Journal Samstag, 28. März 2020 – Drinnenbleiben trotz warmer Sonne

Sonntag, 29. März 2020 um 9:32

Köstliches Aussschlafen bis nach sechs – Verwunderung beim Blick auf den Wecker, weil es draußen schon so hell war. Die Sommerzeit kommt für mich dieses Jahre etwa zwei Wochen zu spät, so hell hat es um sechs schon seit einer Weile nicht zu sein.

Ich hatte lebhaft geträumt, eingebettet in so leichtem Schlaf, dass ich mir gleichzeitig versuchte die Träume zu merken.
Dass ich zum Beispiel für eine Zeitungsschlagzeile die Abkürzung „HOCTOR“ erfunden hatte, für „Hollywood Actor“, und wie scheußlich das aussah.
Dass ich einen alten Bekannten wiedertraf, mich sehr über die Begegnung freute und darüber, dass er einen leuchtend grünen Lidschatten als neues Markenzeichen trug, weil das sehr cool aussah.
Dass ich ihn in Brighton traf, wo es aber nicht aussah wie in Brighton und wo Buchläden jetzt schon weihnachtlich dekoriert waren – aber nur zum Zweck von Fotoaufnahmen für Weihnachtsanzeigen.

Gemütlicher Morgenkaffee, ich buk einen Nusszopf, der eigenartigerweise zum mindestens zweiten Mal auch nach 40 Minuten innen noch roh war.

Sport: Ich hatte wochenendlich genug Zeit für Yoga und eine ausführliche Runde Crosstrainer, letztere allerdings nicht ganz so vergnüglich wie die zuvor, weil die Muskeln um meine wehe Hüfte zu fest hielten und nicht zu lockern waren.

Zum Frühstück den letzten Rest Wildpastete und viel Nusszopf (nachgebacken).

Ein milder, sonniger Tag, doch ich blieb daheim. Gehen/Spazieren ist mir ja im Moment nicht wirklich möglich, irgendwohin zu radeln wäre eine Alternative gewesen, aber ich nahm an, dass bei dem schönen Wetter eh wieder zu viele Leute draußen waren. Also übte ich mich lieber in gutem Beispiel und öffnete stundenweise die Balkontür.

Frisch gewaschen spielt der rausgewachsene Haarschnitt noch sowas wie eine Frisur, doch schon jetzt bin ich genervt. (Haben Frauenzeitungs-Websites bereits Strecken mit „Stylingtipps für ausgewachsene Haarschnitte“?)

Zum Nachmittagssnack Orange, Apfel, Nusszopf.

In der Abenddämmerung wieder Ausschau gehalten (Herr Kaltmamsell macht das bereits seit einer Woche), diesmal erfolgreich: Fledermaus! Das machte mich sehr froh.

Den Fernseher deutlich vor acht eingeschaltet, in der Sicherheit, dass ich ja nicht in Fußball stolpern kann, weil derzeit Seuchen-bedingt keiner gespielt wird. Stellte sich heraus: Die zeigen jetzt einfach ALTE Fußballspiele auf dem Sportschau-Sendeplatz!

Herr Kaltmamsell hatte auf meinen Wunsch zum Nachtmahl japanische Suppe zubereitet.

Was ich vergesse zu erwähnen: Wie dankbar ich dafür bis, dass ich in diesen Quarantänezeiten mit jemandem zusammenlebe, den ich liebe, den ich berühren kann.

§

Leschs Kosmos zur Coronakrise: „Corona: Was weiß die Wissenschaft?“ Viel interessanter Forschungsstand, Blick in die jüngere Forschungshistorie, nützlicher Blick auf andere gut dokumentierten Pandemien. (Allerdings wünschte ich mir mal wieder, sie hätten keinen Off-Sprecher mit raunender In a world…-Stimme genommen.)

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/2jEJNUu73ms

§

Carolin Emcke denkt auf die ihr so eigentümliche Art über das Leben in der Pandemie nach:
„Politisch-persönliche Notizen zur Corona-Krise
Woche 1: Vom Spazierengehen in Kreuzberg, von nahen und fernen Körpern – und Wörtern, deren Bedeutungen sich verschieben.“

(Von ihr lese ich sogar ein neu begonnenes Corona-Tagebuch – eine Gattung, die ich sonst meide: Wenn ich den vorherigen Tagebuchalltag nicht kenne, kann ich doch den Unterschied zu jetzt nicht nachspüren.)

§

Dank Internet ist nicht nur Quarantäne nicht einsam, wir lernen viel Neues über Menschen:
Anthony Hopkins stellt uns seine Katze vor,
Steve Martin beweist, dass Banjo auch lyrisch klingen kann.
Und ich freue mich über all die Filmchen aus geschlossenen Zoos der Welt.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 27. März 2020 – Bits and Bobs aus dem Pandemiealltag

Samstag, 28. März 2020 um 8:04

Und nun wieder mit Kopfweh aufgewacht, in den letzten beiden Stunden Schlaf zudem mehrfach hochgeschreckt, weil ich träumte, dass der Wecker klingelt. Dieses Ende der Arbeitswoche sehnte ich schon sehr herbei: Ich bin erschöpft, ich brauche Pause.

Es war milder geworden, ich konnte im Büro das Fenster auf der Sonnenseite den ganzen Vormittag gekippt lassen. Emsiges Arbeiten, einiges davon sogar geplant und nicht als Querschuss.

Mittags Butterbrot aus selbst gebackenem, nachmittags eine Orange (überraschend köstlich) und ein kleiner Lagerapfel.

Beim mittäglichen Zeitunglesen bemerkte ich endlich den Jugoslawien-Effekt: Ich lese nicht mehr jede Faktenmeldung und -analyse zur Pandemie, meine Aufmerksamkeit schaltet aus seelischer Überforderung auf Langeweile. Wie halt, deshalb meine Bezeichung, damals im jugoslawischen Bürgerkrieg, als ich monatelang (wofür ich mich durchaus schämte), die Titelseite der Süddeutschen ungelesen umblätterte.

Langsam mehren sich die bekannten Namen unter den COVID-19-Todesfällen, gestern der US-amerikanische Architekt Michael Sorkin und Marguerite Derrida, Psychoanalystin, Übersetzerin und Witwe von Jacques Derrida.

Wenn jetzt alle ihre Urlaubsanträge zurücknehmen, weil ihre Urlaubsreisen ausfallen, bekommen wir zum Jahresende ein echtes Problem.

Nun wurde auch der diesjährige Bachmannpreis abgesagt, also die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Ich machte früh Feierabend und radelte zum Viktualienmarkt. Schon auf dem Weg dorthin erfasste mich endlich der tiefe Pandemie-Schrecken (auch hier „endlich“, weil ich mittlerweile weiß, dass mein Gemüt bei Einschlägen sehr lange eisern an business as usual festhält, bis unweigerlich ja doch der Knick kommt – je früher desto besser, doch ich habe das nicht in der Hand): Es waren die nun doch auffallend leeren Straßen an einem milden Frühlingsfreitagnachmittag und die Blumenläden, deren Leere auf mich wirklich apokalyptisch wirkte.

Auf dem Viktualienmarkt, auch hier sah die Entvölkertheit gespenstisch aus, steuerte ich den Tölzer Kasladen an. Aus einem Fenster mit Plexiglasscheibenschutz wurde verkauft, ich stand ein wenig an. Und kam dann beim Einkauf ins Fachgespräch mit dem kundigen Herrn innen, der mir unter anderem einen Käse vorstellte, der dem Manchego ähnlich sei, aber aus Niederbayern komme, von Vilstaler Schäfern. Er ließ mich probieren und tatsächlich hatte ich Manchego-Erinnerung im Mund, und zwar bevor die industrielle Produktion in Spanien Nuancen wegentwickelt hatte. Ich freute mich: Ein richtiger Einkauf im Fachgeschäft ist es, wenn ich etwas dabei lerne.

Daheim das SZ-Magazin des Tages gelesen. Am meisten freute mich diesmal die Rubrik „Getränkemarkt“: Die Wiener Autorin Verena Mayer disste den Kaffee ihrer Heimatstadt:
„Bohnenseiche Plörre“.

(Im Heft trägt der Artikel die Überschrift „Melange“.) Ich machte mehrfach „HA!“ und lachte laut auf, denn das war für mich bei meinem ersten Wien-Besuch auf den Spuren der Tante Jolesch die eine große Enttäuschung gewesen, die ich mich nie zu elaborieren traute, weil ich den Zorn der Wien-Götter fürchtete. Und jetzt:

Ich bin vor Corona in Wien ins Kaffeehaus gegangen, und ich werde es nach Corona tun. Es gibt viele Gründe, in Wien ins Kaffeehaus zu gehen. Keiner davon lautet: der Kaffee. Ich gehe so weit zu sagen, dass es wenige scheußlichere Getränke gibt als Kaffee in Wien. Das, was man in Form eines kleinen Braunen, einer Melange oder eines Einspänners bekommt, ist entweder sauer oder bitter oder abgestanden oder alles zugleich. Oder wie es die Wiener Autorin Andrea Maria Dusl nannte: »Bohnenseich«.

Ein weiterer anzumerkender Artikel: Dorothea Wagner schreibt darüber, dass ihr Mode immer erst gefällt, wenn sie schon am Verschwinden ist. Daran fiel mir das Absätzlein unterm Autorinnennamen auf:

Dorothea Wagner stellte vor Kurzem ihren Rekord auf, als sie am Morgen die Jeans ihres Freundes anzog, die Beine etwas hochkrempelte und zur Arbeit ging – fast zwölf Jahre nachdem die Boyfriend-Jeans zum Trend wurde.

Weil nämlich hier der Topos der charmant viel zu weiten Männerkleidung an einer Frau aufgegriffen wird, das nie schöner war als in der Kombi Doris Day – Rock Hudson. Und weil ich lange darunter litt, dass das bei mir nicht funktionierte, weil an mir Konfektionsgröße-42-Frau über 1,70 die Kleidung meiner Partner nie charmant zu groß aussah. (Ich leide schon lange nicht mehr, sondern habe den Topos als fiktiv erkannt: Die wenigsten Frauen sind so zierlich.)

Zum Nachtmahl gab es erst mal Artischocken mit Knoblauchmajo (Majo selbst gemacht). Während das Gestrüpp kochte, machte ich uns zur Feier des Wochenendes Cosmopolitans.

Nach den Artischocken gab es Pastetenresterl und den Käse.

Von links im Uhrzeigersinn: Gratte Paille, Langres (der noch nicht davonrennt), Vilstaler Schafskäse, Valedon (ein spanischer Ziegen-Schimmelkäse, der so rass ist, dass er zurückbeißt).

Dass ich am warm angekündigten Samstag nicht werde an der Isar joggen können ist derzeit einfach nur eins von vielen Dingen, dich ich nicht kann (neues Rad kaufen, Essengehen, mich mit Freundin treffen, Cocktailtrinken gehen, Schwimmen.)

§

Schlimme Dinge: Prof. Carl T. Bergstrom ist Biologe an der University of Washington und hat viele Jahre an epidemologischen Modellen geforscht. In einem bestürzenden Twitter-Thread schildert er den Beschuss, unter dem er gerade für das Äußern wissenschaftlicher Fakten und Zusammenhänge steht – und dass er den Faktor Politik und Missinformation in seinen bisherigen Modellen unterschätzt hat.

I’m sure that 99% of these are motivated by what we call tribal epistemology, the idea that truth is determined not so much by the facts as by the way that a claim aligns with the story that a preferred leader is telling.

(…)

For me, this is the heartbreaking part.

It turns out we’re not all in this together.

Jetzt kostet die Polarisierung der Gesellschaft in den USA hunderte Menschenleben.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 26. März 2020 – Arbeitsalltag

Freitag, 27. März 2020 um 6:26

Kurz vor Weckerklingel erfrischt aufgewacht.

Da ich von der mittwöchlichen Kraftrunde leichten Muskelkater hatte, beschränkte ich mich auf Dehnen und stieg für eine halbe Stunde auf den Crosstrainer, die mir sehr gut tat. Außerdem sah ich ein Eichhörchen vorbeispringen.

Beim Radeln in die Arbeit war es nicht mehr ganz so kalt, nicht mehr frostig.

Mittags ein Meat Pie, den Herr Kaltmamsell aus Resten der Wildpastete gemacht hatte, die es zum Abendessen gab.

Der Arbeitstag wurde länger als geplant (ich habe inzwischen erkannt, dass diese Phase keineswegs ruhig für mich wird), Heimradeln durchs Helle und gegen unangenehmen Wind.

Herr Kaltmamsell servierte die Wildpastete mit eben geholtem Postelein aus Ernteanteil. Dazu ein Gläschen Scheureube Auslese. Köstlich.

§

Bei Dita van Teese daheim.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/rHyIOIstYRA

via @DonnerBella

Ein Haus, in dem ich definitiv nicht wohnen möchte. Sondern im schlichten Nebenhaus, um jeden Tag für eine Stunde rüberzugehen und einen kleinen Ausschnitt davon anzusehen. Den Hausanzug wiederum würde ich jederzeit tragen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 25. März 2020 – Pandemie-Folgen beim Einkaufen

Donnerstag, 26. März 2020 um 6:10

Gut geschlafen, interessant und erfreulich geträumt (neben mir saß auf einer Zugfahrt zufällig Benedict Cumberbatch und wir unterhielten uns freundlich über Mikrophontechnik – beim Aufwachen fiel mir auf, dass ich ihn schon länger nicht mehr in einer tragenden Rolle gesehen habe, vielleicht sind seine beiden kleinen Kinder gerade wichtiger).

Yogarunde sollte eine Art Krafttraining sein – dafür habe ich eigentlich ander Programme, die mir mehr Spaß dabei machen, aber einmal durchbewegt ist durchbewegt.

Radeln in die Arbeit mit tonnenschwerem Herzen, Sonne und Frost nahm ich nur am Rand wahr.

Viele irre Dinge in der Arbeit. Ich lerne.

Vormittags Nüsschen (die Cafeteria ist geschlossen, ohne Capuccino bekomme ich dann doch früher Hunger), mittags ein mächtiges Käsebrot aus selbst gebackenem Brot, das mich bis zum Feierabend sättigte.

Auf dem Heimweg kurzer Einkaufstopp im Vollcorner (ich versuche mich daran zu gewöhnen, dass man mich dort inzwischen kennt), an der Kasse bekam ich einen Zettel mit Infos über Maßnahmen wegen der „Aktuellen Situation“, u.a.: Mitarbeitende können sich ohne Lohnausfall freistellen lassen, leicht eingeschränkte Öffnungszeiten, das Rabattprogramm CarrotCard wird sofort eingestellt. Letzteres sagte mir die Kassiererin auch noch persönlich – man weiß, dass ich Karotten sammle, also die kleinen Karottenaufkleber fürs Bonushefterl. Das war das einzige Rabattprogramm an dem ich mich je beteiligte, einfach weil ich die Frage „Sammeln Sie Karotten?“ an der Kasse immer so charmant fand, zudem die Hefterl und die Einkleber mochte (und keinerlei Herausgabe persönlicher Daten involviert ist). Die gesammelten Punkte könnte ich noch einlösen, tue das aber selbstverständlich nicht.

Daheim servierte Herr Kaltmamsell gleich mal den ersten Gang des Abendbrots gegen den größten Hunger: Tomatensuppe. Dazu guckten wir in der ZDF-Videothek die Folge Anstalt vom Dienstagabend, zusammengeschnitten aus Übertragungen verschiedener Kabarattisten vom Home-Office aus. Highlight war für mich:
„Idil Baydar: Influenzarin Coroni“.

Zweiter Teil Nachtmahl war Birnentoast: Toast, Dosenbirne, mit Camembert überbacken, Preiselbeeren. Kenne ich aus meiner Kindheit, freute mich sehr.

Tagesschau natürlich weiterhin recht monothematisch und: Die bei der Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts ohnehin übersetzende Gebärdendolmetscherin wird endlich professionell eingeblendet. Woran merkt man nämlich bisher, dass Material von Fernsehsendern eines andere Landes übernommen wurde? An der eingeblendeten Gebärdenversion, die trotz zahlreicher Aktionen und Petitionen im deutschen ÖR-Fernsehen nicht Standard ist. (Ist doch eigentlich peinlich, wenn selbst Al Jazeera inklusiver ist.)

§

Pia Ziefle führt auch eine Art Corona-Tagebuch – für ihren Buchladen in Mössingen:
„Unser Shutdown“.

§

Die Krankheit Covid-19 kann sehr schlimm sein, auch für die Familie. In der New York Times schildert Jessica Lustig, wie sie ihren erkrankten Mann pflegt:
„What I learned when my husband got sick with coronavirus“.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 24. März 2020 – Blödes Timing 2

Mittwoch, 25. März 2020 um 6:15

Gut geschlafen, auch ohne Schmerzmittel
Nach Rumpfübungen und Dehnen stieg ich auf den Crosstrainer statt Yoga zu treiben: Da ich derzeit ja nicht nur durch Hüftweh, sondern zusätzlich durch Ausgangsbeschränkung weniger Alltagsbewegung bekommen, plane ich ab sofort im Wechsel morgens Yoga oder Crosstrainer. Wäre ich wer anders, würde ich morgens Crosstrainern und nach der Arbeit die Yoga-Einheit einlegen, aber das schaffe ich halt nicht.

Draußen immer noch sehr kalt, weiterhin gefrorene Pfützen, aber auch weiterhin Sonne. Mir kamen Straßen und Plätze leerer vor als am Montag.

Angsttermin um die Mittagszeit, ich verschob mein Essen mangels Appetit auf danach. (Man erzählt ja, dass man mich als kleines Kind mit Essen ruhig stellen konnte. Ich muss meine Eltern mal fragen, ob das auch bei Angst so war, und wenn ja überlegen, wann und wodurch das wegging.) Der Angsttermin verschob sich auf Nachmittag und war noch schlimmer als befürchtet. Neben meiner zu ersetzenden Hüfte ein weiteres saudummes Timing, gerade jetzt in diese Situation zu geraten.

Zum verschobenen Mittagessen eine gigantische frische Paprikaschote, außerdem den Großteil einer Tupperdose Polentareste vom Vorabend. Den Rest des Restes aß ich als Nachmittagssnack.

Sie haben sicher schon mal den Hinweis gelesen: Deine Eltern haben dir einst geduldig das Gehen, Radfahren und Tischmanieren beigebracht – sei du nicht ungeduldig, wenn du ihnen bei Technik hilfst. Sagen wir mal so: Gestern hatte ich mit Leuten zu tun, die mir weder das Gehen noch Radfahren oder Tischmanieren beigebracht haben.

Nach der Arbeit fuhr ich direkt heim und ließ mich jammernd in die Arme von Herrn Kaltmamsell fallen, der Pink Gin & Tonic anreichte. Zum Nachtmahl Brotzeit mit selbstgebackenem Brot aus der Gefriere, Käse und Schinken. Nachtisch Osterschokolade, die im Kaufhaus tatsächlich bereits jetzt zum halben Preis verscheuert wird.

Albert Uderzo ist gestorben, jetzt sind die beiden Väter von Asterix und Obelix tot, die mir den Einstieg ins Comiclesen ermöglicht haben (weil meine kulturstrenge Mutter sie in meinen Kinderhänden akzeptierte). Dass die Tagesschau ihm einen langen Nachruf einräumte, trotz der momentanen vielen anderen drängen Themen, würdigt ihn mehr als vieles andere. (Und das, wo gestern durch die Verschiebung der Olympischen Spiele auf nächstes Jahr sogar der derzeit abwesende Sport einen Slot einnahm.)

die Kaltmamsell

Journal Montag, 23. März 2020 – Suche nach Alltagsrhythmus unter Pandemiebedingungen

Dienstag, 24. März 2020 um 6:11

Nach gutem Schlaf nahezu frisch aufgewacht. Die Yoga-Einheit empfand ich als besonders wohltuend.

Mit dem Rad in die Arbeit. Es war sonnig und fast beißend kalt, alle Pfützen auf der Theresienwiese gefroren. Der Platz und die Straßen wenig belebt, aber ich empfand die Stimmung eher als Sommerferien denn Apokalypse.

Arbeiten unter den veränderten Bedingungen lief gut, ich war deutlich emsiger als erwartet. Als mich heftigen Hunger biss, sah ich irritiert auf die Uhr: Kein Wunder, es war unbemerkt bereits deutlich Mittagspause durch – das war mir schon sehr lange nicht mehr passiert. Mochte daran liegen, dass mein Zeitgefühl nicht durch Mittagessengrüppchen Richtung Kantine justiert worden war. Ich aß eine nackte Semmel vom Vortag, Apfel, Mango, Mandarine.

Wahlhilfe Teil II: Nächsten Sonntag wird das Münchner Oberbürgermeisteramt durch Stichwahl besetzt. Wege der aktuellen Pandemie gibt es nur Briefwahl, keine Wahllokale, und irgendwie hat das dazu geführt, dass die Wahlhelfenden der Kommunalwahl nicht automatisch wieder eingeteilt wurden, sondern sich online neu anmelden mussten. Hätte ich gemacht, doch ich bekam nur Fehlermeldungen. Als ich es über einen anderen Zugang versuchte, hatten sich bereits genügend Freiwillige gemeldet – an sich ja wunderbar.

Nachmittags Hüttenkäse. Eher früh Feierabend gemacht, durch zapfige Kälte nach Hause geradelt.

Bei meiner Heimkehr war noch eine Weile hin zum Abendessen, zur Überbrückung machte ich uns Sahnecocktails (Green Monkey) und aß eine von zwei Wild-Kaminwurzn, die Herr Kaltmamsell beim Einkaufen auf dem Viktualienmarkt geschenkt bekommen hatte.

Mein Friseur, bei dem ich am Dienstag eigentlich Termin hätte und den es bereits ziemlich braucht, meldete sich: Zu meiner Freude fanden wir einen Weg, dass ich ihm Ausfallhonorar überweisen kann.

Herr Kaltmamsell fragte mich, ob die vier Zehen Knoblauch in Ordnung seien, die das Rezept fürs Abendbrotgericht vorsah. Ich hatte keine Einwände: Wer sie Tags drauf im Büro riecht, hält nicht genug Abstand!

Herby Polenta With Corn, Eggs and Feta – mit halb so vielen Eiern. Schmeckte sehr ungewöhnlich, aber auch sehr gut, frische Maiskörner in Polenta sind allein von der Textur eine großartige Sache. Ich habe schon großes Glück, dass Herr Kaltmamsell Abend für Abend solche Umstände auf sich nimmt – für die er ja auch auswändig einkaufen muss.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 22. März 2020 – Kalte Sonne, KaffeundKuchen über Google Hangout

Montag, 23. März 2020 um 6:09

Unvermutet zu Schnee aufgewacht.

Der hielt sich auch als im Lauf des Vormittags die Sonne herauskam.

Zum Abschluss der Bewegungseinheit hatte ich mir eine Runde Crosstrainer vorgenommen. Doch ich hatte keine Lust und war während der Yoga-Übung (eher geruhsam) am Hadern, ob ich den Vorsatz bleiben lassen sollte. Ich entschied mich letztendlich für die Bewegung, weil das Hüftleiden ja meine Alltagsbewegung verminderte, ein wenig Kardio aber der Durchblutung guttat, ich außerdem den Rest des Körpers nicht unter der partiellen Beeinträchtigung leiden lassen will. Und siehe da: Es dauerte keine zehn Minuten sanftes Strampeln, bevor es mich heiter und sonnig machte; ich musste mich schon wieder zusammennehmen, die angepeilte Dauer von 20 Minuten nur um 5 Minuten zu überziehen. Es ist schon ein riesiges Dussel, dass mich Sport so freut.

Außerdem mittel- und langfristig: Ich halte mich wirklich für nicht besonders kompetitiv, aber der Titel Best-trainierte-Hüftpatientin des Klinikums vor OP wäre schon recht.

Nach Duschen und Anziehen holte ich Frühstück und Nachmittagskuchen, machte einen kleinen Umweg über den Südfriedhof, den ich meiner Humpelei gerade noch zutraute. (Ich werde YouTube-Videos zu Krückenhandhabung recherchieren müssen. In der guten alten Zeit ohne moderne Medizin wäre ich „lahm“ und würde für den Rest meines Lebens am Stock gehen.)

Der Nußbaumpark lag sehr idyllisch – zwar seltsam ohne Kinder auf dem Spielplatz, aber nun waren die drei bis vier Dutzend Wohnungsflüchtlinge weg, die den Park sonst lautstark belagern – saufend, dealend, rüpelnd. Nein, das sind keine Obdachlose (allerdings sicher aus dem System gefallene, die Stadt hat vergeblich eine ganze Reihe von Projekten durchgeführt, um das Problem an der Wurzel zu packen), und sie haben selbstverständlich dasselbe Recht dort zu sein wie ich. Doch in den vergangenen Jahren sorgten sie dafür, dass sich niemand sonst mehr auf den Bänken und in den schönen Anlagen aufhalten will. 2018 und 2019 gab es als Gegenmaßnahme in den Sommermonaten „Make Nussbaumpark gschmeidig again“, einen temporären Biergarten mit Programm. Jetzt waren sie auch so weg.

Wieder zog das Licht genau zu diesem Zeitpunkt meine Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Grab. Zudem Bärlauchgeruch (und eine -pflückerin), in schattigen Bereichen Schneereste, zwei Eichhörnchen.

Straßen und Südfriedhof sonntagsruhig, die Temperatur knackig kalt. Für den Abstand zu den wenigen anderen Passanten musste aber immer ich sorgen, niemand wich aus.

Handsemmeln und zwei Schwarzwälder-Kirsch-Schnitten beim Wimmer.

Daheim Früchstück mit Semmeln und Obst (Mango, Granatapfel), kleine Siesta.

Für KaffeeundKuchen war ich per Google Handout mit sieben Frauen aus dem Internet verabredet. Wir schwatzten zwei Stunden lang, aßen und tranken, ich freute mich ungemein, die Gesichter lieber Menschen zu sehen. (Und ich lernte Einiges für berufliche Konferenzschaltungen.)

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell aus Ernteanteil-Kohlrabi ein Kokos-Curry, dazu Pfannenbrot mit Kartoffelfüllung.

Verrückte Zeiten, in denen ein schlimmes Erdbeben in Zagreb nicht die Aufmachermeldung der Tagesschau wird.

§

Intensivmediziner Marc Hanefeld erklärt so etwas scheinbar Banales wie Beatmung an einem konkreten Fall:
„Beatmung – ein Beispiel“.

Als erstes hatte ich Flashbacks in die Fernsehserie Emergency Room, in der es immer hektisch wurde, wenn beatmet werden musste.
Die Erklärung verdeutlichte mir, wie viel Fachwissen zur Medizin gehört und warum es nur schief gehen kann, wenn Lieschen Kovalcik sich anmaßt, dabei mitdenken zu können oder „alternativmedizinische“ Ratschläge zu verteilen.

(Natürlich bei mir nur Verstärkung einer ohnehin vorhandenen Grundeinstellung, Lieschen Kovalcik wird sicher eine Argumentation finden, warum ihre Meinung gegen diese böse „Apparatemedizin“ dennoch relevant ist.)

§

Andere Corona-Alltagsrealitäten bei Croco in der rheinland-pfälzischen Provinz.
„Corona acht“.
Inklusive „Trotz alledem“.

die Kaltmamsell

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen