Journal Freitag, 6. Februar 2026 – Abenteuer Körper

Samstag, 7. Februar 2026 um 9:22

Unruhiger Schlaf (wirbelnde Party-Eindrücke), eine Stunde vor Wecker aufgewacht.

Körper sind seltsam, neue Runde: Donnerstagabend hatte mein rechter Vorderfuß auf dem Heimweg von der Party beim Gehen stark geschmerzt, ich hinkte. (Dabei ist schmerzender Vorderfuß eigentlich linke Sache, der rechte ist für Fersen-/Plantarfaszien-Gezicke zuständig.) Morgens hinkte ich immer noch und sah diesen blauen Fleck prangen.

Zwar bekomme ich viele Rempler und Dotzer nicht mit, bin aber sicher, dass mir nichts auf den Fuß gefallen war. Auch gestern auf dem Fußmarsch in die Arbeit hinkte ich zunächst, zwang mich aber zu symetrischem Gang, um meine LWS-Probleme nicht zu verstärken. Das in Kombination mit der Kälte beseitigte den Fußschmerz erstmal. Über den Tag Schmerzen nur beim Gehen, die aber deutlich und unangenehm. Wenn die Anwort eines der vielen Orthopäden in meiner Vergangenheit, woran ich bei Körperschmerzen denn erkenne, ob etwas kaputt ist, nämlich “Ruheschmerz”, korrekt war, war nichts kaputt, denn in Ruhe schmerzte da gar nichts.

Der Winter besann sich auf sein Hauptthema in dieser Münchner Runde: eisiger Nebel. Beim Einstempeln im Bürohaus Fehlermeldung: Angeblich fehlende Zeitmeldung (ich bin sehr sicher, dass ich am Vorabend korrekt ausgestempelt hatte, inklusive Ziffern der Uhrzeit 17:23 vor meinem inneren Auge – weil mir noch zum wiederholten Mal aufgefallen war, wie viel Zeit zwischen “heute gehe ich Viertel nach” und tatsächlichem Verlassen des Hauses lag).

Diese Woche hatte ich gelernt, dass Menschen, die wegen Jugend mit der Vorläufertechnik “Stempeln” keine Berührung hatten, das Wort “einlesen” für den Vorgang verwenden. Na ja: Zumindest ein Mensch. Selbst kenne ich echtes Zeitstempeln auf Papierkarten ja auch nur aus Filmaufnahmen, dokumentarisch oder fiktiv: Nach Angestelltenverhältnissen ohne Arbeitszeiterfassung bei Zeitung, Radio, in der Uni funktionierte meine erste solche 2003 bereits mit elektronischem Einlesen.
Moment: 1986 bei Audi, als ich nach dem Abi einige Wochen lang einen Brotzeitkiosk in der Produktion führte, müsste ich eigentlich auch gestempelt haben. Daran erinnere ich mich aber nicht mehr – ich freue mich schon aufs hohe Alter, wenn mir solche Details hoffentlich wieder einfallen.

Ich freute mich sehr auf das Ende der Arbeitswoche, spürte bereits vormittags Anspannung abfallen, konnte nur hoffen, dass Querschüsse sie nicht wieder anziehen würden. Nächste Folge der abfallenden Anspannung: aufsteigende Müdigkeit, na super.

Mittagscappuccino im Westend, Mittagessen später am Schreibtisch Apfel sowie eingeweichtes Muesli mit Joghurt.

Auch der Nachmittag verschonte mich mit Querschüssen, ich konnte ruhig abarbeiten. Zudem legten sich die Fußschmerzen beim Gehen auf ein Maß, bei dem ich nicht mehr zum Hinken neigte, es blieb seltsam.

Heimweg über Lebensmitteleinkäufe beim Vollcorner. Zu Hause eine Runde Yoga. Beim Umziehenn zeigte sich, dass der blaue Fleck auf dem rechte Fuß deutlich größer geworden war.

Körper! Doch der Schmerz behinderte mich beim Yoga nicht, auch nicht bei Balance- oder Zehenspitzen-Übungen.

Zum Anstoßen auf das Wochenende schenkte ich Herrn Kaltmamsell und mir Calvados-Tonic ein, apfliger kenne ich Calvados in keinem Drink. Dazu arabische Nüsschen, die auf dem Heimweg in der Landwehrstraße gekauft hatte.

Knollen aus Ernteanteil (rote Bete, Karotte, Pastinake) verwendete Herr Kaltmamsell für ein Rezept, das ich ihm zugeworfen hatte: Eine Art Toad in the Hole. Als Vorspeise gab es aber erst mal nachgereifte Crowdfarming-Avocados.

Das Rüben-Gericht war ok, der Teig deutlich herzhafter als im klassischen Toad in the Hole, der ja eigentlich leichter Yorkshire Pudding ist. Wissen wir das also. In der Weinbegleitung hatte ich mich geirrt: Zu den durchwegs süßlichen Lager-Rüben hatte ich als Gegensatz einen mineralischen Gallo aus Sizilien gewählt – doch der schmeckte in dieser Kombination vor allem bitter.

Abschluss des Freitagabend-Festmenüs war Grießflammerie mit Armagnac-Zwetschgen aus eigener Produktion, sehr gut.

Früh ins Bett, wir waren beide von der Woche erledigt. Zumindest ich war noch wach genug für eine Runde Lesen.

§

Die US-Amerikanerin Lorraine ist 92 und gibt in diesen 20 Minuten sehr persönlich und sehr nachvollziehbar weiter, was sie sich wünscht, schon in ihren 50ern und 60ern gewusst zu haben.

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https://youtu.be/vVk2rfkaD5w?si=o0TfvL0lgBf74TRT

via HotelMama

Nicht alles davon wird für jede passen, doch vor allem den Nutzen, gerade jetzt aktiv neue Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen, sehe ich und möchte ich beherzigen. (Andere Erkenntnisse wie die Kürze des restlichen Lebens kommen allerdings bei mir völlig anders an als beabsichtigt, Zwinkersmiley.)

Nachträgliche Warnung: “The person in this video is AI-generated, not a real individual.” steht sehr weit unten im Text unter dem Filmchen. Nun bin also auch ich auf eine künstlich erzeugte Figur hereingefallen. Es gibt keine Lorraine, nichts an den 20 Minuten ist persönlich. Sondern im Gegenteil der Durchschnitt von allen Äußerungen alter weißer US-Amerikanerinnen zu dem Thema (ich nehme an, so ungefähr lautete der Prompt), die sich im Internet finden ließen. Was auch interessant ist, aber auf eine komplett andere Art und Weise, als ich das zunächst wahrnahm.

§

Apropos:

Weil ich grundsätzlich keine Kontakte aus meinem Adressbuch lösche, tauchen in Signal und WhatsApp viele Leute auf, an die ich mich nur noch vage erinnern kann. Das lasse ich wegen der Apokalypse so. Sollte ich mal alleine auf diesem Planeten sein, wird dieser Tag kommen, an dem ich mein komplettes Adressbuch durchpingen werde. Hallo, bist du noch da? Wenn dann niemand antwortet, sieht es wirklich düster aus.

Schreibt Mek, und ich verstehe ihn völlig.

Aus Anlass mal wieder darüber nachgedacht, dass es immer noch für Überraschung sorgt, wenn die Antwort auf die Frage, woher man Freundin X oder Freund Y kennt, “aus dem Internet” lautet.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 5. Februar 2026 – Neuhausen alpin

Freitag, 6. Februar 2026 um 6:35

Sehr gut und tief geschlafen, der Wecker holte mich gemeinerweise aus einem besonders interessanten Traum, in dem mal wieder das Haus mit der einst schönsten Wohnung der Welt eine Rolle spielte (meine Wohnung während des Studiums in Augsburg): Sie war wieder frei, jetzt mehr als doppelt so groß, in erbärmlich baufälligem Zustand (ein paar Bodenbretter weggebrochen), doch die Besitzer planten gründliche Instandsetzung und sagten mir die Wohnung zu. Ich war gerade dabei, Herrn Kaltmamsells Einwilligung zu erbitten, mit ihm dort einzuziehen.

Es tagte zu fahlem Licht und kalter, aber nicht allzu kalter Luft.

In der Arbeit Arbeit. Zu einem grundproblematischen Thema zeichnet sich grundlegende Verbesserung ab, das ist eine große Erleichterung.

Auf Mastodon wurden weiter #HerzSoliSneaker gesammelt: Frau Herzbruch steht vor ihrer hoffentlich letzten (zwölften) OP, viele Menschen sorgen sich und wollen irgendwas tun.

Meinen Mittagscappuccino holte ich in der Cafeteria (lauwarm, ich verliere langsam die Geduld), Bewegung in aufkommendem Sonnenschein holte ich mir mit einer Einkaufsrunde auf dem Markt. Das Draußen roch immer noch leer nach Winter, ich kaufte Pinowa-Äpfel vom Bodensee.

Später gab es als Mittagessen Mango mit Sojajoghurt und Leinsamenschrot.

Emsiger Nachmittag, nach Feierabend marschierte ich direkt nach Hause: Abends war ich mit Herr Kaltmamsell eingeladen, davor sollte noch eine Einheit Yoga passen (ging gut, sogar eine Balance-Übung).

Eingeladen waren wir zu einer Geburtstagsfeier unter dem Motto “Alpin”. Dazu waren mir als Allererstes Hüttenschuhe eingefallen, und zwar die aus meiner Kindheit: dick gestrickt, vor meinem inneren Auge unbedingt in Blau, Rot und Weiß, als Sohle Kunstleder aufgenäht – Nachbarskinder trugen die in den frühen 1970ern, selbst hatte ich als Kind aber richtige Hausschuhe und neidete sie lediglich (ich glaube, meine Mutter wies zurecht darauf hin, wie rutschig und unpraktisch Hüttenschuhe waren). Doch meine Online-Suche hatte nichts gefunden, selbstverständlich gab es auch im Hüttenschuh-Sektor in den vergangenen 50 Jahren enorme Entwicklungen. Am Styling Hütten-Look hielt ich gestern dennoch fest:

Mit Schüttelbrot und Alpenveilchen als Gastgeschenke machte ich mich mit Herr Kaltmamsell auf den Weg ins alpine Neuhausen. Und es gab durchaus Gäste, die das Party-Thema gründlich durchzogen und mit umfassender Kletterausstattung aufkreuzten. Zu Essen gab es unter anderem nepalesischen Sherpa-Eintopf (köstlich!) und Alpenspeisen von herzhaft bis süß, ich unterhielt mich unter anderem mit lebender Münchner Geschichte ab den 1970ern. Ein Thema auch: Die unterschiedliche Wirkung von Hochgebirge. Ein gebürtiger Garmischer war so früh wie möglich weggezogen, weil er sich sich (wie ich tendenziell) von den umgebenden Felsmassiven bedrängt und eingesperrt fühlte, seine Geschwister, so erzählte er, empfinden die Berge (wie Frau Brüllen) “beruhigend und beschützend”.

Herr Kaltmamsell und ich brachen schweren Herzens als erste auf, während neue Gäste gerade erst eintrafen: Wir müssen halt am heutigen Freitag früh in die Arbeit.

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The kids are alright.
“Skelette an Schulen
Woher stammen die Menschenknochen?”

via @jens2go

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 4. Februar 2026 – Nichts weiter als Arbeitsmittwoch

Donnerstag, 5. Februar 2026 um 6:27

Eine Stunde zu früh aufgewacht von zugeschwollener Nase, nicht mehr richtig eingeschlafen.

Im Büro beim Befüllen eines Papierteebeutels mit Lindenblütentee versehentlich den restlichen Inhalt der Packung über dem Teppich vorm Schreibtisch verstreut. Ganz erstaunlich, welch deutliche Sauerei so ein Restl Lindenblütentee verursachen kann. Blöderweise fand ich keine der Putzkolleginnen, die mir Zugriff zu einem Staubsauger verschaffen hätten können. So lernte ich: Schäufele und Besele (griffbereit unter der Spüle, das wusste ich von einem vorherigen Notfall) eignen sich nur sehr, sehr entfernt und mühselig zur Eindämmung dieser Sauerei.

Tag wurde es zu einem geschlossen hellgrauen Himmel, genug Licht, um im Büro kein künstliches zu benötigen. Erst ab Mittag wurde es düster.

Dazwischen ging ich ohne große Lust auf Bewegung im kalten Grau raus auf meinen Mittagscappuccino.

Zu Mittag gab es restlichen Blaukrautsalat von Montagabend mit einer mini Crowdfarming-Avocado.

Nachmittags einen entfernten Kollegen durch ein paar Stichwörter und eine richtige Antwort (“Eilt der Auftrag?” “Nein!”) dazu gebracht, so richtig loszunerden – <3

Nach Feierabend ging ich zu einem Gebrauchtwarenladen im Westend: Der Wecker (von drei) in meinem Schlafzimmer, dessen Weckfunktion zwar kaputt war, auf dessen Ziffernblatt ich aber schnell die Uhrzeit ablesen konnte, war vor ein paar Wochen stehengeblieben und weder durch neue Batterie noch durch sonstiges Juckeln und Schütteln zum Weitergehen zu bringen. Diese Zeitablesefunktion vermisse ich im Schlafzimmer so sehr, dass ich Ersatz möchte. Tatsächlich hatte der Laden ein paar Tischuhren, aber keine gefiel mir richtig (am ehesten noch ein Modell aus den 1960ern, doch das funktionierte mit Kabel statt Batterie, das möchte ich nicht). Allerdings zeigte mir die freundliche Angestellte auf ihrem Computerbildschirm ein paar Exemplare im Lager (der Laden hat mehrere Standorte) und empfahl mir, öfter vorbeizuschauen. Das werde ich tun.

Zu Hause eine Runde Yoga, die mir sehr gut tat. LWS-Schmerzen immer noch erhöht.

Ernteanteil war aufgegessen, auf Aushäusiges hatte ich keine Lust, also kochte uns Herr Kaltmamsell einen Topf Pasta: Mafaldine mit Artischocke, schwarzen Oliven, Kapern, Knoblauch, scharfer Tomatensauce, dazu Parmesen gerieben – wunderbar. Nachtisch Fruchtgummi und Schokolade.

Ich schloss den Eintrag meiner Blogposts 2025 bei der VG Wort ab (zur Erinnerung: Was das ist und was ich da machte): Auch bei wahrscheinlich weiter sinkender Auszahlung pro Text sollte mir die Ausschüttung die diesjährigen Urlaube finanzieren.

Früh ins Bett zum Lesen.

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Was man heute nicht mehr sagen darf, wenn man seinen Job beim ADAC behalten will:
“Er hat für Klimaschutz geworben”.

§

Apropos Erinnerungen alter Menschen: Vincent Klink holte eine Geschichte über seinen Vater hoch, die er schon mal in seiner Zeitschrift Häuptling Eigener Herd veröffentlicht hatte.
“Krautsbraten, oder die Ernährungsneurosen von gestern, heute und morgen.”

(Am schönsten fand ich allerdings die Mutter, die sich nach Auszug des jüngsten von sechs jetzt großen Kindern nach Spanien absetzte, weil gut is.)

§

Musik habe ich ja fast ganz verloren (ich muss mal darüber nachdenken, wie das kam; hat, glaube ich, mit meiner in den vergangenen 15 Jahren stark gestiegenen Überempfindlichkeit gegen viele sinnliche Reize zu tun). Aber ABBA kannte ich, und diese Coverversion mag ich.

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https://youtu.be/5Wd1lm3K27Y?si=hUlCHnjy99A1FXYR

via @jensscholz

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 3. Februar 2026 – Alltag mit langem Feierabend-Marsch

Mittwoch, 4. Februar 2026 um 6:19

Sehr gut geschlafen, das Weckerklingeln verärgerte mich.

Trüber und frostiger Weg in die Arbeit, doch über den Vormittag wurde es heller bis sonnig.

Emsiger Arbeitsvormittag, es war viel Laufens und Ordnens: Ich füllte (mal wieder) eine Lücke, für die ich nicht zuständig bin, die aber sonst niemand sieht und die immer größer wurde – was ich nicht mehr mit ansehen konnte. Sollte das Thema zur Sprache kommen, werde ich auch weiterhin vehement darauf hinweisen, dass ich nicht zuständig bin – aber es ist zumindest (fast) nichts kaputt gegangen.
Dennoch konnte ich mir bequem einen Mittagscappuccino einplanen und marschierte dafür ins Westend.

Zu Mittag gab es einen Apfel und eingeweichtes Muesli mit Joghurt – aber ohne Zeitungslektüre, denn mein Briefkasten war morgens leer geblieben, und in der Arbeit wurde die Süddeutsche abgeschafft.

Emsiger Arbeitsnachmittag, aber am Schreibtisch. Weil die Gegend um meine Lendenwirbelsäule weiterhin überdurchschnittlich schmerzte, arbeitete ich gestern möglichst viel im Stehen, bewegte mich möglichst viel – die Schürhackl-Phase nach dem Aufstehen vom Sitzen wurde deutlich kürzer. (Ich bilde mir ursächlichen Zusammenhang ein.)

Für den Feierabend hatte ich einen Ausflug zum Gärtnerplatz geplant, dort wollte ich in einem Spezialladen nach einem Mitbringsel suchen. In letztem Tageslicht und nicht zu kalter Luft machte ich mich (anders als sonst) quer über die Theresienwiese und auf selten gegangenen Wegen dorthin auf, die Route nach Hübschheit gewählt. Es wurde ein erfreulicherer Marsch, und ich bekam mein Mitbringsel.

Nach Hause kam ich dadurch aber so spät, dass ich keine Lust auf Yoga hatte. Statt dessen gab es 15 Minuten früher als sonst Abendessen.

Aus den Ernteanteil-Süßkartoffeln hatte Herr Kaltmamsell ein Chilli zubereitet, seine Auswahl an getrockneten Chillis und Chillipulvern ist groß. Schmeckte gut, doch die Süßkartoffeln gingen unter. Nachtisch Schokolade, ich hatte die Vorräte gründlich aufgefüllt.

Noch früher ins Bett zum Lesen. Herr Kaltmamsell informierte mich zwar auf Nachfrage, dass ja, die Earthsea-Reihe von Ursula LeGuin im Gegensatz zu literarischen Meilensteinen wie Left hand of darkness ganz klassische Fantasy sei (“Warum hast du mich nicht vorher gefragt?” – so weit kommt’s noch), doch ich wollte durchaus wissen, wie’s weitergeht. Und natürlich geht LeGuin viel tiefer in Reflexion und Analyse von Menschlichem als schlimme Besteller-Autorinnen wie Marion Zimmer Bradley.

§

Vergesst altmodische True-Crime-Podcasts. Vergesst die Kardashians, die Jenners. Unterhaltet euch mit sehr alten Menschen.

Frau Frohmann schreibt in ihrem aktuellen Newsletter unter anderem über noch lebende alte Verwandte. Auch ich profitiere davon, dass meine Eltern und Schwiegereltern neue alte Geschichten erzählen, aus ihrer Kindheit und Jugend, auch was sie damals bei den noch älteren aufgeschnappt haben. Wie Frau Frohmann rate ich, den alten Verwandten zuzuhören – und sich sehr darüber zu freuen, wenn sie in hohem Alter noch bei Sinnen sind.

Plötzlich erinnern sich Menschen, mit denen man sein ganzes Leben verbracht hat, an Beobachtetes und Erlebtes, an das sie viele Jahrzehnte nicht gedacht haben und es werden nicht mehr die immer gleichen Geschichten erzählt, sondern ganz neue alte Geschichten. Was erzählt wird, ist nicht immer schön.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 2. Februar 2026 – Angepreppt, bester Blaukrautsalat

Dienstag, 3. Februar 2026 um 6:25

Nacht mit Loch: Um zwei konnte ich ziemlich lang nicht wieder einschlafen. Doch ich litt nicht, hatte es ja warm und war schmerzfrei, suchte mir schöne Gedanken.

Mitten in meiner Morgenroutine, nämlich beim Aufstehen vom Bloggen, meldete das Kreuz böse Schmerzen, Erinnerungen an Hexenschuss. Ich bekam sie weder durch meine Plank-Gymnastik noch durch Mobilisierung und Dehnung der Lendenwirbelsäule weg und war schon gespannt auf ihre Entwicklung über den Arbeitstag (ich nehme vorweg: Schmerzen erträglich, aber Komplettversteinerung des unteren Rückens).

Es tagte zu einheitlich grauem Himmel und wenig Licht.

Der gestrige bundesweite Streik des ÖPNV hatte unerwartet auch auf meinen Arbeitsweg Auswirkungen: Der U-Bahnhof Heimeranplatz war mit den nächtlichen Gittern versperrt, ich konnte ihn nicht als Unterführung nutzen. Durchaus erwartet hatte ich die Leere in den Büros: Fast alle nutzen den Öffentlichen Nahverkehr, sie würden gestern tendenziell von daheim aus arbeiten.

Neue (und einzige) Büro-Deko neben meinem Schreibtisch. Die Postkarte hatte ich im Herbst 2025 bei meinem jüngsten Essen im Food for friends in Brighton eingesteckt – wo ich doch sonst Mitnehmen von Andenken um der Andenken willen recht konsequent vermeide. Doch gestern fiel mir dieser nützliche Einsatz ein: Jeder Blick darauf löst angenehme Gefühle aus.

Um die Mittagszeit lichtete sich der Hochnebel ein wenig. Ich marschierte raus auf einen Mittagscappuccino im Nunique – deren Gebäck (Kuchen, Torten, Kekse) ganz hervorragend aussehen, nur mich halt um diese Zeit überfordern.

Ich schloss eine Spazierrunde um den Block an, an dessen Ende ich echten Sonnenschein und blauen Himmel bekam, beides hielt bis Sonnenuntergang.

Zu Mittag gab es einen Apfel und den Rest Blaukraut mit Linsen vom Samstag. Meine Kreuzschmerzen hielten an, waren aber erträglich, bewirkten lediglich Knickhaltung nach jedem Aufstehen vom Sitzen (-> Schürhackl).

Nach Feierabend ging ich meine Liste für Social Prepping an: Bei Saturn kaufte ich eine Powerbank und ein kleines Radio mit Batteriebetrieb. Auf dem Heimweg noch Stopp im Biosuper- und Drogeriemarkt.

Zu Hause endlich wieder eine Einheit Yoga – ging auch mit der deutlicher als sonst schmerzenden LWS.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell ein Rezept aus der Süddeutschen umgesetzt, das ich ihm für das restliche Blaukraut aus Ernteanteil zugesteckt hatte: Rotkohl-Salat mit Kumquats und Nüssen aus dem Kohl-Special vom Wochenende.

Ausgesprochen köstlich mit Ruccola, Walnüssen und Feta, Empfehlung! (Und doch kenne ich Menschen, die bei diesem Anblick erstmal “gesund” denken – und sagen. Meinen die damit eigentlich “schmeckt mir nicht”?) Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen mit neuer Lektüre: Tehanu: The Fourth Book of Earthsea von Ursula K. Le Guin, das als eher konventionelle Fantastik losging.

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Wegen Rita Süßmuth begann ich Ende der 1980er Bundestagsdebatten zu gucken.
Nicht auszudenken, wie Deutschland ohne sie durch die AIDS-Pandemie gekommen wäre. (Hier ein knapp 3-minütiger Ausschnitt aus ihrer Abschiedspressekonferenz 1988 über ihren Kampf mit der Aids-Politik.)
Danke. Jetzt ist sie mit 88 Jahren gestorben.

Und sie hat noch so viel mehr bewirkt! Erst dieser Nachruf im Deutschlandfunk erinnerte mich daran, dass sie unter anderem als Vorsitzende der ersten so genannten Zuwanderungskommission endlich konstantierte, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist. Rita Süßmuth hat geholfen, die deutsche Gesellschaft offener zu machen und zum Positiven zu verändern – wahrscheinlich gerade weil sie eben nicht über viele Jahre Wahlkampf samt dem Zwang, ihr Fähnchen nach Volksgeschmack zu richten, an die Spitze eines Ministeriums kam.

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Wir alle hassen Foodblogs, die den Weg zu Rezepten mit dem Scrollen über komplett unnötige Dönneckens, Gezwitscher und sonstigen Text im LLM-Slop-Stil pflastern. Manchmal geht es aber wirklich um die Geschichte dahinter, und das Rezept ist nur die Randbemerkung. Zum Beispiel bei diesem Post der Bloggess (die andererseits ja kein Foodblog schreibt):
“The Peach Cobbler that went missing for 40 years.”
Welchen ich jetzt dringend ausprobieren will, trotz der bescheuerten Cup-Maße, zumal Dosenpfirsich offiziell ok ist.

§

Uuuuuh – den Film und die Szene kannte ich nicht (danke, Padrone). Ob sich Herr Kaltmamsell traut, mich zum Mitsingen zu zwingen, wenn ich mal wieder vor Gereiztheit und Selbsthass qualme?

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https://www.youtube.com/watch?v=7SXv67czI4w

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 1. Februar 2026 – Sigrid Nunez, For Rouenna, Sonntagsessen mit allen vier Eltern

Montag, 2. Februar 2026 um 6:26

(Schlimmes Titelbild, glauben Sie ihm nicht.)

Ich weiß nicht, ob ich derzeit besonders empfänglich für solche Geschichten bin oder Nunez in For Rouenna tatsächlich meisterlich das Thema Erinnern und was Erlebnisse mit uns machen kombiniert mit dem Thema Erzählen von Erinnerungen sowie einem Blick auf ein bestimmtes Milieu in einer bestimmten Zeit: So oder so ging mir dieser Roman nahe und beschäftigte mich sehr.1

Zunächst fiel mir an diesem 2001 veröffentlichten Roman die eigentümliche Struktur auf: Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin auf dem Weg ins mittlere Alter, berichtet im ersten von drei Teilen recht trocken, dass sie nach der Veröffentlichung ihres ersten Romans von zahlreichen Menschen aus ihrer Vergangenheit kontaktiert worden sei. Dazu gehörte auch die titelgebende Rouenna: Sie hatten zur gleichen Zeit als Kinder in einem Wohnblock gewohnt (die englische Bezeichnung project transportiert automatisch niedrigen sozialen Stand und gesellschaftliche Ausgrenzung). Die Erzählerin lässt sich auf ein Treffen ein und nimmt eine Einladung zum Sonntagsbraten bei Rouenna an. Daraus werden in den folgenden Monaten regelmäßige Begegnungen – bis zu Rouennas Tod, der bereits in einem Detailreichtum beschrieben wird, der deutlich weg vom Bericht und ins Romanhafte führt: Diese Details kann die Erzählerin nicht wissen, weil sie nicht dabei war, sie muss sie sich ausgemalt haben.

Erst jetzt unternimmt die Erzählerin etwas, das sie eigentlich zusammen mit Rouenna machen wollte: Eine Fahrt auf der Staten Island Ferry, die die sie als Kind und junge Frau regelmäßig nahm. (Dass ich dabei durchgegehen die Film-Bilder von Working Girl vor Augen hatte und Carly Simon in meinem Kopf sang, ist natürlich ausgesprochen persönlich – belegt aber einmal mehr, dass die Leserin den Inhalt schafft.) Daraus wird eine besonders ausführliche und poetische Passage.

Im zweiten Teil nimmt die Erzählerin ihre Gespräche mit Rouenna zum Anlass, deren Leben zu erzählen, vor allem ihr Jahr als Krankenschwester im Vietnamkrieg. Das wird wieder so lebendig und detailliert geschildert, als wäre die Erzählerin dabei gewesen. Vereinzelte wörtliche Zitate/Kommentare Rouennas erhalten den Eindruck der Authentizität. Dafür hat die Erzählerin vorgesorgt: Sie berichtet von einem Gespräch mit Rouenna, in dem sie sich übers Erinnern an Vietnam unterhalten, über PTBS, über Therapiegespräche. Rouenna meint, mit dem großen zeitlichen Abstand würde sie sich immer selbst misstrauen, ob ihre Erinnerungen die wirklichen Geschehnisse wiedergeben.

Genau diesen Roman schreibt die Erzählerin jetzt also – und erzeugt dadurch ein Vexierbild2 der Erzählhaltung: Wer erzählt hier eigentlich? Wessen Geschichte lese ich gerade?

In einem Teil 3 sind wir wieder in der Erzählgegenwart, die Erzählerin schreibt ihre Erinnerungen an Rouenna auf, eigene Recherchen, doch auch den Uni-Schreibkurs, den sie gibt, und wie sich die dort gelehrten Techniken geraden in diesem Roman spiegeln.

Ich mochte den Roman, weil ich selten eine solche Nähe zur Handlung und seinen Personen empfand. Aber es fällt mir schwer, die Gründe dafür im Text zu finden.

§

Nicht ganz so lang durchgeschlafen wie ideal, aber erfrischt aufgestanden. Beim Fensterschließen bemerkte ich im Lichtstrahl der Straßenlampen kleine Schneeflocken – also eine weitere Runde Winter. Wenigstens war es in der Innenstadt mild genug, dass nur die Grünflächen eine neue Schicht Weiß bekamen. Es wurde ein grauer, hochnebliger Tag.

Am späten Vormittag Aufbruch zum Zug nach Augsburg, eng und durchdacht bepackt mit den Bestandteilen des Sonntagsmahls bei Schwiegers.

Das war dann sehr schön mit allen Elternteilen, ich vergaß völlig das Fotografieren. Nach Aperitif (Aperol Spritz mit alkoholfreiem Sekt ist eine großartige, leichte Alternative zum Original) gab es Makrelen-Paté auf Chicoreeblättern, dann Bœuf bourguignon mit Spätzle (auf allgemeinen Wunsch geschabt, nicht gehobelt), Rosenkohl und grünen Bohnen, abschließend Orangencreme (trotz etwas Abkühlenlassen hatte sich Gelatine zum Teil unten abgesetzt, zefix, schmeckte dennoch). Ein Weilchen später Kaffee und Tee mit den Strauben, die meine Mutter selbstgebacken mitgebracht hatte.

Mit Naturalien bepackt fuhren wir noch bei Tageslicht zurück.

Ich hatte sogar noch Abendessenhunger, es gab restliche Fischpaté sowie Blaukraut mit Linsen vom Vorabend, restliche Orangencreme.

§

Wenn Sie neugierig sind, wie sich ein Teil der legendären Wiener Ballsaison von innen anfühlt? Katatonik schreibt über
“Ballaballa, die zweite”.

  1. Was ich übrigens schon vor langer Zeit als eine Bremse meiner Lese-Schlagzahl erkannt habe: Wenn eine Lektüre mich beschäftigt und in mir arbeitet, kann ich nicht gleich die nächste anpacken. Paralleles Lesen mehrer Romane war mir schon immer ein Rätsel. []
  2. Offiziell Linienrasterbild. []
die Kaltmamsell

Journal Samstag, 31. Januar 2026 – Wie Joggen echt keinen Spaß macht

Sonntag, 1. Februar 2026 um 8:01

Nur wenig unruhig geschlafen (der Alkohol), durch rechtzeitiges Herablassen des Rollladens gegen Morgenhelle aber ausreichend lang.

Ich hielt mich ein bisschen ran mit Bloggen und Kaffee-/Wasser-/Teetrinken, sandelte nicht zu sehr: Draußen schien die Sonne, ich wollte nicht zu spät zu meinem Isarlauf loskommen. Was ich dann ab Haustür tat.

Eines der prominentesten Gräber auf dem Alten Südfriedhof, in 1A Lage am Mittelgang: Das der Familie Pschorr. Als Brauereien die Macht in der Stadt waren.

Scheiß Winter: Die ersten 20 Minuten hatte ich wenig Probleme mit eisigen Stellen, die Innenstadtwege waren völlig frei. Doch dann kam ich an unasphaltierte Wege und musste genau hinschauen, um nicht von Eisglätte überrascht zu werden. Echter Horror begann hier hinterm Tierpark:

Geforener Matsch. Ich rutschte bei fast jedem Abdrücken ein Stück nach hinten, verlegte mich auf mehr Hüpfen als Joggen, glitschte und balancierte (es fühlte sich an wie Gymnastikübungen auf der Halbkugel bei der Physio – WEHE das war nicht zumindest gesund!). Das war ein 20-minütiger, sehr anstrengender Horror, den ich ganz sicher nicht nochmal zurück laufen wollte. Ich plante also um und wechselte über die Großhesseloher Brücke auf die andere Isarseite.

Um auf die Brücke zu gelangen, zog ich mich am Geländer hoch: Die Stufen waren lückenlos scheiße rutschig.

Auf dem Isarhochufer und um den Hinterbrühler See hatte ich mit einer Mischung aus Eis und Matschdreck zu tun, die nicht ganz so anstrengend war, aber auch keinen echten Spaß machte. Ich lief ein paar Umwege und stückelte, um insgesamt auf meine gewünschte Lauflänge von 1 Stunde 45 Minuten zu kommen.

Nach Eis kommt Matsch.

Außen und innen.

Bevor ich eine U-Bahn nach Hause nahm, holte ich noch Frühstückssemmeln.

Die gab’s nach einem Apfel um zwei mit Frischkäse und Bergamotte Lemon Curd.

Gebühr für ein weiteres Jahr Münchner Stadtbibliothek gezahlt: 20 Euro. (Tiefe Dankbarkeit, dass ich in einer Gesellschaft lebe, die das ermöglicht.)

Gemütliches Zeitunglesen, das Wohnzimmer wurde dabei gestern endlich warm genug, dass ein dicker Pulli und zwei Paar Socken gegen Frieren reichten.

Bei (deutlich nach hinten geschobenem) Einbruch der Dunkelheit kochte ich das Dessert fürs Sonntagessen mit allen Eltern: Englische Orangencreme. Herr Kaltmamsell hatte bereits den Großteil des Nachmittags in der Küche verbrachte, um das Bœuf bourguignon und die Spätzle für Sonntag zuzubereiten. Die schlichte Vorspeise kam wieder von mir: Makrelen-Peté nach Delia Smith (wenn ich am Sonntag an ein Foto denke, stelle ich das Rezept in meine Rezepte-Ecke).

Dann war Zeit für einen Aperitif: Den letzten Saft der direktimportierten Bergamotte verschüttelte ich zu einem Whiskey Sour. So ein Naturalientausch erzeugt eine ganz eigene Art von Nähe und wärmt mir ja immer besonders das Herz, auch unter Kolleginnen in der Arbeit, dort z.B. Quitten gegen Ajvar gegen Orangenmarmelade gegen Honig gegen Rakija gegen Zwetschgen etc. Vielleicht weil bei den Beteiligten die landwirtschaftlichen Wurzeln durchschlagen, die wir auf lange Sicht zurück ja dann doch fast alle haben?

Als Nachtmahl verwertete Herr Kaltmamsell die Hälfte des Ernteanteil-Blaukrauts und servierte es mit Linsen (und ein paar missratenen Spätzle), darüber geröstete gehackte Mandeln – sehr gut. Dazu ein Glas Burgunder, der vom Kochen übrig war. Nachtisch Schokolade.

Im Fernsehen ließen wir Tropc Thunder von 2008 laufen – eine Vietnamkriegverfilmung-Actionkomödie mit sensationeller Starbesetzung (die die Filmhandlung spiegelt), von der ich noch nie gehört hatte: Komplett wahnsinnig mit immer noch einer Metaebene.

Früh ins Bett zum Lesen einer ganz anderen Darstellung von Erlebnissen im Vietnamkrieg, nämlich der von Sigrid Nunez.

die Kaltmamsell