Journal Freitag, 2. Februar 2024 – Lichtmess mit neuen Ohrringen im Schmock

Samstag, 3. Februar 2024 um 9:05

Derzeit versuche ich mir die Ohropax abzugewöhnen, ich hoffe darauf, dass Abstinenz das juckende Ekzem in meinen Gehörgängen abheilen lässt. Nach einigen Nächten mit geschlossenem Fenster, weil draußen eh strenger Frost, bin ich jetzt übergegangen zu gekipptem Fenster. Ich übe also Einschlafen beim Geräusch eines jodelnd nicht anspringenden Autos (wach genug für die Verwunderung, dass es das noch gibt, nächstes Mal nehme ich es auf) oder bei Unterhaltungen unterm Schlafzimmerfenster. In der Nacht auf gestern schreckte ich nur einmal auf bei Geschrei vorm Fenster.

Ein düsterer Tag, hin und wieder regnete oder tröpfelte es. Die Flure des Bürohauses waren Freitag-typisch wenig besetzt. Aber es waren Leute da, an die ich den Hinweis reden konnte, dass gestern, 2. Februar, Lichtmess war.

An diesem Tag endete das Dienstboten- und ‘Knechtsjahr’. Das Gesinde bekam den Rest seines Jahreslohnes ausbezahlt und konnte – oder musste – sich eine neue Dienststelle suchen oder das Arbeitsverhältnis beim alten Dienstherrn, üblicherweise durch Handschlag, um ein weiteres Jahr verlängern.

Aber dann traute ich mich doch nicht nachzusehen, wie lange die Schlange vorm Büro von Oberstchefs für diesen Handschlag war.

Trotz unwirtlichem Draußen ging ich einen weiteren Weg zu meinem Mittagscappuccino. Die milde Luft tat auch mit ein paar Regentropfen darin gut.

Mittagessen zurück am Schreibtisch: Laugenzöpferl, Bananen, Orange.

Nach Feierabend ausführliche Lebensmitteleinkäufe fürs Wochenende beim Vollcorner. Auf dem Heimweg besuchte ich Anlass 1 meines Geld-um-mich-werfens Anfang Januar: Ich holte in der Poster-Galerie meine sechs gerahmten Grafiken ab, bekam gleich mal Experten-Tipps fürs Hängen und Filzkleberchen für die Rahmenecken (damit sie keine Spuren auf der Wand hinterlassen, wenn ich hin und wieder umhängen möchte).

Zu Hause eine neue Folge Yoga-Gymnastik, auch diesmal mit der regelmäßigen Aufforderung “notice how you feel”: Auf jeden Fall belustigt, wenn ich aus der Brücke Wirbel für Wirbel absinken soll und die ersten fünf Halswirbel durch lautes Knacken beweisen, wie sorgfältig ich der Anleitung folge.

Feinmachen fürs aushäusige Abendessen mit Herrn Kaltmamsell und Ausführen von Anlass 2 meines Geld-um-mich-werfens Anfang Januar: Meine neuen Ohrringe von Alessandra Pizzini.

(Ja, ich brauche eigentlich einen Haarschnitt, lasse diesmal aber noch ein paar Wochen Material für Mal-was-Anderes wachsen.)

Auf Facebook assoziierte jemand Radiolarien, das gefiel mir sehr gut. Ich war an Elektronen erinnert gewesen, die um einen Atomkern schwirren.

Reserviert hatte ich im Schmock (Website immer für einen neuen Lacher gut, derzeit u.a.: “Sternegastronomie”). Wir gingen zu Fuß, das Volkstheater liegt noch näher als gedacht.

Erstmal stießen wir mit Cremant auf den neuen Job von Herrn Kaltmamsell an. Er war gestern erstmals am neuen Einsatzort gewesen, Übergabe Vorgängerin, Kennenlernen Kolleg*innen, davon erzählte er den Abend über.

Aus dem vertrauenserweckend übersichtlichen Winter-Menü wählten wir erstmal die israelisch-arabischen Vorspeisen für uns beide.

Die Vorspeisen schmeckten gut, litten allerdings unter der Vermischung, weil alle auf einen Teller gehäuft (in Tel Aviv wurde sie vor zehn Jahren immer in Einzelschälchen serviert). Besonders gut war das frische Pita.

Als Hauptspeise hatte Herr Kaltmamsell gefüllte Maishähnchenbrust mit Ofengemüse, ich geschmorte Lammschulter mit Safran-Kartoffelstampf und Okra – schön winterlich herzhaft. Dazu eine Flasche israelischer Gamla Merlot, der schön passte.

Für Nachtisch waren wir eigentlich viel zu satt, ließen uns aber doch von der herzlichen und aufmerksamen Bedienung die Karte bringen und teilten uns ein Kardamom-Zimt-Parfait mit besonders fruchtiger Clementinen-Sauce.

Auch nach Hause gingen wir zu Fuß, der Spaziergang war eine Freude.

Nachtrag: Unter der Rechnung vom Schmock.

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Seit Kurzem folge ich auf Mastodon der Seemannsmission – und das stellte sich sehr schnell als gute Idee heraus.
Allein aus dieser von der Seemannsmission verlinkten 4-Minuten-Doku habe ich so viel gelernt!
“Fern von maritimer Romantik: Der Alltag von Seeleuten”.
(“Im Hamburger Seemannsklub Duckdalben” – <3)

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WOCHENENDEEEEEE!

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 1. Februar 2024 – Ereignisarmut, Lese-Erlebnisse

Freitag, 2. Februar 2024 um 7:05

Wieder einen Januar geschafft, den längsten Monat jedes Jahres. Diesmal ließ ich mich nicht davon überraschen, sondern war von Anfang an darauf gefasst, dass sich der Januar sehr lang ziehen würde.

Ereignisarmer Morgen. Das einzige Interferenz-Risiko in den Morgentoiletten von Herrn Kaltmamsell und mir: Das Zähneputzen mit unserem gemeinsamen elektrischen Gerät. Herr Kaltmamsell duscht meist deutlich vor mir, putzt sich aber die Zähne immer zum Abschluss seiner Morgentoilette, oft auch mit größerem Abstand zum Duschen. Ich wiederum starte meinen morgentlichen Bad-Aufenthalt mit dem Zähneputzen. Doch gestern war ich eben mit meinen Bankstütz-Übungen durch, als ich Herrn Kaltmamsell das Gerät ausschalten hörte und beim Betreten des Bads übernehmen konnte.

Derzeit scheine ich Koffein schlecht zu vertragen. Ich fühlte mich den halben Vormittag zittrig und herzrasend (Puls völlig ok), obwohl ich nach meinem Morgenmilchkaffee bei koffeinfreien Getränken geblieben war.

Am Vormittag regnete es energisch, für Mittagscappucino ging ich also zu Nachbars (kein Herzrasen mehr). Mittagessen kanarische Bananen (so gut!) und Hüttenkäse. Am Nachmittag Einiges gelernt, nicht nur Erfreuliches.

Auf dem Heimweg mit leichter Regenbegleitung ging ich am neuen Laden von Wir2liebenWein in der Schwanthalerstraße vorbei und kaufte zwei Weine aus dem burgenländischen Gols, auf die ich sehr neugierig bin.

Daheim Yoga-Gymnastik, nochmal die Folge vom Vorabend.

Herr Kaltmamsell sorgte auch gestern fürs Nachtmahl. Zu Feldsalat aus Ernteanteil (ich durfte das Dressing für diese winterliche Kostbarkeit rühren; da wir im Kartoffelkombinat unsere Gewächshäuser nicht heizen, ist Frisches derzeit rar, ich wählte Kürbiskernöl) gab’s Wodka-Nudeln (überraschend gut).

Nachtisch Süßigkeiten.

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Das am meisten unterschätzte Medium, dem ich nur aufgrund meines Jobs begegnet bin, ist der Behörden Spiegel. Hat Tageszeitungsformat, erscheint monatlich und in der aktuellen Ausgabe unter anderem mit einem Artikel über Gamification im Öffentlichen Dienst:

Live Escape Room U-Nbekanntes U-Nbehagen – ein Projekt der Flüchtlingshilfe Bonn e. V.
Die Teilnehmenden schlüpfen in die Rolle Asylsuchender, die die ersten Stunden in einem fremden Land meistern müssen.

Die Website bietet die Zeitung als PDF an. Darin steht der Artikel auf Seite 3.

Weitere Lesetipps (alles eher nüchtern geschrieben, doch dadurch wahrscheinlich mit weniger Verzerrungsrisiko als so manche mitreißendere Behandlung der Themen): Seite 7 über mögliche Finanzierungsstrategien für die Deutsche Bahn nach europäischen Vorbildern (mal wieder hat wohl die Schweiz eine belastbar bewährte Methode ohne jährlich wiederkehrende Budgetdiskussionen), Seite 11 über Obdachlose und den besseren Umgang von Kommunen mit ihnen (München kommt nicht drin vor), Seite 17 über Wege zur sicheren und kinderfreundlichen Stadt, Seite 23 über erste Erfahrungen mit dem E-Rezept, Seite 29 über die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr.

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Schöne Werbung der FAZ mit Margot Friedländer.
“Der 100. kluge Kopf”.

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Ein weiterer Versuch, den politischen Erfolg von Donald Trump in den USA zu erklären, diesmal von George Monbiot im Guardian:
“To beat Trump, we need to know why Americans keep voting for him. Psychologists may have the answer”.

Mobiot versucht es mit der Unterscheidung zwischen intrinsischen und extrinsischen Werten, die bei Demokraten-Anhänger*innen und Trump-Wähler*innen ungleich verteilt sind.
Bin nicht recht überzeugt von der Übertragbarkeit der Analyse, der Rechtsruck in skandinavischen Ländern spricht dagegen. Doch das Modell hilft mir, Finanz-Katastrophen wie Signa/Benko zu erklären.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 31. Januar 2024 – Anstoßen mitten unter der Woche

Donnerstag, 1. Februar 2024 um 6:21

Bis vier sehr tief und gut geschlafen, danach leider nur noch Halbschlaf mit Angstbauch.

Wieder ein schöner, milder Morgen nach frostiger Nacht, die Wolken verzogen sich am Vormittag weitgehend. Zwischen zwei Online-Besprechungen ging ich hemdsärmlig zu meinem Mittagscappuccino bei Nachbars, aber die Luft drohte weiter mit Frost.

Mittagessen Orange und Bananen – zu meiner großen Begeisterung sind die Crowdfarming-Bananen von den Kanaren genau so gut wie erhofft. In Spanien galten die kanarischen Bananen in meiner Familie als die besten und schmeckten mir dort mit ihrem dunklen Fruchtfleisch auch besonders gut.

Beruflich um die Mittagszeit ein unkonventioneller Einsatz: Beim Problemlösen fällt mir nicht unbedingt der Dienstweg als Erstes ein.

Über den Nachmittag konnten wir im Büro immer wieder das Fenster kippen, das war schön.

Feierabend zur allerblauesten Stunde, nach ein paar Edeka-Einkäufen herrliches Licht an der Theresienwiese.

Daheim eine Runde Yoga-Gymnastik, Mitarbeit am Abendessen.

Dann gab’s mitten unter der Woche Alkohol, denn es musste angestoßen werden: Herr Kaltmamsell hat nach ein paar Jahrzehnten einen neuen Job, darauf einen Martini.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell auf eigenen Wunsch Khachapuri gemacht, hochwillkommen.

Ich steuerte Salat bei, angemacht mit klassischer Vinaigrette (heißt bei mir eigentlich immer auf der Basis von Zitronensaft). Nachtisch Schokolade.

Nachdenken über künstlerische Fotografie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Wenn August Sander damit typologisieren wollte, überzeugt war, dass man die Rolle eines Menschen in der Gesellschaft an seiner Physiognomie erkennt (eine riskante Perspektive, weil sie bis heute gerne auch als Determiniertheit umgekehrt wird) – was tat jemand wie Yevonde zur gleichen Zeit?

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Im deutschen Bundestag wurde gestern der Befreiung des KZ Auschwitz vor 79 Jahren gedacht. Auch dieses Jahr war das der Anlass für bemerkenswerte Reden, darunter die von Marcel Reif über das Schweigen seines Vaters – für das er ihm dankt.
“Sei ein Mensch.”

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https://youtu.be/X8QWdOTyhpo?si=bWbq9IkKK5OxJI4W

die Kaltmamsell

Lieblings-Microposts Januar 2024

Mittwoch, 31. Januar 2024 um 20:08

Ich entschuldige mich in aller Form, dass das diesmal so wenige sind, habe wohl nicht richtig aufgepasst.

Mastodon:

Bluesky (bei der Gelegenheit: Wenn Sie einen Invite Code möchten, ich habe genug, einfach eine Mail an die Adresse links schreiben):

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 30. Januar 2024 – Verschiedene Lektüren

Mittwoch, 31. Januar 2024 um 6:19

Eher unruhige Nacht, eine halbe Stunde vor Weckerklingeln beschloss ich, dass gut war.

Es traf sich, dass eh gerade eine Waschmaschine durchgelaufen war, ich nutzte die zusätzliche Zeit am Morgen für Häuslichkeiten. Draußen wurde es zu klarem Frost hell. Die ersten Vögel übten Frühlingsgesänge, noch ganz vereinzelt.

Ich freute mich, dass es auf meinem Weg in die Arbeit bereits deutlich tagte.

Mittagscappuccino bei Nachbars, im Anschluss Einkauf beruflich (dem Umstand geschuldet, dass es weiterhin kein Catering im Haus gibt), ich brauchte weder Mütze noch Handschuhe.

Mein Mittagessen bestand später aus viel Avocado (mit Salz, Zitronensaft, Aceto balsamico): Ich aß alle reifen weg und hoffe, dass die letzten aus dieser Kiste schnell nachreifen, denn die nächste Lieferung war bereits für gestern angekündigt.

Zur Verlängerung meines Heimwegs spazierte ich nach Feierabend in der Abenddämmerung in die Kaufingerstraße, ich wollte in einer Parfümeriekette eine bestimmte Lippencreme kaufen. Der Spaziergang tat sehr gut, doch die Lippencreme gibt es nur im Online-Shop der Parfümeriekette (seltsames Geschäftsmodell – aber schließlich ist der Claim eben nicht mehr “come in and find out”).

Daheim nochmal die Yoga-Gymnastik vom Vorabend, das Balancieren ging beim zweiten Mal viel besser. Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die zweite Hälfte Ernteanteil-Blaukraut zu Salat mit Feta verarbeitet, er servierte ihn mit (Ernteanteil-)Bratkartoffeln. Der Salat schmeckte großartig, die Kombination saftiges, rohes Blaukraut, Fenchel, Apfel, Orangen ist so ziemlich das Frischeste, was man aus dem Winter rausholen kann. Und die Bratkartoffeln mit viel ganzem Kümmel und in Gänsefett gebraten passten gut dazu.

Nachtisch Schokolade.

Neue Lektüre: Katharina Adler, Iglhaut – ich war über die Inhaltsangabe gestolpert, hatte nachgesehen, ob das E-Book in der Stadtbücherei zufällig gerade verfügbar war und reflexhaft auf “Ausleihen” geklickt. Liest sich eher belanglos, doch der Roman spielt in der Gegenwart bei mir ums Eck in München: Südfriedhof, Kapuzinerstraße, Isartalstraße. Das ist nett. Sprachlich eher überorchestriert, aber es sind dann auch Gemmen dabei wie” “Authentisch, das war ein Furnierwort. Von außen betrachtet vielsagend, billig aber im Kern.” Dann wiederum völlig unglaubwürdige Dialoge, so reden Menschen nur in Drehbüchern miteinander.

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Montagabend hatte ich Gabriele Conrath-Scholl (Hrsg.), August Sander, Meisterwerke ausgelesen und -geguckt. Der ausführliche Aufsatz der Herausgeberin zu Anfang, Leiterin der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur, war für mich ausgesprochen erleuchtend: Zum einen lernte ich, wie zentral das Material und die Technik des konkreten Abzugs sind, der das eigentliche Fotokunstwerk darstellt, beide wurde ausführlich dargelegt. Zu August Sander wiederum erfuhr ich, dass seine so berühmten Menschenfotos, die ich immer als Festhalten eine Individuums zu einem bestimmten Zeitpunkt gesehen hatte, als Typensammlung gedacht waren. Sander sammelte Menschentypen, die Aufnahmen tragen Titel wie “Bauernfamilie”, “Arbeiterkinder”, “Konditormeister”, nicht etwa Namen. Mit wachsendem zeitlichen Abstand sind Sanders Typisierungen ohnehin hinfällig: Eine Bauernfamilie im Sonntagsstaat sieht nach hundert Jahren nicht anders aus als eine bürgerliche Familie, die sonntags zum Gruppenbild zusammengestellt wurde, halt irgendwie historisch. Außerdem lernte ich zu meiner Überraschung, dass viele von Sanders so dokumentarisch daherkommenden Fotos stark bearbeitet waren, am Beispiel eines Negativs zeigt Conrath-Scholl, dass Sander den gesamten Hintergrund weggekratzt hatte.

Bei meiner gestrigen Zeitungslektüre stieß ich dann darauf, dass August Sander mit seiner Perspektive lediglich Kind seiner Zeit war: Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt gerade eine Ausstellung “Sieh dir die Menschen an! Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit”, Till Briegleb schreibt dazu in der Süddeutschen:

Als lexikalische Grundlagenarbeit kann hier August Sanders berühmte Fotoserie über Berufs- und Gesellschaftsgruppen stehen, mit der er in den Zwanzigerjahren rund 600 exemplarische Porträts schuf, vom Bauern zum Komponist, vom Arzt zum Nationalsozialist. Körperbau und Gesicht wurden von Sander danach gewählt, ob sie beispielhaft wirkten.

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Auf meinem Mastodon sind die deutschlandweiten Gegen-rechts-Demos mit vielen, vielen Teilnehmenden ein großes Thema. Das sind sie auch in den klassischen Medien, aus denen ich mich hauptsächlich über das Weltgeschehen informiere. Deshalb überraschte mich, wie laut in eben diesem meinem Mastodon die Kritik an der Berichterstattung ist. Medienjournalist Stefan Niggemeier ordnet Berichterstattung und Kritik daran ein:
“Werden ‘Tagesschau’ und ‘Heute’ der Größe der Demos gegen Rechts gerecht?”

Die Öffentlich-Rechtlichen haben, nach meinem Eindruck, die Demonstrationen im normalen Rahmen ihrer Nachrichtenroutinen abgebildet. Aber vielleicht ist genau das für manche Kritiker das Problem: Für viele, die da demonstriert haben, sind diese Veranstaltungen nämlich keine Routine, sondern etwas Besonderes.

Stimmt auch wieder. Da wurde seit Jahren appelliert, der Kampf gegen Rechtsrutsch liege in den Händen aller, der Zivilgesellschaft. Jetzt steht genau die auf und zeigt sich.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 29. Januar 2024 – Mehr zu Alasdair Gray

Dienstag, 30. Januar 2024 um 6:14

Munter nach gutem Schlaf aufgewacht, allerdings hatte das Einschlafen mit all dem Poor Things-Wirbel in meinem Kopf länger gedauert.

Ein weiterer klarer, frostiger Morgen, ich genoss die Weite des Himmels beim Kreuzen der Theresienwiese.

Wieder ein Vormittag mit Online-Besprechungen. Die Sonne schien herrlich, die Luft roch durchs hin und wieder geöffnete Bürofenster ebenso – ich setzte alles darauf, mittags zu einem Cappuccino raus zu kommen. Klappte dann auch.

Später gab es zu Mittag Apfel, Banane, Quark (in Einzelteilen, weil ich am Vorabend nicht dazu gekommen war, mir Bananenqaurk für die Brotzeit vorzubereiten).

Feierabend noch bei letzten Tageslicht, es geht aufwärts. Auf dem Heimweg füllte ich unsere Vorräte an Milchprodukten und Obst beim Vollcorner auf.

Daheim erledigte ich erstmal Bankgeschäfte, unter anderem kaufte ich die zweite Charge Rentenpunkte (Herr Kaltmamsell hatte letztes Jahr berechnet, welche Aufteilung steuerlich am günstigsten war): Jetzt könnte ich mich mit 63 aus dem Erwerbsleben verabschieden und bekäme dennoch volle Rente. Oder ich bleibe über 63 hinaus drin und bekomme eine höhere Rente.

Eine Runde Yoga-Gymnastik, dann Brotzeit für Dienstag vorbereitet.

Zum Abendessen gab es Reste: Blaukrautsuppe vom Samstag, die jetzt dann doch weichgegarten dicken Bohnen mit Tomate und Paprika – beides sehr gut. Zudem Schokolade.

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Auch Joël bloggt jetzt seit 20 Jahren und hat sich zu dieser Gelegenheit Fragen stellen lassen:
“20 Jahre Bloggen”.

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Eine kleine Doku über Alasdair Gray, den Künstler in Glasgow (Untertitel empfehlenswert, weil starker schottischer Akzent). An seinen Stadtansichten, die hier gezeigt werden, sieht man, wie die Optik der Verfilmung von Poor Things sich von seinem malerischen Werk beeinflussen ließ. Und ich möchte jetzt mal nach Glasgow reisen und Grays Murals und Deckengemälde besuchen.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=wbNXMBvj3ew&t=1s

Dem Nachruf auf ihn 2019 im Guardian entnehme ich, dass der exzentrische und schillernde Gray inzwischen als “father figure of the renaissance in Scottish literature and art” gilt:
“Alasdair Gray obituary”.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 28. Januar 2024 – Poor Things verfilmt

Montag, 29. Januar 2024 um 6:29

Wieder wurde es zu einem wolkenlosem Himmel hell, auf den Autodächern weißer Frost.

Nach dem Bloggen verlängerte ich meinen Stadtbücherei-Ausweis um ein weiteres Jahr, die 20 Euro für 2023 hatte ich ja sehr schnell wiederreingelesen.

Ich trödelte sogar ein wenig, um meinen Isarlauf auf eine Startzeit zu schieben, zu der die Sonne etwas mehr wärmen würde. Kurz nach zehn nahm ich eine Tram zum Tivoli und lief isarabwärts. Ich genoss die Sonne, die gar nicht mal so milde Luft, die Schnee- und Matsch-freien Wege, fühlte mich aber nicht ganz fit, meine Beine liefen schon mal leichter.

Frühstück um zwei: Avocado mit Balsamico, Birne, Banane mit Sojajoghurt – zum Glück hatte ich auch Lust auf all diese Speisen, die weg mussten.

Den Nachmittag über las ich, erst die Wochenend-Süddeutsche, dann gefesselt den Aufsatz zum August-Sander-Bildband, aus dem ich eine Menge lernte.

Fußmarsch in der letzten Abenddämmerung zur 17:30-Uhr-Vorstellung von Poor Things im Cinema.

Ich war begeistert vom Film (außer dass auch dieser mit 2:20 Stunden zu lang war, darf heutzutage wohl nicht mehr anders – dabei fiel mir hier sofort eine Nebenhandlung ein, auf die man verzichten hätte können): Die gelungenste Literaturverfilmung, die ich je gesehen habe.

Drehbuch, Besetzung, Kamera, Ausstattung, Regie, Maske, Kostüme, Musik (atonal!), Emma Stone, Mark Ruffalo – überschüttet den Film mit Oscars! Wie der Film von Leuten rezipiert wird, die den Roman nicht kennen, kann ich mir natürlich nicht vorstellen.

Sehr wahrscheinlich profitierte die Verfilmung davon, dass sie erst jetzt passierte, nicht kurz nach dem Erscheinen des Romans vor 30 Jahren. Der Film löst sich in vielerlei Hinsicht von der Vorlage (die u.a. sehr von ihrer Buchigkeit lebt, siehe Rahmenhandlung, Erzählung durch Briefe, Illustrationen), setzt den eigentlichen Inhalt und die Abgefahrenheit aber mit filmischen Mitteln hervorragend um. Es kommen mehr Frauen vor als im Roman (yay!), die Art der gezeigten Nacktheit, von Sex, seiner klaren, nüchternen Benennung inkusive Geschlechtsteilen wirkt genauso schockierend wie in der Viktorianik der Vorlage. Das längste Kapitel im Buch, das auch so heißt und sich ziemlich zieht, ist sogar ganz anders umgesetzt und dadurch deutlich verbessert.

Emma Stone (auch Co-Produzentin) spielt umwerfend, rein handwerklich bewunderte ich, dass sie auch aus dem 50. Orgasmus nochmal etwas Neues rausholte. Mark Ruffalo habe ich in noch keiner Rolle so schillernd gesehen (und ich sah ihn als Hulk!), als Überraschung taucht auch noch Hanna Schygulla auf.

Eine abgefeimte Rolle spielt die Musik von Jerskin Fendrix: Sie ist fast durchgehend atonal und seltsam, und sie tut nicht, was man von Filmmusik gewohnt ist – mehr wissen als die Zuschauer. Entsprechend brutal fühlen sich manche Schnitte an (der Herr neben mir im Kino zuckte immer wieder sichtlich zusammen, und wenn der Schnitt unvermittelt auf OP-Schnitte in Körper ging, verschwand er sympathischerweise völlig in seinem Sitz), dadurch wurde mir erst bewusst, wie fürsorglich vorbereitend Musik im Film sonst wirken kann.

Selbst der Abspann steckte voller origineller gestalterischer Ideen, Liebe zum Detail Hilfsausdruck.

Interessanterweise scheinen sich auch hier die englischsprachigen Rezensionen mehr mit der politischen Aussage des Films zu befassen (feministisch oder nicht?) als mit Kunst und Machart, eine Entwicklung in der Film- und Literaturrezeption, die an mir immer weiter vorbei geht.

Nach Hause nahm ich die U-Bahn. Herr Kaltmamsell hatte das späte Nachtmahl vorbereitet: Dicke Bohnen aus dem Römertopf mit roter Paprika, Zwiebeln, Tomate, Kartoffeln. Nur dass die Bohnen nach zweieinhalb Stunden noch nicht gar waren, wir brachen nach ein paar Gabeln voll ab und stellten den Topf zurück in den Ofen. Zum Sattwerden gab es Haferflocken und Süßigkeiten.

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Ein Verdutz-Moment bei der Zeitungslektüre vergangene Woche. Im Interview sagt der Leiter des Münchner Mobilitäts-Referats, Georg Dunkel, und das ist auch die Überschrift des Artikels (€):
“‘Es gibt zwar mehr Autos, aber sie werden seltener benutzt'”.

Will heißen: Ja, die Zulassungszahlen für private Pkw stiegen auch in der Grünenwähler*innen-Hochburg München. Aber die kontinuierliche Zählung und Analyse der Verkehrsteilnehmenden zeigt, dass ihre Zahl im Verkehr sinkt. Bumm.

Seither denke ich an diesem Phänomen herum. Die plausibelste Erklärung, die mir einfällt: Viele Menschen kaufen sich Autos gar nicht in erster Linie zum Fahren, sondern zum Besitzen. Ich weiß ja, dass Menschen große Freude aus Besitz von Dingen ziehen können, erst kürzlich lernte ich, dass manche von ihnen teure Armbanduhren kaufen, ohne sie jemals tragen zu wollen (also: wirklich nie): Sie bewahren sie auf und schauen sie manchmal an, freuen sich daran, sie zu besitzen. Vielleicht ist das mit Autos ähnlich? Dafür müsste man es allerdings nicht zulassen. Wahrscheinlich, so spekuliere ich, kommt das angenehme Gefühl dazu, jederzeit damit losfahren zu können. Was man im konkreten Fall dann doch nicht tut, weil Radeln/Öffis halt praktischer sind. Damit kann ich gut leben, vor allem wenn diese fast reinen Besitz-Autos nicht auf öffentlichen Flächen stehen.

die Kaltmamsell