Journal Sonntag, 19. Februar 2017 – Warten auf erste Frühlingsblumen

Montag, 20. Februar 2017 um 6:28

Gemütlicher Sonntag, begleitet von Sonnenschein.

Morgens Fußmarsch zum Ostbahnhof für eine Runde Hüpfen und Heben, in milder Sonne Fußmarsch zurück. Doch selbst bei noch so aufmerksamer Betrachtung aller Grünflächen immer noch keine Spur von SchneeglöckchenWinterlingenKrokussen.

Nachmittags im sonnenbeschienenen Sessel Süddeutsche Zeitungen und SZ-Magazine aufgelesen. Ende Januar war Interviewpartner in „Sagen Sie jetzt nichts“ Felix Neureuther. Aus familienhistorischen Gründen bei Antwort 1 laut aufgelacht:
„Haben Sie oft, wie wir früher vor dem Fernseher, Skigymnastik mit Rosi und Christian gemacht?“.

Abendessen kochte diesmal ich, es gab Kutteln auf römische Art.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 18. Februar 2017 – Ringelstrumpfhosen, Fences

Sonntag, 19. Februar 2017 um 8:03

Eigentlich. Eigentlich hatte ich eine Runde Schwimmen vor – ich war die ganze Arbeitswoche nicht zum Sport gekommen, da war ja wohl klar, dass ich das Wochenende dazu nutzen musste. Ins Kino wollte ich auch, Endspurt vor der Oscarverleihung. Doch als ich beim Zähneputzen Mantel-zur-Reinigung, Schwimmen, Einkaufen, Frühstücken, Kino minutengenau durchplante, fühlte ich mich gestresst.

Zack, umgeplant, Schwimmen abgeblasen. Statt dessen ausführliche Körperpflege, lustige Kleidung – in Solidarität mit Frau… äh… Mutti, die sich reichlich unpassende Kommentare zu ihrer Vorliebe für kurze Röcke in Kombination mit gemusterten Strümpfen anhören muss.

Gemütliche Einkaufsrunde mit Zwischenstopps für Pokémonfang. Frühstück: Frisch gesäbelter Jamón, dann eine Orange, eine Mandarine, zwei riesige Datteln kleingeschnitten, mit Joghurt und frischer Minze zu genau der köstlichen Speise verrührt, die ich mir in dieser Kombination vorgestellt hatte. Dazu eine große Tasse Darjeeling.

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Ich spazierte ins Cinema und sah mit wenigen anderen Fences, eine weitere Oscar-Nominierung. Ich wusste, dass das ein verfilmtes Theaterstück ist, das sehr lange auf Verfilmung gewartet hatte: Autor August Wilson hatte auf einem African-American Regisseur bestanden – und da find‘ erst mal einen in Hollywood. Es wurde dann Denzel Washington, der auch die stark dominierende Hauptrolle Troy spielt.

Fences ist also ein Kammerspiel um diesen Troy, einen Mann Mitte 50 mit schlimmer Vergangenheit, der versucht, ein guter kleinbürgerlicher Ehemann und Vater zu sein, seine Träume dabei nicht im Weg stehen zu lassen. Und der aufs Menschlichste sowohl als Partner als auch als Vater scheitert. Es hatte schon etwas von Death of a Salesman, wenn auch in kleinerer, bitterer Form.

Auch wusste ich vorher, dass das ein stark textlastiges Theaterstück ist, und manchmal sehnte ich mich tatsächlich nach ein paar Momenten einfach nur mit Bildern statt Dialogen, die oft Troys Monologe sind. Doch so ist es eben ein ungeheuer dichter Film geworden, der Informationen, Handlung, das Innere der Charaktere sehr theaterartig nur durch Text und Schauspielkunst vermittelt. Herausragend ist Viola Davis in der einzigen weiblichen Rolle (mal wieder: Vhere are ze vomen?).

Auf dem Heimweg ging mir durch den Kopf, wie sehr das Stück in einer Zeit (1950er) und in einer Gesellschaftsschicht verwurzelt ist, nämlich der schwarzer kleiner Leute: Die ganz konkrete Sprache, die Alltagsnormalitäten einer Familie, die Chancen oder eben ihr Fehlen für Schwarze.
Ein konventionell umgesetztes Theaterstück, in manchen Kameraeinstellungen schoss mir durch den Kopf, wie die Anweisung dafür wahrscheinlich gelautet hatte. Aber dieses Theaterstück ist halt schon ein sehr gutes.

Spaziergang nach Hause in ein wenig Sonne und überraschend fröstligen Temperaturen.

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Daheim nach Langem mal wieder die Zehennägel lackiert – daran merke ich, dass wir einen deutlich kälteren Winter haben als vor einem Jahr. Für Unterlack, zweimal Farbe und Überlack muss ich nämlich mindestens eine Stunde nackte Füße haben – und dafür bekam ich in den vergangenen Monaten die Wohnung nicht warm genug.

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Sehr spannend: Eine blinde Köchin, MasterChef-Gewinnerin Christine Ha, zeigt mit der GoPro, wie sie kocht.

via swissmiss

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 17. Februar 2017 – Trübe Wolken

Samstag, 18. Februar 2017 um 8:45

Ich war den ganzen Tag über traurig. Das kann nicht nur am Regenwetter gelegen haben.

Mittlerweile misstraue ich meinem Gefühlshaushalt ja derart, dass ihn als Ursache und nicht als Folge im Verdacht habe. Mal hat mein Stoffwechsel vergnügte Stimmung zusammengemixt, dann habe ich schöne Ideen, nehme Vergnügliches wahr, freue mich an Menschen, bin milde mit ihren und im Extremfall sogar meinen eigenen Unzulänglichkeiten, packe fröhlich die Erledigung von Aufgaben an, lerne aus allem etwas.
Hat derselbe Stoffwechsel allerdings Düsternis produziert, sehe ich die tief hängenden Wolken, fühle den kneifenden Hosenbund, nehme jede menschliche Ansprache als Belastung wahr, dann drückt mich jede Erinnerung nieder und jeder, wirklich jeder Gedanke, dann löst jede Aufgabe Seufzen aus, wenn nicht sogar Zorn, ist meine schiere, anscheinend nur aus Verkehrtheiten bestehende Existenz eine einzige Zumutung.

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Schön fand ich, morgens wieder einen Blogpost fertigmachen und veröffentlichen zu können.
Außerdem gibt es eine neue Generation Pokémon zu fangen, die nicht nur interessant aussehen, sondern erst mal (weil neu im Pokédex) besonders viele Punkte bringen.

Schön war die Plauderei mit dem Metzger im Süpermarket. Als ich ihn bat, von den deutlich mehr als bestellten Kutteln etwas wegzuschneiden, „sonst essen wir wieder drei Tage daran“, fragte er, ob ich denn Suppe damit mache. Nein, erklärte ich ihm, ich würde sie mit Tomaten und Minze zubereiten, römischer Art. Aha, das habe er ja noch nie gehört.

Und dann überraschte mich mit Herr Kaltmamsell mit Congee zum Abendbrot.

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Auf der re:publica wird es keine Show der drei Damen aus dem Internet geben: Unser Vorschlag wurde abgelehnt. Schade.

die Kaltmamsell

Journal Montag-Donnerstag, 13.-16. Februar 2017 – Nur Stichpunkte wegen fix und fertig

Freitag, 17. Februar 2017 um 6:29

Alles ein bisschen viel gewesen, ich kam zu wenig mehr als Arbeit, war feierabends fix und fertig mit Ausreißern in Verzweiflung. Deshalb nur Stichpunkte über die vergangenen Tage.

Montagabend Rotweincreme gefertigt für die dienstäglichen Gäste.
Da ich jetzt Routine habe, gibt’s hier das Rezept.

Herr Kaltmamsell servierte als Abendessen meine geliebten Sellerieschnitzel.

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Dienstagabend Leserunde bei uns.

Herr Kaltmamsell hatte Tortillas gebraten, ich richtete Käse an (Tetilla, Manchego, Cabrales, Mahón), mallorquinische Oliven, Chorizo, Salchichón und frisch gesäbelten Jamón.

Wir unterhielten uns über Penelope Fitzgeralds The Bookshop. Der schmale Roman erschien 1978, spielt aber 1959: Die Hauptfigur Florence Green eröffnet in dem englischen Provinznest, in dem sie seit zehn Jahren lebt, einen kleinen Buchladen. Und scheitert damit.
Zu meiner Überraschung war ich die einzige in der Runde, die das Buch fad gefunden hatte, die Personenausstattung sowie die Handlung vorhersehbar und klischeereich. Die anderen in der Runde fanden die Beschreibungen und erzählerischen Mittel subtil und charmant, hatten eine ganz besondere Geschichte gelesen.

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Die Temperaturen steigen, zwei sonnige Tage.

Mittwochabend einträchtiges Pokémonentwickeln vor dem Fernseher. Das ist erwähnenswert, weil sich Herr Kaltmamsell monatelang nicht einloggen konnte und nun mächtig hinterher hinkt. Ich bin mittlerweile auf Level 32, aber es ist schon arg mühsam geworden.

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Donnerstag erwischte mich die Migräne. Ich war schon mit leichten Kopfschmerzen ins Bett gegangen, doch das Aspirin, das ich nachts um zwei nahm, schien zu helfen – ich sah schon Entwarnung. Als ich aber mit Kopfschmerzen über meinem Morgenkaffee saß und dringend zurück ins Bett wollte, war klar: Migräne. (Ich weiß, dass das für viele Menschen das normale Gefühl vor einem Arbeitstag ist – bei mir ist es ein Krankheitssymptom.) Also meldete ich mich krank und ging zurück ins Bett. Ich schlief mit kurzen Unterbrechungen bis halb zwei. Dann war auch das Kopfweh fast weg.

Als ich nach Essen und Duschen halbwegs wiederhergestellt war, öffnete ich die Balkontür in einen sonnigen, milden, Tag und bügelte. Inklusive meinem Bügelendgegner Jerseykleid mit Raffungen.

Dazu hörte ich mir Frau Dieners Reise nach St. Louis an.

Zum Abendbrot hatte sich Herr Kaltmamsell von den roten Zwiebeln und dem Schnittlauch im Ernteanteil zu Flammkuchen a la deliciousdays inspirieren lassen. (Ergebnis.)

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Ein erster Kandidat für „Grauenhaftestes Kleid der Award-Saison“!

(Vergangenes Wochenende hatte ich festgestellt, dass ein paar Wochen lang der RSS Feed von Go Fug in meinem Reader nicht funktioniert hatte – was habe ich verpasst!)

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Erst durch einen Tweet wurde ich darauf aufmerksam, wie cool das ehrwürdige Wörterbuch Merriam Webster ist. Seither folge ich deren Twitter-Account und profitiere sehr davon.

Im Boston Globe eine schönes Geschichte darüber:
„How the dusty Merriam-Webster dictionary reinvented itself. Bigly.“

The company’s routine reporting on word-search spikes — such as a deluge of inquiries about “ingenue” upon the death of Debbie Reynolds — can distill the public’s collective reaction to breaking news.

Merriam-Webster’s social media presence “is impressive and unexpected,” notes David Skinner, who has written extensively about the dictionary world. “Lexicography, remember, is not show business,” he continues in an e-mail. “Sure, the age of social media bestows all sorts of minor celebrity on one type of person or another, but that Merriam-Webster has been able to make lexicographers look cool is still kind of shocking to me.”

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 12. Februar 2017 – #12von12

Montag, 13. Februar 2017 um 6:51

Diesmal erinnerte ich mich erst nach Kaffee daran. Und dann beschloss ich, der ursprünglichen Spielanleitung für #12von12 zu folgen: Den Tag über Fotos aufnehmen, davon 12 im Blog posten – ohne instagram-live-Begleitung, denn da instagram die Beiträge nicht mehr als Timeline anzeigt, sondern in geheimer gemischter Reihenfolge, ist das Posten eines Ablaufs sinnlos geworden.

1. Ungewöhnlich aufgeräumtes Wohnzimmer.

2. Ungewöhnlich aufgeräumtes Schlafzimmer.

Grund: Am Samstag hatte ich beim gemeinsamen Mittagessen meinem Vater (Elektriker) von den eigenartigen Lichtausfällen in unserer Küche erzählt. Er hatte einige Ideen, woran das liegen könnte und gab mir Tipps für Diagnose und Reparatur – die alle mein aktives Eingreifen in die Elektrik der Küche erfordert hätten. Nun fürchte ich mich nicht vor Elektrizität, doch weiß ich mittlerweile, dass meine grundsätzliche Haltung „Pah, mit ein wenig gesundem Menschenverstand muss sich das doch reparieren lassen!“ in Wirklichkeit Selbstüberschätzung ist. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass ich damit in 90 Prozent der Fälle Schaden verursache statt beseitige.

Bevor ich mich aber vor meinem Vater in den Staub werfen konnte und ihn um tatkräftige Hilfe bitten, war schon meine Mutter eingeschritten: „Komm, da fahr‘ ma morgen rüber nach München und du richst‘ ihr des.“ Mein Vater war einverstanden, puh.

Also räumte ich die Wohnung ein wenig auf. Damit meine Eltern beruhigt sein können, dass sie nicht in allen Erziehungsdingen versagt haben.

3. Elektriker bei der Arbeit, einen Phasenprüfer verwendend.

Zu diesem Anlass brachten meine Eltern frisch gemachten Limoncello mit, ich teilte einen spanischen ganzen Käse mit ihnen und versorgte sie mit einem halben Apfelkuchen. So geht Familie.
Die Küche ist jetzt wieder sehr hell.

Ab an die Isar zum Laufen.

4. Da schau her, das Brückerl über den Westermühlbach (der Bach im Glockenbachviertel heißt nämlich gar nicht Glockenbach) hat neue Planken.

5. Am Tierpark vorbei.

6. Es war ganz schön frostig und neblig.

7. Kein Hindernis für echte Grillfans.

8. Daheim Aufwärmen und Körperpflege im Vollbad – der Blick auf verschiedene 12von12-Sammlungen weist darauf hin, dass das gestern eine beliebte Freizeitbeschäftigung war.

9. Mit der eigens dafür über die Woche gereiften Banane Granola nach Nicky Stich gebacken.

10. Hillary Mantels Beyond Black weitergelesen; so gut es mir auch gefällt, nach zwei Wochen wollte ich doch mal durchkommen.

11. Das ist ein Krakelee-Glas, wie Herr Kaltmamsell und ich es aus unserer Kindheit kennen – hatte man in den frühen 70ern sehr, sie gingen aber auch sehr leicht kaputt. Bei seinen Eltern hatte er am Samstag ein allerletztes Exemplar abgestaubt, gestern tranken wir daraus den ersten offiziellen Drink meiner Jugend: Grüne Jungfer (bei Herrn Kaltmamsell nannte man den Cocktail Grünes Gift), bestehend aus blauem Bols mit Orangensaft. Ich hatte damit auf den Tanzschul-Abschlussbällen im Festsaal des Ingolstädter Stadttheaters Bekanntschaft gemacht.

12. Herr Kaltmamsell entdeckte, dass Tele5 40 Wagen westwärts zeigte (BUR LANCÁSTER! – wie meine spanische tía Luci ihn aussprach). Dazu MUSS man ja praktisch Whisky einschenken. Samma: Der von Hans Clarin gesprochene Off-Text war doch wohl reiner Spaß der Synchronübersetzungsmannschaft?

Interessanter wird’s nicht. Ich werde mir für #12von12 ein Haustier zulegen müssen.

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Wie so viele Einwanderer späterer Generationen hadert Jem Yoshioka mit ihrem Verhältnis zum Erbe ihrer Vorfahren. Weil sie Comiczeichnerin ist, hat sie das gezeichnet:
„Home & Home“.

via @ruhepuls

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 11. Februar 2017 – Kalbsleber beim Settele

Sonntag, 12. Februar 2017 um 8:43

Ein wunderbar sonniger Tag, im Sonnenschein war nicht mal Mütze nötig.

Wir waren mittags mit meinen Eltern bei Schwiegers eingeladen. Vorher backte ich noch den Apfelkuchen und strampelte eine Runde auf dem Crosstrainer. Wieder hatte ich Lust auf Musik beim Strampel, wieder leistete mir der Sport-BH dabei gute Dienst: Dorthinein schob ich nämlich mein Musi-tragendes iphone. Allerdings muss ich mich nach anderen Kopfhörern umsehen: Die bisherigen In-Ear-Hörer schwitze ich nach spätestens einer halben Stunde aus.

Gestriger Ausblick vom Crosstrainer.

In Augsburg wurden wir zum Settele eingeladen, ich bestellte die gerühmte Kalbsleber.

Und war sehr zufrieden damit, auch mit dem offensichtlich selbst gemachten Kartoffelbrei.

Bei Schwiegers noch Kaffeeundkuchen, Gespräche über Familien- und Arbeitsvergangenheiten. Frau Schwieger packte Fotos von ihrer Zeit Anfang der 1960er als mechanische Programmiererin (Schraubenzieher!) bei NCR aus – die Uniformen für die Hannover Messe allein schon waren sensationell (das war noch vor der Erfindung der CeBIT, dieses „Centrum der Büro- und Informationstechnik“ gab es es erst ab 1986 als eigene Messe).

Gemütliche Heimfahrt im Zug.

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Wer ist „wir“? Wie funktioniert gesellschaftliche Ausgrenzung von Einwanderern und ihren Nachkommen? Der Schweizer Journalist Bruno Ziauddin schreibt im Magazin über seine eigenen Erfahrungen und welche fundamentalen Auswirkungen darauf der Anschlag aufs World Trade Center hatte.
„Vo wo chunsch?“

Sehr interessant fand ich Ziauddins Sicht auf die Funktion der titelgebenden Frage:

… einen wie mich gab es kein zweites Mal. Ausländerkinder mit heller Haut, klar, eine ganze Menge – Italiener, Spanier, Nachkommen von Ostblock-Flüchtlingen (meist Akademiker), hie und da ein Spezialfall mit österreichischem Vater oder schwedischer Mutter. Aber ein Hybride aus Mowgli und Tellensohn? Für homogenitätsgewohnte Stammbaum-Schweizer, die eben erst gelernt hatten, sich mit Gastarbeitern abzufinden, war das eine Sensation, manchmal auch eine Überforderung, und verlangte nach einer Erklärung. Vo wo chunsch?

Die staunende Neugier, ebenso die Starrerei, von der manche Ausländer sagen, sie sei in der Schweiz heute noch ausgeprägt, was ich nicht bestätigen kann, das Unverblümte und Fadengrade jedenfalls, womit man auf seine Andersartigkeit angesprochen wurde, hatte fraglos etwas Hinterwäldlerisches – blondes Mädchen trekkt durchs peruanische Hochland und versetzt Indiobauern in Aufruhr.

Das Unverblümte, Fadengrade, Hinterwäldlerische war aber nicht nur schlecht. Es gab einem die Gelegenheit klarzustellen, dagegenzuhalten, zurückzubellen, gerade wenn man, wie mein Vater, nicht auf den Mund gefallen war. Und es gab einem die Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen, sogar Freundschaften zu schliessen.

Und er legt den Finger auf die Stereotype und Vorurteile (ich mag das englische preconception – vorgefasste Einteilung), die auch diejenigen in der privilegierten Schicht haben, die jeden Rassismus weit von sich weisen.

So wie es Antisemitismus von links gibt, gibt es auch Rassismus von links. Wobei Rassismus möglicherweise ein zu starkes Wort ist. Es geht eher um paternalistischen Dünkel. Um die sehr klare Vorstellung davon, wie eine Person mit Migrationshintergrund zu sein hat und welche Rollen ihr zustehen. Und um die ebenso klare Vorstellung, wie über Personen mit Migrationshintergrund geredet und geschrieben werden soll, wie diese in Filmen, Zeitungen und Büchern dargestellt gehören (wichtigste Regel: keine Witze, nichts Negatives). Im Zentrum dieser Vorstellung steht der Migrant als Opfer – als bedürftiges Wesen, dem es die Hand zu reichen gilt und der diese Hand doch bitte dankbar ergreifen möge.

Wehe aber, der Migrant weigert sich, den ihm zugeschriebenen Part zu übernehmen. Dann werden die besonders Rigorosen unter den Ausländerfreunden rasch aggressiv.

Sehr lesenswerter Artikel, auch um mal wieder aufgelistet zu bekommen, welche alltäglichen Anstrengungen ein Aussehen nach sich zieht, das von vielen als bedrohlich empfunden wird.

§

Mehr zu Rechtsstaatlichkeit. Read on my dear geht mit einer Geschichte auf einen weiteren Grundpfeiler unseres Rechtssystems ein: Dass die Justiz nicht Rache ermöglichen soll, sondern Strafe und Besserung. Und dass sie Vergebung vorsieht.
„Der Mann, der auch ein Mörder war.“

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, Donnerstag, Freitag, 8./9./10. Februar 2017 – Über Eifersucht sowie Rechtsstaatlichkeit

Samstag, 11. Februar 2017 um 9:27

Die heftige Arbeitswoche hinterließ mich fix und fertig. Die damit verbundene Unruhe verhinderte tiefen Nachtschlaf. Als ich Donnerstagmorgen wieder um fünf wach war, nutzte ich die Zeit zumindest für eine Runde Krafttraining.

Donnerstagabend radelte ich zum Spanienladen am Ostbahnhof, um für eine Einladung nächste Woche einzukaufen. Die Temperaturen sind wieder gesunken, ich kam mit gefrorenen Zehen heim.

Es gab Topinambur aus Ernteanteil mit Kartoffeln gratiniert. Topinambur ist ja eigentlich der Endgegner für die Darmflora: Auch mein Bauch reagierte auf das darin enthaltene Inulin mit bösesten Blähungen, bei meiner ersten Bekanntschaft mit Topinambur noch während der letzten Bissen. Doch diesmal war wohl auch meine Darmflora zu erledigt, als dass sie sich aufgelehnt hätte, ich überstand die Mahlzeit beschwerdefrei.

Freitag schlief ich angenehmerweise bis zum Weckerklingeln um sechs.

Früher Feierabend, auf dem Heimweg noch Obst im Süpermarket geholt. Samstägliches Apfelkuchenbacken vorbereitet: Streusel gestreuselt und kalt gestellt, Äpfel (aus Ernteanteil) geschnippelt und mit Zitronensaft, Zucker, Zimt vorgekocht. Ich mag meine Äpfel im Kuchen nicht knackig.

Zum Nachtmahl ging ich mit Herrn Kaltmamsell nochmal vor die Tür in die mittlerweile wieder eisige Kälte: Aperitif im Auroom, Salat und Pasta mit Miesmuscheln im Viva Maria. Ein sehr entspannender Wochenausklang.

§

Nach der Antwort von Dr. Dr. Rainer Erlinger auf die „Gewissensfrage“ im aktuellen SZ-Magazin (Thema Liebe) mache ich mir dann doch Sorgen. Weil ich nicht eifersüchtig bin.

Erlinger zitiert zum Thema die britische Philosophin Frances Berenson.

„Jemanden zu lieben, ohne jemals Eifersucht zu spüren, würde die Ernsthaftigkeit und Tiefe der Liebe in Frage stellen.“

Das ist schon recht steil behauptet. Berensons Argument:

„wenn mir eine bestimmte Beziehung alles bedeutet in dem Sinne, dass sie mein Leben lebenswert macht (…), dann wird alles, was diese Beziehung bedroht, ganz natürlich mit Feindseligkeit und Besorgnis gesehen“

Zum einen gibt es wohl sehr unterschiedliche Wahrnehmungen von Bedrohung einer Beziehung. Zum anderen richtet sich diese „Feindseligkeit und Besorgnis“ ja oft gegen Partner/Partnerin und bedroht damit die Beziehung.

Bislang bin ich mir doch recht sicher, dass das zwischen Herrn Kaltmamsell und mir Liebe ist. Möglicherweise sogar eine große solche. Und doch bin ich nicht eifersüchtig. Ich kenne das Gefühl der Missachtung, der Vernachlässigung, wenn andere Interessen gerade wichtiger sind als ich. Doch wenn ich mit Interesse von anderen Frauen erzählt bekomme, gar von Verehrerinnen, höre ich das sehr wohl deutlich (wer verstünde Verehrerinnen besser als ich?). Doch in erster Linie macht mich das neugierig auf die Dame. Geht mein Partner ohne mich aus (wenn ich das richtig verstehe, ein klassischer Anlass für Eifersucht), wünsche ich ihm viel Vergnügen. Warum sollte das meine Beziehung bedrohen? Laut Erlinger gibt es diese Haltung nur „unter Heiligen und perfekten Menschen“ – Humbug, Erlinger kennt möglicherweise nicht genug Unheilige und mangelhafte Menschen.

Ich denke an frühere Beziehungen zurück:
Mein Freund, der in meiner Gegenwart mit einer anderen Frau massiv flirtete und mich, seine neben ihm sitzende Partnerin, komplett ignorierte. Aber mein Schmerz war doch wohl einfach Verletztheit über ungezogenes, verletzendes Benehmen?
Ein anderer Freund, der mir erzählte, dass er sich möglicherweise in jemanden verliebt hatte. Doch mein Gefühl würde ich nicht mit Eifersucht beschreiben, sondern mit Schmerz über den drohenden Verlust.

Eifersucht im möglicherweise klassischen Sinn kenne ich, wenn ich einen Herrn sehr attraktiv fand, dieser aber andere Frauen mir vorzog. In diesem Gefühl steckten auch Aggression und Wut, nicht nur Verletztheit.

Dr. Dr. Erlinger behautet, wer keine Eifersucht kenne, sehe „den geliebten Menschen als selbstverständlich und sicher gegeben“ an. Dem widerspreche ich für mich energisch: Dieser Mensch und diese Liebe sind ein riesiges Geschenk.

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Nachdenken über Rechtsstaatlichkeit. Jetzt, wo ein US-Präsident massiv an den Pfeilern von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit rüttelt, merken vielleicht manche Nutznießer dieser Prinzipien, dass sie nicht selbstverständlich sind.
Polen und Ungarn verstoßen zwar seit einiger Zeit ebenfalls dagegen, doch vielleicht nicht so absichtlich und explizit (zudem ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass dort Demokratie und Rechtsstaat vielleicht zu jung sind, um in Fleisch und Blut übergegangen zu sein).

Doch wenn jetzt das Staatsoberhaupt einer der ältesten Demokratien von „so-called judge“ spricht und die Verfassung explizit als Hindernis beschreibt, halten wir erschrocken die Luft an. (Hoffentlich. Bitte.)
Vielleicht hinterfragen manche dieses Luftanhalten. Und bemerken, wie existenziell für uns das Prinzip Rechtsstaatlichkeit geworden ist:

Ein Rechtsstaat ist ein Staat, dessen verfassungsmäßige Gewalten rechtlich gebunden sind, der insbesondere in seinem Handeln durch Recht begrenzt wird, um die Freiheit der Einzelnen zu sichern.

Quelle: Wikipedia

Dass eine Gesellschaft nicht dem willkürlichen Urteil eines Menschen untersteht, sondern Gesetzen, die für alle gelten, ist ein ziemlich neues Ideal – auch wenn schon die alten Römer auf diese damals revolutionäre Idee gekommen sind.

Nun konkreter zum dem Urteil der US-Richter, die Trumps Muslim ban ablehnten. Ich fand diese Erklärung sehr erhellend:
„How to Read (and How Not to Read) Today’s 9th Circuit Opinion“.

via @ankegroener

Lawyers dream about becoming judges, particularly 9th Circuit judges, to write opinions like this.

This case is about two big questions, only one of which the panel’s per curiam today even mentions. The first question is how broad the president’s authority is to limit admissions from the relevant seven countries—and to what extent that authority is limited by constitutional law —under a statute that gives him the sweeping power to do this
(…)
Remarkably, in the entire opinion, the panel did not bother even to cite this statute, which forms the principal statutory basis for the executive order

The other question, one the panel does discuss, is the extent to which the repeated and overt invocations of the most invidious motivations on the part of the President himself, his campaign, his adviser, and his Twitter feed will render an otherwise valid exercise of this power invalid.

… it’s worth emphasizing that the grounds on which this order was fought are not the grounds on which the merits fight will happen. Eventually, the court has to confront the clash between a broad delegation of power to the President—a delegation which gives him a lot of authority to do a lot of not-nice stuff to refugees and visa holders—in a context in which judges normally defer to the president, and the incompetent malevolence with which this order was promulgated.

die Kaltmamsell