Journal Samstag, 13. Januar 2024 – Post an meinen Bundestagsabgeordneten

Sonntag, 14. Januar 2024 um 9:04

Hell wurde es gestern zu Nebel und Hochnebel.

Am Freitag hatte ich zusätzliche Avocados bei Crowdfarming bestellt, weil ich die eine Kiste für dieses Saison wirklich zu wenig fand.

Morgens ging ich nach dem Bloggen einem nächtlichen (unruhiger Schlaf) Verdacht nach und stellte fest, dass ohnehin noch ein Kistlein von meinem adoptierten Baum ausstand – das hatte ich vergessen. Wenigstens kommen sie mit fast zwei Wochen Abstand, aber ich musste Herrn Kaltmamsell darauf gefasst machen, dass wir Ende Januar, Anfang Februar sehr viele Avocados auf dem Speiseplan haben werden.

Über einer großen Tasse Tee nahm ich mir die Zeit, eine Nachricht an meinen Bundestagsabgeordneten für den Wahlkreis München Mitte zu schreiben, Stephan Pilsinger: Ich bat ihn um die Unterstützung eines Verbotsverfahrens gegen die AfD und schilderte meine Angst und Sorge. (Beim Abschicken hatte ich Tränen in den Augen, ich habe echt Angst.)

Ihre*n Wahlkreisabgeordnete*n finden Sie so heraus:
1. Auf dieser Website können Sie Ihren aktuellen Wahlkreis für Bundestagswahlen recherchieren. (Nein, das muss man nicht auswendig wissen, unterscheidet sich ja auch vom Wahlkreis für andere Wahlen.)
2. Dann googlen Sie “Bundestagsabgeordneter Wahlkreis XXYY” (den oder die Sie über 1. herausgefunden haben).

Als Suchergebnis sollten Sie jetzt nicht nur den Namen bekommen, sondern auch gleich deren oder dessen Website mit Kontaktmöglichkeit, an die Sie sich per Formular, E-Mail oder Brief wenden können.

Wenn die Politik die Sorgen und Nöte der Bürger*innen ernst nehmen will, dann bitte auch meine.

Gestriger Sportplan war Schwimmen (hurra!). Ich nahm das Rad raus ins Olympiabad, weil ich davon ausging, dass Wege und Straßen frei sein würden. Das traf auch zu – bis auf die paar Meter direkt vor unserer Haustür am Ende einer Sackgasse, auf denen ich mich wenige Sekunden nach dem Aufsteigen prompt hinlegte. Ein wenig Aua (spanisch übrigens pupa wie in ¿tienes pupa?) am linken Knie, zwei Passantinnen halfen mir netterweise auf. Doch das behinderte mich weder beim Radeln (knackig kalt) noch auf meiner Schwimmrunde.

Es war ziemlich viel los auf den Bahnen – ich kann nicht beurteilen, ob das mehr war als sonst um die Zeit, dafür war ich in den vergangenen Monaten zu selten am Samstag im Olympiabad. Schwimmen ging trotzdem gut, ich war aber froh über das Ende meiner 3.000 Meter.

Auf dem Rückweg radelte ich beim Vollcorner in der Maxvorstadt vorbei, noch ein paar Lebensmitteleinkäufe.

Frühstück kurz vor drei war selbstgebackenes Brot (der Teil vom Vorwochenende aus der Gefriere) und Orange. Nachmittag mit Wäscheaufhängen, mit Internet- und Zeitunglesen.

Ich freute mich an den Blumen, die ich mir am Donnerstag gegönnte hatte – doch ich hatte vergessen, WIE LAUT diese Lilien duften. Man gab mir den Tipp, den Stempel zu entfernen, und tatsächlich minderte das die Brutalbeduftung deutlich.

Eine Folge Yoga-Gymnastik, dieses wenig inspirierte Programm wird keines, bei dem ich jede Folge doppelt durchmache.

Ich stellte fest, dass ich auf der Website der VG Wort bereits die Blogposts von 2023 zur Ausschüttung anmelden konnte, die die nötigen Zugriffszahlen erreicht hatten. Das spielte ich gleich mal mit ein paar davon durch und stellte fest, dass es einen neuen Extraschritt gibt. Ich musste bestätigen:
“Insbesondere habe ich dieses Werk nicht ausschließlich durch Verwendung von KI-Systemen erstellt.”
(Was ja ein bisschen wäre wie diese Powerplates-statt-Sport-Läden: Warum sollte ich mir von einer Maschine wegnehmen lassen, was mir am meisten Spaß macht?)

Zum Apertif mixte ich nochmal einen Rosita, dazu gab’s geröstete Pistazien.

Fürs Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell den Ernteanteil-Wirsing totgekocht, darin Bauernwürste erwärmt, die ich am Mittwoch aus der Ingolstädter Metzgerei Richard Huber mitgebracht hatte. Schmeckte gut, die Würscht waren besonders fein durchgedreht.

Zum Nachtisch hatte ich Schokoladenpudding gekocht, um ihn mit dem Trockenobst-Rumtopf zu servieren, der endlich so weit sein müsste.

Ja, war er – allerdings weiß ich nicht, warum ich so sicher war, dass man ihn mit Strohrum ansetzen muss: Der Rumtopf ist viel zu heftig alkoholisch, ich hatte das Bedürfnis, ihn erst mal anzuzünden. Haben Sie eine Idee, wie ich die Alkohol-Schärfe dämpfen kann?

§

Mely Kiyaks innerer Schabernacki brauchte kein Nazi-Geheimtreffen, sie fragte sich schon 2022:
“Werden sie uns mit FlixBus deportieren?”

Der Witz ist, dass man sich nie öffentlich traut darüber zu spekulieren, wie es wohl sein wird, wenn sie uns eines Tages deportieren. Der Witz besteht natürlich nie darin, dass sie es tun würden, wenn sie es könnten, sondern darin, dass wir uns nicht trauen, es laut auszusprechen. Und zwar aus – bitte festhalten – Pietät. Ihnen gegenüber. Nicht denen gegenüber, die das schon einmal erlebten, denn die sind ja bekanntlich die letzten, denen diese Möglichkeit nicht wahrscheinlich erscheint. Nein, ihnen gegenüber trauen wir uns das nicht. Wir wollen sie damit nicht in die Bredouille bringen. Sie fühlen sich dann nämlich immer so schlecht. In die Ecke gedrängt, unschuldig beschuldigt, benachteiligt, stigmatisiert.

via @oliverknabe

§

Jetzt aber durchschnaufen. Hier ein Make-up-Tutorial, mit dem auch ich etwas anfangen kann:
Der beste Weg zum Einhorn-Styling.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 12. Januar 2024 – Sonne am Himmel, Trucker- und Trecker-Gehupe auf der Straße

Samstag, 13. Januar 2024 um 8:44

Diese erste Arbeitswoche fühlte sich schonmal elend lang an, trotz (wegen?) des freien Tags in der Mitte, ich brauchte die Karotte der Restaurantreservierung am Freitagabend dringend.

Draußen war es weiter streng frostig, weil ich gestern Schürstiefel statt der Schneestiefel auf dem Weg in die Arbeit trug (passten zum Outfit, waren mir aber zu sperrig für Extra-Mitnahme in der Arbeitstasche), umging ich lieber die spiegelglatte Theresienwiese.

Aber: SONNE! Gestern bekamen wir auch in München den knackig-sonnigen Wintertag, der das Frieren ein wenig aufwiegt.

Auf der Straße vorm Bürohaus erst eine Hup-Karawane Zugmaschinen des größten Kalibers (ich erkenne einen MAN TGX immer noch von Weitem), dann Hup-Karawane Riesen-Trecker (no, so teuer kann der Kraftstoff ja nicht sein), später sah ich nicht mehr nach, wer jetzt schon wieder ohrenbetäubend hupte. Die gesamte (auch meiner Überzeugung nach fehlgelaufene) Landwirtschaftspolitik nach dem Krieg auf EU-, Bundes- und Landesebene der jetzigen Bundesregierung in die Schuhe zu schieben, ist für mich keine Diskussionsgrundlage. Und macht mir die ständig wiederholte Forderung, diese Regierung müsse die Wählerschaft “halt mehr mitnehmen” haltlos. (Falls Sie sich die EU-Agrarreform von 2021 in Erinnerung rufen wollen, hier ein guter Überblick beim Deutschlandfunk.)

Das konzertierte Maulen auf dem Flur mit Kolleginnen über die zu niedrige Bürotemperatur wirkte: Gestern hatte ich mit lediglich Thermorolli unter Pulli warme Hände.

Mein Weg zum Mittagscappuccino führte durch Sonnenschein – allerdings löste dieser auch die Dachlawine aus, die wenige Meter vor mir niederrauschte. Die Luft roch nach Skifahren, diese Erinnerung ist auch Jahrzehnte nach meiner letzten Abfahrt lebendig.

Zu Mittag gab es am Schreibtisch Vollkornbrot mit Butter und Mango mit Sojajoghurt.

Nach Feierabend auf dem Heimweg in letztem Tageslicht und durch Kältedunst erledigte ich noch Einkäufe in Drogeriemarkt und beim Vollcorner. Daheim nur kurzes Ausruhen, dann spazierten wir zum Abendessen in die Goldmarie.

Dort gutes Abendessen mit Brot/Tomatenbutter/Salami, Lammleber/Spitzkohlsalat, Südtiroler Kasnocken / Tagliatelle Peposo und dazu passenden Weinen.

Herr Kaltmamsell nahm noch Grießflammerie zum Nachtisch, ich einen Schlehenbrand. Doch ein Wochenendfeiern mit ausgedehntem Abend wurde das nicht, die anderthalb-Stunden-Schichten für die Tischreservierung waren gestern sehr ernst gemeint und wir standen um acht schon wieder auf der Straße.

Daheim noch Süßigkeiten.

§

Verfolgen/Verbieten von Faschisten kann funktionieren (hier allerdings nur anekdotisch und in den USA belegt):
“The Proud Boys are collapsing: Surprise! Legal consequences do hurt authoritarian movements”.

Ich wackle immer noch ein wenig in der Frage eines Antrags auf AfD-Verbot, verfüge für eine Meinung noch nicht über genug Informationen (und die muss ich zur Meinungsbildung ja dann auch noch für mich gewichten). Ich bin große Freundin unserer parlamentarischen Parteien-Demokratie, und das Verbot einer Partei gehört zu den schärfsten Waffen.

Wichtigstes Gegenargument war für mich bislang, dass ein Verbot der AfD nicht das verfassungsfeindliche Gedankengut beseitigt, das in der Bevölkerung verbreitet ist. Dann wieder: Ohne AfD hat dieses Gedankengut weniger Nährboden und Futter, wird weniger gezielt verstärkt.
Ich neige (!) immer mehr zu: “Der beste Zeitpunkt für ein Verbot der AfD war vor ein paar Jahren, der zweitbeste ist jetzt.” Und: Wir müssen unsere Demokratie möglichst schützen (siehe Toleranz-Paradoxon). Eine Möglichkeit ist das Verbot von rechtsextremen, demokratiefeindlichen Organisationen – solange es noch geht und sie nicht bereits die Schaltstellen besetzen, die ein solches Verbot überhaupt beschließen und durchsetzen können. (Wie die Leute 1930 und 1933 schwanke ich und will und will das einfach nicht für ein realistisches Szenario halten.)

“Wer diese Partei wählt, gibt Menschen ein Mandat, die die Demokratie abschaffen wollen und Deportationen planen.” Gerhard Baum in der Süddeutschen (€). Er schlägt vor, als Erstes die “Junge Alternative” (JA) zu verbieten, den Nachwuchsverband der AfD, “eine weithin wirksame Vorfeldorganisation und ohne Zweifel verfassungsfeindlich”. Da diese ein Verein sei und keine Partei, reiche dafür die Unterschrift der Bundesinnenministerin.

(Mein innerer Schabernacki ist stark genug sich zu fragen, ob ich nach Verleugnung meiner Einbürgerung von 1979 wohl nach Spanien oder nach Polen deportiert würde.)

§

Fand ich eine interessante Beleuchtung von menschlichen Mechanismen:
“Psychologische Erklärungen fürs Nichtstun: Warum viele die Klimakrise scheinbar kalt lässt”.

(Kostenlos lesbar, all die Kästen und Overlays lassen sich wegklicken.)

Unter anderem das Gegenstück zum bockigen Kleinkindverhalten:

Neben der Preisgestaltung könnte allerdings auch mit Verboten gearbeitet werden, so Reese: „Verbote sind eigentlich etwas sehr Gerechtes. Wenn ich etwas verbiete, kann ich mich auch nicht mit viel Geld rein- oder rauskaufen.“ Allerdings würden Verbote bei vielen Menschen spontane Abwehr auslösen: „Dennoch können Verbote hilfreich sein, nämlich dann, wenn sie gerecht sind und der Mehrheit sehr viel Gewinn bringen, wie zum Beispiel das Nichtraucherschutzgesetz oder das Verbot, ohne Gurt Auto zu fahren, zeigen.“ Gerade die Anschnallpflicht mache zudem deutlich, dass politische Maßnahmen der schnellste Hebel seien, um soziale Normen zu verändern, sagt Uhl-Hädicke.

§

Tischkarten-Idee für die nächste Hochzeit von Hauck & Bauer.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 11. Januar 2024 – Dunkler Winter und Eva Menasse, Dunkelblum

Freitag, 12. Januar 2024 um 6:31

Eine ruhigere Nacht, ich wachte recht erfrischt auf. Frostiger Weg in die Arbeit, fast alle Wege vereist. Die Zelte des Tollwood sind mittlerweile von der Theresienwiese verschwunden, es lag nur noch ein wenig Gerümpel rum.

Auch gestern hielt sich das Münchner Wetter nicht an die Vorhersage: Statt unter blauem Himmel fror ich unter grauem Hochnebel.

Ich schubste mich dennoch für einen Mittagscappuccino zum Zwecke der Frischluftbewegung aus dem Haus, auch damit mir im Büro danach richtig warm wurde.

Mittagessen zurück im Büro: Laugenzöpferl, Granatapfelkerne mit Joghurt

Auch wenn meine Wetter-App München weiter hartnäckig als sonnig anzeigte, hielt sich ebenso hartnäckig die bleierne Hochnebel-Decke, ich sah den ganzen Tag keine Sonne oder blauen Himmel.

Der Nachmittag zog sich ein wenig, ging aber dann doch rum. Ich marschierte für einen Süßigkeiten-Großeinkauf zum Aldi, dann zackig nach Hause. Von mir aus könnte es jetzt durchaus ein paar Grad wärmer werden.

Daheim wieder Yoga-Gymnastik, die Folge 6 ist bei Adriene immer Rumpftraining – in diesem Programm sehr wenig abwechslungsreich und überraschend.

Nach zwei Wochen Weihnachtspause gab es gestern wieder Ernteanteil. Aus dem Zuckerhut darin machte ich Salat mit Haselnussmus-Himberessig-Dressing. Schmeckte sehr gut, aber zum Sattwerden brauchte ich noch Pistazien (die mir in der libanesischen Nussmisschung so gut schmecken, dass ich eine Packung davon nachkaufte – diese kalifornischen leider lang nicht so gut wie die libanesischen, ich werde mal in einen der Läden an der Landwehrstraße gehen, die sie offen verkaufen) und ordentlich Süßigkeiten.

Da mir gestern Abend auch daheim nicht recht warm werden wollte, nahm ich beim Zu-Bett-Gehen die neue Wärmflasche in Betrieb, die mir das Christkind auf meinen Wunsch gebracht hatte – die alte stammte noch aus Studienzeiten, und ich wollte nicht durch ein Bad im Bett herausfinden, dass das Material dann doch ermüdet war. Diese neue hat einen kuschligen Überzug und wirkte hervorragend.

§

Eva Menasse kombiniert in ihrem Roman Dunkelblum die Welt einer österreichischen Kleinstadt (Dunkelblum) an der Grenze zu Ungarn (wie sich nach einer Weile indirekt ergibt; direkt ist immer nur von “drüben” die Rede) und ihre Nazi-Vergangenheit mit den historischen Aufbrüchen in diesem Teil Europas 1989, als immer mehr DDR-Bewohner*innen über Ungarn flohen. Diese End-80er sind die Gegenwart, in der die Handlung spielt, von der aus die Vergangenheit erzählt wird. Das macht Menasse temperamentvoll und lebendig, nutzt dazu eine starke implizite Erzählstimme mit ironischem Tonfall, Einordnung der Figuren, mit farbigen, aber oft auch erbarmungslosen Beschreibungen. Diese Stimme ist deutlich österreichisch, der Roman wird durch ein Glossar ergänzt.

Die gegenwärtige Generation im Mittelpunkt sind zwei Heimkehrer nach Dunkelblum: Ein älterer Akademiker, dessen Identität sich erst nach und nach herausstellt und der Historisches erforscht, außerdem ein Nachkriegs-Geborener, längst in die große Stadt gezogen, der nach dem Haus seiner eben verstorbenen Mutter sieht und davon überrascht wird, dass sie viel über die schändliche Vergangenheit des Orts herausgefunden hat. Doch wir lernen sehr viel mehr und sehr unterschiedliche Personen und Familien kennen in dieser geschickt gewählten Zeit: als nämlich sowohl Opfer als auch Täter*innen der Nazi-Gräuel noch zahlreich am Leben waren, als Kommunikation und Recherche ohne Internet noch träge und umständlich waren. Ich folgte dieser Erzählstimme gern durch den heißen Sommer der Haupthandlung, ebenso gern zurück in vergangene Geschehnisse. Und ich begriff irgendwann, dass das Verschweigen und Unter-den-Tisch-Kehren, das Dulden und das Verdrängen nicht spezifisch mit den Verbrechen der Nazi-Zeit zu hatten, sondern einfach zu dieser Kleinstadtwelt gehörten, diese Art des Zusammenlebens erst ermöglichten.

Ein Zitat, das einem Kapitel vorangestellt wird, gefiel mir besonders gut:

Hier empfohlen die Rezension von Hanna Engelmeier in der Süddeutschen, die auch den historischen Hintergrund des Romans erklärt (und unter anderem die schöne Bezeichnung “nationalsozialistische Wiederaufbereitungsanlage” für den Ort verwendet), aber die Haltung der Erzählstimme kritisiert:
“Puppenhäuser der Verbrecher”.

§

Wo Mathe und Magie überlappen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 10. Januar 2024 – Beerdigung einer Kindheitsbegleiterin

Donnerstag, 11. Januar 2024 um 6:17

Trotz freiem Tag früh aufgestanden, um Herrn Kaltmamsell zusammen mit mir Milchkaffee servieren zu können. Ihn mit viel Daumendrücken verabschiedet: Gestern bis Freitag streikt die Gewerkschaft der Lokführer GDL, seine S-Bahn in die Arbeit gab es nur vereinzelt.

Die Sonne ging zu einem eisigen Tag auf.

Vogeltränke als Eislaufbahn.

Selbst checkte ich nochmal die Bahnverbindung nach Ingolstadt, die mich zur Beerdigung bringen sollte: Es gab eine, ich war zuversichtlich.

Die angekündigte Fahrt fand dann auch pünktlichst statt.

Eisnebelige Holledau.

Sonniges Donautal.

In Ingolstadt spazierte ich vom (deutlich außerhalb des Zentrums gelegenen) Hauptbahnhof in die Innenstadt auf einen Cappuccino im District V, die Straßen und Wege frei, hier hatte es offensichtlich am Wochenende deutlich weniger geschneit.

Mit genug Zeit zum Umschauen: Spaziergang Richtung Westfriedhof.

Rathausplatz.

Kreuztor.

Ehemalige Lieblklinik, in der ich 1967 zur Welt kam, immer noch ohne Gedenkplakette (wahrscheinlich muss ich dafür erst tot sein).

Da ich zu Fuß unterwegs war, behinderte mich die einfahrende Karawane von Traktoren mit Protestplakaten (ohne eine einzige konkrete Forderung) nur wenig.

Wiedersehen mit Kindheitsvertrauten vor der Aussegnungshalle. Ich hatte damit gerechnet, dass die meisten mich nicht erkennen würden (1. lang nicht gesehen, 2. scheine ich mich ständig zu verändern und bin mittlerweile gewohnt, schon nach ein paar Jahren nicht wiedererkannt zu werden), ich stellte mich halt beim Begrüßen vor. Meine Eltern waren gekommen, auch mein Bruder radelte aus der Arbeit an. Er ist das Patenkind der Verstorbenen.

Hier trägt sie vor 50 Jahren meinen Bruder bei seiner Taufe auf dem Arm, links neben ihr meine Mutter.

Katholischer Abschied in der Aussegnungshalle des Westfriedhofs. Die seitlichen Fresken von Oskar Martin Amorbach von 1935, also der Totentanz, gefielen mir besonders gut.

Anschließend im Café ergaben sich mehr Wiederbegegnungen und Gespräche. Es waren bei aller Traurigkeit über den Anlass schöne Begegnungen, ich kam auch dazu, mich mit dem Witwer eine Weile zu unterhalten. Und es zeichnete sich ab, dass ein Kindheitsfreund aus meiner Generation im Sommer ein Treffen von uns einstigen Spielkamerad*innen organisieren wird – das würde mich sehr freuen.

Trotz vieler freundlicher Mitfahr-Angebote ging ich gern zu Fuß zurück zum Hauptbahnhof.

Die dritte Donaubrücke, Glacisbrücke, mit schicker eigener Fußgänger- und Radlspur auf beiden Seiten.

Donaublick nach Westen.

Donaublick Richtung Stadt mit Neuem Schloss.

St. Markus

St. Anton

Im Bahnhof setzte ich mich für die halbstündige Wartezeit auf den nächsten Zug zur Brotzeit und aß mitgebrachten Apfel und Kanten selbstgebackenes Brot.

Ereignislose Fahrt zurück, auf dem Weg nach Hause kurze Einkäufe.

Daheim erstes Erzählen, dann turnte ich Yoga-Gymnastik, nochmal die Folge vom Vortag. Brotzeitvorbereitungen für den nächsten Arbeitstag.

Das Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell auf der Basis eines Funds auf der Theke seines Lehrerzimmers (auf der wohl immer wieder Lebensmittel zur Weitergabe auftauchen): Milchbrötchen. Die verwandelte er in indisches Pav Bhaji (verlinktes Rezept minus Mangopulver, sagte er, braucht’s aber auch nicht).

Ausgesprochen köstlich.

§

Alina Schwermer hat sich für die taz mit dem immer schädlicher werdenden Phänomen Overtourism beschäftigt:
“Problem beginnt vor dem Eimersaufen”.

Für mich überraschend war, dass Overtourism nicht unbedingt von der Zahl der Be­su­che­r*in­nen pro Einwohner*in abhängt.

§

Völlig neuer Use Case von Benimmregeln am Arbeitsplatz: Muss ich einschreiten, wenn mein automatisches Terminvereinbarungs-Programm mit weiblichem Namen von Männern blöd angemacht wird?
“men are hitting on my scheduling bot because it has a woman’s name”.

via @jawl

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 9. Januar 2024 – Eine neue Ära des Lesens im Bett

Mittwoch, 10. Januar 2024 um 6:57

Etwas unruhige Nacht. Ereignisloser Morgen, der eisige Weg in die Arbeit über die Theresienwiese erinnerte mich an Frau Brüllens Island-Fotos. Aber die Sohlen der Schneestiefel griffen wieder.

Die angekündigte klirrende Sonne wollte sich nicht blicken lassen, statt dessen kräftiger Frost unter Hochnebel.

Mittagscappuccino mit mehr Geld in der Hand: Diesmal klappte es bei Nachbars, der Barista wusste noch auswendig, dass ich immer einen kleinen Cappuccino bestelle und war sehr stolz darauf (ich auch).

Zu Mittag gab es Apfel, Mandarine, Quark mit Joghurt.

Mittags war sie endlich da, die Sonne, und strahlte vom bald wolkenlosen Himmel. Kurz darauf musste ich einen Rollo runterlassen (der Rollo? das Rollo?), weil die Sonne im Winter an den Fenstern des Nebenhochhauses spiegelt und mir genau ins Gesicht scheint.

Der klare Himmel hielt sich.

Kleinere Übergaben, weil ich den Mittwoch frei genommen hatte: Ich möchte an einer Beerdigung teilnehmen. Die Verstorbene war genau genommen eine Freundin meiner Eltern, doch sie ist die erste aus dem Gastarbeiterspanisch-einheimischen Freundeskreis, in dem ich groß wurde, die jetzt ging. Wie viele Kindheitserinnerungen ich mit ihr verbinde! Dieser Freundeskreis hatte viele Funktionen, die in anderem Familien die Verwandtschaft übernahm: In unserem Fall lebte die meiste biologische Verwandtschaft zu weit weg. Die Kinder dieser Freunde waren sowas wie Kusinen und Kusins, die meisten etwa in meinem Alter. Das letzte Treffen ist jetzt sehr lang her, aber ich ließ mir immer wieder berichten, wie es mit diesen Menschen weitergegangen war.

Pünktlicher Feierabend, weil ich mir bei der Warmwachserin wieder “Beine wie Delphin!” holte. Auf dem Weg nach Hause Abstecher zum Bahnhofsuntergeschoß, dort Automatenfoto für mein Langzeitprojekt.

Ein breites Lächeln wurde mir direkt vor der heimischen Haustür geschenkt: Eine Maus huschte vorbei, ich blieb stehen und sah ihr zu, zog dann vorsichtig mein Handy hervor und fotografierte sie.

Ja Sie müssen schon genau hinsehen.

Zu Hause eine Runde Yoga-Gymnastik. Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell aus einem Suppenhuhn Brühe gekocht, servierte sie mit gekauften frischen Ravioli mit Kürbisfüllung (eigentlich waren Tortellini in brodo geplant gewesen, meiner Überzeugung nach das Beste, was Tortellini passieren kann, doch er hatte keine frischen bekommen).

Abendunterhaltung war die Empfehlung von jemandem, mit der ich gestern dezemberliche Bahnabenteuer ausgetauscht hatte: Eine heute Show vom vergangenen Sommer, die dem Zustand der Deutschen Bahn hinterherrecherchiert, unter anderem die Leitstelle besucht, die bei Störungen Züge umplant und -dirigiert – das hätte ich gerne noch viel genauer gesehen.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=jTDtoVql4hc

Früh ins Bett zum Lesen, um den Nacken ein Geschenk des Herrn Kaltmamsell.

Bild: Herr Kaltmamsell

Mit dieser Leselampe kann ich im Bett auch Papierbücher entziffern – ohne Deckenlicht, für das ich zum Ausschalten nochmal aufstehen muss (die Lampe auf dem Sideboard steht zu weit weg für ausreichend Leselicht). Was mir besonders gelegen kommt, da sich ein kleiner Stapel Bücher aus meinem Bestand gesammelt hat, die ich nochmal lesen möchte.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 8. Januar 2024 – Eisiger Start ins neue Arbeitsjahr

Dienstag, 9. Januar 2024 um 6:28

Wie angekündigt war es über Nacht eisig und frostig geworden. Nach einer mittelunruhigen Nacht (Rippenschmerzen beim Liegen auf der linken Seite, laute Unterhaltung vorm Fenster) schlüpfte ich für den ersten Gang in die Arbeit 2024 in meine Schneestiefel: Die haben das griffigste Sohlenprofil, das ich je unter meinen Füßen hatte, Bewunderung für die Entwickler*innen.

Damit kam ich problemlos über Eis und spiegelnd festen Schnee. (Nur dass sich leider schon nach einem Jahr das Innenfutter verabschiedet und zu Reibestellen führt, sich außerdem die Verklebung der Sohle mit dem Oberteil löst.) In der Luft hingen vereinzelt und unentschlossen kleine Schneeflocken.

Vor diesem ersten Arbeitstag hatte ich nicht mal ins berufliche E-Mail-Postfach gesehen: Weihnachtsferien mag ich ganz besonders, weil das Bewusstsein, dass NIX passiert sein kann (außer ich hätte es in den Nachrichten mitbekommen), mich wirklich entspannt. Im Büro dann auch nichts, worauf ich nicht gefasst gewesen wäre, ich arbeitete es fleißig und konzentriert ab.

Kein Mittagscappuccino bei Nachbars: Ich hatte zwar mit einer Preiserhöhung zum Jahreswechsel gerechnet und mehr Geld mitgenommen (weil diese Cafeteria eigentlich nicht auf Barzahlung eingerichtet ist, denn die eigentlichen Mitarbeitenden laden ihren Firmenausweis auf und zahlen darüber, habe ich den Betrag immer passend dabei), doch so viel dann auch wieder nicht, dass eine Preissteigerung von 20 Prozent abgedeckt wurde.

Zu Mittag gab es Mango mit Sojajoghurt und eine Scheibe selbstgebackenes Brot. Richtig warm war das Büro gestern nicht, ich setze darauf, dass die Heizsysteme erst wieder hochfahren müssen.

Emsiger Nachmittag mit Dauerkunstlicht, denn draußen blieb es düster und grau. Als ich das Bürohaus verließ, war es immer noch knackig kalt. Auf dem Heimweg Einkäufe im Vollcorner.

Heimgekommen in eine endlich wieder professionell geputzte Wohnung – so schön! Meine Liebe zu sauberem Wohnen wird nur übertroffen von meiner Abneigung gegen Putzen, eine unglückliche Kombination. Das Ergebnis: Niemand zahlt vermutlich lieber fürs Putzen als ich.

Nächste Folge Yoga-Gymnastik – bei ihrem diesjährigen 30-Tage-Programm “Flow” wirkt Adriene ohnehin nicht so ganz bei der Sache, in Folge 4 vergisst sie bei einer Abfolge die andere Seite. Absolut verzeihlich, warum sollte sie nicht auch mal einen Durchhänger haben.

Das Nachtmahl zauberte Herr Kaltmamsell aus Vorhandenem (Spinat, Kartoffeln, Eier), ich hatte Salat dazugekauft, den ich mit klassischer Vinaigrette anmachte.

Nachtisch: Christstollen und Schokolade.

Im Bett Start einer neuen Lektüre: Nach vielen Jahren ohne hatte ich mir mal wieder Friedrich Torbergs Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten gegriffen. Da ich es schon so oft gelesen habe, kann ich die wichtigsten Zitate natürlich auswendig und setze sie regelmäßig ein, doch ich bin gespannt, wie sich die Herleitungen dazwischen gehalten haben. Das Buch gibt es immer noch neu zu kaufen, in der mittlerweile 42. Auflage.

§

Frau Nessy war im Urlaub im großen Schnee von Dänemark und berichtet darüber mit großartigen Fotos.
“Eine Reise in den Schneesturm von Aarhus”.

Außerdem hat sie sich in dem Post die große Mühe gemacht, zu der ich am Sonntag ansetzte und dann doch zu faul war: Sie hat sich in die Hintergründe der Landwirtschaftsproteste eingelesen und Material gesammelt (unter dem Stichpunkt “Gelesen”). Die Missstände in der Landwirtschaft decken sich leider nur wenig mit den vordergründigen Forderungen des aktuellen Protests.

Hier zum Thema Landwirtschaft ein weiterer, gut lesbarer Hintergrundartikel:
“Warum die Bauernschaft wütend ist”.

Und nein: Auch mir als Kartoffelkombinats-Genossenschaftlerin, Crowdfarming-Bezieherin und mit meinen ziemlich (nämlich genau bis zu der Grenze, an der es sich für mich – ! – anstrengend und übertrieben anfühlt) bewussten und gezielten Lebensmitteleinkäufen kann das nicht egal sein: Landwirtschaft ist ein zentraler Einfluss auf Boden, Umwelt, Nachhaltigkeit, und in Deutschland ist die Landwirtschaft immer noch vor allem industriell angelegt, um rentabel zu sein. Ich habe nicht wirklich den Eindruck, dass die Subventionspolitik der EU und der Republik das verbessern.

(Doch wer sich Landwirtschaft ohne EU ansehen will, muss ja nur nach Großbritannien schauen. Oder als Verbraucherin in die Schweiz und zu den dortigen Preisen für landwirtschaftliche Produkte.)

§

Eine wichtige Liste:
“Aufgedeckt: 10 antisemitische Mythen”.

via hmbl

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 7. Januar 2024 – Schneeflocken auf nackten Schulterblättern

Montag, 8. Januar 2024 um 6:23

Jubel beim ersten Blick aus dem Fenster: Es schneite tatsächlich, ich würde meinen ersten Draußenschwumm mit Schneeflocken seit Jahren bekommen.

Noch vor zehn kam ich los und fuhr mit der U-Bahn zum Westfriedhof, ging durch den Matsch zum Dantebad.

Durch diese Tür geht man im Sommer direkt auf die Liegewiesen, das Sportschwimmbecken liegt ganz rechts davon.

Die beiden Schwimmbahnen im Außenbecken waren rege beschwommen, doch sie sind breiter als im Olympiabad und man kommt gut aneinander vorbei. Meine 3.000 Meter waren auch körperlich kein Problem – ich weiß jetzt, dass ich in guter Gesamtverfassung auch dreimal in einer Woche diese Strecke schwimmen kann.

Vor allem aber genoss ich ungemein, beim Kraulen die Schneeflocken auf meinen Schulterblättern zu spüren, das ist einfach ein unvergleichliches Gefühl. Der Fußweg vom Gebäude zum Wasser war nassgeduscht nicht wirklich angenehm gewesen, doch schon das Gleiten ins Dampf-überwaberte Becken (ich setze mich immer an die Kante der Bahn und lasse mich langsam mit der Bewegung ab, mit der man an Stepper oder Stuhl den Trizeps trainiert), war großartig. Und dann immer wieder der Blick beim Luftholen abwechselnd links und rechts auf verschneite Tribüne und die mächtigen Leuchter darüber oder auf die kahlen Bäume auf der anderen Seite.

Nach Duschen, Cremen, Föhnen ging ich hocherhitzt das erste Stück des Rückwegs bis Rotkreuzplatz mit hochgeschlagener Kapuze zu Fuß, um mehr von dieser frischen Luft zu bekommen, die man so rühmt.

Vom Rotkreuzplatz nahm ich die U-Bahn nach Hause.

Daheim schnell ein paar Kleidungsstücke weggebügelt, um ohne Bügelschulden in die erste Arbeitswoche nach Urlaub zu starten.

Frühstück um zwei: Selbstgebackenes Brot mit Butter, Granatapfelkerne, Blutorange. Auf dem Sofa eingekuschelt, mit Seitenblick auf den immer mehr verschneiten Park Dunkelblum von Eva Menasse ausgelesen, bis zuletzt sehr angetan (Details folgen). Dazwischen fielen mir die Augen zu, ich legte mich zu einem halben Stündchen Siesta hin.

Yoga-Gymnastik war nochmal die vortägige Folge 3, ein wenig eingeschränkt durch die seltsamen Rippenschmerzen links, die mich seit einer Woche nerven.

Fürs Abendessen hatte ich mich zuständig gemacht, um ein Rezept auszuprobieren, das ich seit zehn Jahren auf der Liste hatte: eine Spinat-Calzone. Hm. Wir wurden satt, und ich weiß jetzt, dass ich einen anderen Teig verwenden würde, außerdem mehr Spinat.

die Kaltmamsell