Altgriechisch heute

Donnerstag, 27. Januar 2005 um 20:42

„Meine Tochter möchte unbedingt Altgriechisch lernen“ schreibt mir ein Leser Stefan und bittet mich, den Fragebogen, den ich hier mal erfunden habe, selbst zu beantworten.

Aber gerne!

Zuvor: Stefan, bitte knutschen Sie mir Ihre Tochter ganz fest. „Möchte unbedingt Altgriechisch lernen“! Guuuute Tochter!

– Wie beurteilst Du im Nachhinein Deine Kurswahl? Gut / schlecht / irrelevant
Altgriechisch war das beste an meiner gesamten Schulzeit. Ich tauchte in eine Welt der Intellektualität ein, die mein geistiges und ethisches Heranwachsen prägte. Von den Begründern unserer abendländischen Kultur lernte ich zu fragen und zu hinterfragen.

– Hast Du in Deinem weiteren Leben von diesem Kurs profitiert? Nein / ja, privat, nämlich … / ja, beruflich, nämlich …
Ja, ja.
Privat durch die Freude am Debattieren und Nachdenken. Und ich behaupte immer noch, dass wir Altgriechen uns bereits nach wenigen Sätzen gegenseitig erkennen.
Beruflich: Bereits in meinem ersten Semester Nebenfach-Geschichte bot mir der Lehrstuhl Alte Geschichte einen Hiwi-Job an. Zudem weiß ich, dass in manchen Manager-Seminaren mit Platos Höhlengleichnis gearbeitet wird. Scheint also was für die Karriere herzugeben.

– Würdest Du Deinen Kindern Altgriechisch empfehlen? Ja / nein / egal.
Ich habe keine Kinder und würde diese Empfehlung sehr vom einzelnen Kind abhängig machen. Einem Menschen, der am glücklichsten ist, wenn er aus Metallabfällen einen Hubschrauber baut, würde ich es nicht empfehlen. Wohl auch keinem, der sich noch nie für die Hintergründe dessen interessiert hat, was er so sieht und hört.
Aber jemandem, der schon als Kind fragt: „Mama, warum IST was?“ – ja. Einem Menschen, der „unbedingt Altgriechisch lernen“ möchte – ja!

– Gibst Du Altgriechisch im Fächerkanon bayerischer Gymnasium langfristig eine Chance? Ja / nein.
Ich fürchte nein. Wenn von Bildung immer mehr ein direkt wahrnehmbarer praktischer Nutzen erwartet wird, steht ein Fach, das im Endeffekt Grundlagen des lebenslangen Lernens vermittelt, auf verlorenem Posten.

In welchem Umfang (Grund- oder Leistungskurs) weiß die angehende Altphilologin dann selbst am besten.

Warum habe ich selbst damals eigentlich Altgriechisch statt Französisch genommen? Zum einen sicher, weil der gute alte Herr Graßl, Fachbetreuer Altgriechisch, heftig dafür warb, bei Schülern und Eltern. Seine Argumente gingen wohl in die Richtung, dass man mit Altgriechisch-Kenntnissen viel besser Medizin studieren und überhaupt ganz viele Fremdwörter aufschlüsseln könne. Halte ich für Blödsinn, aber das kapierten die Leute wenigstens.
Zum anderen war es vermutlich blanker Snobismus. Altgriechisch war etwas Besonderes, das lernte so gut wie niemand, außerdem hatte es eine Geheimschrift. Die Faszination der griechischen Mythologie mag für mich auch eine Rolle gespielt haben. Und ich sagte mir, dass ich Französisch später auch noch lernen könne, Altgriechisch aber jetzt oder nie. Wie schon bei der Wahl des Gymnasiums ließen meine Eltern mir freie Wahl.

Habe ich schon die Geschichte von der Altgriechisch-Enthusiastin in Madrid erzählt? Erst in Spanien lernte ich vor 15 Jahren endlich mal coole Altphilologen kennen. Was ich bis dahin an deutschen Lehrstühlen gesehen hatte, lag an Verstaubtheit nur knapp über Priesterseminaristen. Die Gruppe Studenten von der Madrider Complutense, auf die ich während eines Übersetzungsjobs traf, brachten ihrem Fach die gleiche Leidenschaft entgegen, mit der ich Englische Literatur studierte. Außerdem konnten sie singen. Da war diese Nacht in Cáceres, als wir mit einer Gitarre unterwegs waren und aus einem Fenster ein Saxophon erklang. Wir sangen hoch, und die Sax-Spielerin sah aus dem Fenster….. andere Geschichte.

Unter diesen Altphilologen war eine junge Frau von der Schönheit einer persischen Prinzessin; nennen wir sie Isabel. Sie kam aus ärmsten Verhältnissen, war aber eine so überragende Studentin, dass sie auch ihren Vater mit ihren Stipendien durchfüttern konnte.
Nach ersten Abschlussprüfungen unterrichtete Isabel ein Jahr an einer Schule Latein, zusätzlich Altgriechisch als rege besuchtes Wahlfach. Doch dann strich die Schulleiterin das Griechisch-Angebot zugunsten eines moderneren Faches und behauptete, die Nachfrage sei zu gering gewesen. Isabel begann, um ihr Lieblingsfach zu kämpfen. Im Lateinunterricht nahm sie griechische Mythologie durch und lockte mit mehr. Als aufgrund dessen Eltern die Schulleitung um eine Wiedereinführung des Faches baten, verbot die Direktorin Isabel, Werbung für Altgriechisch zu machen. Daraufhin ließ Isabel T-Shirts mit altgriechischen Zitaten drucken und trug sie in der Schule. -¿Esto que quiere decir?- fragten die Schüler sie auf den Gängen, „was heißt das?“. Isabel sagte es ihnen, erklärte die Buchstaben und woher das Zitat stammte. Doch die Schulleitung blieb hart, und so bot Isabel Altgriechisch unentgeltlich in der Mittagspause an – vor vollen Bänken.

Spanische Altphilologen 1989 (ohne Isabel)

die Kaltmamsell

20 Kommentare zu „Altgriechisch heute“

  1. Arztgatte meint:

    Nicht nur das Höhlengleichnis bringt coole Erkenntnis, haben wir in Mathe durchgenommen. Der Mathelehrer war ein richtiger Gurutyp. Meinte immer wenn ihm einer mit Logik kam, wer von Loogik spricht hat von Loggick keine Ahnung, Ist später leider vollkommen durchgeknallt und in´s Kloster gegangen.

  2. der Haltungsturner meint:

    Ich liebe genau diesen Enthusiasmus an dir. Mein Altgriechisch war ja leider sehr zweckorientiert (als Eingangsvoraussetzung zum letzten Studium, das dies Fach verlangt) und im Schnelldurchlauf er- und wieder verlernt. Aber als begeisterter Lateiner teile ich so viel, immer wissend, dass Latein zu Griechisch ist wie Fontane zu Goethe (oder so).
    Meine Behauptung, für die ich immer wieder als elitär beschimpft werde: Ein Gymnasium, das nicht das Erlernen von Latein und (idealerweise) Griechisch ermöglicht, ist kein Gymnasium. Punkt.
    Ab dem Sommer steht diese Frage ja bei unserem Nachwuchs erstmals an. Ich leide jetzt schon vorsorglich.

    Und, Herr Doktorin: Was ist das denn für eine Logik – durchgeknallt und ins Kloster. tststs.

  3. Modeste meint:

    Ein nostalgischer Seufzer. Griechisch war wirklich toll, mit das Beste an an der ganzen Schulzeit und viel, viel verspielter, anregender und differenzierter als Latein. (Obwohl..Xenophon – aber lassen wir das)

    Dass die Zahl der Griechischschüler absolut so zurückgeht glaube ich eigentlich gar nicht. Höchstens der Anteil an der Schülergesamtzahl, weil das Klientel der neugegründeten Gymnasien glaubt, Bildung lohne sich nur bei direktem Nutzwert. Die Schulen mit traditionsreichen Griechischzügen haben doch immer noch Griechischklassen.

    (Was die These mit dem ökonomischen Nutzwert ihres Bildungskonzepts angeht, haben sich die Retortengymnasien, glaube ich, leicht verschätzt. Ist keine relevante Angelegenheit, aber man sollte mal eine Untersuchung machen, wie der berufliche Erfolg der Altsprachler im Verhältnis zum Rest der Abiturienten aussieht. Ich habe den Eindruck, den Leuten geht´s nicht nur gut, sondern im Regelfall besser.)

  4. KerLeone meint:

    Ich hatte auch Altgriechisch (hast du das erkannt?), aber zum Sprachenlernen war ich zu faul. Glücklicherweise konnte ich mich immer mit dem Theorieteil retten und dieses Wissen war tatsächlich mein Einstieg in die Geisteswissenschaft und bildet bis heute die Grundlage dafür.

    Wovon ich mich aber heute weit entfernt habe ist dieser Humanismus-Gedanke mit seiner Verehrung für die Antike und die Deutung der Antike als absolute Kategorie für heutige Kultur.
    Aber wenn man Pech hat, erwischt man bei Französisch ebenfalls einen Frankophilen, der französische Küche, Sprache und Tradition für ein Bollwerk gegen den „Kulturniedergang“ anderswo sieht.

    Meine Meinung: Trotzdem empfehlenswert.

  5. George.Dablju meint:

    andra moi enepe musa hos malla polla planchtä

    …sorry, konnt´s mir nicht verkneifen

  6. die Kaltmamsell meint:

    Zwischen „musa“ und „polla“ gehört noch der Listenreiche: polýtropon. Schon wegen Hexameter, gell.

  7. George.Dablju meint:

    stimmt, hab ich beim Tippen vergessen. Mir war´s so schon so peinlich

  8. mutant meint:

    schwaechster elternmoment:
    dem kind erlaubt, franzoesisch statt griechisch zu nehmen.
    das war dumm,. weil dem froschi seine sprache, zum reden nimmt man die als romanistiker(latein, italienisch) eh mit, ansonsten ist das fuer nixe gut.
    griechisch dagegen ist reden, um des redens willen. philosophie. geschichte. cool.
    wenn mir das damals jemand erzaehlt haette, wie cool altsprachlichkeit sein kann, wow, vielleicht waere was aus mir geworden…
    nun hat das kind in der froschsprache 4 und keinen bock mehr, was wunder.
    dafuer evtl latein leistungskurs…

  9. Tanja meint:

    Wunderbar aufgezogen der Eintrag. Ein Plädoyer für einen breiten Fächerkanon, für Eigeninitiative, für die Ästhetik des Lernens. Und ein Beitrag zu meiner eigenen Schul- und Lernerfahrung war der Kollateralnutzen, vielen Dank!

  10. Arztgatten-Ehefrau meint:

    Werte Kaltmamsell,

    hab ich schon mal erwähnt, dass unsere ehrenwerten Altphilologen unseren Griechisch Kurs für drei Monate vor dem Kultusministerium geheim gehalten haben. Danach waren die Tatsachen vollendet. Na ja, durch 2 Sitzenbleiber wurde unsere Kurs dann im zweiten Jahr 4 Männer und 1 Frau stark, Insofern war es doch sehr vorausschauend.

    Was wir damals auch lernten, und diese ganz und gar nicht altphilologische Weiheit, gefällt mir heute noch ganz besonder:

    “ Und wieder zieht von hinterwärts,
    der Friede in ein Kinderherz“

    O-Ton Herr Dr. Maichle, Gott hab ihn selig.

    Doc,
    mal wieder cavaselig etwas sentimental

    PS:wie wäre mein Status, wenn ich wunschgemäss Altphilologin geworden wäre? Altphilologinnengattenehefrau?

    der Arztgatte sagt, es heisst dann Altphilologinnengattenweib.

    quod esta discutandum

    – hab ich schon erwähnt, dass wir 5 Leute im Latein-Leistungskurs waren. Alle hatten Graecum.

  11. die Kaltmamsell meint:

    Ach Doc, diese Seligkeit!
    Wenn ich mir die Kommentare so anschaue, frage ich mich, ob es noch ein anderes Schulfach gibt, das die Leute mit solch tiefen und schönen Erinnerungen versieht.
    Na gut, der Mitbewohner hatte wohl einen Englischlehrer, der Ähnliches bei ihm angerichtet hat.

  12. Julia meint:

    Ich bin noch Schueler in der 11.Klasse und ich muss sagen, altgriechisch zu waehlen war das beste was ich machen konnte. Leider muss ich es nach diesem Jahr ablegen, weil ein Leistungskurs nicht zustande kommt, aber ich werde es auf jeden Fall weiterempfehlen. Altgriechisch hat an unserer Schule schon einen Aufschwung erlebt: in der jetzigen 10.Klasse sind 30 Schueler mehr als normal. Das laesst doch hoffen!

  13. christina sum meint:

    Also, ich bin schon sehr verwundert über all diese Leute hier, die NUR DURCH ALTGRIECHISCH Denken gelernt haben, glücklich wurden, bereit für Erkenntnisse wurden.

    ???
    Die Realität sieht eher so aus:
    – Altgriechisch ist der Schlüssel zu einem miesen Bildungsbürgertum, das weder humanistisch orientiert ist noch allen gleiche Chancebn geben will, sondern daraus Distinktionsgewinn zieht
    – Altgr. ist fiese Quälerei für arme Studis, die sowieso nie das Sprachniveau erreichen, ab dem ihnen die Sprache (vielleicht) etwas nützen würde…

    Dass es das Denken erleichtern oder den Einstieg bieten soll – nun, können das nicht verschiedne Sprachen? Eine aus Zwang im Intensivkurs „erlernte“ tote Sprache, die gewährleistet das jedenfalls eher nicht. Als ob man das Höhlengleichnis nicht auf Deutsch übersetzen könnte – mit Anmerkungen zur Übersetzung darf es gerne versehen werden.

    Ich sag Euch: Ohne Chinesisch weiss man nichts! Ohne eine aglutinierende Sprache hat man keine Ahnung von der Welt.
    Na?!
    Chris

  14. Sigrid meint:

    Liebe Kaltmamsell,

    nachdem mich meine Tochter erst kürzlich darauf aufmerksam machte, dass es eine Einlassung Ihrerseits/Deinerseits (ich bin mir etwas unsicher bezüglich der Anrede ob der gefühlten Vertrautheit meinerseits) auf eine Anfrage von Stefan hinsichtlich „Altgriechisch“ gab, möchte ich kurz berichten.
    Unsere Tochter ist jetzt fast 21 und hat Altgriechisch gelernt (und geherzt wurde sie auch – mehrmals und nicht nur wegen Altgriechisch) mit viel Spass und einigen interessanten Lehrern.
    Stefan ist 2009 gestorben und wir beide (Kind und ich) verfolgen Ihren/Deinen Blog weiterhin – aus blanker Freude am Lesen und auch Traditionsgründen natürlich.
    Viele herzliche Grüße in den Süden der Republik
    Sigrid

  15. die Kaltmamsell meint:

    Liebe Sigrid,

    die Todesnachricht macht mich sehr beklommen, das tut mir leid.
    Doch es freut mich, dass die Tochter von Altgriechisch profitiert hat. Wir sind aussterbende Spinner: Laut dieser Untersuchung der Uni Regensburg lernten im Schuljahr 2009/2010 nur noch 0,53% der Schüler und Schülerinnen an deutschen Gymnasien Altgriechisch.
    Und das Statistische Bundesamt weist für das Schuljahr 2012/2013 an allen Schulen ein weiteres Sinken der Schülerzahl um 8,8% aus.

    Viele Grüße zurück
    und bleiben Sie dem Blog gewogen!

  16. Max meint:

    Diese Website kann ich vor allem empfehlen: http://www.philosemos.de
    Dort kann man viele interessante Sachen über Altgriechisch erfahren.
    Viel Spaß!

  17. die Kaltmamsell meint:

    Könnten Sie präzisieren, Max, warum Sie die Seite empfehlen?
    Für den „Stammbaum“ darauf sehe ich keine Quellen oder auch nur einen Hinweis, dass es zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Quellen recht unterschiedliche Götterwelten gab. Zudem erweckt die Website den Eindruck, Altgriechisch bestünde nur aus einem Alphabet, Göttern und Schulnoten. Das halten Sie für „viele interessante Sachen“? Was habe ich übersehen?

  18. tztke meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Geht’s noch?!

    *******************************************************

  19. usdisefgi meint:

    altgriechisch ist das unnötigste und langweiligste fach der welt

  20. die Kaltmamsell meint:

    Beweisen Sie Ihre Aussage doch bitte, usdisefgi, indem Sie sie plausibel begründen, das wäre nett. Danke!

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