schwerpunkt Bauch, Rücken, Schultern – die untere Körperhälfte hatte ich ja im Wanderurlaub eingesetzt.

Zum Essen (Frühstück und Mittagessen kombiniert) gab’s die am Vortag gebackenen Bagels mit Frischkäse, getrockneten Tomaten oder Lachs, dazu einen Chinakohlsalat aus Ernteanteil.

Gemütlich die Kiste mit Winterkleidung aus dem Keller geholt, die aufzubügelnde davon gestapelt, Sommerklamotten und -schuhe eingekistet. Meine Winterkleidung habe ich mittlerweile so weit dezimiert, dass ich sogar Lücken sehe – sie macht mir halt nicht halb so viel Spaß wie Sommerkleidung: Nur wenig, was ich sehe, löst Begehren aus. Ich nahm mir den Katalogstapel auf meinem Nachttisch vor und bestellte ein Oberteil, ein Paar Jeans (der Offline-Kauf vergangenes Jahr war ein Fehlkauf, wie ich ich gestern beim Wiederanziehen nach dem Sommer endgültig feststellte, sind zu groß und sitzen überhaupt nicht) und einen Rock bestellte ich beim Manomama. Jetzt fehlt mir nur Ersatz für meinen schon seit zwei Jahren zerschlissenen Janker.

In meiner einwöchigen Abwesenheit hatten sich die Tageszeitungen ungelesen gestapelt, Sessellektüre. Am späten Nachtmittag ging ich eine große Runde durch die Fußgängerzone Spazieren, Pokémon fangend.

Nächster Chill-Schritt war, dass ich bei meiner Rückkehr das Bügeln abblies (u.a. Winterkleidung…) und weiter Zeitungen las.

Abendbrot, Wohnung geräumt, ich fühlte mich so weit weg vom Arbeitsalltag, dass ich mich nicht mal vor dem ersten Bürotag fürchtete.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 6. Oktober 2018 – Geburtstagsfeier mit Karpfen

Sonntag, 7. Oktober 2018 um 8:56

Herrlich lang und gut ausgeschlafen, endlich konnte ich Herrn Kaltmamsell morgens wieder mit Milchkaffee versorgen und bekam selbst auch einen. Obwohl ich nur eine Woche weg war, fühlte sich die Wohnung nach Urlaubsrückkehr an.

Wir waren bei meiner Mutter zur Geburtstagsfeier eingeladen und nahmen vormittags einen Zug nach Ingolstadt. Auf dem Weg zum Bahnhof mussten wir bereits angetrunkenen Oktoberfestfeierern verschiedener Sprachen und einigen Wiesnpizzen ausweichen. Zumindest verliefen unsere Bahnfahrten gestern antizyklisch und ruhig.

Vom Elternhaus aus fuhr die Festgesellschaft ins Altmühltal: Meine Mutter hatte in den Gasthof Wagner zum Karpfenessen geladen.

Unteremmendorf in warmer Herbstsonne.

Der berühmt Karpfen in Bierteig – auch diesmal köstlich.

Ich freute mich, die gesammelte Familie zu sehen und zu sprechen. Unter den Nifften dominierte natürlich das Thema Schule inklusive detaillierter Beschwerden über doofe Lehrerinnen und Lehrer – wobei halt lustigerweise zu dieser Familienrunde auch eine Lehrerin und ein Lehrer gehörten. Doch wir unterhielten uns auch über die politische und gesamtgesellschaftliche Situation (u.a. hatte Neffe 1 an der Demo in München am 3. Oktober teilgenommen, mit selbst gebasteltem Plakat, Nichte macht sich Gedanken über ethischen Kleidungskauf).

Zurück in meinem Elternhaus gab’s noch Kaffeeundkuchen, meine Mutter hatte neben ihrer Lieblingstorte Philadelphia-Käse auch eine Maulwurftorte gebacken – ich hatte bereits vergessen, wie gut die ist.

Ereignisarme Heimfahrt.

Am Bahnhof versuchte ich vergeblich, mir die Reisekostenerstattung für den Vortag auszahlen zu lassen: Da ich nur ein Handyticket besaß, musste das Formular eingeschickt werden, „weil ich hab‘ ja keinen Zangenabdruck“. Merken.

Kochen und Backen der am Vortag vorbereiteten Bagels.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 5. Oktober 2018 – Westerwaldsteig 8: Rückfahrt Hümmerich-München (lange)

Samstag, 6. Oktober 2018 um 9:27

Rückreise mit Zug und zweimal Umsteigen: Diesmal ging’s nicht glatt. Aber ich hatte fürs Reisen den ganzen Tag einkalkuliert und keine großen Pläne für den Nachtmittag, erlebte auf der Reise auch etwas – sie wurde Teil des Urlaubs.

Den Wecker hatte ich früher gestellt, um Zeit für Frühstück und Arrangements zu haben. Draußen breitete sich ein strahlend goldener Herbsttag über dem Ausblick. Im Frühstücksraum (Buffet inklusive Joghurt!) wieder die beiden dröhnenden Herren, mit denen ich schon mein Abendessen geteilt hatte: Manche Menschen können sich wahrscheinlich nur in Bühnenlautstärke unterhalten (manchmal fürchte ich, dass ich dazu gehöre) – vielleicht arbeiten die beiden am Bau?

Taxi zum Bahnhof Neuwied, die Angaben der Bahn-Auskunft zur Busverbindung hatten nicht gestimmt – was ich diesmal aber rechtzeitig herausgefunden hatte. Der passende Regionalbus als Zubringer existierte nicht, es hätte lediglich einen Schulbus gegeben, der mich zwei Stunden vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof abgesetzt hätte. Plaudern mit der Taxlerin über Wandern in ihrer Heimatgegend (sie war völlig überrascht über meine Erzählung, glaubte mir auch nicht ganz) und Oktoberfestumstände in München.

Die Regionalbahn Neuwied-Koblenz fuhr pünktlich, doch ich sah bereits auf meinem Online-Reiseplan, dass es danach ungemütlich würde: Der EC zwischen Koblenz und Mannheim hatte 25 Minuten Verspätung, keine Chance auf Anschluss. Doch so kam ich am Bahnhof Koblenz zu einem Cappuccino beim kleinen Italiener. Um halb zehn saßen dort schon einige Männer mit Pils, einen Schreck versetzte mir aber erst die gepflegt Frau, die „einen trockenen Weißwein“ bestellte.

Das mit dem Alkohol sollte der rote Faden der Reise werden, ich hatte einige Gelegenheit, über unsere Drogenkultur nachzudenken. Zwischen Koblenz und Mannheim saß ich zwischen verschiedenen Partys (immer noch deutlich vor Mittag): Die junge Frau neben mir, die keiner davon angehörte, kommentierte zu ihrer Begleitung: „Och guck mal, die trinken kleine Baileys – das ist ja lustig!“, als ich hinter mir den Ruf hörte: „Noch wer Sekt?“ Entsprechend war die Lautstärke im Großraumabteil. Was mich in diesem Fall erschreckte: Zu den Partygesellschaften gehörten auch kleine Kinder.

Vor lauter Feiern bekamen die Reisenden das eigentliche Feature der Fahrt nicht mit: Wir bereisten die meiner Ansicht nach schönste deutsche Bahnstrecke, nämlich die mit Rhein-Panorama: Herbstlich bunte Hügel im Sonnenlicht, dazwischen imposante Burgen, Dunstfetzen überm Wasser, Schiffe – und sehr niedriger Wasserstand.

In Mannheim hatte ich dann genug Zeit, um im Reisezentrum meine Sitzeservierung umbuchen zu lassen. Diese brachte mich in ein Sechserabteil – zum Glück, denn der Großraumwaggon dahinter war bereits fortgeschrittene Partyzone, in der beherzt Helene Fischer mitgegröhlt wurde. Aus Mannheim kam der ICE allerdings nur ein paar Kilometer weit, dann stoppte er abrupt: Personen im Tunnel. Der Zug kehrte um nach Mannheim und nahm eine Alternativroute – die ich in fachkundigem Detail erklärt bekam: Ein Mitreisender im Abteil stellte sich als Lokführer heraus.

Auch hinter Stuttgart kam ich zu einem sehr interessanten Gespräch, das die lange Reise kurzweilig machte: Ein neu zugestiegener Herr ging von etwas Smalltalk gleich zu echtem Inhalt über, ein IT-Entwickler mit hochinteressanten Projekten. Er schaltete bald auf Englisch um, erzählte von seinen Erfahrungen der vergangenen Jahre und von seinen Plänen für seine indische Heimatstadt Pune.

Von Tür zu Tür war ich insgesamt acht Stunden unterwegs, erreichte München mit knapp zwei Stunden Verspätung. Ich fühlte mich ausgeruht und war tatendurstig (Herr Kaltmamsell befand sich bis spät nachts auf Personalausflug). Also rollkofferte ich durch Oktifestmassen nach Hause, stellte dort nur schnell mein Gepäck ab und ging auf eine Einkäufsrunde. Nach dieser setzte ich Teig für Bagels an, packte aus, füllte eine Waschmaschine, widmete mich notwendiger Rundum-Körperpflege.

Zum Abendessen machte ich mir Ernteanteilsalat, sah dann noch Post durch und erledigte sich daraus ergebende erwachsene Erledigungen.

Abschied vom Westerwald.

04

Nebel in Neuwied.

Koblenz (nicht Konstanz – ich habe da eine Verwechslungsschwäche und muss immer gründlich nachdenken).

Am Rhein entlang.

§

Die kluge Rede von Deniz Yücel zum Tag der deutschen Einheit erzählt auch, wie viele türkische Einwanderer die Wiedervereinigung und die Jahre seither erlebt haben:
„Ein Lob der Zerrissenheit zum Tag der Einheit“.

(…) selbstverständlich ist moderne Gesellschaft keine konfliktfreie Zone und kann es angesichts des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit auch nicht sein. Und im Konflikt lässt sich das Handgemenge nicht immer vermeiden. Es macht aber einen himmelweiten Unterschied, ob man sich mit der Staatsmacht anlegt, weil man, sagen wir, einen Wald davor retten will, einer Landebahn oder dem Braunkohleabbau zum Opfer zu fallen, oder man die Staatsmacht beiseiteschieben will, um andere Menschen totzuschlagen.

die Kaltmamsell

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