Journal Donnerstag, 29. Oktober 2020 – Regen und Krücken, Bürokratisches
Freitag, 30. Oktober 2020 um 7:21Etwas unruhige erste Nacht daheim, doch ich bekam genug Schlaf.
Früher Wecker, um Herrn Kaltmamsell vor der Arbeit Milchkaffee servieren zu können. Die Sportrunde verschob ich, da sie vor meinem Arzttermin zu gehetzt worden wäre.
Es regnete, eine blöde Kombination mit Krücken. Ich schlüpfte in eine alte Wanderjacke mit Kapuze und nahm einen Bus zum Orthopäden. Wir freuten uns gemeinsam über die erfolgreiche OP, planten Weiteres. Ich bin jetzt bis Ende November krank geschrieben, wahrscheinlich gehe ich schon im Dezember wieder in die Arbeit mit stufenweiser “Wiedereingliederung” (langsames Hochfahren der täglichen Arbeitsstunden nach längerer Krankheit, in dieser Zeit zahlt die Deutsche Rentenversicherung weiter Übergangsgeld; Dauer und Stundenzahl legt der behandelnde Arzt fest).
Nach Apothekenabstecher (ich soll noch eine Woche Blutgerinnungshemmer nehmen) nahm ich eine angenehm leere U-Bahn zum Stachus. An einem Obststandl an der Sonnenstraße kaufte ich umfassend Obst für die nächste Woche ein.
Daheim großer Hunger, doch die Mittagessenszubereitung wurde unterbrochen durch vorzeitige Lieferung meiner neuen Matratze und Lattenroste (sowie Mitnahme der alten).
Laut Spielanleitung (ja, ich bin das, die Gebrauchsanweisungen liest) muss sie erst mal eingelegen werden und das bitte ganzflächig. Wie praktisch, dass jetzt die bayerischen Allerheiligenferien beginnen und ich Herrn Kaltmamsell bitten kann, mir dabei zu helfen.
Jetzt aber Mittagessen: Ich bereitete lösliche Hühnerbrühe zu und erhitzte darin ein weiteres Viertel Spaghettikürbis, mit selbst gemachtem Harissa geschärft. Das Essen wurde kurz von einer Elektroniklieferung für Herrn Kaltmamsell unterbrochen.
Erwachsenenerledigungen: Wäsche aufhängen / in den Trockner werfen, Krankschreibung an Arbeitgeber und Krankenkasse schicken, neue Matratze überziehen, Arbeitsrechner hochfahren und im Postfach nach dem Rechten sehen. Weil die Rentenversicherung den Reha-Bescheid so spät geschickt hatte, waren diese drei Wochen auf meinem Zeitzettel als AWOL eingetragen, ich musste ein wenig mit der Personalabteilung korrespondieren.
So voll ich nach der Mittagssuppe auch gewesen war: Sie hielt nicht lange vor. Ich aß Birne, Mandarine, Kiwi, Marmeladenbrot.
Im Bett auf der neuen Matratze (fühlte sich schon mal gut an) las ich mit hochgelegten Beinen Zeitung und weiteres Internet, guckte die Regierungserklärung von Kanzlerin Merkel nach (sie zitiert Mai Thi Nguyen-Kim! Angela Merkel ist eine Freundin der Sonne!).
Für die nächste Spielzeit verlängerte ich mein Kammerspielabo – auch wenn völlig unklar ist, ob und wie es überhaupt Vorstellungen geben wird, ist diese Unterstützung das Mindeste für mich, die ich nicht um meine Existenz bangen muss.
Das Abendessen durfte ich kochen. Herr Kaltmamsell hatte eingekauft und den Ernteanteil der Woche abgeholt, aus dem Chinakohl daraus bereitete ich ein Pfannengericht mit Chili und Rosinen (getrocknete Minze statt frischer).
Schmeckte ok, aber der nächste Chinakohl wird anders verarbeitet.
Im Bett las ich Alicia LaPlante, Turn of Mind aus, ihren Erstling von 2011. Die Grundidee ist wirklich gut und hervorragend umgesetzt: Wir begleiten den ganzen Roman über Dr. Jennifer White aus Ich-Perspektive, eine orthopädische Chirurgin in Ruhestand. Das Besondere an dieser Perspektive: Jennifer ist dement, die Geschichte wird mit ihren verworrenen Alzheimer-Schnipseln erzählt. Und: Ihr wird offensichtlich vorgeworfen, dass sie ihre beste Freundin Amanda ermordet hat, ihr anschließend mit chirurgischer Kunstfertigkeit vier Finger einer Hand entfernt. Wir folgen Jennifer durch bessere Tage, an denen sie mit ihren beiden erwachsenen Kindern halbwegs vernünftig kommunizieren kann, durch die immer häufigeren schlechten Tage, an denen sie völlig ohne Orientierung ist, manchmal triggern Details Erinnerungen an ihre Vergangenheit und wir erfahren dadurch Vorgeschichte. Im selben Maß, in dem Jennifer in ihrer Erkrankung versinkt (jetzt lebt sie längst in einem Pflegeheim), wird die implizite Erzählerstimme deutlicher und übernimmt, lässt die anderen Romanfiguren genug sagen, um den Fall schließlich aufzuklären.
























