Journal Donnerstag/Freitag, 20./21. Juli 2017 – Grünspecht und Einkaufswidrigkeiten

Samstag, 22. Juli 2017 um 8:44

Donnerstag auf dem Heimweg feuchtgeregnet worden, nach dem warmen Tag gar nicht unangenehm.

Vor dem Zu-Bett-Gehen wieder lange Fledermäuse geguckt.

Der Sänger der Band Linkin Park ist tot und große Teile meines Internets trauern. Ich musste erst mal nachhören, welche Musik diese Kapelle gemacht hat (aha, sowas hörte mein jüngerer Bruder viel), fand aber vor allem interessant, dass wieder Menschen vor allem deshalb bewegt waren, weil sie diese Band mit ihrer Jugend/ihrer Generation verbanden (wie andere wohl die Band Nirvana). Ich überlegte, welche Musik für mich als Heranwachsende emotional am wichtigsten war (einer Musikhör-„Generation“ anzugehören, habe ich nie geschafft). Mir fiel Beethoven ein, vielleicht noch Bach-Motetten. Doch bevor ich das geradezu Raddatz-schnöslig cool finden konnte, wurde mir klar, dass Musik für mein Heranwachsen wohl einfach keine Rolle spielte.

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Freitag im Morgengrauen entdeckte ich mit Herrn Kaltmamsell einen Specht in der Kastanie vorm Balkon, der ungewohnt aussah. Wir verfolgten ihn so lange mit Fernglas und Teleobjektiv über Wiese und Büsche, bis feststand: Ein Grünspecht!

(Fehlt unter den Stylingtipps der Frauengazetten: Morgensonne streckt.)

Der Tag wurde schwülheiß. Nach der Arbeit nahm ich eine S-Bahn zum Marienplatz für Einkäufe und tropfte. Die Einkäufe vermochten meine Grundlaune nicht zu heben:
– Die Bankfiliale, an der ich Geld abheben wollte, existiert nicht mehr.
– Der Müller hatte nicht alle Mehle, die ich wollte.
– An der Supermarktkasse standen die Kunden bis in die Mitte des Ladens, so dass ich noch in der Tür umgekehrte.
– Für die Wachauer Marillen verlangte man am Viktualienmarkt 14 (VIERZEHN) Euro das Kilo (und für französische Aprikosen acht), so dass ich doch lieber zum Obststandl am Rindermarkt ging, wo ich ein Kilo schöne französische Aprikosen für fünf Euro bekam.

Daheim schälte ich Mandeln für das samstägliche Backen von Aprikosentarte und schnitt das Sommergemüse des Ernteanteils für Ofengemüse zum Nachtmahl (nur eine Paprikaschote und frischen Basilikum mussten wir zukaufen).

Das gab es zu einem köstlichen Entrecôte, um das ich gebeten hatte, da ich Freitagabend irgendwie immer mehr mit edlem Rindfleisch aus der Pfanne verbinde. Herr Kaltmamsell hatte es besonders energisch scharf angebraten, nahezu die gesamte Wohnung war rauchvernebelt. Doch das Ergebnis schmeckte sensationell.

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Ich bin alt. Das merke ich unter anderem an meiner steigenden Irritation über komplett zerrissene Jeans als Neuware – gestern kam mir eine Frau entgegen, deren Hose wirklich in Fetzen an ihr hing. Aber gut, jede wie sie mag (tatsächlich war ich aber schon in den 80ern über die damalige Mode zerrissener Jeans irritiert – bin mir allerdings recht sicher, dass sie nicht so verkauft wurden, sondern Teenager die Risse noch mühevoll und im Schweiße eigener Hände selbst reinreißen mussten – mir ham ja nix g’habt!). Echte Verkaufschancen sehe ich hierfür:
„Used Look: Apple plant iPhone mit Kratzern und Displayrissen“.

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Wie verlief der Büroalltag eigentlich vor EDV? Ich selbst habe das nicht mehr mitbekommen, denn mein Arbeitsleben begann 1986 in der Redaktion einer Tageszeitung bereits am Computer. Auch wenn noch einige riesige Schreibmaschinen herumstanden, die für das Tippen von Bildtexten und das Ausfüllen von Formularen benötigt wurden.
„Das analoge Büro“.

Welche zentrale Rolle Sekretärinnen damals hatten, war auch mir nicht bewusst. Nun frage ich mich, woher bitte das Klischee der unterbeschäftigten, Nägel feilenden Dame im Vorzimmer kommt, mit dem bis heute Sekretärinnenwitze gerissen werden.

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Stefan Mesch schreibt über seine Studienzeit in Hildesheim:
„Austeilen, Abgrenzen, Angstmachen, Einstecken. Fünf Jahre als Schreibschüler“.

Ich fand das hochinteressant, weil ein Einblick in eine mir völlig fremde Welt. Selbst die Außenseiterrolle Meschs, weil er nicht aus einer Bildungsschicht stammt, ist mir fremd: In meinem Geisteswissenschaft-Studium mischten sich die unterschiedlichen Herkünfte stärker.

In Stefan Meschs Blog gibt es eine Langversion der Erinnerungen (mit mehr Namen, u.a. seiner Dozenten und Dozentinnen):
„Sexismus im Studium, Sexismus an Schreibschulen: Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim“.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 19. Juli 2017 – Kistenpacken im Kartoffelkombinat

Donnerstag, 20. Juli 2017 um 7:03

Nachmittags Ernteanteile packen, vormittags schwimmen – das war der Plan für den gestrigen freien Tag. Beim Morgenkaffee am Balkon gab es ein kleines Gewitter, doch danach wurde es wie vorhergesagt sehr sommerlich.

Ich ließ meinen Rücken sonnencremen und packte Schwimmzeug, um pünktlich zur Öffnung um neun am Schyrenbad zu stehen. Doch als ich zum Eingang kam, sah ich keine Wartenden und vor allem kein Personal – der Check des Aushangs ergab: Das Bad öffnet erst um zehn. Ich war mit neun so sicher gewesen, dass ich das nicht überprüft hatte.

Ausgesprochen ärgerlich, denn für eine Laufrunde an der Isar würde es zu spät sein, bis ich wieder heim gelaufen, mich umgezogen und zur Isar geradelt wäre (ich war mit einer Kartoffelkombinatlerin verabredet, die mit den Auto raus in die Gärtnerei hinter Mammendorf fahren würde). Um überhaupt zu sportlicher Bewegung zu kommen, stellte ich mich also daheim auf den Crosstrainer, zumindest bei weit geöffnetem Fenster.

Das Radeln nach Schwabing wurde kompliziert, in Nord-Süd-Richtung kommt man durch die Münchner Innnestadt als Radlerin nur mit Spezialwissen (Marienplatz für Radverkehr gesperrt, Baustelle um den Hauptbahnhof). Die Überraschung diesmal: Baustellen auf der Maximilianstraße. Zum Glück beherrsche ich ja die seltene Fertigkeit, vom Fahrrad abzusteigen und es zu schieben; so kam ich doch noch zum Hofgarten und über die Königinstraße zur Verabredung.

Zum ersten Mal fuhr ich auf der Straße nach Spielberg, ich war völlig desorientiert; meine inneren Landkarten verlaufen schon sehr an Öffentlichen Verkehrsmitteln entlang. Zusammen mit zwei Mitgliedern des Kartoffelkombinats (die das in Elternzeit regelmäßig machen) und einer Angestellten packte ich in der Lagerhalle an einem Rolltisch etwa 400 Kisten und wog nach einer ausführlichen Pause nochmal so viele Tütchen mit den ersten Tomaten aus der eigenen Gärtnerei ab (werden von den Fahrern und Fahrerinnen erst bei der Auslieferung dazu gelegt). Ich übte Palettentransport mit dem Handgabelwagerl (?) und stellte mich an wie eine Kuh beim Schlittschuhlaufen.

Es war emsig und heiß, das Packen lief schön rund mit Geplauder. Eine Schwalbe flog hin und wieder über uns, draußen piepsten mutmaßliche Feldlerchen und Spatzen, während einer Pause im Verwaltungsgebäude sang ein Rotkehlchen. Vorstand Simon und Gärtner Benny brachten Eis vorbei: Sie kamen gerade von einem Treffen mit einem Kartoffelbauern zurück, der uns bei Ernte und Einlagerung der ersten Kartoffeln vom eigenen Acker unterstützen wird.

Gemüsestar des Tages: Die Aubergine, die um eine Umarmung bat.

Entstehendes Wespennest am Hallentor.

Packstraße mit bereitgestellten Kisten voll Gemüse. Wenn die Zucchini ausgingen, wurde der Nachschub frisch geerntet.

Unsere Gurken.

Unsere Tomaten.

Hochsommerausblick von der Gärtnerei.

Sehr dreckig und verschwitzt radelte ich von Schwabing aus durch den Englischen Garten nach Hause, der kurz vor acht wimmelbunt vor Menschen war. Daheim ein völlig erschöpfter Herr Kaltmamsell, ich kochte mir schnelle Nudeln mit Tomatensoße (selbst eingekochter Sugo des Kartoffelkombinats) zum Abendessen.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 18. Juli 2017 – Sichtbarkeit oder sexuelle Attraktivität alternder Frauen

Mittwoch, 19. Juli 2017 um 7:32

Wunderbare Morgendüfte. Dennoch ein Tag, an dem mir keine angenehme Erinnerung einfallen wollte. Sogar meine Happy Places, an die ich zum Einschlafen gehe, schnitten mir verächtliche Fratzen.

Zum Frühsport wieder das neue Langhanteltraining, diesmal mit erhöhten Gewichten – immer noch nicht genug, der entsprechende Muskel war nicht ermüdet. Vielleicht schummle ich ja bei den Übungen ohne es zu merken und müsste eigentlich nur sauberer arbeiten.

Auf dem Heimweg von der Arbeit Obsteinkauf für den freien Mittwoch (ich nahm mir frei, um endlich mal wieder im Kartoffelkombinat mithelfen zu können). Herr Kaltmamsell war aushäusig und hatte mir zum Nachtmahl köstlichen Graupensalat mit gebratenen Auberginenwürfeln, Tomaten und Feta hinterlassen, an dem ich mich mit Ansage überfraß.

Margaret Atwoods The Heart Goes Last ausgelesen – oyoyoy, am besten schnell wieder vergessen (Details nach Leserunde, vorab: Lesen Sie besser ein anderes von ihr).

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Mein Internet diskutiert den Wunsch von alternden Frauen nach Sichtbarkeit, angestoßen durch diese Meinungsäußerung von Diana Weis im Zeit Magazin:
„Botox
Eine glatte Lüge“.

Hier zum Beispiel Journelles Antwort:
„Sichtbarkeit einfordern“.

Wie so oft bei diesem Thema stolpere ich über die Prämisse: Ich warte nämlich seit 20 Jahren vergeblich darauf, dass mich endlich die Unsichtbarkeit umfängt, die sich Frauen angeblich beim Altern zuziehen.

Mit Mitte Dreißig stehen Frauen im Zenit ihrer sexuellen Anziehungskraft. Ein paar Jahre später interessiert sich keiner mehr dafür, ob sie auf einer Party den Raum durchschreiten oder nicht.

Und zwar warte ich auf genau diese Unsichtbarkeit angeblicher sexueller Anziehungskraft. Offensichtlich geht die Welt davon aus, dass sich jede, jede Frau danach sehnt. Das Streben danach wird als Motivation für praktisch alles vorausgesetzt, was Frauen tun. Das ist die Prämisse, mit der ich als heterosexuelle Frau seit meiner Pubertät hadere.

Sie fragen sich: Wo bleibt das Natürliche, das Allgemein-Menschliche? Die Würde des Alters, die Wertschätzung eines gelebten Lebens? Nun, das sind edle Gedanken, nur helfen sie wenig, wenn man an einer überfüllten Theke einen Drink bestellen möchte. Ein straffes Gesicht sichert Aufmerksamkeit. Altersanzeichen wirken bei Frauen wie eine unfreiwillig getragene Tarnkappe.

Ja wenn’s doch so wäre! Ich weiß um die Gefahr, eigenes Erleben als repräsentativ anzusehen – aber zum einen tut die Autorin des Artikels offensichtlich genau das, zum anderen halte ich mich nun wirklich für durchschnittlich genug, dass meine Erfahrungen nicht einzigartig sein können. Auch mit 50 bekomme ich an einer überfüllten Theke meinen Drink ebenso wie mit 25 – und zwar nicht, weil ich dem Herrn dahinter meinen inzwischen faltigen Ausschnitt über seine vorgeschnittenen Zitronen halte, sondern weil ich aufmerksam, höflich und freundlich bin – genauso wie mit 25. Sehr wahrscheinlich aber frequentiere ich ganz andere Etablissements als die Autorin.

Mich hat bereits als junges Mädchen gestört, dass ich keinen schön schwingenden Rock tragen konnte, ohne dass er als Haschen nach männlicher Aufmerksamkeit angesehen wurde. Schon damals hatten für mich Unbefangenheit und Umgang mit einem interessanten Menschen höhere Priorität als ein mögliches Techtelmechtel, zog ich kein Selbstwertgefühl aus sexueller Bewunderung – im Gegenteil: Wenn ich sie überhaupt bemerkte, machte sie mich befangen und unsicher.
(Ein Ergebnis war regelmäßig, dass mir auf geselligen Veranstaltungen der interessante Gesprächspartner abhanden kam, weil er das Angeflirtetwerden einer anderen Frau spannenden Diskussion vorzog, selbst wenn sie sich um spanische Philosophen des Siglo de Oro drehten oder um die Zukunft der europäischen Landwirtschaft – völlig unverständlich. Vielleicht war schon immer mein Problem, dass mich potenzieller Sex mit den Herren weniger interessierte als die Mehrheit der Frauen?)

Dass all mein Tun in erster Linie als Werben ums Attraktivsein für Männer interpretiert wurde, schränkte mich ein. Ich war ausgesprochen genervt,

  • dass ich den klugen Kommilitonen im Seminar nicht einfach ansprechen konnte und um eine Fortsetzung der Diskussion über einem Bier bitten.
  • dass ich den witzigen Arbeitskollegen nicht zum Essen einladen konnte.
  • dass ich den jungen verwurschtelten Bedienerich mit schönem Hund nicht von Herzen anlächeln konnte.
  • dass ich den jungen Mitschwimmer mit langem Bart nicht ausfragen konnte.
  • dass ich männliche Praktikanten nicht so intensiv betüdeln konnte, wie ich es gerne hätte.

Weil ich eine Fehlinterpretation fürchten musste. Und wenn ich sowas dann doch tue, in der Hoffnung, außerhalb des Attraktivitätsheischsystems zu stehen, merke ich leider bis heute an der Art der verlegenen Reaktion, dass meine Geste weiterhin in erster Linie aus der Balzperspektive wahrgenommen wird.

Was sicher stimmt: An Männer und Frauen werden verschiedene Maßstäbe zur Einordnung ihres Werts angelegt, das ist ein wirkliches strukturelles Problem. Doch vieles weist darauf hin, dass die Autorin eher ein psychologisches hat.

Die wirklich wichtige Frage, die sich Frauen an ihrem 40. Geburtstag stellen müssen, ist deshalb: Willst du das Aschenputtel sein oder eine der bösen Stiefschwestern? Willst du andere ewig auf dir rumtrampeln lassen, in der vagen Hoffnung, dass irgendein Prinz in deinem Schuh die Gestalt deiner wertvollen Seele erblickt? Oder nimmst du dein Schicksal lieber selbst in die Hand und pfeifst auf eine Natürlichkeit, die ohnehin nie eine war?

Das ist die wirkliche Frage? Wer dem zustimmt, der kann ich nur empfehlen, tatsächlich Botox anzuwenden und was die chemische Industrie sonst noch so ausspuckt, um sich ein wenig Frieden mit sich selbst zu erkaufen.

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Wissen’S, ich hab doch gar nichts gegen den Newsletter an sich. Als zum Beispiel @SammyKuffour twitterte, Gerhard Polt habe jetzt eine richtige offizielle Website – da haben Sie gar nicht so schnell schaun können, wie ich den Newsletter abonniert habe.

(Nebeneffekte der Polt-Sozialisation von Kindesbeinen an: Beim Datenbankpflegen keinen Herrn Gschwendner eingeben können, ohne Gisela Schneeberger mit „Herr, äh, Geschwendner“ im Ohr zu haben.)

die Kaltmamsell

Journal Montag, 17. Juli 2017 – Kaffeefahrt nach Schwabing

Dienstag, 18. Juli 2017 um 6:11

Gestern hatte meine Kindheitsfreundin Lucia Geburtstag. Warum ich mir ausgerechnet diesen besser merken kann als den meiner engsten Freunde, weiß ich auch nicht. Ich habe Lucia seit geschätzt 20 Jahren nicht mehr gesehen.

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Der Sommer kehrt zurück, noch sind die Temperaturen angenehm. Gestern war ich mit dem Fahrrad unterwegs, weil ich nach der Arbeit nach Schwabing fuhr, um Kaffeevorräte aufzufüllen. Ich war schon lange nicht mehr um diese Zeit dort gewesen und fand es im Gegensatz zum völlig verprenzlauerbergisierten Glockenbachviertel entspannt, bunt und gemütlich.

Bedrückend allerdings: Die weiter gestiegene Dichte des Fahrradverkehrs, die eigentlich nur noch als Verstopfung gesehen werden kann. Es wird immer offensichtlicher, dass die Stadt nicht auf ernsthaftes Fahrradfahren ausgelegt ist, die Baustellen an der Sonnenstraße plus Touristenheere verschlimmern die Situation zum Chaos.

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Es gibt ein Mittel gegen die bis zu 43% Like-Tweets in der Twitter-Timeline: Man muss diese Tweets als „I don’t like this tweet“ markieren, dann gehen sie weg. Hat bei mir in kürzester Zeit geklappt.

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Anne Wizorek hat Eddie Izzard getroffen und interviewt! Er gehört zu meinen liebsten Gestalten der globalen Comedy-Szene, Sie kennen hoffentlich zumindest die Nummer „Death Star Canteen“.1
„’Ich habe es bis hierhin geschafft. Das war so nicht vorgesehen.‘ – Ein Interview mit Eddie Izzard“.

  1. Und wenn Sie diese Nummer bereits mitsprechen können, interessiert sie vielleicht diese neue Variation. []
die Kaltmamsell

Paramedizin als Elitenmerkmal

Montag, 17. Juli 2017 um 14:40

Kopfschüttelanlass am Wochenende beim Lesen der Süddeutschen Zeitung:
„Murnau – Hauptstadt der Impfgegner“.

Lassen Sie mich dazu ein wenig feuilletonisieren:1 Kann es sein, dass Paramedizin zum Distinktionsmerkmal der Eliten geworden ist? Ich frage mich schon lange, warum ausgerechnet Akademikerinnen und Wohlhabende besonders empfänglich zu sein scheinen für einen antiwissenschaftlichen Zugang zu Gesundheit. Gestern erwachte der Verdacht in mir, dass das mit der Demokratisierung der medizinischen Versorgung zu tun haben könnte.

Unsere Gesellschaft gewährt allen Zugang zu medizinischer Versorgung: Wir haben eine Versicherungspflicht und ein Gesundheitssystem, von dem fast alle anderen Gegenden der Welt nur träumen können.2 Der eine Fabrikarbeiter in Rente bekommt ein künstliches Kniegelenk, der andere kann nach einer Laser-OP ohne Brille klar sehen, die Friseurin in Rente bekommt bereits die zweite neue Hüfte, die depressive Schulabrecherin kann in Psychotherapie, der Hilfsarbeiter darf genauso auf eine Spenderniere hoffen wie die Professorin, die Kasse zahlt einfache Kariesbehandlung genauso wie monatelange Chemotherapie bei Krebserkrankung – jeder und jedem. Das ist eine monumentale zivilisatorische Errungenschaft, die viele Generationen Kampf gekostet hat. Bloß: Jetzt kann man sich durch gute Zähne und fundierte ärztliche Behandlung nicht mehr als zur besseren Schicht gehörig absetzen.

Das ist bei Paramedizin anders: Die Heilpraktikerin und ihre Chakren-Analyse, den Osteopathen, der den Rhythmus des Körpers wiederherstellt – die muss man selbst zahlen, die kann sich nicht jeder leisten. An Medizin kommen alle, an die höhere Erkenntnis, auf der Paramedizin fußt, reichen nur die Besonderen.

Ein Hinweis auf diesen Wunsch nach Abgrenzung zur niederen Masse findet sich im oben verlinkten Artikel:

Der Spot der jüngsten Masernepidemie sei klar die Montessorischule im nahen Peißenberg gewesen, deutet er an, was etwa für den früheren Gesundheitsamtsleiter im Nachbarlandkreis Bad Tölz-Wolfratshausen offenkundig war: Das Problem konzentriere sich in den Waldorf- und Montessorischulen, das hat der in seinem ebenfalls vergeblichen Kampf mit den Impfskeptikern einmal freimütig festgestellt.

Dass die Eltern damit de facto das Leben ihrer Kinder gefährden, wird vor diesem Abgrenzungswunsch nebensächlich.

  1. Feuilletonisieren, das: Eine Meinung, die in persönlichen Befindlichkeiten wurzelt, zur validen These erklären und zugespitzt mit ausschließlich confirmation bias-gefilterten Fakten belegen. []
  2. Dass beides mangelbehaftet und verbesserbar ist, widerlegt das nicht grundsätzlich. []
die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 16. Juli 2017 – Allerbürgerlichster Sommersonntag

Montag, 17. Juli 2017 um 6:51

Blöd geschlafen, mit doofen Träumen.

Nach meinen Berechnungen haben die Renekloden Saison, am Samstag hatte ich Herrn Kaltmamsell gebeten, auf seiner Einkaufsrunde ein Kilo mitzunehmen. Er war erfolgreich gewesen, der Verkäufer, so erzählte er, habe ihn aber darauf hingewiesen, das seien die ersten. Nach Bloggen und der ersten Tasse Milchkaffee buk ich also Reneklodentarte.

Während dessen war die Waschmaschine mit Bettzeug durchgelaufen; da unser Wäschetrockner hartnäckig spinnt, drapierte ich die Teile über Wäscheständer und Stühle im Wohnzimmer – jetzt im Sommer ist das noch eine Lösung, aber wir werden uns wohl mit einer Neuanschaffung beschäftigten müssen (das Gerät ist älter als unsere Beziehung, haben wir zum Zusammenzug von meinen Schwiegereltern geerbt, als sie sich ein Kombigerät Waschmaschine/Trockner anschafften).

Der Tag war wie angekündigt strahlend sonnig und frisch, ich spazierte zu einer Schwimmrunde ins Schyrenbad. Die Bahnen waren erwartbar licht, ich zog mit Genuss meine 60 Bahnen.

Auf dem Rückweg besorgte ich Semmeln (die Handsemmeln vom Wimmer mag ich besonders gern) zum Frühstück gab es eine mit Schinken, danach ein Stück Tarte – sagen wir mal so: Ich hätte vielleicht auf reife Renekloden warten sollen, denn wie kommentierte Herr Kaltmamsell die Tarte zu Recht: „Da hätte man doch gleich Rhabarber nehmen können.“

Ich setzte mich in die wundervolle milde Sommerluft auf den Balkon zum Zeitunglesen, unterbrochen von viel Gucken: Am Meisenknödel Meisen und ein Buntspecht, in der Kastanie klopfte ein Kleiber, auf dem Rasen huschten Eichhörnchen, auf dem Balkonsims sahen Rotkehlchen und Buchfinken vorbei. Schönster Moment meiner Zeitungslektüre (SZ von diesem Wochenende):

Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell Rinderrouladen mit Kartoffelpüree. Der Ernteanteil hatte rare mehlige Kartoffeln enthalten, die ich unbedingt als Püree essen wollte, der Rest kam drumrum.

In der späten Abenddämmerung standen wir wieder am Wohnzimmerfenster und guckten Fledermäuse. Es kann doch wohl nicht sein, dass die all die 18 Jahre, die wir hier wohnen, schon herumflatterten und wir sei einfach nie bemerkt haben?

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Weil wir’s gerade von Flattertieren haben:
Sascha Lobo ist einem Ziegenmelker begegnet (Neid!).

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Felix und Katia haben in Schottland Urlaub gemacht (kann es sein, dass Wandern die mittlerweile dominante Urlaubsform in meinem Blogdorf ist?), Katia erzählt von
„Mary und Alan“.

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die Kaltmamsell

Journal Samstag, 15. Juli 2017 – Maisinger Schlucht

Sonntag, 16. Juli 2017 um 8:26

Der sehr beruflich sehr beschäftigte Herr Kaltmamsell machte sich frei für einen Wandertag. Den Vormittag nutzte er noch zum Arbeiten, während ich die letzten Reste Preis für die Weine am Vorabend zahlte (Migräne, nicht allzu schlimm).

Es war kühl, und das Wolkendrama am Himmel drohte immer wieder mit Regen: In der S-Bahn raus nach Starnberg saßen nur dünn versprengt Wandersleut.

Wir nahmen wieder diese Strecke, in saftigster, grüner Sommerlandschaft, und blieben trocken. Doch auch hier wird der Wanderweg inzwischen von Sportradlern übernommen, zum Teil unterstützt von Elektroantrieb: Gedankenverlorenes Gehen war nicht möglich, da wir immer wieder schnell ausweichen mussten. Diesmal lernte ich aber, dass mich etwas noch mehr erschreckt als das Geräusch der Reifen sich schnell von hinten nähernder Mountainbikes: Sich schnell von hinten nähernder Pferdegalopp.

Am Maisinger See setzten wir uns mit einer geteilten Radlerhalben des Maisinger Seehofs auf eine der Bierbänke an der Uferböschung und guckten Wasserglitzern, Gänse, Lachmöwen (die in Wirklichkeit Filzstiftmöwen heißen, aber vielleicht wäre es unhöflich sie darauf hinzuweisen). An einem bereits hell-reifen Getreidefeld vor Pöcking blieben wir stehen, um den Mehlschwalben zuzusehen: Mindestens zwei Dutzend von ihnen jagten ganz dicht über die Halme hinweg; es sah aus, als flögen sie im Feld. Vom Prinzenweg aus sahen wir kurz vor Starnberg drei beeindruckend große Bussarde auf einer Thermik kreisen und immer tiefer kommen. (Wir waren zunächst nicht sicher, ob es nicht doch vielleicht Habichte waren, doch Herr Kaltmamsell schlug daheim nach: Es konnten gar keine Habichte gewesen sein, weil die Ansitzjäger sind und nicht auf Thermik kreisend nach Beute Ausschau halten.)

Einkehrziel in Starnberg war das Wirtshaus im Tutzinger Hof, dessen Brotzeitplatte ich in allerbester Erinnerung hatte.

Nebenher gewannen wir zu zweit einen Fünfer-Raid der im Sitzen erreichbaren Pokémon-Arena.

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Emma Watson interviews Margaret Atwood about The Handmaid’s Tale.

Watson: I’m really interested in how you came to be this person that believed in her own perspective and opinion.

Atwood: You mean not easily frightened?

Watson: Yes! That’s exactly what I mean.

Atwood [laughs]: Okay, so Emma, I grew up in the woods. It gives you a different viewpoint; I was improperly socialized. I think if I’d grown up in a small town or if I’d been sent to a girls’ boarding school when I was four, as some of my acquaintances were, things would be somewhat different. But as it is I am frightened of three things—thunderstorms, forest fires and bears…. I was once told by someone who was teaching me to drive when I that he could not continue with it because I didn’t have enough fear. [Laughs]

die Kaltmamsell