Anne Wizorek, Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute

Sonntag, 26. Oktober 2014 um 11:11

tl;dr – Endlich!

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Als Anfang vergangenen Jahres die Diskussionswelle um #aufschrei anschwoll, wagte ich bald zu hoffen, dass dies nun endlich wirklich echt ehrlich den Feminismus zum gesellschaftlichen Thema machen könnte. Ihn rausholen aus der Ecke, die in den etablierten Medien allerhöchstens zu etwas altmodischen Schlammcatch-Shows um Alice Schwarzer diente, ansonsten aber zur gegenseitigen Versicherung, man sei ja keine Feministin, denn man sei ja gerne eine Frau / habe nichts gegen Männer / es gebe schließlich Unterschiede zwischen Männern und Frauen.
Und all so geschah es.

Meine Mutter hat mich als Feministin erzogen: Von klein auf brachte sie mir bei, Geschlechtsstereotypen nicht einfach gelten zu lassen. Ich hörte sie die Hausmeisterin zurechtweisen: “Warum darf ein Mädchen das nicht?”, wenn diese blöde Kommentare zu meiner Baumkletterei machte. Wuchs damit auf, dass mein Bruder ebenso Putzen und Bügeln beigebracht bekam wie ich (und es sogar mit deutlich weniger bockigem Unwillen tat als ich). Hörte meine eigentlich religiöse Mutter konsequent die frauenfeindliche Haltung der katholischen Kirche kritisieren. Wie fortschrittlich Mama Kaltmamsell damit vor allem in ihrer Arbeiter- und Kleinbürgerumgebung war, konnte ich erst sehr viel später einschätzen.

Das setzte ich im Gymnasium konsequent um: Wenn ein Lehrer es für eine gute Idee hielt, eine Biostunde über Nahrungsmittelgifte mit “Das wird jetzt die Mädchen und künftigen Hausfrauen besonders interessieren” einzuleiten, hatte er umgehend eine Diskussion mit mir über diese Rollenzuweisung am Hals. Den lieben, gütigen, lustigen Herrn Graßl brachte ich angeblich wirklich zum Nachdenken (erzählte er zumindest laut meiner Mutter in einer Elternsprechstunde): Er hatte vor sich hingescherzt und -geprustet über diese Frauen, die mit dem Gesetzbuch zur Gleichberechtigung wedelten, während ihnen auf dem Herd ihr Essen verbrenne. Und ich hatte sofort gefragt, warum das denn bitte nur “ihr Essen” sein soll.

Es muss in der 11. Klassen gewesen sein, als ich die Früchte dieses konsequenten Gemeckers erntete (so kennt und fürchtet man uns Feministinnen ja, gell – als Dauermeckerinnen): Im Unterricht fiel wieder eine frauenfeindliche Bemerkung, und zwei Drittel der Klasse drehten sich sofort zu mir um (ich saß rechts im hinteren Drittel des Klassenzimmers). Dieses Drittel feixte und freute sich darauf, dass es jetzt gleich wieder Rabatz gehen würde, doch ich registrierte in erster Linie: Sie haben’s begriffen. Sie merken selbst, dass das sexistisch war und sehr wahrscheinlich die Feministin vom Dienst etwas dagegen einwenden wird.

Ähnlich sehe ich derzeit den ersten Erfolg der neu belebten Sexismusdebatte: Es werden weiter sexistische Bemerkungen gesagt und geschrieben, aber auffallend häufig mit einem “aber das darf man heute ja gar nicht mehr sagen” – noch beharren sie auf ihrem Recht auf Sexismus, bemerken ihn aber zumindest.

Damals vor anderthalb Jahren war auch ich überwältigt von der Tragweite von #aufschrei. Und schwerst beeindruckt, dass Anne Wizorek sich damit und dafür als Person sichtbar machte und sich zu einer Teilnahme an der Fernseh-Talkshow von Günther Jauch bereit erklärte – sie war schließlich nicht erst seit gestern mit dem Thema Feminismus unterwegs und wusste, dass sie damit zur Zielscheibe unvorstellbarer Niedertracht und Gemeinheit aus allen Rohren würde. Und dann war ihr Auftritt auch noch unglaublich souverän, inhaltlich wie persönlich. Bis heute möchte ich regelmäßig eine Rund Konfetti über Anne werfen, wenn sie mal wieder Interviews gibt und die immer gleichen anti-femistischen Fragen und Angriffe ruhig und groß beantwortet. (Unter anderem weil ich selbst schon lange nicht mehr wie noch als Schülerin beim Registrieren von Sexismus automatisch die Hand hebe und protestiere, sondern überdrüssig und müde geworden bin.)

Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, in dem sie diese versprengten Ansätze und Argumente bündelt, den heutigen Stand des Feminismus aus ihrer Sicht festhält: Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute. Und es war wirklich sowas von Zeit für dieses Buch. Seit ich Jessica Valentis Full Frontal Feminism verschlungen habe (meine Güte, das ist schon sieben Jahre her?), fühlte ich schmerzhaft die Lücke, die Anne jetzt geschlossen hat – deutlich und explizit beeinflusst von Valenti und den US-Feministinnen um feministing.com und in anderen Blogs, gleichzeitig aber ganz klar verortet im Hier (Deutschland Ost und West, mit globaler Anbindung über das Internet) und Jetzt (third wave feminism).

Und das hat sie so frisch und zugänglich gemacht, dass ich die Hoffnung wage, in absehbarer Zeit könnte der deutsche Feminismus nicht mehr einzig und allein Alice Schwarzer (in Person und ihrer Generation) zugeordnet werden. Anne Wizorek präsentiert die heutige Generation von Feministinnen da draußen im echten Leben. Also auch abseits der akademischen Diskussion – die es unbedingt ganz dringend braucht, die aber nun mal leicht ausgrenzend wirkt. Der Feminismus, den Anne schildert und für den sie sich einsetzt, ist ein einschließender.

Dieser Feminismus berücksichtigt mehr als je zuvor alle Frauen, nicht nur implizit die weiße, gebildete Mittel- und Oberschicht der vorherigen feministischen Ansätze. Er schließt die Anliegen unter anderem von LGBTQI ein, Nicht-Weißer, Behinderter – kurz Mehrfachdiskriminierung. Und er wirbt in allen Nuancen um Männer als Verbündete, sei es mit dem Appell an Eigennutz (auch Ihr werdet durch Geschlechterstereotypen eingeschränkt!) oder an Gerechtigkeitssinn (Ihr könnt doch da nicht einfach zusehen!). Zentrale Aufforderung ist: Zuhören! Und das gilt selbstverständlich auch für Feministinnen. Meine Beispiele (nicht die von Anne): Kopftuch-tragende Musliminnen nicht stereotyp zu Opfern erklären, sondern mit ihnen reden, ihnen zuhören, ihre Anliegen verstehen. Sex-Workerinnen nicht aus der Porno- und Prostitutionsdebatte ausschließen, sondern… genau: Mit ihnen reden, ihnen zuhören, ihre Anliegen unterstützen. Aus dem Behindertenaktivismus kenne ich den Slogan: No discussion about us without us.

Ich fand besonders interessant, welche Themen Anne Wizorek in ihrem Buch in den Mittelpunkt stellt – also aus den unzähligen feministischen Themen priorisiert:

In Teil 1 greift Anne tagesaktuelle Diskussionen auf, angefangen vom Mythen und Missverständnissen zu Feminismus über Geschlechterquote, Pille danach, Unterdrückung durch Schönheitsideal1, die Wertung von care work bis zu LGBTQI-Rechten.

Teil 2 dreht sich dann konkret um den Fall #aufschrei: Wie es dazu kam, wie er verlief, was daraus geworden ist. Einen Kampf allerdings hat sie wohl leider verloren: Wir alle Beteiligten können noch so oft wiederholen, dass die Veröffentlichung des Brüderle-Artikels NICHT der Anlass für #aufschrei war. Erst letzte Woche erklärte die SZ das Phänomen Hashtag, nannte als ein Beispiel #aufschrei (gut!) und erklärte ihn – mit dem Brüderle-Vorfall. Als Nebenfachhistorikerin weiß ich: History is what came down to posterity. Und wenn sich die posterity einig ist, dass genau das die Kausalität war, ist das halt die historische Wahrheit.
Das zweite Kapitel nutzt Anne auch für einen kurzen geschichtlichen Abriss des Feminismus (immer mal praktisch zum Nachschlagen) und um die Rolle des Internets für den heutigen Feminismus zu erklären. Auch hier war ich von ihrer Klarheit und ihrer Professionalität beeindruckt: Aktivismus hat wirklich eine beachtliche Entwicklung durchgemacht, keine Sprecherin für ein Anliegen bildet sich mehr ein, er reiche, dieses Anliegen aus tiefstem Herzen zu vertreten. So ließ sich Anne zum Beispiel auf ihren Auftritt bei Jauch von zwei Fernseh-geübten Feministinnenfreundinnen an der US-Ostküste, Deanna Zant und Jaclyn Friedman, über Google Hangout vorbereiten und auch mit frischen Zahlenmaterial versorgen. Was wiederum nur ein Beispiel für den Community-Effekt des Internets auch beim Thema Feminismus ist.

Das Leben und Diskutieren im Internet wirkt sich auch auf die Form von Annes Buch aus: Gleich in der Einleitung thematisiert sie, wie sehr sich das Schreiben für ein gedrucktes Buch von dem im Web unterscheidet. Im Web belegen wir Verweise durch Hyperlinks, illustrieren Stimmungen durch Bilder – Anne besonders gern und pointiert durch GIFs. Und wie schon in Anke Gröners Buch Nudeldicke Deern wirkt sich das in Hunderten von Fußnoten aus: Es würde sich wie unseriöses Rumbehaupten anfühlen, Argumente, Zitate, Verweise nicht nachprüfbar zu belegen.

Zum Schluss gibt es auch noch einen Serviceteil mit Erklärung von Schlüsselbegriffen sowie Lese- und Hörtipps.

Ich bin ungeheuer gespannt, wie es nun weitergeht – und wünsche Anne und allen Mitstreiterinnen und Mitstreitern genug Souveränität und Energie, gegen Niedertracht, Unsachlichkeit und Diffamierung durchzuhalten.

Zur Einstimmung zwei Interviews mit Anne Wizorek:

1 – Im Stern: “Die Erkenntnis aus #aufschrei? ‘Sexismus existiert'”.
(Lieblingssatz: “Ich glaube nicht, dass ich Ihnen eine Betriebsanleitung fürs Mannsein liefern muss.”)

2 – In Wired: “Aktivistin Anne Wizorek im Interview: ‘Der Weg zu Gleichberechtigung ist eben unbequem'”.

  1. Hier zitiert Anne mich, und ich habe immer noch rote Ohren vor Stolz darauf. Dass nur zwei Seiten vorher Anke Gröner zitiert wird – macht das Anke und mich zu sowas wie Druckerschwärzeschwestern? []
die Kaltmamsell

Journal Freitag, 24. Oktober 2014 – Mantel gestohlen

Samstag, 25. Oktober 2014 um 9:20

Lassen Sie uns über die Kugelform der Erde sprechen. Vielleicht sind Sie Astrophysikerin und können detailliert auseinandersetzen, dass unsere gesamte Existenz davon abhängt, dass es diesen Planeten ohne Kugelform im Universum überhaupt nicht gäbe und uns schon gleich gar nicht. Vielleicht sind sie Grafikerin und sich zumindest dessen bewusst, dass das Wissen um diese Kugeligkeit verhältnismäßig neu ist, haben sich aber nie damit auseinander gesetzt.

Lassen Sie sich von einer Sekretärin sagen: Für das moderne Businesskaspertum in einer globalisierten Unternehmenswelt ist die Kugelform der Erde ein Fluch! Spätestens wenn Sie, wie ich gestern mal wieder, einen Termin zwischen Teilnehmern vereinbaren sollen, die in Deutschland, Japan und an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika sitzen. Irgendwer schläft immer!

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Der Biergarten unterm Büro macht langsam dicht.

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Abends die Kisten mit den Winterklamotten aus dem Keller geholt. Und verifiziert, was mir seit einiger Zeit durch den Kopf spukte: Meinen Wintermantel in Schutzhülle, den ich im Frühling an ein Regal im winzigen Kellerabteil gehängt hatte – war der bei meinen seltenen Besuchen der vergangenen Monate im Keller überhaupt noch dort gehangen? Nein, war er nicht.

Dieses Kellerabteil hatte ich in unseren 15 Jahren hier im Haus nie verschlossen: Es gelangen nur Hausbewohner ins Untergeschoß, da der Zugang mit zwei Türen versperrt ist. Selbst den Aufzug bringt man nur mit dem Hausschlüssel zu einer Fahrt bis in den Keller. Und doch, so stellte ich gestern bestürzt fest, hat mir jemand meinen Mantel gestohlen.

Abgesehen davon, dass ich mir mal wieder naiv denke: Wer macht den sowas? Abgesehen vom Schmerz, dass sich diese höchste Ausgabe, die ich je für ein Kleidungsstück getätigt habe, nun doch nicht amortisiert (ich hatte den Mantel mindestens zehn Jahre tragen wollen, und seine Qualität hätte das sicher ermöglicht). Abgesehen von all dem habe ich nun keinen warmen Mantel für den Winter.

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Was kosten handgefertigte Dinge, deren Herstellung nicht in Billinglohnländer verschoben wurde? Ich werde immer wieder sturzwütend, wenn Menschen solche realen Preise reflexartig mit Abzockertum erklären (und sich selbst ohne Nachdenken nicht wundern, dass die Villen am Stadtrand keineswegs Schuhmacherinnen, Täschnern, Goldschmiedinnen, Korbflechtern, Töpfern oder Schneiderinnen gehören).

Deshalb freut mich sehr, dass Ella sich die Mühe gemacht hat, die Herstellung ihrer Quilts detailliert zu schildern: Was erfordert welche Arbeitsschritte, wie lange dauern sie etwa?
“‘Und was kostet sowas?’ – Ein Einblick in die Preisgestaltung meiner Quilts.”

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Zwar haben viele den Eindruck, Facebook oder Twitter würden ihre Hinweise auf gefährlichen Inhalt ignorieren. Doch tatsächlich beschäftigen alle Online-Plattformen Hunderte von Menschen, sich genau darum zu kümmern. Haben Sie sich jemals Gedanken gemacht, wie so ein Job aussieht und was er mit diesen Menschen macht?
“The Laborers Who Keep Dick Pics and Beheadings Out of Your Facebook Feed”.

So companies like Facebook and Twitter rely on an army of workers employed to soak up the worst of humanity in order to protect the rest of us. And there are legions of them—a vast, invisible pool of human labor. Hemanshu Nigam, the former chief security officer of MySpace who now runs online safety consultancy SSP Blue, estimates that the number of content moderators scrubbing the world’s social media sites, mobile apps, and cloud storage services runs to “well over 100,000”—that is, about twice the total head count of Google and nearly 14 times that of Facebook.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 23. Oktober 2014 – Begegnung beim Friseur

Freitag, 24. Oktober 2014 um 6:41

Das Wetter war weiterhin greislich, fast den ganzen Tag regnete es. Und es war kalt geworden, ich trug Handschuhe auf dem Fußweg in die Arbeit.

Im Büro war ich den ganzen Tag allein: Chef und eine Kollegin hatten Urlaub, zwei Kolleginnen arbeiteten von Zuhause aus, der Praktikant war immer noch krank. Es war so viel zu tun, dass das nicht auffiel. Mittags holte ich mir schnell Käse und ein paar Tomaten aus dem Supermarkt.

Abends Friseurtermin. Als ich hereinkam, sah ich im Wartebereich eine Bloggerin sitzen, die sogar eher selten in München ist. Wir kannten uns schon vorher persönlich, ich freute mich sehr über die Begegnung, und wir hatten sogar noch ein Viertelstündchen zum Plaudern.
Die Haare sind jetzt wieder angemessen KURZ!

Aus dem Spinat des Ernteanteils bereitete der Mitbewohner zum Nachtmahl Pizza und erlebte Abenteuer mit dem jetzt ja deutlich höher heizbaren, neuen Backofen (u.a. ist das Backpapier nicht auf diese hohen Temperaturen ausgelegt und zerfällt zu Asche). Die Pizza war köstlich.

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Computerwissenschaften, Informatik, Programmieren – typische Männerdinge, zumindest will es das Stereotyp so. Interessanterweise war das vor den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts durchaus anders: Der Anteil von Frauen in Computerwissenschaften an US-amerikanischen Universitäten stieg sogar steiler als ihr Anteil in Rechtswissenschaften. Warum hörte das auf?
“What Happened To Women In Computer Science?”

(Tipp: PCs)

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Morgens herzlich gelacht, noch vor dem Duschen:
“Das Servicedesk und ich”.

Unterschätzen Sie nie den IT-Fachbegriff “IRGENDWIE”. (Und Hartnäckigkeit.)

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Apropos Stachelschwein: Hier knapp drei Minuten, in denen einer aufs Allerniedlichste Kürbis frisst. Mit Niedlichgeräuschen.

via @anneschuessler

die Kaltmamsell

Right now – Wiederholung 8

Donnerstag, 23. Oktober 2014 um 7:34

Kleine Serie, hier begonnen, vom Erfinder ganz anders gemeint, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011, 2012 und 2013 fortgesetzt.

Ich lese … dieses Jahr anscheinend recht wenig – meine Bücherliste steht bei der halben Anzahl, die ich sonst um diese Zeit im Jahr erreiche. Gleichzeitig werfe ich dieses Jahr so viele Süddeutsche Zeitungen nach Wochen ungelesen weg wie seit Magisterprüfungszeiten nicht mehr. Lese ich statt dessen mehr Internet? Glaube ich nicht, mein Feedreader quillt über, immer öfter leere ich ganze Sektionen ungelesen. Irgendjemand klaut mir Lesezeit, denn ich unternehme genauso wenig wie immer.

Ich trage … einen orangen Frotteebademantel (vor über zehn Jahren bei ebay ersteigert) und dunkelrote Burlington-Kniestrümpfe, die ich seit Gymnasialzeiten besitze.

Ich habe … immer noch diesen kleinen Schnupfen – der sich allerdings vergangene Nacht die linke Nasenseite vornahm und die zugehörigen Nebenhöhlen mit einer Vehemenz kaperte, dass ich von den Schmerzen aufwachte. Und mich erinnerte, dass ich eben geträumt hatte, ich hätte mich in der Arbeit krank gemeldet. Allerdings in der alten Arbeit.
Ich danke hiermit der Pharmaindustrie von Herzen für Nasentropfen und Aspirin. (Geht mir weg mit “Naturheilmitteln” – bei mir überzüchtetem Wesen wirkt nichts, was nicht einmal durch die Chemiefabrik gegangen ist.)

Ich höre … die Straßenkehrmaschine, die die Wege von Herbstlaub und sturmgebrochenen Zweigen befreit.

Ich trinke … Milchkaffee auf der Basis von Dinzlerbohnen der Sorte “Espresso Venezia” – schmeckt mir sehr gut.

Ich esse … auch heute vermutlich bis Mittag nichts – erst habe ich keinen Appetit, dann mag ich vor lauter Stress nichts essen. Wenn dann das Hungerbauchweh zu sehr stört, löffle ich vermutlich einen Becher Hüttenkäse: Schmeckt mir, sättigt auf Stunden, und ich habe das gute Gefühl, meine Muskeln mit einem Eiweißstoß versorgt zu haben. Mal sehen, was mir dann noch als eigentliches Mittagessen einfällt; derzeit ist nichts im Haus, was ich als Brotzeit mitnehmen könnte.

Ich stehe … sehr selten. Sitzen, laufen, radeln, liegen tue ich erheblich öfter.

Ich gehe … so gern zu Fuß, dass ich mich darüber ärgere, mit den meisten meiner Schuhe keine weiten Strecken beherzt laufen zu können. Nächste Existenzform: Woman in sensible shoes.

Ich lache … abends zumindest jeden Tag über Teile meiner Twittertimeline.

Ich sehe … ein schwaches Licht am Ende des Tunnels, traue mich aber nicht, ihm zu trauen.

Ich mag … jeden Morgen wieder nach dem Aufstehen auf dem Küchenbalkon kurz die Draußenluft schnuppern. Noch riecht sie jeden Morgen anders, bald wieder einige Monate einfach nur kalt.

Ich schreibe … seit zwei Monaten Tagebuchblog und habe den Eindruck, das tut mir gut.

Ich weiß … einerseits immer mehr Fakten (und habe eine Theorie zur Vergesslichkeit alter Menschen: Die wissen einfach durchs Langegelebthaben so viel, dass nicht alles im Arbeitsspeicher sofort abrufbar ist – das Gehirn muss immer mehr auslagern, wo es zwar noch vorhanden ist, aber schwer zugänglich. Dummerweise sind die Kriterien für die Lagerung chaotisch und noch deutlich unterforscht.), andererseits genausowenig, wo es hingehen soll, wie schon in den vorherigen 35 Jahren.

Ich möchte … noch mindestens einmal eine große Veränderung im Leben.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 21. Oktober 2014 – Langgehantelt

Mittwoch, 22. Oktober 2014 um 6:48

Nach längerer Pause wegen Lustlosigkeit mal wieder morgens zum Kraftttraining in Gruppe mit Langhanteln geradelt. Neue Musik, neue Choreografie – und eine Vorturnerin, die letzteres noch nicht draufhatte und wirre Anweisungen gab. Das und ihre anfänglichen Probleme mit der Musikanlage führten dazu, dass sie die Stunde überzog und ich noch vor dem Dehnen Spielzeug aufräumen und raushuschen musste, um rechtzeitig in die Arbeit zu kommen. Doch alle Übungen liefen reibungslos, keine Ausfälle im linken Arm.

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Regnerisches Wetter, erst im Lauf des Tages wurde es trockener. Mittags in immer noch milder Luft zum Einkaufen spaziert, unter anderem die erste der jetzt regelmäßig erscheinenden deutschen Ausgaben Wired besorgt. Ich lese im Grund in einer Printblase, wenn ich ausschließlich Magazine kaufe, in denen Menschen schreiben oder in denen über Menschen geschrieben wird, die ich persönlich kenne.

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Es gibt Kunden, die allem misstrauen, was man abrechnet (“Was? Sieben Stunden soll das gebraucht haben?!”). Und dann gibt es Kunden, die für Alltäglichkeiten so tief dankbar sind (“Großartig! Die Liste stimmt mit meiner überein! Das ist wirklich eine ganz hervorragende Zusammenarbeit.”), dass ich mich bestürzt frage, welche Erfahrungen sie wohl vorher gemacht haben.

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Wenn Sie wie ich in Brighton verliebt sind, sollten Sie dringend die Fotos von lomokev verfolgen, auf instagram. Unter anderem ist er Mitglied des Brighton Swimming Club und macht Bilder im Wasser:
“‘I Dare the Wave, A Life to Save’ released by MiniClick”

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Ohrwurm des Tages (von einer Mixkassette, die mir mein Bruder 1995 aufnahm und die “Malta Schalta Mix” hieß):


“Malta Schalta” hieß die die Mischung, weil er sie mir zu Weihnachten schenkte, das ich mit einer Freundin auf Malta verbrachte, und weil das Stück “6 Mark 50″ von Badesalz drauf war.

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Dinge, die mich sofort zum Kreischen bringen (innerlich natürlich, ich bin eine Dame): Fortschritte in der Entwicklung eines echten Hoverboards.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 20. Oktober 2014 – Stockholmeuphorie

Dienstag, 21. Oktober 2014 um 6:25

Na gut, dann ist das da in den oberen Atemwegen, was ich seit Samstag ignoriere, halt doch eine kleine Erkältung. Weil ich erst letzte Woche laut sagte, dass ich dieses Jahr noch gar nichts hatte. Aber wirklich nur eine kleine.

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Sportpause für den durchwanderten, durchjoggten Körper. Im Lauf des Tages nur zweimal Treppen gelaufen, dafür aber acht Stockwerke inklusive denen über dem Büro.

Dieser Euphorieschub, wenn nach wochenlangem Termingeschubse (elf Termine zwischen jeweils durchschnittlich zehn sehr terminverplanten Menschen auf drei Kontinenten arrangieren, inhaltlich bei den Terminen nicht mitdenken können, die Menschen nicht kennen) ein Nottermin an der Zusage eines Menschen hängt, und der dann zusagt. So sehr habe ich mich noch über kein Beförderung gefreut. Hat auch was von Stockholmsyndrom.

Was ich auf jeden Fall in diesem Job gelernt habe: Es hat nichts damit zu tun, wie gern oder ungern ich etwas tue – ich werde mich immer fürs Ergebnis verantwortlich fühlen und bei Nichtgelingen leiden wie ein Hund.

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Sonst kenne ich lustige Autogeschichten nur von novemberregen. Diesmal hat mek eine geschrieben (falls Sie den Herrn noch nie erlebt haben: mit leicht niederländischem Akzent gelesen vorstellen):
“autofahrschwierigkeiten”.

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Was gegen Stereotypen hilft, begrüße ich immer. Diese Fotoserie von Vatern und Töchtern im Iran gehört dazu.
“Iranian Fathers and the Diverse Daughters They’ve Raised”.

While Motlaq doesn’t think the relationship between fathers and daughters in Iran is too different from those in other countries, she was keen to use it as a way to highlight the country’s “diversity of families, opinions, and classes of society.”
(…)
“My culture may have lots of weakness and things that I don’t agree with, but, whatever it is, it’s far from the current image that the media have been created for people of the world,” she said. “When you live outside Iran, you get tired of those wrong perceptions, those weird questions and dark images people have about your country. They judge everything based on that false information. I think knowing the reality and truth is very important even if it’s bitter sometimes.”

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Wunderschöner Tanz auf Spitzenschuhen, und die Menschen, die diese Schuhe machen – sehr anrührend:
“The Perfect Fit
Far from the dance studio, craftsmen hammer and form ballet shoes with their own rough grace”.

All the ballerinas get dodgy feet, don’t they, so I get dodgy hands from making the shoes.

via @ankegroener

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Nach Zombie Run kommt Tampon Run. Ja, genau was Sie jetzt denken.
“Taking Aim at The Tampon Taboo
Girl coders give video games a new spin.”

The goal is to stop police from chasing you, using nothing but a bloody tampon as your weapon. This may seem strange to some, but as the girls so aptly explained, what is even stranger is the idea that, as a society, we accept guns as commonplace while menstruation remains taboo.

The girls got the idea for Tampon Run from an incident involving last year’s anti-abortion case in Texas. State police confiscation of feminine hygiene products such as tampons and maxi pads in fear that women would throw them on the Senate floor. While women were asked to hand over their tampons, people holding handguns with concealed carry permits were expedited through the checkpoint.

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Ich finde interessant, die Diskussion über die Folgen von Einwanderung auch in anderen europäischen Ländern zu verfolgen. Zum Beispiel in UK. Ein Artikel im Guardian befasst sich mit den tatsächlichen wirtschaftlichen Auswirkungen der Einwanderung von EU-Bürgern:
“Immigration: Could we – should we – stop migrants coming to Britain?
Britain is convulsed with anxiety about immigration, with claims of too many EU citizens coming here, the benefits system being abused and wages being forced down. An expert on immigration looks at the evidence”.

The government’s own figures show that migrants are about half as likely to be in receipt of a DWP out-of-work benefit as people born here. Many migrants from the EU, however, are in low-paid work (including self-employment) and so receive tax credits; as the numbers settling here permanently have grown, and they start having kids, this has become quite a significant phenomenon. But it’s not benefit tourism.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 19. Oktober 2014 – Sonniges Isartal

Montag, 20. Oktober 2014 um 7:15

Die Morgenbrötchen gelangen auch beim zweiten Mal nicht so recht: Der Teig war wieder kaum aufgegangen, und die Semmeln wurden zu dunkel. Nächstes Mal deutlich längere Stockgare? Das eigentlich Aufregende war die erste Nutzung des Dampfeinstoßes im neuen Ofen. Die Programmierung war ein wenig kompliziert – ich bin halt Computerbildschirme gewohnt, auf denen ich jederzeit einen Überblick über meine Eingaben habe. Doch das Bedampfen funktionierte.

Dafür klappte mein Plan, diesen angekündigten letzten Spätsommertag nochmal für eine Wanderung zu nutzen. Ich fuhr nach Icking, um über das Isarhochufer nach Wolfratshausen zu spazieren, untenrum im Isartal und übers Ickinger Wehr zurück. Ich hatte Glück: Trotz Lokführerstreik kam ich reibungslos nach Icking.

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Bussarde hörte ich und sah sie bis zu dritt auf Thermik fliegen. Nicht gefasst war ich allerdings auf Lamas.

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In Wolfratshausen machte ich ein Päuschen bei Cappuccino und Apfelschorle, um mich herum Paare und Familien beim Kirchweihessen.

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Das Ickinger Wehr.

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Der Heimweg war dann eher länglich: Fast eine Stunde wartete ich am Ickinger S-Bahnhof, bis eine unbestreikte Bahn mich zurück nach München brachte. Ich hatte die halbe Wochenendezeitung als Lektüre dabei: So eine Zeitung ist ja anders als ein Buch eine flexibel lange Lektüre, Ziehharmonika-artig – im Alltag durchblättert, Überschriften gecheckt, selektiv gelesen, werden mit steigender Not immer mehr der Artikel gelesen; irgendwann locken auch Biowetter und Impressum zum Lesen.

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Abends Fleischpflanzerl (spontaner Einfall: mit Feta gefüllt). Ich wollte, dass alle gleichzeitig fertig wurden und benutzte zwei Pfannen. Die zweite Pfanne stellte sich als untauglich heraus, sie produzierte Fleischpflanzerlgröstl. Dazu aus dem Ofen Butternutkürbisscheiben.

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Ein Dominik-Graf-Polizeiruf: Nach der positiven Überraschung vom Vorabend nun eine Enttäuschung, die reichlichen Anspielungen an Guttenberg rissen das nicht raus. Das gute Drehbuch stammte von Sathyan Ramesh, das gestrige von Günter Schütter. Werde ich mir merken, beide Namen.

die Kaltmamsell