Journal Montag, 6. November 2023 – Bücherwände als Hintergrund

Dienstag, 7. November 2023 um 6:26

Eine im letzten Teil unruhige Nacht, zumindest bekam ich mit, dass sich der Sturm gelegt hatte.

Draußen war es mild, ich brauchte für den Marsch in die Arbeit weder Mütze noch Handschuhe.

Aufregung in der Arbeit: Ich hatte einen Termin zum Auswechseln meines Laptops, nach dreieinhalb Jahren bekam ich einen neuen (und bemerkte dadurch, wie lange der Beginn der Pandemie-Einschränkungen her ist, die waren nämlich das Anlass für das Ausgeben von Laptops an alle). Es dauerte die eine oder andere Stunde, bis sich nach mehrfachem Neustart und einer Hilferunde durch den IT-Service alles zurechtgeruckelt hatte. Und ich stellte fest: Auch beim neuen Rechner funktioniert die externe Kamera deutlich besser, wenn sie eingesteckt ist.

Schneller Mittagscappuccino in der Nachbarfirma-Cafeteria, es war so mild, dass ich für den kurzen Weg keine Jacke brauchte. Mittagessen: Apfel, eingeweichtes Muesli mit Joghurt.

Nachdem ich gelesen hatte, dass eine Bücherwand als Hintergrund bei Video-Konferenzen am meisten Vertrauen erzeugt, hatte ich am Sonntag eines unserer Wandregale fotografiert und baute es gestern in mein MS Teams ein.

Erster Video-Call: “Ist das eure Bücherwand? Steht da das Necronomicon?” Ich musste selbst erst genau hinsehen, dann aber: HERR! Kaltmamsell! (Details zu den so vertrauenserweckenden Bücherregalen verschweigt die Studie.)

Nach Feierabend war es immer noch mild, ich ging auf Besorgungen Richtung Stachus: Supermarkt-Süßigkeiten, unterm Hauptbahnhof Automatenfoto für mein Projekt, English Classic im Tee-Handelskontor Bremen, Putzzeug im Drogeriemarkt.

Zu Hause turnte ich Yoga-Gymnastik mit reinem Dehnen, bereitete Brotzeit für Dienstag vor. Herr Kaltmamsell servierte den Rest der Kürbis-Lasagne, ich machte Ruccola dazu an. Nachtisch reichlich Süßigkeiten.

Abendunterhaltung: Eine Doku zum 100. Geburtstag von Loriot. Darin viele, viele Original-Ausschnitte, die meisten kannte ich noch gar nicht. Doch ich freute ich mich auch über viel Wiedersehen. Dazu zeitgenössische Kommentare über Loriot und sein Werk, Erinnerungen von Wegbegleiter*innen, wirklich informativ.

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Damit’s nicht in den Kommentaren untergeht: Den Hintergrund städtischer Ampelschaltung erklärt hier Verkehrsplanerin Isi.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 5. November 2023 – #WMDEDGT

Montag, 6. November 2023 um 6:11

An jedem 5. des Monates fragt Frau Brüllen “WMDEDGT?” (“Was machst du eigentlich den ganzen Tag?”). Hier die Tagebuch-Beiträge dieses Monats. Auch die ein Beitrag zu “Ja, jetzt ist das langweilig. Aber in zwanzig Jahren!” – nur halt ohne Fokus auf Technik. Aufschreiben, alles aufschreiben.

Gut und lang geschlafen. Das Wetter draußen herbstlich gemischt, wunderbar für einen Isarlauf.

Vorher aber gemütlicher Milchkaffee beim Bloggen, Heizung hoch genug gedreht, dass ich überm Hausanzug nur eine Strickjacke brauchte, dicke Socken trug ich eh (YAY! für gut gefüllte deutsche Gasspeicher, und geheizt werden ohnehin nur Wohnzimmer und Arbeitszimmer von Herrn Kaltmamsell). Wasserfilter-Wechsel, also gab’s aus kalkärmst möglichem Münchner Wasser eine Kanne Tee Lapsang Souchong.

Katzenwäsche, Zähneputzen, Umziehen in Laufkleidung. Ich nahm nochmal die Strecke Mehr-NettO-vOm-BRutto (bei mir in der Arbeit hätte niemand damit ein Problem, daraus das Projekt MOOR zu machen) übern Alten Südfriedhof an die Isar nach Thalkirchen, zum Hinterbrühler See und alles wieder zurück, nur diesmal auf den umgekehrten Seiten wie am Sonntag zuvor. An Wetter bekam ich einmal fast alles: Wind, Regentropfen, mehr Wind, Wolken in verschiedenen Grautönen und Geschwindigkeiten, blauen Himmel und Sonne. Der Wind entblätterte Bäume, auf dem Boden blies er Blätterhaufen in Busby-Berkeley-Choreografien. Mit meiner Kleidungswahl lag ich richtig: Lange Laufhose, alter Lauf-Hoodie mit Daumenloch in den Ärmeln (Hände also halb bedeckt), leichte Mütze für warme Ohren.

Kurz vorm Flaucher-Biergarten gibt es eine große Wiese, auf der sonntagvormittags nicht mehr junge Männer Fußball spielen, ich bin schon oft an ihrem Spiel vorbeigejoggt. Gestern machten sich einige gerade an einer Bank fertig, einer fing mein Lächeln auf: “Wir hätten noch einen Platz frei!” Ich lachte und wünschte viel Spaß, fühlte mich aber ehrlich geschmeichelt und wünschte, ich hätte einfach lässig mitspielen können.

Mein Körper machte die gut anderthalb Stunden Lauf gut mit, ich kam schön ins Gedankenfließen, erst auf dem letzten Stück zwickten Hüfte und Wade.

Nach dem Duschen hatte ich Lust auf einen weiteren Milchkaffee – wer sollte mich daran hindern?
Zum Frühstück kurz vor zwei gab es einen Apfel, Granatapfelkerne mit Dickmilch und Wabenhonig, frisches Knack-und-Back-Gebäck mit Cabello-de-Angel-Füllung aus der Hand von Herrn Kaltmamsell.

Kurzer Geschäftigkeits-Abschnitt: Schimmelbekämpfung an der Klapp-Duschwand im Bad, Tausch von Sommer- gegen Winterschuhe aus dem Keller (und wieder freute mich, dass mein Kleiderbestand sowie Wandschrank-Kapazitäten sonstige Auslagerung in den Keller unnötig machen). Dann sonntägliches Rumschlumpfen mit Auflesen liegengebliebener SZ-Magazine, RSS-Feed-Schmökern in Blogs – inklusive Aussortieren von Blogs, die mich dann doch langweilen. Währenddessen wurde draußen der Wind immer heftiger, pfiff und stürmte ums Haus.

Für den abendlichen Nachtisch wickelte ich die letzte heimische Quitte aus unserem Obstkorb in doppelt Alufolie, steckte sie diesmal rechtzeitig bei 200 Grad für eine gute Stunde in den Backofen. Anschließend eine Runde Yoga-Gymnastik, während ich Herrn Kaltmamsell in der Küche klappern hörte: Er bereitete als Nachtmahl Kürbis(Ernteanteil)-Lasagne zu.

Schönheitspreise wird sie wohl nie gewinnen, die Kürbis-Lasagne, auch wenn sie diesmal ganz besonders gut schmeckte.

Während wir aßen, ließ ich das all-sonntägliche Backup auf externe Festplatte laufen (#keinBackupkeinMitleid – und ich meide abergläubisch die iCloud).

Zum Nachtisch gab es die Ofenquitte mit Joghurt und Wabenhonig.

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Ein langes Interview mit dem besonnenen Soziologen Aladin El-Mafaalani über Integration:
„’Die Infrastruktur bröckelt’“.

Aladin El-Mafaalani hat lange positiv auf die Integration in Deutschland geblickt. Nun sagt er: Wenn sich Bildungs- und Sozialpolitik nicht ändern, geht es bergab.

Unter anderem weist er auf den Schaden hin, den eine Bildungspolitik anrichtet, die Immigration ignoriert.

Ich habe schon vor mehr als zehn Jahren einen Text dazu geschrieben, dass wir sowohl die deutsche Geschichte als auch den Nahostkonflikt anders unterrichten müssten. Wie wir das tun, passt nicht in eine Migrationsgesellschaft. Der Unterricht richtet sich an Kinder und Jugendliche, deren Großeltern schon Deutsche waren. Aber in den westdeutschen Großstädten trifft das auf die meisten Schülerinnen und Schüler nicht mehr zu. Hinzu kommt ja noch, dass viele von denen familiäre Wurzeln im Nahen Osten haben. Für sie ist das alles kein historisches Thema, sondern sehr aktuell.

(…)

Was muss an den Schulen anders werden?

Es ist schwer, das kurz zu fassen. Ich glaube, es funktioniert besser, wenn man nicht nur von der Shoah ausgeht, sondern beschreibt, dass Juden über Jahrhunderte verfolgt wurden. Dass sie keine Reiche und Kolonien gebildet oder Kriege geführt haben, aber trotzdem an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten ausgegrenzt, benachteiligt und verfolgt wurden und sie gleichzeitig für alle möglichen Probleme verantwortlich gemacht wurden. Dass die staatlich organisierte Massenvernichtung also der unvorstellbare Höhepunkt einer langen Geschichte war und die Antwort darauf der eigene Staat war, um nie wieder Opfer zu sein. Und man muss auch da­rüber sprechen, was die Gründung des Staates Israel für die Palästinenser, für die sich die Situation seit Jahrzehnten kontinuierlich verschlechtert und die heute in unwürdigen Verhältnissen leben, bedeutet.

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Sie wussten es noch nicht, aber das wollen Sie lesen.
“Taschkent in Usbekistan will mit Architektur-Mix Touristen anlocken”.

Mehr Fotos von dieser Reise nach Taschkent zeigt Maik auf instagram, zum Beispiel hier, hier und hier.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 4. November 2023 – Echter Herbst, Samstagsgemütlichkeit

Sonntag, 5. November 2023 um 9:09

Beim nächtlichen Klogang (der eine, der immer schon zu meiner Nacht als Vieltrinkerin gehörte) Rollladen herabgelassen, bis acht geschlafen.

Irgendwann wird mir die unterschiedliche Morgenbeleuchtung von St. Matthäus langweilig. Aber jetzt noch nicht.

Schon beim Aufwachen erwog ich die Möglichkeit, meine Schwimmpläne abzusagen und statt dessen mit Muße Erledigungen zu erledigen. Nach ein wenig emotionalem Hin und Her spürte ich vor allem Freude über die zusätzliche Zeit (statt Trauer und schlechtes Gewissen wegen der entgangenen Sport-Einheit), also machte ich das so.

Ich holte die Wochenend-Süddeutsche aus dem Briefkasten, schüttelte das Altpapier heraus – und erweiterte die Reihe “Kundenmagazine, die ich wirklich nicht habe kommen sehen”: Das Magazin der Bundesgesellschaft für Endlagerung.

Darin die Berichte über zwei Schulprojekte. Respekt für diejenigen, die irgendjemandem dafür Budget aus dem Kreuz geleiert haben.

Erledigungs- und Einkaufsrunde Schusterin, Tchibo, Vollcorner, Süpermarket Verdi – in dann doch endlich richtigem Herbst.

Nußbaumpark.

Theresienwiese.

Es war ein Samstag der Geschenke: Erst wollte die Schusterin fürs Zurecht-Dengeln einer drückenden Stiefel-Kante nichts haben, dann gab mir die Tchibo-Verkäuferin für die beiden bestellten Taschenschirme auch ohne Kundenkarte den Kundenkarten-Rabatt. Einfach so! (Einfach-so-Nettigkeiten sind besonders rührend.)

Kurz nach Mittag war ich in Neuhausen verabredet: Kaffeeundkuchen im Ruffini. Ich nahm die U-Bahn bis zum Stiglmaierplatz, denn diese Strecke ist nicht wirklich schön, spazierte von dort zu Fuß weiter.

Treffen mit einer Freundin, die viel auch beruflichen Kontakt nach Nahost hat. Wir waren uns einig in unserer Verzweiflung: Warum erkennen so viele Menschen nicht, dass der gemeinsame Feind Hamas ist? In meinem Fall auch Verzweiflung, wie ich in den vergangenen Jahren so blind gegenüber dem wachsenden Antisemitismus sein konnte (wie so oft mein verheerender Reflex “So blöd kann doch niemand sein!”).
Dann aber auch Neuigkeiten aus Familie und Beruf.
(Dazu Cappuccino, Zwetschgenstreusel, Rhabarberschorle.)

Zurück wollte ich denselben Weg nehmen, suchte dann aber schon an der Maillingerstraße Schutz in der U-Bahn vor dicken Regentropfen.

Zeitunglesen, Yoga-Gymnastik, zum Nachtmahl steuerte ich den Aperitif und die Vorspeise bei. Für Ersteres testete ich ein alternatives Cosmopolitan-Rezept, dieses mit Zitronen-Vodka. Den schmeckten wir über dem vielen Limetten-Saft allerdings nicht heraus, das nächste Mal verwenden wir ihn in unserem bisherigen Rezept. Ausnahmsweise gab es dazu nibbles (wie die Schwiegerfamilie sagt): Geröstete Nüsschen.

Für die Vorspeise kombinierte ich eine vermutlich allerletzte Ernteanteil-Tomate mit süßer Zwiebel.

Als Hauptspeise Quitten mit Lammhack nach Ottolenghis Rezept in Jerusalem (wir wohnen im Münchner südlichen Bahnhofsviertel ja in einem Ottolenghi-Kochbuch und bekommen Lammhack in vielen Süpermarkets und Metzgereien ums Eck). Im Glas ein spanischer Reserva aus Navarra, passte gut. Nachtisch Schokolade.

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Im Feuilleton der Wochenend-Süddeutschen interviewt Johanna Adorján die 102-jährige Margot Friedländer, Holocaust-Überlebende und rührige Zeitzeugin (leider nur gegen € zu lesen).

“‘Ich würde nie hassen wollen'”.

Das Interview endet so:

Glaubt Margot Friedländer daran, dass der Mensch lernen kann? Ist sie optimistisch, dass sich schließlich alles zum Besseren entwickelt? “Nein.” Ihre Antwort kommt schnell. “Nein. Leider nicht. Ich habe das gehofft, aber ich glaube es nicht.” Warum geht sie immer noch, mit über hundert Jahren, an die Schulen, redet vor Klassen, vor Politikern, hat jetzt an diesem Film mitgewirkt, gibt Interviews?
Sie guckt einen lange an. Und sagt dann: “Man muss es doch wenigstens versuchen.”

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In der dieswochenendlichen SZ-Kolumne von Kurt Kister (€) eine schöne Umschreibung von Survivorship Bias:

Die Möglichkeit, Wege, wenn auch gewundene, aus einer schwierigen Situation heraus zu finden, ist immer ein Privileg der Überlebenden im weitesten Sinne. Das Leben lässt sich schwer verbessern, wenn man tot ist.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 3. November 2023 – Kleinkunstkonzert / eine vertraute Stimme aus Israel

Samstag, 4. November 2023 um 9:38

Wieder eine Nacht mit dreimal Aufwachen – nicht wirklich belastend, aber zweimal weniger wären mir lieber.

Der Regen hatte aufgehört, auf dem Weg in die Arbeit war es nur noch grau und kalt (Mütze, Handschuhe).

Wieder ein Frier-Tag im Büro, ich beginne zu verstehen, warum die Kolleginnen auf dieser Seite des Gebäudes immer schon mit Teppich-artigen Umhängen hantierten. Jetzt kapitulierte ich dann doch, wir sind ja noch nicht mal im richtigen Winter, und bestellte einen Thermo-Rolli. Wenn der passt und sich gut anfühlt, bestelle ich in anderen Farben nach. Und ich werde Lust an und Freude über schöne Kleidung fürs Büro verlieren.

Um die Mittagszeit regnete es energisch, das macht weitere Wege zum Mittagscappuccino unattraktiv: Ich ging nur rüber zu Nachbars. Mittagessen: Je ein Apfel Nicoter und Pinowa, Quark mit Joghurt.

Pünktlicher Feierabend, denn ich hatte Pläne: In Ingolstadt gab es ein Konzert mit Familienbeteiligung, dafür hatte ich Herrn Kaltmamsell und mir Karten zurücklegen lassen.

Vom Hauptbahnhof nahmen wir im Regentröpfeln einen Bus in die Ingolstädter Innenstadt. Wir hatten uns für kurzes Abendessen vorm Konzert ein indisches Lokal empfehlen lassen, das Chai Roti in der Dollstraße, das bereits seit Jahren “Urban Food” anbietet. Es stellte sich als Volltreffer heraus: Einrichtung und Speisekarte weit entfernt vom Durchschnitts-Inder.

Ich bestellte auch hier das bei Madam Chutney in München entdeckte Pav Bhaji, bekam besonders schmackhaftes Gemüse, Herr Kaltmamsell hatte von den südindischen Spezialitäten Masala Dosa, einen gefüllten Reis-Pfannkuchen mit scharfer Gemüsesuppe (Samber) und Kokos-Chutney – hervorragend (wir tauschten nach der Hälfte Teller). Dazu zwei untypische Brote.

Wir spazierten zur Kleinkunstbühne Neue Welt, in meiner Jugend und bis 2016 eine Kleinkunstkneipe (dann mochte Wirt Walter „Woidl“ Haber nach 33 Jahren nicht mehr) – vermutlich die Wirtschaft, in die ich am häufigsten ausging (im cooleren Mo fühlte ich mich nie heimisch, außerdem gab’s in der Neuen Welt für erinnerte 5 Mark ein überbackenes Schinken-Käse-Brot auf der Basis einer mächtigen Scheibe vom Roggen-Laib, von dem man gut satt wurde).

Großes Hurra beim Wiedersehen mit gesamter Bruderfamilie (da die Kinder darin erwachsen werden und eigene Wege gehen, ist ihre Beteiligung nicht selbstverständlich) und meiner Mutter.

Das Konzert dauerte recht lang, wir standen erst deutlich nach halb elf wieder auf der Straße. Zum Glück checkte Herr Kaltmamsell die Zugverbindung, die ich für die Rückfahrt recherchiert hatte: Diese Regionalbahn um 23:36 Uhr, die letzte Deutschland-Ticket-Möglichkeit des Abends, war nämlich jetzt gestrichen. Wir besorgten rasch Karten für den kurz davor abfahrenden ICE und marschierten zackig zum Hauptbahnhof. Ich freute mich über die kalte frische Luft ohne Regen, am Hauptbahnhof hörten wir, dass der Grund für den plötzlichen Zugausfall “Reparaturen am Zug” waren – so wird das echt nichts mit der Verkehrswende.

Aber für mehr Geld kamen wir sogar früher in München an, Schlafengehen noch vor eins.

§

Wenn Sie Lila, die vor Jahrzehnten nach Israel ausgewanderte Jülicherin, wie ich über ihr Blog Rungholt kennengelernt haben, möchten Sie vermutlich ihr aktuelles Lebenszeichen lesen. Und von ihrem 7. Oktober.
“Guten Morgen, ihr Lieben,”

(Das war der Moment, in dem ich dann doch weinen musste.)

Lila war es, die mir vor über 15 Jahren den Kassam-Ticker im Web zeigte, an dem ich sehen konnte, wie viele der Boden-Boden-Raketen aus den Palästinensergebieten auf israelisches Territorium geschossen wurden, oft über lange Zeit täglich, fast immer mit Schäden für die Zivilbevölkerung bis zu Todesfällen. Deutsche Medien erwähnten sie nur, wenn Israel die Abschussrampen angriff – und das eigentlich nur indirekt, weil sie von “Vergeltungsschlägen für Raketenangriffe” sprachen und schrieben. Fast normale News-Mechanik, denn tägliche Kleinigkeiten sind halt uninteressant, das größere Abwehrereignis interessanter. Ich erinnere mich auch an Lilas Erleichterung, als das Abwehrsystem Iron Dome endlich griff.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 2. November 2023 – Ampel-Kybernetik und Karsten Dusse, Achtsam morden

Freitag, 3. November 2023 um 6:37

Die Nacht ein wenig zerstückelt, außerdem war der Schlaf zu früh zu Ende.

Auf dem Weg in die Arbeit (trocken, kühl, aber nicht kalt) fiel mir wieder auf, dass ich in letzter Zeit im Stadtverkehr auf vertrauten Strecken besonders viel renne: Um Grünphasen von Fußgängerampeln zu erwischen, von denen ich weiß, dass sie besonders kurz sind, die Rotphasen dazwischen aber besonders lang. Auch ein Symptom von Auto-zentrierter Verkehrsplanung – zumal ich den Verdacht habe (Prüfen durch Forschung erwünscht), dass dieser Rhythmus Fußgänger*innen verstärkt dazu verführt, einfach bei Rot zu kreuzen (es sind alles Übergänge mit reichlich Lücken im Autoverkehr). Weiterer Gedankengang: Worauf basieren die unterschiedlichen Konzepte von Fußgänger-Grün an Straßenkreuzungen? Ich kenne unter anderem aus England die Version, dass alle Fußgängerampeln einer Kreuzung gleichzeitig Grün anzeigen, das habe ich in Deutschland noch nie erlebt. Liest hier eine Ampel-Kybernetikerin mit?

Über den Tag sehr unangenehme Kreuzschmerzen, eigentlich im ganzen Unterleib, gern bemühtes Bild: Das Gefühl, mittendurch zu brechen. (Wenn die Gyn fragt, ob mir mein beachtlich großes Myom Probleme bereitet: “Woher soll ich wissen, ob die Unterleibschmerzen von den LWS-Bandscheiben, von der Hüfte, von Blähungen oder vom Myom herrühren?”)

Mittags holte ich wieder Äpfel auf dem Markt am Georg-Freundorfer-Platz, neben den saftigen Nicoter von der Vorwoche einige Pinova: Dunkles Fruchtfleisch, würzigere Süße – kann ich mir auch gut im Kuchen vorstellen. Mittagessen: Pumpernickel mit Butter, Granatapfelkerne mit Joghurt.

Nach Feierabend nahm ich für Besorgungen eine U-Bahn in die Innenstadt. Ich hatte mich auf einen Spaziergang und Schaufenstergucken gefreut, doch es regnete heftig und ich sah unterm Regenschirm beim Pfützenslalom wenig. Kaufhaus, Eataly, Norma.

Ich kam in eine leere Wohnung heim, Herr Kaltmamsell war verabredet. Häuslichkeiten, Yoga-Gymnastik. Als Abendessen machte ich den frisch geholten Postelein aus Ernteanteil an, wärmte den Rest Linsen mit Pasta vom Vorabend auf. Nachtisch Schokolade.

Achtsam morden von Karsten Dusse ausgelesen – was übrigens physisch ein bisschen anstrengend war: Die aus der Bibliothek heruntergeladene Datei war kaputt, zum einen zeigte sie keinen Lesefortschritt an (blieb immer auf 0%), zum anderen ging sie beim Öffnen nicht auf die zuletzt gelesene Stelle, sondern sprang immer zurück auf die Titelseite. Im musste mir also immer gut merken, welches das zuletzt gelesene Kapitel gewesen war; zum Glück gab es überhaupt Kapitel, diese zum Glück mit gut merkbaren Überschriften, und es gab anfangs ein Inhaltsverzeichnis, von dem aus ich in Kapitel springen konnte.

Bis zuletzt gefiel mir diese mindestens so gut perfide literarische Umsetzung der Achtsamkeits-Mechanismen und -Sprache wie die Tatortreiniger-Folge “Sind Sie sicher?”. Ein Anwalt, der in der Kanzlei, in der er arbeitet, mit großem Aufwand den Mafia-Mandanten betreut, wird von seiner genervten Ehefrau und Mutter seiner kleinen Tochter zum Achtsamkeits-Coach geschickt – und wendet das Gelernte auf seinen Beruf an. Mit tödlichem Ausgang für den Mandanten.

Vom Twitter-originellen Humor der Krimi-Komödie habe ich ja bereits geschwärmt, ich prustete immer wieder unvermittelt. Außerdem macht sich Dusse mit der Stimme seiner Hauptfigur Björn zwar über viele aktuelle gesellschaftliche Erscheinungen in Deutschland lustig, doch ohne sich darüber zu erheben: Der Erzähler ist Teil dieses Blödsinns.

Und ich mochte sehr, wie Figuren beschrieben werden. Zwar gibt es schon auch Klischees, doch dann tauchen auch solche Leute auf:

Sascha war neunundzwanzig Jahre alt. Er war nicht sonderlich groß, aber drahtig gebaut. Er wirkte verschmitzt, verschlagen und immer einen Tacken ungepflegt. Nicht dreckig, aber so, als sei er vor zehn Minuten aus dem Bett gesprungen, würde unter seiner Kleidung noch einen Superhelden-Schlafanzug tragen und müsste sich noch kämmen und die Zähne putzen.

Und ich weiß sofort, was er meint.

Zudem habe ich noch nie eine Folterszene mit so guter komischer Wendung gelesen. Einen gelungenen Auftritt haben auch: Der Schweigefuchs beim Mobster-Treffen, nützliche Drohnen und Kindergartenplätze als die wirkungsvollste Schwarzmarktwährung seit Zigaretten auf dem Berliner Alexanderplatz 1946.

Ich habe schon sehr lang keine so gelungene Unterhaltungsliteratur mehr gelesen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 1. November 2023 – Allerheiligen überm Tegernsee

Donnerstag, 2. November 2023 um 6:16

Yep, das war zu viel Alkohol am Vorabend gewesen, ich wachte trotz reichlich begleitendem Wasser mit Kopfweh und Kater auf. Und das wird wieder passieren: Wenn ich dann mal wirklich Lust auf Alkohol habe und die Gelegenheit, viele spannende Weine kennenzulernen, dann möchte ich das auch nutzen.

Für gestern hatten Herr Kaltmamsell und ich eine Wanderung geplant, weil erstens beide Zeit (das ist bei einem Vollzeit arbeitendem Lehrer an einem Feiertag nicht selbstverständlich), zweitens schönes Wetter angekündigt. Ausgesucht hatte ich den südlichen Tegernseer Höhenweg, weil der nicht allzu lang ist und wir ihn noch nicht im Herbst gegangen waren.

Wir nahmen einen Zug nach Tegernsee um elf, der sehr gut gefüllt war, manche mussten stehen. In Tegernsee ließen wir den Strom an Wanderer*innen vor, setzten uns erst noch auf einen Cappuccino in ein Café. Der tat mir wirklich gut: Nach starker Müdigkeit auf der Fahrt (der Kater) wurde ich jetzt munter. Die Landschaft war in diesem Licht und zu dieser Jahreszeit ein Genuss.

Blick nach Bad Wiessee und auf die Klinik, die mich nach der Hüft-TEP Reha-versorgt hatte.

Blick nach Rottach-Egern.

Eine Herde kleiner, sehr langzotteliger Rinder mit langen Hörnern, von denen einige die Hörner aneinander ausprobierten.

Kurz nach zwei Brotzeit in Rottach-Egern auf einem Bankerl an der Rottach: Ein Apfel und die Quarktasche, die ich frisch am Bahnhof gekauft hatte. Obwohl die erste Mahlzeit des Tages, war das zu viel gewesen, ich fühlte mich überfressen.

Gut zwölf Kilometer in gut drei Stunden.

Der Zug zurück nach München war schon 15 Minuten vor Abfahrt knallvoll, wir waren froh um bequeme und stabile Stehplätze. Doch ich hatte ja meine aktuelle Lektüre dabei, Achtsam morden von Karsten Dusse, und freute mich über die Gelegenheit, darin länger am Stück zu lesen. Ich bin immer noch ausgesprochen angetan, bei dieser Art Humor hätte man noch vor wenigen Jahren anerkennend gefragt: “Der ist doch bei Twitter!” Weil zumindest in meiner Timeline diese (vorgebliche) Weltsicht und Scherze typisch waren.

Daheim Häuslichkeiten und eine Runde Yoga-Gymnastik. Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch LINSEN, diesmal Beluga-Linsen mit Pasta.

Ganz köstlich. Nachtisch mit Herzen-Sterne-Brezen – die gehen ja nur in Dreier-Einheiten.

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Mayim Bialik versucht zu vermitteln, wie sie sich als Jüdin seit dem 7. Oktober fühlt, wie sich wahrscheinlich sehr viele Juden in den USA (und auf der ganzen Welt) fühlen, die erleben müssen, dass nach dem Hamas-Massaker Tausende Menschen in ihrer Heimat und an ihren Heimat-Universitäten die Auslöschung des jüdischen Volks fordern. Ich mag mir nicht ansatzweise vorstellen, wie das ist.
Hier ihr Video auf instagram.

via @eliyahhavemann

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 31. NovemberOktober 2023 – Trigonometrie mit Weinbegleitung

Mittwoch, 1. November 2023 um 9:21

Zu früh aufgewacht, ich nutzte die Zusatzzeit zum Nägellackieren.

Auch bei Regen freue ich mich am Ausblick aus unserer Wohnung. Unterm Schirm in die Arbeit.

Im Büro nach Langem mal wieder eine Tätigkeit, die mich in genau dem richtigen Maß forderte. Ich war so konzentriert, dass ich mich zum weiter entfernten Mittagscappuccino überreden musste, auch zum Mittagessen (Auberginenröllchen, Pumpernickel mit Butter, Granatapfelkerne – die in dieser Crowdfarming-Lieferung deutlich leichter zu pulen sind als in den vergangenen Jahren). Am Nachmittag war ich durch, fühlte mich wie nach einer besonders guten Sporteinheit.

Nach Feierabend marschierte ich auf direktem Weg nach Hause (und merkte, dass ich die Lieblingstweets/-tröts für Oktober vergessen hatte – wird halt Ende November eine Doppelfolge): Ich war mit Herrn Kaltmamsell zu feinem Abendessen auswärts verabredet, vorher wollte ich gerne noch eine Runde Yoga-Gymnastik turnen. Das klappte.

Ich hatte vor zehn Tagen einen Tisch im Pure reserviert: Stand auf meiner Liste mal zu probierender Restaurants, und auf die griff ich zurück, weil die Lokale, auf die wir eigentlich Lust gehabt hätten, für den Abend vorm Allerheiligen-Feiertag alle bereits ausgebucht waren.

Eine U-Bahn brachte uns schnell hin, wir sahen überraschend viele Halloween-Maschkerer.

Die Wirtsleute begrüßten uns herzlich, wir bestellten das 5-Gang-Menü aus der Chef’s Choice mit Weinbegleitung. Zum Einstieg gab’s ein Glas extrem trockenen Cava, die nächsten Stunden schlemmten wir.

Nachdem wir einander über die Ereignisse des Tages informiert hatten, inklusive Hintergrund aus den Tagen zuvor, sprachen wir lange über Mathematik. Mal wieder bedauerte ich, dass ich mich in der gymnasialen Unterstufe nicht ausreichend ins Üben und Lernen gehängt hatte, denn diese Grundwerkzeuge des Rechnens fehlten mir später, um in Mathe wirklich Spaß zu haben (ich war interessiert und hatte mittelgute Noten, scheiterte aber immer wieder daran, meinen Lösungsweg auch durchzurechnen). Und so wünschte ich mir spätestens zur Berentung eine*n Personal Trainer*in für Mathe: Jemand, die mir dieses Werkzeug draufschaffte und eintrainierte, um dann nochmal die spannensten Seiten der Trigonometrie und Algebra mit mir durchzuspielen. So weit entfernt zur Berentung kann ich mir auch vormachen, dass ich heute eher zu der geistigen Anstrengung bereit bin, die das kostet, als zu Schulzeiten.
(Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich daran, wie auf meinem ersten Flug in die USA 1992 ein US-amerikanischer Professor mir über ca. zwei Stunden die Chaostheorie erklärte, das muss ich mal genauer erzählen.)

Gruß aus der Küche war ein Bällchen Käse-Brandteig Gougères – wie auch viele andere Details von der servierenden Claudia De Luca liebevoll erklärt.

Zur geflämmten Lachsforelle mit Apfel, Kohlrabi, Radieschen, Buttermilch Dashi, Dill gab’s einen überraschend hellen und frischen Burgunder: Cardonnay „Les Saussots” Domaine Chavy-Chouet.

Die Entenbrust mit zweierlei Mais und fermentierten Pflaumen wurde begleitet von einem katalanischen Garnacha Familia Nin Ortiz – der sich als genau so untypisch herausstellte, wie er uns von Patrick Fischbacher angekündigt worden war: Ich hätte ihn blind eher vom Neusiedler See vermutet.

Mittlerweile erklärte mir Herr Kaltmamsell, der ein wenig beleidigt war, dass ich nicht ihn als Personal Mathe-Trainer engagieren wollte, Grundzüge und Nutzen der Trigonometrie, die Winkel zwischen Daumen und Zeigefinger nutzend. Übergang zu Kurvendiskussion via Sinus und Kosinus.

Zu Roggen-Schlutzkrapfen mit Spitzkrautfüllung, Fonduta, Spinat und Sultaninen bekamen wir aus der Magnum-Flasche einen ungewöhnlichen Italiener eingeschenkt: Die Cuvée 2016 Riné Cantrina aus der Lombardei bestand nämlich hauptsächlich aus Riesling, der den Geschmack auch dominierte.

Der Weinknaller des Abends hatte zum Hauptgang seinen Auftritt: Aus Kampanien kam Primalaterra von Azienda Agricola Salvatore Magnoni. So dicht und gleichzeitig leicht mit Kirsche, Lorbeer, Wacholder, Pfeffer und einem Blumenmeer in der Nase und am Gaumen (ich erinnere mich noch bis zum Schreiben jetzt an Geschmacksdetails) hatte ich schon lang nichts mehr getrunken.

Und er machte sich ganz ausgezeichnet zur geschmorten Lammkeule und Merguez mit Kürbiscreme, grünen Bohnen, Kumquat (super Kombi), Harissa-Jus.

Schon beim Reinkommen hatte ich die Vitrine mit hochinteressant aussehendem Käse registriert; zum Abschluss entschieden wir uns folglich für einen Käseteller mit Birnen-Chutney und Pain d’Espice (sehr würzig).

Im Glas dazu ein elsässischer Gewürztraminer Steingrubler, der sich in Kombination mit dem Käse wunderbar entfaltete.

Herr Kaltmamsell kämpfte bereits seit einiger Zeit mit schweren Augenlidern, wir schafften es aber noch gut zurück zur U-Bahn und nach Hause.

die Kaltmamsell