Theater

Journal Sonntag, 1. März 2020 – Familien-Cocido und Marieluise Fleißer, Der starke Stamm

Montag, 2. März 2020

Weckerwecken, da ich vor dem Mittagessen bei Familie in Ingolstadt noch Kartoffelbrot backen wollte. Zwischen die einzelnen Schritte schob ich Bloggen, Rumpftraining, Yoga.

Durch die sonnige Holledau fuhr ich mit Herrn Kaltmamsell und Mitbringseln für Eltern und Bruderfamilie nach Ingolstadt.

Dort tischten meine Eltern das klassische Madrilenische Sonntagsessen auf: Cocido.

Erst mal die Brühe des Eintopfs mit Nudeln.

Dann (von vorne): Kartoffeln und Karotten aus dem Eintopf, separat gebratenes Weißkraut mit Paprika und Knoblauch / Kichererbsen / allerlei Fleisch von Rind, Schwein, Huhn, Lamm, außerdem Chorizo.

Meine Eltern haben über mehrere Spanienurlaube in Kastilien so viel Tongeschirr mitgebracht, dass sie für neun Personen damit eindecken konnten.

Wir fuhren recht früh zurück nach München, weil Herr Kaltmamsell noch arbeiten musste und ich für den Abend eine Theaterverabredung hatte:
Marieluise Fleißer, Der starke Stamm im Residenztheater.

Eine geradlinige Inszenierung, in der die Regie (Julia Hölscher) keinen Drang vordergründiger eigener Handschrift erkennen ließ, sondern ganz hinter den Text zurück trat. So wurde mir nach vielen Jahren mal wieder einfach (einfach?) eine Geschichte erzählt, eine kleine, erbärmliche Geschichte kleiner, erbärmlicher Menschen. Das Bühnenbild aus Brettern wie eine Scheunenwand, ein schräger Boden, auf dem die Schauspielerinnen und Schauspieler wie auf Tableaus gesetzt waren. Wie in Fleißers Erzählungen, die ich gerade lese, kämpfen in Der starke Stamm in bayerischer Kleinstadt-Nachkriegszeit (Ingolstadt ist als Schauplatz an vereinzelten Orts- und Straßennamen erkennbar) jeder und jede ums kleinstbürgerliche Existenzminimum, die Grenze zur Kleinkriminalität wird mit nur wenig Zögern gerissen. Alles ist darauf ausgerichtet, irgendwie zu Geld zu kommen, praktisch jedes Mittel ist recht. In dieser Welt ist kein Platz für Schönheit, Liebe oder Kunst. Und doch ist alles Mühen immer und immer wieder vergeblich: Erlösung bietet am Ende erst ein Erbonkel ex machina, der die scheinbar taktisch klugen und hart erkämpften Verhältnisse im Handstreich zunichte macht.

Eine starke Besetzung – von der zwei Rollen wegen Krankheit kurzfristig gewechselt werden mussten: Cathrin Störmer sprang in der Hauptrolle Balbina ein und zeigte überzeugend die verbissen Schwägerin, die mit Einsatz aller Mittel um ein besseres Leben kämpft und dabei durchaus die Findigkeit einer modernen Unternehmerin zeigt, Steffen Höld als Bitterwolfs Schwager hingegen musste wenig mehr als Stichwortgeber sein. Herausragend Robert Dölle als zentraler Sattlermeister Bitterwolf, dessen immer wieder sogar sanftes Spiel jemanden durchscheinen ließ, der in anderen Umständen ein guter Mensch hätte werden können.

Für mich immer wieder auffallend: Wie Ingolstädterisch Fleißers Sprache ist. Sie schreibt ja Mundart, ohne Dialekt zu werwenden; wie auch in ihren Erzählungen sind es Vokabular und Grammatik, die eine bestimmte Sprache eines bestimmten oberbayerischen Menschenschlags präziser zeichnen als jede lustige Wirtshausspeisekarte. Immer wieder hörte ich Wendungen, die bei mir ein „Ah, das sagt nicht nur meine Ingolstädter Mutter?“ auslösten. Zwei Vokabeln fielen mir besonders auf. Von einer wusste ich bereits, dass sie nur in Ingolstadt verwendet wird, allerdings als andere Wortart: „Zepfat“ kannte ich bislang nur als Adjektiv zur Bezeichnung einer schwächlichen, kränklichen Person. In der ersten Szene von Der starke Stamm hieß es nun:
„Lang hats rumzepft, aber zum Schluß ists geschwind gangen mit meiner Zenta.“
(Dank an F. fürs Nachschlagen.)

Den zweiten Ausdruck hatte ich schon lange vergessen: „Bleckn“ für weinen, in Ingolstadt wurde ich angeranzt: „Bleck ned“. Erst als ich ihn gestern hörte, wurde mir klar, dass das wohl nicht Standard-Bayerisch ist.

Die Sonntagsvorstellung hatte früh begonnen, ich war noch vor neun wieder daheim, nach einem Spaziergang nach Hause in milder Luft.

Journal Sonntag, 9. Februar 2020 – Was in der Pause geschah

Montag, 10. Februar 2020

Bov Bjergs Deadline von einem Leser geschenkt bekommen. Rührung, Überwältigung und Dankbarkeit.

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Ein Tag mit Komplettüberforderung, Elend und Siechtum, den ich mit mittäglicher Krankmeldung abbrach, um heimzufahren und mich ins Bett zu legen. Wenn sich der Anblick von Zeitungsschlagzeilen so unerträglich anfühlt wie ein Martinshorn im Tunnel direkt neben mir.

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An den Kammerspielen Die Räuberinnen gesehen.

Ausverkaufte Vorstellung (Publikum in der üblichen Zusammensetzung aus hauptsächlich älteren und alten Menschen). Ich hatte vorher wieder nichts über die Inszenierung gelesen, fand keinen Ansatz, was das alles sollte, hatte aber eine mords Gaudi – das gesamte Publikum noch viel mehr. Zwar ahnte ich, dass ein großer Teil improvisiert war (diesem Eindruck habe ich ja zu misstrauen gelernt, da herausragende Schauspielerinnen auch Improvisation überzeugend spielen können), doch erst das Hinterherlesen des Programmhefts verschaffte mir Gewissheit. Das Publikum wurde von Anfang an angesprochen und einbezogen (auch das kann ja inszeniert sein – Bernd Noack schreibt im Spiegel von „vorgegaukelter Improvisation“), es ging von Anfang an fröhlich und begeistert mit. Unter anderem nahm uns Gro Swantje Kohlhof auf eine „Traumreise“ („Sind Waldorfschüler im Publikum?“) in einen Wald, das Publikum sorgte selbsttätig für Tierstimmen, so dass Kohlhof ganze Schwärme Käuzchen einbaute (ein besonders penetrantes musste sie dann aber doch zum Schweigen bringen, „Ruhe im Wald!“), außerdem 700 Rehe. Klar, es sind Schauspielerinnen – aber ich hatte dann doch den Eindruck, dass auch sie eine Gaudi hatten.

Nachträglich stufe ich das ganze als eine Improvisation über Schillers Räuber ein, die nicht mal zu einer Deutung kommen möchte, sondern frei assoziiert.

Manche finden das fürchterlich:
„Mädelsabend in der Schulschwimmhalle“.
„Party ohne Schiller“.

Manche super:
„Leonie Böhm macht aus den ‚Räubern‘ von Schiller ‚Die Räuberinnen'“.
„Spiellust und vollkommene Befreiung“.

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Körperliches:

Eine leichte Erkältung und eine heftige Menstruation mit – neuestes Feature – zwei Tagen Krämpfen, die mich zudem eine sonntägliche Schwimmrunde kostete, weil ich auch an Tag 6 noch so stark blutete, dass ich mich nicht ins Schwimmbad traute.

Viel Nachdenken über ein künstliches Hüftgelenk. Jedes seriöse Rechercheergebnis nach dem idealen Zeitpunkt für die Operation ergibt in diesen oder anderen Worten: Das kann nur die Patientin beurteilen. Ruheschmerz bin ich derzeit durch die Spritze los, doch Gehen funktioniert nach einer Woche mit stetiger Besserung jetzt wieder nur unter Schmerzen bei jedem Schritt – ich war auf meinem gestrigen Sonntagsspaziergang im Tempo einer nicht besonders rüstigen 90-jährigen unterwegs. Viel hadernde Grübelei, die ich leider nicht abstellen kann (aber auf dem Röntgenbild haben zwei Dr. Orths nicht mal eine Arthrose gesehen! vs. soll ich ernsthaft erst mal durchgehend Ibu nehmen und zu Krücken greifen, bevor ich reif für die OP bin? vs. jetzt zehre ich noch von meiner Fitness und Beweglichkeit aus vielen Jahren Sport, nach ein paar Jahren Sportunfähigkeit ist davon nichts mehr übrig und die postoperative Reha wird viel schwieriger vs. das ist aber fei schon ein ganz schon brutaler Eingriff vs. all die Ausweichbewegungen, die ich mir jetzt angewöhne – also das Hinken, könnten Folgeschäden verursachen). Dabei habe ich doch in zwei Wochen den nächsten Orthopädentermin, bei dem ich die nächsten Schritte diskutieren kann. (Wenn sich der Arzt dafür Zeit nimmt.) (Ach MIST!)

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Yoga mit Adriene entdeckt, auf Empfehlung gefühlt meines gesamten weiblichen Internets mit und ohne Hang zu Bewegung.

Und tatsächlich kriegt mich das zum ersten Mal Yoga-mäßig, also nicht nur die sportliche Seite: Alle paar Morgen gehört zu Adrienes kontinuierlichen Anweisungen und Hinweisen ein freundliches „trust me“ oder „I got your back“ – was ich so ernst nahm, dass es mich zu Tränen rührte. Nachdem ich mich bei einer Yoga lehrenden Bekannten erkundigt hatte, wie wichtig die Präszision von Haltung und Bewegung bei Yoga ist und erfahren hatte, dass eine gute Vorturnerin immer darauf hinweist, wenn sie wichtig ist. Dass mich die Ansage immer zum Fokus einer Bewegung leitet.

Gekriegt hat mich dieses Yoga überhaupt durch seine Freundlichkeit und Unverbissenheit: „Move like you love your body“ und „Stand up tall, like you love yourself“ sind halt zugänglicher als „Love your body“ oder „Love yourself“, was mir deutlich zu enorme Aufgaben wären. Zudem ist mir Adriene ungemein sympathisch (sie bringt es fertig, dass ich ihren Dank für meine Zeit und meine Energie ernst nehme, dass ich ihr glaube, wenn sie das als Geschenk bezeichet), außerdem hat ihr Yoga-Programm eine unschlagbare USP: Benji, den Hund. Er taucht immer wieder auf, oder liegt rum, bekommt einen kurzen Zwischenstreichler oder ein freundliches Wort – was dem ganzen Programm eine entspannte Note gibt, die anders nur schwer zu erreichen wäre.

Bislang schönster Moment war an Tag 5: Meine rechte Hüfte lässt mich ja nicht wirklich schneidersitzen, das rechte Bein liegt eher Schürhackl-artig vor dem angemessen angewinkelten linken. So auch am Anfang der 30-Minuten-Einheit an diesem Morgen. Sie endete in derselben Position – und ich sah mich in echtem Schneidersitz, auch das rechte Bein machte mit. Irgendwas hatte dieses Yoga bewirkt.

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https://www.youtube.com/playlist?list=PLui6Eyny-UzzFFfpiil94CUrWKVMaqmkm

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Fotos aus der Pause:

Schöne Überschrift.

Das Pissoir in der Isarvorstadt hat endlich einen neuen Zweck: Erinnerungsort für drei Gast-Isarvorstädter.

Die drei amtlichen Frühlingsboten Schneeglöckchen, Krokanten, Winterlinge gestern im Alten Südfriedhof und am Westermühlbach.

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Die Pause hat nicht gereicht, dass ich mir endlich NetflixAmazonAppleTV geholt hätte und dann doch HandmaidsTaleGoodOmensPicard angesehen hätte.

Journal Mittwoch, 11. Dezember 2019 – Theater?

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Unglaubliche Spannung schon seit dem Vorabend: Würde ich es rechtzeitig aus der Arbeit schaffen, um noch genug Energie für einen Theaterbesuch aufzubringen? Würde ich es zum Theater schaffen? Würde die Vorstellung tatsächlich stattfinden? Mein Leben könnte von Robert Zemeckis geschrieben sein.

Davor aber: Frühes Aufstehen für eine Runde Crosstrainer, Dehnen, Bankstütz. Auf dem Crosstrainer hörte ich Musik und fühlte mich so wohl, dass ich viel länger strampeln hätte können – und mich sehr bewusst daran erinnern musste darauf zu achten, ob da irgendwas weh tut. Paradoxerweise führt leichte sportliche Bewegung offensichtlich bei mir dazu, dass ich meinen Körper vergesse.

Radeln in die Arbeit unter klarem Himmel. Auf der Theresienwiese gefrorene Pfützen umsessen von vereinzelten Krähen, darüber zogen Möwen.

Ruhige Arbeit, mittags ein Kopf Radicchio mit Balscamico-Ahornsirup-Thymian-Dressing. Spannungslösung 1: Ja, ich schaffte es deutlich früher als sonst das Büro zu verlassen.

Beim Heimradeln bemerkte ich riesige Lust auf eine Bratwurst. Und da ich erwachsen bin und genug Geld habe, konnte ich einfach mein Rad abstellen, zum Christkindlmarkt am Sendlinger Tor spazieren und eine Rengschburger spezial kaufen. Die mir ausgezeichnet schmeckte.
Davor hatte ich wie geplant einen Abstecher zum Spanischen Früchtehaus an seiner Übergangsadresse Rosental gemacht und erfahren, dass der Laden Ende Januar zurück ins Ruffinihaus zieht.

Daheim Brotzeit für Donnerstag zubereitet: Karottensalat (wenn auch ohne Koriander).

Herr Kaltmamsell war beruflich unterwegs, also machte ich mir zum Nachtmahl selbst ein paar Nudeln, die ich mit frische roter Paprika und Joghurt vermischte.

Spannungslösung 2: Ja, ich ich ging ins Theater, Kammer 3, gemütlich zu Fuß (auch wenn ich ab der Hälfte der Strecke ahnte, dass ich meine Hüfte mal wieder überschätzte). Und Spannungslösung 3: Die Vorstellung fand statt. Ich sah Unheimliches Tal / Uncanny Valley.

Der Titel ist ein Fachbegriff aus der Robotik und bezeichnet den scheinbar paradoxen Effekt, dass Menschen „hochabstrakte, völlig künstliche Figuren mitunter sympathischer und akzeptabler [finden] als Figuren, die besonders menschenähnlich bzw. natürlich gestaltet sind“ (Das und mehr bei Wikipedia.). Die einstündige Performance setzte das um.

Autor Thomas Melle hielt einen Vortrag – nein, eine Maschine, die ihm nachgebildet war und ihn mit „ich“ verkörperte, hielt mit seiner aufgezeichneten Stimme einen Vortrag: über Thomas Melle und Alan Turing, über die Fehlerhaftigkeit des Menschen (zum Beispiel in Form der bipolaren Störung, an der Melle erkrankt ist) und über die Alternativen, die Maschinen dazu bieten können. Auf einer Schultafel-großen Leinwand wurden dazu Interviews gezeigt zu maschineller Unterstützung (hier tauchte @ennopark mit seinem Cochlea-Implantat auf, ich war versucht zu winken), zu den Grenzen maschineller Selbstbestimmung. Und es wurde als Film gezeigt, wie die Thomas-Melle-Maschine entstanden war, die wir gerade vor uns sahen.

Immer wieder thematisierte der Vortrag die konkrete Situation in dieser Vorführung, sprach die Stimme uns Zuschauende an, wies abschließend darauf hin, dass wir ruhig applaudieren könnten – auch wenn wir das in dieser Situation ja nur für uns selbst täten.

Entsprechend herrschte nach einer Stunde leise Ratlosigkeit, ob die Vorführung nun zu Ende war. Die Inszenierung half uns nicht mit Licht, das den Zuschauerbereich erhellt hätte, statt dessen errichteten zwei Bühnenarbeiter eine Absperrung um den Aktionsbereich auf der Bühne. Nach und nach standen Zuschauerinnen und Zuschauer auf und sahen sich die Melle-Maschine (die immer noch blinzelte und leichte Handbewegungen machte) genauer an.

Eine sehr anregende Stunde (und genau richtig lang) mit klugen und offenen Überlegungen zur menschlichen Psyche, die Formbarkeit von Erinnerung, zu menschlichen Schwächen, Maschinentum – Empfehlung. Auch wenn der Altersschnitt im Publikum wie immer hoch war, sah ich Menschen, die ich zumindest auf unter 30 schätzte – allerdings neige ich dazu, diese Altersklasse sofort als Fachpublikum aus Studium oder Beruf einzustufen.

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Behind the scars: Eine Website (Fotoprojekt), auf der Menschen die Geschichten ihrer Narben erzählen.

via @formschub

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Ein instagram-Account macht mir Lust auf Sticken: nämlich die Landschaften von chromato_mania.

Journal Dienstag, 22. Oktober 2019 – Podcast über Boat People, Kent Haruf, Eventide

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Wieder eine viermal unterbrochene Nacht. Nachdem mir in der Nacht zuvor unter der Winterdecke viel zu warm gewesen war, hatte ich mich mit einer leichteren zugedeckt – und fror. Diesmal war die Winterdecke richtig. Aber ich würde gerne mal wieder durchschlafen, wo mich doch gar nicht mehr Schmerzen wecken, sondern ich einfach so viermal pro Nacht glockenwach bin (zum Glück dann recht schnell wieder einschlafe).

Fahrradfahren ließ ich nach dem dermatologischen Rumschnippeln besser sein, nahm also wieder den Sightseeing-Bus 62. Der steckte dann wegen einem ungeschickt geparktem Lieferfahrzeug im Stau, es war klar, dass das länger dauern würde. Mir fiel ein, dass viele auf dem Arbeitsweg Podcast hören, also kramte ich meine Kopfhörer hervor und suchte nach einem Podcast, den ich auf der Merkliste für Bügelbegleitung hatte: Rice and shine, die Folge über Boat People. Ich hörte mal los.

In der Einführung skizziert Vanessa Vu den geschichtlichen Hintergrund Vietnams im 20. Jahrhundert – nein der Krieg mit USA-Beteiligung war nicht der einzige. Ich erinnere mich sehr gut an die zeitgenössischen Berichte über Boat People, der Schiffsname Cap Anamur fiel mir ein, bevor er im Poscast erwähnt wird – für mich ist er ikonisch. Allerdings war ich erstaunt über die Jahreszahl 1979 – ich hatte die Rettungsfahrten der Cap Anamur früher in den 70ern vermutet. Hoffentlich habe ich bald Gelegenheit, den Rest anzuhören.

Draußen war es warm und neblig. Der Nebel hielt sich den ganzen Tag, doch ich brauchte keine Socken in den Schuhen. Im Büro weiter lustige Temperaturachterbahn. Wenn diese Beschreibung von Hitzewallungen korrekt ist, habe ich allerdings keine: Es ist mir einfach vorübergehend sehr warm.

Mittags Birchermuesli mit Joghurt und einer Mandarine, nachmittags ein heimischer Apfel und eine Scheibe Bananenmarmorkuchen.

Zurück nahm ich eine U-Bahn zum Stachus, weil ich noch im Biosupermarkt Brotzeit für die nächsten Tage einkaufen wollte. Daheim setzte ich mich nur kurz, bald brach ich mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen meiner Leserunde in Neuperlach auf.

Wir hatte Kent Haruf, Eventide gelesen und hatten es alle sehr gemocht. Der Roman ist der mittlere einer Trilogie, die in einem kleinen Ort des US-amerikanischen Bundesstaats Colorado spielt. Kapitelweise wird von verschiedenen Haushalten erzählt, darunter die beiden alten Brüder mit der Landwirtschaft, die ein schwangeres junges Mädchen aufgenommen haben; die Familie mit zwei Kindern im Trailer Park, die von Lebensmittelmarken lebt; der Bub, der bei seinem unwirschen Großvater lebt und von der Nachbarsmutter mit ihren zwei kleinen Töchtern ein wenig unter die Fittiche genommen wird. Erst ab der Mitte des Buchs verflechten sich die Handlungen. Die Personen sind alle ganz gewöhnliche Menschen, dennoch lasen wir alle sieben aus der Leserunde gebannt über ihr Leben. Wir waren gerührt von gegenseitiger Fürsorge, erschraken über das Eindringen von Gewalt, freuten uns über späte Liebe.

Mir war vor allem die scheinbar völlige Abwesenheit einer Erzählinstanz aufgefallen. Es scheinen Einordnungen zu fehlen, Bewertungen, Interpretationen, gestern verglich eine Mitleserin den Stil mit dem eines Dokumentarfilms. Das erzeugt die Illusion, man sei bei Lesen selbst diejenige, die zuguckt.

Uns gelang nicht, die Zeit zu bestimmen, in der die Geschichte spielt. Wir bekommen weder zeitgeschichtlichen Hintergrund noch Hinweise über Technik, Speisen, Musik, Mode – es könnte alles von 60ern bis 90ern sein (danach müssten dann doch Internet oder Handys eine Rolle spielen). Diese Zeitlosigkeit verstärkt das Thema grundsätzlicher Menschlichkeit. Ein ganz besonderes Buch, Empfehlung.

Auf dem Heimweg war es immer noch schwül-neblig.

§

Ein Kommentar im Stern (den gibt’s noch!) über das Ausbleiben von Nachwuchs unter dem Theaterpublikum:
„Liebe Theatermacher, zeigt uns doch bitte einfach mal ’normale‘ Stücke!“

via FrauNessy

Ich würde das zwar nicht so ausdrücken wie die Überschrift (und habe diesen Wunsch auch nicht), fand die Sicht aber sehr interessant. Dass Theater seit vielen Jahren kein Geschichtenerzählen mehr ist, sondern Aktionskunst, war mir schon klar. Doch dass das ganzen Bevölkerungsschichten die Motivation für einen Theaterbesuch nehmen könnte, hatte ich übersehen. Meine Mutter, Theatergängerin seit ihrer Jugend, nahm mich von Kindesbeinen an mit ins Theater – vermutlich hätte sie das nicht getan, wenn schon damals keine Geschichten erzählt worden wären, sondern nur Kunst auf der Bühne stattgefunden hätte. Und ich hätte keinen Zugang zum Theater bekommen.

Journal Mittwoch, 16. Oktober 2019 – Melancholia in den Kammerspielen

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Schlechte Nacht. Vormittags fühlten sich meine Beine dann so schwer an, als sei ich am Vortag 16 Kilometer gejoggt. Ich hinkte gestern wieder besonders stark.

Wieder ein durch und durch sonniger Tag, aber die Temperaturen sinken langsam auf Jackennotwendigkeit.

Der Arbeitstag ging ein wenig durcheinander los, wurde dann auch noch hektisch. Und das ausgerechnet gestern, wo ich mal wirklich früher gehen wollte, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ich mein Theaterabo wahrnehmen würde – ich weiß inzwischen, dass ich nach einem normalen Neun-Stunden-Arbeitstag keinerlei Energie für Abendunternehmungen außer Essen übrig habe.

Vormittagssnack Nüsse und eine Banana, mittags frische rote Paprika und Tomate, dann Birne und Banane mit Hüttenkäse.

Ich schaffte es, das Büro tatsächlich schon um halb vier zu verlassen, obwohl das eine oder andere brannte. (Was allerdings nicht eigentlich meine Sachen waren, doch Menschen fielen aus, Menschen waren weg – ich fühlte mich verantwortlich.)

So radelte ich erst zur Bank, dann zum Buchladen am Josephsplatz, schließlich zum Stachus, um im Kaufhaus sorgfältig ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen. Hunger hatte ich inzwischen auch, Herr Kaltmamsell war beruflich aushäusig, also besorgte ich fürs Abendessen Tomaten, Gurke, Nudeln und kleine Mozzarella.

Fürs Techniktagebuch über die neueste Generation stählerne Kuh geschrieben.

Ich konnte es kaum fassen, dass ich dann tatsächlich zu den Kammerspielen radelte – allerdings in Jeans, zum Umziehen reichte die Energie nicht; tut mir leid, liebe andere Theaterbesucher, diesmal kein feines Kleid.

Gegeben wurde Melancholia. Ich hatte vorher nichts darüber gelesen, außer dass das Stück auf dem gleichnamigen Lars von Trier-Film basierte, doch dass der Zuschauerraum nicht mal halb voll war, verriet mir: Wohl keine umjubelte Erfolgsinszenierung.

Das Inszenierungsprinzip: Die Schauspieler erzählten das Stück mit verteilten Rollen. Sie interagierten nicht, sondern sprachen immer ins Publikum. Es gab kein Bühnenbild außer einem Boden-bedeckenden Podest, auf dem sich die Darsteller bewegten, und einem Dutzend Scheinwerfern, dass von der Decke hing und dynamisch Richtung Publikumsraum strahlte, keine Requisiten. Erst durch die Fotos auf der Website sah ich, dass die Oberfläche des Podests stark spiegelte und damit Effekte erzeugte – in der fünften Reihe, in der ich saß, sah ich nur die Unterseite der Konstruktion.

Ein Lesedurchgang also, ein Hörspiel – ausgesprochen kostengünstig.

Ich kenne den Film nicht, beim Rausgehen nach den zwei Stunden ohne Pause bemerkte jemand hinter mir: „Schauspieler erzählen einen Film nach, hm.“ Die jetzt hinterherglesene Interpretation des Kammerspiel-Programmhefts sah ich dabei nicht. Für mich war das eine zweigeteilte Geschichte innerer und äußerer Depression: Der längere erste Teil erzählt, wie machtlos eine Depressive gegenüber ihrer Krankheit ist – und wie falsch eine verständnislose Umwelt darauf reagiert.

Die Hauptfigur Justine (umwerfend gespielt von Julia Riedler) ist Mittelpunkt einer luxuriösen Hochzeit, geliebt und beruflich erfolgreich – doch das Gefühl der Deplaziertheit und ihre Niedergeschlagenheit knüppelt sie auch an diesem Jubeltag bis zur Gelähmtheit nieder. Sie schämt sich dafür, ihr schlechtes Gewissen über ihre Undankbarkeit deprimiert sie noch mehr. Justines Schwester Claire (gespielt von Eva Löbau, die ihre Rolle aus meiner Sicht eher handwerklich-mechanisch anging), die die Hochzeit organisiert hat, schwankt zwischen Vorwürfen und immer neuen Aufmunterungsversuchen, die ob ihrer Wirkungslosigkeit Justines Stimmung weiter verschlechtern. Majd Feddah als Justines bedrohlicher Schwager und Agenturchef übt immer größeren Druck auf sie aus, treibt sie von Depression in Verzweiflung. Als Abschluss dieses ersten Teils ruft Justine eine apokalyptische Vision ins Publikum.

Der zweite Teil ist der äußere Untergang: Auf die Erde rast der Planet Melancholia zu. Während die Schauspieler den immer schlimmeren Tumult bis zum Einschlag des Planeten erzählen, bewegen sie sich immer weniger durch den Bühnenraum, bis sie am Ende aufgereiht am Podestrand zum Publikum sitzen.

Dieser letzte Teil wurde mir arg lang, weil ich nicht mehr sitzen konnte (meine Mutter als Theater-Veteranin seit Jugendtagen wird ja immer misstrauisch, wenn ein nicht sehr kurzes Stück keine Pause hat: haben die Angst, dass das Publikum in der Pause flieht?) und mein rechtes Bein schmerzend nicht wusste wohin. Dennoch hatte ich einen bereichernden Abend – mit deutlich mehr entspannenden Humormomenten, als ich aufgrund des Titels erwartet hatte.

Lesenswerte Rezensionen vom Deutschlandfunk und in der Süddeutschen, etwas wohlwollender in der FAZ.

Vor allem aber innerer Jubel: Ich habe es ins Theater geschafft!

Heimradeln durch die ruhige Herbstnacht, zu Hause machte ich dem ebenfalls gerade erst eingetroffenen Herrn Kaltmamsell eine eher symbolisch heilende Honigmilch.

§

Ian Dunt versucht nochmal ganz von vorne und für Anfänger zu erklären, worum sich das Grenz-Problem in den Brexit-Verhandlungen mit der EU dreht. (Dass auch er nicht ohne Verletzungen bis hierher gekommen ist, sieht man an der Überschrift.)
„Brexit: What the bloody hell is going on now?“

Wherever you put that line, it breaks promises made to someone. They’ve been countless attempts to find a sneaky way out of this problem, but none have worked. No matter how clever you are, there is no way around the fact that customs and regulatory borders exist and that you have to put them somewhere.

via @dalcashdvinsky

Journal Mittwoch, 6. Februar 2019 – Endlich wieder Theater: Toshiki Okada, No sex

Donnerstag, 7. Februar 2019

Fester Vorsatz war gestern: Spätestens um 15.30 Uhr Feierabend machen, um genug Energie für den abendlichen Theaterbesuch zu erübrigen. Und wie es bei solchen Vorsätzen gerne mal ist: Ich stand unter Aufgaben- und Telefondauerbeschuss. Doch zum Glück hatte ich meine Pläne laut geäußert, so stupste mich jemand nach halb vier an: „Wolltest du nicht gegangen sein?“ Das brachte mich dazu, an relevanter Stelle zu fragen, ob etwas gegen mein Gehen spräche – tat es nicht.

Noch vor vier spazierte ich in Sonnenlicht und mit Schulschwänzgefühl Richtung Zuhause. Begegnete an der vielspurigen Garmischer Straße einem flauschigen Ratz, der sich durch meine Nähe überhaupt nicht stören ließ.

Sah die Theresienwiese bei Tageslicht.

Da ich großen Nachmittagshunger hatte, kaufte ich auf dem Heimweg Krapfen, die ich mit einer großen Tasse Milchkaffee genoss.

Telefonat mit meiner Mutter: Von ihrer Schwester in Italien hat sie erfahren, dass der Christstollen angekommen ist. Diesmal hat er also zweieinhalb Monate von München nach Latio gebraucht. (Scherze mit Zu-Fuß-Gehen bitte selbstständig ergänzen.) Meine Mutter meinte, das könne ich also zukünftig lassen, doch in den Jahren davor hatte es ja gut funktioniert. Und Lassen brächte Unglück.

Abends Theater, wirklich und tatsächlich. Eigentlich wäre ich mit Doktor Alici dran gewesen, hatte die Besprechung der Uraufführung vor ein paar Wochen auch aufgehoben (lese ich lieber nachher) – doch letzte Woche war ich per Brief informiert worden, dass wegen Krankheit statt dessen No sex von Toshiki Okada gegeben werde. Auch recht, Hauptsache Theater und nicht zu lange. (Bei zehn Stunden Dionysos Stadt hatte ich gekniffen, da geht’s mir wie mit kinky Sex: Finde ich theoretisch ausgesprochen begrüßenswert, praktisch bin ich zu faul.)

Der Zuschauerraum war nur zu einem Drittel besetzt, wohl der Stückänderung geschuldet – man setzte sich einfach auf den schönsten freien Platz. Stefan Merki kam als Wirt einer Karaokebar auf die Bühne, sagte, er habe die Zukunft gesehen, und dann hatte ich einen sehr schönen Abend. Toshiki Okada, der auch Regie geführt hat, ließ vier junge Männer diese Karaokabar betreten, dabei seltsame Kleidung des Stereotyps „japanisches Modedesign“ tragen und ihre Gefühle beim Singen und Bierausprobieren analysieren – in geschraubter Achtsamkeitssprache mit selbst definierten Begriffen, begleitet von ausladend gekünstelten Turn- und Sportbewegungen ohne Zusammenhang mit dem Gesagten. Das war komisch, klug und stimmig.

Die ältere Putzfrau des Etablissements, gespielt von Annette Paulmann (*Fangirlgeste*), holt die vier aus der Analysebene herunter zu ihren Erinnerungen an Love Hotels, der Wirt Stefan Merki versucht die jungen Männer zu verstehen. Alle singen Karaoke – erkannt habe ich Pointer Sisters‘ „I’m so excited“, Madonnas „Like a virgin“, Nirvanas „Smells like teen spirit“, Donna Summers „I feel love“ – jeweils in musikalisch interessanten Versionen und mit luziden Übersetzungen ins Deutsche.

Frenetischer Applaus, von mir Empfehlung.

§

Nadia Pantel schrieb in der Südeutschen Zeitung die Reportagenseite (€):
„Frankreichs obdachloser Twitter-Star“.
Darin eine Beobachtung zum Mitschreiben (was ich hiermit getan habe):

Der Obdachlose ist zum Rorschachtest der Gesellschaft geworden. (…) Hier, dieser Mann auf der Parkbank, sehen Sie einen faulen Säufer, ein Opfer des Kapitalismus oder einen, dem von den Migranten der Platz in der Notunterkunft weggenommen wurde?

§

Stephan Nollar erzählt von seinem Zivildienst 1989 (die Jahreszahl ist wichtig) beim Leiter der Klinikseelsorge an der Uniklinik Köln (der Ort ist wichtig). Ich empfehle für die Lektüre eine ruhige Minute und geborgene Umgebung.
„Als die Hölle aufging“.

§

Da das Technikttagebuch von Technikfreundinnen und -freunden geschrieben wird, überwiegen Faszination und Optimismus in den Geschichten. Manchmal aber sind sie auch traurig:
„Mai 2015
‚Eine Maschine, die dich einfach ersetzt’“.

Journal Mittwoch, 2. Januar 2019 – Magisches Buch, nachgeholter Neujahrslauf, endlich wieder Theater

Donnerstag, 3. Januar 2019

Manche Geschenke überfordern mich erst mal. Als mir Herr Kaltmamsell den handgegossenen Bräter einer fränkischen Gießerei schenkte, brauchte ich ein paar Wochen, bis ich mich damit befassen konnte. Und als mir Anke Tröder ein Exemplar des Buches schenkte, das sie über viele Jahre komplett im Alleingang geschrieben und produziert hatte, von Beauftragung der Illustration und des Lektorats über Auswahl von Schrift, Material, Druckerei über Beantragung von ISBN-Nummer bis Produktionsüberwachung – da musste erst mal der Dezember vergehen, mit seiner Unruhe, seinen Ablenkungen, seiner Düsternis und seinen Störungen, bis ich mich ihm nähern konnte.

Und ich freute mich an jedem Detail: Den gereimten Beschreibungen der 13 Präsentationsanfängerinnen und ihrer gezeichneten Darstellung, an den Ausführungen übers Präsentieren und den Tipps dazu. Ich weiß schon, warum eine meiner liebsten Präsentationen dieser TED-Talk von Model Cameron Russell ist: Aufgeregt, atemlos, unperfekt – doch sie weiß, was sie erzählen will, hat sich gut überlegt, wie sie es vermitteln kann und sie erzählt es uns.

Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich ein Exemplar der 13 Near Misses besitzen darf: Es sind noch weniger Exemplare geworden, als Anke ohnehin berechnet hatte, und die sind alle weg.

§

Gestern holte ich den Neujahrslauf nach. Ich war früh und frisch aufgewacht, kam also nach Bloggen und Zeitunglesen noch vor zehn los. Draußen war es kalt, schneite immer wieder, doch als ich von der U-Bahn-Station Odeonsplatz loslief, riss immer wieder der Himmel auf. Die Temperatur war fürs Laufen angenehm, aber vielleicht sollte ich mich dazu erziehen, auch mal kürzere Runden zu laufen: Die letzte halbe Stunde war schmerzhaft anstrengend.

Ich kam mit Semmeln heim.

Den Nachmittag hatte Herr Kaltmamsell sich freigehalten: Ich wollte endlich mal in die Residenz (habe ich in fast 20 Jahren Münchnerinnenschaft nie von innen gesehen). Durch Schneegestöber spazierten wir zum Haupteingang – und standen vor einer langen Schlange im Freien anstehender Menschen. Kurze Beratung: Wir verschoben das Vorhaben, anders als Touristen sind wir ja nicht auf bestimmte Tage angewiesen.

Statt dessen verbrachte ich den Nachmittag mit Häkeln und Lesen, las Wolf Haas‘ Junger Mann aus (nett und wirklich anregend zu lesen, allerdings für mich mit unangenehmen Flashbacks in meine eigene Diätkindheit und -jugend mit ihrem unablässigen Kalorienzählen).

Abendprogramm war Theater: Ein freier Tag und die Aussicht auf ein nur 60 Minuten langes Stück brachten mich dazu, endlich mal wieder einen Abo-Termin wahrzunehmen. Ich sah Jedem das Seine in der Kammer 2 der Kammerspiele. Im Foyer traf ich unter den insgesamt eh höchstens 50 Zuschauerinnen und Zuschauern gleich mal zwei Bekannte – München ist halt dann doch übersichtlich.

Das Stück war ein Erlebnis. Regisseurin Marta Górnicka dirigierte aus der Mitte der Zuschauertribüne einen Sprechchor von 25 sehr unterschiedlichen Personen auf der Bühne, die Texte und Textstücke vortrugen, in Formation, in Choreografie – nur ganz vereinzelt auch dargestellt. Ungeheuer intensiv und dicht; tatsächlich dauerte die Inszenierung sogar deutlich weniger als 60 Minuten, mehr wäre auch nicht zu verarbeiten gewesen. Gestern gab es auch eine ungeplante Pause, als eine der Mitspielenden auf der Bühne umkippte. Gerade das und die besonnene Art, wie die Inspizientin (Regieassistenz?) mit der Situation umging, machten mir klar, warum ich eigentlich so gern ins Theater gehe: Da ist keine mediale Vermittlung zwischen mir und der Inszenierung, alles findet jetzt und direkt statt, es zählen nur meine Anwesenheit und mein Blick.
Doch nach einem Arbeitstag überwiegen so viele andere Faktoren und hindern mich am Theaterbesuch. Vielleicht muss ich mir die Theatertage frei nehmen, damit ich auch wirklich hingehe. Oder früher heimgehen? Meist ist es gegen 16 Uhr im Büro, wenn ein freier Abend so viel attraktiver wird als ein Theaterbesuch.

Heimweg über frostknirschende Gehwege.

§

Es gab einen eindeutig rassistisch motivierten Anschlag in Deutschland, doch die meisten etablierten Medien nennen ihn „fremdenfeindlich“, „ausländerfeindlich“. (Nochmal: Das hieße, dass der Täter sich die Ausweise der Attackierten angesehen hätte. Hat er aber nicht: Er ging nur von ihrem Aussehen aus, stufte sie als minderwertig ein und wollte sie auslöschen.) Aus diesem Anlass: Bereits im Sommer schrieb Vanessa Vu für die Zeit über
„Die Erfindung des Rassismus“.

Seit jeher halten Menschen ihre eigene Gruppe für überlegen. Doch erst die Idee von unterschiedlichen Rassen ermöglichte es, dieses Gefühl zu begründen und durchzusetzen.


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