Journal Mittwoch, 22. April 2015 – Beruhigungsmittel am Frühlingshimmel

Donnerstag, 23. April 2015 um 7:37

Dritter Morgen, an dem ich mich von einer Schlaf-App wecken ließ (irgendwann schreibe ich im Techniktagebuch darüber): Ich hatte am Vorabend das Smartphone neben mein Kopfkissen gelegt, die späteste Weckzeit eingestellt (5:50 Uhr), und die App sollte anhand meines Schlafablaufs berechnen, wann in den 30 Minuten davor der ideale Weckzeitpunkt war. Die App entschied sich für 5:20 Uhr und riss mich aus tiefen Träumen. Am Morgen davor war ich einige Zeit vor der frühesten Weckzeit wach gewesen, doch die App hatte beschlossen, dass ich noch weiterzuschlafen hatte. Mal sehen, wie lange ich dieses Spiel aus reiner Neugier mitspiele.

Na, wenn ich schon wach war, konnte ich ja Kaffeetrinken UND eine Runde an der Isar laufen vor der Arbeit. Der Morgenlauf dauerte dann etwas länger als geplant, weil er an diesem strahlenden Frühlingsmorgen so wundervoll war und es so viel zu fotografieren gab.

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Dass ich danach mit einem ziemlich dämlich entspannten Lächeln heim kam, lag aber sicher hieran:

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Mittwoch ist unser Ernteanteiltag des Kartoffelkombinats, es waren diverse Salate angekündigt. Nachmittags erinnerte ich mich, dass mir eine Kommilitonin vor 20 Jahren erzählt hatte, bei ihnen in Norddeutschland fülle man Pfannkuchen gerne mit süß angemachtem Kopfsalat. Ich probierte eine Abwandlung: Den Salat aus dem Ernteanteil (kein Kopfsalat) machte ich mit Dosenmilchdressing (wegen Norddeutschland) und Schnittlauch an, füllte frische Pfannkuchen damit. Es stellte sich heraus: Eine großartige Sache, und deutlich sättigender, als ich gedacht hätte.

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Kluges von Antje Schrupp zum Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung:
“Verantwortlichkeiten”.

Es ist meines Erachtens ein echtes Problem bei vielen deutschen politischen Debatten, dass alles quasi innerhalb von Nanosekunden auf die Schuldfrage zugespitzt wird. Über Politik, so scheint es mir manchmal, können wir gar nicht anders als moralisch sprechen, also immer vor dem Hintergrund der Frage, wo Gut und Böse jeweils liegen und wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle.

Es geht aber bei politischen Debatten nicht um moralische Schuld, sondern um Verantwortung. Gerade in Deutschland sollten wir angesichts der Notwendigkeit, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, eigentlich inzwischen gelernt haben, zwischen beidem einen Unterschied zu machen. Nicht persönlich an etwas „schuld“ zu sein, enthebt niemanden der Verantwortung.

(…)

Frauen, die ihren Töchtern beibringen, sie müssten erstmal „Nein“ sagen, um sich bei Männer interessanter zu machen; Frauen, die sich sexualisiert aufbretzeln, nicht weil es ihnen so gefällt, sondern weil sie meinen, sie müssten das tun, um anerkannt zu sein; Frauen, die schweigend zuschauen, wie andere Frauen von Männern belästigt werden; Frauen, die als Mitarbeiterinnen von Werbeagenturen Kampagnen mit objektivizierten Frauenkörpern mittragen und so weiter und so weiter – sie alle [tragen] aktiv zur Stabilisierung von Vergewaltigungskultur bei. Die Beispiele ließen sich natürlich vervielfachen.

Aber auch das festzustellen bedeutet nicht, dass alle Frauen, die sich so verhalten, auch in einem moralischen Sinne schuldig sind. Möglicherweise haben sie ja gute Gründe, die ihr Verhalten rechtfertigen. Oder sie befinden sich in einer Situation, in der sie keine andere Möglichkeiten haben. Oder sie haben noch nie über das Thema nachgedacht. Es gibt hundert Gründe, die ihr Verhalten erklären, viele davon sind struktureller Natur und damit in der Logik individueller Schuld nicht hinreichend zu erfassen.

(…)

Feminismus ist jedenfalls umso wirkungsvoller und interessanter, je mehr wir uns nicht in einer Politik der Forderungen verlaufen, sondern uns selbst und andere Frauen dazu anregen, etwas Sinnvolles zu tun. Wenn wir Praktiken erfinden, die uns (und vielleicht auch anderen) dabei helfen, angesichts der Verhältnisse verantwortlich zu handeln und uns für das einsetzen, was wir für richtig halten. Zum Beispiel indem wir uns darüber austauschen, welches Handeln Erfolg hat und was nicht und so weiter. Indem wir also gerade nicht moralische Anforderungen an uns selbst oder gar an andere Frauen stellen, sondern durch eine realistische Betrachtungsweise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten tut, was sie kann. Dafür ist es ja gerade nötig, dass wir ernst nehmen, was Frauen daran hindert. Und es ist unabdingbar, nicht ständig in jedem Vorschlag zum politischen Handeln gleich einen moralischen Druck zu sehen, was natürlich nur zu reflexhafter Ablehnung führt (in der Regel eine Begleiterscheinung von schlechtem Gewissen). Es geht im Feminismus darum, Wege zu finden, wie wir die Möglichkeiten und Handlungsoptionen von Frauen erweitern können. Moral hilft uns dabei nicht, aber Realismus.

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Für die Sprachnerds unter der geschätzten Leserschaft: Katrin Scheib über die armenische Schrift (sie war gerade eine Zeit lang in Armenien).
“Ceci n’est pas un U”.

Im Gegensatz zum Georgischen, das aussieht wie eine ausgeschüttete Tüte Erdnussflips, besteht das Armenische in großen Teilen aus Us, Us mit kleinen Schwänzchen und U-Bögen, die jemand gekippt, gedreht oder vervielfacht hat. Was kein U ist, erinnert gerne mal an lateinische Schrift oder auch ans Kyrillische, aber das heißt nichts.

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Wie geht’s eigentlich einer Dicken, nachdem sie dünn geworden ist?
Traurig und ein wenig gruslig: Dünnsein macht nicht glücklich.
“The ‘After’ Myth”.

Truthfully, I have no idea who I am without “needs to lose weight” being one of the primary parts of my identity.
(…)
Losing weight does not mean you no longer struggle with your weight; I wish I had truly understood that. I still struggle with food. I still struggle with me.

via @midoridu

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 21. April 2015 – Trainertraining

Mittwoch, 22. April 2015 um 6:26

Gestern hätte in der Hot Iron-Stunde ein Trainingsvideo gedreht werden können – für Vorturner und Vorturnerinnen, die lernen sollen, was man alles falsch machen kann und wozu die mantra-artigen Einweisungen und Technikanleitungen gut sind. Seit Anfang April ist die Dienstagmorgenstunde wieder eine für Anfängerinnen. Wird ohnehin in diesem Langhanteltraining extrem auf korrekte Technik geachtet (man kann sich sonst richtig weh tun), beginnt die Anfängerstunde immer mit einer fünfminütigen Einweisung: Wie wird der Turnplatz aufgebaut, wie nimmt man die Langhantel rückengerecht auf, wie werden die Grundübungen korrekt ausgeführt.

In der gestrigen Stunde waren einige zum ersten Mal da, um die sich der Vorturner besonders kümmerte. Eine davon allerdings kam in aller Gemütsruhe fünf Minuten zu spät – nach der Einführung. Und machte entsprechend praktisch alles falsch, wovor eben gewarnt worden war. Der Vorturner war am Verzweifeln, weil er schließlich mit dem festen 60-Minuten-Programm durchkommen musste (eigentlich hätte er ihr vermutlich die Teilnahme untersagen müssen, aber das ist menschlich und dienstleisterisch schwierig). Vielleicht hielt die Dame aber grundsätzlich Anleitungen für unnötig, denn auch während der Stunde beschäftigte sie sich lieber mit Umräumen und sich selbst im Spiegel als ihre Aufmerksamkeit auf den erklärenden Vorturner zu richten. Er musste sie mehrfach direkt anbellen, um sie vor ernsthafter Selbstgefährdung zu schützen.

Irgendetwas lässt mich ahnen, dass wir diese Mitturnerin nicht nochmal am Dienstagmorgen sehen werden.

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Wundervoll sonniger Tag mit milden Temperaturen, Feierabend im Schnitzelgarten.

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Was ein junger Vater erlebte, der in der Notapotheke um ein Medikament für sein schmerzensreich zahnenden Baby bat:
“Ausgependelt”.

via @dasnuf

die Kaltmamsell

Wie finden Sie mich so?

Dienstag, 21. April 2015 um 6:20

Nächste Woche stelle ich mich bei einer Firma vor. Ich soll dafür eine 10-minütige Präsentation vorbereiten; ich nehme an, dass es dabei nicht nur auf die faktische Information über mich ankommt, sondern auch auf das Wie.

Eine explizite Anforderung:

Die Präsentation sollte Ihre Stärken und Besonderheiten bzw. fünf Eigenschaften, die Sie besonders auszeichnen, beinhalten. Diskutieren Sie diese mit drei Personen Ihrer Wahl und stellen Sie uns die Ergebnisse vor.

Eine der drei Personen meiner Wahl sind Sie, liebe Leser und Leserinnen der Vorspeisenplatte. Manche von Ihnen lesen hier schon lange mit, einige habe ich persönlich kennengelernt, mit einigen verbindet mich sogar Freundschaft. Könnten Sie mir helfen und fünf Schlagwörter notieren, die Ihrer Ansicht nach meine Stärken und Besonderheiten benennen, bzw. fünf Eigenschaften, die mich besonders auszeichnen? Entweder in den Kommentaren unten oder per E-Mail an die Adresse links in der Seitenleiste? Am besten wirklich nur die Schlagwörter?

Je nach Ergebnis könnte daraus eine tag cloud werden oder eine Tortengrafik (handgemalt oder ausgedruckt, ich werde keinen Computer verwenden dürfen). Oder ich tanze die häufigsten Begriffe vor.

Sie wären mir eine große Unterstützung, vielen Dank!

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 19. April 2015 – Frischer Frühling in Sturmschäden

Montag, 20. April 2015 um 7:33

Bloggen belegt dann doch ganz schön viel von meiner Zeit. Das wurde mir gestern mal wieder klar, als ich vormittags nach dem langen Blogpost erst um halb zwölf zum Laufen kam.

Bei sehr frischen Temperaturen und Sonnenschein lief ich vom Odeonsplatz über Hofgarten und völlig überlaufenen Englischen Garten zur Isar.

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Der Hügel, auf dem der Monopteros steht, war weitgehend von den Büschen bereinigt, die ihn sonst um diese Jahreszeit wie ein Osterei im Nest aussehen ließen. Ich bin gespannt, was statt dessen gepflanzt wird.

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Überall waren Spuren des Sturms vor Ostern sichtbar, riesige gestürzte Bäume, abgebrochene Äste. Schon am Freitag war ich im Waldfriedhof nur mit Mühen pünktlich gewesen: Der riesige Friedhof ist eigentlich wegen der noch lange nicht beseitigten Sturmschäden gesperrt, nur zwei Eingänge sind offen (und um einen davon zu finden, joggte ich zu drei Vierteln um den Friedhof).

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Fertig gebügelt (die zwei Stunden am Samstagnachtmittag hatten nicht für die Bewältigung des nachurlaublichen Bergs gereicht), die aktuelle Folge des Kunst-Podcasts Fehlfarben fertig gehört:
„ART IS A GUARANTEE OF SANITY.“ … „AS IF.“

Auf Louise Bourgeois im Haus der Kunst habe ich dadurch wirklich Lust bekommen, außerdem fand ich die Idee, eine Ansprechpartnerin für Fragen in die Ausstellung zu stellen, großartig. (Im Royal Pavillon in Brighton ermunterte der Audio Guide regelmäßig dazu, das Aufsichtspersonal bei Fragen anzusprechen – von Menschen, die ich lediglich fürs Aufpassen auf die Exponate zuständig halte, erwarte ich ja eigentlich keine Fachkenntnis. Einer dieser Herren fühlte sich wohl so unterfragt, dass er mich von sich aus mit Zusatzinformationen zu dem Türrahmen versorgte, den ich gerade betrachtete. Und gleich gar nicht mehr aufhören wollte.)

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Fred Vargas, Julia Schoch (Übers.), Der vierzehnte Stein ausgelesen. Noch nie habe ich einer Übersetzung so misstraut wie dieser: Es kommen zahlreiche Frankokanadier in dem Roman vor, und die sprechen wohl seltsames Französisch. Aber dass Fred Vargas sie erfundene Wörter und Verbformen sprechen lässt, bezweifle ich – dafür hat Julia Schoch sich entschieden.
Außerdem habe ich nun wirklich genug von psychopathischen Serienmördern. Wenn, dann will ich künftig Krimis mit banalen Verbrechen, mit den Abgründen ganz normaler Menschen. Doch wenn ich den Krimimarkt richtig beobachte, versuchen sich die Verlage gerade mit immer absurderen und grausameren Geschichten zu übertrumpfen.

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Fleischpflanzerl und Kartoffelsalat für ein spontanes Zusammenkommen von Freunden am Abend zubereitet. (In Brighton hatte ich nach Langem mal wieder einen Burger gegessen, und der war so traurig, dass ich mich wie ohnehin bei der derzeitigen Burgermode fragte, warum man statt dessen nicht gute Fleischpflanzerl isst.)
Bei dieser Geselligkeit unter anderem gelernt, dass man für todkranke Jugendliche auch mal eine Katze in die Klinik schmuggeln darf.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 18. April 2015 – Theresienwiesnflohmarkt, Faust am Resi

Sonntag, 19. April 2015 um 10:37

Gemütlich um zehn ging ich mit Herrn Kaltmamsell auf den Theresienwiesnflohmarkt, erwartbar sonnig, wenn auch zapfig kalt (wie kalt es vorher gewesen sein musste, sah man an der Kleidung der Verkäuferinnen und Verkäufer – die meisten sahen aus wie Michelinmännchen, plus warmer Mütze). Mein vages Suchziel war eine sehr große Salatschüssel.

Gleich einer der ersten Stände beglückte mich:

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Das Angebot war riesig, der Andrang auch. Da es in den vorhergehenden Tagen geregnet hatte, musste man beim Gucken immer ein Auge auf den schlammigen Boden und riesige Pfützen haben. Besonders fasziniert bin ich ja jedes Mal von den angebotenen Gemälden.

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Die Geschichte zu dem Fund auf den letzten beiden Bildern gibt es im Techniktagebuch.

Danach sprach ich: “Du hast was gefunden, wir haben eine Geschichte zu erzählen, jetzt können wir heimgehen.” Doch wegen des Andrangs war auch das nicht schneller möglich als im Schlendertempo, ich guckte weiter nach Geschirr – und verstieß möglicherweise böse gegen Flohmarktetikette. Ich sah nämlich an einem Stand zwei alte, weiße Schüsseln, gleiche Gestaltung in verschiedenen Größen. Als ich näher trat, fragte gerade eine Interessentin nach dem Preis der Schüsseln. Die Verkäuferin meinte, einzeln würde sie sie für 10 Euro das Stück verkaufen, habe allerdings gehofft, beide zusammen für 15 Euro loszuwerden. Die Interessentin zögerte, drehte die Schüsseln nachdenklich, meinte, eigentlich habe sie nur eine gesucht. Da meldete ich mich: “Oiso”, (nirgends bayere ich so sehr wie auf dem Theresienwiesnflohmarkt) “i nehmat oi zwoa für 15 Euro.” Die Interessentin trat einen Schritt zurück, protestierte aber nicht. Und so bekam ich die Schüsseln. Es war der Blick der Dame, der mir klar machte, dass das nicht fair gewesen war. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen.

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Abends (na ja, wenn 18 Uhr schon als abends zählt) ging es zum Faust ins Residenztheater. (Hatten wir ja eigentlich schon vor zwei Wochen sehen wollen, musste wegen Streiks verschoben werden.)

Davor hatte ich Faust zuletzt in den 80ern in Ingolstadt in einer Inszenierung von Ernst Seiltgen gesehen, der in seiner 21 Jahre dauernden Intendanz nicht nur das Theater dort prägte, sondern auch berüchtigt dafür war, die technischen Möglichkeiten des damals recht neuen Theaters so weit wie möglich auszureizen. Diesbezüglich hätte Seiltgen selig gestern seine Gaudi gehabt, technischer Overkill Hilfsausdruck.

Eine aufrüttelnde Inszenierung – zumindest physisch: Zweimal wurde das Publikum durch einen lauten Knall inklusive Feuer vor Schreck schier aus den Sitzen gerissen. Und auch sonst krachte und knallte es (im Foyer hingen Warnzettel aus), dass einem Hören und Sehen verging. Honi soit qui mal y pense (wie es auch in Leuchtbuchstaben im reichhaltigen Bühnenbild hing) und unterstellt, es könnte damit von irgendwas abgelenkt werden. Zum Beispiel von interpretatorischer Leere. Anstrengend war allerdings auch, dass zwei Herrschaften im Publikum hinter mir ihren Unwillen regelmäßig flüsternd besprachen. (Oder gehörte das am End’ auch zur Inszenierung – heutzutage weiß man ja nie.)

Ich sah im düsteren Rauch und Regen der Bühnenaufbauten viel Blade Runner (Nachtrag: Zum Beispiel ist Fausts Trigger-Song “One more kiss, dear” aus Blade Runner), Fight Club und Berghain-Klischees, Mephisto und Gretchen als durchtrainierte Muskelkampfmaschinen hatten viel von Linda Hamilton in Terminator 2 – was ich mir für Mephisto noch halbwegs zurechterklären kann, für Gretchen nicht.

Das inszenierte Material enthielt unter anderem Brocken aus Faust 2 und wirbelte die Faust-Texte ordentlich durcheinander (zum Glück hatte ich einen Deutschlehrer dabei). Das Ergebnis war auf unangenehme Weise humorlos – außer man nimmt das Erschrecken des Publikums durch Lärm als Scherz. Die Verbindung zwischen Inszenierung und Inhalt erschien mir recht beliebig. Ich werde mir “was der Autor mir damit sagen wollte” noch im Podcast der Dramaturgin Angela Obst erkären lassen.

Das kann man alles selbstverständlich auch völlig anders sehen, zum Beispiel wie Felix M.:
“It might get loud – ‘Faust’ am Residenztheater”.

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Kurz vor halb zehn mit ordentlich Hunger heimgekommen, due Spaghetti aglio e olio gegessen (der chip stop der Italiener).

Vorm Einschlafen spuckte ich noch eine Zahnfüllung aus, die bereits dreimal erneuert werden musste (blöde Stelle).

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Andrea Diener war für die FAZ mit Berbern in der marokkanischen Sahara:
“Marokko
Irgendwann ist alles andere überflüssig”
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Wie orientiert man sich in dieser Wüste? Eine Straße oder wenigstens Piste gibt es seit ein paar Kilometern nicht mehr. Nach der dritten Runde um ein Dünenfeld, das uns irgendwie bekannt vorkommt, wissen wir: gar nicht. Wenn der Berber auf dem Jeepdach steht, des besseren Handyempfangs wegen, dann stimmt etwas nicht. Und Gespräche, die auf „Inshallah“ enden, sind immer ein schlechtes Zeichen. Das kenne ich schon von meinem marokkanischen Autoschrauber daheim in Frankfurt.

Sehen Sie sich unbedingt auch das Filmchen dazu an, in dem Andrea Diener die praktischen Details der Wüstenwanderung erklärt, unter anderem, dass dazu “die Brauereigäule unter den Kamelen” genutzt werden.

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Von Andrea Diener gibt es übrigens jetzt auch den Podcast Tsundoku, in dem sie über Bücher spricht (nur mal nebenher: Gibt es eigentlich eine Medienform, die Andrea Diener nicht kann?). Die Pilotfolge hat mir gut gefallen; zu meinem Vergnügen trug bei, dass Andrea Dieners trügerisch sanfte und liebliche Sprechweise hier ganz ungebrochen erklingt (anders zum Beispiel als in den oft launigen Gesprächen mit Holgi im WRINT-Podcast) – wer sie als Bloggerin kennengelernt hat, weiß, dass die Dame sehr weit von Sanftheit und Lieblichkeit entfernt ist.

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Das Heroinproblem in den USA hat sich in einer Weise verändert, die zum Wirtschaftsliberalismus der westlichen Welt passt und die man nur dramatisch nennen kann:
“Serving All Your Heroin Needs”.

So we are at a strange new place. We enjoy blissfully low crime rates, yet every year the drug-overdose toll grows. People from the most privileged groups in one of the wealthiest countries in the world have been getting hooked and dying in almost epidemic numbers from substances meant to numb pain. Street crime is no longer the clearest barometer of our drug problem; corpses are.

via @lyssaslounge

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John Irving ruft Günter Grass nach:
“An unanswered letter from Günter Grass”.

I was 19 or 20 when I read The Tin Drum; I hadn’t known it was possible to be a contemporary novelist and a 19th-century storyteller.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 17. April 2015 – Waldfriedhof

Samstag, 18. April 2015 um 8:08

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die Kaltmamsell

James Rebanks, The Shepherd’s Life

Freitag, 17. April 2015 um 10:05

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Ich freue mich sehr, dass The Shepherd’s Life. A Tale of the Lake District von James Rebanks umgehend zum Bestseller wurde. Mag daran liegen, dass ich ihm auf Twitter schon folgte, als er noch in kleinen finnischen Klubs twitterte. Ganz sicher aber daran, dass das Buch wunderbar und einzigartig ist.

Der Herdyshepherd, wie ich ihn für mich immer noch nenne, beschreibt anhand seiner eigenen Biographie die Kultur und das landwirtschaftliche Leben in dem Tal des Lake Districts, in dem er wohnt. Und seine Familie bereits seit 600 Jahren.

Er stellt seiner Erzählung ein langes Wordsworth-Zitat voran (in der Schule machte ihm die Vermittlung von Wordsworth klar, dass er und andere Bewirtschafter des Lake Districts in den Schwärmereien der Romantiker schlicht nicht existieren), und er beginnt mit einer Erklärung des Begriffs, das zentrales Thema des Buchs ist:
hefted – damit wird wohl die Verbundenheit der Schafherden mit ihrem angestammten Gebiet bezeichnet. Sie bewirkt unter anderem, dass die Tiere auch ohne Umzäunung ihre Weiden nicht verlassen. Für Rebanks ist sie gleichzeitig die tiefe Verbundenheit, die er im Einklang mit seinen Vorfahren für seine Heimat fühlt.

Dieses hefted fand ich besonders interessant, vor allem weil ich es selbst überhaupt nicht kenne. Kann ich ja auch nicht als Nachkomme von Einwanderern aus sehr weit voneinander entfernten Gegenden Europas, deren Vorfahren selbst bereits aus ihrer Heimat wegziehen mussten – die einen wegen der Hungersnöte nach dem spanischen Bürgerkrieg aus dem ländlichen Kastilien nach Madrid, die andere, weil sie zur Zwangsarbeit aus der südpolnischen Provinz nach Schwaben verschleppt wurde. Ich empfinde das Fehlen dieser Verwurzelung nicht als Mangel, oft im Gegenteil als eine Art Freiheit. Doch mir ist bewusst, dass sie nur schwer herzustellen ist.

Herdyshepherd hat in seinem Buch eine Agenda, die er immer wieder explizit anspricht: Er will Respekt erzielen für seine Art Leben und für die, die es leben; Anerkennung des Nutzens für die Gemeinschaft.

In England rennt er damit kulturell offene Türen ein: Die literarische Verarbeitung von Landleben, vor allem dem von früher (wann immer das war), stößt in England traditionell auf Interesse, meist ein romantisierendes. Direkt vor The Shepherd’s Life hatte ich einen Klassiker der englischen Landlebenromantisierung gelesen: Cider with Rosie von Laurie Lee – kennt in England praktisch jeder und jede (Beschreibung von Dorforiginalen, von vor Fülle überbordenden Gärten, den Härten des Winters, Einzug neuer Technik nach dem Ersten Weltkrieg). Auch Ronald Blythes Akenfield verkauft sich bis heute.
In der deutschen Bestsellerliteratur gibt es keine Entsprechung (mögen mich Germanistinnen korrigieren, wenn es überhaupt eine Entsprechung in der deutschen Literatur gibt), ich erinnere mich gerade mal an Anna Wimscheiders Herbstmilch, und das kam 1984 heraus. Doch in England überrascht mich weder der Erfolg des Twitter Accounts noch des Buchs. Was allerdings auch die Engländer nicht daran hindert, lieber zum billigen Supermarktfleisch aus Massentierhaltung und zum billigen Lammfleisch aus Neuseeland zu greifen.

Herdysheperd steht nicht nur in einer literarischen Tradition (auf die er anspielt und die er zitiert); seine Version und Lebensgeschichte schlägt ein neues Kapitel auf. Das hat traditionell mit neuer Technik zu tun, die auch in den englischen Landlebensklassikern eine Schlüsselrolle spielt, und mit gesellschaftlichen Veränderungen: Rebanks ist nicht nur ein besonders schlauer Kopf; er hat Zugang zu einer Fülle von Informationen und kann andere Lebenswege ausprobieren. In einer Welt ohne die heutige Bildungs- und Infrastruktur wäre es ihm unmöglich gewesen, die Hochschulreife in Abendkursen nachzuholen und neben einem Studium in Oxford auf dem väterlichen Hof zu arbeiten.

Sein Buch lebt von den ernsthaften und fachlich tiefen Schilderung des Alltags von Schafhirten und -hirtinnen (oh ja) – irgendwann hatte ich beim Lesen den Eindruck, ich könnte jederzeit mit zupacken und wäre auch noch nützlich dabei -, von der Beschreibung der Bewohner des Tals und von Rebanks jüngster Familiengeschichte. Idylle taucht nur sehr vereinzelt auf, am ehesten in den Fotos, die schwarz-weiß abgedruckt sind (kein Vergleich zu den atemberaubenden Aufnahmen, die Herdyshepherd täglich bei Twitter postet).

Die prekäre Situation dieses Wirtschaftszweigs macht Rebanks indirekt und an konkreten Beispielen klar: Detailliert schildert er, wie sein Vater ihm das Scheren der Schafe beibrachte, wie er Jahr um Jahr daran arbeitete, dessen Tempo einzuholen. Die Schilderung eines solchen Schurtages endet mit der Beschreibung, wie die eben abgeschorenen Vliese verbrannt werden: Ihr Marktpreis ist so niedrig, dass er nicht mal den Aufwand des Verkaufens decken würde. Kein Hof in Rebanks Tal kann von seinen Schafen leben, auf jedem muss mit externer Zusatzarbeit der Lebensunterhalt gesichert werden. Gleichzeitig erklärt Herdyshepherd nachvollziehbar, dass es die traditionelle Bewirtschaftung dieser Region war, die sie über viele Jahrhunderte zu dem gemacht hat, was die Romantiker beschwärmten und was wir zu größten Teilen noch heute sehen. Ein Aussterben dieser Landwirtschaft würde auch die Landschaft zerstören.

Besonders eindrucksvoll fand ich die sprachliche Kargheit, mit der Rebank die schlimmsten Erlebnisse erzählt, nämlich die Keulung ganzer Schafherden während der Maul- und Klauenseuche im Jahr 2001. An dieser Stelle hat er uns bereits Kapitel um Kapitel erklärt, mit welcher Sorgfalt und Hingabe ein bestimmtes Zuchtergebnis angestrebt wird, welche Gründe es für jedes Kriterium darunter gibt, mit welcher Gewissenhaftigkeit Hirten und Hirtinnen Zuchttiere dazukaufen, wie Herden entstehen und weitergeführt werden. Und dann ist innerhalb von sechs sachlichen Seiten alles auf Anfang, auf Null.

Natürlich erlebt man Rebanks in diesem Buch auch selbst als Mensch, direkt und indirekt. Wie stolz er auf die Leistung seiner Familie und auf seine eigene ist. Wie wichtig ihm ist, sich selbst als Teil einer Gemeinschaft zu schildern, als nichts Besonderes. Was er halt spätestens durch dieses Buch dann doch geworden ist.
(Ob sich dafür wohl ein deutscher Verlag findet?)

die Kaltmamsell