Archiv für September 2005

Rollentausch?

Dienstag, 20. September 2005

Wenn ein Mann den Wunsch äußert, im Flirt- und Partnersuchspiel mögen Frauen ruhig auch mal die Initiative ergreifen, dann hat er ausschließlich attraktive und begehrenswerte Frauen im Sinn, bei denen ihn der erste Schritt viel Mut kostet, und keineswegs die mopsige Frau Hinterhuber mit Gesundheitstretern aus der Buchhaltung – richtig?

Nunc habemus dreckum in schachtalo

Montag, 19. September 2005

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die FDP mal die Protestwähler einsammeln würde?

(Mann, wird das jetzt alles kompliziert. Wo ich doch Halbheiten so schlecht aushalten kann. Mit ist lieber hop oder top, links oder rechts, gewinnen oder verlieren – Hauptsache klar. Demokratie ist anstrengend.)

Mitten in München (oh je, Oktoberfest)

Samstag, 17. September 2005

Draußen gröhlt eine Männermeute den Aida-Triumphmarsch auf „Dö Dööööö Dödödö Dö Dö“, und ich weiß nicht: Ist das jetzt auch Oktoberfest oder die Peripherie eines Fußballspiels?

In der Straßenbahnlinie 27 traf ich bereits knapp drei Stunden nach dem Anzapfen des ersten Oktoberfest-Bierfasses auf einen hackldichten Münchner Trachtler. Ein Angestellter des Münchner Verkehrsverbundes (MVV) brachte den alten Mann in die Tram, schaffte es aber nicht, ihn zum Sitzen zu bewegen („A naaaaaa!“). Er schärfte dem hageren Trachtler (kurze Krachlederne, Haferlschuhe, Hut mit Gamsbart und flächendeckend voller Ansteckabzeichen) ein, sich dann aber zumindest gut festzuhalten. Das tat dieser allerdings nicht konsequent genug: Einige Haltestellen später schlug er der Länge nach und auf dem Rücken im Gang neben meinem Sitzplatz hin. Die Mutter hinter mir hatte gerade noch ihr kleines Kind vor den rudernen Armen des Besoffenen in Sicherheit bringen können. Wir halfen ihm gemeinschaftlich auf. Bei der nächsten Gelegenheit stieg er aus; ich sah noch, wie er mit stierem Blick und schwankend erst mal stehen blieb.

Sollte ich jemals von meiner Liebe zu München gesprochen haben: Für die nächsten drei Wochen ist selbige aufgehoben.

München mon amour

Freitag, 16. September 2005

Drüben hat Don Alphonso einmal mehr erfolgreich die ewige Hackelei „Berlin ist doof“ / „München ist doof“ provoziert. Ich behaupte: Erst liebt oder hasst man eine Stadt, dann findet man Kriterien dafür.

Nehmen wir zum Beispiel eine Münchner Szene gestern kurz vor Sonnenuntergang. Ort: hinter der Alten Pinakothek, im südlichen Schwabing. Aus einem neuen mittelgroßen BMW steigt ein Paar um die 30, er unauffällig gutaussehend im dunklen Anzug, sie zierlich praktisch blond im dunklen Kostüm. Sie macht sich an seiner Kleidung zu schaffen, und es dauert eine Weile, bis ich ihre Bewegungen einordnen kann: Sie hat eine Fusselrolle in der Hand und säubert ihm, der sich ganz still hält, damit das Jacket. Ich verlangsame meine Schritte um beobachten zu können, wie sie mit der Rolle auch die eigene Jacke und das Röckchen richtet. Dann verstaut sie das Instrument im Handschuhfach, wirft die Tür zu, rückt das Schultertäschchen zurecht, hakt sich beim Herrn ein, und beide gehen weg.
Selbstverständlich kann man München genau wegen solcher, weil typischer, Szenen leidenschaftlich hassen. Was kann ich dafür, dass ich die Stadt genau deswegen gerührt liebe?

Auf meinem Weg in die Arbeit (27): Schlangenmensch heißt auf Englisch contortionist

Donnerstag, 15. September 2005

Mein Lieblingsplatz im morgendlichen ICE ist seit einiger Zeit das Kinderabteil. So früh am Morgen ist es fast immer leer, sodass ich in Ruhe und an einem schönen großen Tisch Milchkaffee trinken und Zeitung lesen kann. Außerdem liegt das Abteil in der Zugreihung so, dass der nächstgelegene Ausgang an meinem Zielbahnhof exakt vor der Treppe zur Straßenbahn stehen bleibt.

Manchmal habe ich Gesellschaft von dem einen oder anderen Polizisten, der das großzügige Eckpolster dazu nutzt, nach der Nachtschicht Schlaf nachzuholen, manchmal entdeckt ein anderer Passagier das Abteil und setzt sich zu mir. Nur selten kommt eine Mutter mit kleinen Kindern, der ich natürlich umgehend und sehr schnell das gesamte Feld überlasse.

Heute hatte ich das Zimmerchen für mich allein. Ich schob die Glastüren zu, breitete meine Süddeutsche aus, nippte lesend am Kaffeebecher. Als ich gerade in die Meinungsseite vertieft war, versuchte jemand die Türen zu öffnen: die Schaffnerin. Doch weiter als einen Spalt bekam sie die beiden Teile nicht auseinander. Ich stand auf, um von innen zu ziehen und zu schieben – ohne Ergebnis: Die Türen, die sich sonst nach einem kurzen Schub von alleine öffnen, klemmten, und zwar gründlich. Wir versuchten Hauruck, wir probierten vereinigtes Ziehen, nur um uns durch die Scheibe zuzulachen und festzustellen, dass das nichts brachte. Worauf ich die Schaffnerin darauf hinwies, dass das jetzt aber blöd sei, da ich in 15 Minuten aussteigen müsse. Sofort holte sie einen Kollegen zu Hilfe, der nach einigem Krafteinsatz und mit schließlich dunkelroter Gesichtsfarbe lediglich ebenfalls feststellte, dass sich die Türen nicht öffnen ließen.

Die Schaffnerin ging fort, mehr Hilfe zu holen. Ich stand innen an der Tür und versuchte, hilfreich dreinzuschauen – ein bisschen zuversichtlich, gleichzeitig aber entschuldigend, freundlich, bestimmt und ermutigend (ganz schwierige Kombination). Der Kollege ruckelte und zog derweil in alle möglichen Richtungen, bis er auf diese Weise entdeckte, dass eine der Türen sich unten ein Stück nach außen klappen ließ. Ich schätzte mit einem Blick die Kompatibilität dieser Lücke mit meinem Körperumfang Konfektionsgröße 46 und meinem edlen dunkelbraunen Anzug ab und rief: „Bitte genau so festhalten!“ Schnell packte ich die Zeitung in die Tasche, schob die Tasche durch den Spalt, legte mich kurzerhand parallel zur Türe seitlich auf den Boden und presste mich Stückchen für Stückchen hinterher.

Ich hatte sogar noch einige Minuten übrig, um dem Schaffnerinkollegen zu danken und Teppichflusen sowie Brösel von meiner Kleidung zu entfernen, bevor ich ausstieg.

Schwedenglas

Donnerstag, 15. September 2005

Diese Schale aus schwedischem Bleiglas (die linke, Durchmesser 30 cm) steht in einem Kunstgewerbeladen am Kopenhagener Flughafen und geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Als ich sie im Juli entdeckte, schienen schlagartig alle anderen schönen Dinge in den Regalen zu verschwinden. Die Schale erinnerte mich an die zierlichen kleinen Glasaschenbecher, die feine Leute früher gern in die Ecken ihrer Wohnzimmertischchen mit Rauchglasplatten stellten. Doch durch ihre Masse und Größe hat sie plötzlich Eleganz.

Andererseits habe ich gar nichts für Hinsteller übrig, brauche sowas nun wirklich nicht, vermutlich passt sie nicht mal zu meinem Einrichtungsstil (welcher Einrichtungsstil?).

Bei meinem Kopenhagenbesuch im August nahm ich die Schale auch mal in die Hand, drehte und wendete sie, fühlte ihre Wucht, ließ das Licht darin spielen. Und schielte auf das Preisschild am Boden: umgerechnet über 300 Euro. Wie gut, dass ich nichts für Hinsteller übrig habe, gar nicht wüsste, wo ich das Trumm überhaupt unterbringen sollte etc. pp.

Gestern dann besuchte ich die Glasschale bereits wie eine alte Freundin. Sie stand am vertrauten Platz und funkelte mir zu. Also machte ich ein Foto von ihr. Findet sich denn niemand, der mir das Ding ausredet? Wo ich doch eh nichts für Hinsteller übrig habe, so viel Geld in der heutigen Zeit besser in privater Altersvorsorge aufgehoben wäre und so eine Schale überflüssig ist wie ein Kropf und und und

Der Japanerjapaner

Dienstag, 13. September 2005

Es kommt auch mal vor, dass sich der Einheimische einen Gastronomietipp vom Touristen holt. Zumal wenn das Lokal in einer rein touristischen Gegend wie dem Münchner Platz liegt, dem Hofbräuhaus schräg gegenüber: Ein Münchner würde sich hier eigentlich nicht mal tot sehen lassen (es sei denn er wohnt hier, und das seit Generationen).

Das Shoya nennt sich „japanisches Bistro“; wen das zum Lächeln bringt, der ist dort genau richtig. Der einzige Raum des Lokals ist sehr klein, jeder Quadratzentimeter ist mit schlichten Holztischen, Stühlen und Theke genutzt. Darinnen sitzen viele japanische Touristen und Geschäftsleute über großen Suppenschüsseln und freuen sich, nach all dem anstrengenden europäischen Essen endlich mal wieder was G’scheits zu bekommen. Weil wirklich nur Platz für Esser ist, warten bei Überfüllung weitere Hungrige draußen auf der Straße – und das ist nicht selten. Das Essen im Shoya ist nämlich sehr lecker. Klar gibt es auch Sushi und Sashimi, doch ein Blick auf die Wände des Shoya verrät, dass man sich mit einer solchen Bestellung um den größten Spaß bringt: Dort hängen dicht an dicht Fotos der angebotenen Speisen, laminiert oder hinter rahmenlosem Glas. Auf Deutsch und auf Japanisch stehen handgeschrieben die Preise (niedrig) und die Namen der Gerichte. Das sind Ramen-Suppen mit den verschiedensten Nudeln und Einlagen, gebratene Austern, Aal, Algen, Jakobsmuscheln, Rind, Schwein, Eier, fritiert, gebraten oder gedämpft, auf Reis oder mit Nudeln. Daneben auch frische Sushi und Sashimi. Die kalten Gerichte werden hinter der Theke zubereitet, auch die Küche ist gut einsehbar, vor allem von den Thekenplätzen – ich schaue da ja gern zu.

Gemütliches Rumsitzen geht allerdings nicht im Shoya: Sobald das schnell gebrachte Essen verzehrt ist, signalisiert das Personal körpersprachlich, dass nun aber gut ist. Gezahlt wird am Ausgang, während der Kellner die nächsten Gäste aus der Warteschlange bereits zum noch warmen Platz führt.

Wer das Japan-Erlebnis auf den Gipfel treiben möchte, geht Richtung Orlandohaus weiter: Kurz davor links bietet ein Geschäft japanischen Touristen typische deutsche Souvenirs an (von Hummelfigur über Moselwein bis Kuckucksuhr): ausschließlich japanisch beschriftet und ausgezeichnet.

Shoya
Täglich geöffnet bis 24 Uhr

Orlandostraße 5
80331 München
Tel.: 089 / 292772


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