Journal Dienstag, 28. März 2017 – BH-Unfall sowie Edmund de Waal, The Hare with the Amber Eyes

Mittwoch, 29. März 2017 um 6:02

Ich habe das Gefühl, zwei Tage in einen gepackt zu haben.
Früh aufgestanden, weil ich zum Langhanteltraining ging.
Beim Anziehen nach dem Duschen im Sportstudio ein BH-Unfall: die Plastiköse, an der der rechte BH-Träger hinten befestigt war, zerbrach, der BH-Träger schnalzte nach vorne. Ich hatte keine Zeit, daheim einen anderen zu holen, schlüpfte also schnell in den schweißigen, müffelnden Sport-BH. Im Büro hatte eine Kollegin, der ich das Malheur erzählte, die rettende Idee: Sicherheitsnadel. Endlich zahlte sich aus, dass ich immer eine im Geldbeutel habe.

Tagsüber viel Hektik, aber zur Mittagspause die erste selbst gemachte Pastete des Herrn Kaltmamsell, edel und köstlich.

Pünktlich gegangen, weil ich einen Friseurtermin hatte. Durch einen warmen, sonnigen Frühlingstag spaziert, alle Spielplätze, Wiesen, Straßencafés, Draußensitzplätze voller Menschen. Mit dem Haarschnitt war ich wieder sehr zufrieden.

Abends Leserunde zu Edmund de Waal, The Hare with the Amber Eyes. Das Buch hatte allgemein gut gefallen, auch wenn wir uns einig waren, dass sich die erste Hälfte manchmal zieht. (Die beiden Mitlesenden, die nur die erste Hälfte geschafft hatten, waren entsprechend weit weniger angetan.)

Anhand einer Sammlung antiker japanischer Handschmeichler, Netsuke, erzählt der Autor hundert Jahre seiner Familiengeschichte, die der jüdischen Familie Ephrussi. Mir gefiel besonders, wie er seine Motivation der zweijährigen Recherche und des Aufschreibens begründet: Wie damals im dritten Reich das Hausmädchen Anne in Wien diese Sammlung rettete, indem sie Stück für Stück in ihrer Schürzentasche schmuggelte, ist eine Standard-Familienanekdote. Als Edmund de Waal sie mal wieder erzählt, schämt er sich seiner Oberflächlichkeit: Die Geschichte ist zu ernst, zu groß und wichtig, als dass sie zur unreflektierten Anekdote verkommen dürfte. Und so beginnt er zu recherchieren, zunächst anhand der Schriftstücke, die sein Vater hervor kramt. Er reist nach Odessa, nach Paris, nach Wien, nach Japan schildert die Pracht des Lebens einer Familie, die mit den Rothschilds auf Augenhöhe verkehrte, die als Kunstmäzene Werke von Renoir und Monet besaßen, heute Weltkultur. In Wien (dorthin kommt die Netsuke-Sammlung als Hochzeitsgeschenk) befindet sich die Familie auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands und Einflusses, bevor die Nazis Hab und Gut und Leben rauben.

De Waal schildert all das sehr persönlich, eng verbunden mit seinem Erleben der Recherche, dennoch immer mit der Distanz des Forschers. Die Erzählung ist reich an historischen und beschreibenden Details (das mag die erste Hälfte ein wenig langatmig machen), mit dem roten Faden von Antisemitismus zu jeder Zeit und Kunstsinn. Der eigene unreflektierte Kolonialismus und Standesdünkel der Familie wird dabei ebenso nüchtern geschildert wie der Lichteinfall im Schlafzimmer des Charles Ephrussi, der Einfluss des Japonisme auf den Jugendstil, das Verhalten österreichischer Behörden nach dem Krieg beim Thema Restitution. Ich habe eine Menge gelernt, bekam so manches Fragment meiner Viertelbildung in größere Zusammenhänge gestellt (z.B. die Dreyfus-Affäre oder Japan nach dem 2. Weltkrieg). Empfehlung!

die Kaltmamsell

Journal Montag, 27. März 2017 – Wundersame Genesung

Dienstag, 28. März 2017 um 4:56

Wundersame Genesung: Nachdem mich nachts nochmal Halsschmerzen geweckt hatten und ich Schmerzmittel nachtanken musste, kamen sie am Tag nicht wieder. Ich konnte sogar fast schmerzfrei schlucken. Vielleicht hat jemand gestern Vormittag Globuli an einem Foto von mir vorbeigetragen?

Ein durchwegs sonniger Frühlingstag, allerdings weiterhin kühl.

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Kürzlich lernte ich, dass kognitive Systeme heute überraschend gute Ergebnisse liefern – dass die Forschung dahinter aber noch nicht weiß, wie sie dazu kommen, anhand welcher Kriterien. Das finde ich hochspannend, denn ich assoziierte: Wir haben die Antwort 42 bekommen und müssen jetzt die Frage dazu finden. Also begann ich, über kognitive Systeme und den Themenkomplex künstliche Intelligenz nachzudenken.
Zum einen fragte ich meinen hauseigenen Informatiker, wie ein Programm aussehen muss, das einer Maschine eigenes Lernen ermöglicht. Den ersten Teil der Antwort (neuronale Netze) bekam ich auf der samstäglichen Wanderung.
Und dann fand ich zwei sehr nützliche Artikel in der Zeit:
1. „Künstliche Intelligenz:
Die Suche nach dem Babelfisch“

Meine Begreifensschritte: Backpropagation und eine Ahnung, was Deep Learning bedeutet. (Und dass „künstliche Intelligenz“ eine wirklich schlechte Bezeichnung ist.)

Dann zur Suche nach der Frage mit der Antwort 42:
2. „Künstliche Intelligenz:
Die rätselhafte Gedankenwelt eines Computers“.

Layer-wise Relevance Propagation (LRP) heißt die Analysemethode. Sie lässt den „Denkprozess“ neuronaler Netze rückwärts ablaufen und macht so sichtbar, an welcher Stelle welche Gruppen von künstlichen Neuronen bestimmte Entscheidungen getroffen und wie stark diese zum Endergebnis beigetragen haben.

Was ich an beiden Artikeln mochte: Sie beschreiben den Stand der Forschung sowie die Rätsel, vor denen sie steht, sagen aber keine Folgen vorher; weder schlimme (Maschinen werden die Weltherrschaft übernehmen und uns alle umbringen!) noch positive (Weltfrieden). Eine Erleichterung.

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Desk lunch?

via swissmiss

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 26. März 2017 – Kränkliche Muße

Montag, 27. März 2017 um 6:01

Nachts war ich von Halsschmerzen aufgewacht und brauchte mehr Medizin dagegen. Das kenne ich ja gar nicht: Eine Rachenmandel, die nicht nur beim Schlucken schmerzt, sondern einfach so tobt.

Also erklärte ich mich für krank und verbot mir Sport, auch wenn ich mich außer den brutalen Halsschmerzen nicht krank fühlte. Umso egaler war mir die Zeitumstellung – aber würde ich zu einer Meinung gezwungen, verwiese ich darauf, dass ich die längere Feierabendhelligkeit sehr genieße (Balkon! Biergarten!). Beim Umstellen der Ofenuhr in der Küche musste ich gar nicht mehr in die Gebrauchsanweisung gucken.

Ab 10 Uhr hörte ich Radio: Bei Johnny Häusler und Spreeblick waren Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier zu Gast, die einen neuen Podcast „Das kleine Fernsehballett“ machen.

Stefan Niggemeier kenne ich durch sein Blog ungefähr so lange wie das Internet, deshalb war ich verwundert, als Sarah Kuttner sein öffentliches Image mit „strenger, ernster Medienjournalist“ beschrieb – wir sprechen hier schließlich vom Erfinder des „Flausch am Sonntag“. Sarah Kuttner kannte ich nur vom Namen – theoretisch bin ich zwar die erste Generation Kabelfernseherin (in Ingolstadt als Pilotregion ab 1984), kenne MTV, seit ich 16 bin, Viva seit Gründung, und bei Altersgenossinnen lief der Fernseher wie davor das Radio. Nur dass ich nicht fernsehe, weil ich ohne Fernseher 1986 von daheim auszog und erst 1997 wieder einen ins Haus bekam – in dieser Zeit hatte ich diese Kulturtechnik verlernt. (Die ich durch die strenge Fernsehrationierung meiner Kindheit und Jugend eh nie richtig lernte.) Zu schätzen lernte ich Sarah Kuttner auf Twitter. Der Podcast ist leider nichts für mich, weil ich ja keine der besprochenen TV-Serien kenne. (Und weil ich mich immer wieder frage, woher die Leute die Zeit zum Fernsehen nehmen, weiß ich, dass ich offensichtlich völlig andere Prioritäten habe.)

Zum Radiohören verlegte ich das Bügeln auf vormittags und ließ mich von Niggis mitgebrachter Musik zum Quietschen bringen. Allerdings wunderte ich mich, weil ich ihn für 10 Jahre jünger als mich hielt: Wieso kennt der „Es war einmal der Mensch“? Das ist so alt, damals habe ich noch gefernseht. (Stellte sich heraus, dass er bloß zwei Jahre jünger ist.) War eine sehr nette Sendung.

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Kleiner Spaziergang in wundervoller Sonne – warm war’s aber nicht.

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Nachmittags Zeitung ausgelesen, dann Erebos von Ursula Poznanski. Die Grundidee und -struktur des Romans gefielen mir sehr gut, ansonsten ist er schlicht gemacht, wenn auch ohne größere Klischee-Unfälle.

Abends sah ich mir auf 3sat „Wie angelt man sich einen Millionär“ an, den ich tatsächlich noch nie ganz gesehen hatte. Hinreißende Dialoge, wunderschöne Kleider, drei Frauen wirklich im Mittelpunkt: Davon die verehrte Lauren Bacall völlig fehlbesetzt – sie wirkt wie jemand auf der Suche nach einem CEO-Job, nicht nach einem Ehemann. Marilyn Monroe konnte zwar nie für fünf Pfennig schauspielern, doch war sie eine wundervolle Komödiantin. Und Betty Grable (für die Rolle vielleicht das eine oder andere Jahrzehnt zu alt) lieben wir ja seit „Let’s Knock Knees“.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 25. März 2017 – Mandelmucken und Egglburg

Sonntag, 26. März 2017 um 8:51

Aufs Angenehmste ausgeschlafen.
Doch aufgewacht mit einer rechten Rachenmandel, die Golfballgröße anpeilte und brüllend schmerzte, bis hinauf ins rechte Ohr.

Als dann auch noch der Himmel bedeckt war, überdachte ich meine Wanderpläne: Ich ließ Herrn Kaltmamsell eine deutlich kürzere Strecke aussuchen als meine ursprüngliche Idee, vom Ammersee nach Tutzing zu wandern.

Während Herr Kaltmamsell eine aufwändige Pastete bastelte und in den Ofen schob, machte ich eine Einkaufsrunde. Jetzt kam tatsächlich die angekündigte Sonne raus, ich freute mich auf den Spaziergang. Wir frühstückten und machten uns per MVV auf den Weg nach Kirchseeon. Doch am Umsteigebahnhof in Trudering strandeten wir erst mal: Wegen eines Notarzteinsatzes fuhren keine S-Bahnen, der schnell eingerichtete Schienenersatzverkehr bestand aus Großtaxis, die hin und wieder vor dem Bahnhof anhielten und für die Menge der Gestrandeten zu wenige waren. (Ja, ich war grantig und sah meine Wanderpläne platzen, doch tatsächlich hatten die MVG innerhalb kürzester Zeit Info-Personal ans betroffene Gleis gestellt und eine Alternative für die gesperrte S-Bahnstrecke organisiert – mir fällt nicht ein, wie sie besser mit der Situation hätten umgehen können.) Nach nicht mal 45 Minuten fuhren die S-Bahnen wieder, wir kamen halt verspätet in Kirchseeon an.

In Sonne und kühlem Wind gingen wir über den Egglburger See und die Ebersberger Weiherkette nach Ebersberg, sahen Bussarde, Falken, fette Hummeln, eine quietschgelbe Schafstelze, meine ersten Schlüsselblumen der Saison und Buschwindröschen, so weit das Auge reichte. Am Egglburger See beobachteten wir Lachmöwen, sahen eine Kormoran-Kolonie auffliegen und weite Schleifen über den See ziehen. Am Ebersberger Marktplatz gab’s das erste Eis der Saison.

Aufstieg zur Egglburger Kirche.

Oberbayerische Begräbniskultur (nicht nur in fernen Landen sind Friedhöfe interessant).

Blick auf die Egglburger Kirche von der gegenüberliegenden Seite des Sees.

Schlüsselblumen, die mich an ihre vielen englischen Geschwister letztes Jahr in den Cotwolds erinnerten.

Nachdem ich auf dem Heimweg einige Male „AUA!“ sagen musste, nahm ich daheim dann doch Schmerzmittel gegen die immer lauter brüllende Mandel.

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Unterwegs unterhielt ich mich mit Herrn Kaltmamsell unter anderem über Blade Runner – für seine Jugend und seine Rezeption nachfolgender Filme hatte das Ridley Scott-Werk große Bedeutung.

Auf dem Blog Typesetinthefuture gibt es vom vergangenen Jahr einen einen ausführlichen Post:
„Blade Runner“.

Vorgeblich geht es um den Einsatz von Typografie im Film, tatsächlich aber ist der Text eine vielfältige Ausstattungsanalyse und Einordnung in seine Entstehungszeit.

via @alexmatzkeit

Ich legte mir gleich mal das heimische Exemplar der Romanvorlage raus (ein Flohmarktfund des Herrn Kaltmamsell aus den 80ern).

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Naomi Alderman (Romanautorin und Erfinderin von Zombies run) schreibt im Guardian über
„Dystopian dreams: how feminist science fiction predicted the future“.

Zentrales Werk ihrer Analyse ist Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale1, das derzeit fürs Fernsehen neu verfilmt wird. Unter anderem erklärt Alderman, wie die Lektüre dieses Romans sie zur Entscheidung brachte, niemals ihren Namen gegen den eines Ehemanns zu tauschen.

Das Schöne am Leben mit einem Science-Fiction-Fan ist, dass ich fast alle aufgeführten Autorinnennamen in unserer Bibliothek finde.

  1. Habe ich hier schon mal festgehalten, dass mein claim to fame darin besteht, dass ich an der Uni mit jemandem zusammengearbeitet habe, der sich während seiner Promotion das Büro mit Frau Atwood teilte? []
die Kaltmamsell

Journal Donnerstag/Freitag, 23./24. März 2017 – Lippenstift, Level 33 und Blade Runner

Samstag, 25. März 2017 um 9:19

In der Nacht auf Donnerstag eine heftige Migräneattacke, die sich zum Glück mit Triptan schnell brechen ließ. Völlig benommen ging ich dennoch in die Arbeit, ein wichtiger Termin stand an. Auch den Vorsatz, dann halt mittags heim zu gehen, setzte ich nicht um: Mittags war ich nämlich wieder fit.

Nach Feierabend Ersatz für einen geschätzt 15 Jahre alten Lippenstift gesucht, der bereits klebrig war und komisch roch (pft, das Zeug hält nichts aus). Mit der Farbe des Lippenstifts als Suchkriterium war ich offensichtlich ein Exotin: „Sie sucht eine Farbe!“ wurde ich im Drogeriemarkt zweimal an Kolleginnen weitergereicht. Auch mein Hinweis, ich stünde nur deshalb am Dior-Regal, weil es das erste beim Reinkommen war, erntete einen entgeisterten Blick. Nach welchen Kriterien bitteschön wählen denn Vielschminkekäuferinnen ihren Lippenstift aus? Glitzer oder nicht, Glanz oder nicht kann ich ja noch nachvollziehen – aber mit der Farbe fängt es doch eigentlich an? Mit Hilfe der Angestellten fand ich dann auch ungefähr die Farbe des verdorbenen Lippenstifts.
Sehr sehenswert auch bei diesem Drogerieeinkauf das elaborierte und vielschichtige Make-up der jungen Verkäuferinnen, mit dem sie sich offensichtlich auf einen Fernsehauftritt vorbereitet hatten.

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Der gestrige Freitag war ein Nebeltag, die angekündigte Sonne wollte am Nachmittag ums Verrecken nicht herauskommen.

Ich ging wieder sehr müde in die Arbeit: Nach einer kurzen Nacht wegen Ausgehens und einer Migränenacht hatte ich diesmal eine lange Schlafpause in den frühen Morgenstunden eingelegt. Die Aufmerksamkeit reichte aber dafür, dass ich auf dem Weg in die Arbeit bei PokémonGo uplevelte.

EINE MILLION EP FÜRS NÄCHSTE LEVEL?!

Seit der ersten Ankündigung von Blade Runner 2049 wollte ich Blade Runner mal wieder sehen – den ich möglicherweise ohnehin erst zweimal gesehen hatte: die erste Kinoversion (wahrscheinlich erst Ende der 80er auf VHS) und den ersten Director’s Cut, als er 1992 rauskam. Ich unterscheide so fein, weil ich mit einem Bladerunneristen zusammenwohne, der auf meine Bitte: „Schaun wir mal wieder Blade Runner an?“ fragte: „Welche Version?“ Und eine DVD-Box mit fünf Fassungen zückte.1

Gestern Abend war ich endlich in der richtigen Stimmung dafür und hatte genug Aufmerksamkeit.
Hat sich sehr gut gehalten, der Film, ich konnte mich angenehmerweise an fast nichts erinnern.
– Dass ganz am Anfang mal kurz das Setting und die gesamte Vorgeschichte in zwei Abschnitten Text auf der Leinwand erklärt werden, könnte man heute sicher nicht mehr machen.
– Wie klein und kammerspielartig der Film ist. Heute kommt doch kein SciFi-Film mehr ohne regelmäßige Totalen futuristischer Skylines aus. Doch in Blade Runner erzeugen die Dunkelheit und jedes Fehlen von Weite Bedrückung (die völlig unpassende Schlussszene im Grünen ignorieren wir jetzt einfach mal).
– Wodurch klingt der Voice-over-Erzähler so anders als gewohnte Voice-overs?
– Meine Güte, ist Harrison Ford ein grottiger Schauspieler! Er hätte sich lieber auf gar keine Mimik verlegt, um vor allem gegen Rutger Hauer nicht so abzustinken.
– Sehr interessanter Einsatz der Musik (den Soundtrack gab es original wohl nie zu kaufen, nur nachträgliche Einspielungen), die in erste Linie Klangteppiche legt und die Wirkung der Handlung nicht beeinflusst.
– Unangenehm stieß mir auf, dass wir in der Liebesszene mal wieder das Narrativ haben, Männer würden für Frauen attraktiv, wenn sie sich über ihre Wünsche hinweg setzen.

§

Ein herzerfrischendes Filmchen – mit dem die französische Supermarktkette Intermarché für sich wirbt. Mögen wir überlegen, ob die Geschichte auch in Deutschland überzeugen könnte?

  1. Was wiederholt Anlass zu Diskussionen über die Frage war, woraus dieses Filmkunstwerk nun besteht: Aus einer der Fassungen des Regisseurs? Aus der offiziellen ersten Kinofassung? Aus allen Fassungen zusammen, die sich in Aussage, Informationsvermittlung und Ende fundamental unterscheiden? []
die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 22. März 2017 – Beifang aus dem Internetz

Donnerstag, 23. März 2017 um 6:49

Hunderunde. #lolarunde

Ein Beitrag geteilt von Frau Mutti (@frau_mutti) am

Große Lust auf eine Wanderung um Nierstein, im Rucksack lauter Weinflaschen, die dann an der Lage ihrer Trauben verkostet werden.
Wir würden es Terroirwandern nennen.

§

Sie hat Lachfalten, er Sorgenfalten. Sie hat ihn aus Mitleid geheiratet, er ist aus Pflichtgefühl bei ihr geblieben. Unsere Autorin über die Ehe ihrer Großeltern.

„Geliebt haben sie sich nie“.

via @giardino

Die Geschichte hat mich sehr bewegt – aber warum eigentlich?
Durchhalten kann eine hohe Tugend sein, sie bekommt viel zu selten Medaillen – doch wann ist der Moment gekommen, an dem Durchhalten Selbstzerstörung wird?
Ich sehe an den Großeltern keine Bitterkeit: Sie haben sich und einander nicht unglücklich gemacht, sondern einfach eine sachliche Partnerschaft geführt. Eine Lebensgemeinschaft mit dem Ziel Familiengründung kann ja auf der Basis von Vernunft geschlossen werden, Liebe und Leidenschaft sind meiner Überzeugung nach nicht unbedingt das ideale Fundament. Mich allerdings stört die explizite religiöse Motivation des Großvaters, sie klingt nach Selbstgeißelung für himmlischen Lohn – aber das mag halt die subjektive Rationalisierung des Herrn sein.

Mag ich einfach nur dieses Durchhalten mit Würde?

§

Im Techniktagebuch taucht ein Autor auf der Suche nach Daten in seine eigene Hardware-Vergangenheit:
„Die Zeitmaschine hat ein Diskettenlaufwerk“.

§

Interessanter und vielseitiger Beitrag zur Fahrradhelm-Debatte aus England:
„The big bike helmet debate: ‚You don’t make it safe by forcing cyclists to dress for urban warfare'“.

§

Haben Sie daran schon mal gedacht?
„Why American Farmers Are Hacking Their Tractors With Ukrainian Firmware“.

To avoid the draconian locks that John Deere puts on the tractors they buy, farmers throughout America’s heartland have started hacking their equipment with firmware that’s cracked in Eastern Europe and traded on invite-only, paid online forums.

Tractor hacking is growing increasingly popular because John Deere and other manufacturers have made it impossible to perform „unauthorized“ repair on farm equipment, which farmers see as an attack on their sovereignty and quite possibly an existential threat to their livelihood if their tractor breaks at an inopportune time.

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Ein berührendes Interview über Neugier, Ehrgeiz, Leidenschaft im Beruf – und warum der daraus entstandene Erfolg dann doch unglücklich machen kann.

„Stählemühle
Der letzte Brand“

Eine Erkenntnis des interviewten Christoph Keller:

Aber es kann im Leben doch nicht immer nur um Wertschöpfung gehen. Dass wir uns zu 99 Prozent über unseren Job definieren: Was für eine schwachsinnige Idee von Leben.

Und deswegen reiche ich Ihnen in diesem Fall kein best of aus Zitaten an, sondern weise Sie auf das gesamte Interview hin.
Na gut, mit einer Ausnahme, die ich dreimal unterschreiben möchte, weil sie meinem Ernährungsideal entspricht:

Was uns fehlt, ist aber nicht die absolute Spitze, sondern das vernünftige Mittelmaß. Während die Gourmets von Sternerestaurant zu Sternerestaurant tingeln, sterben auf den Dörfern die Gasthäuser, in denen es noch etwas Ordentliches zu essen gibt.

Ich wünsche Ihnen allzeit etwas Ordentliches zu essen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 21. März 2017 – Episödchen

Mittwoch, 22. März 2017 um 7:09

Ein weiterer milder Tag, wechselhafte Bewölkung.

Morgens spazierte ich zum Krafttraining, mochte die Atmosphäre im Turnsaal. Die Vorturnerin macht die Stunde so aufmerksam, kompetent und freundlich, dass ich mich nie ärgern muss (und Sie wissen ja, wie leicht ich durch meine Besserwisserei in Turnstunden zu ärgern bin).

Dennoch innere Grundverschattung, der Arbeitstag lieferte Möglichkeiten zur Übung in innerer Distanz.

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Was mir nicht aus dem Kopf ging:
Sonntagvormittag kam ich auf dem Weg zum Bahnhof am arabischen Lokal vorbei, das als erstes im Viertel täglich frische Fladenbrote in gemauerten Öfen buk: Diese Backstube neben dem Lokal hat eine Glastür zur Landwehrstraße, durch die ich gerne hin und wieder zusehe. Und dorthin zog gerade ein Mann in weißem Bäckershirt eine Palette Mehlsäcke. Ich linste auf die Aufschrift: Aha, arabisches Fladenbrot wird mit Type 550 hergestellt. Dann bemerkte ich die Schriftart und las weiter: Es war Mehl aus der Münchner Hofbräuhausmühle. Und da wurde mir anhand meiner Überraschung klar, dass ich davon ausgegangen war, dass die Lokale an der Landwehrstraße sicher nur das preisgünstigste Billigmehl verwenden. Ich schämte mich ein bisschen.

§

Auf dem gestrigen Heimweg kam ich an spielenden Kindern im Bavariapark vorbei.

Ein Schleifen radelndes Kind fragt ein stationäres:
„Hey, welches Handy hat deine Mutter?“
(In meinem Kopf entstand das Konzept, in dem die Kommunikationsausstattung von Müttern heutzutage als Instrument zur Einordnung in soziale Hierarchien dient.)
„Iphone 6.“
„Was?“
„IPHONE 6.“
„Dann kann die dich überall orten. Die findet immer dein Signal und weiß, wo du bist.“

Spürte den großen Drang stehen zu bleiben und herauszufinden, welche Konsequenzen diese Kinder daraus zogen, doch hatte ich zum einen keine Zeit, zum anderen entfernten sich die beiden. Auf jeden Fall scheint es mir Zeit für die Warnung:
Die behelikopterten Kinder schlagen zurück.

§

Abends traf ich mich mit einer früherer Kollegin zu köstlichem afghanischem Essen und interessantem Erfahrungs- und Informationsaustausch.

die Kaltmamsell