Journal Sonntag, 27. August 2023 – Regensonntag und Daniela Dröscher, Lügen über meine Mutter

Montag, 28. August 2023 um 6:32

Mittelgut geschlafen, vor allem nicht lang genug. Draußen kühler Regen.

Ich startete den Sonntag mit Geschäftigkeiten: Waschmaschine mit Bettwäsche bestücken und anschalten, Geschirrspüler ausräumen, Hefeteig für Zwetschgendatschi kneten. Nach meinem Morgenmilchkaffee bereitete ich die spärliche Zwetschgenernte vom Vortag dafür vor.

70 Prozent musste ich den Würmern überlassen, ach meia.

Aber ich hatte mir Zwetschgendatschi in den Kopf gesetzt, also machte ich Zwetschgendatschi.

Kombiniert mit Butterkuchen.

Der Regen sollte sich laut Wettervorhersagen den ganzen Tag hinziehen, ging ich halt bei Regen auf meine Laufrunde und schlüpfte in die Regenjacke, setzte meine Schirmmütze auf. Starker Regen, weniger starker Regen, Tröpfeln. Es war besser als kein Lauf, dennoch mit nur übersichtlichem Vergnügen (Schwitzen unter Regenjacke, der Schirm der Mütze drückte entweder zu sehr auf die Brillenbügel oder schützte die Gläser zu wenig).

Schnell noch Frühstückssemmeln besorgt, Heimkehr mit nassen Füßen. Feudales Frühstück um halb zwei: Körnersemmel mit Käse, Hälfte des Zwetschgendatschis (sehr gut) mit Sahne. Als Resultat trat Bettschwere ein, ich machte ein wenig Siesta. Danach ging ich die wohl letzte große Bügelrunde des Sommers an.

Endlich wieder Gelegenheit für eingemerkte Podcasts. Erstmal drei ARD-Korrespondent*innen in Moskau:
“Inside Russland: Der Preis des Krieges”.
(vom 23. August 2023 – also vor dem wahrscheinlichen Tod Prigoschins, dazu nur eine kurze Bemerkung am Schluss nach Aufzeichnung)

Und dann noch die neueste Folge Fix und vierzig: “Brauchen wir wirklich eine Beauty-Routine?”
Goldener Satz von Katja Berlin: “Ich hab zum Beispiel für mich die Erfahrung gemacht: Das beste Schönheitsmittel für mich ist, einfach keine Spiegel zu haben.”
Wichtiger Hinweis: “Was dich am schnellsten altern lässt, ist eben Armut.”
(Und hinreißend, wie Gunda Windmüller vornehm “Crähm” sagt, bei mir Bayerin ist das halt “a Crreme”.)

Draußen dauerhafter Regen.
Die Yoga-Gymnastik des Tages war zackiges Krafttraining, mir wurde ganz schön warm.

Zum Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell die Aubergine aus Ernteanteil in Pasta alla Norma nach einem Rezept aus Rachel Roddys A-Z of Pasta (sie nimmt allerdings Spaghetti, wir hatten Casarecce).

Ganz hervorragend – und besser als in der Woche zuvor in der Goldmarie: Diese Version schmeckte viel deutlicher nach der Aubergine, wurde umgehend ein Auberginen-Liebling. Zum Nachtisch gab es Butterkuchen und Schokolade.

Ein Tag mit unwohnlicher Küche: Wir hatten festgestellt, dass unter der Waschmaschine Wasser austrat – obwohl sie seit mehreren Tagen nicht gelaufen war und ohne Veränderung bei Betrieb. Herr Kaltmamsell übernahm es, systematisch nach der Quelle zu suchen, dafür musste die Waschmaschine herausgezogen in der Küche stehen.

Ausgesprochen unangenehmes Ergebnis der Analyse: Das Wasser kommt aus keinem Schlauchleck oder undichtem Anschluss, sondern aus der Wand – wir entdeckten ca. zwei Quadratmeter nasse Wand hinter der Küchenzeile, zum Teil bereits mit schwarzen Stellen. Herr Kaltmamsell wird sich am Montag um schnelle Hilfe bemühen müssen (was ein Glück, dass er noch Ferien hat).

Früh ins Bett, um die nächste Lektüre anzugehen: Ewald Frie, Ein Hof und elf Geschwister, jetzt mal eine offizielle Familiengeschichte ohne “Roman”.

§

Daniela Dröscher, Lügen über meine Mutter ausgelesen. Nochmal Autofiktion, also eigentlich Biografisches, das als “Roman” verkauft wird. Aber in diesem Fall wird die “autofiktionale Stimme” thematisiert, in der Danksagung heißt es sogar “ich danke Claudia Hamm für ihre Gedanken zur autofiktionalen Stimme”. Das gefiel mir sehr gut.

Autorin Daniela Dröscher ist es explizit selbst, die von ihrer ganz konkreten Mutter erzählt, von ihrer Kindheit im Hunsrück, in der diese Mutter vom eigenen Ehemann auf ihren in seinen Augen zu dicken Körper reduziert wird, in der dieser Vater seine Frau mit allen Mitteln und Gemeinheiten zum Abnehmen bringen will. In der die Autorin selbst schon als Kind in die eigentliche Elternrolle schlüpfen muss.

Dröscher thematisiert die Erzählsituation, lässt in der Gegenwart ihre Mutter dazu Stellung nehmen, dass ihre Tochter ein Buch über sie schreibt. Ganz am Anfang heißt es und erklärt den Titel des Buchs:

“Wenn du nicht endlich redest”, drohe ich, “muss ich etwas erfinden. Ich muss lügen.”
“Nur zu. Das ja dein Beruf.”

Denn es gibt bis in die Gegenwart so viele Geheimnisse in dieser Familie, so viele nicht gesagte Dinge. Dröscher schiebt immer wieder kursiv gesetzte Zwischenkapitel ein, in denen sie die eben erzählte Situation analysiert, aus erwachsener Perspektive und manchmal mit Ausblicken auf die Zukunft. Das entzieht dem Erzählen das So-tun-als-ob, es reißt die vierte Wand ein, die auch in einem Roman so tun kann, als würde hier gar nicht erzählt, sondern ein Erlebnis vermittelt.

Es schützt auch vor zu starkem Mitfühlen, denn es sind unangenehme Erlebnisse, die erzählt werden. Ein weiteres solches Schutzmittel ist das Thematisieren von Sprache. Dröscher betont, wie wichtig ihr schon immer Sprache war; immer wieder verwendet sie sprichwörtliche Floskeln aus ihrer Kindheit, die sie schon als Kind faszinierten, markiert sie durch Kursivsetzung.

Die eigentliche Handlung bricht ab, als die Erzählerin Ela acht oder neun ist. Wir erfahren nur in einer kurzen Zusammenfassung, wie es weiterging. Und nur die Mutter im Titel hat einen Auftritt in der Gegenwart, der weitere Lebensweg aller anderen Figuren bleibt offen – auch das gefiel mir sehr gut.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 26. August 2023 – Paella in großer Runde bei Elterns

Sonntag, 27. August 2023 um 8:54

Gut und lang geschlafen.
Morgens erstmal den Inhalt der nachts gelaufenen Waschmaschine aufgehängt, Brotlaib in den Ofen geschoben – ich hatte es mit dem Sauerteig-Anteil möglicherweise übertrieben, als ich gleich 250 Gramm altes Anstellgut unterbrachte, der Laib ging nicht sehr auf.

Nachts hatte es weiter gewittert. Die Luft war abgekühlt, wollte aber durch die offenen Fenster und Türen nicht recht herein. Vormittags lockerte der Himmel auf, es wurde sofort wieder sehr warm.

Herr Kaltmamsell und ich waren mit Münchner Freunden und mit der Bruderfamilie zu meinen Eltern zum Paellaessen eingeladen. Freunde und Herr Kaltmamsell nahmen das Freundesauto, ich fuhr eine Stunde früher mit dem Zug nach Ingolstadt, um vor Paellaessen ordentlich was vom Zwetschgenbaum der Eltern zu ernten. So war zumindest der Plan. Doch als ich am Münchner Hauptbahnhof eintraf, kündigte die Anzeigentafel bereits 30 Minuten Verspätung meines Zuges an. Diese Verspätung wurde länger. Als ich bereits im Zug saß und er 40 Minuten nach geplanter Abfahrt immer noch stand, hatte ich bereits mein Telefon in der Hand, um doch die Mitfahrt im Auto zu vereinbaren – als wir endlich losfuhren. Grund der Störung übrigens: „Personen im Gleis“. Gegen menschliche Idiotie helfen auch keine Milliarden Invesitionen in Bahn-Infrastruktur.

Ich traf dann nur knapp vor den anderen Gästen bei meinen Eltern ein. Doch es stellte sich heraus, dass mir das Zwetschgenbrocken (ich hatte eigens praktische Baumkletter-Kleidung dabei) nur wenig gemeinsame Zeit nahm: Die Ausbeute im Zwetschgenbaum war so gering, dass ich nach 10 Minuten durch war.

Womit meine Sonntagsplanung hinfällig wurde: Ich hatte mich auf die Verarbeitung von vielen Kilo Obst vorbereitet, in Form von Datschi, Latwerge, Einfrieren.

Aber jetzt zur Hauptsache:

Es war ein sehr fröhliches Essen (für die vier Veganist*innen am Tisch Gemüse-Paella aus dem Ofen), Plaudern, Scherzen, Erzählen, Lachen. Über den Nachmittag gewitterte es draußen mal mehr mal weniger, drinnen blieb das Wetter stabil.

Den Nachtisch hatten die Freunde aus München mitgebracht: Köstlichen Käse-Mohn-Kuchen.

Gegen halb sieben traten wir die Heimreise nach München an, diesmal auch ich im Auto der Freunde. Und auch dies Fahrt dauerte doppelt so lange wie geplant: Stau auf der Autobahn, da ein Gewitter einen Baum draufgeworfen hatte (beim Näherkommen an die gesperrte Stelle wurde die Fahrbahn immer grüner von herabgewehten und -gespülten Blättern). Sowas kenne ich ja sonst von Oberleitungen, aber bitte.

Daheim erledigte ich erstmal die gestrige Yoga-Gymnastik (kurz, anstrengend und angenehm), um neun hatten wir beide nochmal genug Hunger für Abendbrot: Restliches Tsatsiki, Tomaten aus Ernteanteil, Käse, süßes Gebäck.

§

Noch keine 20, aber 19 Jahre alt wurde dieser Tage das Blog netzpolitik.org, die schon lange wichtigste deutschsprachige Plattform für Digitalthemen.
“‘Jeder war ein bisschen für alles zuständig'”.

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München in einer Nussschale. Bitte lesen Sie von Jo Lendle das kurze:
“Aus dem Dasein eines Verlags”.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 25. August 2023 – Sommerabschied mit RUMS, MarliesMelanie Raabe, Die Falle

Samstag, 26. August 2023 um 8:20

Mit einem freien Mittwoch lässt sich so eine Arbeitswoche deutlich leichter durchstehen. Merken. (Ich mach’s ja doch nicht. Aus purer Geldgier.)

Nach sehr gutem Nachtschlaf vom Wecker in die Orientierungslosigkeit geklingelt worden. Ich war nachts nur einmal aufgewacht, um Mitternacht und zu Regenrauschen, das heftige Gewitter davor, von dem Herr Kaltmamsell berichtete, hatte ich nicht gehört. Zu diesem Regen hatte ich Fenster und Balkontüren geöffnet, die Räume brauchten dringend Abkühlung.

Doch meinen Balkonkaffee trank ich wieder im Schwülen, auch auf dem Fußweg in die Arbeit schwitzte ich.

Die TGIF-Bronze auf meinem Weg in die Arbeit.
Was heute dahinter als medizinische Lesehalle genutzt wird, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts am Beethovenplatz als Brakls Kunsthaus erbaut.

Emsiger Vormittag im Büro, draußen braute sich immer wieder ein Unwetter zusammen, das sich dann doch nach wenigen Regentropfen auflöste.

Mittagscappuccino im Stray, sobald auch nur ein wenig Sonne herauskam, wollte man nicht in ihren Strahlen sein.

Zu Mittag gab’s eine nachgereifte Crowdfarming-Mango (hätte vielleicht noch den einen oder anderen Tag gebraucht) mit Sojajoghurt.

Nach ruhigem Arbeitsnachmittag über Einkäufe im Vollcorner nach Hause. Dort erste Handgriffe für das Auffrischbrot, das ich am Samstag zu meinen Eltern mitbringen wollte.

Dann turnte ich die derzeit tägliche Einheit Yoga-Gymnastik, die Hüfte (für meine Verhältnisse) weiterhin auffallend dehnbar. Gestern merkte ich das bei pigeon pose, in die ich mich fast vollständig entspannen konnte. Mag sein, dass die Täglichkeit meiner Beweglichkeit tatsächlich zuträglich ist, meinem Gemüt kommt Aussetzen an manchen Tagen dennoch mehr entgegen.

Jetzt aber: Wochenende! Ich machte Herrn Kaltmamsell und mir Negronis, auf dem Balkon saß es sich nach einem weiteren Gewitter mit ordentlichem Regenguss endlich angenehm, wir konnten Fenster und Türen öffnen.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Onglet besorgt (das klassische Fleischstück für das französische Steak frites), also Nierenzapfen. Dazu gab es aus Ernteanteil Selleriegemüse mit weißen Bohnen, ich hatte eine Ernteanteil-Gurke zu Tsatsiki verarbeitet. Im Glas ein spanischer Verdejo Quietus aus Rueda. Nachtisch Schokolade.

§

Am Donnerstag hatte ich MarliesMelanie Raabe, Die Falle ausgelesen.

Wahrscheinlich ist mein Problem mit Thrillern nicht nur Brutalität und Grausamkeit (die hier nicht vorkommen): Ich kann eine bestimmte Art von Spannung nur schwer ertragen. Das scheint blöderweise schlimmer geworden zu sein: Bislang kenne ich dieses enorme Unbehagen seit Kindheit vom Filmgucken, litt aber nicht beim Romanlesen. Bei der Lektüre von Marlies Raabe, Die Falle, musste ich allerdings die hochspannenden Passagen (Interview, Showdown) ganz schnell lesen, wollte sie hinter mich bringen.

Dabei weiß ich die handwerklich saubere Sprache, vor allem aber die schönen Ideen der Konstruktion zu würdigen: Raabe baut ein Set-up mit einer Romanautorin, Linda, die sich nach einem traumatischen Erlebnis in ihr Haus zurückgezogen hat, seit elf Jahren keinen Schritt vor die Türe macht. Nun sieht diese Autorin eine Möglichkeit, die Ursache ihres Traumas aufzuklären, den Verursacher in eine Falle zu locken: Sie schreibt einen Roman um den Vorfall. Gekennzeichnet durch andere Schriftart werden Kapitel dieses Thrillers in den Thriller Die Falle eingebaut – das ist sehr gut gemacht.

Ich empfand das ganze Szenario als glaubwürdig, mochte die Personenführung. Hervorragend gerade für ein Spannungs-Genre auch der Kniff, in erster Person aus der Sicht einer Figur mit massiven psychischen Problemen zu schreiben: Romanautorin Linda ist sich ihrer Wahrnehmungen und Erinnerungen nie völlig sicher, lässt zudem ihrer Fantasie gerne freien Lauf, ganze Kapitel der Hauptgeschichte erweisen sich als reine Vorstellung – die Leserin balanciert bald auf ebenso unstabilem Realitätsboden wie die Hauptfigur. Dadurch wird auch die Einordnung von Nebenfiguren schwer: Sind die Polizei-Ermittler*innen stereotyp gezeichnet – oder lesen wir Lindas Wahrnehmungsfilter?

Insgesamt sehr gut gemacht, Lese-Empfehlung für Menschen mit größerer Spannungs-Toleranz.

§

Wo wir durch die neuen spanischen Fußballweltmeisterinnen eh gerade Ihre Aufmerksamkeit für Frauen im Leistungssport haben:
“Diskrimierung im Rudersport: Oben ohne in Yale”.

Schlechte Boote und kalte Duschen: So sah das Rudern in Yale aus – zumindest für Frauen. Um das zu ändern, griff ein Achter zu einer ungewöhnlichen Maßnahme.

(Das scheint ohnehin eine interessante taz-Kolumne zu sein.)

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 24. August 2023 – Das Blog wird 20

Freitag, 25. August 2023 um 6:30

Es ist ein wenig gruslig: Gestern wurden es 20 Jahre, dass ich dieses Blog Vorspeisenplatte schreibe.

Es hat mich durch so viele Lebens- und Online-Phase begleitet:

Leben:

  • Zunächst während meiner Arbeit und in der Zweitwohnung in Augsburg
  • Rückzug nach München, die Jahre des Augsburg-Pendelns
  • Kurzer Arbeitsabstecher nach Karlsfeld, dann vereinigten sich Wohnen und Arbeiten in München
  • Die Jahre in dem großen Maschinenbauunternehmen
  • Die Lebenskrise “Wie bin ich da nur hingeraten und wohin will ich eigentlich?”
  • Das Jahr Auszeit mit der Erkenntnis: Ich will meine Ruhe, entsprechende Berufsplanung mit Ziel der Sicherung Lebensunterhalt
  • Die Jahre als Sekretärin in einer PR-Agentur und jetzt in einer Forschungsorganisation

Online:

  • Start, als das Web noch so wenig genutzt wurde, dass es noch nicht mal als etwas für junge Leute galt. Meine Generation Blogger*innen waren eher die Technik-Affinen, Neugierigen, die Internet meist bereits von Newsgroups, Foren und E-Mails über die halbe Welt kannten. Wir bekamen Einblicke in fremde Lebenswelten aus erster Hand, es entstanden erste Freundschaften (und Lieben) auf der Basis gegenseitigen Bloglesens.
  • Erste, vor allem negative, Aufmerksamkeit etablierter Meinungsführer, siehe “Klowände des Internets”. Aber auch die Deutsche Welle, die mit “Best of the Blogs” diese neue Form des Berichtens ohne Gate Keeper feierte, dieses “everybody has a voice”.
  • Erste Aufmerksamkeit der Wirtschaft (erinnern Sie sich, wie eine Zeit lang gefühlt alle Kommunikationsagenturen ihren Kunden Blogs als unabdingbaren Teil ihrer Website verkauften?), aber auch erste Versuche, mit Blogs Geld zu verdienen.
  • Mit Etablierung großer Online-Plattformen wie MySPace, Facebook, Twitter hieß diese Art der Webnutzung “Social Media”, und die Nische Blogs wurde noch nischiger. Gleichzeit funktionierte die Vernetzung, intellektueller oder persönlicher Art oder im besten Fall beide Arten, über Twitter intensiver und schneller.

Bis halt zur Dominanz der Kommunikationsmöglichkeiten im Web durch Brüller und Populisten. Mit böser Absicht, so stellte sich schon vor 10, 15 Jahren heraus, lassen sich die neuen Publikations- und Interaktionsformen des Web, die “Social Media” am effizientesten nutzen.

Doch ich harke und gieße hier immer noch mein kleines Bloggärtchen vor mich hin, in einem selbst gehosteten und entspannt irrelevanten Eckchen des Web, im selben Design wie vor 20 Jahren (Dank an das Blogheizelmännchen Herrn Kaltmamsell, der das möglich macht), seit mittlerweile zehn Jahren nahezu täglich.

Sollte mich dieser Tage ein 50-Tonner überfahren, bitte ich um einen Grabstein mit QR-Code zu diesem Blog.

§

Gestern Wecker eine halbe Stunde früher gestellt: Ich hatte eine Einheit Yoga-Gymnastik nachzuholen. Ich wachte sogar davor auf, merkte aber schon am Vormittag, dass mir Schlaf fehlte.

Balkonkaffee im Dunklen – und Schwülen, ich spürte fast keine Morgenfrische. Was ich allerdings spürte: Die mächtige Makrele vom Vorabend, quer im Bauch, der wohl immer noch seine Mühen damit hatte.

Die Yoga-Einheit erwies sich als perfekt für diesen Morgen: Die Folge “Soften” bedeutete lange, sanfte Dehnungen, und ich stellte fest, wie viel besser das morgens geht – ich gelangte langsam und von selbst in einen noch nie gekannten Grad der Hüftdehnung.

Der Marsch in die Arbeit war angenehm, die Oktoberfest-Beschilderung um die Theresienwiese wird dichter (noch drei Wochen bis Ausbruch). Den Werbeplakaten nach zu urteilen, ist das zentrale Feature der diesjährigen Oktoberfest-Verkleidung für Frauen ein Mieder-Verschluss per Reißverschluss vorne.

Im Büro umgehende Emsigkeit, am Vortag waren Unklarheiten aufgetaucht, die zwar in meiner Abwesenheit ein wenig geklärt wurden, allerdings kannte ich das gesamte Thema noch gar nicht und musste recherchieren.

Mittags raus in die Schwüle für Käsekauf am Markt sowie schnellen Cappuccino in der Nachbar-Cafeteria. Spätes Mittagessen: Aprikosen, Nektarine, Buttermilch (habe ich selten Lust drauf, genieße sie dann aber sehr). Eine Folge: Buttermilchkoma, ich wurde sehr wenig produktiv. Das legte sich zum Glück nach einer Stunde.

Arbeit musste so oder so gemacht werden. Nach Feierabend in unangenehmer Schwüle nach Hause. Nach Abkühlen mit Räumen turnte ich die eigentliche Yoga-Gymnastik des Tages.

Abendessen von mir, weil Donnerstag Ernteanteil-Abholtag ist: Eichblatt-Salat, Tomaten, Gurke mit Joghurtdressing. Dann eine ausführliche Runde Käse, Nachtisch Schokolade.

§

Lesenswertes Interview mit einem der führenden Köpfe meines einstigen Studienfachs Englische Literaturwissenschaft (gibt’s in Deutschland nicht mehr), Elisabeth Bronfen, unter anderem zur Veränderung des Studiums in den vergangenen Jahrzehnten und dem Missbrauch wisseschaftlicher Begriffe in nicht-wissenschaftlichen Diskussionen.
“‘Was mich am meisten erstaunt, ist die hartnäckige Fähigkeit, zu verdrängen'”.
via @Hystri_cidae

Viel Liebe für: “Wenn nur sehr wenig gelesen wird, fällt die Diversität auch zum Fenster raus.”

Ich möchte bitte verdrängen, dass ihr Werk Over her dead body vor bereits 30 Jahren erschien. (Ich bin offiziell alt.)

§

Stephan Noller kenne ich seit vielen Jahren (siehe oben) aus dem Mitmach-Web als Unternehmer, Erfindern und sehr konstruktiven Optimisten. Deshalb las ich interessiert seinen Hinweise zu Kapitalismus als mögliches Werkzeug gegen das Fortschreiten der Klimakatastrophe:
“Sofort wirksam:
Nur so geht der Kampf gegen die Klimakrise”.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 23. August 2023 – Freier Tag am Chiemsee und im Hirschgarten

Donnerstag, 24. August 2023 um 5:49

Ein wenig unruhig geschlafen, Grund eine Mischung aus Wärme und Wein. Nach einem Aufwachen um fünf fuhr ich ein wenig Sorgenkarussell, schlief aber vor Weckerklingeln nochmal leicht ein. Weckerklingeln am freien Tag wegen Plänen: Eher früher Aufbruch Richtung Prien am Chiemsee, abends zurück in München in den Hirschgarten.

Erstmal gab es Morgenkaffee auf dem Balkon, es kündigte sich ein heißer Tag an mit Gewitterneigung. In kurzen Hosen und Sandalen marschierte ich mit Herrn Kaltmamsell zum Bahnhof, kurz vor neun fuhr der Zug Richtung Chiemsee ab (Sitzplatz kein Problem).

In Prien war die Luft frischer als in München, doch die Sonne brannte bereits heftig und unangenehm. Wir spazierten zum Bootsableger, ich füllte meine Wasserflasche gleich mal neu auf, das Schiff zur Insel Herrenchiemsee legte kurz darauf ab.

Auf Herrenchiemsee wurde gerade – Stroh angeliefert?

Blick vom Anlegesteg in den herrlich klaren Chiemsee. Die Fische konnte ich noch fotografieren, doch als ich weiterging, zeigte Herr Kaltmamsell nochmal in den See: Unter Wasser schwamm ein Haubentaucher! (Herr Kaltmamsell hatte ihn vor dem Abtauchen identifiziert.) Zu meiner Überraschung schlug er die Beine in Frosch-Bewegungen, nicht etwa paddelnd.

Wir spazierten hoch zum Schloss Herrenchiemsee, ich hatten am Vortag Tickets für eine Führung (man kommt nur mit Führung rein) kurz vor zwölf gesichert.

Hier wurde eine neue Technik zur Abwehr des Buchsbaumzünslers getestet.

Schlimme Zeiten waren das, in denen Echsen und Schildkröten als Arbeitstiere ausgebeutet wurden.

Es war noch Zeit für Frühstück: Eiskaffee.

Und für einen kleinen Spaziergang im schattigen Wald.

Die Führung durchs Schloss hatte ich im Mai vergangenen Jahres schonmal mitgemacht, Herr Kaltmamsell noch nie. Doch die junge Frau, die uns die Schlossräume diesmal zeigte (Fotografieren immer noch verboten), setzte durchaus andere Schwerpunkte als der Herr vergangenes Jahr; ich fragte mich erstmals, ob die Guides wohl ihre Texte selbst verfassen und lediglich freigeben lassen? Dennoch hätte ich mir mehr Zeit zum Gucken von und mehr Informationen zu Details gewünscht. Gibt es wahrscheinlich nur unter Fachleuten bei Sonderführungen. Interessant und neu war mir unter anderem, dass bezahlte Führungen durch Schloss Herrenchiemsee bereits kurz nach dem Tod Ludwig II. angeboten wurden – als ein Weg, seine enormen Schulden abzuzahlen.

Worauf ich bei diesem Besuch auf Herrenchiemsee besonders gespannt war: Die neue Ausstellung zu 75 Jahren Verfassungskonvent im Augustiner-Chorherrenstift.

Der Sitzungsraum des Konvents, mir wurde recht feierlich.

Die Inhalte der Ausstellung (deutsch und englisch) fand ich gut ausgesucht: Vorgeschichte und Ausgangslage, Rolle der Besatzungsmächte, zeitlicher Ablauf bis zu den Verfassungen von BRD und DDR, zentrale Fragen des Prozesses (u.a. wer soll sie erarbeiten? mit welchen Vorgaben? wer soll sie wie ratifizieren?), zentrale Fragen des Inhalts (u.a. welche Basiswerte? welche Wirtschaftsform?), ein paar wenige Exponate. Zeitgemäß wurde interaktiv und mit verschiedenen medialen Präsentationsformen gearbeitet – nicht immer nutzungsfreundlich: Wenn zum Beispiel die Schrift zu den Schritten eines Ablaufs nur mit einem Schieberegler erhellt wird, der Rest dunkel bleibt – kann sie halt immer nur eine Person lesen. Und die Lösung, die vielen Einzelfragen mit einem kontaklosen Händewinken an der Wand auszusuchen und lesbar zu machen, kam der Spielfreude besuchender Kinder entgegen und dem Rätsellösungsvergnügen mancher Erwachsener (z.B. Herrn Kaltmamsells) – ließ aber die Inhalte untergehen.

Auch diesmal erwischten wir ein Boot bei Ankunft am Steg, nämlich das zur Fraueninsel.

Sie war der eigentliche Grund des Ausflugs. Vor zwei Jahren hatte ich dort im Bootshaus der Keramik-Künstlerin Iris Stoff Porzellan gesehen, das mir sehr gefallen hatte, und war sehr stolz darauf gewesen, dass ich nichts davon gekauft hatte, weil: Nicht noch mehr Zeug. Nur dass mir ihre Vasen mit schwarz-roten Fischmotiven seither nicht aus dem Kopf gegangen waren. Also spazierten wir um die Insel mit dem Ziel dieses Bootshauses.

Alpenkette im Hitzedunst.

Wir trafen die Künstlerin wie auch vor zwei Jahren bei der Arbeit an: Sie saß über einer kleinen Dose aus weißem Ton und bemalte sie gerade mit einem bunten, floralen Muster. Die Auswahl an Objekten mit Fischmotiv war nicht mehr groß, aber jetzt besitze ich eine kugelige Vase damit (Foto davon, wenn ich rausfinde, wie ich sie gebührend in Szene setze).

Der Heimweg war etwas anstrengend, vor allem wegen der Hitze: Mit dem Schiff über Gstad und Herrenchiemsee zurück nach Prien, dort erneutes Wasserflaschenauffüllen, zu Fuß zum Bahnhof, Warten auf dem ungeschützten Bahnsteig auf den verspäteten Zug zurück nach München, der dann komplett überfüllt war, ab Rosenheim zumindest Bodensitzplatz.

In München brachten wir lediglich die kostbare Vase nach Hause, setzten uns dann gleich in eine Tram zum Hirschgarten.

Jetzt aber Essen: Herr Kaltmamsell besorgte zu unseren Radlermassen Spare Ribs für ihn und für mich eine Makrele frisch vom Steckerl (wunderbar saftig), die große Breze teilten wir uns.

Viecher jenseits des Zauns gab’s auch.

Yoga-Gymnastik stand gestern mit diesem vollen Bauch außer Frage. Daheim noch Schokolade zum Nachtisch, ich nutzte den Abend zum Verfassen des Blogposts.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 22. August 2023 – Josephine Tey, The daughter of time

Mittwoch, 23. August 2023 um 7:57

Diese Aufnahme von mir als knapp Achtjährige macht etwas mit mir. Ich mag dieses Mädchen und ich frage mich, wo die Frau ist, die dieser Blick, dieses Körperbewusstsein versprachen einmal zu werden. Selbst bin ich irgendwann in eine andere Richtung abgebogen, aus jedem Kind können ja die unterschiedlichsten Erwachsenen werden. Aber irrationalerweise vermisse ich diese Frau schmerzlich, ich hätte sie gern kennengelernt.

§

Ein sehr anstrengender Tag. Den ich wie jedes Jahr am liebsten übersprungen hätte, aber so funktioniert das Leben nicht, genau das nehme ich ihm ja übel.

Nochmal Balkonkaffee in der Dämmerung, die Luft bereits bedrohlich warm. Wie geplant nahm ich das Rad in die Arbeit, um bei Bewegung im Freien meinen Kreislauf nicht zu sehr mit der Hitze zu strapazieren.

Emsiger Arbeitsvormittag, der Aufbruch zum Mittagstermin wäre mir gemächlicher gelungen, hätte ich ihn nicht 30 Minuten zu früh gestartet. Musste also diese Zeit vorm Enthaarungsladen totschlagen, kaufte halt und aß zu Mittag ein Laugenzöpferl, die 30 Minuten reichten leider nicht, um den Ärger über meine eigene Blödheit zu veratmen. Vielleicht sollte ich dankbar sein, dass so meine Grundgereiztheit des Tages wenigstens ein Ziel hatte. Grundgereiztheit plus Hitze nahmen mir Appetit: Als mein Magen gegen fünf doch schon wieder knurrte, wurde ich böse.

Das Wachs war diesmal sehr heiß gewesen, meine Beine brannten noch bis in den späten Feierabend. An dem ich mit vollverkrampftem Gemüt durch Föhn-heiße Sonne nach Hause radelte, Zwischenstopp im Vollcorner für nötige Einkäufe.

Daheim Herrn Kaltmamsell mit kurzem Anknurren signalisiert, dass Abstand ratsam war. Jetzt galt es noch, den Abend rumzukriegen. Der Ernteanteil war weggegessen, absichtlich schnell und effizient, damit wir die letzten Sommerabende für Draußengastronomie nutzen konnten. Bei Lokalsondierung am Vorabend hatten wir festgestellt, dass drei Stationen auf unserer Wunschliste für unter der Woche gerade wegen Urlaubs geschlossen waren: Schnitzelgarten, Melina, Pizza bei Il Ritrovo an der Lindwurmstraße. Ich hatte also in meine umfassendere Restaurantliste “Mal ausprobieren” geklickt und in der fußläufig erreichbaren Goldmarie reserviert (wundervoller Name, Speisekarte erfreulich Gemüse-lastig).

In meiner gestrigen Verfassung hatte ich darauf überhaupt keine Lust, hatte aber die Reservierung per automatischer E-Mail-Nachfrage bereits bestätigt und wollte mich GEFÄLLIGST NICHT SO ANSTELLEN (das ist der Tonfall, den ich in dieser Verfassung mir gegenüber drauf habe).

Bis dahin (es war nur noch ein später Tisch nach acht zu haben gewesen) schlug ich die Zeit mit Maniküre, Yoga-Gymnastik, Romanlesen tot. Mit Herrn Kaltmamsell spazierte ich die Lindwurmstraße entlang zum Restaurant, er lenkte mich mit Beobachtungen zu seiner derzeitigen Lektüre ab, Bov Bjergs Der Vorweiner; es stellte sich zu meiner Überraschung heraus dass, Bov und Herr Kaltmamsell viel gemeinsame Lese-Vergangenheit haben müssen.

Nächste Ablenkung: Alkohol.

Ich suchte uns einen burgenländischen Gemischten Satz Aus den Dörfern von Rosi Schuster aus der kleinen, ausgesuchten Weinkarte aus: Wundervoll würzig und rauchig. Tat seine medizinische Wirkung (endlich ein Stückchen Entspannung) – und passte überraschend gut zu meiner Vorspeise, einer mächtigen Artischocke (die berüchtigt schwer mit Wein zu kombinieren ist – merken).

Herr Kaltmamsell aß gebratene Semmelstoppelpilze auf Sauerteigbrot.

Hauptgang war für Herrn Kaltmamsell ein Bollito misto (Tafelspitz, Polpette und Zunge vom Rind), ich aß sehr gute Linguine alla Norma.

Daheim nur noch ein wenig Schokolade und kurze Planung des nächsten Tags: Ich hatte mir frei genommen, um einen der letzten Sommertage für einen Ausflug auf den Chiemsee zu nutzen.

§

Ein ganz hinreißender britischer Krimi, veröffentlicht 1951. In Josephine Teys fünftem Roman aus der Reihe um einen Inspector Grant beschränkt sie seinen Wirkungsradius auf ein Zimmer: ein Krankenzimmer, in dem der Inspector nach einem Unfall liegt. Ihm ist schrecklich fad, so versorgt ihn eine Freundin, Marta, von Beruf Theaterschauspielerin, mit Drucken historischer Portraits: Grant ist besonders gut darin, Menschen ihre Persönlichkeit am Gesichtsausdruck abzulesen – und bleibt an einem Portait von Richard III. hängen; er sieht in seiner Wahrnehmung so ganz anders aus, als was Briten sofort zu ihm einfällt. Und so beginnt er zu ermitteln, woher diese Diskrepanz kommt, ob die schlimmen Dinge, die man sich über Richard erzählt (u.a. Bruder und zwei kleine Neffen umgebracht), überhaupt stimmen.

Das ist ganz großartig erzäht: In Zeiten vor Internet muss der Ermittler auf Bücher zurückgreifen und vergleicht einige Darstellungen des relevanten historischen Abschnitts, von Zeitgenossen über historischen Roman bis Kindergeschichten. Er befragt mit nahezu derselben Erntshaftigkeit wie Zeugen anfangs das Krankenhaus-Personal, wie diese die Zusammenhänge aus dem Schulunterricht in Erinnerung haben – und was sie von dem Portraitierten halten. Einges davon widerspricht sich, manches widerspricht belegbaren Fakten.

Unterstützung bekommt er von einem Doktoranden am British Museum, der für Grant Quellen sucht und prüft. Schnell geht es nicht nur um Richards Geschichte, sondern überhaupt um die Diskrepanz zwischen wirkmächtigen Geschichten, die als “historisch” angesehen werden, und überprüfbaren Fakten. Indirekt führt der Roman wundervoll vor, wie Quellenarbeit in der Geschichtswissenschaft funktioniert. Oder investigativer Journalismus.

Die wenigen Live-Figuren des Romans sind lebendig und glaubwürdig gezeichnet, allerdings auch über die personale Erzählweise und Grants Sicht mit Hang zum Misogynem. Als Easter Egg lässt Josephine Tey sich selbst auftauchen: Marta berichtet bei ihren Besuchen immer wieder von einer Theaterautorin, die sie dazu bekommen möchte, ein Stück für sie zu schreiben, die aber schon wieder statt dessen irgendeinen Krimi schreibt. (Josephine Tey ist das Pseudonym von Elizabeth Mackintosh, die unter einem anderen Pseudonym Theaterstücke verfasste.)

Und wie so oft in Genre-Literatur erfährt man Zeithintergrund eher aus Versehen, unter anderem:
– Dass in damaligen Krankenhäusern das Pfegepersonal im Haus wohnte (und es keine verheirateten Krankenschwestern gab).
– Dass in den Patientenzimmern geraucht wurde.
– Dass Patient*innen damals im Krankenhaus geheilt wurden und erst dahezu genesen entlassen. (Das hatte ich tatsächlich vergessen: Dass die “blutige Entlassung” Folge der letzten Gesundheitsreformstufe mit ihren Fallpauschalen war.)

Der Titel des Romans bezieht sich übrigens auf ein Sprichwort, das ihm vorangestellt ist:

Truth is the daughter of time.

(Ganz schön optimistisch.)

Herr Kaltmamsell hatte den Krimi schon vor drei Jahren gelesen und dazu gepostet, mit völlig anderen Schwerpunkten als ich.

§

Zuguck-Fußball interessiert mich auch weiterhin nicht, egal von wem gespielt. Aber mich interessieren Mechanismen, die Frauen unterdrücken. Zum Beispiel der Übergriff gegen eine spanische Nationalspielerin. Nora Hespers analysiert für sportschau.de:
“Fußball-WM: Ein Kuss als Machtdemonstration”.

…warum sie sich nicht gewehrt hätte? Ihre Antwort: “Was hätte ich denn tun sollen?” Ja, was hätte sie tun sollen? Rubiales, dem Verbandschef vor den Augen der Weltöffentlichkeit eine Ohrfeige verpassen? Hätte sicherlich für ein großes Hallo gesorgt.

Aber wahrscheinlich ging es ihr, wie es vielen Frauen in diesen Situationen geht: Sie war schlicht überrumpelt. Denn eigentlich, so könnte man meinen, sollten Frauen gerade im Rampenlicht vor derartigen Übergriffen sicher sein. Sind sie aber nicht. Und das sagt viel darüber aus, was Männer für “normal” halten, was sie sich erlauben können – und Frauen eben nicht.

Überrumpelung gemischt mit dem innigem Wunsch, das sei gerade einfach nicht passiert. Und wenn ich so tue, als sei es nicht passiert, geht es vielleicht weg.

Weil ein großer Teil der Menschen immer noch denkt, das sei “ja nicht so schlimm” und “nur ein Kuss, da muss man kein Drama draus machen”. Es geht nicht um den Kuss. Es geht um das Machtgefälle. Und in diesem Machtgefälle ist dieser Kuss ein Akt der Gewalt. Allein schon deshalb, weil der Kopf von Hermoso so festgehalten wird, dass sie dem gar nicht ausweichen kann.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 21. August 2023 – Hitze wie zwei Gläser Rotwein auf nüchternen Magen

Dienstag, 22. August 2023 um 6:27

Dann doch mal Balkonkaffee vor der Arbeit, es war gestern bereits vor Sonnenaufgang ziemlich warm.

Preis für das sonntägliche Wandervergnügen an der Mangfall: Wanderkrätze (nein, keine echte Krätze), diesmal oberhalb von Stiefelschaft und Socken. Ursachen der Purpura d’effort sind immer noch unbekannt, in meinem Fall scheidet ja auch “ungewohnte Belastung” aus.

Herrlicher Marsch in die Arbeit, ich saugte mit allen Poren Sommer auf.

Vormittags war ich aber sehr dankbar für mein schattiges, kühles Büro, ging für Mittagscappuccino nur kurz zur Nachbar-Cafeteria.

Mittagessen: Birchermuesli mit Joghurt, außerdem Pfirsich und Nektarine. Zum wiederholten Mal schlug sich die Hitze auf meinen Bauch, mit Unruhe und leichter Übelkeit – das erlebe ich dieses Jahr zum ersten Mal. Schon wieder das Alter?

Über den Nachmittag drang die Draußen-Hitze dann doch ins Büro, machte das Atmen schwer und ließ meine Finger anschwellen (wenn ich einmal morgens einen Ring anstecke…). Ich sah mich schon am Dienstag das Rad nehmen, denn da habe ich einen Mittagstermin 25 Minuten zu Fuß vom Büro entfernt, der könnte geradelt angenehmer zu erreichen sein. Bei entsprechendem Anlass erinnerte ich mich, dass dieses eine Damenklo im Sommer der kühlste Ort des Stockwerks war (und im Winter der wärmste). Die Hitze hatte eine ähnliche Wirkung auf meine Produktivität wie zwei Gläser Rotwein auf leeren Magen. Minus Gaudi.

Fast pünktlicher Feierabend, damit mich die S-Bahn an den Marienplatz und noch zu Sprechzeiten in eine Artzpraxis zum Abholen von Rezepten bringen konnte. In dieser Hitze waren fünf zusätzliche Warteminuten am Bahnsteig mindestens so ungemütlich wie bei großer Kälte.

Arznei-Rezepte abgeholt, anschließend ging ich Einkaufen im wunderbar klimatisierten Kaufhaus nebenan: Ich sah mich in der Unterwäsche-Abteilung nach BH-Schnitten ohne Schalen um, die ich gerne mal anprobieren wollte – um besser zu verstehen, was zu meiner seit zwei Jahren anderen Brustgröße passt. Erfolgreich. Bei dieser Gelegenheit (ich mag Kaufhäuser wirklich) im Untergeschoß gute Schokolade besorgt.

Langsamer Heimweg zu Fuß, damit die Hitze nicht wieder meinen Kreislauf beutelte. Zu Hause nach ein wenig Rumräumen die Yoga-Gymnastik des Tages: Eine kurze Kraft-Einheit für Bauchmuskeln und Hüftbeuger.

Sie werden sich fragen: Wie kann man bei dieser Hitze Appetit haben? Hatte ich aber, Herr Kaltmamsell hatte den großen Chinakohl aus Ernteanteil mit Bandnudeln und Lachs, Sahne, Kresse in ein köstliches Abendessen verwandelt. Nachtisch Schokolade.

Im Bett (ich wechselte auf Bettüberzug ohne Innendecke) Start einer neuen Lektüre: Melanie Raabe, Die Falle. Ich hatte in der Woche zuvor ein Interview mit der Autorin gelesen, in dem sie unter anderem geäußert hatte, dass sie von Anfang an Thriller ohne Brutalität und Blutströme schreiben wollte. Nachdem genau diese Komponenten mir vor einiger Zeit das Thriller-Lesen vermiest hatten, kaufte ich gestern (derzeit bin ich für fünf Bücher, die ich gerne lesen möchte, in der Münchner Stadtbibliothek vorgemerkt und muss noch warten) ihren Erstling.

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Wahrscheinlich sollte ich mich freuen, dass die VG Wort so wenig von meinem Geld für ihr METIS (Registrierungs- und Meldeportal der VG WORT) ausgibt und anscheinend alles selbst strickt. Aber ein Portal, das über Wochen täglich mehrere Stunden “wegen Wartungsarbeiten” nicht zu erreichen ist? Vielleicht dannn doch Geld für Profis in die Hand nehmen?

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Nicht nur Autos tun gut daran, sich nicht zu sehr aufs Navi zu verlassen: Wandern per GPS-Track kann in ebenso große Gefahren führen.
“Falsche Wege: Wann Wander-Apps gefährlich werden können”.

Mir ist beim Wandern am liebsten die Kombination aus guter Ausschilderung und GPS-Track bei Unsicherheiten.

die Kaltmamsell