Journal Mittwoch, 28. Juni 2023 – Cotswolds Way 2 von Stanton nach Cleeve Hill, und Entschuldigungskulturen

Donnerstag, 29. Juni 2023 um 8:39

Wegen zu frühen Aufwachens nicht genug Schlaf bekommen, etwas benommener Start in den Tag.

Die ehemalige Feuerstelle im Frühstücksraum.

Unsere B&B-Gastgeberin entschuldigte sich immer wieder für ihren Fauxpas bei unserer Ankunft, als sie unser Klingeln nicht gehört und ihr Handy auf Lautlos gestellt hatte. Mein Hauptproblem war ja erstmal gewesen, dass ich wusste: Im Englischen gebietet die Höflichkeit, auf jede Entschuldigungen mit Gegen-Entschuldigung zu reagieren, auch wenn die Verfehlung ganz eindeutig nur auf einer Seite liegt. Doch mir fiel in der Situation einfach keine ein, ich bin halt deutsch. Erst am nächsten Tag kam mir die Idee: “Sorry for all the trouble.” Das geht ja eigentlich immer. Erst beim Abschied konnte ich diese Gegen-Entschuldigung endlich anbringen.

Wir waren am Dienstag auf der Straße von Nachbarn darauf angesprochen worden, dass wir ja wohl Schwierigkeiten gehabt hätten, unsere Landlady erzählte, dass das ganze Dorf Bescheid wisse. Lustig, denn in der Situation selbst hatte uns niemand angesprochen oder gar Hilfe angeboten, auch nicht diese Nachbarn, die am Montag an uns vorbeigegangen waren.

Wir verabschiedeten uns sehr herzlich, bekamen als weitere Entschuldigung eine Schachtel edler Pralinen geschenkt.

Wieder mussten wir Taxi fahren, um an das Ziel der Vortags, den Start unserer nächsten Etappe in Stanton zu gelangen. Aber ab jetzt werden wir jeden Tag von der einen Unterkunft zur nächsten wandern.

In Stanton Pärchen-Selfie zum Start. Das Wetter war wieder trübe, doch im Gegensatz zum Vortag warm-schwül. Ich brauchte auf der ganzen Etappe keine Jacke.

Durchs malerische Stanton hinaus in eine Landschaft, die eher nach Park als nach Landwirtschaft aussah.

Diese seltsamen Wellen sind ploughing humps.

Zweimal ging es gestern recht lang, aber sacht bergauf, ich kam in der Schwüle ziemlich ins Schwitzen.

Aber es ging auch wieder runter.

Im Eingangsportal der Kirche von Hailes machten wir nach gut zwei Stunden zum ersten Mal Pause, ruhten uns eher pflichtgemäß aus.

Keine Stunde später kamen wir ins lebendige Örtchen Winchcombe und kehrten in einem Pub ein. Herr Kaltmamsell probierte Ciders, ich bekam meinen Mittagscappuccino.

Englischer Humor, im Schaufenster eines Hardware Stores in Winchcombe.

Um zu zeigen, dass nicht alle Wege des Cotswolds Way supermalerisch sind (aber die allermeisten).

Blick zurück nach Winchcombe.

Eine Schaukel! In freier Wildbahn!

(Foto: Herr Kaltmamsell) Bisschen kurz, aber jede Schaukel ist besser als keine Schaukel.

Sehenswürdigkeit am Weg: Belas Knap, ein Hügelgrab.

Dem brummenden Strom der Hochspannungsleitung spielte ich ein bisschen “Ohm, sweet Ohm” von Kraftwerk vor.

Eine der vielen kissing gates, die wir gestern passierten, immer die Gelegenheit für einen Kuss wahrnehmend.

Nach einem kleinen Abstieg machten wir gegen drei im Wald auf einem Baumstamm Brotzeitpause, ich aß Apfel, Eiweißriegel, gemischte Nüsse. Beim Aufstehen nach der Pause bemerkte ich eine schmerzhafte Stelle am Schienbein, obwohl nichts am Schaft der neuen Stiefel dort drücken konnte. Ich beschloss gleich mal, am nächsten Tag in die alten Stiefeln zu wechseln.

In der letzten Wanderstunde in der Nähe von Cheltenham (das wir immer wieder unter uns sahen) stießen wir nicht nur immer wieder auf Pferde, sondern auch auf viele Kaninchen.

Unsere Unterkunft in Cleeve Hill. Das waren insgesamt gemessene 21 Kilometer in gut sechs Stunden mit drei Pausen.

Wir wurde erstmal in den Stiefelraum geführt, wo wir unsere Wanderschuhe lassen mussten, dann zu unserem Zimmer für die Nacht – ohne Kissenberge auf dem Bett, aber arg klein und ohne Schreibtisch (ich tippte auf dem Bett sitzend). Dafür mit neckischer Aussicht auf den grünen Hügel direkt hinterm Hotel mit reichlich Schafen. Und direkt neben dem Zimmerfenster ist wohl ein Schwalbennest, das immer wieder angeflogen wird.

Nach Ausruhen mit dann halt doch Bloggen (keine Garantie für die nächsten Tage mit deutlich längeren Wanderungen!) wusch ich mir notdürftig den Wanderschweiß ab, um zum Abendessen auszugehen: Herr Kaltmamsell hatte im Pub ums Eck reserviert, genauer im einzigen Pub am Ort. Es gehörte zur Green-King-Kette, bot entsprechend nichts Einheimisches oder Saisonales an.

Doch ich freute mich an Kürbis-Rote-Beete-Ravioli (Herr Kaltmamsell hatte Halloumi-Sticks zur Vorspeise).

Ganz besonders am großen Salat mit Halloumi (gegenüber gab es chicken pie mit chips. Und auf den Alkohol (Pinot noir) hatte ich mich schon den ganzen Tag gefreut. Zum Nachtisch gab es im Hotelzimmer die Pralinen aus Broadway.

die Kaltmamsell

Journal Montag/Dienstag, 26./27. Juni 2023 – Cotswolds-Wanderung bis Stanton, und die Deko-Kissen-Frage

Mittwoch, 28. Juni 2023 um 8:36

Reisekleidung und Koffer für den Wanderteil des Urlaubs.

Koffer für den Brighton-Teil, allerdings musste hier noch der gemeinsame Kulturbeutel Platz finden.

Dass die Anreise zu unserer Unterkunft in den westenglischen Cotswolds komplex sein würde, wussten wir, sie legte dann aber auch noch unerwartete Komplexität drauf.

Erstmal aber pünktliche S-Bahn durch frühe Sommerhitze und -sonne zum Münchner Flughafen.

Pünktlicher Start.

Pünktliche Landung in London Heathrow. Heathrow Express zum Bahnhof Paddington, dort machte ich um halb drei Ortszeit Brotzeit mit einer frischen Cornish Pasty – schrecklich heiß, was gemein war, denn ich hatte solchen Hunger. Anderthalb Stunden Fahrt mit dem Regionalzug nach Moreton-in-Marsh – und dann standen wir erstmal da.

Denn ein Taxi zum zehn Kilometer entfernten Ort Broadway, in dem unsere Unterkunft lag, war keines zu bekommen, da konnte Herr Kaltmamsell die Liste mit Taxi-Anbietern im Fenster des Bahnhofsgebäudes noch so gründlich abtelefonieren: Die Nummern gab es nicht, oder es ging nur der AB dran, und der eine echte Mensch, mit dem wir sprachen, informierte uns, dass erst in anderthalb Stunden wieder ein Fahrer frei sein würde. Ein junger Einheimischer, der mit uns eingetroffen war, nahm uns jede Hoffnung: “Welcome to the English countryside!” Also entschieden wir uns für den einen Bus am Tag, der uns nach nur einer Stunde Warten fahren würde.

Nächste Komplexität: In unserem B&B öffnete niemand auf unser Klingeln. Herr Kaltmamsell telefonierte vergeblich, irgendwann auch mit der organisierenden Agentur – doch letztendlich erreichten wir nach einer halben Stunde unsere Gastgeberin, weil Herr Kaltmamsell einen Hintereingang zum Garten des Hauses fand, in dem sie fröhlich mit Gästen saß. Jetzt endlich konnten wir daran arbeiten, die Reise-Anspannung loszuwerden.

Fürs Abendessen gingen wir die Hauptstraße Broadways entlang an schmucken Häusern und vielen (durchgehend weißen) Touristen vorbei in den vorher recherchierten Supermarkt des Ortes, ich aß zurück auf unserem Zimmer einen Wrap mit Bohnen-Käse-Füllung und Coleslaw, zum Nachtisch Brownies.

Über Broadway Mauersegler und Schwalben, mittendrin viele Dohlen (deutlich hörbar), ein Rotkehlchen mit Würmern im Schnabel, das sich so nah an einem Zaunpfosten vor mir niederließ, als wollte es mit den Würmern mich füttern.

Unser B&B-Bett mit mächtigen Kissenbergen und Schmuck-Plaid, das ist ja ein durchaus üblicher Deko-Stil für Gästebetten. Dass jemand diesen Anblick gemütlich findet, kann ich akzeptieren – aber was machen Gäste, wenn sie in diesem Bett schlafen wollen? Gibt es einen designierten Platz in Hotelzimmern für Deko-Kissenberge und -Plaid bei Nacht?

Wir waren noch weit vor Nachtdunkelheit bettmüde, doch im Urlaub darf man so früh Schlafen gehen, wie man will.

§

Tiefer und guter Schlaf, ich las morgens noch ein wenig Internet vor dem Frühstück.

DIE bisherige Entdeckung in unserer Unterkunft: Die einfachste Bedienung einer Hoteldusche der westlichen Welt – ein An/Aus-Knopf für den Wasserfluss (mittlerer Druck), Temperaturregler, fertig.

Frühstücksraum unserer Unterkunft, wir setzten uns ans Fenster. Dass das Haus aus dem 16. Jahrhundert stammen soll, wird durch den Steinboden und die riesige Feuerstelle links an der Wand glaubwürdig. Herr Kaltmamsell bediente sich ausgiebig an den zahlreichen liebevollen frischen Frühstücksgerichten (u.a. selbst gemachtes Kompott mit Joghurt, verschiedene selbstgebackene Kuchen, selbst gemixter Smoothie), die Hausherrin unterstrich bei den Zutaten die lokale Herkunft, und er ließ sich englisches Frühstück braten.

Bei mir wollte sich trotz Urlaub keinerlei Frühstücks-Appetit einstellen, ich musste mich wortreich dafür entschuldigen, dass ich nur ein Kännchen Tee bestellte.

An unserem Zimmerfenster ritt jemand auf einem weißen Pferd vorbei, und die Regeln für Telefonieren auf Pferd sind wahrscheinlich laxer als die für Telefonieren am Steuer.

Dann wurde es wieder etwas umständlich. Weder am Start unserer Wanderung noch am gestrigen Zielort hatte es noch Übernachtungsmöglichkeiten gegeben, deswegen hatte die Agentur uns für zwei Nächte dazwischen untergebracht. Das bedeutete aber, dass uns ein Taxi zum Wanderstart bringen musste, abends vom Wanderziel abholen – alles von der Agentur organisiert.

Start des Cotswold Ways ist Chipping Campden, ein ausgesprochen reizender Ort.

Links die alte Markthalle.

Markthalle von innen.

Das Wetter war deutlich auf der düsteren Seite, wir sahen den ganzen Tag fast keinen Sonnenstrahl. Dafür tröpfelte es immer wieder, ich trug die meiste Zeit meine Wanderjacke. Das trübte zwar die zahlreichen großartig weiten Blicke, war als Wanderwetter aber super. Als schlecht erwies sich, dass ich mich für eine kurze Hose entschieden hatte: Die Wege waren oft dicht zugewachsen, meine Beine machten unangenehme Bekanntschaft mit Brennnesseln und Brombeerranken.

Andere Wander*innen trafen wir immer wieder, irgendwann wurde ich entspannter mit der Dynamik, dass man einander mehrfach überholt/begegnet, weil mal die anderen, mal man selbst zum Gucken oder für Pausen anhält. Aus “Hello” wird halt irgendwann “Hello again”. ABER! Keinerlei Radler*innen, null, nada, weder Touren-, noch Wander- oder Mountain-.

Hier sind Strohdächer typisch, wir kamen an frischer Strohdeckerei vorbei.

Blick zurück nach Chipping Campden.

Auf diesem schönen Weg spazierte ein paar hundert Meter lang ein Rebhuhn vor uns her.

Immer wieder kreuzten wir Schafweiden, begegneten der regionaltypischen Rasse Cotswolds Lion in verschiedenen Stadien der Rasur von dick bewollt bis eben geschoren. Sonstige spannende Tiere vor allem Greifvögel in der Luft: Hauptsächlich Milane, hin und wieder ein Bussard. Und die Türkentauben sind hier groß! Mal sehen, ob ich irgendwo Taubenbrüste auf der Speisekarte sehe.

Erklärtafeln und das von der Agentur mitgelieferte Wanderbüchl halfen uns, einige der vielen saisonalen Wiesenblumen zu identifizieren.

Spotted orchid (Fuchs’ Knabenkraut?).

Pyramidal orchid (Pyramiden-Hundswurz?). Wir sahen auch erfreulich viele Schmetterlinge, in den Wiesen und Wäldern summte und brummte es.

Ehemaliger Steinbruch mit Brocken des typischen Kalksteins der Gegend. Herr Kaltmamsell brachte mir den Begriff Oolith bei (Sedimentgestein, das aus kleinen Mineralkügelchen – Ooiden – besteht, diese Kügelchen sah ich auch bei genauerer Betrachtung).

Broadway Tower. Wegen trüber Aussicht reizte uns der Aufstieg nicht, der außerdem Geld gekostet hätte. Im dazugehörigen schönen Café am Parkplatz (von dem uns andere Wanderer an einem Aussichtspunkt beim Smalltalk erzählt hatten) machten wir kurz nach zwölf Kaffeepause.

Blick auf Broadway, das wir durchquerten.

Rechts unser B&B.

Auf einer Wiese machten wir kurz vor drei Brotzeitpause, ich aß vernünftig einen Apfel und einige Mischnüsse.

Unser Zielort Stanton, ganz viel Cotswolds-Idyll.

Das waren in sehr gemütlichen fünfeinhalb Stunden 16 Kilometer Wanderung gewesen. Da das der kürzeste und einfachste Abschnitt war, hatte ich meine neuen Wanderschuhe getragen – sie machten sich ganz hervorragend.

St. Michael’s, 1000 Jahre alt.

Unsere Taxifahrerin wartete schon auf uns, auf der Fahrt zurück zu unserem B&B in Broadway erzählte sie, dass sie in siebter Generation in den Cotswolds lebe.

Weil wir schon kurz nach vier zurück im B&B waren, schrieb ich Blogpost und bearbeitete die Fotos dazu. Nach diesen zwei Stunden war ich sehr hungrig und ging mit Herrn Kaltmamsell raus zum Abendessen.

Wir hakten Fish’n chips von unserer Englandliste ab, bemerkenswert hier waren die crushed peas mit Minze. Ich aß alles auf.

Wieder früh ins Bett.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 25. Juni 2023 – Der vorläufig letzte tägliche Blogpost

Montag, 26. Juni 2023 um 6:52

Zu früh aufgewacht, Schlaf auf Freibad verschoben.

Der Morgen war deutlich zu kühl für Balkonkaffee, aus demselben Grund verbummelte ich den Start ins Freibad bis zehn. Dann aber radelte ich auf der Panoramastrecke in Lindenduft zum Dantebad, im Juni scheint alles Grün in München aus Linden zu bestehen.

An der Damen-Innendusche wurde Schlange gestanden, unter anderem weil zwei davon ausgefallen waren (nicht erst seit gestern), ich ging unter die kalte Außenbrause (das morgentoilettliche Reinigungsduschen hatte ich bereits daheim absolviert). Auch die beiden Sportschwimmbahnen waren dicht gepackt, ich legte die ersten paar hundert Meter wegen ständiger Überhol-Spurts in Rekordzeit zurück und machte mich bereits auf Genussfreiheit gefasst. Doch zum Glück war ich wohl nur in einen Schichtwechsel geraten, ab ca. elf Uhr konnte ich wie gewohnt Spazierenschwimmen.

Schnelles Abtrocknen und Sonnencremen, auf der ausgedorrten Liegewiese breitete ich mich aus und hörte ein Stündchen Musik. Heimradeln über einen Bäcker Wimmer, Frühstück kurz vor drei wurden zwei Körnersemmeln und gesammeltes Restobst im Haus.

Urlaubsvorbereitungen: Mutter radlfähig machen, letzte Wäsche waschen, Einsatz Geschirrspülmaschine und Packen terminieren. Außerdem sicherte ich Reservierungen in den Restaurants in Brighton und London, in denen wir ganz besonders gern essen möchten.

Ich stellte fest: Weiße Streifen vom Schwimmen in der Sonne habe ich mittlerweile nicht mehr nur wegen Bikini, sondern auch wegen Falten (Hals, Armbeugen).

Zeitunglesen auf dem Balkon, Yoga-Gymnastik, dann legte ich alles von meiner Pack-Liste raus auf mein Bett, um es dann auf die beiden Koffer zu verteilen (der große für den Wander-Teil, der kleinere mit allem, was wir erst in Brighton brauchen werden).

Herr Kaltmamsell servierte das Abendessen: Zu Buschbohnen aus Ernteanteil gab es Flatironsteak aus der Pfanne. Danach reichlich Schokolade.

Und jetzt müssen wir alle ganz stark sein: In diesem Urlaub habe ich vor, nicht jeden Tag zu bloggen, sondern alle drei bis vier Tage, vielleicht auch nur eine Wochenzusammenfassung. Ich möchte herausfinden, was ein bis zwei Stunden am Tag zusätzlich zur freien Verfügung bewirken, werde also abends lediglich die Fotos des Tages von meinem Smartphone runterladen und beschriften, ein paar Notizen zu den Ereignissen des Tages festhalten.
Wir alle müssen das, weil ich mir dadurch ja auch die Möglichkeit zum späteren Nachschlagen, zum kleinteiligen Wiedererleben des Urlaubs nehme, denn das mache ich durchaus: Mich an einen Urlaub erinnern und ihn dann im eigenen Blog nochmal nachvollziehen.
Aber das probieren wir jetzt mal aus.

§

Elias Hirschl hat 2022 den Publikumspreis beim Bachmannpreis in Klagenfurt gewonnen und wurde damit automatisch Klagenfurter Stadtschreiber 2023. Was ihn nicht daran hindert, Klagenfurt geradeaus zu beschreiben:
“Was hat Jörg Haiders Tennislehrer mit dem Bachmannpreis zu tun?”

via engl

§

Spannender Krautreporter-Artikel, frei zu lesen:
“Interview: ‘Wir müssen in der Geschichte von Europa und Afrika alles infrage stellen'”.

Was wir über Kolonialismus wissen, haben ausgerechnet jene aufgeschrieben, die davon profitiert haben. Wir haben den Literatur-Professor James Orao gefragt, welcher Geschichte wir noch trauen können.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 24. Juni 2023 – Vom Kartoffelkombinat-Film mitgenommen

Sonntag, 25. Juni 2023 um 7:56

Ausgeschlafen, mit Kopfweh und Kieferschmerzen (?) aufgewacht. Das Draußen eher trübe, sollte aber im Verlauf des Vormittags aufhellen.

Da ich mich derzeit körperlich fit fühle, sah ich keinen Anlass für Schonung vor den Wandertagen und gönnte mir eine Laufrunde an der Isar, und zwar im lang nicht mehr besuchten nördlichen Englischen Garten.

Mit der U-Bahn zum Odeonsplatz, diese zwei Stationen wurden ja mit Pendelverkehr bedient. Wie angekündigt entwickelte sich der Himmel von gemischtwolkig zu immer sonniger, sofort stieg die Temperatur. Ich mäßigte mich und lief nur unter anderthalb Stunden, blieb dabei soweit wie möglich im Schatten.

Die Rückfahrt wurde etwas umständlich, aber daran hatte ich selbst schuld: Zwar war mir sehr bewusst, dass gestern CSD in München gefeiert wurde (den ganzen Tag über wimmelte die Innenstadt vor Regenbogen-Volk), doch ich hatte nicht konsequent daraus geschlossen, dass das den Tram-Verkehr behindern würde. Am Tivoli musste ich also flugs umplanen, nahm einen Bus zur Giselastraße, U-Bahn zum Odeonsplatz (Touristen beraten, wie sie von dort zum Tierpark kommen, mich für die Umstände entschuldigt: “Wissen’S, wir bauen.”), Pendel-U-Bahn zum Sendlinger Tor. Von dort ging ich auf den geplanten Abstecher zum Semmelholen. Völlig in Ordnung, nur war ich mittlerweile wirklich sehr durstig und stürzte daheim erstmal zwei Gläser Wasser hinunter.

Nach dem Duschen sorgte ich für den Abend vor: Die beiden kleinen Kohlrabis aus Ernteanteil wurden roh Salat mit Zitronensaft und Joghurt, ich bereitete Pizzateig zu, stellte ihn zum Gehen in den Kühlschrank.

Frühstück kurz vor zwei war ein Kichererbsensalat, den Herr Kaltmamsell mit roter Paprika, Limettensaft, Chilisalz und Ernteanteil-Koriander, dem aromatischsten, den ich je erlebt habe, angemacht hatte. Außerdem Semmeln.

Dann gingen wir die paar Minuten hinüber zum Kino am Sendlinger Tor zur Weltpremiere des Dokumentarfilms über unser Kartoffelkombinat, Das Kombinat.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/ZyeNS6Pw360

Ich sah im Publikum einige bekannte Gesichter anderer Genossenschaftler*innen.

Moritz Springer hatte für die Doku das Kartoffelkombinat von 2013 bis 2022 begleitet, also ab kurz vor dem Zeitpunkt meines Beitritts, konzentrierte sich vor allem auf die beiden Gründer Daniel Überall und Simon Scholl, zudem auf Gärtner Benny. Der Film nahm mich sehr mit: Jetzt verstand ich die Hintergründe des Hin und Her, als es erst hieß, Vorstand Daniel werde zurücktreten, als es dann aber überraschend Simon war, der sein Amt abgab. Ich ahnte wohl, dass das Zeichen einer Krise war, doch jetzt sah ich auch, wie viel Schmerz dahinter stand, es zog mir das Herz zusammen – die Leute auf der Leinwand kannte ich ja alle und mag sie sehr.

Nach der Aufführung, vor der Fragerunde: Moritz Springer links mit Mikrophon, rechts davon das Kartoffelkombinats-Team, das im Film auftaucht.

Über die Qualität des Films kann ich nichts sagen, dafür bin ich zu nah dran und drin. Mir ging durch den Kopf: Wann sagen sie jetzt endlich, dass die Gärtnerei vom Sigi war? Oh, die Phase im Kloster Schönbrunn kommt gar nicht vor? Und auch nicht die Zeit mit unserer ersten Vorständin Teresa Lukaschik? Alles Resultate filmerischer Entscheidungen, die sehr wahrscheinlich erst möglich machten, dass die Doku in 90 Minuten passte. Und es handelte sich ja auch nicht um eine Chronik. Der Eindruck Unbeteiligter würde mich sehr interessieren, am 28. September kommt der Film in die Kinos, sobald ich einen Ausstrahlungstermin auf 3sat weiß, gebe ich Bescheid.

Mit Herrn Kaltmamsell kaufte ich noch Erdbeeren für den Abend-Drink ein, dann bügelte ich alles weg, was zu bügeln war: In erster Linie, um aus dem Urlaub nicht zu Bügelwäsche zurückzukehren. Und um den Sonntag echt frei zu haben für Kofferpacken und Aufregung. Ich hörte dabei weder Musik noch Podcast, war mit Verarbeitung des Films beschäftigt.

Fürs Abendessen machte ich Pizza: Eine Margarita, eine bianca mit Olivenöl, Mozzarella, Parmesan, Knoblauch, Oregano.

Für selbstgemachte Pizza sehr gut geraten, ich merke mir den maximal hochgedrehten Backofen (Backstein eh) und das Ruhen der Pizza vor Einschießen in den Ofen. Dazu gab es den ersten Erdbeer-Gin&Tonic der Saison, irgendwie waren wir bislang nicht dazu gekommen.

Gestern war ich besonders dankbar für öffentlich-rechtliches Fernsehen als (soweit überhaupt möglich) belastbare Nachrichtenquelle. Die von Russland engagierte Söldner-Armee Wagner hatte völlig überraschend einen Putsch begonnen und war auf dem Weg nach Moskau, den ganzen Tag über hatte ich den Verlauf verfolgt, war aber hilflos bei der Bewertung. Abends halfen mir die Expert*innen der ARD vor Ort in der Tagesschau und im anschließenden Brennpunkt, den Vorfall und seine Hintergründe einzuordnen, zudem externe Fachleute zum Thema – ja, das war ein sehr einschneidender, wichtiger Vorfall.

Letzte telefonische Absprachen mit meiner Mutter zum Wohnunghüten.

§

Rätsel Mensch: Was lässt jemanden annehmen, Gesundheitstipps, noch dazu mit einer Belastbarkeit von “Ich kenne jemanden, bei dem hat geholfen”, könnten mir per E-Mail willkommener sein als hier in den Kommentaren? Aber keine Sorge: Auch die lösche ich sofort nach Identifikation als solchen.

§

Saubere Konjunktive ohne Hilfsverb sind im Deutschen schon lange ein Elite-Ding. Aber wenn man’s kann, machen sie enorm Spaß, wie @formschub beweist:
“Der konjunktive Kuchen”.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 23. Juni 2023 – Feier von Urlaubsstart und Mittsommer

Samstag, 24. Juni 2023 um 8:20

Guter Nachtschlaf, nach Aufwachen (mal zu Regenrauschen, mal zu Stille) schlief ich immer gleich wieder ein.

Zeittypische Wetter-Ambivalenz:
1. “Oh super! Endlich ein echtes Regengebiet und nicht nur punktuelle Gewitter!”
2. “Aber muss das gerade heute Morgen kommen, wo ich doch dringend mit dem Rad in die Arbeit fahren wollte, um den privaten Vormittagtermin möglichst zeitsparend wahrnehmen zu können?!”

Ich ging also knurrend zu Fuß in die Arbeit – Rad fahre ich zu selten, als dass sich eine Komplettausstattung für Regen lohnen würde (auch wenn ich Frau Brüllen schon arg um diesen coolen Auftritt beneide – man kann nicht alles haben).

Zumindest (es gibt immer ein Zumindest) kam ich so dazu, nochmal die Theresienwiese zu kreuzen; nach meinem Urlaub wird sie bereits für den Oktoberfestaufbau gesperrt sein und erst nach Abbau im November wieder kreuzbar.

Im Büro kam ich trotz großem Schirm mit sehr feuchtem unteren 25 Prozent Kleidung an, Wechselschuhe hatte ich dabei.

Ordentlich was weggschafft (aber nichts Panisches, diesmal muss ich mir drei Urlaubswochen nicht durch Überarbeiten erkaufen), dann für Pedikürentermin ausgestempelt. Der Regen hatte aufgehört.

Diese Stencils gibt es jetzt häufiger im Westend, hier u.a. interessante Abkürzung von “eigentlich”.

Mit schönen Füßen auf dem Rückweg kurze Einkehr auf einen Mittagscappuccino.

Ich hatte diesmal meinen eigenen Disco-Nagellack mitgebracht, weil der hoffentlich auch die sieben Wandertage in Stiefeln übersteht. Vor Rückkehr an meinen Schreibtisch machte ich mir aktiv klar, dass jetzt der echte, eigentliche Jahresurlaub ansteht, mit Spaß, Erholung und all dem – von selbst schien das nicht richtig angekommen zu sein, mein Hirn machte bereits Arbeitspläne für nach dem Urlaub.

Wetter mild und sehr angenehm. Mittagessen war dann Birchermuesli mit Joghurt, mittelgute Pfirsiche und Aprikosen.

Nachmittags noch Reste weggschafft, leider unter steigendem Schwindel. Heimweg über Süßigkeiten-Einkäufe, daheim Yoga-Gymnastik.

Am Abend war ich mit Herrn Kaltmamsell zur Feier des Urlaubsstarts und des Mittsommers verabredet – zu einem ausgiebigen Essen im Romans mit besonders schönem Außenbereich. Dass ausgerechnet gestern der einzige kühle Tag zwischen zwei ausgedehnten Schönwetterperioden eintraf, war halt doof.

Wir nahmen eine U-Bahn zum Rotkreuzplatz, setzten uns auch ohne Sommerwärme an einen Außentisch, kamen wie erhofft ins Reden und Erzählen.

Das Essen in Form des Überraschungsmenüs in vier Gängen wie gewohnt anständig, die Weine der Begleitung ok (leider bekam ich nicht mal die Flaschen zu sehen, die Gläser wurden bereits eingeschenkt serviert). Das Highlight war nach Bressaola und gebratenem Ziegenkäse, etwas pomfig gefüllten Ravioli mit Gamberini und Perlhuhn mit Erbsen-Kartoffelpü zu unser beider Überraschung das Dessert:

Halbgefrorenes Zitronenmousse mit Limoncello auf Vanillecreme, sehr aromatisch, und der Süßwein, ein Moscato, erwies sich als das beste Pairing.

In meiner Jeansjacke hatte ich auch nicht gefroren, sowohl Urlaubsstart als auch Mittsommer waren hiermit gefeiert.

§

Derzeitige Wettervorhersage für den Wanderurlaub in England: Zwischen 19 und 22 Grad, wenig Sonne, manchmal Regen – also super. Ich hatte mich vor einer brutalen Hitzewelle wie vergangenen Sommer in England gefürchtet.

Und um das nochmal klarzustellen: Ich bin immer noch sehr beleidigt als EU-Empfängerin der Ohrfeige Brexit. Auch wenn der größte Schaden damit wie prognostiziert in UK angerichtet wurde, hier ein Resümee der drei Jahre Brexit von Imke Köhler, ARD London.
“‘Großbritannien pfeift aus dem letzten Loch'”.

Meine Mutter ist wieder so freundlich, während unserer Abwesenheit auf unsere Wohnung aufzupassen. München möchte sie natürlich auch genießen, ich habe ihr Weg-Beschreibungen, mit Rad oder ohne, zu einigen gewünschten Zielen zusammengestellt. Ganz speziell für sie eine Tiktok-Folge sandro.cap (Anmelde-Aufforderung einfach wegklicken):
“Sätze, die man am Sendlinger Tor hört”.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 22. Juni 2023 – Blitzeinsatz Schöffin, Hitzeprügel

Freitag, 23. Juni 2023 um 6:36

Unruhige Nacht mit viel Zwischenaufwachen und einem Schlafloch, ich war froh, als es zehn Minuten vor Weckerklingeln spät genug war für Aufstehen. Die Schlafunterbrechungen hatte ich dafür genutzt, nach Mitternacht Fenster und Balkontüren zu öffnen, beim Zu-Bett-Gehen war es draußen noch wärmer gewesen als drinnen.

Nach einem Balkonkaffee nahm ich wieder das Rad in die Arbeit, denn es sollte mich am frühen Vormittag zu einem Einsatz als Schöffin ans Gericht bringen.

Ganz weges Haus Schiller-, Ecke Pettenkoferstraße. Ein Plakat erklärte (ich finde es sehr großartig, dass mittlerweile praktisch an jedem absichtlichen Straßenloch in der Stadt Informationen zum Hintergrund zu finden sind), dass hier der Neubau für die Geo- und Umweltwissenschaften der Ludwig-Maximilian-Universität entsteht – ein ganz schöner Koloss (für den dem Foto zufolge auch das grünliche Gebäude im Hintergrund weichen wird). Hier mehr Pläne auf der Website des Architekturbüros – ich hoffe sehr, dass die Saurierskelette im Eingangsbereich nicht nur erfunden sind.

Unterwegs erinnerte mich etwas mühsames Treten daran, dass die Reifen Luft brauchten – und zu meiner Überraschung und Freude stellte ich fest, dass am Abstellplatz jemand, vielleicht sogar mein Arbeitgeber eine superduper Fahrradpumpe zur Verfügung stellte. Mit der pumpte ich gleich Mal (vor Einstempeln!).

Den extrafrühen Arbeitsstart nutzte ich für Erledigungen. Kurz vor neun zurück ans Rad, mit aufgepumpten Reifen fuhr es sich schon mal leichter durch die Morgenluft mit Hitzedrohung.

Der Termin selbst am Amtsgericht war dann kurz: Verhandelt wurde ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, doch ein Zeuge war erkrankt, und die Verteidigung konnte gut begründen, warum sie dessen Aussage unbedingt brauchte. Ich lernte die Begriffe “Beiordnung”, “Verständigung”, “Aussetzen” vs. “Fortsetzen” einer Verhandlung. Die Fortsetzung hätte innerhalb der nächsten drei Wochen passieren müssen, doch wir beiden Schöffinnen hatten unsere Urlaubsstarts extra auf die Woche nach dem gestrigen Verhandlungstermin gelegt, in diesen drei Wochen waren wir beide verreist. Also setzte der Richter die Verhandlung aus, sie wurde ganz neu terminiert, auch mit neuen Schöff*innen. Nach gerade mal zwei Stunden stand ich wieder auf der Nymphenburger Straße und radelte Büro-wärts (ein Glück: erst am Gericht erfuhr ich, dass die Verhandlung ganztägig angesetzt gewesen war, das hätte meinen Arbeitstag gründlich zerschossen).

Besonders: Der Zuschauerbereich des Gerichtsaals war bis zum letzten Platz besetzt, nämlich von einer Schulkasse (nach meiner – ausgesprochen unzuverlässigen – Schätzung 15- bis 17-Jährige), die so bunt zusammengesetzt war, als sei sie für Sportkleidungswerbung gecastet. Vielleicht aber sieht unsere Zukunft wirklich so aus, dann freue ich mich sehr auf sie.

Unterwegs hielt ich auf einen Mittagscappuccino am Mahlwerk im Forum Schwanthalerhöhe.

Im Büro wartete einiges auf mich. Mittagessen dann in drei Gängen: Tomaten, Pumpernickel mit Butter, Mango (mir schoss durch den Kopf: Ich kann mir eine Bio-Mango zu 3,78 Euro leisten, ich habe wirklich keine Geldsorgen) und Pfirsich mit Sojajoghurt.

Draußen diesige Hitze, ich ließ die Fenster schön zu, die Tür ins kühle Atrium aber offen. Die großen Außen-Jalousien werden derzeit ersetzt, wir sind in der Phase Gar-keine-Außenjalousien, also konnte ich nachmittags lediglich die Innen-Rollos gegen die heizende Sonne herablassen.

Doch irgendwann war Feierabend, irgendwann musste ich da raus – die Luft vor dem Bürogebäude fühlte sich unangenehm drückend an. Solange ich auf dem Fahrrad unterwegs war, kühlte mich der Fahrtwind ein wenig, doch auch der war warm. Ich radelte zur Theaterkasse der Kammerspiele, denn die letzte Vorstellung meines Abos in dieser Spielzeit fällt in meinen Urlaub. Das Stück wird aber nicht mehr nach meiner Rückkehr vor der Sommerpause aufgeführt, ich bekam einen Gutschein.

Die zwei Kilometer Heimfahrt durch gleißende Innenstadthitze unangenehm, ich war sehr froh, in die schattig kühle Wohnung heimzukommen.

Beim Salatwaschen entschwitzte ich ein wenig, turnte dann Yoga-Gymnastik, machte den Ernteanteil-Kopfsalat mit der ersten Ernteanteil-Gurke und zugekauften Tomaten sowie gekochten Eiern in einem Joghurtdressing an. Das schmeckte sehr gut. Dann gab’s noch ordentlich Schokolade.

Das angekündigte Unwetter ging in der Münchner Innenstadt übersichtlich herab, brachte immer nur in kurzen Phasen Regen. Am beeindruckendsten war der Temperatursturz von über 30 auf unter 20 Grad.

§

Selbst wenn Sie die ernsthafte Berichterstattung über Klimawandel nur aus dem Augenwinkel mitbekommen, wird Ihnen aufgefallen sein, dass die Zeitpunkte, für die die ganz schlimmen Einschnitte vorhergesagt werden, sprunghaft näherrücken. Vor zehn Jahren noch konnte ich mir einreden, dass sie mich nicht mehr betreffen werden, nach dem jüngsten IPCC-Bericht (also der Sammlung von Messungen des Weltklimarats – wohlgemerkt fast ausschließlich einfach Messwerte) musste ich mir bereits Sorgen um meine Zeit als Rentnerin machen, derzeit lese ich wöchentlich Meldungen, dass Prognosen bereits überholt werden – also die, die gerne als “alarmistisch” abgetan wurden.

Wenn Sie sich die Laune so richtig versauen wollen, schauen Sie bitte Kriminal-Biologe Dr. Mark Benecke zu, wie er eine gute Stunden lediglich über Messungen berichtet (na gut, ein wenig Verbindungen stellt er dazwischen auch her).

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/RPs9JdthcHU

Er zeigt auch Messungen über die letzten 110 Jahre und noch längere Zeiträume (für die Leute, die sich immer noch mit “Pah, es gab immer schon wärmere Phasen in der Erdgeschichte” beruhigen). Ernennt die Quellen der Messungen und Daten, um klar zu machen: Das ist keine Meinung, alle Mess- und Forschungsinstitutionen stehen dahinter.

Artensterben (Beneckes Fachgebiet): “Unaussprechlich.”
Klimaerwärmung: “Wir sind derzeit im worst case.”
“Niemand hat Daten dafür, dass das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen ist.”

Und wie ich werden Sie das alles danach wahrscheinlich schön wieder verdrängen und vergessen, weil es schlicht unerträglich ist.

(Beim Thema Landwirtschaft übernehme ich allerdings nicht Beneckes Perspektive: Mich interessiert viel mehr, ob es Daten dazu gibt, dass die postulierte Abschaffung der gesamten Nutztierhaltung zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Landwirtschaft führt, also wirkungsvoller ist als die Abschaffung von Massentierhaltung und industrieller Landwirtschaft. Das behandelt Benecke nicht, er scheint mir auch in diesem Punkt Klima-Argumente – das meiste Mais und Soja wird für die Tierhaltung angebaut / Methanausstoß – und emotionale Argumente – die armen Tiere! – zu vermischen.)

§

Kleine schöne Mastodon-Sammlung über den Siegeszug deutscher Kulinarik in der Welt.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 21. Juni 2023 – Isarlauf in die Sonnwend

Donnerstag, 22. Juni 2023 um 6:27

Wecker auf sehr früh zum Vor-Arbeit-Isarlauf zu einem der längsten Tage des Jahres, zwischen 18. und 24. Juni steht die Sonne in München mehr als 16 Stunden über dem Horizont. Es war warm genug für ein ärmelloses Oberteil.

Ein Wolkenband überm Horizont verhinderte klaren Sonnenaufgang, aber nach dem nächtlichem Regen war die Luft abgekühlt und ganz besonders wunderbar.

Das fanden andere Läufer*innen auch: Nachdem ich an den vergangenen Morgen bis halb sieben nahezu allein lief, ging es gestern an der Isar zu wie an einem Sonntagvormittag. Die Nachmittags- und Abendhitze der letzten Tage hatte wohl zu Verschiebungen des Tagesrhythmus’ geführt.

Scheint eine rauschende Sommernacht gewesen zu sein.

Unter der Brudermühlbrücke entdeckte ich, dass einige der Murals gecrosset worden waren1 – “Fuck Antifa” lässt wenig Spielraum zur Interpretation, aus welcher Richtung das kam. (Kein Foto, weil ich aus dem Streetart-Buch von Martin Arz gelernt habe, dass man Crossern keine Reichweite verschaffen soll.)

Ins Büro geradelt, die Sonne brannte bereits kurz nach acht unangenehm.

Weges Haus Schillerstraße Ecke Pettenkofer.

Erstmal zackig Kleinigkeiten weggearbeitet, Tag 2 der Infoveranstaltung startete früher. Da sich erwies, dass der erste Programmpunkt komplett irrelevant für mich war, konnte ich noch Anderes wegarbeiten.

Außerdem musste ich eine Stunde aussetzen für eine parallele, aber wichtigere Infoveranstaltung, deren Zielgruppe ich anders als bei der zweitätigen zu 100 Prozent war. Parallel poppten die Wortmeldungen im Chat der vorherigen auf, alle hochinteressant, möglicherweise habe ich weder von der einen noch der anderen Veranstaltung profitiert.

Weil eh wuschig, huschte ich auf einen Mittagscappuccino zur Nachbarfirma, klinkte mich dann wieder in Veranstaltung 1 ein. Spätes Mittagessen nach deren Ende: Pumpernickel mit Butter, Flachpfirsiche.

Auch wenn die Temperatur im Büro erträglich war, fühlte ich mich nachmittags sehr schlapp und müde, wenig leistungsfähig.

Nach der Arbeit radelte ich in angenehmer Brise heim, Stopp beim Vollcorner für Lebensmittel. Leider wieder extreme innere Düsternis, daheim legte ich mich erstmal aufs Sofa mit der Hoffnung auf ein wenig Beruhigung.

Tatsächlich schaffte ich ein wenig vorbereitende Pediküre und rubbelte den Discolack von meinen Zehennägeln (hält richtig, richtig gut, Entfernung entsprechend mühsam). Dabei entdeckte ich einen großen dunkelblauen Fleck unter dem linken Zeigezehnagel, ich erinnere mich an keinerlei Schlag oder Verletzung, er schmerzt auch nicht. Eine Runde Yoga-Gymnastik, Brotzeitvorbereitung. Zum Nachtmahl steuerte ich Tomatensalat bei, Herr Kaltmamsell hatte Vichyssoise gemacht.

Nachtisch Schokoküsse und Schokolade (bisschen zu viel).

Wieder früh ins Bett, um Marilynne Robinson, Jack weiterzulesen – eher im Galopp, da mich Jacks seitenlangen verquasten Gedankengänge nerven und seine eigentliche Geschichte zu großen Teilen so kompliziert indirekt erzählt wird, dass ich fast komplett das Interesse verloren habe und nur die Passagen gründlich lese, in denen es um ihn und Della geht (außer die beiden verstricken sich wieder seitenlang in seine verquasten Gedankengänge).

§

Vielleicht erinnern Sie sich noch an das #Lindwurmessen von Herrn Kaltmamsell und mir. Die Lindwurmstraße in München ist eigentlich eine besonders schöne mit ihren Pappeln links und rechts. Doch für den Fuß- und Radverkehr war sie immer ausgesprochen anstrengend. Vielleicht, vielleicht, vielleicht – wird das bald anders.
“Plan des Mobilitätsreferats:
Lindwurmstraße: Nur noch eine Spur pro Richtung”.

  1. “crossen: Das Zerstören eines fremden Graffiti-Bildes durch (teilweises) Übermalen (Zutaggen) oder Durchstreichen” []
die Kaltmamsell