Rom in Schnippseln

Dienstag, 25. August 2009 um 10:14

Sieht nicht so aus, als hätte ich genügend Muße, meine Rom-Erlebnisse ausführlich zu notieren. Bevor sie alt und uninteressant werden, hier also ein paar Schnippsel.

Im Sammeltaxi vom Flughafen die Amerikanerin aus Los Angeles mit Aufmerksamkeitsdefizit: Vom Beifahrersitz aus feuerte sie eine Frage nach der anderen auf den freundlichen Taxifahrer, auf Englisch und auf Spanisch, wartete aber nie das Ende der – englischen oder spanischen – Antwort ab. Als der Herr ihr auseinandersetzte, wie alt Roms Geschichte ist, und dass unter anderem die Ruine, die wir gerade passierten, vor fast 2000 Jahren errichtet wurde, verstummte sie kurz. Um dann deutlich zu machen, dass sie ihm nicht glaubte.

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Das Hotel Locarno, gleich bei der Piazza del Populo. Es war genauso inspirierend alt ausgestattet, wie ich mir das erhofft hatte. Der schmiedeeiserne, hölzerne Fahrstuhl war mit einem Otis-Logo in Jugendstil versehen, überall hatte es Stuck und wunderschöne Kacheln und Fliesen, der Holzboden, die dunklen Möbel, die Buntglasleuchter erinnerten mich an die altmodisch eingerichteten Madrider Wohnungen meiner Kindheitsurlaube. Dass in dem hinreißenden 30er-Jahr-Bad der Wasserstrahl nicht in den Duschkopf zu leiten war, die dafür zuständige Pumpe lediglich markerschütterndes Rülpsen von sich gab – nun ja. Ich ließ die Badewanne halb ein und versuchte mich in Haarwaschyoga. Dass allerdings am ersten Tag unser Zimmer nicht geräumt und gesäubert wurde, passt zu den Online-Kommentaren von einigen Reisenden, die das chaotische Management des Traditionshauses kritisieren. Doch die Klimaanlage funkionierte (bis auf einen 15-minütigen Stromausfall im ganzen Haus) und ermöglichte uns guten Schlaf.

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Römer und Römerinnen haben wir praktisch keine gesehen: Im August ist Rom auch heute noch so leer, wie es Madrid im August der 70er war. Zwei Drittel der Geschäfte sind geschlossen, und ich konnte gar nicht nachvollziehen, was am römischen Verkehr so schlimm sein soll. Zudem war mir schnell klar, dass römische Autofahrer einfach die selbe Einstellung zu Verkehrsregeln haben wie Münchner Radler – damit kam ich zurecht.

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Dafür sah ich eine Menge Touristen – und stellte fest, dass vor allem die Damen offensichtlich die Hinweise der Reisebücher ernst nehmen, hier werde auf Eleganz viel Wert gelegt: Ich habe wohl noch nirgends so gut gekleidete Touristinnen gesehen wie in Rom. Schöne Sommerkleider, richtige Handtaschen, hübsche Sandalen an den braungebrannten Füßen. Jetzt müssen nur noch die Herren Touristen nachziehen: Immer noch ausgeleierte T-Shirts, Hauptsache bequeme kurze Hosen, Trekkingsandalen oder Strandschlappen.

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Der Bestseller an den Sightseeing-Hotspots: Asiatische Sonnenschirmchen aus Papier für Damen ohne Sonnenhut.

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Verkostung italienischer Weine bei Vinoroma (wegen dieser Herrschaften hatte ich mir die Reise überhaupt erst gewünscht): In einer großzügigen Privatwohnung in einem Palazzo am Tiber bekam ich hochinteressante Weine eingeschenkt und lernte mehr über Wein als je zuvor in einem Seminar oder einer Probe. Und da ich jetzt unter anderem weiß, dass italienische Weine durch die genaue Herkunftsregion gekennzeichnet sind, nicht durch die Rebsorte, werde ich künftig nach Trebbiano d’Abruzzo, Vino Nobile di Montepulciano und sardischem Kharisma Rosso suchen.
Ich stelle mir diese Veranstaltung als idealen Einstieg in eine Italienreise vor: Sie vermittelt alles Grundwissen über italienischen Wein, das zu einer gezielten Auswahl verhilft.

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Und dann das wundervolle Essen! Unsere Gastgeber sorgten dafür, dass wir Burrata probierten und granita di caffè in der Tazza d’oro beim Pantheon: Schichten von Schlagsahne und eiskristallenem Espresso in einem Becher. Ein erstes Mal waren für mich auch die Spaghetti mit Seeigel und die Pistazien-Crème brûlée. Als ausgezeichnete Idee nehme ich aus einem anderen Restaurant mit, Mozzarella als hauchdünne Scheiben (eher als Creme-Klecks, wenn es sich um tatsächlich ganz frische Mozzarella handelt) mit Basilikum-Olivenöl und Halbgefrorenem aus pürierten Tomaten zu servieren.

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Ebenso zeigten uns diese Gastgeber die besonderen Gassen und Winkel – immer ein Auge auf A5-große Plastikvordrucke, die mit Kabelbindern an Stangen und Masten befestigt waren: Mit Edding beschriftet, werden damit in Rom Mietangebote veröffentlicht.

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Heiß war es, sehr heiß. Temperaturen kann ich keine nennen, ich habe auf kein Thermometer geschaut – die Hitze fühlte sich schlicht an wie eine Tracht Prügel. Ab 13 Uhr brannte jeder Windhauch wie ein Haarfön. Es blieb nur die Flucht in klimatisierte Räume. Wobei ich feststellte, dass die Römer trotz historischer Erfahrung mit Sommerhitze Klimaanlagen nicht kapieren: Wo im sommerlichen Madrid seit den 90ern alle Autos mit verschlossenen Fenstern fahren, um eine Kühlung des Wageninneren zu ermöglichen, haben römische Autos die Fenster heruntergekurbelt – bei laufender Klimaanlage. Restaurants verfügen zwar über brausende Klimakästen über Eingang und Fenstern – lassen aber ebenfalls alles offen. Vielleicht hat es der Römer einfach gerne heiß?

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Dafür hat er an reichlich Trinkwasserbrunnen gedacht, der Römer; sie stehen an vielen Ecken und Plätzen der Innenstadt, ermöglichen einen schnellen Schluck oder das Nachfüllen der unvermeidlichen Wasserflasche.

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Rom ist wunderwunderschön – in alle Richtungen. Ich freue mich arg auf den nächsten Besuch.

Nach dem Klick ein paar Touristenfotos:

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Rom_2

Rom_3

Weiß jemand, wie viele Menschen täglich davon abgehalten werden müssen, hier zu baden?

Rom_4

Rom_5

die Kaltmamsell

13 Kommentare zu „Rom in Schnippseln“

  1. Buchfink meint:

    Schade, dass all die schönen süßen Teilchen verkommen, wenn heute nachmittag geschlossen ist.

  2. Tanja meint:

    Ich finde ja, dass Geburtstage Zäsuren im schnellen, vollen Leben sein sollen. Die hier scheint mir sehr gelungen. Wunderschön.

  3. Eline meint:

    Schöne Reisenotizen. Nicht alle Römer sind im August auf Urlaub. Wenn man nach Mitternacht ins Forum Romanum geht, trifft man geradezu Massen von Römern jeder Altersklasse – von der Jungfamilie mit Kindern, die Zuckerwatte essen, bis zu fein gekleideten Senioren, die eine kühlen Nachtspaziergang zwischen den alten Säulen ihrer überhitzten Wohnung vorziehen. Manche Eissalons in der Nähe öffnen erst um 24 Uhr und man kann bis zum Morgengrauen im Cafe sitzen. Eine liebenswerte Stadt!

  4. Catweazle meint:

    Und wenn sich Kaltmamsell dereinst mal in Montepulciano aufhalten sollte, so muss sie sich unbedingt mit dem dort erhaeltlichen Vin Santo eindecken. Ein selten koestlicher Dessertwein!

  5. walküre meint:

    Wunderbar. Danke für die Inspiration !

  6. Sabine meint:

    Selbstverständlich können die Ruinen noch keine 2000 Jahre alt sein, Amerika gibt es ja auch noch nicht so lange :-)

    Sieht aus, als hätten Sie eine sehr schöne Zeit dort verbracht.

  7. Ilse aus München meint:

    @Eline – das kann ich bestätigen – meine Freunde in Rom haben früher den August herbeigesehnt, weil es da für (die Mehrzahl der) Touristen einfach zu heiß ist und sie die Stadt für sich haben.

  8. Daniela meint:

    Oh der Trevi-Brunnen. Ich fand ja das Trillern der Aufpasser schier unerträglich. Sieht auf ihrem Bild aber sehr ruhig aus.

  9. Hande meint:

    Schön diese Eindrücke so zusammen getan zu lesen.
    Das Lustwandeln nach Mitternacht im Forum Romanum halte ich für ein urban legend – die Eingänge werden 1 Stunde vor Sonnenuntergang geschlossen, bei Sonnenuntergang muss jeder das Areal verlassen haben. Was nicht heißt, dass Rom nach Mitternacht nicht voller Leben wäre, im Gegenteil. Piazza Navona, Campo dei Fiori, Trastevere, Tiber Ufer, Ponte Milvio, alles voller Leute. Nur sind es wirklich mehrheitlich Touristen; alle Nachbarn und Bekannte versichern uns zwar jedes Jahr wie gerne sie hier geblieben wären und wie schön und leer es doch sein muss, aber, leider leider ist es die Tradition, man fährt doch weg, ans Meer oder in die Berge. Beispiel in unserem Palazzo mit 30 Parteien – über 3 Wochen waren wir die einzigen Bewohner, erst gestern sind die ersten wieder zurück.
    Die late-night cornetti und gelati gibt es auch wirklich, nur waren wir um die Uhrzeit zu voll und zu müde, oder, Werte Frau Kaltmamsell?
    Ich freue mich auch auf den nächsten Besuch, und nicht nur wegen der Gans!

  10. Montez meint:

    Ich hoffe, Sie hatten Gelegenheit einkleines Mittagessen auf der Dachterrasse des Locarno zu verzehren!

  11. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank für die Aufklärung, Hande: Ich hatte bereits Elines römische Familien vor Augen, wie Sie mitten in der Nacht über die beachtlichen Zäune ums Forum Romanum klettern (Kleinkinder und Babys werden herübergereicht), alle mit Zuckerwatte in der Hand.

    Auf der Dachterasse des Locarno, Montez, wären wir mittags leider in der Hitze tot umgefallen.

  12. Montez meint:

    Oh ja natürlich, ich war im November da …
    Viele Grüße.

  13. Eline meint:

    Ich erzähle keine Legenden und ich halluziniere nicht. Ich war im August 2004 mit gebürtigen Römern dort und habe es so erlebt. Es gab auch genug Wege zwischen den Säulen und Ausgrabungen. Wenn das Forum jetzt nachts geschlossen ist, ist das sehr schade und ein Stück Freiheit ist verloren gegangen. Times are changing.


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