Neues von früher

Freitag, 28. Dezember 2007 um 9:29

Jetzt im Alter packt mein Vater (in Madrid geboren und aufgewachsen, mit 18 Jahren nach Deutschland gezogen) immer wieder Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend aus. Das freut mich sehr, denn früher hatte er nur ein paar Standardanekdoten, die er immer wieder erzählte (der Esel Sevillano, der ihn beim Kühehüten austrickste / die gewalttätigen, bigotten Salesianer, bei denen er zur Schule ging / was er so alles mit den Straßenkatzen anstellte / seine Elektrikerlehre / wie er in der Bodega seines Onkels aushalf), und reagierte auf Nachfragen extrem abweisend.

Möglicherweise hat er jetzt im Rentenalter die Muße, Erinnerungen aufsteigen zu lassen. Vielleicht ist jetzt auch der Abstand groß genug, dass sie nicht mehr so weh tun.

Beim Weihnachtsessen begann mein Vater unvermittelt davon zu erzählen, dass in seiner von der spanischen Nachkriegszeit gezeichneten Kindheit, also in den frühen 50er Jahren, das in Ruinen liegende Madrid Einfuhrzoll für Lebensmittel verlangte. Es habe an allen Einfallstraßen in die Stadt Zollhäuschen gegeben (casa de los árbitros), an denen Zoll gezahlt werden musste und an denen das Gepäck aller Reisenden und jede Lastwagenladung durchsucht wurden. Sein Onkel, der Weinhändler, habe bei der Einfuhr des Weins aus der Gegend von Toledo durch Bestechungsgelder erreicht, dass weniger deklariert wurde, als er tatsächlich dabei hatte. Und wie das nicht mehr funktionierte, als genormte Behälter für den Weintransport eingeführt wurden.

Oder wie ihm seine Großmutter, bei der er wieder einen Sommer auf dem Land verbracht hatte, für die Heimfahrt seinen ganzen Koffer voller Mehl packte. Wie die Zöllner den Autobus durchsuchten, in dem er saß und sofort Verdacht schöpften, weil der Koffer eines Zehnjährigen so schwer war. Wie sie für das Mehl Zoll verlangten und er doch kein Geld hatte. Wie ein Mitreisender, der ihn kannte, mit Geld aushalf. Das sei „der Revilla“ gewesen, der eine Reinigung in Madrid hatte. Dem er als Elektrikerlehrling später oft die Maschinen repariert habe. Dem die Frau weggestorben sei, worauf er mit dem Dienstmädchen angebandelt habe, deren Mann ihn dann erschoss.

Und dann erinnerte sich mein Vater, wie die Großmutter vom Land seiner Familie zu Weihnachten einen Hahn schickte. Der sei einfach einem Überlandbus zum Transport mitgegeben worden, mit zusammengebundenen Füßen. Wie seine Mutter ihn geschickt habe, den Hahn abzuholen. Er habe im Büro am Busbahnhof gesagt, er wolle den Hahn für seine Mutter abholen und ihren Namen genannt. Daraufhin sei ihm das Tier ausgehändigt worden. Im patio daheim habe man dem Hahn die Füße aufgebunden und ihn losgelassen. Und so habe der Gockel seine letzten Tage im Hof des Madrider Altstadthauses in der Nähe des Bahnhofs Atocha verbracht, in dem sie damals wohnten, zu fünft in zwei ebenerdigen Zimmern, deren Fenster in diesen Hof gingen. Der Hahn sei bis Weihnachten noch gefüttert worden, dann habe ihn meine Yaya geschlachtet.

Ich freue mich sehr über diese neuen Geschichten. Vielleicht kommt es irgendwann doch noch so weit, dass ich zu Spanien Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr bloß Hemingway im Kopf habe.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Neues von früher“

  1. Joel meint:

    Ich freue mich für sie und beneide sie auch ein wenig dafür, denn in meiner Familie ist väterlicherseits niemand mehr da, der mir die Geschichten meines Vaters erzählen könnte. Halten sie ganz fest daran…

  2. gaga meint:

    Bitte mal fest von mir drücken.
    (Sein Stern strahlt in meiner Küche)

  3. Syberia meint:

    „was er so alles mit den Straßenkatzen anstellte“?

  4. die Kaltmamsell meint:

    Na ja, Syberia, Dosen an den Schwanz binden und Barthaare abschneiden – natürlich aus reiner naturwissenschaftlicher Neugier. (Dennoch schaue ich ihn bis heute misstrauisch an, wenn er eine der Nachbarkatzen streichelt.)
    Die wirklich schlimmen Dinge hat er als Bub wohl mit den Fröschen am Flüsschen draußen auf dem Dorf gemacht. Ich hoffe immer noch, dass er sich diese Geschichten bloß ausgedacht hat.


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