Journal 19. März 2010

Samstag, 20. März 2010 um 8:15

Ich weiß, es hat was Schofles, aber: Da ist diese Kollegin, die sehr oft wegen Krankheit nicht in die Arbeit kommt – Erkältung, Mandelentzündung, Kopfweh, Grippe, Rückenschmerzen. Und nachdem ich mehrfach sehr plötzlich und zur Unzeit Hilfe suchen musste (eine Erkältung sorgte für sechs Wochen Abwesenheit in der zentralen Planungsphase eines Projektes) oder ihre Aufgaben selbst miterledigen, setze ich sie schlicht nicht mehr an wichtigen Stellen in Projekten ein. Vermutlich ist das diskriminierend, und ich fühle mich auch schlecht dabei, doch was wäre denn die Alternative? Herr Dr. Dr. Erlinger?

§

Im Arbeitsleben kommt mir meine Kunstfertigkeit im Fernhalten von emotionalen Reaktionen sehr zugute. Katastrophale Enthüllungen stürzen mich nicht in Angst und Panik, sondern lassen mich direkt auf Lösungs- und Rettungsmodus schalten. Auf Kritik kann ich sachlich reagieren. Doch irgendwo bleiben sie natürlich, die Angst und die Panik, die Niedergeschlagenheit und der Schmerz. Und dann reicht diese Geschichte im SZ-Magazin über eine Bäckeroma und ihre Liebe zu Virgina Woolf für einen Tränenausbruch am U-Bahnsteig.

§

Mittagsverabredung mit schon wieder seit Monaten nicht gesehener Freundin (wie ich mich ärgere, den Kontakt zu ihr nicht intensiver zu halten). Die Hinfahrt wurde durch eine „Betriebsstörung“ (danke, das sehe ich, ja was denn sonst?) behindert. Nachdem ich in 25 Minuten nur zwei Stationen gefahren war und die U-Bahn, sich immer weiter füllend, in einem U-Bahnhof stand, gab ich auf und nahm ein Taxi. Wenn er funktioniert, der Münchner öffentliche Nahverkehr, und das tut er wirklich zuverlässig meistens, gibt es für mich kein schnelleres und bequemers Fortkommen. Doch wenn er das nicht tut, fühle ich mich doppelt unfrei.

§

Da sportterminfrei den Abend für Besorgungen genutzt, u.a. das nunmehr dritte Set Knethaken für mein über 20 Jahre altes Krups-Handrührgerät. Immer noch niedergeschlagen (siehe Vortage) durch die milde Luft gegangen, an ihren Verheißungen vorbeigesehen und -gerochen.

§

Vergangene Woche war der alte Ex-Hausmeister gestorben, gerade mal zwei Jahre, nachdem er seine Aufgaben an eine externe Firma abgegeben hatte. Der Mitbewohner war der Witwe begegnet und brachte ein Sterbebildchen mit. Ich bin froh, dass ich den Herrn kennengelernt habe, mir von ihm Geschichten aus der Vergangenheit des Hauses erzählen lassen konnte und aus der Zeit davor, als er in München als Maurer arbeitete. Wie würde meine Mutter sagen: „Friede seiner Asche.“

die Kaltmamsell

Journal 18. März 2010

Freitag, 19. März 2010 um 6:40

Dass Schönheit leiden muss, macht uns ja bereits das Sprichwort klar. Das gilt auch für Geschirr. Weil nämlich: Die Tassen, die meine arbeitgebende Firma ihren Mitarbeitern stellt, sind mir zu klein. Also habe ich mir zwei Stück des abgebildeten Rosenthal-Modells gekauft, denn, wie eine der großen Denkerinnen des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts so schön sagte: „Wie soll ich schöne Gedanken haben, wenn ich von hässlichen Dingen umgeben bin?“

Auch meine Kollegen und Kolleginnen bevorzugen größere Tassen als die vom Arbeitgeber gestellten. Die meisten bringen also welche mit, gerne mit humorvoll gemeinter Aufschrift, jahreszeitlichen Emblemen oder mit Werbebeklebung. Meine beiden Exemplare sind die mit Abstand schönsten. Was wiederum zur Folge hat, dass sie von denjenigen der ca. 50 Nutzer der einzigen Teeküche auf dem Stockwerk bevorzugt werden, die keine eigenen Tassen haben. Stelle ich sie abends benutzt in die Geschirrspülmaschine, hat sie sich am nächsten Morgen meist schon jemand geholt. Die Folge: Will ich meine eigenen Tassen auch selbst benutzen, muss ich sie abends von Hand spülen und an meinem Arbeitsplatz lagern.

Sie begreifen jetzt hoffentlich die monumentale und problematische Komplexität meines berufstätigen Daseins.

§

Solange bestimmte Bevölkerungsgruppen in Machtpositionen rare Einzelfälle sind, wird nicht nur jegliches Fehlverhalten schnell in Zusammenhang mit ihrer Gruppezugehörigkeit gebracht, sondern auch Kritik an ihnen allzu leicht mit Vorbehalten der Bevölkerungsgruppe gegenüber erklärt. Siehe: unfähige Abteilungsleiterin. Siehe: fragwürdiger schwuler Außenminister.

§

Over the last few years, fat people have become scapegoats for all manner of cultural ills. “There’s an atmosphere now where it’s O.K. to blame everything on weight,” said Dr. Linda Bacon, a nutrition researcher and the author of “Health at Every Size: The Surprising Truth About Your Weight” (Benbella, 2008). “If we’re worried about climate change, someone comes out with an article about how heavier people weigh more, so they require more fuel, and they blame the climate change crisis on fatter people. We have this strong belief system that it’s their fault, that it’s all about gluttony or lack of exercise.”

(…)

Some of the most blatant fat discrimination comes from medical professionals. Rebecca Puhl, a clinical psychologist and director of research at the Rudd Center for Food Policy and Obesity at Yale, has been studying the stigma of obesity for more than a decade. More than half of the 620 primary care doctors questioned for one study described obese patients as “awkward, unattractive, ugly, and unlikely to comply with treatment.” (This last is significant, because doctors who think patients won’t follow their instructions treat and prescribe for them differently.)

Dr. Puhl said she was especially disturbed at how openly the doctors expressed their biases. “If I was trying to study gender or racial bias, I couldn’t use the assessment tools I’m using, because people wouldn’t be truthful,” she said. “They’d want to be more politically correct.”

Despite the abundance of research showing that most people are unable to make significant long-term changes in their weight, it’s clear that doctors tend to view obesity as a matter of personal responsibility.

Die New York Time stellt fest, dass Diskriminierung adipöse Menschen krank macht.

Es verschlägt mir immer wieder die Sprache, mit welch bodenloser Verachtung dicke Menschen für alles Übel, das ihnen widerfährt, selbst verantwortlich gemacht werden. Und welche Übel ihnen zunächst mal unterstellt werden.

via La Gröner

§

Kleine Katastrophe in einem meiner Projektergebnisse wirbelt die Abteilung durcheinander. Schaden ungewiss.

§

Große Freude über Zusammenarbeit mit einem Kollegen im Tochterunternehmen, der nicht nur ausgesprochen kompetent, begeistert und unkompliziert ist, sondern auch überhaupt keine Pfründe verteidigt.

§

Abendlicher Weg zur Muckibude gibt mir dann doch noch Gelegenheit, eindeutige Frühlingslüfte um die Nase wehen zu lassen.

die Kaltmamsell

Journal 17. März 2010

Donnerstag, 18. März 2010 um 6:30

Sonst mache ich mir den Tag über Notizen für diese Tagebucheinträge – was lerne ich daraus, dass es für diesen Tag keine gibt?

§

Kollegin und Mutter zweier sehr kleiner Kinder erzählt, wie sehr es sie nervt, dass sich unter Müttern immer mehr einbürgt, ihren Kindern Anweisungen in der Formulierung „Ich möchte, dass du dich anziehst…“ zu geben. Statt des gewohnten „Bitte ziehe dich an“. Ich hatte das für einen besonders merkwürdigen Anglizismus gehalten, als mir die Formulierung im Schwimmbad auffielt, wurde jedoch belehrt, dass dies das Bemühen um „Ich-Botschaften“ ist. Bei praktischen Handlungsanweisungen. Mysterium Elternschaft.

§

Arbeit (in order of appearance): Erleichterung, Mulmigkeit, roter Kopf, Bemühen um erwachsenen Umgang mit Kritik, Lösungssuche, Zähnezusammenbeißen, Niedergeschlagenheit, Selbstverachtung, Peinlichkeit, Fluchtgedanken. Diese beschissene Drittelbrillanz, durch die ich mich ständig unter Performancedruck setzen lasse, und die langfristig doch nur enttäuschen kann.

§

Spontan Pizza Marguerita hergestellt; ich brauchte wohl dringend Beruhigungskohlenhyrate. Plus einen schönen Silberbichl Harm Grüner Veltliner Classic 2007.

§

Habe fast beschlossen, diesen Schrank als Ersatz für eine der weißen Ikea-Kommoden (noch aus meinem Jungmädchenzimmer, also fast 30 Jahre alt) im Esszimmer zu bestellen. Bin sehr gespannt, wann ich endlich den Arsch für die tatsächliche Bestellung hochkriege. Andererseit wohnen meine richtigen Weingläser seit Jahren in Kartons unter dem Küchentisch, denen sie wöchentlich mindestens einmal entnommen werden – ob sie jetzt noch einen Umzug in einen richtigen Schrank verkraften?

die Kaltmamsell

Journal 16. März 2010

Mittwoch, 17. März 2010 um 6:34

Ein früherer Kollege aus der PR bittet mich um Tipps, wie die Nahrungsmittelindustriekunden der PR-Beratung, für die er arbeitet, mit der Welt der Foodblogger kooperieren könnten. (Ich ahne, dass diese Bitte nicht nur bei mir für einen schallenden Lacher sorgt.) Habe ihm dennoch ernsthaft und ausfühlrich geantwortet (Zusammenfassung: „Es ist wahrscheinlicher, dass die Confiserie Lauenstein Fans in Anorexie-Foren rekrutiert.“)

§

Mit dem geburtstagenden Papa (spanischer Einwanderer erster Gastarbeitergeneration) telefoniert: Er war kürzlich wegen einer Stimmbandgeschichte zu einem spezialisierten Arzt an einer Uniklinik überwiesen worden, der sich als spanischer Einwanderer der 80er herausstellte. Mein Vater amüsierte sich, dass auch akademische Gastarbeiter beim Spanischsprechen auf deutsche Wörter zurückgreifen.

§

Ganztägige Sitzung außerhalb, neuen Überblick über mein Arbeitsgebiet bekommen und über Menschen, die sowas Ähnliches in anderen Firmen machen.

§

Deshalb später als sonst zum Turnen gekommen. Es wollte sich nicht der rechte Spaß am Hopsen einstellen, also lediglich ein wenig leichtes Training.

die Kaltmamsell

Journal 15. März 2010

Dienstag, 16. März 2010 um 6:57

Wenn’s mich nervt, kann ich auch Blogleser damit nerven: Den Vormittag über immer dichterer Schneefall, nachmittags schmolzen zumindest große Teile davon weg.

§

In der Arbeit erst mal Entmutigung: In der allerletzten Phase eines Projekts grundsätzliche Änderungswünsche von Oben. Da diese sich bei Erfüllung destruktiv auf zahlreiche andere Projekte auswirken würden, habe ich meine Chefebene eingeschaltet und um Gegenwehr gebeten. Dennoch ist ein sehr knapp getakteter Zeitplan jetzt nicht mehr zu halten.

§

Dann wiederum Aufmunterung: Eine Idee wird funktionieren, möglicherweise sogar besser als erhofft.

§

Für ein drittes Großprojekt völlig überraschend grüne Lichter bekommen. Bin misstrauisch und halte es für möglich, dass die Lichtgeber sich nicht darüber im Klaren sind, was sie da grüngelichtet haben.

§

Trotz und Bockigkeit sind genau das Meine – und solch ein Tag ruft danach. Glücklicherweise lese ich die richtigen Blogs, also ließ ich mich von Frau Engl auf die wunderbare Idee bringen, in der Muckibude einfach an jeder Maschine eine Lage draufzulegen. GROARRRR!

die Kaltmamsell

Journal 14. März 2010

Montag, 15. März 2010 um 8:24

Es schniebelte in einen windigen, kalten Tag – nicht sehr einladend für eine Laufrunde. Doch das Olympiabad war ja immer noch besetzt, also ab zum Isarlaufen. Möglicherweise habe ich dort einen Grünspecht auffliegen sehen.

§

Mit dem Zug zur geburtstagenden Schwiegermutter (pünktlich und ungehindert). Bei Schwiegers in alten Familienfotoalben geblättert, ausführlich Bilder des Mitbewohners als Teenager betrachtet. Möglicherweise hätte ich ihn ja doch attraktiv gefunden, wenn wir in dieselbe Schule gegangen wären.

§

Statt Tatort Charlie Chaplins Modern Times aus der Konserve. Der Film hat sich ganz ausgezeichnet gehalten, auch wenn seine Erzählweise und Technik schon damals, 1936, veraltet waren.

§

Selten von einem Wein so überraschend enttäuscht worde. Er duftete betörend und nach Sommerwiese, der Schluck im Mund erzählt von Ananas, Blüten, ein wenig Marzipan – alles wundervoll. Doch dann, kurz vorm Schlucken, knallte er eine spitze Süße hinterher, die alles kaputt machte.

die Kaltmamsell

Journal 13. März 2010

Sonntag, 14. März 2010 um 8:46

Wie jetzt? „Von 13. bis 14. März wegen einer Sportveranstaltung belegt“? Schon das Johlen vieler Menschen, das ich bei Annäherung an das Olympiabad von Ferne vernahm, machte mich misstrauisch. Und tatsächlich: Jubelnde Massen drin, ich musste draußen bleiben. Dabei bin ich mir sehr sicher, dass am Montag, als ich zuletzt dort schwamm, kein Aushang mit einer Veranstaltungsankündigung sichtbar war. Doch ich hatte kurz nach Mittag eine Verabredung, also fehlte mir die Zeit für ein Umschwenken auf das Nordbad, ich musste die Schwimmrunde ausfallen lassen. Sehr ärgerlich.

§

Unter deutschen Schülern hält sich ja die Ansicht, Lehrer hätten Lieblinge und andere (sie selbst nämlich) „auf dem Kieker“, dächten sich zudem am liebsten Gemeinheiten aus, mit denen sie ihnen, den Schülern, das Leben so unangenehm wie möglich machen können. (Inzwischen weiß ich, dass es auch Lehrer gibt, die dieselben Verschwörungstheorien ihren Vorgesetzten gegenüber stricken.) Das stimmt nicht mit der Haltung der vielen Lehrer überein, die ich kenne. Richtig ist hingegen, dass Lehrer sich am liebsten rächen wie Frau Wiesenraute.

§

Maharaja-Ausstellung mit indienbegeisterter und -erfahrener Freundin besichtigt. Tatsächlich wunderbar aufbereitet, die Gemälde, historisches Filmmaterial, Elefantensattel, Erklärungen – sehr sehenswert. Kleiner Tipp: Lieber die englischen Erläuterungen lesen, die deutschen Texte sind nur ziemlich holprige Übersetzungen davon.

§

Die atemlose Kennenlernphase einer Freundschaft, in der man nicht genug Informationen und Geschichten bekommen kann vom begeistert entdeckten Menschen, sich überschlägt in Erzählungen und Fragen, ständig möglichen Geschenken begegnet, von jedem Treffen völlig überdreht und aufgekratzt heim kommt.

§

Zum Abendbrot machte mich der Mitbewohner bekannt mit der Romanoff-Torte seiner Kindheit. Sehr 70er, aber durchaus wohlschmeckend.

die Kaltmamsell

98aa73d3566e2cbdac8e4ed2d58f57e4