Was der Neurologe sagte

Dienstag, 26. Januar 2010 um 9:47

Falls Sie in München einen Neurologen brauchen: Ich hätte einen zu empfehlen (per Mail). Der Herr, der sich gestern meiner Neuronen annahm, hat mich nämlich ziemlich beeindruckt. Selten habe ich habe ich mich so gründlich und kompetent untersucht gefühlt.

Was in der ungeheuer spannenden, vor Nervenkitzel (!) kaum zu überbietenden Geschichte meiner Oberschenkelbeschwerden bisher geschah:
Internet statt Arztbesuch
I hob an Intreppment

Allein schon, dass Herr Neurologe (ebenso wie seine Kollegen in der Gemeinschaftspraxis in legerer Kleidung ohne Kittel – das beobachte ich immer häufiger) sich mit Namen vorstellte, fiel mir angenehm auf; es ist leider nicht üblich. Er fragte mich ruhig und aufmerksam sehr gründlich aus und tippte am Computer mit. Ließ mich auf Zehenspitzen und auf den Hacken laufen, holte von draußen ein zweistufiges Haushaltstreppchen, auf dessen oberste Stufe ich erst mit dem einen, dann mit dem anderen Bein hoch- und absteigen musste.

Und dann fasste er mich sehr gründlich an: Herr Neurologe testete mit Fingern, Holzstäbchen, Hämmerchen den genauen Bereich meiner Taubheit, drückte außerdem heftig auf einige Muskeln, die aber kein Bisschen schmerzten. Ich wurde in die Horizontale gebeten, und nun prüfte der Doktor mit vollem Körpereinsatz die Kraft diverser Bein-, Hüft- und Fußmuskeln, nämlich indem er sich dagegen stemmte (wer hätte gedacht, dass Neurologie körperliche Fitness voraussetzt?). Und siehe da: Nicht mal ich selbst hatte bemerkt, dass ich derzeit im betroffenen Bein deutlich weniger Kraft habe (Fuß nach oben drücken, Zehe anziehen, Beine aneinanderpressen, auseinanderpressen, nach oben drücken, nach unten). Natürlich grinste mein dummer Kleinjungenstolz über Herrn Doktors leichtes Erschrecken, als ich seiner Aufforderung, meine Beine mit aller Kraft auseinander zu drücken, tatsächlich folgte: „Oh, kräftig.“ Hatte die Muckibudentrainerin Anfang Januar ja auch gesagt. All dieses begleitete Herr Neurologe mit Erklärungen, was er da gerade testete. Dazwischen ging er an seinen Schreibtisch und diktierte seine Beobachtungen. Fragte mehrfach nach möglichen Zeckenstichen (nein, echt nicht).

Ein Maschinchen lernte ich auch kennen: Herr Neurologe horchte nach meinen Nerven. Dazu stach er er eine Nadel, die mit einem Kabel an einem Apparat befestigt war, in den Muskel und bat mich, das Bein durchzudrücken – wodurch aus dem ganz leisen Kchchchch, das der Kasten von sich gab, ein KCHCHCHCHCH wurde. Anscheinend ein gutes Zeichen.

Seine Schlussfolgerungen wiederum erläuterte mir Herr Doktor ausführlich anhand von Illustrationen in medizinischer Fachliteratur. An die Meralgia Parästhetica habe er auch zunächst gedacht, doch dazu passe die große Ausbreitung meiner Taubheit nicht: Er zeigte mir genau, dass nicht nur ein Nerv für meine Ausfälle verantwortlich sein kann. So sind es wohl doch schadhafte Bandscheiben zwischen den Lendenwirbeln, die meine Symptome verursachen. Was allerdings nicht unbedingt Anlass zur Sorge sein muss: Herr Neurologe verwies freundlich aber sachlich auf den Umstand, dass der menschliche Körper nunmal auf einen Einsatz von lediglich 40 Jahren ausgelegt sei. Dann häufen sich die Verschleißerscheinungen.

Er riet zu Muskelkräftigung und gab mir noch Empfehlungen zu gefährlichen Bewegungen im Alltag mit – die ich als langjährige Rückenpatientin mit Eigenverantwortungszwanghaftigkeit eh kenne. Nach der Ankündigung, er werde den Arztbrief an den überweisenden Kollegen gleich am Folgetag abschicken, wünschte er mir gute Besserung und verabschiedete sich.

Und jetzt kommt’s: Das Ganze hat nicht mal zehn Minuten gedauert, in denen er ruhig wirkte, konzentriert und freundlich.

Den nächstmöglichen Orthopädentermin, an dem ich den Neurologenbefund mit dem überweisenden Herrn Doktor bespreche, habe ich übrigens in vier Wochen bekommen.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Was der Neurologe sagte“

  1. walküre meint:

    Wenigstens ist nichts Neues hinzugekommen – soll heißen: Ursache sind die Bandscheiben und nicht etwas ganz anderes. Und der Doc macht wirklich einen sehr guten Eindruck !

    PS: Legere Kleidung ohne Kittel geht meiner Einschätzung nach halt dort, wo sich Blut und mögliche Probleme durch Bakterien in Grenzen halten; sobald ein Arzt es mit offenen Wunden zu tun bekommt, bleibt es bei der Berufskleidung (die aber auch einen psychologischen Effekt aufweist, denn manche Patienten fühlen sich durch legere Kleidung bei einem Arzt im Dienst verunsichert).

  2. pepa meint:

    Habbickdochgleichjesaachtditmittebandscheibeundso

    Gute Neurologen sind Gold wert. Egal ob leger oder im weißen Kittel.

    (Mich brüllte einmal eine Patientin an, sie wolle jetzt sofort einen richtigen Arzt. Einen im weißen Kittel! Ich stand in Op-Kleidung vor ihr.)

  3. die Kaltmamsell meint:

    (Und jetzt stelle ich mir vor, pepa, mit welchen Gesichtsausdruck du auf die Forderung der Patientin reagiert hast, HAHAHAHA!)

  4. pepa meint:

    (Hab erstmal fix den Mundschutz hochgezogen.
    Schnelle Reaktion is eimfach allet, so im AnästhesistInnenjeschäft, wa…)

  5. Marthe meint:

    Es würde mich soo interessieren was Sie nun kräftigen sollen, nachdem der Neurologe doch schon großen Respekt vor Ihrer Kraft hatte ?

  6. Markus Kolbeck meint:

    Ich erlebte diese Ärzte im Oktober, als ich Oktober plötzlich Lähmungen im linken Bein und Fuß hatte. Innerhalb weniger Stunden wurde ich durchgereicht: Örthopäde, neurologische Ambulanz, MRT, neurochirugische Station, OP-Saal. Bandscheibenvorfall, der einen Nerv quetschte. Auch hinterher, während der REHA, erlebte ich Sportmediziner, bei denen man eben den Eindruck von Kompentenz und Empathie hatte. Das sind Ärzte, deren Metier etwas Handfestes beinhaltet. Ähnlich beeindruckt war ich schon beim Urologen und beim HNO-Arzt. Bemitleidenswert dagegen sind Hautärtzt, Internisten und Psychiater, die oft genug den Eindruck vermitteln, mehr als Herumeiern ist nicht drin.

    Ich wünsche dir, daß die neurologischen Ausfälle reversibel sind. Meine Fußheberschwäche wird mir wohl ein bißchen erhalten bleiben, woran intensivste Muskeltraining, Stretching & Co nichts ändern konnten. Glücklicherweise ist meine Berufsfähigkeit wiederhergestellt. Aber solche Sachen zeigen einem doch, wie sich die Lebenssituation ratzfatz ändern kann.


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