Journal Donnerstag, 12. April 2018 – Verschiedene Vernebelungen

Freitag, 13. April 2018 um 4:58

Seltsamer Tag.
Das lag zum einen an der nächtlichen Migräneattacke (richtig: die dritte in zwei Wochen), die mir nach der Triptanmedikation nur noch anderthalb Stunden bis Wecker gab – den ich im Moment der Diagnose eh schon von Frühaufstehen für Morgensport auf die übliche Zeit gestellt hatte. Gradaus Denken war erst gegen Ende des gestrigen Arbeitstags möglich. Ich habe es sehr satt, Sie (und mich) mit meinen Kränklichkeiten zu langweilen; ich möchte Sie endlich wieder mit Sport und Cocktails langweilen.

Zum anderen lag das daran, dass ich gestern das Foto des myself-Artikels postete (instagram, Twitter, Facebook) und sich so viele Menschen mit mir freuten, dass es mich noch wuschiger machte. Sie sind alle zu und zu freundlich!

Zum noch anderen begann der Morgen nach Migräne-Aufstehen schräg, weil ich ohne Nachzudenken auf den „Software aktualisieren und neustarten jetzt“-Knopf klickte und erst danach merkte, dass ich während dieses Vorgangs nicht bloggen konnte. Woraufhin ich meinen Tagesanfang umstellte und erst Duschen, Schminken, Föhnen und Anziehen ging, um nach dem Software-Update zu bloggen.

Der Tag begann mit herrlichem Frühlingswetter und strahlenden Farben.

Er verdüsterte sich gegen Abend aber wieder schwül.

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Da war es wieder: Das gute Internet.
Die Elfjährige und die Washington Post.

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Sie werden nach dieser Geschichte Erdbeer-Erdbeerverkaufshäuschen nie mehr mit denselben Augen sehen:
„Im Winter 1996 habe ich eine Woche damit verbracht, in einer düsteren Holzhütte Erdbeersamen aus Styropor zu schnitzen.“

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 11. April 2018 – Selbst in Zeitschrift

Donnerstag, 12. April 2018 um 6:28

Frühingsfest im Werden.

Gerade habe ich mal wieder ein Stinkphase (Dreckshormone), die stündlich das Bedürfnis nach Achselwäsche und Deo auslöst.

Aus den besten Aufzügen kann man rausschauen.

Abends hatte ich wieder überhaupt keine Lust auf Sport, und gegen inneren Widerstand sportle ich nicht. Turnbeutel also wieder heimgetragen, aber einen Umweg gemacht, um die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift myself zu besorgen, weil ahem…

Nachtrag: Das Foto von mir hat Markus Burke gemacht.
Herr Kaltmamsell freute sich wie ein Schnitzel, das auf dem Foto seine Pabel-Moewig-Sammlung als Hintergrund zu sehen ist (möglicherweise an der myself-Zielgruppe vorbei?). Zum Nachtmahl servierte er Spinatknödel, zu denen ich nach zwei Wochen mal wieder Lust auf ein Glas Wein hatte (ein Viura aus der Rioja).

Abendprogramm: Ich schaute mir in der Arte-Mediathek den Film Embrace an – über die (Crowd-finanzierte) Aktion der Australierin Taryn Brumfitt, Frauen mit ihrem eigenen Körper zu versöhnen, hatte ich vor zwei Jahren viel gelesen.

Die Dokumentation gefiel mir, auch wenn ich wenig Hoffnung habe, dass Taryns Wunsch in Erfüllung geht: Ihre Tochter möge mit ihrem eigenen Körper weniger hadern als sie selbst. Dazu müssten sich erst mal so viele gesellschaftliche Strukuturen ändern. Und ich habe mittlerweile ein kleines Problem mit dem ständig wiederholten Appell ans Schönfinden aller Frauenkörper: Mir wäre lieber, wenn dieser Aspekt überhaupt in den Hintergrund träte. Frauenkörper sind. Wie Männerkörper halt auch. Ende der Geschichte. (Das schließt den Wunsch nach Schmücken und Gestalten ja nicht aus.)

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Javier Cercas, spanischer politischer Schriftsteller, ordnet in einem Kommentar in der gestrigen Süddeutschen das Handeln von Carles Puigdemont ein: „Amtsmissbrauch.“
„Warum man Puigdemont nicht verteidigen sollte“.

Wie schräg es ist, dass das Oberlandesgericht Schleswig über Puigdemonts Freilassung zu entscheiden hatte, erklärt Ulrich Karpenstein im Verfassungsblog:
„Der Fall Puigdemont – ein europäisches Problem!“

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Hatte ich auf Twitter mitbekommen und weil Vanessa mitschrieb: Auf Twitter hatte Whitney Reynolds (aus gegebenem Anlass) die Aufgabe gestellt „Describe yourself like a male author would“. Selbst scheiterte ich bei dem Versuch mitzumachen, mein Selbstbild meines Äußeren ist irreparabel kaputt. Im Guardian sammelt Alison Flood Ergebnisse – und stellt sie einigen Frauenbeschreibungen hochdekorierter Romanautoren gegenüber.
„‚A nice set of curves if I do say so myself‘: a Twitter lesson in how not to write women“.

Sollten Sie ein Mann sein und aus der Sicht einer Frau schreiben wollen, verinnerlichen Sie bitte, bitte:

One integral thing about being female is that we don’t really think about our breasts very much at all.

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Ich bin ja dabei, Frieden mit den Münchner Stadttauben zu schließen. Erst gab es am Balkon ein paar wirklich schöne Exemplare (lookism!), dann freute ich mich wiederholt über die Ästhetik von Taubenschwärmen, die vom Nußbaumpark vor die Silhouette von St. Matthäus flogen. Ein Fotograph in New York hat die örtlichen Stadttauben zu seinen Stars gemacht:
„New York City’s Pigeons, Like You’ve Never Seen Them Before“.

via @pinguinverleih

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Da lachte selbst die Autohasserin sehr:
„Harrison Ford“.

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So gern ich die englischsprachigen Landwirtschafts-Erzählerinnen und -Erzähler im Web, vor auf allem auf Twitter schätze, so sehr vermisse ich irgendwas Vergleichbares im deutschsprachigen Raum. Freundlicherweise reagierte auf meinen entsprechenden Seufzer Texas-Jim,1 der Mann hinter dem Blog Dieseldunst, und schickte mir ein paar Tipps – alle ganz anders als die englischsprachigen, aber einige hochinteressant. Zum Beispiel MASCHINEN!


  1. Der Nick ist ein Hinweis, wie lange er schon ins Internet schreibt. []
die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 10. April 2018 – Arbeitstag mit Abschluss im Chinarestaurant

Mittwoch, 11. April 2018 um 5:25

Seit einigen Tagen wird auf der Theresienwiese das Frühlingsfest aufgebaut, allerdings stehen die Zelte ganz anders als in den vergangenen Jahren.

Wetter gestern: Wolkig schwül. Arbeit gestern: Viel und aufregend.

Abendessen: Im China-Restaurant Shanghai an der Sonnenstraße.

Mapo Tofu links: Der Kellner freute sich über die Bestellung und erklärte, das Gericht sei in China sehr beliebt. Ente nach Kanton-Art rechts: Hier freute sich der Kellner, dass wir es mit Knochen haben wollten (er hatte es auch entbeint angeboten). Wir aßen gut mit Blick über die Sonnenstraße.

Seit gestern Mittag stetig stärker werdender Muskelkater in den Oberschenkeln – komplettes Rätsel, da mein jüngster Sporteinsatz 48 Stunden vorher war und mit den Oberschenkeln nichts zu tun gehabt hatte. Doch ab nachmittags eierte ich wie nach 30 Minuten Squats mit Langhantel herum.

die Kaltmamsell

Montag, 9. April 2018, Didier Eribon, Tobias Haberkorn (Übers.), Rückkehr nach Reims

Dienstag, 10. April 2018 um 5:35

Ich hatte französisch-intellektuelles Theoretisieren befürchtet (weshalb das Buch nach Kauf vier Monate auf Lektüre wartete), tatsächlich bekam ich eine sehr interessante Erzählung: Vergangenes Jahr stolperte ich an vielen Stellen über Didier Eribons Rückkehr nach Reims, meist bereits als Referenz, an den Haken brachte mich dann aber der Hintergrund, dass Eribon es als Sohn kleiner Leute zu akademischen Ehren gebracht hatte um den Preis des Bruchs mit seiner Herkunft.

Das Buch erzählt in Fragmenten, ich bespreche es in Fragmenten.

Unter den vielen Dingen, die ich aus der Lektüre lernte: Zwischen Soziologen und Psychologen besteht wohl eine Erzfeindschaft um die Deutung der Welt. Die einen sehen gesellschaftliche Strukturen als Haupteinfluss des Lebensverlaufs, die anderen Charakter und Gefühle, geformt von individuellen Erlebnissen.

Die berühmten Namen, die Eribon zu seiner intellektuellen Entwicklung aufführt, von Sartre über Foucault bis Barthes und Bourdieu sagten mir schon alle was, gelesen hatte ich von ihnen kaum etwas (nur im Studium, Zusammenhang Literaturtheorie). Zu Beginn des Buchs befremdete mich Eribons wissenschaftliches Fachvokabular beim Beschreiben persönlicher Erinnerungen und Erlebnisse, zwar gewöhnte ich mich daran, fand es bis zum Schluss ein wenig albern.

Am bereicherndsten fand ich Eribons Ausführungen, warum die kleinen Leute in Frankreich heutzutage Front National wählen. Meine Zusammenfassung: Weil die Linken den Klassenkampf zugunsten des Neoliberalismus aufgegeben und die kleinen Leute damit im Stich gelassen haben – mir fiel sofort die verheerende Agenda 2010 ein. Ganz sind die beschriebenen Mechanismen aber nicht auf Deutschland übertragbar, bei uns ist es ja eher der beleidigte Mittelstand, der AfD wählt, nicht die Schicht, die mit einem Vollzeitjob nicht den Lebensunterhalt sichern kann. Letzteres ist übrigens meiner Ansicht nach eine auch heute funktionierende Definition der Arbeiterklasse, die schon lange nichts mehr mit Fabrik und Produktion zu tun hat: Heute sind es die Regaleinräumerinnen, die Putzfrauen, die Sicherheitskräfte, die auf Zweitjobs angewiesen sind. Früher (TM) hielten Arbeiter Hasen und Hühner, bauten Obst und Gemüse an, um den Lebensunterhalt zu sichern – das war durchaus auch ein Zweitjob.

In diesem Zeit-Interview von 2016 führt Eribon seine Erklärung des Rechtsrutschs der Arbeiterschicht aus:
„‚Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk'“.

Den letzten Anstoß, dass ich das Buch trotz befürchteter Anstrengung lesen wollte, war die Rezeption des girls from the trailer park:

Was mich dann aber doch dafür eingenommen hat, ist, wie der Autor auch nach Jahrzehnten von Arriviertheitsübungen diesen Status kontinuierlich von verschiedenen Seiten aus auseinandernimmt, wie er ohne Mitleid mit sich selbst und anderen schildert, was ihn das gekostet hat und welche Überraschungen eine solche Grenzüberschreitung mit sich bringt

Was mich befremdete: dass Eribon sich seiner Herkunft schämt und sie lange verheimlichte (dass er seine Eltern 30 Jahre nicht besuchte, stieß mich in seiner Härte ab). Ich als Gastarbeiterkind ging mit meiner Herkunft immer eher hausieren – doch schon wenig Überlegen macht mir klar, dass sie nicht vergleichbar ist: Die Ausbrecher aus Abstammung und vorgezeichnetem Lebensweg waren meine Eltern und war nicht ich, ich habe ihren Aus- und Aufstieg lediglich fortgesetzt. Und im Gegensatz zur Bloggerin oben hatten beide gute Feen, die ihren Aufstieg wollten und erleichterten: Die meines Vaters war ein Onkel, der ihn und seinen Bruder in Madrid förderte und den beiden zu raren Plätzen erst in einer guten Salesianerschule, dann in einer Berufsschule verhalf. Die meiner Mutter war eine Grundschullehrerin bei den Franziskanerinnen, die nicht nur dafür sorgte, dass sie Deutsch lernte, sondern ihr sogar den Besuch des Gymnasiums ermöglicht hätte – da aber verweigerte sich meine polnische Großmutter (angeblich weil sie befürchtete, meine Mutter würde dann ins Kloster gehen).

Dieses Nutzen von Chancen für Leistung und Erfolg verlangten meine Eltern auch von mir – es stand jederzeit außer Zweifel, dass ich gesellschaftlich jedes Recht darauf hatte. Mit dieser Haltung ging ich durchs Leben – und fühlte mich den Notars-, Apothekers-, Lehrerinnen- und Architektenkindern in meiner Schulklasse nie unterlegen (ich war auch keineswegs die einzige Schülerin aus der Arbeiterklasse). Im Studium beneidete ich Kommilitonen wohl um Elternhäuser mit Bibliotheken und Zeitungsabos – weil ich mir das auch wünschte. Und klar musste ich viel Habitus an der Uni erst mal lernen – doch das musste ich in der Fabrik bei Ferienjobs genauso („Mahlzeit!“). Wenn der Professor aus sehr gutem Hause, an dessen Lehrstuhl ich als Hiwi arbeitete, mich am Semesterende schon wieder nach meinen Urlaubsplänen fragte und ich ihm schon wieder erklären musste, dass ich die vorlesungsfreie Zeit zum Geldverdienen brauchte statt für Urlaub – dann sah ich das als peinliche Wissenslücke auf seiner Seite: Lebensumstände anderer Schichten zu kennen, forderte ich in alle Richtungen als Allgemeinbildung ein. (Ein Ansinnen, mit dem ich mich in den Augen einer Soziologin vermutlich lächerlich machte.)

Im Zuge meines Fortkommens gab es zwar auch den einen oder anderen Bruch in Prioritäten und Lebensstil im Vergleich zu meiner Herkunft, doch ich war immer sehr stolz auf das, was meine Eltern geschafft hatten (unterlegen fühlte ich mich am ehesten noch ihnen).

Ganz anders Eribons Hintergrund: Seine Brüder verblieben in der Arbeiterschicht, unter allen Verwandten, von denen er erzählt, ist er der einzige Wechsler. Seltsam fand ich Eribons Verweigerung jeglicher psychologischer Erklärungen – was mir vor allem bei der Beschreibung der Rolle seines Schwulseins auffiel: Selbst die Ausgrenzung, Gewalt und die Verachtung, die er als Schwuler erfahren hat, beschreibt er mit gesellschaftlichen Mechanismen, nicht mit Gefühlen. (Was durchaus interessant ist und mir Lust auf Eribons soziologische Werke über das Thema macht.)

Übrigens gibt es ein Detail an dem Buch, das mir das Lesen auffällig erleichtert hat: Der Satzspiegel. Das schmale Format, die Schriftart und -größe, viele Absätze – ich las den Text doppelt so schnell wie derzeit Stanisław Lems Sterntagebücher mit ihren kleinen Buchstaben, die mit wenig Zeilenabstand über extrabreite Seiten laufen.

§

Ein milder Tag, allerdings mit vielen Wolken.

Ich machte wieder so Feierabend, dass ich anschließend noch etwas erledigen konnte, und zwar holte ich den eigentlich für vorherigen Samstag geplanten Hosenkauf nach. Der Einfachheit halber ging ich zum Konen, wo ich ja gewohnt bin, einer ausgebildeten Verkäuferin meinen Wunsch zu schildern und mir dann Kleidung anreichen zu lassen. Doch leider gibt es diesen Konen nicht mehr. Es kümmerte sich niemand um mich, ich sah praktisch kein Personal. Und auch beim Konen ist die Waren nicht mehr nach Art der Kleidung (Hose, Bluse, Kleid) sortiert, sondern nach Herstellern. Wenn ich also wie gestern eine weiße, 3/4 lange Hose suchte, musste ich bei allen Herstellern einzeln nachsehen – die gerne mal auch noch verschiedene Konfektionsgrößensysteme haben von Damengrößen über Jeansgrößen bis S/L/M etc. Ehrlicherweise hatte das mit den Fachverkäuferinnen schon beim letzten Einkauf vor einem Jahr nicht mehr geklappt – auch Herr Kaltmamsell traf bei seinen jüngsten Einkäufen in der Herrenabteilung nicht mehr den einst gewohnten Service an. Ich bekam eine Hose, die auch passte – glaube ich, schließlich stand keine Fachfrau neben mir, die das wirklich einschätzen und im Zweifelsfall eine Alternative empfehlen konnte. Jetzt gibt es leider keinen Grund mehr, zum Konen zu gehen.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 8. April 2018 – Platzender Englischer Garten

Montag, 9. April 2018 um 5:30

Nach Ausschlafen gemütliches Bloggen über Milchkaffee, die Waschmaschine holte meine Bettwäsche nach. So richtig sportlustig fühlte ich mich immer noch nicht, also beschränkte ich mich auf ein halbes Stündchen Bauch- und Rückenkräftigung, das mich ziemlich anstrengte.

Frisch geduscht und angezogen ging ich beim Bäcker Wimmer Semmeln holen. Nach dem Frühstück Zeitunglesen am offenen Balkon.

Die Kastanie vorm Balkon gibt Pfötchen.

Am mittleren Nachmittag drängte es mich doch noch raus: Ich spazierte über Sendlinger und Theatinerstraße zum Hofgarten, durch die Unterführung am Haus der Kunst in den Englischen Garten. An sich hatte ich eine Schleife über den Monopteros geplant.

Doch angesichts dieser Menschenmassen ließ ich das bleiben und kehrte um – zumal die Menschenmassen mit Kirmesgeräuschen verbunden waren, inklusive Diskogewummer aus verschiedenen Quellen.

Statt dessen ging ich über Staatstheater

(das gespiegelte Weiße rechts bin ich) und Platzl heim.

Wagemutig hatte ich auf dem Spaziergang neue Schuhe getragen: Am Donnerstag eingetroffene weiße Zeha-Schnürschuhe. Allerdings war das Risiko nicht so groß: Ich weiß von einem Vorläufer, dass mir das Modell Carl Häßner sehr gut passt. So mag ich Schuhhersteller: Mit einem Stammsortiment, das bleibt und höchstens mal die Farbe wechselt. Kann ich so blind bestellen wie Camper Pelotas.

Das Nachtmahl bereitete wieder Herr Kaltmamsell zu: Krenfleisch mit Soße aus Ostermeerrettich, den wie immer mein Bruder tränenreich gerieben hatte.

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Was mich sehr freut: Das girl from the trailer park, das mittlerweile eine renommierte Forscherin und Universitätslehrende ist, erzählt in ihrem Blog vom Sprung aus dem trailer park.

Und was mich immer wieder umhaut bei diesem konkreten Lebensweg: Er ist so selbst gemacht, wie es überhaupt möglich ist; da gab es keine gute Fee, keinen Förderer oder Entdecker. Es gab lediglich eine enorme Begabung, bockigen Fleiß – und den einen oder anderen Zufall an passender Stelle.

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Die Aktivisten Christa Schlett und Georg Gabler über die Anfänge der Behindertenbewegung in Frankfurt Mitte der 1970er Jahre und ihre Errungenschaften.
„Interview
‚Es ging um Augenhöhe mit Nichtbehinderten'“.

Gabler: Die Behinderten waren auch in der Sozialpolitik kein besonderes Thema. Behinderte sind eine Randgruppe, um die man sich zwar kümmern muss. Aber Forderungen haben die nicht zu stellen. Das ist inzwischen dank der UN-Behindertenrechtskonvention Gott sei Dank anders.

via @raulde

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 7. April 2018 – Anwandern im Norden von Oberschleißheim

Sonntag, 8. April 2018 um 7:43

So lustig, mein Körper! Für die Nacht auf Samstag überraschte er mich mit einer weiteren Migräne, fünf Tage nach der jüngsten – und überraschend weil nach fünf völlig alkoholfreien Tagen! Wieder kam ich nicht sofort drauf, dass die berstenden Kopfschmerzen um drei Uhr früh Migräne sein könnten und nahm erst mal eine Aspirin. Als die Schmerzen um sechs aber zum Heulen schlimm wurden (Migränikerinnen kennen die Übersprungshandlungen Oberkörperschaukeln, „OhGottohGott“-Wimmern und Kreiselaufen, die uns in diesen Situationen die biologische Nähe zu Haushühnern vor Augen führen? Und die wir wiederholen, auch wenn sie in der Vergangenheit bewiesenermaßen noch nie etwas gebracht haben?), griff ich doch wieder zum Triptan.

Der besorgte Herr Kaltmamsell flüsterte mir noch zu, dass wir die Wanderung gerne auf Sonntag verschieben könnten, dann schlief ich ein paar Stunden komatös.

(Und dann auch noch die Lächerlichkeit dieser Beschwerden: Kein Virus, keine Nervenhüllen-fressende Autoimmunaggression, kein Bein-ab, keine bösartige Wucherung, kein Gift, keine Blutströme – einfach nur Schmerz-und-Elend-JETZT!)

Wandern gingen wir dann doch noch, allerdings hatte ich die geplanten Erledigungen des Samstagvormittags von Bettzeugwaschen bis Hosenkauf verschlafen. Migräne führt ja im Nachgang gerne zu Scheißegal, im besten Fall entspanntem, im gestrigen Fall in dunkelgrauer Hilflosigkeit.

Mittlerweile habe ich Erfahrung mit Wandern in Aprilsonne und cremte mich gründlich mit 30-faktoriger Sonnenmilch ein – einmal Anwandern ohne Sonnenbrand! Die S-Bahn brachte uns mittags nach Oberschleißheim (Herr Kaltmamsell hatte Käsebrezen eingesteckt, zum Glück reichte mein Appetit mittlerweise dafür, so dass ich eine Wandergrundlage in den Magen bekam). Dort gingen wir erst mal auf Straßen grob Richtung Norden ins Riedmoos. Wanderer Lohn war gleich mal der Anblick eines Sprungs Rehe auf den Feldern.

Industriell bewirtschaftete Felder waren ohnehin das, was wir am meisten sahen, „-moos“ ist halt flach. Kaum Vögel (einmal von Fern ein Falke), nur zwei Sorten Schmetterlinge – das ist kein Lebensraum, der auf Vielfalt ausgelegt ist.

Wir kamen durch Einfamilienhausdörfer, deren Doppel- bis Dreifachgaragen in der Größe der halben Wohnfläche Zeugnis gaben von fehlender Infrastruktur, in der man selbst zum Semmelholen ein Auto braucht. (Bloß Spaß, hier fährt natürlich niemand 10 Kilometer zum nächsten handwerklichen Bäcker: Man hat die tschechischen Tiefkühl-Teiglinge vom Discounter-Großeinkauf in der Gerfriere, die man zum Frühstück aufbackt.)

In Haimhausen machten wir an der Amper entlang einen Abstecher zum Schloss. Darin die private „Bavarian International School“ – aber wir haben ja keine Klassengesellschaft?

Was es ebenfalls in Haimhausen gab: Eine Eisdiele! Drumrum saßen Menschen an Tischen in der Sonne und löffelten aus beeindruckenden Eisbechern, wir reihten uns in die Schlange des Straßenverkaufs. Gutes erstes Eis der Saison!

Übers Inhausermoos gingen wir zurück nach Süden und zum Unterschleißheimer See (uns radelten Menschen in Badelatschen und mit Badematten entgegen). Am Ortseingang Unterschleißheim entdeckte ich die Brauerei der Crew Republic: Da sind die!

Nach viereinhalb Stunden gemütlicher Wanderung waren wir an der Waldwirtschaft Bergl, die wir uns zum Einkehren ausgesucht hatte.

Guter Schweinsbraten, schöne Lage. Zum S-Bahnhof Oberschleißheim waren’s dann durch den Wald nur noch 20 Minuten.

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Pia Ziefle (Suna) macht einen Buchladen auf!
„Die Grundversorgerinnen
Literarisches Quartett um Schriftstellerin Pia Ziefle eröffnet neuen Buchladen in Mössingen“.

Zum Geschäftsrisiko als Buchhändlerin sagt sie als Autorin: „Ich kann nicht tief fallen.“

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 6. April 2018 – Wochenausklangsschlemmerei

Samstag, 7. April 2018 um 9:00

Gestern war dann richtig Frühling: Büsche und Bäume grünten und blühten, die Sonne schien, die Vögel tirillierte, doch die Temperaturen um die 15 Grad verlangten nach Jacke und Schal – luden aber zum Herumsitzen in der Sonne ein, die Straßencafés waren voll.

Ich machte freitäglich früh Feierabend und spazierte über Obsteinkäufe beim Verdi heim.

Die Referenzmagnolie tut ihre Pflicht. (Sie haben schon auch eine Referenzmagnolie, oder? Oder eher eine Referenzforsythie? In meiner Kindheit und Jugend stand meine Referenzmagnolie auf meinem Schulweg zum Reuchlin-Gymnasium neben der Schule Auf der Schanz, die ich mit dem Fahrrad passierte. An ihr hatte meine Mutter mir auch beigebracht, was eine Magnolie ist und wie sie duftet.)

Daheim gab’s als Aperitif eine spanische Meeresfrüchtedose (Chipirones rellenos), auf Alkohol hatte ich immer noch keine Lust bis hin zu leichtem Ekel davor.

Mit Herrn Kaltmamsell plante ich die samstägliche Wanderung, es geht nach Oberschleißheim.

Der Herr servierte zum Nachtmahl Kuh (Entrecôte) auf Wiese (Asiasalate aus Ernteanteil), zum Nachtisch probierten wir eine neue Sorte Ben&Jerry’s-Eis, das ich kürzlich mitgebracht hatte: Birthday Cake. Ich fand sie weniger schlimm, als ich befürchtet hatte (fluffig, wenig Interessantes drin), der Esser an meiner Seite fand sie weniger aufregend, als er erhofft hatte. Aber das wissen wir jetzt.

Die vergangenen Abende hatte ich in der Dämmerung immer wieder zum Nebengebäude gelinst, gestern sah ich, worauf ich gehofft hatte: eine Fledermaus flatterte übers Dach als Silhouette in den Abendhimmel. Es gibt also auch dieses Jahr welche.

Wieder sehr früh müde gewesen und Schlafen gegangen.

die Kaltmamsell