Journal Dienstag, 9. Februar 2016 – Kehraus

Mittwoch, 10. Februar 2016 um 6:22

Der Vorsatz für den gestrigen freien Tag (immer noch faschingsfrei) war: nix machen.

Na gut: Den Sauerteig zum Brotbacken hatte ich schon angesetzt, also buk ich morgens mal wieder einen 7-Pfünder.

160209_05_7Pfuender

Während der im Ofen war, holte ich bei Högl Krapfen, wegen Helau.

160209_02_Vanillekrapfen

Unter diesem Vanillekrapfen sieht man noch die Spuren eines halben Germknödels (ich hatte mit Herrn Kaltmamsell geteilt). Ich habe schon so lange keinen idealen Vanillekrapfen vom Augsburger Wolf bekommen, dass ich diesen bereits sehr genoss.

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Danach zu noch einer Tasse Darjeeling den klassischen G’staubten.

Zu spanischer Mittagessenszeit baute ich den warmen Blaukrautsalat nach, den Anke Gröner vergangene Woche bei instagram gepostet hatte.

Nachmittags höchst gemütliches Auflesen einiger liegengebliebener Zeitungen.

Nicht gemacht:
– Kraftstraining
– LED überm Herd ausgetauscht
– gebügelt
Ist doch schonmal was.

Abends zwei aufgezeichnete Folgen Tatortreiniger angesehen. Vor Vergnügen gequietscht über die Folge „Anbieterwechsel“: Welch großartige Idee, diese Religionsagentur, die Persönlichkeitsprofile von Menschen auf der Suche nach Spiritualität perfekt matcht mit dem Anbietermarkt an Religionen. Ganz unzynisch und vernünftig, denn: Sollte man sich seine Religion nicht mindestens so sorgfältig aussuchen wie seinen Mobilfunkanbieter? (Erster Quietscher gleich am Anfang, als die Kamera ganz kurz eine cellophanierte Schachtel „Einsteigerset Buddhismus“ zeigte.) Anna Schudt als nüchtern-freundliche Agenturinhaberin ganz wunderbar.

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Kathrin Passig und Holger Schulze haben in Berlin einen Vortrag über „Kleine Formen“ (in der Kunst, in der Literatur) gehalten und ihre dazugehörige Präsentation mit einem sensationellen Spektrum an Schriftarten und Farben hier online gestellt.

Persönliches Lieblingsfeature: Slide 44 zeigt ein niedliches Eichhörnchen, das gerade auf Kathrin Passig klettert – meine Fangirl-Welt ist perfekt.

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In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Merkur schreibt Andreas Bernard über
„Das totale Archiv. Zur Funktion des Nicht-Wissens in der digitalen Kultur“.

Er zeichnet zum einen nach, wie wichtig Nichtwissen als dramaturgisches Prizinip ist. Zum anderen belegt er, wie sehr sich die Menschen seit vielen Jahrhunderten verschätzen, wenn sie beim Blick auf Fortschritt und Entwicklung das noch übrige Nichtwissen beschreiben.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 8. Februar 2016 – Fasching…lich

Dienstag, 9. Februar 2016 um 12:10

Nach Kaffee an Bloggen radelte ich durch milde Luft ins Olympiabad (ich hatte faschingsfrei). Im Olympiapark steht derzeit eine kleine Eislaufbahn, aha.

Angenehme Schwimmrunde. Zum ersten Mal sah ich auf einer der Schwimmbahnen einen Mann mit dichtem, langen Hipsterbart. Seither wägt und wogt es in meinem Hinterkopf, wie dieses Kopfhaar sich beim Schwimmen wohl anfühlen mag. Ob es ihm bei einer Rollwende die Sicht verstellt?
Ich fürchte, dass ich noch nicht ganz alt genug aussehe, dass ich mich mit fröhlich-naivem Blick vor ihn hätte stellen können: „Junger Mann, sagen Sie mal, wie ist das eigentlich?“

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Während des anschließenden Frühstücks im Café Puck erreichte mich eine PR-Mail:

Kochen ist Frauensache? Schon lange nicht mehr! Und jetzt braucht es für die Lieblingspasta auch kein teures Spezialequipment mehr, sondern nur noch das Werkzeug aus dem Keller…

Von allen bescheuerten Kochbuchideen wird die mit Rezepten für Werkzeug aus dem Werkzeugkasten auf ewig einen Platz im (leider geräumigen) Hämeeck meines Herzens behalten.
(Wobei ich nichts über die Verkaufsaussichten gesagt haben will: Klingt nach einem bald sehr beliebten Geschenk für Männer, das man für sensationell witzig hält und das beim Beschenkten ungenutzt einstaubt.)

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Abends über asiatischem Essen langes Gespräch mit einem Freund, das mich aus vielerlei Gründen freute.

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Zum Kehraus reiße ich mal kurz die Datumsgrenze, weil das da unten an Aschermittwoch nicht so passt:

Vildsvinscurling / Wild boar curling from Djake on Vimeo.

via @katrinscheib

Meine bisherige Lieblingsversion des Lieds, ich bin sicher, Adele would approve. In jungen Jahren war ich eifrige BAP-Hörerin – die Kölsch-Kenntnisse reichen bis heute zum Verstehen.

via @janedenone

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 8. Februar 2016 – Kartoffelsalaterinnerungen

Montag, 8. Februar 2016 um 8:09

Das Wetter war trocken und mild. Nach einer sehr unruhigen Nacht mit wilden Träumen radelte ich ins Sportstudio am Ostbahnhof (Stepaerobic mit eingebautem Kraftttraining, Crosstrainer). Die Aussicht von der Terasse im 6. Stock zeigte die ganze Alpenkette.

Auf der Rückfahrt holte ich Krapfen beim Zöttl: Einen G’staubten (das ist der klassische mit Marmeladenfüllung) für Herrn Kaltmamsell, für mich einen Vanillekrapfen und einen Kirschkrapfen. Um beim Essen festzustellen, dass der Vanillekrapfen eine SCHAUMIGE Vanillefüllung enthielt – oiso naaaa!

Ich las Jane Gardams The Man in the Wooden Hat zu Ende: Wieder ganz wundervoll. Der Nachfolgeband von Old Filth erzählt die Geschichte seiner Frau Betty, wieder in Skizzen von sachlich bis poetisch, die sich zu einem Ganzen verbinden. Diesmal erfahren wir mehr über die Kronkolonie Hongkong, außerdem spielen Freundschaften und Loyalität eine große Rolle.

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Nach einem Mittagsschläfchen verwendete ich die restlichen Kartoffeln des Ernteanteils, um Kartoffelsalat zu machen. Also so, wie ich ihn immer mache, ohne darüber nachzudenken. Beim Umwandeln in ein Rezept fühlte ich mich wie jede Oma, die nach der Zubereitung eines Standardgerichts gefragt wird. Am ehrlichsten hätte ich gesagt: Na nimmst hoit ´kochte Katoffe, a Briah, a weng Ziebe, a Öl, an Essig, Pfeffa und Soiz, und wanns’t mogst, tuast a Guak’n nei.
Mengenangaben und Garzeiten: Des sigs’t na scho.1

Aber für ein aufzuschreibendes Rezept geht das natürlich nicht. Ich machte mir also jeden Arbeitsschritt bewusst und wog alle Zutaten ab.

Beim Zubereiten dieses Kartoffelsalats wurde ich ganz sentimental: Das ist eines der ganz wenigen Gerichte, die meine Mutter mir so richtig und gründlich beigebracht hat, inklusive einiger Handgriffe.

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Das hier ist zum Beispiel ein typischer Anblick bei meiner Zubereitung von Kartoffelsalat. Wie meine Mutter gieße ich die Kartoffeln nach dem Garen ab und lege sie zum Abkühlen auf den Balkon; den Top stelle ich daneben. Im Topf hole ich sie wieder in die Küche, beim Pellen fungiert dieser Topf als Abfalleimer für die Schalen, am Topfrand streife ich klebrige Schalenfitzl vom Messer. Viele Handgriffe, die meine Mutter mich gelehrt hat, habe ich abgelegt (zum Beispiel rohe Kartoffeln auf einem Stück Zeitung zu schälen, um die Schalen danach gesammelt und sauber wegwerfen zu können). Aber diesen habe ich behalten.

Gerade weil das Rezept eine nicht-deutsche Nachkocherin als Leserin adressiert (die Engländerin Helene), war ich so unsicher wie noch nie, wie viel Information es enthalten sollte. Die Gurken für den Kartoffelsalat (meiner enthält immer Gurken, ich mag die Frische und die zusätzliche Textur) müssen zum Beispiel unbedingt gehobelt werden: Gibt es solche Hobel überhaupt in englischen Küchen?

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Letztendlich kam aber doch ein Rezept heraus: Hier steht es.

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Vor dem Einschlafen Patricia Highsmiths The Price of Salt für unseren Lesekreis angefangen: Herr Kaltmamsell hatte eine Ausgabe beschafft, die ein Neudruck der ersten Ausgabe von 1952 ist. Ich fand es seltsam, die altmodischen Bleisatzbuchstaben, die ich aus Büchern dieser Vergangenheit gewohnt bin, auf dem blendend weißen Papier von heute zu sehen.

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Im Techniktagebuch ist ein ganz wunderbarer Techniktraum aufgetaucht:
„Traum-App“.

Die App soll Leute zur Arbeit motivieren, Produktivität und Durchhaltewille fördern. Analog zur Sport-App „Runtastic“ kann man darin Leute per Button anfeuern – nur eben nicht beim Laufen, sondern bei der Arbeit.

Seit ich das gelesen habe, überlege ich, wie man das einem Betriebsrat als geplante Zukunft andrehen könnte – und natürlich einen ohrenbetäubenden Proteststurm auslösen.

  1. Selbst hatte ich keine Bayrisch sprechenden Großmütter. Aber ich wäre eine geworden. []
die Kaltmamsell

Journal Samstag, 6. Februar 2016 – Krokantenerwachen

Sonntag, 7. Februar 2016 um 8:30

Meine Wetter-App hatte Sonnenschein vorhergesagt, also freute ich mich auf einen Isarlauf. Ich nahm die U-Bahn bis zum Odeonsplatz und lief durch den Hofgarten los. Trotz Sonne ware es recht frisch, ich brauchte Mütze und Handschuhe.

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Der Monopteros wird immer noch renoviert.
Auf einer Grünfläche beim Chinesischen Turm sah ich meine ersten Winterlinge.

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Großer Schrecken auf dem Rückweg: Der Damm des Mittleren Isarkanals war gründlich abgeholzt. Auf die Schnelle konnte ich keine Information dazu finden.

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Die Krokanten haben bereits losgelegt.

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Nach Dusche und Frühstück traf ich mich im Café Aroma mit einer viel zu selten gesehenen Freundin und verbrachte den Nachmittag unter anderem mit dem Versuch, das Flüchtlingsschlamassel und die Zukunft der Immigration nach Deutschland zu lösen. Leider muss ich Ihnen gestehen, dass wir scheiterten: Wir konnten immer nur neue Bereiche auflisten, für die wir Ideen brauchen.

Noch ein paar Lebensmitteleinkäufe, Heimweg im Abendrot.

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Zuhause empfing mich der Duft von Orangenmarmelade: Herr Kaltmamsell hatte eine Lieferung Bitterorangen aus Mallorca verarbeitet.

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Thomas Schmid denkt nach über die Grundhaltung, in der derzeit diskutiert wird:
„Neuer deutscher Hass“.

Das Gefühl, regelmäßig übervorteilt und nicht gehört zu werden, ist hier weit verbreitet. Und wenn vom Volk die Rede ist, meint so mancher, eine Demokratie sei nichts wert, wenn Volkes Wille nicht unmittelbar regiere, wenn Politiker sich nicht zu Vollzugsgehilfen des ewig zu kurz gekommenen Volkes machen – wobei jeder Einzelne dieser Rabiaten erst dann zufriedengestellt wäre, wenn sich sein ganz persönlicher Wille eins zu eins erfüllt.

Diese Befürchtung hege auch ich.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 5. Februar 2016 – WMDEDGT, Helene

Samstag, 6. Februar 2016 um 18:42

Es war der 5. des Monats, der Tag für die Antwort auf Frau Brüllens Frage: „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“

Gestern stand ich um 5.45 Uhr auf, um vor der Arbeit Zeit für ein wenig Sport zu haben und trotzdem zu Fuß in die Arbeit gehen zu können. Nach einer großen Tasse Milchkaffee nebst Bloggen (den Großteil des Posts hatte ich allerdings schon am Vorabend geschrieben) bereitete ich das Wohnzimmer für eine Runde Bauchtraining vor: Stühle zur Seite schieben, zwei Handtücher übereinander auf den Boden vor den Fernseher legen, Fernseher schon mal anschalten, damit er genug Zeit hat, das WLAN zu finden.

Ich putzte und seidelte meine Zähne, zog Sportkleidung an und wärmte mich mit Low-Impact-Aerobic zu Madonnas „Hung up“ vom Rechner auf (weil es das richtige Tempo hat und die gut fünf Minuten lang ist, die ich gerne zum Aufwärmen habe). Ich startete Chrome Cast und übertrug dieses Bauchtraining auf den Fernseher. Ich freute mich wieder an der entspannten und fröhlichen Atmosphäre zwischen den beiden Vorturnern, dass es schon mal vorkommt, dass einer eine Übung nicht durchhält. Ergebnis: 1. Mal am Tag nassgeschwitzt.

Nach Duschen und Anziehen ging ich zu Fuß in die Arbeit. Es regnete ziemlich, ich brauchte meinen Schirm. Nach 35 Minuten zügigem Marsch war ich das 2. Mal am Tag nassgeschwitzt (inklusive dunklen Flecken auf meinem Seidenoberteil).

Die Arbeit des Tages bestand vor allem in Korrekturlesen und Gegenlesen von Texten, Durchsprache der Ergebnisse. Dazu trank ich zwei riesige Tassen Tee.

Ich hatte keine Brotzeit mitgenommen, weil ich zum Mittagessen mit einer Kollegin verabredet war – dachte ich. Tatsächlich stand der Termin aber bei Freitag, dem 12. Februar im Kalender. Als ich mittags Hunger bekam, ging ich also schnell in die Kantine und aß fragwürdigen „vegetarischen Maultaschenauflauf“: halbierte Fabrikmaultaschen mit einer Art Quarkfüllung in Mehlpompfsoße. Sättigte.

Nach weiterem Korrekturlesen machte ich mich an eine beschwerliche Aufgabe: Das Facility Management des Hauses hatte mitgeteilt, dass das Kellerlager der Abteilung nächste Woche einer Brandschutzprüfung unterzogen würde. Für dieses Lager sind seit der Umstrukturierung der Hauptabteilung vage eine Sekretärinkollegin und ich zuständig. Den Zustand, der auf mehrere Bombeneinschläge in jüngster Vergangenheit hinweist, haben nicht wir verursacht, doch er ist vorerst die Arbeitsbasis. Regalinhalte lassen eine Vergangenheit bis ca. 2012 erkennen, in der jemand für Archivierung und Ordnung sorgte. Alles danach wurde einfach irgendwohin geschoben oder auf dem Boden abgestellt. Ich hatte ein Aufräumen dieses Lagers als Projekt für ruhige Zeiten im Hinterkopf gehabt, doch jetzt war keine Zeit mehr für Aufschieben. Etwa zwei Stunden lang mistete und sortierte ich die Kartons, für die ich mich verantwortlich fühlte, weil sie mit den Inhalten meiner Teilabteilung zu tun hatten (3. Mal am Tag nassgeschwitzt).

Schon um 16:15 Uhr stempelte ich aus, da ich zu meiner Verabredung im Park Café pünktlich sein wollte. Der Tag war inzwischen trocken und sogar ein wenig sonnig geworden, ich genoss die 45 Minuten Fußmarsch (aber zum 4. Mal am Tag nassgeschwitzt).

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Das sind Helene (rechts) und ich wahrscheinlich Anfang 1992 in Swansea in der Wohnung, in der Helene mit drei Freundinnen wohnte, die alle viere auch meine Freundinnen wurden. Wir hatten uns nach dem abendlichen Ausgehen wohl auf dem Heimweg chicken and chips mitgebracht.

Helene hatte vor unserem Kennenlernen einige Monate in München gewohnt und gearbeitet. Auch die anderen drei waren direkt davor im Ausland gewesen, davon profitierte ich: Nicht nur konnten sie sich in meine Lage und in meine Unsicherheiten hineinversetzen, sie wiesen mich auch gezielt auf Britisches hin. Helene zum Beispiel kochte mir Typisches, gab mir im Fernsehen kulturell Prägendes zu sehen, korrigierte meine sprachlichen Fehler und nahm mich sogar über Weihnachten nach Nordengland zu ihrer Familie mit, damit ich mal ein richtiges englisches Weihnachten erleben konnte.

Nach unserer gemeinsamen Zeit in Wales hatten wir uns nur noch zweimal gesehen, doch durch Facebook war der Kontakt neu zustande gekommen. Weil sie mal wieder in Österreich Urlaub machte, hatte sich Helene gemeldet. Jetzt verbrachten wir nach über 20 Jahren wieder ein paar Stunden miteinander, und ich genoss es sehr. Ich erkannte sie in von außen und innen wieder.

Eine Folge dieses Gesprächs: Ich werde ein paar deutsche Hausrezepte verbloggen, die ich nie als bemerkenswert eingeschätzt hatte – das macht man halt so nebenbei. Doch Helene fragte mich, wie man bitte diesen großartigen Gurkensalat, den Kartoffelsalat und Krautsalat mache, der ihr in Österreich und Bayern immer so gut schmecke. In England gebe es nichts Vergleichbares. Aber gerne!

Spätabends brachte ich sie noch zu ihrem Zug zurück, umarmte sie mehrfach herzlich, vereinbarte ein baldiges Wiedersehen. Durch die kalte Nacht spazierte ich nach Hause. Dort fühlte ich mich knochenmüde, überbrachte gerade noch Herrn Kaltmamsell Helenes Grüße (die beiden hatten sich bei unserem letzten Treffen kennengelernt) und ging ohne Umwege nur nach Abschminken und Zähneputzen ins Bett.

1992_Swansea

(Sie werden doch wohl zugeben müssen, dass ich mich seit meinem Studienjahr in Swansea praktisch nicht verändert habe.) (Das auf meinem Kopf ist ein tea cosy.) (Wunderschönes Wort, haben mir auch meine englischen Freundinnen beigebracht.)

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Hotel Mama schreibt über eine Situation, die wohl jeder Elternteil auf sich zukommen fürchtet:
„einen durchziehen“.

Schlüsselsatz, glaube ich: „ich bin die mutter, nicht der kumpel.“

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Ah, im englischsprachigen Raum versteht man mich halt. Zum Beispiel das saublöde, peinliche Gefühl, wenn man um Hilfe bitten muss. Hier ein paar wirklich hilfreiche Tipps:
„Self-Deprecating Intros for When You Call 911“.

via @the_maki

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 4. Februar 2016 – Winterradeln

Freitag, 5. Februar 2016 um 6:33

Die neuen Nachbarn wissen also nicht nur nicht, dass man in diesem Haus nicht laut feiert. Sie wissen auch nicht, wie man Rollläden hochzieht, ohne dass das ganze Viertel mithört und die direkte Nachbarin senkrecht im Bett steht. Kurz vor sechs.

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Über Facebook verabredete ich mich für Freitagnachmittag. Mit einer Frau, die ich 20 Jahre nicht mehr gesehen habe und die maßgeblich am Erfolg meines Auslandsjahrs beteiligt war.

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Mit dem Rad in die Arbeit, weil ich nach Feierabend noch entlegenere Besorgungen zu erledigen hatte.

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„Sturmfrei“ nannte es die Kollegin, dass die Führungsriege komplett auf einem aushäusigen Workshop war. Ich amüsierte mich, dass ich am Mailaufkommen ablesen konnte, wann gerade Kaffeepause auf der Tagesordnung stand.

Ein wenig nahm man den Fasching im Haus wahr, es war Weiberfasching. In der Cafeteria gab es Krapfen – leider hatte ich keine Lust darauf, insgesamt bin ich dieses Jahr allerdings sehr unterkrapft.

Viel Korrektur gelesen, mich um den Plural von LED gedrückt (landläufig LEDs, wortkorrekt müsste er eigentlich LEDn lauten, auf Leuchtdioden ausgewichen).

Gelernt, wie ich eine Gutschrift an meinen Arbeitgeber verarbeite. In der bayrischen Firma, mit der ich das telefonisch klärte, herrschte ausgelassene Stimmung, die möglicherweise mit Fasching zu tun hatte.

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Nachmittags hatte es wieder zu schneien begonnen, recht nass. Kurz erwog ich, mit der U-Bahn rüber nach Schwabing zu fahren, aber dann hätte mein Rad beim Büro gestanden, außerdem reute mich das Geld. Ich musste früh los, da die Verkaufsstelle und der Kaffeeladen beide um 18 Uhr schlossen und ich mich nicht hetzen wollte. Noch vor fünf packte ich mich also in Jacket, Schal, Janker, Leuchtweste, dicke Mütze, Handschuhe und radelte ins östliche Altschwabing. Ich nahm dabei eine von Google Maps vorgeschlagene Route, auf die ich selbst nicht gekommen wäre: Quer über die Theresienwiese, über den Marienplatz (wagte ich nur, weil ich bei diesem Wetter wenige Fußgänger erwartete), Hofgarten, Englischer Garten – the scenic route. War schön im leichten Schneefall, nur dass ich halt bald durch die nassgeschneite Brille nichts mehr sah.
Meine Besorgungen verliefen problemlos, so dass ich bereits um sechs daheim war – mit dann aber doch durchgefrorenen Füßen hatte ich genug vom Draußen.

160204_01_Sandwichtoaster

Fürs Abendessen hatte Herr Kaltmamsell alles für Vergnügen mit dem Sandwichtoaster besorgt. Die Kombination gegrillte Aubergine/Raclettekäse kann ich sehr empfehlen, Paprikapaste macht sich ganz hervorragend, das abschließende Urteil zum Einsatz von Obatztem steht noch aus.

(Ich mag ungeschönte Fotos von heimischen Mahlzeiten sehr, fühle mich aber immer beklommen, wenn ich keine Servietten sehe: Mit Servietten bin ich so konsequent groß geworden, dass ich sie wirklich zu jeder Mahlzeit brauche. Selbst wenn ich nur ein Brot am Schreibtisch esse, lege ich mir ein Stück Küchenrolle daneben, weil ich mir ganz sicher während des Essens mindestens den Mund und oft auch Finger abwische. Mittlerweile argwöhne ich, Eltern sollten ihren Kindern vielleicht gar nicht erst Servietten beibringen: Ein Fehlen bringt mich beim Essen tatsächlich ein wenig in Bedrängnis.)

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 2. Februar 2016 – Betreutes Googlen

Mittwoch, 3. Februar 2016 um 10:34

Ein wenig früher aufgestanden, um vor der Arbeit noch eine halbe Stunde Kraftttraining vorm Fernseher unterzubringen. Mit Fitnessblender macht das weiterhin Spaß.

Nach einem ruhigen Anfang in der Arbeit setzte sich ein Phänomen vom Montag fort: Leicht bizarre Anrufe aus der Bevölkerung.

Was natürlich nicht stimmt, das ist lediglich ein kleiner, aber durchaus amüsanter Teil meiner Arbeit.

Unter anderem riefen Menschen bei meinem Arbeitgeber an und wollten wissen, wo man Fördermittel für Innovationen herbekommt oder wo sie orthopädische Hilfen für Fußprobleme kaufen können. Was ich dazu im Web finde, gebe ich gerne weiter, auch wenn es nichts mit meinem Arbeitgeber zu tun hat. Was manchmal auch nicht hilft: Dem Herrn, der „für jemanden, der eine Arbeit schreiben muss“ anrief, musste ich bescheiden, dass mein Arbeitgeber nicht in der angefragten Richtung tätig ist. Doch das Internet, sagte ich ihm, biete eine Menge Treffer für seine Suche – und ich begann, ihm Beispiele dafür vorzulesen. Sein Kommentar: „Ja, ne, dazu gibt’s einfach NICHTS!“
Achja, dann war da noch der Anrufer, der eine Anregung hatte: Er sei doch sicher nicht der einzige Interessierte, der gerne wissen wolle, wie sich bestimmte vermeldete Projekte weiterentwickeln. Ob mein Arbeitgeber nicht eine App zur Verfügung stellen könne, die ihm regelmäßig Updates zu Projekten schicke? (Google Alerts erklärt.)

Ein gestriges Highlight: Ich konnte erstmals meine frischen Indesign-Fertigkeiten anwenden.

Als ich abends heim kam, war Herr Kaltmamsell erst am Start der Essenszubereitung (Shakshuka!). Zum Aperitif säbelte ich weiter am schwindenden Jamón.

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Nachgedanken zu Transgender (wg. The Danish Girl) und daran angehängt zu Toleranz vs. Akzeptanz. Ich erinnere mich an Gesprächsfetzen, die ich während des vergangenen Brighton-Urlaubs am Nebentisch eines Restaurants mitbekam (es war recht leer im Restaurant, es gab gerade eine Pause im Gespräch mit meinem Begleiter). Das Restaurant lag im Stadtteil St. James, traditionell das Schwulen- und Lesbenviertel. Und eine der beiden Damen an diesem Nebentisch erklärte mit einem erleichterten Seufzer ihrer Begleitung, in dieser Gegend seien die Menschen ja „so much more accepting“.

Es macht eben einen Unterschied, ob ich – womöglich trotz einiger Resentiments – etwas aus übergeordneten Gründen dulde. Oder ob ich es annehme, in Ordnung finde.
Meine persönlichen Beispiele: Religionen gegenüber bin ich tolerant, obwohl ich eine Menge dagegen habe. Doch für mich sind übergeordnet die Menschenrechte, die die Freiheit der Religionsausübung festschreiben. Solange Religionen also den Rest der Menschenrechte nicht verletzen, toleriere ich ihre Ausübung. Werde sogar zänkisch, wenn jemand diese Freiheit beschneiden möchte.
Anders verhält es sich bei Fragen von Gender oder Liebesbeziehungen: Ich akzeptiere und begrüße ihr breites Spektrum und versuche in meinem kleinen Rahmen, die Gesellschaft so zu verändern, dass alle sich darin akzeptiert fühlen. (Selbstverständlich auch hier in den Grenzen der Menschenrechte.)

§

Julia Bähr war auf der Weihnachtsmesse. Und hat bleibende Schäden davongetragen.
„Du wirst es lieben“.

Nach einer halben Stunde bin ich bereits reizüberflutet wie eine Dreijährige und habe völlig die Orientierung verloren: Ich finde aus der Halle 8 nicht mehr heraus. Das macht gar nichts, dann komme ich eben noch mal an den mit weißen Pailletten beklebten Elchen vorbei, die waren eh hinreißend. Als ich gerade eine fedrige Christbaumkugel anhimmele, ruft der Fotograf an: Er käme dann gleich vorbei. „Du wirst es lieben!“, juchze ich, als hätte man mir zwei Liter Glühwein intravenös verabreicht.

die Kaltmamsell