Journal Freitag, 28. April 2017 – Schnee und Beifang aus dem Internet

Samstag, 29. April 2017 um 8:09

Wieder Schnee und Kälte – mir blieb nur die Hoffnung, dass es der letzte bis zum nächsten Winter sein würde.

Große Freude aufs lange Wochenende samt Maifeiertag. Pläne: fast ausschließlich Rumlungern und Sport.

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Ähnlich wie es wenige Untersuchungen über psychische Gesundheit gibt, fehlt es offensichtlich in den Gesellschaftswissenschaften an Forschung über Frieden. Anthropologin Margaret Paxson hat das zu ihrem Projekt gemacht:
„What is peace?
Forget ideals of milk and honey. Peace is found in the grit of everyday life, in a town that takes in troubled strangers“.

via @MargaretAtwood

I wanted social science that landed smack on the inside of peaceful societies and studied human interactions at the eye-to-eye level, saying something about how peace works in its tight mechanics. I wanted empirical research that regarded the social body up close and asked about its long-term health and stability; research that asked how, in hard times, regular decency can sometimes translate into extraordinary kindness. Here and there I found brilliant examples of work like this, but strikingly few of them.

I began to wonder: why is peace so hard to think about? Or conversely, why is violence so easy?

(…)

And yet, despite the Cartesian dualisms that continue to shape our scientific models, perhaps peace can in fact be analysed. What if it can be seen not as timeless, but as dynamic; not located in the beginning or in the end but in the unfolding; something not of the ether but of lived soils and grounds? What if peace is, actually, something flawed and rough-grained? Well then, social science can handle that. It can do dynamics. It can look towards the longue durée, settling happily into the study of actual, imperfect behaviour. That kind of research doesn’t require calls to the angels or to Elysium. You just look into the faces of real people and the connections they make or don’t make with each other, and the stories they tell or don’t tell, and the ways they decide or don’t decide to treat a stranger as one of their own.

If peace could be this — defined within a regular, real kind of social world — how would you know a peaceful community when you saw it?

§

Dazu passt fast:

Nein, tut es nicht.
Doch, tut es.

§

Über manche seiner Beispiele könnte man diskutierten, aber die Grundbeobachtung ist interessant: Es gibt einen Film-Topos der superattraktiven Kindfrau vor allem in Science Fiction, der einiges über unsere Gesellschaft aussagt.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 27. April 2017 – Das Atwood-Festival geht weiter

Freitag, 28. April 2017 um 9:09

Früh aufgestanden, damit ich noch eine Runde auf dem Crosstrainer strampeln konnte. Einen Augenblick lang hoffte ich, dass die weißen Schnipsel, die ich dabei vor dem Fenster in der Luft sah, Blütenblätter seien. Aber nein: Es schneite schon wieder. Den Tag über war es aber meist Regen, was ausdauernd vom Himmel fiel.

Auf dem Weg in die Arbeit am Rand der Theresienwiese ein Vögelchen gesehen, das ich später als Samtkopf-Grasmücke identifizierte.

Es hat schon etwas von Selbstverstümmelung, dass ich mich regelmäßig durch Tragen dieser klabister-blabuster Gebämselkette selbst in den Wahnsinn treibe.

Aber diese Erwerbung aus Zeiten, in denen ich noch bei H&M einkaufte, gefällt mir einfach zu gut.

Abends Treffen meiner Leserunde, wir sprachen über Lean on Pete von Willy Vlautin. Der Roman war gut bis sehr gut angekommen. Selbst konnte ich ihn nicht einschätzen: Ich hatte das Lesen gehasst und es so schnell wie möglich hinter mich gebracht. Irgendwas an der Geschichte des 15-Jährigen, der völlig verlassen und auf sich allein gestellt ist, sich irgendwie durch die Unterschicht-USA unserer Zeit zur vage verorteten Tante durchschlägt, kein Dach überm Kopf, nur die Klamotten am Leib hat, der stehlen muss, um nicht zu verhungern – irgendwas daran rührte an so tiefe Ängste in mir, dass ich die Lektüre schier nicht aushielt. Interessant, dass da offentsichtlich kein noch so wohl behütetes eigenes Aufwachsen hilft.

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Es ist nicht alles schlecht an Werbung:
„Ikea Had a Great Reaction to Balenciaga Making a $2,145 Version of Its 99-Cent Blue Bag“.

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Ich genieße sehr, dass derzeit so viel über und von Margaret Atwood zu lesen ist. Ein wenig fühle mich dieser brillanten, lustigen Frau auch persönlich nahe, da ich mal einen Arbeitskollegen hatte, der während seiner Diss. das Büro mit ihr teilte, außerdem mal eine Tischdame, die die schon mit Margaret Atwood Obst geschält hat. Was mich in Summe praktisch zu BFF von Frau Atwood macht.

Zum einen ein sehr ausführliches Portrait im New Yorker:
„Margaret Atwood, the Prophet of Dystopia“.

(Sie liest Hand! Noch eine Gemeinsamkeit.)

Ganz offensichtlich ist Atwood ein sehr selbst erfundener Mensch. Und eine manische Schreiberin.

“I always wrote more than one type of thing,” she said. “Nobody told me not to.” On one occasion, over tea, she showed me her left hand: it had writing on it. “When all else fails, you do have a surface you can write on,” she said.

Ihre Technikneugier und ihr Technikoptimismus haben sicher Auswirkungen auf ihr Werk:

For years, Atwood has argued that Twitter in particular and the Internet in general have been good for literacy. “People have to actually be able to read and write to use the Internet, so it’s a great literacy driver, if kids are given the tools and the incentive to learn the skills that allow them to access it,” she said, while being interviewed at a digital-media conference in 2011.

(…)

She is fond of saying that, with all technology, there is a good side, a bad side, and a stupid side that you weren’t expecting. “Look at an axe—you can cut a tree down with it, and you can murder your neighbor with it,” she said. “And the stupid side you hadn’t considered is that you can accidentally cut your foot off with it.”

Zum anderen stand gestern in dem seltsamen Magazin „Stil Leben“ der Süddeutschen ein herrliches Interview mit ihr: Patrick Bauer wollte Margaret Atwood eigentlich zu ihrem eben auf Deutsch erschienenen Roman Das Herz kommt zuletzt befragen, die Damen wollte ihm aber viel lieber etwas zeigen.
Margaret Atwood:

Hier, schauen Sie mal, das habe ich Ihnen mitgebracht habe.

Angel Catbird Volume 2: To Castle Catula.
Ja, ganz neu! Die Fortsetzung meiner Graphic Novel, die ich mit dem Illustrator Johnnie Christmas mache. Es geht weiter mit den Engelskatzenvögeln, gucken Sie doch mal, das ist doch wunderbar. Graf Dracua, das wissen wir, hatte drei Frauen, aber Graf Catula hat natürlich mehr, er ist schließlich eine Katze, er hat viel mehr Frauen. Schauen Sie, hier sind alle sieben zu sehen.

Wie hat das angefangen mit den Vogelkatzen?
Mit den Engelskatzenvögeln!

Auch hier sagt Atwood sehr viel Kluges über Trump, die Entwicklung der US-amerikanischen Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten – und über Vogelschutz.
Online leider nur gegen mindestens 1,99 Euro für einen Tagespass zu den kostenpflichtigen SZ-Inhalten zu lesen:
„‚Wir Linken waren faul und selbstgerecht'“.

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Nochmal zurück zum Plastik: Wieso sind die meisten Kunststoffe eigentlich so schlecht abbaubar?
Die Max-Planck-Gesellschaft forscht an neuen Möglichkeiten, hier der Stand:
„Fluch der Beständigkeit
Könnten Mikroorganismen gegen die Plastikflut im Meer helfen?“

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 26. April 2017 – Pendler-U-Bahn heute

Donnerstag, 27. April 2017 um 6:11

Morgens Regen, mittags Schneeregen, nachmittags Schnee, auf meinem Heimweg waren wir zurück bei Regen.

Nachdem ich vergangene Woche Fliederblüten im Schnee sah (und ihren Duft vermisste), sah ich jetzt Kastanienblüten im Schnee. Nicht schön.

Das mit der re:publica ist jetzt zumindest geklärt, der Talk erscheint nicht mehr im Programm. Jetzt kann ich endlich traurig werden darüber, dass das so schief gelaufen ist (ich hatte seit letztem Mai, als ich die Idee dafür hatte, Material gesammelt, und mit meinen großartigen Co-Referentinnen entstanden bereits im ersten Skype-Gespräch wunderbare Ideen – es wäre so schön gewesen, mit genau ihnen auf genau dieser Bühne zu stehen).

Abends fuhr ich mit der U-Bahn zum Bücherabholen an den Josephsplatz – und geriet in eine Form Berufverkehr, die ich früher bei regelmäßiger Nutzung nicht kannte: Schon auf der Hinfahrt musste ich eine U2 ungenutzt weiterfahren lassen, weil sie voll war; auf der Fahrt nach Hause sogar zwei. Und das, obwohl sie sogar kürzer als regulär hintereinander kamen, überfüllte U-Bahnen kannte ich davor nur, wenn die eine oder andere ausgefallen war. Ich nehme an, wenn ich die Strecke regelmäßig zurücklegen müsste, würde ich schnell aufs Fahrrad wechseln.

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Zwar habe ich bislang nur Ausschnitte dieser Studie gelesen, finde aber allein schon ihre Existenz zu vergnüglich, dass ich Ihnen umgehend davon erzählen muss: Untersucht wurde die Korrelation zwischen Kosten für die Hochzeit und anschließendem Eheglück.
„‘A Diamond is Forever’ and Other Fairy Tales: The Relationship between Wedding Expenses and Marriage Duration“.

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Plastik ist böse, da sind wir uns vermutlich einig. Oder?
Dieser Artikel bei Max Planck differenziert und berichtet von Forschung im Kunststoffrecycling sowie über Alternativen zu Kunststoff – hochinteressant, weil umfassend beleuchtend:
„Plastik – nicht nur Müll“.

Auch wenn mit Kunststoffen Risiken verbunden sind, wer sie deswegen von vorneherein ächtet, macht es sich zu einfach. Denn auch auf der Haben-Seite der Materialien lässt sich einiges verbuchen. Nicht zu Unrecht sind Kunststoffe seit einigen Jahrzehnten nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken und finden sich in fast jedem Gerät, das uns das Leben erleichtert. So gehört auch zu ihren Vorteilen, dass sie so haltbar sind, obwohl genau das zu einem ökologischen Problem werden kann. Sie sind zudem leicht, stabil, luft- und wasserdicht und nicht zuletzt billig.

Wegen ihrer Vorzüge sind Kunststoffe nicht einfach zu ersetzen. Zum Beispiel in Tüten. So bieten Taschen aus Papier der Deutschen Umwelthilfe zufolge keine umweltfreundliche Alternative. Denn ihre Produktion verbraucht deutlich mehr Energie und Wasser, zudem werden dabei Chemikalien eingesetzt, die der Umwelt schaden. So fällt die Ökobilanz einer Papiertüte schlechter aus als die einer ordentlich entsorgten Plastiktüte.

Oha! Doch ich bin schon deshalb weniger überrascht, weil sich das Kartoffelkombinat seit langer Zeit nach einer Alternative für die durchlöcherten Platiktütchen umsieht, in denen unter anderem Asiasalate oder Spinat in die Ernteanteilskisten gepackt werden: Bei wirklich genauer Betrachtung sind andere Verpackungen eben nicht umweltfreundlicher (und nein, die Blätter lose in die Kisten zu werfen, ist keine Option).

Erinnert sich noch jemand an die stählerne Kuh Ende der 80er, z.B. bei Tengelmann? Klang auch super: Flasche kaufen, am Automaten immer wieder auffüllen. Tja – schnell merkte die Verbraucherin (ich), dass die Flasche wirklich sehr gründlich gespült werden musste, damit die Milch nicht innerhalb von 24 Stunden umkippte. Und wunderte sich nicht, als Berechnungen zeigten, dass das System durch die Spülerei die Umwelt stärker belastete als Tetrapaks.

die Kaltmamsell

Journal Montag/Dienstag, 24./25. April 2017 – Arbeitstage mit Sonnenluft und Regen

Mittwoch, 26. April 2017 um 6:52

Am Montag empfing mich nach Feierabend wundervolle Luft unter blauem Himmel; ich ging besonders langsam nach Hause, der Biergarten am Bavariapark war in etwas milderer Luft umgehend gut gefüllt.

Montagabend The Left Hand of Darkness von Ursula K. Le Guin angefangen. Die Ausgabe beginnt mit einem Vorwort von ihr – das allein ist schon lesenswert. Le Guin schreibt über das Genre Science Fiction und warum es eben nicht prophetisch sein will, sondern Gedankenexperimente durchspielt. Sie erläutert, was Romanautoren eigentlich tun – und warum Erfundenes einen tieferen Blick auf die wirkliche Welt ermöglichen kann.

Dienstagmorgen Langhanteltraining mit viel Schwitzen. Mal sehen, ob das wieder einen tagelangen Muskelkater bewirken wird – ich muss öfter trainieren.

Statt durch köstliche Luft ging ich nach Feierabend durch strömenden Regen nach Hause – der dringend nötig ist, die Isar steht derzeit erschreckend niedrig.

Abends eine herzliche E-Mail vom Orga-Team der re:publica mit Details zu meiner Speaker-Rolle: Dort ist immer noch nicht angekommen, dass sie unsere Einreichung abgelehnt haben und sie deshalb nicht stattfindet. Ich versuchte einen weiteren Hinweis per E-Mail, werde aber wohl telefonieren müssen.

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Erst letzthin hörte ich ein Gespräch mit über einen gehörlosen Bewerber auf einen Job in der Kommunikationsbranche: Allgemeines Kopfschütteln, wie abwegig das sei, gerade in diesem Feld – damit war das Thema durch. Ich platzte fast vor Protest, weil ich die Bewerbung so spannend fand, weil ich ahnte, wie hart ein Gehörloser auch nur um die fachliche Ausbildung in dieser Branche hatte kämpfen müssen, und wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass er sein Team in vieler Hinsicht bereichern würde.

Die, die es durch das gedankenlose Kopfschütteln von Nichtbehinderten geschafft haben, sind ja leider immer noch so selten, dass sie fast automatisch ein Zeitungsthema werden:
„‚Ich kann mit Gebärden ein Experiment aufbauen‘
Ingo Barth ist Mikrostrukturphysiker und taub. Ein Gebärdengespräch über die Mühen und Chancen von Gehörlosen in den Naturwissenschaften.“

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Sonst bemühe ich mich ja eher darum, mich weniger aufzuregen, vor allem über Petitessen (wenn man sich das Aufregen nur aussuchen könnte).
In einem Belang aber ermahne ich mich regelmäßig, das Aufregen nicht zu vergessen, mich nicht in ein „Ach egal“ gleiten zu lassen: Donald Trump. Sein Verhalten ist nicht normal, und es könnte mir allerhöchstens egal sein, wenn der Mann nicht US-Präsident wäre. Ist er aber. Deshalb ist diese Analyse aus dem New Yorker so wichtig:
„A hundred days of Trump“.

The hundred-day marker is never an entirely reliable indicator of a four-year term, but it’s worth remembering that Franklin Roosevelt and Barack Obama were among those who came to office at a moment of national crisis and had the discipline, the preparation, and the rigor to set an entirely new course. Impulsive, egocentric, and mendacious, Trump has, in the same span, set fire to the integrity of his office.

This is the brand that Trump has created for himself—that of an unprincipled, cocky, value-free con who will insult, stiff, or betray anyone to achieve his gaudiest purposes.

(…)

The clownish veneer of Trumpism conceals its true danger. Trump’s way of lying is not a joke; it is a strategy, a way of clouding our capacity to think, to live in a realm of truth.

via @ankegroener

Das ist das Ziel der ständig wechselnden Lügen Trumps: Nicht etwa, dass die Leute ihm glauben – inzwischen müsste auch dem größten Fan aufgefallen sein, dass sich Trump zur selben Frage ständig widerspricht, gerne mal innerhalb weniger Tage das Gegenteil des vorher gesagten behauptet. Ziel ist, dass die Leute gar nichts mehr glauben, dass sie selbst bei offensichtlichen Fakten die Schultern zucken: Könnte auch ganz anders sein. Das ist sehr, sehr schlimm.

Derzeit hört man nichts von ihm – mich beunruhigt das genau wie bei allen Kleinkindern im Nebenzimmer: Stille erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie gerade etwas besonders Folgenreiches anstellen.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 23. April 2017 – Margaret Atwood, The Handmaid’s Tale

Montag, 24. April 2017 um 6:40

Ein freier Sonntag; ich begann ihn mit Bloggen und Twitterhinterherlesen.

Draußen war es weiterhin unangenehm kalt, für meinen Isarlauf trug ich lange Ärmel und Hosen.

Leider halfen auch zwei Stunden gemütliches Traben nicht, mir die Schwere vom Gemüt zu nehmen.

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Ausführliches Lesen: Internet, Wochenend-SZ.

The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood fertiggelesen. Ein brillanter Roman, thematisch, strukturell und sprachlich, er gefiel mir diesmal noch besser als beim ersten Lesen vor 25 Jahren. Damals war ich durch die Schlöndorff-Verfilmung draufgekommen – die dem Roman wirklich nicht gerecht wird (außer in der Besetzung – Elisabeth McGovern!).

Atwood packt in ihre Dystopie auch ein wenig kontrafaktische Geschichte: Der Feminismus, der beim Erscheinen des Romans 1985 bereits passiert war, wird erheblich gewalttätiger und durchschlagender geschildert, als er tatsächlich gewesen war. Und es gab bereits kein Bargeld mehr – was half, die Rechte von Frauen schneller einzuschränken.

Wie jede gut erdachte Utopie ist die des alttestamentarisch strukturierten Gilead zeitlos. Die Gesellschaft, in der die nahe Zukunft des Romans spielt, weist jedem und jeder eine Rolle zu, die dem Erhalt der menschlichen Rasse dienen soll; die Handmaids sind wandelnde Gebärmütter. Es gibt eine kleine Elite, auch die allerdings mit streng definierter Funktion.
In der Geschichte wechseln sich etwa sechs Monate Handlung in der Gegenwart mit Rückblicken ab, die die Vorgeschichte schildern – beides Tagebuch-ähnlich aus der Sicht der Handmaid, die wir nur als Offred kennenlernen, als Besitz von Fred. Vordergründig geht es um die jetzt völlige Fremdbestimmung von Frauen, doch darin eingewoben sind die vielen Seiten dieses totalitären Staats, vorgeblich zum Besten aller Beteiligten.

Die Erzählerin beschreibt ihre Vergangenheit als unpolitische Tochter einer sehr engagierten Feministin – so merkt sie erst durch das Wegnehmen ihrer Selbstbestimmung und Freiheit, dass das wertvolle Güter waren. In der neuen Gesellschaft fällt sie zunächst in eine Art Tragestarre, hadert nicht sehr mit ihrem Schicksal, eher mit ihren Erinnerungen. Im Lauf ihrer Erzählung lässt sie Reflexion an sich heran, erinnert sich an ihre Gefühle, thematisiert ihr Erzählen.

Was ich bereits vergessen hatte (sonst erinnerte ich mich an erstaunlich viele Details des Romans): Am Ende bekommen wir eine Rahmenhandlung, „Natürlich eine alte Handschrift“ – in diesem Fall Kassettenaufnahmen.

Ich habe eine Besprechung der aktuellen Neuverfilmung gefunden, die einen bestimmten Aspekt herausarbeitet: Dass politisch konservative Frauen, die einen reaktionären Gesellschaftswandel herbeiwünschen, besser mal nicht auf die Erfüllung ihrer Wünsche hoffen.
The Handmaid’s Tale Is a Warning to Conservative Women“.

Nachtrag: Bei Anke Gröner habe ich den Link zu einem Artikel von Margaret Atwood gefunden, in dem sie selbst über ihren Roman in der heutigen Zeit schreibt:
„Margaret Atwood on What ‘The Handmaid’s Tale’ Means in the Age of Trump“

§

Morgens sah ich eine Krähe auf dem Balkonsims; ich legte ihr Erdnüsse raus, um mich als ihre Freundin zu zeigen. Herr Kaltmamsell sah das ungern; er verwies darauf, dass die Anwesenheit von Krähen in der näheren Umgebung Singvögel und Eichhörnchen verjagt.

Wie sich herausstellte, wurde zumindest eine Krähe sehr schnell zu zutraulich: Auf dem Balkontischlein hatte ich die Rest des Hähnchens mit Gemüse vom Vorabend kühl gestellt, abgedeckt mit Alufolie. Ich traute meinen Augen nicht, als ich nachmittags eine Krähe auf dem Rand der Reine ertappte, die bereits die Alufolie zerhackt hatte und sich über das Hähnchen hermachte. Ich verjagte sie schnell, doch zwei Stücke fehlten bereits.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 22. April 2017 – re:publica-Verwirrung, Theresienwiesenflohmarkt und Gäste

Sonntag, 23. April 2017 um 8:45

Ein Hinweis aus der Techniktagebuchredaktion führte mich zu einem unerwarteten Programmpunkt der re:publica 2017: Zu dem Vortrag, den zwei andere Damen aus dem Internet und ich im Januar eingereicht hatten.

Denn der riesige, erschlagende Haken an der Sache ist: Wir hatten für diese Einreichung eine Absage erhalten, alle drei Einreicherinnen, bereits am 16. Februar. Woraufhin wir sehr bedauerten, dass unsere Show nicht würde stattfinden können und alle weitere Arbeiten an der Idee einstellten. Ich buchte meine Reise entsprechend, Rückflug Mittwochabend.

Gestern Morgen also hektisches, haareraufendes Twitter-DMing unter uns Dreien, mit dem Ergebnis: Wir boten den Organisatoren an, den Vortrag 2018 zu halten, denn jetzt können wir ihn unmöglich noch auf die Beine stellen, zudem sitze ich zum geplanten Vortragszeitpunkt bereits im Bus zum Flughafen.

§

Theresienwiesenflohmarkt: Die Beobachtung des Gehackels im Hintergrund hatte mich abgestoßen und mir die Veranstaltung tatsächlich ein wenig vergällt. Ich ging in erster Linie für die Chronik hin, nach gemütlichem Ausschlafen erst gegen 9 Uhr. Es schien mir, als seien die Reihen der Stände deutlich lichter als in den Vorjahren und als seien auch weniger Besucher da.

Trübes, kaltes Wetter, zumindest regnete es nicht.

Große völlig ungenutzte Flächen mitten drin.

Entdeckungen:

So eine Hollywoodschaukel müsste problemlos auf unseren Balkon passen. Dann halt sonst nichts mehr, aber vielleicht würden wir ihn mit Schaukel statt Tisch und Stühlen sogar mehr nutzen.

Irgendjemand hat seine Homunculi ausgemustert.

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Noch ein paar Einkäufe. Den Nachmittag verbrachten Herr Kaltmamsell und ich mit der fröhlichen Zubereitung des Abendessens, wir erwarteten liebe Gäste. Es gab Israelisches:
– Schnipselsalat
– Marokkanischer Karottensalat
– Hummus
– Shakshuka (in Einzelportiönchen mit Wachtel- statt Hühnereiern)
– als Hauptgericht Ottolenghi-Hühnchen mit Topinambur, Zitrone, Estragon, dazu Mejadra
– zum Nachtisch hatte Herr Kaltmamsell Sticky Toffee Pudding vorbereitet.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 21. April 2017 – Kalte Sonne, mehr Flohmarktgehackel

Samstag, 22. April 2017 um 12:00

Ein strahlend sonniger, aber weiterhin sehr kalter Tag.

Auf der Theresienwiese setzte sich frühmorgens das Flohmarktgehackel fort. Ich hörte Wortgefechte zwischen Platzbesetzern („Da steht aber schon mein Name!“), sah verschiedene Formen der Reservierung mit Bändern, Steinen, persönlich auf Stühlen.

Im Hintergrund die Karawane an Flohmarkthändlern; Aufbau war ab 16 Uhr erlaubt.

Nach der Arbeit ging ich noch eine Runde einkaufen für die samstägliche Abendesseneinladung.

Abends Ferienabschlussfeiern mit Herrn Kaltmamsell über Pizza und einem Glas Wein im Viva Maria.

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Wenn Menschen ihre Stereotypen hinterfragen, ist das immer eine gute Sache. Auch wenn das für alle Beteiligten anstrengend sein mag.
„My Daughter Is Not Transgender. She’s a Tomboy.“

She is not gender nonconforming. She is gender role nonconforming.

Ich fühlte mich angesprochen, weil ich als Kind oft so war. Eine Zeit lang genoss ich es auch, für einen Buben gehalten zu werden, unter anderem weil ich damit beweisen konnte, dass Mädchen halt auch so aussehen – und das ok ist.

Das muss kurz vor meinem 12. Geburtstag gewesen sein, rechts meine Freundin Iris, die sich noch weniger als ich an stereotype Geschlechtererwartungen gebunden fühlte (aber im Gegensatz zu mir eine Mutter hatte, die daran verzweifelte, weil sie von einer Tochter mit SchleifchenRüschchenBlümchen träumte).

§

Folgen des Umstands, dass die aktuelle Urheberrechtslage und der Stand der Technik so weit auseinander klaffen: Die Tragödie des Projekts Google Books.
„Torching the Modern-Day Library of Alexandria“.

Somewhere at Google there is a database containing 25 million books and nobody is allowed to read them.

Sehr lang, sehr gründlich – und jede Zeile wert. (Nein, ich weiß auch keine Lösung.)

die Kaltmamsell