Journal Sonntag, 20. August 2023 – Kühle Schluchten an heißen Tagen

Montag, 21. August 2023 um 6:25

Wieder ein freier Tag mit Weckerwecken: Ich war mit einer Freundin zum Wandern verabredet, sie hatte diese Tour “Durch den Teufelsgraben ins Mangfalltal” ausgesucht. Vorher nahm ich mir noch die Zeit für gemütlichen Balkonkaffee zum Bloggen, während die Sonne über die Dächer der Stadt kam – und die Ausläufer einer Partynacht im Park mit lauten Gesprächen die Morgenstille durchschnitten.

Gründliche Sonnencremung, im Rucksack extra viel Wasser, Schirmmütze, Sonnenbrille zum Schutz gegen den angekündigten heißen Tag.

Startpunkt unserer Wanderung war der S-Bahnhof Kreuzstraße (seltsamer Ortsname, ich lernte erst vor Kurzem, dass das eben kein Straßenname ist). Wegen der derzeitigen Sperrung der S-Bahn-Stammstrecke trafen wir uns um neun an der Donnersbergerbrücke, um mit Regionalbahnen und einmal Umsteigen dorthin zu kommen.

Schon den Weg dorthin durch den Hochsommermorgen genoss ich sehr.

Augustinerbrauerei von hinten.

Zum ersten Mal seit Eröffnung über den Arnulfsteg für Fuß- und Radverkehr.

Es wurde eine wundervolle Wanderung, der feuchte Schatten der Schluchten und an der Mangfall war ideal für den gestrigen heißen Tag. Lediglich der letzte Abschnitt des Rückwegs, der nur auf Straßen, am Ende gar auf Landstraße und ohne Sonnenschutz führte, war nicht ideal – bei einer Wiederholung würde ich vermutlich für den Rückweg einfach dieselbe schöne Strecke wie hinzu nehmen, schließlich wirkt ein Weg aus verschiedenen Richtungen ganz unterschiedlich. Außer uns waren einige weitere Wanderleute unterwegs, auch ein paar Mountainbikern mussten wir ausweichen.

An einer Stelle mussten wir uns quer durch den Wald schlagen: Umgestürzte Bäume hatten den eigentlichen Pfad direkt an der Mangfall verstellt, wir konnte nicht mal die Fortführung des Wegs jenseit des Hindernisses erkennen. Doch er ging weiter, nachdem wir die Stelle den Hang hinauf umklettert hatten.

Nach zweieinhalb Stunden kehrten wir im wunderschönen Biergarten der Maxlmühle ein, ich trank ein kühles und erfrischendes alkoholfreies Weißbier. Die Speisekarte sah sehr attraktiv aus (allerdings Wirtshaus-typisch fleischbetont), um uns herum wurde unter der weitest ausladenden Kastanie, die ich jemals gesehen habe (die alten Äste gestützt durch Holzsäulen) zu Mittag gegessen. Auch hier zeigte sich der Personalmangel in der Gastronomie (wie in allen anderen Branchen – wo sind die Leute?): Großes Schild am Eingang, das um Verständnis für weniger Sitzplätze bat, in der Speisenkarte um Verständnis für Wartezeiten aufs Essen – dabei war der Service ganz besonders herzlich und aufmerksam.

Geboten wurden auf der Wanderung neben Schatten, saftiger Flora und Landschaft aufregende Tiersichtungen, die Freundin hatte gestern einen besonders guten Blick dafür: Eine kleine Schlange/Schleiche im Zufluss zu einem Kanal, drei Frösche auf dem Weg – der Knaller waren allerdings die ersten Tiere, die uns kurz nach Start entgegen kamen:

Yep, in dieser Gegend hat’s Kamele.

Die Mangfall.

Mehr Mangfall.

Einer von drei gleichen Fröschen auf dem Weg – Braunfrosch?

Zurück in Kreuzstraße setzten wir uns in die kühle, bereits wartende S-Bahn – sie fuhr zwar erst eine halbe Stunde später, doch mangels Mobilfunknetz fanden wir nicht heraus, ob eine Regionalbahn uns früher nach München bringen würde. Hätte sie, wie wir sahen, aber wir saßen gut und hatten einander noch genug zu erzählen.

Heimweg über Neuperlach Süd, Umstieg in die U-Bahn, zu Fuß vom Stachus nach Hause. Ich freute mich über die wohltemperierte Wohnung und eine ausgiebige Dusche. Gegen den Hunger einen schnellen Eiweißriegel eingeschoben; um halb fünf war es sogar mir zu spät für Frühstück, und ich wusste ja, dass ein gutes Abendessen auf mich wartete.

Ein paar Kleidungsstücke gebügelt für die vermutlich letzten heißen Sommertage (ab Freitag soll’s kühl werden), eine Runde Yoga-Gymnastik.

Das gute Abendessen war Rachel Roddys Picnic Pie mit Mangold aus Ernteanteil (halbe Menge, Teig mit Olivenöl, Füllung ohne Pancetta weil unnötig, mit Ricotta statt der Ei-Option) – ausgesprochen köstlich und befriedigend. Nachtisch Eiscreme und Gummibärchen.

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Sehr schönes Foto des Saltdean Lido (der bei unserem Besuch im Juli noch nicht ganz fertig restauriert war) – und die Hintergrundgeschichte.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 19. August 2023 – Vergessener Familien-Pfiff

Sonntag, 20. August 2023 um 7:20

Beim zweiten Klogang hätte ich eigentlich noch 45 Minuten bis Weckerklingeln (weil Pläne) gehabt, doch ich sah, dass mich die Waschmaschine mit ihrem Fertig-Piepen eh wahrscheinlich in 10 Minuten wecken würde – da legt ich mich nicht nochmal hin.

Lohn war ein gemütlicher Morgen trotz Plänen, nämlich mittäglichem Grillen bei meinen Eltern: Sie feierten 40 Jahre Einzug ins eigene Haus. Nach dem Wäscheaufhängen also Morgenkaffee auf dem Balkon mit aufgehender Sonne und schön frischer Luft. Früher als geplant war ich lauffertig und freute mich sehr auf eine Runde an der Isar.

Ich radelte auch diesmal an die Wittelsbacherbrücke, beim Start der Lauferei war es erst acht. Ich bekam herrliche Sommermorgendüfte, wunderschönes Licht, leichtfüßiges Laufen.

Keine Fotos vom idyllisch ausgeleuchteten Flaucher: Dort lagen bereits kurz nach acht die Nackerten auf den Kiesbänken. (Gibt es noch eine Großstadt, in der “die Nackerten” eine eigene Bevölkerungsgruppe darstellen? Habitat in München: Englischer Garten und Kiesbänke der Isar.)

Ich schaffte es, mich auf 75 Minuten Lauf zu beschränken, radelte nach dem Dehnen munter und schmerzfrei heim. Gemütliches Fertigmachen, nach Ingolstadt brachte uns ein gut gekühlter und pünktlicher Regionalzug, Lektüre der Wochenend-Süddeutschen.

Es war ein richtig heißer Sommertag, an dem ich jede Sonne mied. Bei meinen Eltern wurde in kleinerem Familienkreis (meine Schwiegers, Bruders Schwiegermutter) gegrillt; den Posten am Grill übernahm erstmals Herr Kaltmamsell, damit meine Eltern sich um ihre Gäste kümmern konnten. So gab es Sardinen, Garnelen, Pulpo, Lammkoteletts, Schweinefilet, dazu Sößchen, gutes Brot, Kichererbsensalat, Salat aus grünen Bohnen. Im Glas erst Aperol Spritz, dann spanischer Weißwein (ein Verdejo aus Rioja).

Kurz vor unserem Aufbruch in München hatte ich auf Mastodon diese Meldung gelesen:

Ja, hatten wir (Vater-Mutter-Bruder-ich) auch: Drei Töne, nämlich Grundton, Quint nach oben, dann Terz nach unten. Darüber rief mein Vater zum Beispiel im Supermarkt nach uns, aber auch sonst, vor allem im Urlaub – fand ich immer sehr praktisch zur Orientierung. Ich nutzte gleich die Gelegenheit des gestrigen Besuchs bei meinen Eltern, um sie danach zu fragen.

Leider stellte sich heraus, dass mein Vater sich nicht daran erinnerte – und meine Mutter informierte mich, dass sie sich diesen Familien-Pfiff verbeten habe: Sie sei so erzogen worden, dass Pfeifen etwas Unanständiges sei.

Herr Kaltmamsell verbindet mit Familien-Pfiffen lediglich die Trapp-Familie. Hat hier sonst noch jemand einen eigenen Pfiff in der Familie?

Rückweg wieder durch große Hitze zu Fuß, in klimatisierter Regionalbahn (restliche Wochenend-SZ, Roman), letztes Stück in München durch große Hitze.

Der Hopfen steht gut!

Daheim Abkühlen (wir hatten vorm Verlassen der Wohnung alle Jalousien herabgelassen und nur Fenster in den Innenhof gekippt), dann turnte ich eine Folge Yoga-Gymnastik.

Sogar Abendessen gab es noch! Ich machte aus Ernteanteil-Aubergine Baba Ganush, aber mit Haselnussmus statt Tahini (kann man sehr gut!), Herr Kaltmamsell antipastierte die Zucchini aus Ernteanteil mit einer roten Chili. Dazu Brot, danach Pfirsich und Schokolade.

In der letzten Dämmerung auf dem Balkon nach Fledermäusen Ausschau gehalten – in kurzer Zeit gleich mal vier gesehen.

Auf Bluesky bin ich jetzt also auch, ebenfalls als Kaltmamsell. Bislang nicht sehr aktiv, weil ich mich auf Mastodon gut eingerichtet habe. Einen Invite Code hätte ich aber zu vergeben, möchte jemand? Ist vergeben!

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 18. August 2023 – Gedanken zu mehreren Büchern

Samstag, 19. August 2023 um 7:23

Mir waren am Vorabend früh die Augen zugefallen, aufgewacht nach einer mittelruhigen Nacht eine halbe Stunde vor Weckerklingeln.

Ich marschierte früh in die Arbeit, Himmel eher bewölkt. Doch über den Vormittag setzte sich der Sonnenschein durch.

Nach Langem mal wieder einen Flüssig-Lippenstift aufgetragen, der nicht “superstay” war: Verdutzung beim deutlichen Abdruck auf dem Rand der Teetasse.

Mittagscappuccino an neuem Ort: Ich hatte das Café Colombo angesteuert, doch schon von Weitem an der fehlenden Außenbestuhlung gesehen, dass es geschlossen war. Doch es gibt ja in drei Ecken dieses großen Wohngebäudes mit Innenhof Cafés, ich kehrte in das ein, das ich noch nicht kannte: Die Leckerei.

Überdurchschittlich guter Cappuccino.

Mittagessen später am Schreibtisch: Tomate und Pfirsich, Pumpernickel mit Butter, Banane. Draußen entstand ein heißer Sommertag, doch durch die kühlen Nächte blieb weiterhin der Aufenthalt im Schatten gut erträglich.

Pünktlicher Feierabend, über Einkäufe inklusive Supermarktblumen nach Hause. Dort wieder meine Runde Yoga-Gymnastik – ich merkte (auf Yoga: “nahm wahr”), dass unter der selbst auferlegten Täglichkeit die Freude daran leidet: Manchmal bin ich einfach nur froh, dass es rum ist. Nach diesen 30 Tagen kehre ich sicher wieder zurück zum vorherigen Modus: Immer wenn ich mag, also vier bis fünf Mal die Woche.

Aber jetzt war erstmal Wochenende. Herr Kaltmamsell hatte zum Aufbrauchen des Erdbeer-Gins nochmal Erdbeeren besorgt.

Aufenthalt auf dem Küchenbalkon nur fürs Foto, erst zwei Stunden später hatte es draußen genug für offene Fenster abgekühlt. Große Eiskugeln aus den Formen, die mir mein Bruder mal geschenkt hat – und die ich genau für diese Gläser sehr schätze.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell ein Rezept aufgegriffen, das ich ihm wie so manche andere aus Interesse zugeworfen hatte: Frische Makrele in Saor, also auf venezianische Art. (Wir hatten uns gegen das übliche Freitagsfleisch entschieden, weil es am Samstag bei meinen Eltern große Mengen gegrilltes Fleisch geben würde.)

Das Süßsaure, die Rosinen und die Pinienkerne passten wunderbar zur Makrele. Dazu gelbe Tomaten aus Ernteanteil mit Olivenöl und Wurzelbrot vom Zöttl. Im Glas der Rest Elbling Karl Sonntag von der Mosel, den Herr Kaltmamsell fürs Rezept verwendet hatte und an dessen Geschmack ich mich von meiner Mosel-Wanderung erinnerte. (Passte aber gar nicht zum Gericht.)

Als Nachtisch gab’s die restlichen Erdbeeren, Schokoladeneis, Eierlikör. Und noch Schokolade.

Früh ins Bett, um Josephine Tey, The Daughter Of Time weiterzulesen. Ich bin begeistert und kann als Freundin guter Erzählstruktur nachvollziehen, dass laut Wikipedia die englische Autorenvereinigung Crime Writers’ Association das Buch zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt hat.

Glück oder geschicktes Filtern? In den vergangenen Jahren meines Online-Lebens habe ich praktisch nie Aufrege-Wellen auf instagram/Twitter/Mastodon mitgekommen – immer nur Posts und einander bestätigende Diskussionen, die sich über diese Aufrege-Wellen aufregten. (Die nerven schon genug.)

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Der Lokalteil der gestrigen Süddeutschen enthielt eine schöne Reportage über den Nudelschleuderer in “Max’s Beef Noodles” bei uns ums Eck.
“Kneten, falten, ziehen”.

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Zwar schon vor über einer Woche ausgelesen, hier nachgeholt die Besprechung von Julie Orringer, The Flight Portfolio (der dominante Titel Transatlantic auf dem Cover meiner Ausgabe bezieht sich auf die Netflix-Verfilmung).

Der Roman spielt 1940 in Marseille, im Mittelpunkt die historisch belegte Figur Varian Fry: Der US-Amerikaner war damals mit 3.000 Dollar und einer Liste von Künstlern und Schriftstellern dorthin geschickt worden, darunter Max Ernst, Marcel Duchamp, Marc Chagall, um ihnen zur Flucht vor den Nazis zu verhelfen. Schauplatz und historischer Hintergrund zogen mich an, ich kenne viele Flucht-Geschichten dieser Zeit aus der Literatur.

Und ich las den recht dicken Roman durchaus gerne, wollte immer wissen, wie es weiterging. Aber. “Überorchestriert” ist ein Begriff, den ich von einer Jury beim Bachmannpreislesen gelernt habe und hier anwende: In diesem Fall mal zu viele Streicher, nämlich für die zentrale Liebesgeschichte – ich glaube nicht so ganz, dass ein Anfang-30er bei der Wiederaufnahme seiner Beziehung zur College-Liebe über Monate dermaßen emotional außer Kontrolle gerät. Und mal zu viel Blech, nämlich bei der Dramatisierung der Flüchtlingsgeschichten: Sie sind meiner Ansicht nach selbst bei lakonischem Erzählen dramatisch genug (wie unter anderem Friedrich Torberg bewiesen hat). Immer wieder war ich erinnert ans Gucken der 20-Uhr-Tagesschau, wenn Constantin Schreiber die Nachrichten spricht und jede Meldung durch Theater!Betonung! dramatisiert. Überorchestriert meiner Meinung nach auch der Gesamtklang: Die beiden Themen Rassismus und Ausgrenzung Homosexueller in den USA sprengen die ohnehin große Fülle des Romans.

Gleichzeitig störten mich immer wieder unnötige Füllsätze, die den Verdacht erweckten, Orringer sei nach Zeile bezahlt worden. Zum Beispiel wiederholt so oder ähnlich:

Here was the moment they had known would come, the one that had nonetheless seemed infinitely postponable.

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Am Donnerstag ausgelesen: Die aktuelle Ausgabe Granta 164, Last Notes. Einige Texte darin berichten aus dem Kriegsgeschehen in der Ukraine – ich ließ mich auf die Lektüre ein, auch auf die von der Front und aus Krankenstationen mit Kriegsopfern (die ich in Zeitungen meide, weil sie mich überlasten – anders als rein faktenorientierte Berichte). Und ließ ich zu, dass mich nochmal der Schock packte, dass diese Szenarien eines traditionellen Kriegsgeschehens, die ich (bei uns!) als historisch und überwunden annahm, eine zeitgenössiche Neuauflage erfahren, inklusive zeitgenössischen Details, dass man Kriegsversehrte in medizinischer Behandlung vor Fotoapparaten und Filmkameras schützen muss.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 17. August 2023 – Wettschwimmen gegen ein Gewitter

Freitag, 18. August 2023 um 6:11

Wieder hatte es über Nacht herrlich abgekühlt (längere Nacht, kürzere Sonnenzeit), ich stand zu frischer Luft auf.

Zu meiner Erleichterung hatte ich nach dem letzten Zwischen-Aufwachen noch guten Schlaf bekommen: Ich war mit Schuldgefühlen und belastetem Gemüt aus einem Traum gekommen, in dem ich schon wieder ordentlich was ausgefressen hatte. Diesmal hatte ich den großen Hund meiner jungen AirBnB-Vermieterin ohne ihr Wissen einfach mitgenommen und war mit ihm ins Meer Baden gegangen – wo der Hund nicht nur verbotenerweise Fische gejagt und gefressen hatte, ich hatte ihn danach auch noch verloren. Und suchte vor dem Aufwachen im ganzen Haus nach dieser Hundebesitzerin, um ihr das alles zu gestehen.
(Einen Hintergrund des Traums kenne ich: Wir hatten am Montag an einem Ammersee-Strand am Ende unserer Wanderung beobachtet, wie eine Frau auf Italienisch aufgebracht ihrem Hund hinterhergerufen hatte, der ins Wasser gestürzt war, um eine Ente zu jagen – die Ente natürlich komplett unbeeindruckt, sie vergrößerte den Abstand zum Hund einfach durch eine Flug-Einlage.)

Erfreulicher Marsch in die Arbeit wieder in Sommerferienlicht.

Gemächliche Arbeit und Arbeitsplanung. Meinen Mittagscappuccino nahm ich in der Nachbars-Cafeteria, als Mittagessen gab’s Bananen und Quark mit Joghurt – ich hoffte auf leichte Verdaulichkeit, denn ich hatte Schwimmzeug dabei, ums nochmal früh zu einer Schwimmrunde ins Dantebad zu versuchen.

Als ich kurz nach Kernzeit um drei das Bürogebäude verließ, rief ich einem Kollegen triumphierend zu: “Ich geh jetzt ins Freibad!” Woraufhin er hinter mich auf den Himmel deutete: “Es sind Gewitter angesagt, da hinten türmen sich schon die Wolken.” Ich sah mich um – er hatte recht.

Egal, ich würde die Schwimmeinheit zumindest versuchen.

Mit der U-Bahn zum Westfriedhof, im Stechschritt eilte ich zum Dantebad. Als ich auf der wenig genutzten Schwimmbahn loslegte, schob sich tatsächlich eine riesige, dunkle, an den Rändern ausgefranste Wolke vor die Sonne. Ich begann, innerlich mit dem Wetter zu feilschen: “Na komm, zumindest 1.200 Meter. Oder sogar 1.400? Ich würde mich so freuen!” Doch es wurde dunkler und dunkler, ich erwartete jeden Moment die Durchsage, dass das Bad wegen Gewitters geschlossen werden müsse.

Doch als ich bei einer Wende wieder hochsah, hatte die Wolke ein deutliches Ende, hinter dem die Sonne durchblinzelte – sie verzog sich! Die zweite Hälfte meiner 3.000 Meter schwamm ich in Sonnenschein, legte vor lauter Freude gleich noch zwei Runden drauf. Ha!

Als ich das Becken verließ, kamen Wolken allerdings von allen Seiten des Horizonts, ich duschte mich schnell und sah zu, dass ich nach Hause kam. Als ich am Sendlinger Tor aus der U-Bahn an die Oberfläche kam, war der Himmel völlig bedeckt.

Ich turnte meine Yoga-Folge, passend zur vorher absolvierten Schwimmeinheit wurde vor allem geatmet und gedehnt.

Zum Nachtmahl verarbeitete ich aus dem eben abgeholten Ernteanteil Eichblattsalat, Rucola und wunderbar aromatische gelbe Tomaten zu einer Schüssel Salat. Zu schwarzem Himmel, Donnergrollen und ersten Tropfen gab es noch Plattpfirsiche und Süßigkeiten.

Früh ins Bett, um den nächsten Roman anzufangen: Josephine Tey, The Daughter Of Time ist von 1951 – hatte ich ausgesucht, weil darin ein zeitgenössischer Inspector, der sich auf dem Krankenbett schrecklich langweilt, versucht, die mutmaßlichen Verbrechen von König Richard III. aufzuklären.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 16. August 2023 – Migränevermeidungsvermutung

Donnerstag, 17. August 2023 um 6:26

Bitte um Entschuldigung: Hatte einen Entwurf des Posts versehentlich schon Mittwochabend veröffentlicht und damit den RSS-Feed ausgelöst.

Der Wecker für die Arbeit klingelt jetzt bereits wieder im fast noch Dunklen. Der Regen vom Vorabend und in der Nacht hatte die Luft deutlich abgekühlt, so ging ich durch einen frischen Morgen ins Büro.

Mittagscappuccino bedeutete gestern viel Rennens: Ich hatte das Notting Hill auf der Theresienhöhe angesteuert, doch es war geschlossen (eine Alternative hatte ich bereits auf dem Weg in die Arbeit als geschlossen erkundet). Also weiter zum Stray. Unter wolkenlosem Himmel ging ich bereits lieber nur im Schatten.

Meine Arbeit tat ich gestern geradezu fröhlich: Es war nichts Belastendes dabei (und ich bin wirklich leicht zu belasten), und es gab genug zu tun für Tüchtigkeitsgefühl.

Spätes Mittagessen: Apfel, Pumpernickel mit Butter.

Auf dem Heimweg, es war wolkenlos sonnig und sehr warm, aber im Schatten erträglich: Einkäufe im Vollcorner, Obst, Milch, Trockenobst.

Daheim erstmal bei Einkäufe-Auspacken und Verräumen von getrockneter Wäsche entschwitzt, dann die gestrige Folge Yoga-Gymnastik.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Aubergine und Lauchzwiebel aus Ernteanteil mit Tofu und Reis chinesisch – köstlich.

Beim Kontakt mit der verreisten Bruderfamilie bemerkte ich, dass ich meiner Smartphone-Autokorrektur offensichtlich das Wort “Uralub” beigebracht habe, und mehr kann man in einem Digitalleben kaum erreichen.

Vielleicht ist es Ihnen schon aufgefallen, mir zumindest ist es sehr bewusst: Seit fast einem Jahr hatte ich keine Migräne-Anfälle. Vor dem damaligen hatte ich über die zwei Jahre ohne Migräne gescherzt, die neue Hüfte habe meine Migräne vertrieben, weil Hüft-TEP und Beginn der Migränefreiheit koinzidierten (merke: Koinzidenz ist nicht gleich Kausalität). Doch eine weitere Koinzidenz ist: Während der paar neuerlichen Migränen vergangenes Jahr hatte ich meinen Blutdrucksenker vorübergehend abgesetzt, denn die damaligen Messungen hatten einen ziemlich niedrigen Blutdruck gezeigt, und ich hatte den Eindruck, er sei überflüssig.

Ich kehrte dann doch wieder zu Medikation zurück – seither keine Migräne mehr. Erst gestern sah ich mal nach, eigentlich spaßeshalber, ob diese Koinzidenz einen medizinischen Hintergrund haben könnte, und googlete “Migräne Blutdrucksenker”. Stellte sich heraus: Ja.
“Candesartan: die Off-label Alternative zur Migräneprophylaxe für Hypertoniker”.
Genau das ist einer der beiden Wirkstoffe meines Blutdrucksenkers.
“Migräneprophylaxe mit einem Angiotensin-Rezeptorenblocker.”
“Migräne: Candesartan als Alternative zu Betablocker”.

Alle drei Artikel beziehen sich aber auf dieselbe norwegische Studie von 2003 – mit einem übersichtlichen Kreis an Probanden. Ich konnte keine Wiederholung der Studie zur Überprüfung finden.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 15. August 2023 – Vergewitterter Freibadtag

Mittwoch, 16. August 2023 um 6:31

Gestern ließ ich mich ausschlafen – und schaffte tatsächlich über acht Stunden. Pläne (für mich einzeln) für den Feiertag hatte ich schon, versuchte mir aber einzureden, dass ich nichts davon musste.

Nach einem weiteren angenehmen Balkonkaffee in Sommerferienluft stimmte ich Verabredungen für die kommenden Wochen per Telefon, WhatsApp, E-Mail ab, machte mich dann fertig für eine Laufrunde, die ich wirklich, wirklich klein halten wollte. Um halb zehn heizte die Sonner bereits unangenehm, ich radelte zur Wittelsbacherbrücke und lief von dort Richtung Thalkirchen so konsequent wie möglich im Schatten. Dadurch kam ich auf andere Wege als sonst: Schatten hieß auch weniger Aussicht, das ermöglichte aber ruhigen Gedankenfluss. Es waren besonders viele Läufer*innen an der Isar unterwegs, allerdings, fiel mir gestern auf, vor allem junge Menschen – bislang war ich nur die langsamste Läuferin an der Isar, jetzt werde ich auch die älteste.

75 Minuten Laufzeit waren 15 über leichte Schmerzen hinaus (hamstrings, für die es kein griffiges deutsches Wort gibt, sondern nur Umschreibungen wie hintere Oberschenkelmuskulatur und angeblich “Ischiocrurale Muskulatur” – noch nie gehört), doch über den Tag spürte ich nichts mehr davon.

Weiterer Plan war Freibad, und zwar das wunderschöne Naturbad Maria Einsiedel (aka Einzelbad). Herr Kaltmamsell nahm mein Angebot an mitzukommen. Wir cremten uns daheim nackig gründlich mit Sonnencreme ein, nach ein paar Minuten Einziehen Freibadkleidung drüber.

Radeln nach Süden an der Isar entlang unter vielen, vielen anderen Menschen. Vorm Freibad ergossen sich die geparkten Räder 100 Meter die Straße entlang, aber meine Erfahrung bewahrheitete sich auch diesmal: An den offiziellen Radständern beim Eingang war noch Platz.

Nach Ausbreiten von Decken und Handtüchern auf der sehr gut besuchten Wiese war mir sehr heiß, ich testete gleich mal die Wassertemperatur im Kanal: Wundervoll kühl. Wie erwartet waren die Brombeeren reif, deren Dornenbüsche ein paar Meter Uferbegrenzung des Kanals bilden. Ich pflückte und naschte im kühlen Wasser stehend, fühlte mich Schlaraffenland-artig dekadent.

Das Isarwasser im Kanal hatte gestern eine trübe und rotbraune Färbung, das war mir bereits beim Laufen am Morgen aufgefallen: Es wird an einem lehmigen Ufer flussaufwärts stark geregnet haben. Weitere Nachrichten aus dem Einzelbad: Die Verpflegung ist gerade mühsam, das eigentliche Kiosk-Gebäude ist geschlossen (laut Website “aufgrund eines Pächterwechsels und damit verbundener Umbaumaßnahmen”). Gestern war ein Bratwurststand in Betrieb, allerdings erst ab 14 Uhr und mit einer viele Meter langen Schlange. Es scheint ratsam, Brotzeit selbst mitzubringen. Hinterm Schwimmbecken sah ich noch eine Eisbude.

Ich ließ mich in der Sonne trocknen, hörte Musik. Gerade als ich nochmal den Kanal runtergeschwommen war und beim Frühstück (Apfel, Pumpernickel) zu trocknen begann, wurde der Himmel sehr schnell sehr dunkel. Eine Durchsage informierte, dass für die nächsten beiden Stunden Gewitter angekündigt seien und man im Gewitter-Fall das Bad schließen werde (aus zweiter Hand, ich hatte nichts außer “Gewitter” gehört, weil Musik auf den Ohren, Herr Kaltmamsell informierte mich). Nach nur gut zwei Stunden Aufenthalt packte ich also schon wieder zusammen, da bekomme ich ja schon bei Schwimm-Besuchen in Münchner Bädern mehr Zeit fürs Eintrittsgeld. Ich radelte recht flott heim, erwischte erste Regentropfen.

Hochsommerbeweis: Nach dem Duschen daheim hatte ich nicht das Bedürfnis, meine Haare trockenzuföhnen (Sie erinnern sich an meine Obsession, dass nasse Haare bei mir SOFOCHT Lungenentzündung hervorrufen?), weil mir die Verdunstungskälte wichtiger war.

So saß ich dann mit nackten Beinen auf dem wohltemperierten Balkon, vor dem sanft der Regen in Linde und Ahorn rauschte, fühlte mich wohl. Zwar gedachte ich mitfühlend der Menschen, deren lang herbeigefreute Draußenpläne dieser Regen verdarb, doch runterziehen lasse ich mich dann wieder, wenn es mir passiert. Dass daraus zwei Stunden Landregen wurden, freute mich als SoLawi-Genossenschaftlerin noch mehr.

Nachdem ich zum Wäscheaufhängen reingegangen war, zog es mich allerdings nicht mehr zurück auf den Balkon. Ich turnte die nächste Folge Yoga-Gymnastik.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell (alles aus Ernteanteil): panierte Kohlrabi-Schnitzel (gut!), neue Kartoffeln aus dem Ofen, dazu Chinakohl-Kimchi, Rhabarber-Ketchup. Nur die Majo, die ich so gerne zu Paniertem und knusprigen Kartoffeln mag, war fertig gekauft.

Zum Nachtisch stellte ich die restlichen Blaubeeren mit Stracciatella-Eis und Schlagsahne zusammen.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 14. August 2023 – Dritter St. Brück des Jahres mit Hochsommerwanderung

Dienstag, 15. August 2023 um 8:35

Auch an diesem Brückentag (yay!) vorm bayerischen Feiertag Mariä Himmelfahrt1 ließ ich mich von Weckerklingeln wecken: Wir wollten mal wieder von Tutzing nach Herrsching am Ammersee wandern und möglichst noch vor der Hitze los. Ich hatte mir diesen Werktag zum Wandern erbeten, weil ich auf wenig weitere Wanderer hoffte, vor allem aber auch möglichst wenige Radler*innen, die mittlerweile zu weit über der Hälfte mit Elektro-Antrieb diese Strecke (durchaus als Radstrecke ausgewiesen) durchrasen.

Nochmal Balkonkaffee, ich habe etwas nachzuholen.

Und ich wollte vorher noch auf den Viktualienmarkt, weil ich auf instagram Blaubeer-Erntebilder gesehen hatte: Vielleicht hatten sie es dort an einen der Pilz- und Beerenstandln geschafft.

Unterwegs eine sensationelle Entdeckung: Gleich am Anfang der Sendlinger Straße wird ein Madam-Chutney-Imbiss eröffnen! Jetzt gegen 9 Uhr zeigte das Thermometer am Juwelier Fridrich noch 23 Grad an (die nächtlichen Gewitter hatten gut abgekühlt), ich drehte meine kleine Einkaufsrunde sehr entspannt.

Erfolg auf dem Viktualienmarkt: Es gab an einem Stand wunderbar frische Wildheidelbeeren; das Kistl was so klein, dass sie sehr wahrscheinlich eine Stunde später bereits weg gewesen wären. Im Supermarkt besorgte ich gleich noch Sahne dazu. Bestätigung am heimischen Briefkasten: wieder keine Zeitung.

Ordentlich sonnengecremt, Rucksack mit zwei Wasserflaschen, Brotzeit und Wanderjacke (wegen evtl. Gewitter) gefüllt, ab in einen Zug an den Starnberger See.

Auf die Schicht Sonnencreme kam kurz nach Start in Tutzing eine dichte Schicht Anti-Brumm, das Wander-Erlebnis von vor zwei Jahren wollte ich wirklich, wirklich nicht wiederholen.

Die Temperatur war auch jetzt noch angenehm, Boden und Straßen waren noch nass vom nächtlichen Regen und kühlten. Es wurde eine schöne Wanderung, mit Tiersichtungen (unter anderem ein Reh weit vor uns auf dem Weg, das Büsche knabberte, zwei Frösche in einer der vielen Pfützen im Wald, eine besonders schön gezeichnete Mönchsgrasmücke, Schwalben, Kühe verschiedener Rassen), an meinem Körper muckten nur ein wenig die hinteren Oberschenkel. Erst das letzte Drittel des Wegs wurde hochsommerlich warm, doch es gab immer Schatten. Und meine Rechnung ging auf: Wir begegneten gar keinem anderen Wandersvolk und nur sehr wenigen Radler*innen, diese zwar mit E-Antrieb, aber gemütlich unterwegs.

Blick zurück auf den Starnberger See.

Auch dieses Mal mussten wir uns die Umrundung der Deixlfurter Seen erkämpfen, der auf der GPS-Karte eingezeichnete Weg war ein kaum sichtbarer Pfad durch alle möglichen Arten von dichter Vegetation. Eine halbe Stunde lang bereute ich die kurze Wanderhose eh, dann führte der letzte Abschnitt auch noch alternativlos durch ein Brennnesselfeld. Jetzt kenne ich die Folgen: Meine Beine bitzelten den ganzen Tag wie aufwachende eingeschlafene Füße. (Auch die Stellen an den Armen, die ich nicht ganz aus dem Weg brachte.)

Kein Einkehren in Gut Kerschlach, das Lokal Tagesbar war (wie erwartet) geschlossen. In den Liegestühlen davor machten wir kurz nach eins die erste Pause, ich frühstückte Apfel, Vollkornbreze, Pfirsiche. Doch ich vermisste eine Trinkwasserquelle, das tat ich aber auf der ganzen Strecke: Schon jetzt hätte ich gerne Wasser nachgefüllt, gestern wurde ein Tag mit knapp fünf Litern Wasserbedarf.

Lassen Sie sich nicht von der geringen Größe der Hütte täuschen: Sie war randvoller Kühe.

Am Kloster Andechs kamen wir nach drei an, machten im Schatten nochmal Pause.

Die restlichen anderthalb Stunden der Tour führten uns durch schattigen Wald an den Ammersee, den wir ein schönes Stück entlang gingen. Der See war hitzedunstig verhangen, an den Kiesbuchten lag viel Badevolk. In Herrsching besorgten wir nach 21 Kilometern Wanderung Getränke-Nachschub (dem Seewasser hatte ich dann doch nicht genug getraut).

Fahrt zurück mit einmal Umsteigen, weil derzeit die S-Bahn-Stammstrecke zwischen Pasing und Ostbahnhof wegen Bauarbeiten gesperrt ist (irgendwann müssen die halt sein).

Daheim meine derzeit tägliche Yoga-Folge, dann gründliches Abduschen der Sonnencreme-Mückenspray-Schweißschicht. Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell morgens aus gesammelten Gemüseresten und Parmesanrinde aus Gefriere Brühe gekocht, darin gab es ein Mitbringsel eines gebürtig Ulmer Freundes: Maultaschen vom Bunk in Ulm.

Hervorragend. Zum Nachtisch servierte ich Blaubeeren mit halb geschlagener Sahne, Schokolade passte aber auch noch hinterher.

Gestern Abend blieb die Hitze in der Stadt: Als ich zu Bett ging, ließ ich Fenster und Balkontüren der Wohnung noch geschlossen.

  1. Nehmen Sie diesen Feiertag nicht auf die leichte Schulter, hier ein wenig Bildungsbloggen, wenn ich schon als Ungläubige davon profitiere: Der katholischen Kirche (der offiziellen – die einzelnen Katholik*innen legen sich ihre Glaubensinhalte erfahrungsgemäß ja ganz individuell und unverbindlich zurecht) ist die Himmelfahrt Mariens, wenn auch nirgends in der Bibel erwähnt, sogar eines der seltenen Dogmen wert:

    Die römisch-katholische Kirche hat in der Frage der leiblichen Auferstehung ein Dogma, also eine unfehlbare Entscheidung des Papstes für die römisch-katholische Glaubenslehre, erlassen. 1950 erklärte Papst Pius XII. die “leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel” zum verbindlichen Glaubensinhalt.

    Quelle und mehr Hintergrund []

die Kaltmamsell