Journal Donnerstag, 7. September 2023 – Nachgeholte Jugend (Versuch)
Freitag, 8. September 2023 um 6:25Nach spätem Lichtaus (Buch wollte zu Ende gelesen werden) fast eine Stunde zu früh aufgewacht – ich konnte mir die resultierende Tagesmüdigkeit bereits ausmalen. Innen mehr düstere Wurschtigkeit – immer inklusive dem schlechten Gewissen, dass ich ja nicht allein lebe und automatisch den Mitwohner damit betreffe.
Wie angekündigt spannte sich mit Sonnenaufgang wieder strahlend blauer Himmel übers Draußen. Ich marschierte besonders zackig in die Arbeit: Da ich das Verhältnis der Grünphasen von Ampeln inzwischen kenne, versuchte ich alle bei Ankommen in Grün zu erwischen. So wurde mir trotz kurzer Ärmel und Sandalen warm. Ich musste auch nur zweimal ein bisschen rennen, was eigentlich in diesem Spiel als unelegant gilt. (Ich habe die Regeln nicht gemacht.) (Moment. Habe ich doch.)
Mittags schaffte ich es raus auf einen guten Cappuccino (herrliche milde Luft, wundervoller Sonnenschein – TRAUMWETTER), später gab es zurück im Büro Pumpernickel mit Butter, außerdem Trauben und eine Feige, die tatsächlich so saftig und reif war, wie ich beim Kauf erhofft hatte.
Mehr als emsige Arbeit (dazwischen ein höchst bereicherndes Gespräch über meine Japan-Ängste, japanische Kultur und japanische Emigrantinnen in München), das große Gähnen wegen zu wenig Nachtschlaf erfasste mich am frühen Nachmittag – als ich merkte, dass ich von der wirklich spannenden Info-Veranstaltung online nur profitierte, wenn ich nichts nebenher machte. Im Büro weiter Strickjackentemperatur.
Ich machte früh Feierabend, weil ich gestern beim Abholen des Ernteanteils einsprang, Herr Kaltmamsell war in Augsburg. Und jetzt war es draußen wirklich warm, allerdings immer noch nicht unangenehm in der Sonne.
Den Ernteanteil brachte ich nur schnell ins Kühle, den frühen Feierabend nutzte ich noch für einen Einkauf: Seit sich vergangenes Jahr abzeichnete, dass meine neue Kleidergröße nicht gleich wieder verschwinden würde, hatte ich mit dem Gedanken gespielt, ein Stück Jugend nachzuholen. Damals in den 1980ern war das ikonischste Jeans-Modell die Levis 501 (es gab, soweit ich weiß, nur ein Männermodell). Mit meiner Figur konnte ich sie nicht tragen – nicht dass mich das geschmerzt hätte: Zum einen fand ich Markenorientierung doof, zum anderen gab es genug andere schöne Kleidung und Jeans, in denen ich mir gefiel (die Jeans der Hersteller Edwin und Rosner zum Beispiel waren genau für meine damalige Figur geschnitten). Doch jetzt wollte ich gerne wissen, wie ich darin aussah.
Also spazierte ich in den Levis-Laden in der Sendlinger Straße und bat um eine 501 in Mittelblau, Herrenmodell. Die freundliche Angestellte schlüsselte das Größensystem für mich auf (ich lernte, dass nicht mal bei Jeans Männergrößen den Frauengrößen entsprechen). Ich probierte nur wenig herum und gefiel mir sehr gut in einer 501 – wollte zudem gar nicht mehr die Hände aus den rieeesigen Männerhosentaschen nehmen (die der Damenmodelle sind etwa ein Drittel so tief). Dazu kaufte ich gleich noch das in meinem Kopf ebenso ikonische weiße T-Shirt, selbstverständlich ebenfalls das Herrenmodell.
Zu meiner Überraschung gefiel mir das Outfit ohne Gürtel besser. Die neuen Turnschuhe waren am Mittwoch eingetroffen – fast hätte ich ein Stück Jugend wiederholt und die weißen Lederturnstiefel von Puma bestellt, die ich mit 16 nach nur wenigen Wochen Tragen in einem Hotel vergessen hatte.
Herr Kaltmamsell hing in einem Oberleitungsschaden fest (der es sogar in die 20-Uhr-Tagesschau schaffte), ich hatte noch gut Zeit für eine Maschine Wäsche und eine Runde Yoga-Gymnastik (noch eine Einheit mit Tim).
Als Herr Kaltmamsell heimkam, gab es Salat aus Ernteanteil-Ruccola und -Tomaten, dazu Reste vom Vorabend: Kohlrabi-Salat, Hummus, Käse. Nachtisch Schokolade.
Neue Lektüre: Am Mittwochabend war das Gespräch auf die Autorin Jenny Erpenbeck gekommen, ich erinnerte mich daran, dass eines ihrer Bücher auf meiner Merkliste stand. Es stellte sich heraus, dass ihr Geschichte vom alten Kind sogar das Buch war, das am längsten auf meiner Amazon-Wunschliste stand, auf der ich seit vielen Jahren meine Lesewünsche sammle. Das E-Book zu kaufen (die Stadtbibliothek führte es nicht) und damit von der Liste zu löschen, war sehr befriedigend.
Im Bett las ich die ersten Seiten und war gleich angetan von der nicht-realistischen Sprache und Erzählweise.
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Ansonsten rücke ich in diesen Tagen des Aiwangers schon wieder ein Stück nach links, ohne mich überhaupt bewegt zu haben.
Dabei lebt er noch nicht mal in Bayern. Das Gefühl, das Maximilian Buddenbohm in seinem gestrigen Blogpost beschrieb, habe ich seit ein paar Jahren: Dass mein schlichter Realismus (Ernstnehmen von wissenschaftlicher Bewertung der Klimakatastrophe) und konservativer Anstand (Festhalten an Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten) mich nach Linksextrem schiebt, ohne dass ich irgendwohin gehe.
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Jens Scholz ordnet auf Mastodon einen scheinbaren Widerspruch in rechtsextremer Grundeinstellung ein:
die Kaltmamsell










































