Theater

Journal Dienstag, 31. August 2021 – Berlin 2: Von Spätgothik bis Revuebeine

Mittwoch, 1. September 2021

Von Herrn Kaltmamsell habe ich ja eigentlich gelernt: Auf Reisen jeden Tag nur eine Unternehmung, der Rest ergibt sich. Gestern ging das halt nicht und es wurden vier Unternehmungen daraus.

1. Schwimmen im Stadtbad Oderberger

Darauf hatte ich mich seit Buchung des Hotelzimmers gefreut und hatte lange gebangt, ob das Bad bis zu unserer Reise reaktiviert sein würde – schließlich ist das der Clou an einem Hotel, das mal ein Stadtbad war. War es, und so duschte ich mich nach dem Aufstehen kurz und trank ein Glas Wasser, schlüpfte dann in Badeanzug und den bereitgestellten Bademantel. An der Rezeption ließ ich mir eine Zugangskarte geben und ging in die herrlich renovierte alte Schwimmhalle. Das Becken (20 Meter) war in zwei Bahnen geteilt, die im Oval beschwommen wurden, anfangs hatte ich eine Bahn für mich. Nach zehn Minuten Kraulen kam aber ein halbes Dutzend weiterer Schwimmerinnen dazu – mir war von vornherein klar gewesen, dass ich hier keine Trainingseinheit absolvieren würde. Dennoch tat die gute halbe Stunde Schwimmen gut.

2. Gemäldegalerie

Nachdem wir bei unserem ersten Besuch vor lauter Faszination nicht über die ersten drei Räume hinausgekommen waren, wollten wir nochmal die Gemäldegalerie besuchen. Das Wetter war grau, aber trocken, also machten wir uns zu Fuß auf den Weg, blieben unterwegs in einem Café in der Choriner Straße hängen und tranken dort unseren Morgen-Cappuccino.

Federfund im Tiergarten.

In der Gemäldegalerie kamen wir zu früh für unseren gebuchten Eingangstermin an, leider war die Cafeteria geschlossen, dann saßen wir halt rum. Wir ließen uns Audio Guides geben und sahen uns erst mal ausführlich in der Sonderausstellung Spätgothik um (Audio-Erläuterungen gelesen von Regierungssprecher Steffen Seibert).

Die Ausstellung fand ich ganz hervorragend aufgebaut und erklärt, unter anderem weil sie eingangs klar machte, was der rote Faden der Zusammenstellung war (technischer Fortschritt in der Kunst der Zeit): Mit dem im Hinterkopf konnte ich die ausgestellten Werke einordnen. Ich lernte eine Menge, sah hochinteressante Kunst, der Audioguide wies mich immer wieder auf Details und Zusammenhänge hin, die mir sonst entgangen wären. Und Fotografieren war ausdrücklich erwünscht.

Anschließend machten wir noch einen Abstecher in die ständige Ausstellung, waren aber beide nicht mehr wirklich aufnahmefähig.

Für einen Besuch im Museumsshop reichte die Aufmerksamkeit noch: Ich kaufte nicht nur Postkarten, sondern gab mir einen Ruck, als eine Halskette von Georg Jensen meinen Blick nicht mehr losließ: Ich kaufte sie, auch weil sie perfekt zu dem Kleid für die Abendverabredung passte.

Essengehen zählt nicht als Unternehmung.
Zum Essen wollten wir eigentlich ins Mogg in der ehemaligen jüdischen Mädchenschule, ich hatte Herrn Kaltmamsell Reuben Sandwich versprochen. Doch dann bogen wir am Eingang nicht rechtzeitig ab und landeten statt dessen im Garten des House of Small Wonder. Die Speisekarte sah sehr interessant aus, mischt Japanisches mit dem Rest der Weltküche. Und so aß ich Mentaiko Spaghetti mit Kabeljaurogen, Nori-Algen und Jakobsmuscheln, Herr Kaltmamsell bestellte geschmorten Schweinebauch.

Satt und zufrieden spazierten wir zurück ins Hotel, mittlerweile war sogar die Sonne herausgekommen.

Erst mal organisierten wir zur Beruhigung unsere Heimreise: Auch der umgebuchte Zug fällt wegen Streiks aus, wir reservierten Sitzplätze in einer alternativen ICE-Verbindung mit Umsteigen in Nürnberg – drücken Sie mit uns Daumen, dass das klappt.

Bis zum Abendprogramm war ich mit der Zusammenstellung der Lieblingstweets August beschäftigt.

3. Eine Show im Friedrichstadtpalast

Seit sehr langem wollte ich mal solch eine klassische Tanzrevue sehen mit aufwändigen Kostümen und bombastischen Spezialeffekten. Herr Kaltmamsell als Freund der alten MGM Musicals war schnell dafür gewonnen. Vor diesem Berlinbesuch dachte ich rechtzeitig daran Karten zu buchen und freute mich sehr auf schöne Frauen mit endlosen Beinen und Federbuschen auf dem Kopf. Die aktuelle Show heißt Arise, die Vorstellung war noch eine Vorpremiere.

Noch geübt wurde auch das Eintrittsprozedere: Mit der aktuellen Regelung mussten wir vor Betreten des Gebäudes nicht nur Ticket, sondern auch Impf-Zertifikat plus Identifikation vorzeigen, es bildeten sich lange Schlangen. Leider hatte uns unser Ticket zum falschen Eingang geschickt – das erfuhren wir natürlich erst, als wir endlich drankamen und es vorzeigten. Also nochmal an einer neuen Schlange angestellt, wir schafften es aber pünktlich zum Vorstellungsbeginn auf unsere Sitze.

Und was für eine Vorstellung! Wir saßen recht nah an der Bühne, so sah ich nicht nur die sensationellen Kostüme, sondern in den Gesichtern auch die wirklich unterschiedlichen Persönlichkeiten. Tolle Choreografien, darin auch eine unerwartet ernste Nummer ganz glitzerfrei, die Inszenierung arbeitete großartig mit der riesigen Bühne, auch das Orchester war zu sehen. Und es gab artistische Einlagen inklusive Trapez – das hatte ich zuletzt vor 30 Jahren live gesehen. Zudem bekam ich ganz viele lange Beine: Ich lernte, dass „die Reihe“ mit allen Tänzerinnen, die untergehakt ihre Beine hochwerfen, ein fester Bestandteil jeder Revue ist.

4. After-show-Drinks mit Frauen aus dem Internet

Schon in der Pause waren wir auf zwei Bloggerinnen der ersten Stunde gestoßen, Frau Indica und Creezy, die sich nach Absprache mit uns spontan um Karten für die Show bemüht hatten. Mit ihnen zogen wir in Café Nö, wo eine befreundete Maskenbildnerin der Show zu uns stieß, die ich seit Jahren von Twitter kenne (aber nicht gewusst hatte, dass sie dort arbeitet). Sie versorgte uns mit vielen spannenden Hintergrundinfos zur Inszenierung, ich erfuhr unter anderem, dass während der Show zehn Maskenbildnder*innen im Einsatz sind und dass der ständige Kostümwechsel genau so viel exakte Planung und Orga erfordert, wie ich mir das so vorgestellt hatte.

Dazu gab es Wein (bei mir zu viel – es war eine dumme Idee nachzubestellen), die Herrschaften um mich stillten ihren Hunger. Ein wenig Update mit den vertrauten Bloggerinnen.

Nach Mitternacht (!) nahmen Herr Kaltmamsell und ich eine U-Bahn von der Mohrenstraße zurück zum Hotel.

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Sie erinnern sich, wie am Anfang der Pandemie nach und nach Probleme mit den globalen Lieferketten auftauchten? Sie sind immer noch da. Die New York Times schildert, wie viele Bereiche weit entfernt von vorherigen Zuständen sind, unter anderem das britische Gesundheitssystem, das bestimmte Bluttests nicht durchführen kann, weil Teile dafür fehlen.
„The World Is Still Short of Everything. Get Used to It.“

Ich finde durchaus interessant, wie jetzt die so umjubelte lean production mit Just-in-time-Lieferung der benötigten Teile zurückschlägt, die Lagerkosten und -raum sparen sollte – und das Risiko auf die Zulieferer schieben (ich habe seinerzeit detailliert mitverfolgt, wie José Ignacio López de Arriortúa dieses System bei Volkswagen einführte).

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Ausdruckstanz am Limit.

via @Klugscheisser

Journal Freitag, 6. August 2021 – Antrittsbesuch neues Volkstheater

Samstag, 7. August 2021

Früher Wecker wegen Arztbesuch, ich war sogar schon davor wach.

Ich musste selbst ohne Termin gar nicht lang in der Praxis der Hausärztin warten. Sie untersuchte mein Schienbein und konnte mich schnell beruhigen: Reizung des Tibialis-Muskelansatzes am Schienbein, kein Zusammenhang mit Mückenstichen. Frau Doktor überlegte ausführlich mit mir, wie es dazu wohl hatte kommen können (wahrscheinlich ein kleinerer Umknicker des Fußes gepaart mit ein, zwei Kilometer zu viel Wanderung). Therapie: Diclofenac-Salbe (die gereizte, entzündete Stelle liege dicht genug unter der Hautoberfläche, dass der Wirkstoff sie erreichen könne), bei abendlicher Schwellung Lymphflüssigkeit sanft Richtung Herz ausstreichen, Schonung (mmmh…), für den Wanderurlaub empfahl sie Tape (mit genauer Anleitung dafür) zur Unterstützung – und nachdem sie mein Urlaubsziel erfahren hatte, bekam ich auch noch Tipps für ihren geliebten Bayerwald (u.a. auf den Lusen zu gehen).

Auf dem Heimweg besorgte ich Frühstückssemmeln und Brot für abends, in der Apotheke Salbe und Tape. Freude über die Balkonvögelchen.

Auch Kleiber und Baumläufer habe ich dort schon gesehen.

Den Vormittag mit dem Besuch verplaudert und verfrühstückt. Es regnete immer wieder, doch um zwölf schien sich das Wetter zu fangen: Wir wagten uns raus (nach Anwendung der Salbe probierte ich gleich mal das Tapen nach Anleitung der Ärztin aus).

Ich lenkte den Besuch ins Schlachthofviertel, denn ich wollte nach dem neuen Volkstheater schauen. Das Feuilleton der Süddeutschen hatte einen langen Artikel über die Fertigstellung veröffentlicht und recherchiert, welche schwarze Magie dafür gesorgt hatte, dass das Projekt nicht nur fristgerecht, sondern im veranschlagten Budget fertiggestellt wurde (€): „Das Wunder von München“. Kurzfassung: Sehr sorgfältiges und ausführliches Leistungsverzeichnis, keine Änderungen unterwegs, respekt- und vertrauensvoller Umgang von Bauunternehmer, Architekt und Baureferat, außerdem waren alle beteiligten Personen von Anfang bis Ende die gleichen. Hier das Blog zum Neubau mit vielen Details. Mir gefiel der Bau schon mal von außen sehr und ich freue mich auf den ersten Besuch einer Vorstellung.

Von hinten.

Von der Seite (die Werkstätten haben Türen direkt zur Straße, eine war offen, darin saß jemand und machte gerade Pause).

Detail an der Eingangstür mit Besuch.

Durch Glockenbachviertel und Gärtnerplatzviertel mäanderten wir zum Viktualienmarkt, Einkäufe für den Abend beim Herrmannsdorfer und im Tölzer Käsladen – die Käseeinkäufe wieder mit umfassenden Hintergrundinformationen, ich weiß jetzt unter anderem, warum es den Manchego-artigen Vilstaler gerade nicht gibt, dass immer mehr handwerkliche Käsereien direkt vermarkten, dass der Donauwörther Landkäs der eigentlich typischste ursprüngliche bayerische Käse ist und wodurch sich die Herstellung des Tegernseer Camenberts von dem Rohmilch-Camenmbert unterscheidet, den ich kaufte. (Und ich wusste wieder, warum ich so gern dort einkaufe.)

Zwar hatte ich immer noch keinen Appetit, doch die Leberkässemmel, auf die mich der Besuch einlud, schmeckte.

Über ein paar Einkäufe beim Eataly gingen wir heim. Das wehe Schienbein war nach drei Stunden zu Fuß deutlich weniger geschwollen als in den zwei Wochen zuvor – meine innere Forscherin hätte ja lieber Salbe und Tape einige Zeit getrennt ausprobiert, um herauszufinden, was von Beidem wirkt, aber das würde halt zu lange dauern.

Inzwischen hatte die Sonne für Wärme gesucht, ich konnte die Fenster wieder offen lassen.

Den Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und einer kleinen Siesta, bis es Zeit fürs Abendbrot war: Käse, Wurst, Berliner Balkontomaten, frische Salzgurken, die Herr Kaltmamsell am Vortag eingelegt hatte. Der Besuch trank Bier, Herr Kaltmamsell teilte sich mit mir eine Flasche Pouilly-Fumé. Zum Nachtisch Espresso mit herrlich aromatischen Amaretti, die der Besuch stellte.

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Enno Park schlüsselt auf, warum der Protest aus Sachsen-Anhalt gegen das Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Rundfunkbeitrag so gefährlich ist und an den Grundfesten des Grundgesetzes rüttelt.

Journal Sonntag, 1. März 2020 – Familien-Cocido und Marieluise Fleißer, Der starke Stamm

Montag, 2. März 2020

Weckerwecken, da ich vor dem Mittagessen bei Familie in Ingolstadt noch Kartoffelbrot backen wollte. Zwischen die einzelnen Schritte schob ich Bloggen, Rumpftraining, Yoga.

Durch die sonnige Holledau fuhr ich mit Herrn Kaltmamsell und Mitbringseln für Eltern und Bruderfamilie nach Ingolstadt.

Dort tischten meine Eltern das klassische Madrilenische Sonntagsessen auf: Cocido.

Erst mal die Brühe des Eintopfs mit Nudeln.

Dann (von vorne): Kartoffeln und Karotten aus dem Eintopf, separat gebratenes Weißkraut mit Paprika und Knoblauch / Kichererbsen / allerlei Fleisch von Rind, Schwein, Huhn, Lamm, außerdem Chorizo.

Meine Eltern haben über mehrere Spanienurlaube in Kastilien so viel Tongeschirr mitgebracht, dass sie für neun Personen damit eindecken konnten.

Wir fuhren recht früh zurück nach München, weil Herr Kaltmamsell noch arbeiten musste und ich für den Abend eine Theaterverabredung hatte:
Marieluise Fleißer, Der starke Stamm im Residenztheater.

Eine geradlinige Inszenierung, in der die Regie (Julia Hölscher) keinen Drang vordergründiger eigener Handschrift erkennen ließ, sondern ganz hinter den Text zurück trat. So wurde mir nach vielen Jahren mal wieder einfach (einfach?) eine Geschichte erzählt, eine kleine, erbärmliche Geschichte kleiner, erbärmlicher Menschen. Das Bühnenbild aus Brettern wie eine Scheunenwand, ein schräger Boden, auf dem die Schauspielerinnen und Schauspieler wie auf Tableaus gesetzt waren. Wie in Fleißers Erzählungen, die ich gerade lese, kämpfen in Der starke Stamm in bayerischer Kleinstadt-Nachkriegszeit (Ingolstadt ist als Schauplatz an vereinzelten Orts- und Straßennamen erkennbar) jeder und jede ums kleinstbürgerliche Existenzminimum, die Grenze zur Kleinkriminalität wird mit nur wenig Zögern gerissen. Alles ist darauf ausgerichtet, irgendwie zu Geld zu kommen, praktisch jedes Mittel ist recht. In dieser Welt ist kein Platz für Schönheit, Liebe oder Kunst. Und doch ist alles Mühen immer und immer wieder vergeblich: Erlösung bietet am Ende erst ein Erbonkel ex machina, der die scheinbar taktisch klugen und hart erkämpften Verhältnisse im Handstreich zunichte macht.

Eine starke Besetzung – von der zwei Rollen wegen Krankheit kurzfristig gewechselt werden mussten: Cathrin Störmer sprang in der Hauptrolle Balbina ein und zeigte überzeugend die verbissen Schwägerin, die mit Einsatz aller Mittel um ein besseres Leben kämpft und dabei durchaus die Findigkeit einer modernen Unternehmerin zeigt, Steffen Höld als Bitterwolfs Schwager hingegen musste wenig mehr als Stichwortgeber sein. Herausragend Robert Dölle als zentraler Sattlermeister Bitterwolf, dessen immer wieder sogar sanftes Spiel jemanden durchscheinen ließ, der in anderen Umständen ein guter Mensch hätte werden können.

Für mich immer wieder auffallend: Wie Ingolstädterisch Fleißers Sprache ist. Sie schreibt ja Mundart, ohne Dialekt zu werwenden; wie auch in ihren Erzählungen sind es Vokabular und Grammatik, die eine bestimmte Sprache eines bestimmten oberbayerischen Menschenschlags präziser zeichnen als jede lustige Wirtshausspeisekarte. Immer wieder hörte ich Wendungen, die bei mir ein „Ah, das sagt nicht nur meine Ingolstädter Mutter?“ auslösten. Zwei Vokabeln fielen mir besonders auf. Von einer wusste ich bereits, dass sie nur in Ingolstadt verwendet wird, allerdings als andere Wortart: „Zepfat“ kannte ich bislang nur als Adjektiv zur Bezeichnung einer schwächlichen, kränklichen Person. In der ersten Szene von Der starke Stamm hieß es nun:
„Lang hats rumzepft, aber zum Schluß ists geschwind gangen mit meiner Zenta.“
(Dank an F. fürs Nachschlagen.)

Den zweiten Ausdruck hatte ich schon lange vergessen: „Bleckn“ für weinen, in Ingolstadt wurde ich angeranzt: „Bleck ned“. Erst als ich ihn gestern hörte, wurde mir klar, dass das wohl nicht Standard-Bayerisch ist.

Die Sonntagsvorstellung hatte früh begonnen, ich war noch vor neun wieder daheim, nach einem Spaziergang nach Hause in milder Luft.

Journal Sonntag, 9. Februar 2020 – Was in der Pause geschah

Montag, 10. Februar 2020

Bov Bjergs Deadline von einem Leser geschenkt bekommen. Rührung, Überwältigung und Dankbarkeit.

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Ein Tag mit Komplettüberforderung, Elend und Siechtum, den ich mit mittäglicher Krankmeldung abbrach, um heimzufahren und mich ins Bett zu legen. Wenn sich der Anblick von Zeitungsschlagzeilen so unerträglich anfühlt wie ein Martinshorn im Tunnel direkt neben mir.

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An den Kammerspielen Die Räuberinnen gesehen.

Ausverkaufte Vorstellung (Publikum in der üblichen Zusammensetzung aus hauptsächlich älteren und alten Menschen). Ich hatte vorher wieder nichts über die Inszenierung gelesen, fand keinen Ansatz, was das alles sollte, hatte aber eine mords Gaudi – das gesamte Publikum noch viel mehr. Zwar ahnte ich, dass ein großer Teil improvisiert war (diesem Eindruck habe ich ja zu misstrauen gelernt, da herausragende Schauspielerinnen auch Improvisation überzeugend spielen können), doch erst das Hinterherlesen des Programmhefts verschaffte mir Gewissheit. Das Publikum wurde von Anfang an angesprochen und einbezogen (auch das kann ja inszeniert sein – Bernd Noack schreibt im Spiegel von „vorgegaukelter Improvisation“), es ging von Anfang an fröhlich und begeistert mit. Unter anderem nahm uns Gro Swantje Kohlhof auf eine „Traumreise“ („Sind Waldorfschüler im Publikum?“) in einen Wald, das Publikum sorgte selbsttätig für Tierstimmen, so dass Kohlhof ganze Schwärme Käuzchen einbaute (ein besonders penetrantes musste sie dann aber doch zum Schweigen bringen, „Ruhe im Wald!“), außerdem 700 Rehe. Klar, es sind Schauspielerinnen – aber ich hatte dann doch den Eindruck, dass auch sie eine Gaudi hatten.

Nachträglich stufe ich das ganze als eine Improvisation über Schillers Räuber ein, die nicht mal zu einer Deutung kommen möchte, sondern frei assoziiert.

Manche finden das fürchterlich:
„Mädelsabend in der Schulschwimmhalle“.
„Party ohne Schiller“.

Manche super:
„Leonie Böhm macht aus den ‚Räubern‘ von Schiller ‚Die Räuberinnen'“.
„Spiellust und vollkommene Befreiung“.

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Körperliches:

Eine leichte Erkältung und eine heftige Menstruation mit – neuestes Feature – zwei Tagen Krämpfen, die mich zudem eine sonntägliche Schwimmrunde kostete, weil ich auch an Tag 6 noch so stark blutete, dass ich mich nicht ins Schwimmbad traute.

Viel Nachdenken über ein künstliches Hüftgelenk. Jedes seriöse Rechercheergebnis nach dem idealen Zeitpunkt für die Operation ergibt in diesen oder anderen Worten: Das kann nur die Patientin beurteilen. Ruheschmerz bin ich derzeit durch die Spritze los, doch Gehen funktioniert nach einer Woche mit stetiger Besserung jetzt wieder nur unter Schmerzen bei jedem Schritt – ich war auf meinem gestrigen Sonntagsspaziergang im Tempo einer nicht besonders rüstigen 90-jährigen unterwegs. Viel hadernde Grübelei, die ich leider nicht abstellen kann (aber auf dem Röntgenbild haben zwei Dr. Orths nicht mal eine Arthrose gesehen! vs. soll ich ernsthaft erst mal durchgehend Ibu nehmen und zu Krücken greifen, bevor ich reif für die OP bin? vs. jetzt zehre ich noch von meiner Fitness und Beweglichkeit aus vielen Jahren Sport, nach ein paar Jahren Sportunfähigkeit ist davon nichts mehr übrig und die postoperative Reha wird viel schwieriger vs. das ist aber fei schon ein ganz schon brutaler Eingriff vs. all die Ausweichbewegungen, die ich mir jetzt angewöhne – also das Hinken, könnten Folgeschäden verursachen). Dabei habe ich doch in zwei Wochen den nächsten Orthopädentermin, bei dem ich die nächsten Schritte diskutieren kann. (Wenn sich der Arzt dafür Zeit nimmt.) (Ach MIST!)

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Yoga mit Adriene entdeckt, auf Empfehlung gefühlt meines gesamten weiblichen Internets mit und ohne Hang zu Bewegung.

Und tatsächlich kriegt mich das zum ersten Mal Yoga-mäßig, also nicht nur die sportliche Seite: Alle paar Morgen gehört zu Adrienes kontinuierlichen Anweisungen und Hinweisen ein freundliches „trust me“ oder „I got your back“ – was ich so ernst nahm, dass es mich zu Tränen rührte. Nachdem ich mich bei einer Yoga lehrenden Bekannten erkundigt hatte, wie wichtig die Präszision von Haltung und Bewegung bei Yoga ist und erfahren hatte, dass eine gute Vorturnerin immer darauf hinweist, wenn sie wichtig ist. Dass mich die Ansage immer zum Fokus einer Bewegung leitet.

Gekriegt hat mich dieses Yoga überhaupt durch seine Freundlichkeit und Unverbissenheit: „Move like you love your body“ und „Stand up tall, like you love yourself“ sind halt zugänglicher als „Love your body“ oder „Love yourself“, was mir deutlich zu enorme Aufgaben wären. Zudem ist mir Adriene ungemein sympathisch (sie bringt es fertig, dass ich ihren Dank für meine Zeit und meine Energie ernst nehme, dass ich ihr glaube, wenn sie das als Geschenk bezeichet), außerdem hat ihr Yoga-Programm eine unschlagbare USP: Benji, den Hund. Er taucht immer wieder auf, oder liegt rum, bekommt einen kurzen Zwischenstreichler oder ein freundliches Wort – was dem ganzen Programm eine entspannte Note gibt, die anders nur schwer zu erreichen wäre.

Bislang schönster Moment war an Tag 5: Meine rechte Hüfte lässt mich ja nicht wirklich schneidersitzen, das rechte Bein liegt eher Schürhackl-artig vor dem angemessen angewinkelten linken. So auch am Anfang der 30-Minuten-Einheit an diesem Morgen. Sie endete in derselben Position – und ich sah mich in echtem Schneidersitz, auch das rechte Bein machte mit. Irgendwas hatte dieses Yoga bewirkt.

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https://www.youtube.com/playlist?list=PLui6Eyny-UzzFFfpiil94CUrWKVMaqmkm

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Fotos aus der Pause:

Schöne Überschrift.

Das Pissoir in der Isarvorstadt hat endlich einen neuen Zweck: Erinnerungsort für drei Gast-Isarvorstädter.

Die drei amtlichen Frühlingsboten Schneeglöckchen, Krokanten, Winterlinge gestern im Alten Südfriedhof und am Westermühlbach.

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Die Pause hat nicht gereicht, dass ich mir endlich NetflixAmazonAppleTV geholt hätte und dann doch HandmaidsTaleGoodOmensPicard angesehen hätte.

Journal Mittwoch, 11. Dezember 2019 – Theater?

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Unglaubliche Spannung schon seit dem Vorabend: Würde ich es rechtzeitig aus der Arbeit schaffen, um noch genug Energie für einen Theaterbesuch aufzubringen? Würde ich es zum Theater schaffen? Würde die Vorstellung tatsächlich stattfinden? Mein Leben könnte von Robert Zemeckis geschrieben sein.

Davor aber: Frühes Aufstehen für eine Runde Crosstrainer, Dehnen, Bankstütz. Auf dem Crosstrainer hörte ich Musik und fühlte mich so wohl, dass ich viel länger strampeln hätte können – und mich sehr bewusst daran erinnern musste darauf zu achten, ob da irgendwas weh tut. Paradoxerweise führt leichte sportliche Bewegung offensichtlich bei mir dazu, dass ich meinen Körper vergesse.

Radeln in die Arbeit unter klarem Himmel. Auf der Theresienwiese gefrorene Pfützen umsessen von vereinzelten Krähen, darüber zogen Möwen.

Ruhige Arbeit, mittags ein Kopf Radicchio mit Balscamico-Ahornsirup-Thymian-Dressing. Spannungslösung 1: Ja, ich schaffte es deutlich früher als sonst das Büro zu verlassen.

Beim Heimradeln bemerkte ich riesige Lust auf eine Bratwurst. Und da ich erwachsen bin und genug Geld habe, konnte ich einfach mein Rad abstellen, zum Christkindlmarkt am Sendlinger Tor spazieren und eine Rengschburger spezial kaufen. Die mir ausgezeichnet schmeckte.
Davor hatte ich wie geplant einen Abstecher zum Spanischen Früchtehaus an seiner Übergangsadresse Rosental gemacht und erfahren, dass der Laden Ende Januar zurück ins Ruffinihaus zieht.

Daheim Brotzeit für Donnerstag zubereitet: Karottensalat (wenn auch ohne Koriander).

Herr Kaltmamsell war beruflich unterwegs, also machte ich mir zum Nachtmahl selbst ein paar Nudeln, die ich mit frische roter Paprika und Joghurt vermischte.

Spannungslösung 2: Ja, ich ich ging ins Theater, Kammer 3, gemütlich zu Fuß (auch wenn ich ab der Hälfte der Strecke ahnte, dass ich meine Hüfte mal wieder überschätzte). Und Spannungslösung 3: Die Vorstellung fand statt. Ich sah Unheimliches Tal / Uncanny Valley.

Der Titel ist ein Fachbegriff aus der Robotik und bezeichnet den scheinbar paradoxen Effekt, dass Menschen „hochabstrakte, völlig künstliche Figuren mitunter sympathischer und akzeptabler [finden] als Figuren, die besonders menschenähnlich bzw. natürlich gestaltet sind“ (Das und mehr bei Wikipedia.). Die einstündige Performance setzte das um.

Autor Thomas Melle hielt einen Vortrag – nein, eine Maschine, die ihm nachgebildet war und ihn mit „ich“ verkörperte, hielt mit seiner aufgezeichneten Stimme einen Vortrag: über Thomas Melle und Alan Turing, über die Fehlerhaftigkeit des Menschen (zum Beispiel in Form der bipolaren Störung, an der Melle erkrankt ist) und über die Alternativen, die Maschinen dazu bieten können. Auf einer Schultafel-großen Leinwand wurden dazu Interviews gezeigt zu maschineller Unterstützung (hier tauchte @ennopark mit seinem Cochlea-Implantat auf, ich war versucht zu winken), zu den Grenzen maschineller Selbstbestimmung. Und es wurde als Film gezeigt, wie die Thomas-Melle-Maschine entstanden war, die wir gerade vor uns sahen.

Immer wieder thematisierte der Vortrag die konkrete Situation in dieser Vorführung, sprach die Stimme uns Zuschauende an, wies abschließend darauf hin, dass wir ruhig applaudieren könnten – auch wenn wir das in dieser Situation ja nur für uns selbst täten.

Entsprechend herrschte nach einer Stunde leise Ratlosigkeit, ob die Vorführung nun zu Ende war. Die Inszenierung half uns nicht mit Licht, das den Zuschauerbereich erhellt hätte, statt dessen errichteten zwei Bühnenarbeiter eine Absperrung um den Aktionsbereich auf der Bühne. Nach und nach standen Zuschauerinnen und Zuschauer auf und sahen sich die Melle-Maschine (die immer noch blinzelte und leichte Handbewegungen machte) genauer an.

Eine sehr anregende Stunde (und genau richtig lang) mit klugen und offenen Überlegungen zur menschlichen Psyche, die Formbarkeit von Erinnerung, zu menschlichen Schwächen, Maschinentum – Empfehlung. Auch wenn der Altersschnitt im Publikum wie immer hoch war, sah ich Menschen, die ich zumindest auf unter 30 schätzte – allerdings neige ich dazu, diese Altersklasse sofort als Fachpublikum aus Studium oder Beruf einzustufen.

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Behind the scars: Eine Website (Fotoprojekt), auf der Menschen die Geschichten ihrer Narben erzählen.

via @formschub

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Ein instagram-Account macht mir Lust auf Sticken: nämlich die Landschaften von chromato_mania.

Journal Dienstag, 22. Oktober 2019 – Podcast über Boat People, Kent Haruf, Eventide

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Wieder eine viermal unterbrochene Nacht. Nachdem mir in der Nacht zuvor unter der Winterdecke viel zu warm gewesen war, hatte ich mich mit einer leichteren zugedeckt – und fror. Diesmal war die Winterdecke richtig. Aber ich würde gerne mal wieder durchschlafen, wo mich doch gar nicht mehr Schmerzen wecken, sondern ich einfach so viermal pro Nacht glockenwach bin (zum Glück dann recht schnell wieder einschlafe).

Fahrradfahren ließ ich nach dem dermatologischen Rumschnippeln besser sein, nahm also wieder den Sightseeing-Bus 62. Der steckte dann wegen einem ungeschickt geparktem Lieferfahrzeug im Stau, es war klar, dass das länger dauern würde. Mir fiel ein, dass viele auf dem Arbeitsweg Podcast hören, also kramte ich meine Kopfhörer hervor und suchte nach einem Podcast, den ich auf der Merkliste für Bügelbegleitung hatte: Rice and shine, die Folge über Boat People. Ich hörte mal los.

In der Einführung skizziert Vanessa Vu den geschichtlichen Hintergrund Vietnams im 20. Jahrhundert – nein der Krieg mit USA-Beteiligung war nicht der einzige. Ich erinnere mich sehr gut an die zeitgenössischen Berichte über Boat People, der Schiffsname Cap Anamur fiel mir ein, bevor er im Poscast erwähnt wird – für mich ist er ikonisch. Allerdings war ich erstaunt über die Jahreszahl 1979 – ich hatte die Rettungsfahrten der Cap Anamur früher in den 70ern vermutet. Hoffentlich habe ich bald Gelegenheit, den Rest anzuhören.

Draußen war es warm und neblig. Der Nebel hielt sich den ganzen Tag, doch ich brauchte keine Socken in den Schuhen. Im Büro weiter lustige Temperaturachterbahn. Wenn diese Beschreibung von Hitzewallungen korrekt ist, habe ich allerdings keine: Es ist mir einfach vorübergehend sehr warm.

Mittags Birchermuesli mit Joghurt und einer Mandarine, nachmittags ein heimischer Apfel und eine Scheibe Bananenmarmorkuchen.

Zurück nahm ich eine U-Bahn zum Stachus, weil ich noch im Biosupermarkt Brotzeit für die nächsten Tage einkaufen wollte. Daheim setzte ich mich nur kurz, bald brach ich mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen meiner Leserunde in Neuperlach auf.

Wir hatte Kent Haruf, Eventide gelesen und hatten es alle sehr gemocht. Der Roman ist der mittlere einer Trilogie, die in einem kleinen Ort des US-amerikanischen Bundesstaats Colorado spielt. Kapitelweise wird von verschiedenen Haushalten erzählt, darunter die beiden alten Brüder mit der Landwirtschaft, die ein schwangeres junges Mädchen aufgenommen haben; die Familie mit zwei Kindern im Trailer Park, die von Lebensmittelmarken lebt; der Bub, der bei seinem unwirschen Großvater lebt und von der Nachbarsmutter mit ihren zwei kleinen Töchtern ein wenig unter die Fittiche genommen wird. Erst ab der Mitte des Buchs verflechten sich die Handlungen. Die Personen sind alle ganz gewöhnliche Menschen, dennoch lasen wir alle sieben aus der Leserunde gebannt über ihr Leben. Wir waren gerührt von gegenseitiger Fürsorge, erschraken über das Eindringen von Gewalt, freuten uns über späte Liebe.

Mir war vor allem die scheinbar völlige Abwesenheit einer Erzählinstanz aufgefallen. Es scheinen Einordnungen zu fehlen, Bewertungen, Interpretationen, gestern verglich eine Mitleserin den Stil mit dem eines Dokumentarfilms. Das erzeugt die Illusion, man sei bei Lesen selbst diejenige, die zuguckt.

Uns gelang nicht, die Zeit zu bestimmen, in der die Geschichte spielt. Wir bekommen weder zeitgeschichtlichen Hintergrund noch Hinweise über Technik, Speisen, Musik, Mode – es könnte alles von 60ern bis 90ern sein (danach müssten dann doch Internet oder Handys eine Rolle spielen). Diese Zeitlosigkeit verstärkt das Thema grundsätzlicher Menschlichkeit. Ein ganz besonderes Buch, Empfehlung.

Auf dem Heimweg war es immer noch schwül-neblig.

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Ein Kommentar im Stern (den gibt’s noch!) über das Ausbleiben von Nachwuchs unter dem Theaterpublikum:
„Liebe Theatermacher, zeigt uns doch bitte einfach mal ’normale‘ Stücke!“

via FrauNessy

Ich würde das zwar nicht so ausdrücken wie die Überschrift (und habe diesen Wunsch auch nicht), fand die Sicht aber sehr interessant. Dass Theater seit vielen Jahren kein Geschichtenerzählen mehr ist, sondern Aktionskunst, war mir schon klar. Doch dass das ganzen Bevölkerungsschichten die Motivation für einen Theaterbesuch nehmen könnte, hatte ich übersehen. Meine Mutter, Theatergängerin seit ihrer Jugend, nahm mich von Kindesbeinen an mit ins Theater – vermutlich hätte sie das nicht getan, wenn schon damals keine Geschichten erzählt worden wären, sondern nur Kunst auf der Bühne stattgefunden hätte. Und ich hätte keinen Zugang zum Theater bekommen.

Journal Mittwoch, 16. Oktober 2019 – Melancholia in den Kammerspielen

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Schlechte Nacht. Vormittags fühlten sich meine Beine dann so schwer an, als sei ich am Vortag 16 Kilometer gejoggt. Ich hinkte gestern wieder besonders stark.

Wieder ein durch und durch sonniger Tag, aber die Temperaturen sinken langsam auf Jackennotwendigkeit.

Der Arbeitstag ging ein wenig durcheinander los, wurde dann auch noch hektisch. Und das ausgerechnet gestern, wo ich mal wirklich früher gehen wollte, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ich mein Theaterabo wahrnehmen würde – ich weiß inzwischen, dass ich nach einem normalen Neun-Stunden-Arbeitstag keinerlei Energie für Abendunternehmungen außer Essen übrig habe.

Vormittagssnack Nüsse und eine Banana, mittags frische rote Paprika und Tomate, dann Birne und Banane mit Hüttenkäse.

Ich schaffte es, das Büro tatsächlich schon um halb vier zu verlassen, obwohl das eine oder andere brannte. (Was allerdings nicht eigentlich meine Sachen waren, doch Menschen fielen aus, Menschen waren weg – ich fühlte mich verantwortlich.)

So radelte ich erst zur Bank, dann zum Buchladen am Josephsplatz, schließlich zum Stachus, um im Kaufhaus sorgfältig ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen. Hunger hatte ich inzwischen auch, Herr Kaltmamsell war beruflich aushäusig, also besorgte ich fürs Abendessen Tomaten, Gurke, Nudeln und kleine Mozzarella.

Fürs Techniktagebuch über die neueste Generation stählerne Kuh geschrieben.

Ich konnte es kaum fassen, dass ich dann tatsächlich zu den Kammerspielen radelte – allerdings in Jeans, zum Umziehen reichte die Energie nicht; tut mir leid, liebe andere Theaterbesucher, diesmal kein feines Kleid.

Gegeben wurde Melancholia. Ich hatte vorher nichts darüber gelesen, außer dass das Stück auf dem gleichnamigen Lars von Trier-Film basierte, doch dass der Zuschauerraum nicht mal halb voll war, verriet mir: Wohl keine umjubelte Erfolgsinszenierung.

Das Inszenierungsprinzip: Die Schauspieler erzählten das Stück mit verteilten Rollen. Sie interagierten nicht, sondern sprachen immer ins Publikum. Es gab kein Bühnenbild außer einem Boden-bedeckenden Podest, auf dem sich die Darsteller bewegten, und einem Dutzend Scheinwerfern, dass von der Decke hing und dynamisch Richtung Publikumsraum strahlte, keine Requisiten. Erst durch die Fotos auf der Website sah ich, dass die Oberfläche des Podests stark spiegelte und damit Effekte erzeugte – in der fünften Reihe, in der ich saß, sah ich nur die Unterseite der Konstruktion.

Ein Lesedurchgang also, ein Hörspiel – ausgesprochen kostengünstig.

Ich kenne den Film nicht, beim Rausgehen nach den zwei Stunden ohne Pause bemerkte jemand hinter mir: „Schauspieler erzählen einen Film nach, hm.“ Die jetzt hinterherglesene Interpretation des Kammerspiel-Programmhefts sah ich dabei nicht. Für mich war das eine zweigeteilte Geschichte innerer und äußerer Depression: Der längere erste Teil erzählt, wie machtlos eine Depressive gegenüber ihrer Krankheit ist – und wie falsch eine verständnislose Umwelt darauf reagiert.

Die Hauptfigur Justine (umwerfend gespielt von Julia Riedler) ist Mittelpunkt einer luxuriösen Hochzeit, geliebt und beruflich erfolgreich – doch das Gefühl der Deplaziertheit und ihre Niedergeschlagenheit knüppelt sie auch an diesem Jubeltag bis zur Gelähmtheit nieder. Sie schämt sich dafür, ihr schlechtes Gewissen über ihre Undankbarkeit deprimiert sie noch mehr. Justines Schwester Claire (gespielt von Eva Löbau, die ihre Rolle aus meiner Sicht eher handwerklich-mechanisch anging), die die Hochzeit organisiert hat, schwankt zwischen Vorwürfen und immer neuen Aufmunterungsversuchen, die ob ihrer Wirkungslosigkeit Justines Stimmung weiter verschlechtern. Majd Feddah als Justines bedrohlicher Schwager und Agenturchef übt immer größeren Druck auf sie aus, treibt sie von Depression in Verzweiflung. Als Abschluss dieses ersten Teils ruft Justine eine apokalyptische Vision ins Publikum.

Der zweite Teil ist der äußere Untergang: Auf die Erde rast der Planet Melancholia zu. Während die Schauspieler den immer schlimmeren Tumult bis zum Einschlag des Planeten erzählen, bewegen sie sich immer weniger durch den Bühnenraum, bis sie am Ende aufgereiht am Podestrand zum Publikum sitzen.

Dieser letzte Teil wurde mir arg lang, weil ich nicht mehr sitzen konnte (meine Mutter als Theater-Veteranin seit Jugendtagen wird ja immer misstrauisch, wenn ein nicht sehr kurzes Stück keine Pause hat: haben die Angst, dass das Publikum in der Pause flieht?) und mein rechtes Bein schmerzend nicht wusste wohin. Dennoch hatte ich einen bereichernden Abend – mit deutlich mehr entspannenden Humormomenten, als ich aufgrund des Titels erwartet hatte.

Lesenswerte Rezensionen vom Deutschlandfunk und in der Süddeutschen, etwas wohlwollender in der FAZ.

Vor allem aber innerer Jubel: Ich habe es ins Theater geschafft!

Heimradeln durch die ruhige Herbstnacht, zu Hause machte ich dem ebenfalls gerade erst eingetroffenen Herrn Kaltmamsell eine eher symbolisch heilende Honigmilch.

§

Ian Dunt versucht nochmal ganz von vorne und für Anfänger zu erklären, worum sich das Grenz-Problem in den Brexit-Verhandlungen mit der EU dreht. (Dass auch er nicht ohne Verletzungen bis hierher gekommen ist, sieht man an der Überschrift.)
„Brexit: What the bloody hell is going on now?“

Wherever you put that line, it breaks promises made to someone. They’ve been countless attempts to find a sneaky way out of this problem, but none have worked. No matter how clever you are, there is no way around the fact that customs and regulatory borders exist and that you have to put them somewhere.

via @dalcashdvinsky


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