Journal Montag, 25. August 2025 – Wien 4 mit Stadthallenbad, Kunsthistorischem Museum und Loos

Dienstag, 26. August 2025 um 9:13

Ich hatte mir wegen Vormittagsplan sogar einen Wecker gestellt, wachte munter davor auf.

Der Plan: Schwimmen im Stadthallenbad (das eigentlich Stadthallenhallenbad heißen müsste, aber als Wienerin hätte ich auch ein -hallen- rausgekürzt).

Nach Milchkaffee, Bloggen, Selbstreinigung packte ich Minimalschwimmzeug, um halb zehn machte ich mich auf den kurzen Fußmarsch.

Wetter: wolkenlos sonnig und noch ziemlich frisch.

Da ich weiß, wie komplex die Prozesse bis ins Wasser eines Hallenschwimmbeckens sein können, trat ich an die Kassendame gleich mit einem “Guten Morgen! Ich bin zum ersten Mal hier und möchte nichts falsch machen.” heran. Sie erklärte mir dann auch geduldig, dass der Eintritt 8,50 Euro kostete (das wusste ich bereits und war leicht schockiert – im Münchner Dantebad zahlt man heuer 6,50 Euro), dass es Sammelumkleiden und einen mittelkomplizierten Prozess mit Plastikkarte plus Messingmünze für Eintritt, Spind, Verlassen des Bads gab.

Ich kam zurecht, fand auch eine der wenigen Kabinen zum Umziehen, per Ausschilderung zu Duschen und einige Treppen hoch in die Schwimmhalle, die ich bereits von Fotos recht gut kannte. Die Bahnen waren fast leer, ich genoss das Glück eines Arbeitsmontagvormittags im August. Schwimmen ging gut, allerdings sah ich bereits beim Gleiten ins Wasser vorher, was später eintrat: Ab ca. 1.500 Metern fröstelte mich, das Wasser war die wenigen Grad zu kühl für mein persönliches Optimum. So schwamm ich irgendwann mit so hoher Gänsehaut, dass sie mich vermutlich abbremste – aber bei ACHT EURO FÜNFZIG wollte ich bitte meine gesamten 3.000 Meter haben.

Auch den Ausgangsprozess absolvierte ich mit Bravour, draußen war es jetzt warm genug für Jackenlosigkeit. Größere Schleife auf dem Heimweg über eine empfohlene Bäckerei: Brot für abends.

Sehen Sie all die armen ermordeten Parkplätze am Reithofferpark an der Märzstraße?!

Meine Wien-Verliebtheit hält an, ich sehe alles in diesem goldenen Augustsonnenlicht durch die rosarote Urlaubsbrille. Und freue mich auch über das Design dieser Bäckereitüte ohne Hipster-Ausreißer.

Nächster Programmpunkt: Supermarkteinkauf. In der Nähe unserer Ferienwohnung war die Auswahl groß, wir entschieden uns für den heimischen Billa und sahen uns dort gründlich um.

Die Weinregale fast ausschließlich mit österreichischen Produkten gefüllt, Herr Kaltmamsell freute sich über den Uhudler – er hatte kürzlich zu der Traubensorte dahinter recherchiert, war auf diesen sehr speziellen Wein gestoßen und wollte ihn gern probieren. Außerdem kauften wir fürs Nachtmahl ein.

Einkäufe verräumt, jetzt gingen wir kurz nach eins frühstücken. Am Café Lorenz hatten wir eine Tafel entdeckt, die Saure Wurst anbot und Bauernpresswurst mit Kernöl: Genau diese Speisen wollten wir probieren.

Herr Kaltmamsell überzeugte sich, dass Saure Wurst nicht dasselbe ist wie Bayerischer Wurstsalat, ich dass Bauernpresswurst nicht identisch ist mit bayerischem Presssack (sie enthielt viel mehr Fleisch) und dass Kernöl hervorragend dazu passt. Ein Genuss auch die frischen Handsemmerln.

Nachmittagsprogramm: Kunsthistorisches Museum, das wir noch nie besucht hatten; wir spazierten durch den herrlichen Tag dorthin (immer noch lieber in der wärmenden Sonne). Unterwegs in einer schicken Rösterei an der Westbahnstraße Espresso/Cappuccino.

Das Kunsthistorische Museum begannen wir mit der Ägyptisch-orientalischen Sammlung, ich war durchaus positiv überrascht, auch von der Antikensammlung.

Im Obergeschoß nahmen wir uns Großteile der Gemäldegalerie vor. Was mich hier begeisterte: Die Lösung der Beschriftung. Ein Geländer hält Besuchende von den Bildern in Sicherheitsabstand und platziert darauf die (in meinen Augen meist sehr interessanten) Informationen zu den Gemälden. (Zornige Gedanken an die Alte Pinakothek in München, in der die Schilder neben den Gemälden so klein beschriftet sind, dass alte Leute wie ich den Bildern bis Sicherheitsalarm-Gebimmel nahekommen müssen, um sie lesen zu können.)

Verhandlungen über die weitere Gestaltung des späten Nachmittags führten uns zu der empfohlenen legendären Loos American Bar – deutlich winziger als erwartet, sehr atmosphärisch, mit wunderbaren Cocktails.

Burggarten im Augustlicht.

Loos von außen.

Loos von innen: Wir bestellten beide Klassiker, ich den Side Car links, Herr Kaltmamsell den Bronx rechts. Plaudernd und herumschauend fühlten wir uns so wohl, dass wir danach noch zwei Prince of Wales zubereiten ließen – auch im Kupferbecher statt Silber schmeckte er sehr gut. Und machte uns dann doch recht betrunken. Für den Heimweg bemühten wir also die U3, auch darin gab es viel zu sehen für meine verliebten Augen.

Das Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell zu: Wiener Tofu mit Paprika, Pilzen, Schalotten, außerdem Wiener Kimchi, ich reichte Tomaten-Raritäten und Roggen-Dinkel-Brot an.

Alles sehr gut. Nachtisch: Restliche Tofu-Speisen, Mannerschnitten.

Abendunterhaltung eine Folge Mad Men: Herr Kaltmamsell hatte mühsam einen Weg gefunden, von seinem Handy auf den Fernsehbildschirm der Ferienwohnung zu übertragen. Lineares Fernsehen hatte er allerdings dort nicht bekommen.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 24. August 2025 – Wien 3 mit Grätzl-Spaziergang und Heurigen-Wanderung

Montag, 25. August 2025 um 8:10

Gut und noch länger geschlafen.

Gute Aussichten!

Während ich bloggte (was wieder länger dauerte als gedacht mit all den Fotos – und dabei habe ich sogar aus Erschöpfung vor einiger Zeit aufgegeben, für jedes Foto auch noch einen Alt-Text zu erfinden, schlechtes Gewissen hin oder her), hatte Herr Kaltmamsell die Aufgabe, fürs Tagesprogramm Heuriger eine Anfahrt plus Wanderung zu recherchieren. Das Ergebnis seiner Recherche ließ uns Zeit für Erkunden unserer Wohngegend im 15. Bezirk und für Mittagscappuccino.

Kardinal-Rauscher-Platz, strahlend sonnig, aber deutlich jackenkühl.

Überrraschend, wie vielen Trinkwasserbrunnen wir in Wien begegnen, da stellt sich eine Großstadt auf höhere Temperaturen ein. Das Modell oben kenne ich aus Berlin, sonst gibt es in Wien größere Metalltürme mit viel Text darauf.

Typo-Liebe, manchmal auch in Rätselform (es soll M77 heißen, das Restaurant am Eck gibt es aber nicht mehr).

Diese Kleingartenanlage des Vereins Zukunft auf der Schmelz ist so weitläufig, dass die Wege fürs Spazieren und für Sport genutzt werden (oben einer der schmalsten Wege, hinten sieht man die Graf-Radetzky-Kaserne). Für uns Deutsche überraschend: Wo in uns vertrauten Kleingartenanlagen Hütten stehen, waren das hier überwiegend große, meist schicke und bis zu zweigeschoßige Wohnhäuser mit allem Drum und Dran, manche von englischem Rasen umgeben statt von Gemüsebeeten – die Satzungen der hiesigen Kleingartenvereine müssen sich deutlich von denen unterscheiden, die wir gewohnt sind.

Mittagscappuccino im (nachvollziehbarerweise) empfohlenen Café Kriemhild.

(Schwarzer Schlabberrock, dunkle Biker Boots, hochgeschlossene Reißverschluss-Sportjacke aus dunkelgrau glänzendem dickeren Material, unterm Bund lugte ein Tuch um die Hüften gebunden hervor, dessen Muster auch Schwarz und Jackengrau enthielt, die Haare zottelig kurz, darin Metall-Klupperl, wie sie beim Haareschneiden verwendet werden – das Styling der jungen Frau gefiel mir so gut, dass ich es ihr sagen musste.)

Zurück in der Wohnung aß ich zum Frühstück ein ordentliches Stück Picknick Pie, das Herr Kaltmamsell in München aus Ernteanteilgemüse zubereitet hatte. Dann begannen wir den Öffi-Triathlon, der uns nach Grinzing zur Weinberg-Wanderung brachte: Bim, U-Bahn, Bus. Der Bus war dicht besetzt mit als Bayer*innen verkleidetem Volk, und wir mussten vor der eigentlichen Endhaltestelle der Linie raus: Akkrat an diesem Wochenende fand der Neustifter Kirtag statt, der das letzte Stück der Buslinie belegte. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, dass Wiener*innen Oktoberfestbesucher*innen cosplayen – als was fühlten die sich wohl angezogen?

Das schmale Landsträßchen war nicht nur für uns Fußgänger*innen die Umgehung des Volksfestgebiets (und wir waren bei weitem nicht die einzigen Sonntagsspaziergänger*innen), sondern auch für die Autos: Einige Male mussten wir in die Weinberge steigen, um auszuweichen.

Harmlos scheinende Mariensäule.

Mit echtem katholischen Grusel beschriftet.

Dagegen wirkte die Reblaus-Figur niedlich.

Der Wanderweg, den Herr Kaltmamsell gefunden hatte, war wunderschön. Er bot sonnige Nahblicke in die Weinberge und weite Aussichten auf Wien, zwei Stunden mit viel Abwechslung. Die erste Stunde für mich leider getrübt von absurden Kreislauf-Purzelbäumen, die mich vor Schwindel einmal sogar eine Bank benötigen ließen (nicht lang, denn sie stand riechbar neben einer Sickergrube).

Die Wanderung führte uns auch an der umgebauten Sisi-Kapelle Am Himmel vorbei, hier die Geschichte.

Ich hatte mir den kleinen Heurigen Zawodsky empfehlen lassen, schön klein und grün eingewachsen.

Die Weinkarte:

Er schmeckte mir sehr gut: blumig, vielfältig, kräftig, mit Nachhall. Nachfrage ergab: ein Gemischter Satz.

Dieser Heurige ist bekannt für Gegrilltes, wir aßen je eine Scheibe Schweinernes mit Salat, ich ließ mir zusätzlich einen Maiskolben grillen.

Und wir genossen die Aussicht mit Abendsonne.

Reschpekt, Sievering: Eine Barock-Kirche mit Show-Treppen. Und als hätte das nicht gereicht, heißt sie auch noch Wallfahrtskirche Mariä Schmerzen Kaasgraben – Humor konnte man der katholischen Kirche noch nie absprechen.

Für den Heimweg gingen wir das erste Drittel des Öffi-Triathlons zu Fuß, dann brachten uns Regional- und U-Bahn zu unserer Straße.

Erstmal gingen wir aber auf ein Eis als Nachtisch 1 zur Gelateria di Jimmy (kosmopoliter wird’s wahrscheinlich nicht), spazierten dann mit dem (wirklich guten) Eis in der Hand durch die Abenddämmerung.

Vor dem Schlafengehen gab es als Nachtisch 2 einen Teil der Tofu-Desserts, die wir am Samstag in der Tofu-Manufaktur entdeckt hatten:

Von rechts: Säuerlicher, schaumiger und nur leicht süßer Tofu / Cheesecake / Schoko-Tofu, ziemlich fest. Alles ganz ausgezeichnet und überraschend.

Stärkstes Glücksgefühl: Es war Sonntagabend, und ich musste am nächsten Tag NICHT in die Arbeit!

In der Wochenend-SZ hatte ich den Selbstversuch von Sebastian Strauß gelesen, der wie die jungen Leute heutzutage seinen Amsterdam-Urlaub anhand von Tiktok-Empfehlungen organisierte (€):
“Wie die Generation Tiktok Urlaub macht”.

Ergebnis nicht überraschend, ich kenne die ohne Tiktok-Empfehlung nicht erklärbaren Schlangen vor random Lokalen und Geschäften ja aus der Münchner Innenstadt. Und bin sehr sicher, dass es auch anders planende junge Leute gibt.

Selbst folge ich sehr gerne persönlichen Empfehlungen, meist von Menschen, die ich kenne (manche habe ich diesmal mitgeschrieben, als jemand anders kürzlich auf Mastodon um Wien-Tipps bat, unter anderem den Heurigen Zawodsky). Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht: An den Bremen-Urlaub entlang den Empfehlungen einer Freundin, die dort studiert hatte, denke ich bis heute sehr gern, das englische Bath mit der Tipp-Liste einer Kollegin, die dort das Auslandsjahr ihres Studiums verbracht hatte, brachte mich an viele sehens- und erinnernswerte Stellen, auf die ich sonst nie gekommen wäre (von denen die meisten tatsächlich in keinem Reiseführer auftauchten). Aber: Meine FOMO ist stark unterentwickelt. Alles (wovon eigentlich?) schaffe ich eh nicht, Superlativen misstraue ich (“schönstes”, “bestes” – nach welchen Kriterien?), bevorzuge Eigen- und Besonderheiten, die auch Menschen schätzen, die an meinem Urlaubsort leben.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 23. August 2025 – Wien 2 mit Karmelitermarkt, Tofu, Rosebar

Sonntag, 24. August 2025 um 9:58

Lang geschlafen und auch recht gut. Erstmal Milchkaffee, dafür liebe ich Übernachtung in einer Ferienwohnung.

Und wenn das Wetter schön genug ist, braucht man auch keinen direkten Blick zum Himmel, um es zu erkennen. Außerdem haben wir sogar eine Terrasse!

Von innen.

Von außen. Ich muss gestehen, dass mich die gestalterische Energie dieser Innenhofnutzung ein bisschen beeindruckt (Typus corrales). Unser corral ist eh nicht nutzbar, weil es durchgehend vom Balkon darüber tropft und alles nass ist.

Für gestern hatte ich einen Marktbesuch geplant, und da der Wiener Naschmarkt vielen verlässlichen Quellen zufolge reine Touristenabfütterung geworden ist (siehe auch Boquería in Barcelona), wollte ich den Karmelitermarkt sehen.

Weil ja meine Orientierung in Wien besser werden soll, gingen wir zu Fuß hin – und kamen erstmal nur sehr langsam voran, weil es so viel Aufregendes zu sehen gab (und in meinem Fall zu fotografieren). Das ist ja das Schöne am befreundeten Ausland: Dass sich bereits auf den anderthalbten Blick all die Unterschiede im Detail zeigen – Unterschiede im Sinne von Vielfalt, nicht von Andersheit. Andere Typografie, anderes Vokabular, andere Wegführung. Ich war schockverliebt in praktisch alles davon.

Nächstes Herzhüpfen: Ich entdeckte, dass das Wiener Hallenbad, das ich per regelmäßigen Fotos am besten kenne, nur fünf Minuten zu Fuß von der Ferienwohnung entfernt liegt -> Schwimmpläne.

Es war bei freundlichem Wetter kühl, kurz bereute ich meine Entscheidung der Jackenlosigkeit, doch über die nächsten Stunden erwies sie sich als richtig.

Nächster Wien-Effekt: Ich fühlte mich angesichts der Großzügigkeit von Straßen, Grünanlagen, Bauwerken wie eine Besucherin aus der Provinz.

Trotz Touristensaison war nicht viel los; erst am Heldenplatz stießen wir auf die erwarteten Besucherhorden, die nach nicht mal einem Kilometer Richtung Salztorbrücke über den Donaukanal schon wieder verschwunden waren.

Noch bei in unserem 15. Bezirk erste Male: Anführungszeichen in einer URL. (Die Uhr geht falsch.)

Aww, wie im Münchner Glockenbachviertel.

Immer wieder Begegnung mit wiener Wörtern, die hochsprachifiziert wurden – sehr sympathisch.

In der Westbahnstraße standen wir lange vor den Schaufenstern von Baiers Enkel: So viel spannendes Werkzeug!

Gussformen. Auch sonst heiteres Raten und Recherche, wozu welches der Exponate wohl diente.

Mehr bemerkenswerte Anführungszeichen.

Auf der anderen Seite des Donaukanals.

Vielfache Begegnung mit orthodoxen Juden im Schabbat-Festgewand.

Karmelitermarkt (die Uhr stimmt). Entgegen anderslautenden Informationen wurde kurz nach zwölf bereits abgebaut. Dass zahlreiche Stände im Sommerurlaub waren, überraschte mich dagegen nicht. Auf diesem Markt hatte ich ein spezielles Ziel: Ich hatte von der ersten Wiener Tofu-Manufaktur gelesen, die hier eingezogen war. Da wir ziemlich lange suchten, hier ein Foto von der Lage:

Und von der Beute, die Herr Kaltmamsell darin machte.

Jetzt hatten wir Hunger. Ich hatte ein Lokal notiert, das diesen selbstgemachten Tofu servierte (sie stehen hinter der Manufaktur) und auch sonst sehr attraktiv klang: Liwei’s Kitchen. Dorthin gingen wir.

Herr Kaltmamsell bestellte Mapu Tofu, ich gebratenen Tofu mit Gemüse.

Ganz hervorragend, meine Sauce mit einer bislang unbekannten Note, der gebratene Tofu sehr aromatisch. Dazu trank ich Reistee, ebenfalls sehr schmackhaft.

Beim Rausgehen fragte ich nach einem großen Glasbehälter auf der Theke, in dem kleinkugliges Obst in einer dunklen Flüssigkeit schwamm: Eingelegte Baum-Erdbeeren, erklärte mir der freundliche Wirt, aus seiner Heimat. Die kenne ich ja von Begegnung und Probieren auf meiner Mallorca-Wanderung vergangenes Jahr – jetzt spiele ich mit dem Plan, für ein Verkosten dieser Variante nochmal hier einzukehren.

Rückweg nur leicht variiert zum Hinweg.

Aber mit Kalauer.

Kurz vor der Ferienwohnung wurden wir auf die Tüte mit Tofu angesprochen: Ob es den wohl auch in der Nähe gebe? Stellte sich heraus, dass die Fragerin gestern diesen handgefertigten Tofu auf dem Karmelitermarkt gegessen hatte und auf eine Quelle näher daheim hoffte.

Die nächsten Stunden lasen und ruhten wir in der Ferienwohnung. Für den Abend machten wir uns ein wenig fein: Ich hatte einen Tisch im empfohlenen Rosebar Centrala reserviert, animiert u.a. von dieser Restaurant-Besprechung.

Zwei Straßenbahnen schaukelten uns eine längere Weile auf die andere Seite des Donaukanals, noch ein Stück nördlicher als mittags. Dann aßen wir sehr gut und lernten einen spannenden Wein kennen. Der freundliche Service erklärte uns das hier praktizierte Prinzip sharing dishes: Man bestellt zusammen eine ganze Reihe kleinere Gerichte, die in die Mitte gestellt und geteilt werde. Das kenne ich seit vielen Jahren aus England, vor allem aus London, habe auch den Versuch in München erlebte – wo er bald wieder verschwand, das scheint bei uns nicht recht zu funktionieren.

Der Wein von der kleinen, Naturwein-betonten Karte:

Ein Pinot noir Didon aus dem Burgund, leicht moussierend und mit der typischen Note des spontanvergorenen – schmeckte mir sehr gut, und ich bleibe bei der Ansicht, dass der Einstieg in Naturweine mit roten einfacher ist als mit den oft stark mostig schmeckenden Orange Wines. Rechts sieht man eine der Speisen: köstliche Schweine-Rilettes und Karotten.

Auch gab es eine wundervolle geschmorte Tomate mit Sardelle, brauner Butter und Thymian, davor steht der Teller mit Maispuree, roter Paprika, Sonnenblumenkernen – ganz hervorragend, wir fragten uns sofort, warum Herr Kaltmamsell nicht viel mehr mit Sonnenblumenkernen kocht.

Ebenfalls ein Highlight: Fisolen mit Pfirsich auf Mandelcreme – diese Kombination verstand sich besonders gut mit dem Wein.

Als Hauptgericht hatten wir Schlesische Knödel mit Eierschwammerl-Sauce und Salbei bestellt: Die Knödel stellten sich als Kartoffelteig heraus, die Pilze waren besonders gut.

Damit waren wir satt und hatten kein Bedürfnis nach Dessert (!), nahmen bald die Bim zurück zur Westbahnstraße. Auf den Anschluss zur Wohnung hätten wir über zehn Minuten warten müssen: In dieser Zeit, so wussten wir bereits, waren wir auch zu Fuß dort, also spazierten wir durch die kühle Augustnacht.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 22. August 2025 – Teilzeit-Wienerin im Herzen

Samstag, 23. August 2025 um 8:57

Noch vor Wecker aufgewacht, mit innerer Unruhe und nur mittel erholt.

Mehr urlaubsvorbereitendes Wirbeln, mittlerweise durchaus mit dem nagenden Zweifel, ob eine Reise all die Tage mit Unruhe, Hektik, Organisation und Erschöpfung wert ist.

Der Himmel hatte aufgerissen, auf meinem Marsch in die Arbeit bekam ich in kühler Luft sogar Sonnenschein.

Im Büro von der ersten Minute an viel Handarbeit und Gerenne – darauf war ich aber gefasst gewesen. Dann Ackern am Schreibtisch, Gehirn wie Stubenfliege – ich schloss keinen Job am Stück ab, sondern sprang ständig zwischen allem Möglichen hin und her, dazu passten einige Querschüsse, war auch schon egal. Zumindest schloss ich alles urlaubsfertig ab, es wurden keine neuen Fässer aufgemacht, die mich im Urlaub verfolgen würden (Kopfkino barrel chase).

Mittagscappuccino im Westend – nicht ganz so schnell weggekippt wie ideal, weil er dafür zu heiß war.

Auch zum Mittagessen räumte ich auf:

Letzte Tomaten und Gurke aus Ernteanteil, letzter Apfel aus dem Obstkorb, Rest Joghurt (und eine Hand voll Nüsse als Substanzielles, das zu schnellen neuen Hunger verhindern sollte).

Mehr Abarbeiten und Übergaben, erneute Erkenntnis, dass die Vorbereitungen für eine Woche Urlaub sich nicht groß von denen für drei Wochen unterscheiden; zumindest habe ich eine weitere Stellvertretungs-Infrastruktur geschaffen, die ich auch für meine Oktoberfestflucht ab Ende September nutzen kann.

Da doch noch einiges zu tun war, packte ich um drei recht abrupt und nahm eine U-Bahn zum Hauptbahnhof, wo Herr Kaltmamsell mich mit den Koffern bereits erwartete. Ereignislose Fahrt mit dem Railjet nach Wien Hauptbahnhof, ich übte gleich mal Blödschaun durchs Fenster auf die wechselnde Landschaft, las neben Mastodon-Timeline lediglich das aktuelle SZ-Magazin,1 hörte ein wenig Musik. Möglicherweise setzte hier bereits Loslassen ein!

(Kaputte Klos kann übrigens auch die ÖBB, drei der sechs am nächsten erreichbaren.)

Die eigentliche Beschallung kam von einer größeren Gruppe junger Frauen, die in München bereits feiernd und johlend eingestiegen war – ein entsprechender Gesang wies auf den Anlass Geburtstag mindestens einer der Frauen hin – und in Salzburg Zuwachs bekam: Eine sehr fröhliche und freudige Geräuschkulisse, ich freute mich mit. Ankunft in Wien mit nur wenig Verpätung (Bauarbeiten -> eingleisige Abschnitte).

Unterwegs dachte ich nach über einen Umstand, der mir bei der etwas detaillierteren Planung unserer Woche aufgefallen war: Ich fühle mich Wien sehr nah, weil ich hier einige Leute aus dem Internet kenne, zum Teil schon seit Jahrzehnten. Über sie verfolge ich Wetter, Stadtpolitik, Anekdoten, Gastronomie, Selbstverständnis, Veränderungen. Im Grunde ähnlich wie bei Berlin und meinen berliner Internet-Freund*innen, das sogar deutlich weiter von München entfernt ist. Nur: In Wien bin ich fast nie. Zuletzt reiste ich zu einer Hochzeit im April 2016 her, davor war ich im Abstand von einigen Jahren zweimal ein paar Tage auf Besichtigung da. Das Resultat: Bei aller gefühlten Nähe ist mir die Topografie Wiens unvertraut – im Gegensatz zu der Berlins, wohin ich mindestens einmal im Jahr fahre. Das fand ich lustig und nahm mir vor, bei diesem Besuch sehr viel rumzulaufen und auf Stadtpläne zu schauen.

Was mir erleichtert wird durch die Lage unserer Ferienwohnung: Nachdem das gezielte Buchen einer Wohnung in bestimmten, vorher als sehenswert recherchierten Gegenden Wiens gescheitert war, hatte ich die Lust verloren und irgendwas genommen, Hauptsache verlässlich und professionell vermietet (in den vergangenen Jahren war ich ja durchgehend reingefallen) und irgendwie zentral. So landeten wir in der Nähe des Westbahnhofs, außerhalb des Gürtels (ich beginne, lokale Terminologie zu lernen), in einem Außenbezirk. Meine Wochenplanung hatte gezeigt, dass es zu fast allen erstrebten Zielen ein ganz schönes Stück Weg ist.

In der Dämmerung fanden wir zum Haus mit unserer Ferienwohnung, kamen durch drei Türen mit bis zu achtstelligen Tipp-Codes hinein: Sauber, freundlich, mit allem Versprochenen ausgestattet – nur halt im Erdgeschoß zu einem Innenhof und ohne Außenfenster. Aber insgesamt zufriedenstellend, kein Reingefallen-Gefühl.

Es war schon spät, wir hatten großen Hunger. Also nur schnell entknitternd ausgepackt, dann spazierten wir in milder, trockener Nacht zu einer vorher ausgesuchten Wirtschaft zum Abendessen. Wie schon auf dem Wegstück von U-Bahnhof zur Wohnung war ich sehr angetan: Viele Menschen vor Gastronomie, beides höchst bunt und einwanderisch geprägt wie mein heimisches Bahnhofsviertel, spielende Kinder in Parkanlagen, viele Cafés, offensichtlich bewohnte Gründerzeithäuser. Schön auch der für mich typisch wienerische Blick Seitenstraßen entlang hinunter auf die nächtlich glitzernde Innenstadt.

Frischkäse mit Drumrum und Süßkartoffelfritten für mich, dazu zwei Achtel Gemischter Satz – angenehmes Nachtmahl.

Sehr dekorative Kneipenkatze, die sich ihrer Instagramabilität durchaus bewusst schien.

Auf dem Heimweg holten wir uns Nachtisch in einer riesigen Eisdiele: Meine Kugel Himbeer-Mohn schmeckte hervorragend (die zweite Kugel Karamell-Cheesecake ok).

  1. Oh Gott oh Gott: Tobias Haberl lobt und preist darin die Pfälzer Weinstube in der Münchner Residenz. Hoffentlich glaubt ihm niemand! []
die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 21. August 2025 – Was macht denn eine Kosmetikerin eigentlich?

Freitag, 22. August 2025 um 6:25

Nochmal dazwischen eine Nacht im eigenen Bett, bevor ich aus Logistikgründen vor dem Wien-Urlaub (und dem Wohnunghüten meiner Mutter) wieder bei Herrn Kaltmamsell übernachte. Bei Weckerklingeln hätte ich gerne noch weitergeschlafen.

Vor den Fenstern sah ich die angekündigte Düsternis, für meinen Arbeitsweg benötigte ich einen Schirm.

Sehr emsiger Vormittag am Schreibtisch, Mittagscappuccino mit Kollegin bei Nachbars, dort Austausch von Lesetipps für Urlaubstage.

Vor dem Mittagessen (Apfel, eingeweichtes Muesli mit Joghurt) brauchte ich dringend noch Bewegung: Fußmarsch um den Block, der Schirm in der Hand sorgte als Talisman für ausreichend Regenpause.
Außerdem Absprache mit meiner Mutter zum Wohnunghüten während unseres Wien-Urlaubs.

Mittelanregender und emsiger Arbeitsnachmittag. Ich konnte durch eine schlichte Idee eine heikle Frage klären, das freute mich.

Spannend: Würde es auf meinem Heimweg regnen? Ja, tat es, aber erst ab der Hälfte.

Zu Hause wirbelte ich erstmal in Urlaubsvorbereitungen. Ich wollte unbedingt eine Runde Pilates turnen, das schaffte ich auch. Was sich aus dem frisch geholten Ernteanteil für Salat eignete, verarbeite ich zu einer riesigen Schüssel Salat mit Zitronensaft-Knoblauch-Vinaigrette: Lollo rosso, Tomaten, Gurke. Herr Kaltmamsell machte aus dem restlichen Ernteanteil (Mangold, Zucchini, Aubergine) einem italienischen Picknick Pie: Ein Teil wird unser Reiseproviant, einen Teil hinterlassen wir meiner Mutter im Kühlschrank.

§

Auf Mastodon fragte mich @novemberregen: “Was macht denn eine Kosmetikerin eigentlich?” Dadurch wurde mir bewusst, dass das nur Leute wissen, die schonmal eine solche Gesichtsbehandlung hatten – also sehr wenige. Der Rest kennt wahrscheinlich nur Film- und Fernsehbilder von Frauen in Bademänteln mit Handtuch im Haar auf Liegen, Gurkenscheiben auf den Augen.

Nun weiß ich extrem wenig allgemein über Gesichtsbehandlungen von Kosmetikerinnen, es gibt wohl auch sehr invasive und formverändernde (wer sich gruseln möchte, liest den Guardian-Artikel “Be honest, have you had work? 11 people open up about what they do – or don’t do – to their face”). Aber ich erzähle gerne, wie meine eigene üblicherweise abläuft:

Ich lege mein Oberteil ab und mich auf einen besonders bequemen Sessel (ähnelt einem Fernsehsessel in der Waagrechten). Die Kosmetikerin bindet meine Haare aus dem Gesicht, ich schließe die Augen.

Dann wendet sie Dutzende wohlriechende Flüssigkeiten, Pasten, Cremes an, die mal mit Schwämmchen oder Tüchern, mal mit kreisenden Bürstchen, mal mit Pinseln oder Fingern auf- und abgetragen werden. Eine dieser Pasten muss einige Minuten einwirken, dafür verlässt sie den Raum.

Zwischen all dem Auftragen und Abtragen richtet die Kosmetikerin für ein paar Minuten Dampf auf mein Gesicht, ein weiterer Prozessschritt ist das Ausdrücken von Mitessern, ein weiterer eine ausführliche Gesichtsmassage. Manche Schritte umfassen das Belegen meiner Augenlider mit getränkten Watte-Pads. Gesprochen wird dabei sehr wenig, meine Kosmetikerin kündigt lediglich Schritte an, die mit stärkeren Sinneseindrücken verbunden sind: „Jetzt kommt Dampf.“ „Das wird jetzt kalt.“ „Vorsicht Licht.“ (Die Lampe, die sie fürs Mitesserausdrücken auf mein Gesicht richtet.)

Ich empfinde diese Stunde als ausgesprochen angenehm, lasse sehr los, fühle die verschiedenen Berührungen und Texturen, schaffe es überraschenderweise, weder die Mittel mitzuzählen noch mich zu fragen, wozu sie dienen. Seit über 20 Jahren gönne ich mir das im Schnitt ein- bis zweimal im Jahr.

Dieser Grad des Loslassens ist mir allerdings nur bei einer vertrauten Kosmetikerin möglich, die ich mag. Verhindert haben das schon: Entspannend gemeinte Hintergrundmusik, Gesichtspflegeberatung, unaufmerksame Handhabung von Werkzeug und Mitteln, schmerzhafte Behandlungsschritte (außer dem Mitesserausdrücken – ich erinnere mich an eine Methode, die die damalige Kosmetikerin als neuesten heißen Scheiß ankündigte und bei der sie tiefgekühlte Glaskolben über mein Gesicht rollte, AUA!).

§

Auf diese Ausgabe von 1981/82 brachte mich die Ibáñez-Ausstellung 2025 im Münchner Instituto Cervantes – und ich wollte sie sofort haben. Die Comics “Mortadelo y Filemón” gehörten zum Standardprogramm meiner Kindheits-Spanienurlaube Mitte 1970er bis Mitte 1980er und waren damals wunderbar exotisch und lustig (habe meinen spanischen Vater selten so lachen sehen wie bei dieser Lektüre).

“En Alemania” hat alles, was ich an “Mortadelo y Filemón” liebe: Komik fast ausschließlich auf der Bild-Ebene (nur selten dann meist brachiale Kalauer), und hier eine Vielzahl liebevoller Details in fast jedem Panel, zwei tollpatschige Spione, unerwartete Lösungen für Probleme.

Zur Zeit der Erscheinung waren die meisten spanischen Gastarbeiter bereits nach Spanien zurückgekehrt – und brachten ein tiefes Wissen um regionale Stereotype in Deutschland mit. Die Handlung führt die Protagonisten durch zahlreiche Bundesländer, und in Berlin gibt es neben Türken nur heruntergekommene Greise, in Bayern hängen an allen Häusern Franz-Josef-Strauß-Wahlplakate, die Schwaben sparen sich zu Tode, im Rheinland herrscht der Alkohol, Friesen sind dumm etc. etc. Das ist überraschend kundig durchgespielt – und eine gute Geschichte gibt es auch (die wiederum mit spanischen Stereotypen beginnt).

Was auffällt: Während zu dieser Zeit Spaniern zu Deutschland reflexartig erstmal das Dritte Reich einfiel, gibt es keine Nazi-Witze.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 20. August 2025 – Vorurlaubsendspurtgefühl

Donnerstag, 21. August 2025 um 6:36

Gute Nacht bis eine halbe Stunde vor Weckerklingeln, als sich Angst in meiner Kehle verbiss.

Ich hatte noch Gelegenheit, den Übernachtungsgast zu verabschieden, bevor ich mich angespannt durch kühle Luft auf meinen Arbeitsweg machte.

Geordnete Emsigkeit im Büro, ich bekam endlich eine Angelegenheit weg, deren Papier-Unterlagen bereits Schimmelränder angesetzt hatten.

Die Luft hatte eigentlich die ideale Temperatur für gekipptes Bürofenster – nur dass für den Umbau des S-Bahnhofs Heimeranplatz gerade Maschinen eingesetzt wurde, die mit einem nervigen Quietschrumpeln lärmten, das bis in mein Rückenmark drang: Fenster zu.

Mittagscappuccino im Westend, Temperatur unter bewölktem Himmel sehr angenehm. Wenn es so in der Woche Wien bliebe, wäre es mir sehr recht.

Mittagessen: Bananen, Quark mit Joghurt.

Im Verlauf den Nachmittags wurden die Wolken immer dunkler, irgendwann grollte daraus auch Donner.

Vor Monaten schon gebucht, lang befreut: Der Feierabendtermin für Pediküre und Kosmetik. Die Kosmetikerin hatte gestern um eine Verschiebung um 15 Minuten nach hinten gebeten, so kam ich nicht ganz so pünktlich aus dem Büro wie geplant. Zudem hatte es eine halbe Stunde zuvor begonnen zu regnen – und jetzt schüttete es derart, dass ich eine Station U-Bahn fuhr, um nicht trotz Schirm nach 20 Minuten Fußweg völlig durchnässt anzukommen.

Angenehme Pediküre mit Plaudern über Urlaubspläne, noch angenehmere Gesichtsbehandlung. Und beides dauerte lange genug, dass der Regen aufgehört hatte. Ich ging in schöner, abgekühlter Luft nach Hause und gab unterwegs Herrn Kaltmamsell durch, dass wir das angedachte Abendessen im Schnitzelgarten lieber bleiben ließen.

Daheim hängte ich eine eben durchgelaufene Ladung Wäsche auf (alles getimet auf den Wien-Urlaub), während Herr Kaltmamsell zum Abendessen Spaghetti mit scharfer Tomatensauce kochte. Schmeckten sehr gut, Nachtisch Eiscreme.

Dann doch ein wenig Wien recherchiert und zumindest in Google Maps Einmerker gesetzt. Im Moment bin ich so durch, dass meine Sehnsüchte nicht weit über Bankerlsitzen mit schöner Aussicht hinausgehen. Doch der Appetit kam beim Essen, und so habe ich jetzt für fast jeden Tag dieser Urlaubswoche einen Wunsch, zudem in einem weiteren, ausgesprochen attraktiven Restaurant einen Tisch reserviert. Was Essen betrifft, war mir schon lange klar: Wiener Gastronomie lockt mich nicht nur mit einer eigenen Tradition, die durch Respekt vor den Zutaten geprägt ist, sondern vor allem mit exzellenter Einwandererküche. Jetzt dann doch Vorfreude und Endspurtgefühl.

Neue Lektüre: Ottessa Moshfegh, Eileen – hatte ich schon lang auf meiner Lesewunschliste. Diesmal war ich so schlau, erstmal im Inhaltsverzeichnis zu prüfen, ob der Roman die ganze Datei lang ist: Nein, ist er nicht! Bei 94 Prozent fängt die Leseprobe eines anderen Buchs an, jetzt kann mich das nicht mehr überraschen. Der Roman nahm mich mit in einen kleinen, trostlosen US-amerikanischen Ort 1964 an der Ostküste und im Winter und in das trostlose Leben einer jungen Frau.

§

Rebecca Kelber hat für Krautreporter mit Anne Brorhilker gesprochen, bis vor einem Jahr Deutschlands bekannteste Cum-Ex-Staatsanwältin. Sie schildert, wer den Kampf gegen Finanzkriminalität behindert.
“Interview: Wie Deutschland wirklich Steuerraub bekämpfen könnte”.

Diese CumEx-Geschäfte waren in jeder Hinsicht gigantisch: Man benötigte immens viel Startkapital, um die Geschäfte überhaupt starten zu können, die gehandelten Aktienpakete waren wahnsinnig groß und die erschlichenen Steuererstattungen bewegten sich jeweils im zwei- und dreistelligen Millionenbereich. Weil die Dimensionen so groß waren, mussten diese Trades intern genehmigt werden, und der Genehmigungsprozess geht einmal quer durch die Bank bis zum Vorstand. Wir haben E-Mails innerhalb von Banken gesehen, bei denen 50 Personen im Verteiler waren. Das machte uns klar: hier ging es nicht um zwei, drei aus dem Ruder gelaufene Trader, sondern da war der gesamte Apparat involviert.

Auch in den Organigrammen von Banken hat man diesen Bereich der „Tax Trades“ erkennen können, den Insider „Delta One“ nennen. Das ist ein Segment, in dem Trader Aktien-Deals machen, deren Profit allein aus steuerlichen Effekten herrührt. Ich fand frappierend, wie offen ausgewiesen dieser Bereich war, bei dem Banken in unsere Steuerkassen greifen.

(…)

Wir haben viele Leute aus der Branche vernommen. Wenn diese mir gegenüber saßen, haben immer alle als Erstes gesagt: „Ich habe gedacht, das wäre legal.“ Da habe ich gefragt: „Erklären Sie mir das mal. Wieso sind Sie denn der Meinung, dass man sich eine Steuer erstatten lassen kann, die man zuvor nicht bezahlt hat?“ Und jedes Mal kam: „Das weiß ich auch nicht, aber das sagt unser Rechtsberater.“

Was mich erstmal überraschte: Dank Lobbyregister wissen wir jetzt, wer massiven Einfluss auf die entsprechende Gesetzgebung nimmt.

2024 stammen zehn der 100 finanzstärksten Einträge im Lobbyregister von Banken, Versicherern und der Fondsindustrie. Diese geben fast 40 Millionen Euro pro Jahr für Lobbyarbeit aus. Das ist mehr als Auto- und Chemielobby zusammen.

§

Mad Men bietet Arte ja zu meiner großen Freude auch im US-englischen Original, allerdings nur inklusive nicht wegschaltbarer französischer Untertitel.
Stefan Niggemeier ist dem für Übermedien nachgegangen:
“Lost in Untertitel-Translation”.

tl;dr Ja, nee, ist halt so.

§

Dazu gehört ja nicht viel Zufall: Dass ich in den vergangenen Tagen über Hannover und über Obdachlosikeit gesprochen habe – und die taz jetzt ein Interview veröffentlicht mit Annemarie Streit, die sich auch mit 97 noch ehrenamtlich um Obdachlose in Hannover kümmert:
“‘Mir ist der Respekt wichtig'”.

Das Leben ist ganz anders verlaufen, als das mal geplant war.

taz: War es mit Familie geplant?

Streit: Das muss man sachlich sehen. Im Krieg sind sehr viele Männer gerade der jungen Generation gestorben. Wir haben den Sachen nicht nachgetrauert, wir haben es so hingenommen, wie es eben ist.

Auf keinen Fall will ich diese Haltung als ideal oder vorbildlich bezeichnen – aber ich bewundere sie mit einem gewissen Neid.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 19. August 2025 – Standardarbeitstag in Lieblingssommerwetter

Mittwoch, 20. August 2025 um 6:14

Wieder ein Betriebssystem-Update des heimischen Rechners, nach dem ich sorgfältig iCloud und Siri umschifft habe (dafür, dass ich nicht “Nein”, sondern nur ein manipulatives “Später” wählen kann, möchte ich sehr gerne jemanden beißen).

Eine eigentlich gute Nacht, dennoch fühlte ich mich morgens wieder erschlagen. Vor meinem Aufbruch in die Arbeit konnte ich dem Übernachtungsgast noch einen guten Morgen wünschen.

Die nackten Schultern im Sommerkleid ohne Jacke erforderten gestern bei wieder knapp über zehn Grad trotz Sonnenschein beherztes Marschtempo, damit ich nicht fror.

Im Büro freute ich mich darüber, dass ich als Kanne Kräutertee des Vormittags Lindenblütentee aufbrühen konnte: Ich hatte ihn am Montag im Vollcorner entdeckt, ist in München gar nicht so einfach aufzutreiben.

Arbeitsvormittag mit viel Bewegung, ich kümmerte mich ums Äußere eines Workshops (ab 1. September entfällt wahrscheinlich dieser Teil meines Jobs, dafür gibt es dann wieder einen Dienstleister).

Als ich gerade nicht gebraucht wurde, ging ich auf meinen Mittagscappuccino ins Westend und freute mich an Sonne und Farben.

Zu Mittag gab es später Apfel, Banane, Hüttenkäse, Aprikosen.

Dichter Arbeitsnachmittag, an dessen Ende ich mich wieder ziemlich durch fühlte. Auf dem Heimweg kurze Einkäufe, zu Hause eine längere und anstrengende Einheit Pilates.

Abendessen spontan umgeplant, denn: Mit Blumenkohl habe ich mich ja erst angefreundet, als ich die Zubereitungsform im Ofen kennenlernte, den Geruch von Blumenkohl beim Kochen fand ich schon immer furchtbar. Nun hatte Herr Kaltmamsell mit dem Ernteanteil-Blumenkohl ein neues asiatisches Rezept ausprobiert, für das er erstmal gekocht werden musste. Der Geruch davon füllte die Wohnung, während ich turnte – und ich fand ihn so abstoßend, dass ich mein Pilates fast abgebrochen hätte: Er erinnerte mich an Müll, der seit zwei Monaten nicht rausgebracht worden war. Essen wollte ich das wirklich, wirklich nicht (auch wenn es mir leid tat um das mit viel Liebe zubereitete Gericht). Aber das war ja nicht das einzige Lebensmittel im Haus, ich holte mir statt dessen Brot und Käse, außerdem war noch ein Restchen der köstlichen Auberginen vom Vorabend übrig. Nachtisch Eiscreme und Schokolade.

Am Abend kam unser Übernachtungsgast zurück von einem Konzertbesuch, wir unterhielten uns, bis ich wieder erledigt ins Bett ging.

§

Nachruf auf eine britische IT- und Frauenrechts-Pionierin:
“Ein unmögliches Leben ist zu Ende: Zum Tode von Dame Stephanie Shirley”.

Tatsächlich unterzeichnete Stephanie Shirley ihre Geschäftskorrespondenz als Steve Shirley.

Hier ihr TED Talk von 2015:
“Why do ambitious women have flat heads?”

Unter anderem schildert Shirley, wie Programmieren in den frühen 1960ern tatsächlich aussah (fast keine Computer involviert).

Vielleicht noch eine Kandidatin für ein Bild, das neben den Portraits von Ada Lovelace und Margaret Hamilton in Informatik-Schulzimmern aufgehängt werden könnte?

die Kaltmamsell